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Drittens ist nicht zu uebersehen, dass der Neger schon seit einer Reihe
von Jahrtausenden, seit der ersten Entwickelung der Kulturvoelker, mit
diesen in Beruehrung und oft in sehr enger steht und gestanden hat: so
ist er an die Einfluesse der Kultur ganz anders gewoehnt als Amerikaner
und Ozeanier, als Hottentotten und Kamtschadalen, und hat daher ihre
unguenstigen Folgen weit weniger zu fuerchten.
Hiermit ist der Einwand, welchen man von den Negern aus erheben koennte,
als beseitigt zu betrachten; wir muessen indess noch einen Blick auf das
Aussterben der freigewordenen Neger in den vereinigten Staaten werfen,
wie wir es im Ausland (1867, 1404) geschildert sehen nach Henry Lathams
black and white. Nach ihm sind seit der Emancipation von 4,000,000
Negern 1,000,000 zu Grunde gegangen, durch Unwissenheit, Huelflosigkeit,
Laster und Mangel. Unfruchtbarkeit trat ein, Kindermord nahm ueberhand,
"die Sterblichkeit war so gross, dass es Leute gab, welche eine Loesung
der schwierigen Negerfrage in dem Verschwinden der farbigen Race in den
naechsten 50 Jahren voraussagten". "In den Gebieten, wo sie waehrend des
Krieges in groesster Sicherheit lebten, wo man annehmen kann, dass sie
massenhaft vorhanden sind, und wo die groessten Beitraege zusammengebracht
wurden, um sie vor Hungersnoth zu schuetzen, sind sie in Abnahme
begriffen. In dem kaeltern Klima der Nordstaaten starben die farbigen
Familien nach einer oder zwei Generationen aus." Die Schilderung ist,
wie wir sie hier vor uns haben, entschieden parteiisch gefaerbt. Wir
betrachten daher nur die Thatsache, dass die emancipirten Neger
moralisch und physisch sich verschlechtern, ja geradezu verkommen. Diese
Erscheinung ist allemal da beobachtet, wo Neger emancipirt wurden, und
sie machte auch der Republik Liberia anfangs viel zu schaffen; allein
sie tritt bei jeder Sklavenemancipation naturgemaess jedesmal ein, moegen
die Sklaven nun Neger oder nicht sein. Sie haben nicht gelernt,
selbstaendig zu leben, fuer sich zu sorgen, fuer sich zu arbeiten; jede
Arbeit ist ihnen, in Erinnerung an ihr frueheres Loos, eine Last zugleich
und eine Entwuerdigung. Durch den langen Zustand der Unfreiheit haben sie
die Faehigkeit, der Natur gegenueber sich zu behaupten, welche sie in
ihrer Heimath besassen, verlernt; sie sind auch geistig herabgedrueckt
und dass sie lasterhaft werden, ist die Folge des Beispiels, was ihnen
allzuoft ihre eigenen Herren gaben, sowie des Mangels an Selbstachtung,
zu dem sie als Sklaven verurtheilt waren. In Nordamerika ist ihnen
ferner jede Emancipation noch durch die entschiedene und ruecksichtslose
Feindseligkeit unendlich erschwert, mit der die "gute Gesellschaft", die
Weissen, sich vor jedem Farbigen strenge verschliesst, fuer den sie
nichts als die bitterste Verachtung hat. Klimatisches mag sich
gleichfalls geltend machen; jedenfalls ist hier nichts, was unserer
Betrachtung irgend ein neues Moment zufuegen oder eine naehere Erklaerung
noch erheischen koennte.
Sec. 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturvoelker von den Kulturvoelkern
behandelt sind.
Ehe wir unsere Betrachtungen schliessen, ist es noethig, auch einen Blick
auf die Kulturvoelker zu thun, welche mit den Naturvoelkern in Beruehrung
kamen; denn ein solcher wird ethnologisch nicht ohne Ausbeute sein.
Zunaechst ist zu constatiren, dass alle Kulturvoelker sich ganz auf
dieselbe Weise grausam, ruecksichtslos und unmenschlich gegen die
Naturvoelker betragen haben, die mit ihnen in Beruehrung kamen: die
Spanier, die Portugiesen, die Hollaender, die Englaender und die
Franzosen. Die Englaender und Hollaender zeichnen sich durch
unaussprechlichen Hochmuth und Hass gegen jede farbige Bevoelkerung aus,
durch welchen sie den Naturvoelkern fast nicht mindern Schaden gethan
haben, als durch offene Feindseligkeiten. Wir Deutsche haben Eroberungen
nicht gemacht, aber trotzdem sind einzelne unserer Landsleute mit den
Naturvoelkern in Beruehrung gekommen. Diejenigen, welche zur Zeit der
ersten Entdeckung Amerikas mit den Spaniern dorthin kamen--so die
Abgesandten der Welser, welchen dort Laenderstrecken von Karl V.
verpfaendet waren--wuetheten nicht geringer als die Spanier selbst. Das
westliche Venezuela wurde um 1527 von Georg v. Speier und Ambrosius
Dalfinger verwuestet (Waitz 3, 398). Allein das sind vereinzelte Faelle;
im Ganzen haben die Deutschen den Naturvoelkern Segen gebracht, denn
gerade die einflussreichsten Missionen sind zum Theil in ihren Haenden
gewesen, wobei vor allen Dingen an die Wirksamkeit der Herrnhuter in
Afrika und Nordamerika (z.B. Heckewelder) erinnert werden muss. Auch
unter den Jesuiten waren viele Deutsche, z. B. Dobrizhofer unter den
Abiponen, Strohbach auf den Marianen. Die Missionsthaetigkeit ist auch
jetzt noch nicht vermindert und traegt ihre segensreichen Fruechte fuer die
Eingeborenen und fuer die Wissenschaft, denn eine Menge der bedeutendsten
Missionsschriften sind, freilich meist in englischer Sprache, von
Deutschen verfasst--Namen wie Koelle, Doehne, Teichelmann, Schuermann,
Dieffenbach (freilich kein Missionaer) u.a. sind bekannt genug.
Die fast immer ganz unmenschliche und mordgierige Art, mit welcher der
Europaeer die Naturvoelker bekriegte und meist deren Rohheit bei weitem
uebertraf, zwingt uns zu einem anthropologischen Schluss von nicht
geringer Bedeutung; denn wir sehen daraus klar, "dass die Kluft, die den
civilisirten Menschen vom sogen. Wilden trennt, bei weitem nicht so
gross ist, als man sich oft einbildet" (Waitz, 3, 259). Man hat ja
gerade die wilde Blutgier der Naturvoelker so wie ihr beharrliches
Fernbleiben von aller Kultur so besonders hervorgehoben, ja mit darauf
hin den Schluss gezogen, dass sie von geringerer Organisation und
Befaehigung, dass sie von Haus aus eine niedrigere Race waeren (Carus 28,
22 ff.). Wie will man das aber aufrecht halten, wenn die civilisirten
Voelker von einer viel wilderen und grauenvolleren Blutgier besessen
sind, die um so schrecklicher wird, als sie unvermittelt neben so hoch
entwickelten intellektuellen Faehigkeiten steht? Wenn die groessten und
bedeutendsten Maenner dieser civilisirten Voelker dieselbe Blutgier
theilen, wie Columbus, welcher die auf Menschen dressirten Hunde
einfuehrte, der Koenigin Isabella rieth, die Kosten seiner Fahrten durch
Menschenraub zu decken, Diebstaehle mit grausamen Verstuemmelungen strafte
und Hinterlist und gemeinen Verrath gegen die Indianer fuer erlaubt
hielt? (Waitz 4, 331). Wenn die blutgierig-rohesten wohl noch wegen
ihrer grauenvollen Bestialitaet als besonders hervorragend gepriesen
werden, wie die "Pioniere des Westens", die "Helden von Old-Kentucky"
(Waitz 3, 260), die nebenbei auch der intellektuellen Vorzuege der Kultur
sich begebend genau ebenso aberglaeubisch als die Indianer wurden, deren
Lebensweise, Vergnuegungen und Skalpirungen bald sich nur noch durch
groessere Rohheit von den Indianern unterschied? Ja d'Ewes (China,
Australia and the Pacif. Islands in 1855-56. London 1857, p. 150)
erzaehlt, dass einzelne Weisse auf den Fidschi-und Tonga-Inseln, neben
den graesslichsten Verbrechen aller Art, sogar den Kannibalismus der
Eingeborenen mitgemacht haben! Beispiele von Spaniern und Portugiesen,
welche unter die Bildungsstufe der Eingeborenen Suedamerikas
herabgesunken sind, findet man reichlich bei Waitz 1, 370 und bei v.
Tschudi an verschiedenen Stellen. Ehrlichkeit, Treue, Vertrauen,
Anstand, Gastfreundschaft, Menschlichkeit, reine Religiositaet, die
besseren moralischen Eigenschaften findet man meist nicht auf Seiten der
Europaeer, sondern der so tief verachteten Naturvoelker, und Seume's
"Wir Wilden sind doch bessre Menschen"
hat seinen tiefen Grund. Man sage nicht, dass die von den Europaeern
veruebten Schlechtigkeiten nur von einzelnen ausgegangen und also auch
nur den einzelnen Individuen zur Last zu legen seien; sie sind so
ziemlich gleichmaessig von der gesammten Kolonistenbevoelkerung ausgefuehrt
und jedenfalls von ihr hoechlich gebilligt worden; ja es fehlt noch viel,
dass sie auch jetzt ueberall getadelt wuerden.
Es zeigt sich aus diesen Betrachtungen ferner, wie ungeheuer langsam die
Menschheit moralisch fortschreitet und wie wenig durch intellektuelle
Entwickelung ein Fortschritt nach jener Seite bedingt wird. Das eben von
Columbus Erwaehnte mag als Beleg dienen, er, der geistig so hoch ueber
seiner Zeit stand, hatte sittlich ganz dieselbe Stufe inne. Seine ganze
Zeit aber stand trotz des Christenthums, trotz der aeusseren Kultur noch
auf einem Standpunkt der geistigen Rohheit, die sich noch kaum von dem
Wesen des Naturmenschen unterscheidet, ja durch reicher entwickelte und
ganz zuegellose Leidenschaften noch tiefer als jenes erscheint. Wie
gewaltig nun die Entwickelung der Intelligenz in den letzten drei
Jahrhunderten zugenommen hat, weiss Jeder; blickt man aber auf die
Kulturvoelker des 19. Jahrhunderts--man denke an die Englaender in
Tasmanien, Neuholland, Nordamerika, die Portugiesen und Spanier in
Suedamerika--so wird man von einem moralischen Fortschritt noch gar wenig
bemerken, denn sie benehmen sich, allerdings nicht mehr in solcher
Allgemeinheit, gerade ebenso brutal und unmenschlich, als die Spanier im
16. Jahrhundert.
Auch kann man nicht behaupten, dass die heutige Propaganda und ihr
Verfahren in der Suedsee sich sehr zu ihrem Vortheil von den Missionaeren
des 16. und 17. Jahrhunderts unterschied; was sie etwa an
Gewaltthaetigkeit verloren hat, das hat sie an Unwahrheit gewonnen. Und
wenn man im 19. Jahrhundert mit demselben Leichtsinn wie im 16. nur um
zu taufen, tauft: so ist das in unseren Zeiten bei weitem schlimmer, als
in jenen frueheren. Bis jetzt also hat die Hoehe der intellektuellen
Entwickelung noch keineswegs durchgreifend und in dem Maasse, als man
denken sollte, auf die moralische Seite des menschlichen Charakters
gewirkt--aus Gruenden, deren tiefere psychologische Motivirung hier uns
zu weit fuehren wuerde.
Und doch laesst es sich nicht laeugnen, dass alles wirkliche Fortschreiten
der gesammten Menschheit, wodurch sie immer reiner und wirklich
menschlicher sich entwickelt, nicht sowohl auf intellektuellen als auf
moralischen Geistesthaten beruht. Die europaeische Gesellschaft ist zu
ihrer heutigen Hoehestufe emporgehoben erstens durch die Gleichstellung
der Frauen bei den Germanen, zweitens die rein moralische Macht des
Christenthums, drittens die Reinigung des Christenthums und die
Anerkennung der individuellen Geistesfreiheit durch die Reformation und
die Reinigung der sozialen Verhaeltnisse durch die Revolution des vorigen
Jahrhunderts. Letztere trug auch gleich den Naturvoelkern die besten
Fruechte: denn dass Polynesien wesentlich anders behandelt ist, als
Amerika, dazu trugen nicht wenig bei die Lehren von Maennern wie
Rousseau, der Gedanke, dass alle Menschen, mochten sie nun durch Staende
oder Hautfarbe und Sprache verschieden scheinen, in ihrem Wesen gleiche
Menschen seien; ja die Ansicht, welche man von diesen Voelkern lange Zeit
in Europa hegte, beruhte gleichfalls auf diesen Gedanken, da sie
hauptsaechlich durch die Werke der Forster hervorgerufen wurden, diese
aber eifrige Anhaenger Rousseau's waren.--Neben jenen Hauptfoerderungen
der Menschheit darf man einige andere zwar nicht in erster Linie
anfuehren, aber auch ebensowenig ganz uebersehen, und dahin gehoert die
Erweckung des reinen Schoenheitssinnes, der wahren Kunst durch die
Griechen. Waehrend nun im Leben der Voelker und der Einzelnen es sich nur
allzuhaeufig zeigt, dass die groesste Ausbildung der Intelligenz auf die
sittliche Vollendung eines Menschen gar keinen Einfluss hat, so foerdert
umgekehrt jeder sittliche Fortschritt der menschlichen Gesellschaft ihre
intellektuellen Leistungen und ist ohne eine solche Foerderung gar nicht
zu denken, da ja jeder wirklich bedeutende sittliche Fortschritt die
Menschheit in ihrem ganzen Wesen hebt und weiter entwickelt, und nur wo
dieser Doppelfortschritt geschieht, kann von einem wirklichen
Hoehersteigen die Rede sein. Man hebt nie ein Volk nur durch Industrie
und Lehranstalten, wenn man es dadurch auch reich und wohl unterrichtet
machen kann; man hebt es nur, wenn man seine idealen Anschauungen
laeutert und foerdert. Dass aber eine Foerderung nicht etwa dadurch
eintritt, dass man der Gegenwart das Ideal vergangener Jahrhunderte als
das einzig heilvolle aufzwingen will, das liegt auf der Hand.
Sec. 23. Zukunft der Naturvoelker. Mittel, sie zu heben.
Was wird nun die Zukunft der Naturvoelker sein? Geradezu vernichtet sind
nur wenige bis jetzt und noch koennen wir, und da wir Unfaehigkeit zur
Entwickelung, leibliche oder geistige, nirgends bei ihnen finden, noch
muessen wir hoffen. Freilich ist viel verdorben; und die Leichtigkeit der
Annaeherung, das Vertrauen, mit dem sie der Kultur entgegenkamen, ist bei
den meisten unwiederbringlich verloren.
Wie bisher die Missionaere die groessten Verdienste um diese Voelker haben,
so fallen auch, wenn wir nach der Zukunft fragen, unsere Augen zunaechst
auf die Missionaere. Wenn wir bedenken, dass die Polynesier man kann wohl
sagen ihre Rettung bisher ihnen verdanken, dass, die Hottentotten und so
mancher amerikanische Stamm nur und allein durch sie Gelegenheit hatten,
auch die guten Seiten der Kultur an sich zu erfahren; so koennen wir
nicht dringend genug wuenschen, dass ihr Werk sich segensreich immer
weiter ausbreiten moege. Dazu gehoert zunaechst Unterstuetzung durch die
weltlichen Maechte, freilich anders als sie von Frankreich den
katholischen Missionaeren zu Theil wurde: denn die Staaten muessten, im
Interesse der jedesmaligen Eingeborenen, jede segensreiche Wirksamkeit
gleichviel von welcher Confession gleichmaessig schuetzen. Und so hat
sich, um gar nicht vom Christenthum zu reden, auch vom anthropologischen
Standpunkt aus die katholische Kirche und Frankreich in ihrem Dienst in
der Suedsee schwer vergangen. Die Maechte, welche unter den Naturvoelkern
Kolonien haben, England besonders, haben den groessten Vortheil von einer
tuechtigen Wirksamkeit der Missionaere; denn einmal werden durch sie
unnuetze Kriege, die doch auch den Weissen oft schaedlich genug sind,
vermieden, und ferner die Eingeborenen selbst der Kolonie gewonnen. Man
sollte also von Staatswegen die Missionen mit allen Mitteln stuetzen
(nicht gewaltsam einfuehren, nur stuetzen), aber auch zugleich ein
wachsames Auge auf sie haben und sie noethigen Falles zur Rechenschaft
ziehen. Denn Menschlichkeiten koennen vorkommen und sind auch unter den
protestantischen Missionaeren der Suedsee vorgekommen, welche z.B. in
Neuseeland durch ihre Landankaeufe und Spekulationen sich und ihrer Sache
und den Eingeborenen gleichviel geschadet haben. Aber auch die
Missionaere muessen auf sich selbst das strengste Augenmerk haben. Sie
muessen immer mehr und mehr zu der richtigen und wichtigen Einsicht
gelangen, dass es nichts hilft, Voelker zu taufen oder sie auf abstrakte
und fuer jene Menschen ebenso unverstaendliche wie unbrauchbare
Lehrbegriffe hinzuweisen, wenn man nicht alle ihre Geisteskraefte weckt,
die Wahrheiten dieser Lehre sich anzueignen. Nach dieser Seite--wer
wollte es laeugnen? uebersteigt es doch auch hier ganz fehlerlos zu
handeln bei weitem menschliche Kraft--nach dieser Seite haben beide
Kirchen viel verfehlt; die katholische durch oft ganz beispiellos
leichtsinniges Taufen, wobei sie das Heidenthum ruhig bestehen liess
(Beispiele fuer diese harte Behauptung liefern die Annales de la
propagation de la foi, Michelis und Lutteroth genug; wir fuehren
einzelnes der Kuerze halber nicht an), die protestantische durch
allzustrengen Ernst und eigensinniges Steifen auf die abstrakten
Lehrsaetze. Doch wird jeder Unbefangene die bei weitem bessere
Wirksamkeit auf protestantischer Seite sehen muessen, wenn wir auch fern
sind, zu verkennen, was die katholische Kirche grosses geleistet hat.
Maenner wie Las Casas und so viele seiner Glaubensgenossen, welche fast
der einzige Schutz der unterdrueckten Amerikaner waren, so viele
Jesuiten, die mit dem groessten Glaubenseifer sich jeglicher Gefahr fuer
das Christenthum unterzogen, wie z.B. der gewaltige San Vitores auf den
blutgetraenkten Marianen: alle diese Maenner muessen in erster Reihe
genannt werden, wenn es sich um Darstellung der Verdienste der Mission
handelt.
Man mache die Naturvoelker erst zu Menschen, dann zu Christen; man bilde
sie langsam zu der und durch die Kultur vor, deren hoechste Bluethe das
Christenthum ja eben sein will. Nicht Wissen und Erkennen, und waere es
der hoechsten Weisheit, Thaetigkeit vielmehr und selbstaendiges Bauen des
eigenen Lebens gibt dem Menschen erst sittlichen Halt und sittliche
Kraft: diese wecke, gestalte, befoerdere man und man wird das
Christenthum foerdern. Ist es doch wahr, dass jene Verbrecher, welche aus
den Deportationsorten entsprangen und sich an verschiedenen Stellen
Ozeaniens niederliessen, durch die Bruchstuecke von Kultur, welche sie
den Eingeborenen mittheilten, dem Christenthum und den Missionaeren den
Weg gebahnt und sehr erleichtert haben, ohne dass sie es selbst wollten
und obwohl sie oft mit der Kultur zugleich manches Verbrechen lehrten.
Will man aber ohne genuegende Vorbereitung rasch Erfolge sehen, so wird
man nichts wirken; die Missionsberichte (beider Confessionen) beweisen
zur Genuege, wie thoericht ein solches Streben ist und wie es oft zu den
allergroebsten Selbsttaeuschungen fuehrt. Nur die liebevollste Arbeit und
aufopferndste Hingebung vieler Generationen kann hier wirklichen und
bleibenden Erfolg erringen. Man muthe doch nicht den Naturvoelkern zu,
die Hoehe der Bildung im Fluge zu ersteigen, welche die begabtesten
Kulturvoelker im Laufe von Jahrtausenden und mit so haeufigem Rueckfall, so
heissem Kampfe, so stetiger Arbeit sich errungen haben.
Aber auch die weltliche Macht muss Huelfe bringen; zunaechst negativ,
indem sie nicht duldet, dass andere, was die Missionaere bauen,
untergraben und einreissen; und ferner positiv, indem sie das von jenen
begonnene weiterfuehrt. Sie muss die Eingeborenen in ihren natuerlichen
Rechten schuetzen, das Eigenthumsrecht an den von ihnen bewohnten Boden
anerkennen und aufs Strengste darauf halten, dass ihnen von Seiten der
Kolonisten kein Unrecht geschieht. Freilich werden solche Maenner wie
Lord Grey, die mit der groessten Umsicht und Energie die reinste
Menschenliebe besitzen, nicht haeufig gefunden werden; aber man kann auch
in der Wahl einer obersten Kolonialverwaltung nicht zu viel thun.
Specielle Vorschlaege haben Grey fuer Australien, Dieffenbach fuer
Neuseeland, Andere fuer andere Voelker gemacht; und es liesse sich, bei
allen Schwierigkeiten, wenn die Maechte, welche Kolonien besitzen, also
vor allen Dingen England ernsthaft wollten, gewiss viel Elend verhueten,
viel Gutes stiften und viel Verdorbenes herstellen. Bis jetzt freilich
haben die englischen und ueberhaupt die europaeischen Matrosen meist nur
das eine Recht der Gewalt; die Frevel, die sie an jenen Voelkern begehen,
bleiben ungestraft, waehrend es mit den aergsten Strafen heimgesucht wird,
wenn die Eingeborenen irgend an Weissen freveln. Zum Theil ist diese
Ungerechtigkeit noethig, um die fernen Weissen zu schuetzen; theils aber
liegt sie auch in der selbst noch sehr mangelhaften moralischen
Entwickelung der Weissen, welche an solchen Gewalttaten im grossen
Ganzen kaum einen Frevel. sehen. Was soll man dazu sagen, wenn
Schandgeschichten wie die folgende unter Englands offiziellem Schutz
geschehen und in den Zeitungen, auch in deutschen, fast als Scherz
erzaehlt werden? Nach der Ermordung eines Kaufmanns[O] erschien das
englische Kriegsschiff Perseus, Capitaen Stevens, 1867 im Fruehjahr vor
der Palaus (Pelewsinseln, westliches Mikronesien), um Genugthuung zu
fordern: es zeigte sich, das der Kaufmann auf Befehl des Koenigs, auf
dessen Insel Koror er lebte und Grundeigentum besass, ermordet sei, weil
er an die Feinde desselben Feuerwaffen verkauft hatte. "Obwohl nun
Stevens einsah, heisst es, dass jener besser gethan haette, keine
Mordwaffen zu verkaufen", so glaubte er doch streng verfahren zu muessen
und verlangte Hinrichtung des Koenigs. Die Insulaner, von dem
Kriegsschiff bedraengt, beschlossen, sich nicht zu widersetzen--aber sie
baten, dass die Hinrichtung von Matrosen des Schiffes ausgefuehrt wuerde,
was Stevens nicht zuliess. "Insulaner sollten das Werk thun". So geschah
es denn. Und es geschah noch mehr. Die so behandelten Insulaner riefen
den Schiffscapitaen zu ihrem Koenig aus. "Er nahm auch sofort die Krone an
und bewies, dass er die koenigliche Praerogative in erspriesslicher Weise
zu nuetzen verstehe. Er befahl seinen Unterthanen, Huehner, Eier, Fruechte
und sonst noch mancherlei an Bord des Dampfers zu bringen und diesem
Befehl wurde willig Folge gegeben. Eine Verguetung fuer die gelieferten
Sachen blieb ausser Frage, doch war seine improvisirte Majestaet so
guetig, einige Geschenke, als da sind: Messer, Scheeren u. dergl.
verabfolgen zu lassen. Als dies geschehen war, dankte er ab und
ueberliess den Paleuinsulanern, sich nun einen anderen Koenig nach ihrem
Geschmack zu suchen" (Globus 12, 59, nach der Overland China Mail v. 30.
Mai 1867 und der "Presse" zu Manila). Heisst das nicht, jede
Selbstachtung eines Volkes mit Fuessen treten? nicht, der Gerechtigkeit
und Menschlichkeit ins Gesicht schlagen? Und das that ein Vertreter des
englischen Staates im Namen der Gerechtigkeit! Und eine solche
Geschichte erheitert als Anekdote ein europaeisches Publikum! Die
Insulaner mussten, trotz ihrer Bitten, ihren eigenen Koenig erschiessen,
weil er sich eines gegen ihn entschieden feindlich handelnden
Englaenders, allerdings auf frevelhaftem Wege, entledigt hatte! So lange
solche Geschichten noch moeglich sind, so lange ist allerdings fuer die
Naturvoelker noch nicht allzuviel zu hoffen. Und sie werden, wir
befuerchten es, noch lange moeglich sein; so lange wenigstens sicher als
die Kulturvoelker sich von ganz anderem Stoff duenken, als jene "Wilden",
denen man wohl die Gestalt, aber keineswegs die Rechte eines Menschen
zugesteht.
Gegen diese gaenzliche Ausschliessung von allem europaeischen Leben, wie
es die Eingeborenen in den Koloniallaendern fast immer zu dulden haben,
muesste der Staat, was in seinen Kraeften steht, thun, wenn er jene
wirklich heben wollte: denn das ist es, was sie jetzt am meisten von der
Kultur ab und im Elend zurueckhaelt. Aber das wird schwer, wo nicht
unmoeglich sein; und die Menschheit, so scheint es, wird erst noch
manchen Schritt vorwaerts thun muessen, ehe diese Gleichstellung (wenn sie
dann noch moeglich ist) auch nur annaehernd sich verwirklichen lassen
wird; so dass man in diesem Sinne wohl sagen kann, alles, was in Europa
zur Hebung der weissen Bevoelkerung und ihres sittlichen Lebens
geschieht, das kommt auch mittelbar den Naturvoelkern zu gut.
Sec. 24. Werth der Naturvoelker fuer die Menschheit und ihre Entwickelung.
Schluss.
Aber, so muessen wir noch fragen, kann man ueberhaupt einem Staat, den
civilisirten Voelkern zumuthen, so viel Mueh und Arbeit an die Naturvoelker
zu verwenden, die sie doch anderen Zwecken und vielleicht besseren oder
doch nuetzlicheren entziehen muessen? Kann man nicht mit Fug und Recht von
dem werthlosen Leben dieser rohen Nationen Talleyrands beruechtigtes je
n'en vois pas la necessite sagen? Wie man vom Standpunkte des
Christenthums hierauf antworten muss, welches lehrt, dass alle Menschen
Brueder und vor Gott gleich sind, liegt auf der Hand: und wo wird denn
ein strenges Christenthum mehr zur Schau getragen, als im oeffentlichen
Leben Englands und Amerikas? Aber auch vom Standpunkt der Philosophie
aus wird man die Erhaltung der minder entwickelten Voelker fuer eine
wesentliche Aufgabe der Kultur ansehen muessen. Der empirische Forscher
wird nach genauer historischer und naturwissenschaftlicher Betrachtung
der Welt sehen, dass die Gesammtheit der Natur als solche dem
Entwickelungsgesetze folgt, wie die einzelnen grossen Abtheilungen der
Natur, wie die Gattungen, Arten und Individuen. Das Gesetz dieser
Entwickelung besteht aber darin, dass Alles, Gesammtheit und
Einzelnwesen, eine groessere Vollkommenheit, Festigkeit und Sicherheit
der Existenz anstreben. In diesem Entwickelungsgange hat die Natur
selbst die Werthbestimmungen gesetzt, dass sie das Individuum der Art,
die Art der Gattung, die Gattung der Familie, kurz das Beschraenktere dem
Groesseren unterordnet, ja wenn es im Interesse des Groesseren noth thut,
aufopfert. Es wuerde spiritualistische Verkennung unseres Standpunktes
sein, welchen wir in der Stufenfolge des Ganzen einnehmen, wenn wir
Menschen fuer uns andere Gesetze beanspruchen wollten, als sie fuer die
gesammte Natur gelten; zeigt doch auch alle historische Entwickelung,
dass wir unter ganz denselben stehen, wie die uebrigen Organismen alle,
nur dass unsere Stellung verschieden ist. Wie nun also der Natur
Erhaltung und Foerderung des Ganzen Hauptzweck ist, so muss er es auch
uns Menschen sein, und zwar zunaechst Erhaltung und Foerderung der
menschlichen Gesellschaft, da unsere Thaetigkeit zunaechst unserer eigenen
Gattung naturmaessig gehoert. Das aber heisst schlecht dem Ganzen dienen,
wenn man lebensfaehige Keime desselben, bloss weil sie nicht im gleichen
Lenz und nach gleicher Art mit uns sich entwickelt haben, zertreten
wollte. Wer weiss, zu welchem Endzweck auch sie der Natur dienen koennen!
Und Niemand wird doch behaupten wollen, dass sie zu zertreten den
Voelkern von hoeherer Kultur Nutzen braechte. Wenn wir von diesem
philosophischen Standpunkt aus nach dem Zweck menschlicher Entwickelung
forschen, so werden wir die Civilisation als solchen bestimmen muessen
(Waitz 1, 478 f.). Denn einmal sichert sie erst durch engen
Zusammenschluss der Individuen, welche sich im Naturzustande
selbstsuechtig, also feindlich gegenueber stehen, die menschliche
Gesellschaft dauernd und fest, andererseits bringt sie erst, indem sie
auf diese Weise eine Menge ueberschuessiger Kraft frei macht, die
Menschheit zu hoeherer Entwickelung. Sie allein ist es, welche die
wichtigste Seite des menschlichen Lebens, die Thaetigkeit des Geistes
ueberhaupt erst ermoeglicht. Zu diesem Endzweck menschlicher Entwickelung
ist aber jedes Volk berufen und die einzige Aufgabe schon civilisirter
Nationen uncivilisirten gegenueber kann nur die sein, die Civilisation
auch zu jenen hinzutragen, nicht aber durch die reichlicheren und
wirksameren Mittel derselben jene zu vertilgen. Auch darf hierbei nicht
uebersehen werden, wie nichts der Civilisation selbst gefaehrlicher ist,
als Zuruecksinken in Rohheit, weil ein solches mit stets zunehmender
Geschwindigkeit, gleichsam nach den Fallgesetzen vor sich geht. Das
wueste Verfahren gegen die Naturvoelker ist aber ein solches Zuruecksinken
in Rohheit und wie beim laengeren Vernichtungskampf gegen sie jene
Rohheit schrecklich waechst, das haben wir schon gesehen. Ganze Staemme
civilisirter Nationen sind durch sie, zu der sich dann noch Faulheit und
Genusssucht gesellten, in die aeusserste Barbarei zurueckgesunken oder
doch wenigstens merklich in ihrer Entwickelung aufgehalten: so die
Hollaender am Cap, die Spanier und Portugiesen und zum Theil die
Englaender in Amerika. Das ewige Blutvergiessen und Morden musste sie
immer gleichgueltiger, immer roher machen und dadurch schwanden
selbstverstaendlich gar manche andere Interessen; Faulheit und so manches
andere, obwohl gar manche Kolonisten auch davon einen reichlichen
Vorrath mitbrachten, war die natuerliche Folge der fortgesetzten
Grausamkeit. Fuehrt uns dieser letztere Punkt schon aus dem theoretischen
und moralischen mehr ins praktische Gebiet, so gibt es auch noch andere
praktische Gruende, welche fuer Schonung und Hebung der Naturvoelker,
keinen aber, der dagegen spricht. Waitz (1, 484) setzt auseinander, dass
bei den grossen Unterschieden in der Naturumgebung der Menschen, bei den
mannigfaltigen Faehigkeiten und Eigenschaften, welche die verschiedenen
Voelker im und durch den Lauf der Zeiten entwickeln, die Civilisation der
gesammten Menschheit auch in hoechster Vollendung keine ganz gleiche zu
sein braucht, ja auch nur sein kann. "Ohne dass ein Volk dem anderen die
materielle oder die geistige Arbeit ganz abnehmen koennte, wuerde sich
doch das Verhaeltniss so gestalten, dass bei einigen die eine, bei
anderen die andere Art der Arbeit in ein entschiedenes Uebergewicht
traete, dass einige in der einen, andere in der anderen Richtung sich
produktiver zeigten und dem entsprechend auf die uebrigen wirkten und
ihnen mittheilten. Den Tropenlaendern wuerde alsdann mehr oder weniger
allgemein die ueberwiegende Produktion der materiellen, den gemaessigten
Klimaten die der geistigen Gueter zufallen. Eine hohe Stufe
intellektueller Bildung, tiefes Denken und eine durchgebildete, auf
feiner und vielseitiger Ueberlegung ruhende Sittlichkeit, scheint bei
der geistigen Erschlaffung kaum erreichbar zu sein, welche das Leben in
der heissen Zone fuer den Europaeer wie fuer den Eingeborenen mit sich
bringt" (1, 185). Gerade weil aber das Leben unter den Tropen
erschlaffend wirkt und auf den weissen Einwanderer noch mehr als auf den
Eingeborenen, so ist es fuer ersteren der groesste Vortheil, wenn ihm
Unterstuetzung von letzteren zu Theil wuerde. Von wie grossem Segen waere
es fuer alle Kolonien, statt wie jetzt in oft so blutiger Feindschaft mit
den Eingeborenen zu leben, in ihnen Helfer und freundliche und
intelligente Arbeiter zu finden und so empfiehlt sich schon von rein
praktischer Seite fuer den Europaeer die Schonung und Hebung der
Naturvoelker durchaus.
Auch haben diese letzteren manches und wenn es bloss die Kenntniss der
sie umgebenden Natur waere, was sie als nuetzliche Dankesgabe fuer eine
ihnen gewidmete treue Sorgfalt geben koennten. Hatten doch einige von
ihnen reiche und originelle Kulturen entwickelt, deren Zerstoerung ein
unersetzlicher Verlust fuer die Menschheit ist. Zunaechst ist es die Hoehe
und Reinheit der mexikanischen Moral, wovon Waitz (4, 125 ff.) Proben
gibt und die auch hinter den Lehren des Christenthums keineswegs weit
zurueckbleiben, was jene Behauptung rechtfertigt. Zugleich aber war in
Mexiko wie in Peru auch die intellektuelle Faehigkeit hoch entwickelt,
und was sie in industrieller Beziehung leisteten (Bauwerke, Goldarbeiten
u.s.w.) ist bekannt genug. Sicher ist uns vieles von dem, was sie
leisteten, durch die Art der Eroberung verloren; und was eine solche
Kultur geleistet haben wuerde, wenn sie durch freundliches und
allmaehliches Bekanntwerden mit der europaeischen erhoeht worden waere,
darueber haben wir kein Urtheil. Jedenfalls sind verschiedene Brennpunkte
der Kultur fuer die Menschheit nur ein Vortheil und zwar ein ganz
unschaetzbarer, wenn man bedenkt wie langsam im allgemeinen die
Entwickelung der Voelker ist. Auch ist kein geringer Werth auf die
originale Verschiedenheit solcher selbstaendiger Kulturen zu legen; durch
ihr Zusammentreffen, Wetteifern, selbstaendiges Schaffen wird mehr und
allseitiges ins Leben gerufen und der menschliche Geist mehr und
allseitiger entwickelt, als durch eine einzige in sich wesentlich
gleiche Kultur.
Moege denn von diesen Voelkern wenigstens gerettet werden, was noch zu
retten moeglich ist. Bis jetzt steht die Entwickelung der Menschheit auch
nach dieser Seite hin ganz unter naturalistischem Gesetz. Der "Kampf ums
Dasein", in welchem es der Staerkere ist, welcher siegt, zeigt sich im
vollsten Maasse; die erstarkten Racen breiten sich aus, gewaltsam und
zum Unterschied von der unvernuenftigen Natur mit Lust und ohne
Beduerfniss zerstoerend, und ihnen erliegen die schwaecheren. Allein der
Mensch ist der Vernunft und der Liebe faehig und gerade darin sollte der
staerkere des vernunftbegabten Geschlechtes seine Kraft zeigen, dass er
schwaecheres liebend zu sich emporhebt, statt es zu vernichten; dann
wuerde der Geist, die sittliche Wahl des Menschen herrschen und die
Gesamtheit haette einen grossen Schritt weiter gethan auf der Bahn, die
sie gehen muss, in der Befreiung des Geistes von den rohen Fesseln der
aeusseren Natur.
Fussnoten:
[A] Hale sagt ausdruecklich, dass sie ihm nicht zu hoch schiene; er hatte
die Angabe von Punchard, einem Englaender, der mehrere Jahre auf der
Insel gelebt hatte.
[B] Auch die Beispiele, welche Darwin a.a.O. zur Erhaertung seiner
Hypothese von dem schaedlichen Effluvium lang eingeschlossener Menschen
mittheilt, lassen sich aus Obigem, wie es scheint, erklaeren, ebenso das
Erkranken der Shropshirer Schafe. Jenes Effluvium ist weiter nichts, als
eben solche unbewusst mitgeschleppten Miasmen, an welche der, welcher
sie mitbringt, seine Natur nach und nach accommodirt hat.
[C] Diese Fruehreife der Weiber ist wohl nicht, wie Humboldt b 2, 190
will, Racencharakter. Einmal widerspricht dieser Behauptung, dass sich
mancherlei Beispiele von spaeter Entwicklung auch unter den
Amerikanerinnen findet; und sodann, dass fast bei allen Naturvoelkern die
Mannbarkeit so frueh eintritt. Wenn nun auch das Klima mannigfachen
Einfluss hierauf hat (Waitz 1, 45), so doch keineswegs einen ueberall
gleich bleibenden und sicher nachzuweisenden. Denn bei den Eskimos, bei
den Kamtschadalen und anderen Voelkern in so hohen Breitengraden finden
wir dieselbe Erscheinung und die Fidschis z.B. in der heissen Zone
zeigen sie nicht. Waitz 1, 125 fuehrt die animalische Nahrung und die
hohe Temperatur in den Huetten vieler dieser Voelker als Grund an. Allein
auch dies trifft nicht bei allen zu. Sollte nicht der Grund der fruehen
Mannbarkeit der sein, dass einmal bei der gaenzlichen Schrankenlosigkeit
der Naturvoelker die Wuensche frueher erregt und ferner die Maedchen zu
fruehe begehrt werden? Das konnte und musste im Laufe der Generationen
seine Wirkung zeigen. Die Gewoehnung vererbte sich immer mehr, setzte
sich durch Vererbung immer fester, und so entwickeln sich die
Geschlechtsfunktionen wirklich frueher, als es der menschlichen Natur
eigentlich normal ist. So wuerde sich diese Erscheinung bei allen
Naturvoelkern gleich gut erklaeren: und man lernt taeglich Gewoehnung und
Vererbung mehr in ihrer Bedeutung fuer die Geschichte der Menschheit
schaetzen. Dass Klima und sonstige Lebensweise mit gewirkt haben, soll
damit nicht abgelaeugnet werden; nur sind sie bei den Naturvoelkern von
untergeordnetem Einfluss, und die Einwirkung von Gewoehnung und Vererbung
ist gewiss die Hauptsache. Nirgends ist der Einfluss des Willens, der
Wuensche und Gedanken so gross, als gerade im geschlechtlichen
Verhaeltniss.
[D] Spuren von ihr finden sich auch in Suedamerika, so bei Azara 248, der
von den Mbayas erzaehlt, dass ihre Weiber nie Fleisch von Kuehen und Affen
essen; doch, da ihre Maedchen ueberhaupt kein Fleisch, nicht einmal grosse
Fische und zur Zeit der Periode nur Gemuese und Obst geniessen, so koennte
man diese Enthaltsamkeit auch einfacher erklaeren. Dagegen ist es gewiss
eine dem nordamerikanischen Totem urspruenglich verwandte jetzt nicht
mehr verstandene Sitte, wenn die Cariben z.B. nie Affen essen, dagegen
die Ameisenbaeren als Delikatesse aufsuchen, welche wiederum die Makusis
nur nothgedrungen essen wuerden (Schomburgk 2, 434). Thiere gelten auch
in Suedamerika als die Stammvaeter und Schutzgeister mancher Voelker. Und
nicht anders ist es in Afrika bei den Betschuanen, deren einzelne Staemme
unveraenderliche, ihre Abstammung von gewissen Thieren bezeichnende Namen
besitzen. "Diese Thiere werden von den Voelkern, die sich nach ihnen
nennen, heilig gehalten, weder gejagt noch gegessen und man pflegt durch
die Frage "was tanzt ihr" nach dem Namen desselben sich zu erkundigen."
So gibts Maenner des Loewen, Krokodils, Stachelschweins, Fischs, Affen,
doch auch des Eisens, Waitz 1, 352. 413. Die Frage "was tanzt ihr"? ist
merkwuerdig. Sie erinnert an manchen Thiere darstellenden Tanz
amerikanischer und australischer Voelker, und es liegt nahe anzunehmen,
dass die heiligen Taenze zuerst das Leben der Schutzgeister
versinnbildlichten, wie die Griechen die Geschichte ihrer Goetter
tanzten. Spaeter erblasste die Bedeutung solcher Taenze vielfach.
[E] Aehnliches findet sich auch bei indogermanischen Voelkern. Heilige
Thiere als Wappen und in Eigennamen waren sehr gebraeuchlich, vergl.
Grimm D.M. 633. Toedtete man sie auf der Jagd, oder beschnitt man einen
heiligen Baum, so waren auch dabei bestimmte versoehnende und abbittende
Gebetsformeln ueblich, eb. 618.
[F] Wenn hier Kadu nicht irrthuemlich einen rohen melanesischen Stamm
meint; oder, um etwas recht Entsetzliches zu erzaehlen, absichtlich oder
selbst getaeuscht aufbindet. Denn wahrscheinlich ist die Angabe fuer die
Palaus nicht.
[G] Zwillinge werden fast von allen Naturvoelkern getoedtet: auch von den
Negern (Waitz 2, 124).
[H] Obwohl auch Jarves 83 manche der Zahlen anzuzweifeln scheint.
[I] Dass uebrigens auch bei Indogermanen und Semiten die Kinder vielfach
getoedtet sind, ist ja bekannt genug. In Griechenland wurden die Kinder
umgebracht, welche der Vater, wenn sie die Hebamme ihm vor die Fuesse
legte, nicht aufhob; eine Sitte, die bei Plautus und Terenz, d.h. also
der spaeteren attischen Komoedie so vielfach erwaehnt wird. Namentlich
Toechter wurden umgebracht. Diese Toedtung geschah durch Aussetzung
zumeist (Schoemann griech. Alterthuemer 1, 562). Bei den alten Deutschen
herrschte durchaus derselbe Gebrauch. Aus semitischem Gebiet sei
zunaechst an Abrahams Opferung Isaaks erinnert, sodann an den
Molochdienst der Phoenicier, der so vielfach von den Juden nachgeahmt
wurde (Winer, bibl. Realwoerterbuch unter Moloch) so wie an die der
Astarte geschlachteten Kinder (Movers Phoen. 2, 2, 69). Allerdings ist
der semitische Gebrauch ein religioeser, also zum Kinderopfern gehoerig.
Doch liesse sich auch fuer blosses Aussetzen der Kinder manches
Semitische beibringen.
[J] Auch was Humboldt b5, 110-111 von den "Mysterien des Botuto", einer
Trompete von Thon mit mehreren kugelartigen Anschwellungen, die zu allen
feierlichen Ceremonien gebraucht wird, erzaehlt, gehoert hierher: "um in
die Mysterien des Botuto eingeweiht zu werden, muss man rein von Sitten
und unbeweibt sein. Die Eingeweihten unterziehen sich der Geiselung, dem
Fasten und anderen angreifenden Andachtsuebungen." Durch die Trompete
theilt der grosse Geist den Eingeweihten seinen Willen mit; sie stehen
also mit den Goettern in naeherem Verkehr als andere Menschen und das war
auch der Grundgedanke der Areois. Ganz aehnlich wird von Haiti berichtet.
"Die Caziken naemlich standen", erzaehlt Waitz 4, 329 nach Herrera,
Torquemada und Petr. Martyr, "ohne selbst Priester zu sein, doch an der
Spitze des Cultus: die Tempel und Opferplaetze, wo die Gottesverehrung
stattfand, waren entweder ihre Haeuser selbst oder Huetten, die als ihnen
gehoerig betrachtet wurden; dort waren die Bilder der Ahnen aufgestellt,
die von Holz, inwendig hohl und mit einem Rohre versehen nur von ihnen
um Orakel befragt werden konnten und nur aussprachen was sie ihnen
eingaben. Sie berauschten sich zu diesem Zwecke mit einer Art von
Schnupftabak und fuehrten die heilige Handlung allein aus, von der
natuerlich das Volk ausgeschlossen blieb." Auch Taenze gehoerten zu diesen
religioesen Mysterien, die sie allein kannten, auch dies wieder wie bei
den Areois.
[K] Jak. Grimm, Gesch. d. d. Sprache 1. Aufl. (1848) S. 143 ff. stellt
eine Menge Voelker zusammen, bei welchen derselbe Gebrauch vorkam:
Scythen (Issedonen, nach Mela 3. Auflage 1868), Kelten (3. Auflage),
Germanen verschiedener Staemme (Deutsche, Schweden) Romanen und Slaven.
Merkwuerdig ist, dass auch bei Heiligen-Schaedeln der Gebrauch vorkommt,
so zu Trier, zu Neuss, und nach Aventin (Ausg. v. 1566 fol. 33, a) zu
Ebersberg und Regensburg. Der Gebrauch ist also derselbe; man sieht, es
war wohl zunaechst eine Art von Kannibalismus, dann aber auch ein Zeichen
der Freundschaft, der Liebe, dankbarer Erinnerung. Zu beachten ist noch,
dass Aventin sagt, Niemand haette aus einem solchen Schaedel trinken
duerfen, wer nicht einen Feind erschlagen haette, da auch dieser Zug an
manches Aehnliche unter den Naturvoelkern erinnert. Doch koennen wir diese
hoechst merkwuerdigen Uebereinstimmungen hier nicht weiter verfolgen.
[L] Herod. 4, 26 (nach Grimm a.a.O.) sagt von den Issedonen [Griechisch:
epean andri apothane pater, hoi prosechontes pantes prosagousi
probata chai epeiten tauta thysantes chai chatatamontes ta chrea
chatatamnousi chai ton tou dechomenou tethneota gonea, anamixantes de
panta ta chrea daita protitheatai]. Auch die Wilzen und Skythen assen
ihre verstorbenen Eltern. Die Wenden toedteten noch im 16. Jahrhundert
ihre arbeitsuntuechtigen Vaeter unter besonderen Ceremonien (Kuehn,
maerkische Sagen und Maehrchen 335). Auch hier stehen wir vor einer
uralten und weit verbreiteten Sitte, die wir hier ebenfalls nur
beruehren, nicht abhandeln koennen. Vgl. was etwas weiter unten ueber Mare
und Neuguinea gesagt wird. Ueber dieselbe Sitte bei Roemern, Griechen,
Phoeniziern (Sardinien), spanischen, deutschen u.a. Voelkern siehe Merklin
in den Memoires de l'academie de Petersbourg 1852 S. 119 und Osenbrueggen
in der Vorrede zu Cicero pro S. Roscio p. 51 ff. Auch das litauische
Sprichwort (Schleicher lit. Maehrchen 179) "wie das Soehnchen heranwaechst,
hat es auch den Vater erwuergt", koennte auf eine aehnliche, jetzt laengst
abgekommene Sitte hinweisen.
[M] Bei Bechst. bekommen Knaben nach Genuss einer Zauberspeise die
Faehigkeit zu fliegen. In einem sehr aehnlichen indischen Maehrchen bei
Somadeva (Brockhaus 104) ist diese Speise Menschenfleisch. Ein
Zusammenhang beider Erzaehlungen waere nicht undenkbar.
[N] Die Menschenschaedel, welche am Eingange des Palastes, an den
Stadtthoren und allen wichtigen Plaetzen Dahomeys angebracht sind (Waitz
2, 130), kann man gewiss nicht anders deuten. Auch unter den Semiten war
der Gebrauch verbreitet: die phoenicischen Staedte wurden dadurch fest
gemacht, dass man an ihren Thoren und sonst Menschen eingrub (Movers
Phoenizien 2, 46). Bei den Indogermanen kommt er vielfach vor; er war bei
den Germanen sehr verbreitet, wie Ueberreste dieser Sitte noch heute
beweisen; so wird z.B. am Suedharz das kleinste Kind des Hauses barfuss
in den frischen Estrich hineingestellt, damit er halte u.s.w. Bei den
Slaven kommt er vor, wie sich in vielen ihrer Maehrchen und Sagen zeigt
(z.B. Talvj Volkslieder d. Serben 1, 117, die Erbauung Skodras); von den
Kelten wird er gleichfalls erwaehnt und Hahn albanesische Studien 1, 160
erzaehlt dasselbe von Albanien. Die Thiere, die man jetzt dort schlachtet
und ganz oder theilweise einmauert (wie auch in Deutschland viel
geschah), vertreten nur die frueheren geopferten Menschen. In Albanien
herrscht auch, um das zu Sec. 4 nachzutragen, ein ganz aehnliches
Heilverfahren, wie bei Hottentotten, Amerikanern und Australiern. Jedes
Uebel, das auch hier nur auf Bezauberung beruht, wird in Gestalt von
etwas Festem aus dem Koerper entfernt und dieses letztere dann
eingewickelt fortgeworfen. Wer auf das Eingewickelte tritt, auf den geht
die Krankheit ueber (ebend, 159).
[O] Der getoedtete Englaender hiess Cheyne und ist derselbe, welcher das
auch von uns vielfach benutzte Buch a description of islands in the
Western Pacific Ocean, north and south of the Equator geschrieben hat
(Petermann, Mittheil. 1868, 28). Obwohl nun dies und seine anderen
Schriften sehr werthvoll sind zur Kenntniss des sonst noch so wenig
gekannten westlichen Theiles des stillen Ozeans; so hat man doch bei der
Benutzung Vorsicht anzuwenden, da Cheyne, selbst Sandelholzhaendler (und
Trepangfischer) sich bei der moralischen Beurtheilung der geschilderten
Voelker sehr haeufig von seinen Handelsinteressen beeinflussen laesst. So
schildert er die Melanesier ohne Ausnahme (Fichteninsel, Lifu, Mare,
Uea, Tanna, Erromango u.s.w.) als wild und "hoechst verraetherisch" und
war selbst haeufig mit ihnen im Streit. Ebenso erzaehlt er von _allen_
Karoliniern, dass man ihnen nicht trauen duerfe. Er steht also selbst auf
dem Standpunkt der Sandelholzhaendler und beachtet nicht, was die
Eingeborenen von diesen an Ungerechtigkeit, Raub und roher Gewalt zu
leiden hatten. Nach der Lektuere seines Buches wundert man sich nicht,
dass er ein solches Ende genommen hat; das ganz einseitige Betonen
seiner Handelsinteressen liess vielmehr nichts anderes erwarten. Es
faellt daher von hier aus erst das wahre Licht auf die Vorgaenge in Koror,
sowohl auf sein Auftreten als auf den Racheakt des englischen
Kriegsschiffes.
END OF BOOK
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