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Ueber das Aussterben der Naturvoelker
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Georg Gerland German ASCII


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war es denn auch vornehmlich, welcher die Neuhollaender aufrieb, aber
keineswegs dieser allein. Bei ihnen ist zweitens die schlechte
Lebensweise, die dadurch veranlasste Unfruchtbarkeit der Weiber und
Sterblichkeit der Kinder von sehr bedeutendem Einfluss, so wie drittens
der Kindermord und viertens die mannigfachen Kriege und Feindseligkeiten
der Staemme untereinander mit in Anschlag zu bringen sind. Die
Ausschweifungen, die sich bei ihnen finden--den Trunk haben erst die
Weissen gebracht--sind zu wenig verbreitet, als dass sie ins Gewicht
fallen koennten.

Auch die roheren Voelker Nord- und Suedamerikas wuerden wir wohl noch in
derselben Anzahl jetzt vorfinden, wie vor 300 Jahren, wenn der Einfluss
der Europaeer, der als Hauptgrund auch fuer ihr Aussterben anzusehen ist,
nicht gewesen waere. Neben der Wirkung der europaeischen Waffen und
Getraenke waren von schlimmstem Einfluss die Seuchen, welche von den
Weissen (wie wir sahen oft mit der schaendlichsten Bosheit) eingeschleppt
wurden, dann aber auch, ausser den direkten Vernichtungskriegen, das
geistige und leibliche Verkommen der Eingeborenen in Folge der ploetzlich
eingefuehrten Kultur und vor allen die tiefe Niedergeschlagenheit, welche
sich der Indianer, als sie ihre Ohnmacht sahen und sahen, wie sie
rechtlos zertreten wurden, bemaechtigte und die bei ihrer schon
vorzugsweise melancholischen Natur doppelt gefaehrlich wirkte. Dazu
kommen nun noch als gleichfalls sehr wichtige Faktoren zweitens die
heftigen Kriege, die sie untereinander fuehrten, drittens die in Folge
der Lebensweise geringere Fruchtbarkeit der Weiber und viertens in
Suedamerika (in Nordamerika war beides zu wenig verbreitet) der
Kindermord, die Ausschweifungen, namentlich der Trunk.

Und hier muessen wir auf jene schon oben (S. 11) erwaehnte Beobachtung
Tschudis zurueckkommen, dass amerikanische Voelker, nach einem sehr
verheerenden Krieg, nach einer sehr schlimmen Epidemie sich nie wieder
zu ihrer frueheren Kraft erhoeben, sondern hoechstens in diesem reducirten
Zustand ein elendes Leben weiter fristeten. Diese betruebende Erscheinung
ist leider nur allzunatuerlich. Denn wie ein menschlicher Organismus, der
sich von einer furchtbaren Krankheit erholt, nur durch lange und
sorgsame Pflege seine fruehere Kraft wieder zu gewinnen im Stande ist:
eben so ist es der Fall bei ganzen Voelkern. Durch das von uns
geschilderte mannigfache Elend aber, in welchem diese Staemme sich auch
sonst noch befinden, werden alle ihre Kraefte schon auf die Erhaltung des
Lebens, wie es nun einmal ist, absorbirt und es bleibt kein Ueberschuss
uebrig fuer Wiederherstellung des Verlorenen oder Verletzten. Auch wird
durch solche furchtbare Schicksale die Lebenskraft selbst schwer
verletzt, indem bei so massenhaftem Elend nothwendig laehmende
Melancholie oder Apathie eintritt.

Die Fruchtbarkeit der Weiber, ja auch der Zeugungstrieb der Maenner wird
durch den steten Druck der Sorge und Noth, der fast noch schwerer auf
der Seele ruht als auf dem Leib, wesentlich beeintraechtigt; und ein
Schlag, den diese Voelker, wenn sie sich in besserer, hoffnungsvollerer
Lage befaenden, mehr oder minder leicht ueberwinden wuerden, muss jetzt
nothwendig hoechst gefaehrlich, ja toedtlich auf sie wirken. Schaffte man
das Elend, das leiblich und geistig auf ihnen lastet, weg--wozu indess
ebenso viel Umsicht und Energie als Ausdauer und Zeit gehoerte--so wuerden
auch solche reducirten Voelker sich heben und mit den Jahren, die man
nicht allzu kaerglich bemessen duerfte, das werden, woran die
suedamerikanischen Staaten denn doch keinen allzugrossen Ueberfluss
haben: brauchbare und zuverlaessige Buerger. Die Indianerstaemme, welche
man jetzt in den Waeldern verkommen laesst oder gar absichtlich mordet und
ausrottet, sind ein Capital, was bei vernuenftiger Behandlung fuer die
Zukunft reichlich Zinsen tragen wuerde und was man jetzt muthwillig und
absichtlich vergeudet.

Die Hottentotten sind gleichfalls hauptsaechlich der feindseligen
Ausrottung durch Hollaender und Englaender erlegen: allein ihre Macht war,
wie es scheint, schon durch fruehere Kriege mit den umwohnenden Voelkern
gebrochen. Ihre elende Lebensart, Seuchen u.s.w. foerdern ihr Aussterben
maechtig.

Die Kamtschadalen und Aleuten sind den Vernichtungskriegen oder der
muthwilligen Ausrottung durch die Russen, sowie den von ihnen
eingeschleppten Seuchen erlegen: zweitens aber wirkten gleichfalls sehr
die Ausschweifungen (in geschlechtlicher Hinsicht und durch den Trunk),
denen sie ergeben waren. Sie waren durch dieselben entnervt und deshalb
zum Widerstand nicht mehr stark genug.

Die Polynesier dagegen haben sich wesentlich selbst zu Grunde gerichtet,
zunaechst durch ihre unsinnigen geschlechtlichen Ausschweifungen (Tahiti,
Hawaii); sodann durch den bei ihnen so furchtbar verbreiteten
Kindermord, drittens durch die blutigen und verheerenden Kriege, die sie
untereinander fuehrten, viertens durch die sinnlose Bedrueckung, welche
die Herrschenden ueber die Beherrschten ausuebten und endlich fuenftens
durch den geringen Werth, in welchem bei ihnen das Menschenleben stand.
Sie waren schon im Aussterben begriffen, als die Kultur zu ihnen kam,
und diese hat nur--einzelne Voelker, wo ihre Traeger groessere Schuld auf
sich luden, abgerechnet--durch die physische und psychische Erregung,
die sie bringen musste und wodurch ein sechster Grund fuer ihr
Hinschwinden dazu kommt, das Uebel, welches diese Voelker wie ein
schleichendes Gift durchdrungen hatte, zum rascheren Ausbruch und
schnelleren Verlauf gebracht.

Fragen wir nun, welche von allen diesen Ursachen war die verderblichste,
so liegt gleich auf der Hand, dass dies das feindselige Auftreten der
Weissen war, wie es ja auch bei fast allen Naturvoelkern gleichmaessig
gewirkt hat und moechten wir die Angriffe auf das psychische Leben der
Naturvoelker fast fuer verderblicher halten, als das Losstuermen auf ihre
physische Existenz. Letzteres hat akuter gewirkt und laesst sich mit der
Verwundung eines Organismus vergleichen: jene brachten, wie eine totale
Vergiftung, ein zwar langsameres, aber viel tieferes, schwerer zu
heilendes und weit allgemeineres Unheil hervor. Aber auch die Europaeer,
trotz der Mittel, die sie anwandten, trotz der grossen Uebermacht ihrer
Kultur, haben eine totale Ausrottung nur auf eng abgegrenzten Bezirken
bewirkt, auf kleinen Inseln, auf Tasmanien, den Marianen, den Antillen:
auf groesseren Gebieten reicht ihre Wirksamkeit nicht so weit, trotzdem
sie hier noch manches andere unterstuetzt hat. Die leichte
Empfaenglichkeit der Naturvoelker muessen wir, sowohl was Kraft der
Wirkung, als auch was weite Ausdehnung derselben angeht, an zweiter
Stelle erwaehnen. Die Krankheiten, welche scheinbar spontan bei der
Beruehrung der Naturvoelker und der Weissen entstanden, so wie die,
welche von letzteren zu ersteren eingeschleppt wurden, haben im
Durchschnitt gewiss ein Drittel, wenn nicht mehr, der Eingeborenen
Amerikas, Afrikas und des stillen Ozeans dahingerafft.

Die dritte Stufe in dieser Reihenfolge der Verderblichkeit geben wir den
Ausschweifungen. Allerdings haben sie minder allgemein geschadet als
jenes Niedergeschmettert- oder Inficirtwerden von aussen her; aber fuer
die menschliche Natur sind sie noch gefaehrlicher, weil sie die innersten
Lebensnerven zerstoeren und wo sie wirksam sind, keine Rettung durch
Flucht oder durch Besiegung des Feindes moeglich ist. Wir sahen die
Polynesier, ein so glaenzend begabtes Volk, verkommen, trotzdem dass
ihrer sich die Kultur im Wesentlichen freundlich angenommen hat: sie
waren im Innersten angefressen durch die Ausschweifungen, denen sie sich
hingegeben hatten und sie waeren auch ohne Beruehrung mit den Weissen und
nach und nach immer rascher durch ihre eigenen Laster zu Grunde
gegangen. Die Betrachtung der Polynesier lehrt uns die Gefahr der
Ausschweifungen fuer ganze Voelker erst richtig ermessen.

Viertens muss der Kindermord genannt werden, welcher vor allen Dingen in
Polynesien und in Suedamerika heimisch war, so wie ueberhaupt der geringe
Werth, welchen man dem Menschenleben beimisst. Dass aber letzteres
allein ein Volk nicht wesentlich zurueckbringt, beweist das Beispiel des
Fidschiarchipels. Nirgends wird durch Menschenopfer, Krieg,
Kannibalismus u. dergl. mehr Blut vergossen und Leben verschwendet als
hier; und dennoch gehoeren diese Inseln zu den bevoelkertsten der Suedsee
und ein Aussterben wird auf ihnen nicht bemerkt.

Die Kriege haben zwar mancherlei Schwankungen unter den Naturvoelkern
herbeigefuehrt, auch wohl einzelne Staemme ganz aufgerieben, aber doch
nirgends so gewirkt, dass wir sie in erster Reihe aufzufuehren haetten.
Ebenso ist es mit der elenden Lebensweise der meisten dieser Voelker,
welche zwar ihr froehliches und kraeftiges Gedeihen hindern konnte,
nirgends aber, so weit unser Material der Beobachtung reicht, eine
voellige Vernichtung herbeigefuehrt haben. Bei alle den roheren Nationen
fanden wir auch vor der Beruehrung mit den Europaeern die Kopfzahl nie
sehr hoch und hierfuer war eben ihre wandernde und kaergliche Lebensart
der Grund. Beides nun, das schlechte Leben und die verhaeltnissmaessig
geringe Volksmenge unterstuetzen jedes andere ueber ein Volk
hereinbrechende Uebel immer in so fern, als sie das Volk um so
rueckhaltsloser und rascher unterliegen lassen. Und aehnlich ist es mit
allen den uebrigen von uns angefuehrten Gruenden, die alle erst dann
wirksam werden, wenn sie mit anderen verbunden auftreten.

Hierher gehoeren auch die unvermeidlichen Folgen der zu rasch herein
brechenden und nur halb angenommenen Kultur, welche wir in so mancher
Beziehung fuer die Naturvoelker schaedlich fanden. Allein wohl nimmermehr
waeren diesen Folgen, den Veraenderungen im leiblichen und geistigen
Leben, der gewaltigen geistigen Anstrengung, welche die Kultur
verlangte, diese Voelker erlegen, wenn nicht andere Ursachen hierfuer
wirksam waren, zu denen dann freilich sich auch jene Folgen der Kultur
als wirksamer sekundaerer Grund hinzugesellten. Haette sich die Annaeherung
der Kultur, wenn auch rasch, aber friedlich vollzogen; haette sie gesunde
Voelker getroffen, so wuerde bei diesen, aehnlich wie bei den alten
Germanen, eine Zeit des Stillstandes eingetreten, dann aber ein neues
kraeftiges Leben erblueht sein. Wo die Verhaeltnisse nur annaehernd normal
waren, finden wir diesen Gang der Ereignisse, wie wir im Folgenden naeher
betrachten werden.

Aus dem Vorstehenden folgt ein wichtiges Gesetz: nie ist es eine Ursache
allein, welche ein Volk vernichtet, sondern stets mehrere zusammen, von
denen allerdings eine im Vordergrund stehen kann. Auch die Ausrottung
der Marianer, Tasmanier und der antillischen Bevoelkerung bildet keine
Ausnahme, da man hier die Begrenztheit des Terrains als zweiten Grund,
in Tasmanien Charakter und Lebensart der Bewohner als dritten in
Anschlag bringen muss. Wo nur eine der genannten Ursachen wirkt, oder
auch mehrere der untergeordneten, da tritt, soweit jetzt menschliche
Geschichte und Beobachtung reicht, kein Aussterben ein; so halten sich
die Feuerlaender trotz ihres elenden Lebens: so bestehen die Fidschis
weiter trotz der auch zu ihnen maechtig eingedrungenen Kultur, trotz der
massenhaften Menschentoedtung; und so kann man dies weiter verfolgen.
Diese Erscheinung ist anthropologisch bedeutsam, weil sie wie keine
zweite die zaehe Lebensfaehigkeit der Menschheit und zugleich beweist,
dass diese Lebenskraft in allen Zweigen des Menschengeschlechtes
gleichmaessig vertheilt ist, ja bei den Naturvoelkern eher staerker, wie
bei den kultivirten Nationen auftritt, welche letzteren, weil sie feiner
organisirt sind als die unkultivirten Menschen, auch bei weitem weniger
zu ertragen im Stande sind.

Denn wenn wir fragen: sind die angefuehrten Ursachen stark genug, um das
Hinschwinden ganzer Voelker zu veranlassen? so muessen wir antworten: sie
sind es reichlich und im Uebermass, jede einzelne schon und nun gar
mehrere vereint. Ist es nicht ein wahres Wunder, dass der Naturmensch in
einem Lande wie Neuholland sich hielt, wo Europaeer trotz aller
Ausruestungen meist so rettungslos verloren sind? Und noch dazu sich
hielt in den ewigen Kriegen mit seines Gleichen, unter den unguenstigen
Einfluessen der eigenen mangelhaften Kultur? oder der Polynesier auf
seinen kleinen oft so unfruchtbaren Inseln inmitten des ungeheuersten
aller Ozeane, und auch er ewigem Krieg und Kindermord und den
entnervendsten Ausschweifungen unterworfen? Nicht ein Wunder, dass nach
den furchtbaren Vernichtungskriegen durch die Weissen nicht eines dieser
Voelker vollkommen vertilgt ist, ausser kleinen Staemmen? Gewiss, wenn
wir dies alles ueberdenken, werden wir nicht von der Lebensunfaehigkeit
der Naturvoelker, sondern vielmehr von ihrer ausserordentlichen
Lebenskraft und Unverwuestlichkeit uns ueberzeugen muessen. Und so ist hier
der Ort, auf die Frage zurueckzukommen, zu welcher wir durch Waitz
veranlasst waren: sind wir wirklich zu dem Gestaendniss genoethigt, dass
uns das Aussterben der Naturvoelker vollstaendig zu erklaeren noch nicht
gelingt? Wir sind es nicht. Wenn man der Geschichte jedes einzelnen
Volkes folgend fragt, wie kommt es, dass es dahin siecht und schwindet,
wir werden immer vollkommen erschoepfend die Gruende erkennen, welche
stets dem von uns zusammengestellten Kreis angehoeren werden. Diese
erklaeren das Aussterben der Bevoelkerung so vollstaendig, dass zu irgend
welchem Raethselhaften nicht der mindeste Platz bleibt, sobald man nur
die einzelnen Gruende in ihrer physischen und psychischen Wirksamkeit
sich mit genuegender Consequenz vor Augen fuehrt.

Doch ist wohl zu beachten, dass auch die Unverwuestlichkeit dieser
haerteren Voelker ihre Grenze hat. Wir sahen in Neuholland einen
Menschenstamm, der von frueher besserem Zustand herabgesunken scheint;
dasselbe ist der Fall mit Mikronesien und dem eigentlichen Polynesien,
sowie mit den Hottentotten. Am weitesten vorgeschritten war der Verfall
bei den Polynesiern: daher sie denn bei verhaeltnissmaessig leichtem
Anstoss von aussen her rasch und viel unaufhaltsamer zusammenbrechen,
als z.B. die Melanesier oder Hottentotten und andere Voelker. Dieser
Verfall musste, wenn seine Ursachen, die Ausschweifungen, Kriege und
Vergeudung der Menschenleben, wirksam blieb, immer rascher weiter gehen
und so waren sie jedenfalls verloren--wenn sie nicht von aussen her
gerettet wurden und das hat, so weit es noch moeglich war, die Kultur im
Grossen und Ganzen gethan. Und moegen wir auch noch so sehr beklagen, wie
die Europaeer sich den meisten Naturvoelkern gegenueber benommen haben: das
muessen wir anerkennen, dass alle diese unkultivirten Voelker, wenn sie in
ihrem Naturzustande noch Jahrhunderte weiterlebten, einem zwar sehr
langsamen, aber sicheren Untergang, dessen Keime sie in sich selbst
trugen, entgegengingen. Sie hatten sich keine Herrschaft ueber die sie
umgebende Natur errungen: sie lebten ausschweifend, nur ihren Geluesten
hingegeben, unregelmaessig, ohne Gedanken in die Zukunft, in gewaltigster
Traegheit; Kriege, Rache u.s.w. waren bei ihnen feste Sitten; der
Aberglaube, der so haeufig Menschenopfer verlangte, beherrschte sie ganz;
ihr psychisches Leben war wenig, die intellektuelle Thaetigkeit nur nach
praktischer Seite hin entwickelt. Diese Zuege ihres Wesens mussten aber
im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende immer starrer und
unueberwindlicher werden: und es ist keine Frage, dass sie ihnen einst,
frueher oder spaeter, denn wer mag das Ende dieser Zeit bestimmen,
erliegen mussten. Die Natur, in welcher sie lebten, bot kein erziehendes
Moment von durchgreifender Macht; und haette sie es durch irgend welche
Veraenderungen ihnen noch geboten, sie waren nicht mehr im Stande, es
sich zu nutze zu machen, da sie durch und in Jahrtausende langer
Gewoehnung erstarrt waren. Sollten diese Voelker also gerettet werden, so
war ein ploetzlicher Anstoss, es war das Eingreifen der Kultur
nothwendig; und obwohl dieselbe ihre Aufgabe so blutig geloest hat; so
ist diese Nothwendigkeit doch ein Gedanke, der ueber das viele Blut und
Elend, das sie oder vielmehr ihre Traeger schufen, einigermassen troestet.




Sec. 19. Vergleichung der Natur- und Kulturvoelker in Bezug auf ihre
Lebenskraft.


Da sich nun aus allen diesen angefuehrten Gruenden das Aussterben der
Naturvoelker vollkommen erklaert, ja da die Art ihrer Wirksamkeit uns erst
recht die Lebenskraft des Menschengeschlechtes beweist: so faellt damit
schon von selbst die Annahme, als ob die Naturvoelker "von der Natur zum
Untergange bestimmt" geringer organisirt seien als die Kulturvoelker.
Dies wird sich ganz klar und unwiderleglich zeigen, wenn wir die
Wirksamkeit derselben Gruende auf die europaeischen Nationen betrachten.
Wir werden dort ganz genau denselben, ja einen noch weit schlimmeren
Erfolg derselben sehen.

Alles, was Caesar den Galliern zufuegte, die Verwuestung des Landes, die
grossen Verluste an Menschenleben, das Zertreten des Nationalgefuehls,
alles das ist doch wahrlich nicht zu vergleichen mit dem, was Mexiko
z.B. oder die Nordamerikaner litten: und dennoch war durch Caesar in
nicht 10 Jahren das gallische Volk, das er freilich schon herabgesunken
vorfand, so sehr gebrochen, dass es seine Selbstaendigkeit bis auf die
Sprache verlor. Allerdings hatten die italischen Buergerkriege Italien
etwa 70 Jahre auf das grauenvollste verwuestet; aber nach ihnen finden
wir auch das Land im Innersten gebrochen und die Macht des roemischen
Staates auf Heeren von Fremdlingen beruhend; erst massenhaft versetzt
mit frischen germanischen Elementen und auch da erst nach langer Ruhe
hebt sich die italische Bevoelkerung, nun ein ganz neues Volk, wieder
empor. Und doch waren auch seine Leiden viel geringer als die der
Amerikaner. Und die Griechen! Warum haben sie aufgehoert ein historisch
bedeutendes Volk zu sein? weil sie entnervt waren von den
scheusslichsten Ausschweifungen und ihre letzte Kraft zertreten wurde
zuerst durch die Stuerme der Voelkerwanderung und dann durch das tuerkische
Joch. Aber welche Hoehe hatten die Griechen einst inne--und es ist nicht
zu viel gesagt, wenn man jetzt die Durchschnittsbildung der Griechen
gleichstellt mit der etwa der uebriggebliebenen Mexikaner.

Der 30jaehrige Krieg, welcher doch im Anfang nur lokal und nie ohne
Unterbrechungen wuethete und mit allen seinen Greueln und seiner Dauer
durchaus nicht das, was die Naturvoelker zu leiden hatten, erreicht,
welche grenzenlose Verwuestung hat er in der Bevoelkerung unseres
Vaterlandes angerichtet! Ernstlich war durch ihn die deutsche Nation in
ihrer Existenz gefaehrdet und es ist ja eine vielfach ausgesprochene
Wahrheit, dass einmal unser Nationalcharakter durch diesen furchtbaren
Krieg mannigfach veraendert und herabgedrueckt ist, andererseits wir noch
bis auf den heutigen Tag mit der Heilung der Wunden, welche er unserem
socialen und politischen Leben geschlagen hat, zu thun haben.

Sehen wir so an diesen wenigen historischen Beispielen dieselben
Ursachen bei den kultivirten Nationen noch staerker wirken, als bei den
Naturvoelkern: so wird eine kurze psychologische Betrachtung uns dasselbe
lehren. Obwohl wir eine Religion haben, welche den Glaeubigen Trost
gewaehrt auch im schlimmsten Unglueck, obwohl wir durch die Kultur so
manches Huelfsmittel auch fuer bedraengte Lagen haben: so wirken doch auf
uns eine Menge Dinge, welche auf die Naturvoelker noch gar keinen und
eine Menge anderer, welche auf sie weit geringern Einfluss haben. Wir
sind in unserm leiblichen Leben verzaertelt, an eine Menge Bequemlichkeit
gewoehnt, die wir nicht entbehren koennen; wir sind geistig viel
empfindlicher und ein Niederwerfen dessen, was uns heilig ist, drueckt
uns mit zu Boden. Liebe zu den Verwandten, Scham, kurz eine ganze Reihe
maechtiger geistiger Faktoren haben bei den Kulturvoelkern eine solche
Herrschaft uebers Leben, dass, wenn sie ernstlich verletzt werden, das
Leben mit bedroht ist, und man kann wohl sagen, je gebildeter ein Volk
ist, um so rascher muss es in fortwaehrendem Unheil sich verzehren. Wenn
wir z.B. nur bedenken, welche Wirkungen das Gefuehl eines ohnmaechtigen
Ingrimms, das laengere Zeit immer in uns erneut wuerde, auf uns haben
muesste, wie jeder Einzelne an sich abnehmen kann, so werden wir einmal
ermessen koennen, wie dasselbe Gefuehl auf die Naturvoelker eingewirkt
haben muss, bei welchen es durch so furchtbare Misshandlungen
fortwaehrend erneut wurde und es sehr begreiflich finden, wenn sie schon
durch dieses allein zu Grunde gegangen waeren; wir werden einsehen, was
die gebildeten Mexikaner und Peruaner gelitten haben und warum gerade
sie so rasch mit dem Sturze ihrer Bildung zu Grunde gingen; wir werden
aber andererseits zugestehen muessen, dass wir unter aehnlichen
Verhaeltnissen wohl viel weniger Widerstandskraft haben wuerden, als jene
Voelker, und gewiss jetzt erst recht aufhoeren von einer besonderen
Lebensunfaehigkeit der Naturvoelker zu sprechen, da wir dem Unheil,
welchem jene unterliegen, viel rascher unterliegen wuerden. Ja, wir
wuerden nach Gruenden suchen muessen, wie es kommt, dass jene Voelker eine
groessere Widerstandsfaehigkeit haben wie wir; und finden dieselben in
ihrer groesseren leiblichen Abhaertung, sowie in ihrer geringen geistigen
Empfindlichkeit, welche immer mit geringer Geistesentwickelung Hand in
Hand geht.--Wenn wir nun dennoch die Kulturvoelker wohl ohnmaechtig und
geschichtlich unbedeutend werden, aber nicht eigentlich verschwinden
sehen, so kommt dies daher, dass sie gerade in solchen Zeiten der Gefahr
mit neuen Menschenschaaren durchsetzt werden. Die Verwuester Italiens,
die Germanen, liessen sich massenhaft in den bluehenden Fluren des
besiegten Landes nieder; ebenso die Bulgaren in Griechenland u.s.w. Oder
die schon bestehende Kultur bietet neue Huelfsmittel, wohin man auch das
Einwandern zahlreicher Franzosen in unser Vaterland nach dem 30jaehrigen
Krieg rechnen mag. Beispiele von Kulturvoelkern, die voellig vernichtet
sind, wie ihre Kultur, bietet die Geschichte von Kleinasien.

Es faellt von hier aus noch einmal ein Blick auf die Eintheilung, nach
welcher Carus die Menschen betrachtet; man sieht auch hier, wie wenig
stichhaltig sie ist, denn seine Tagmenschen haben keine groessere
Widerstandsfaehigkeit, als seine Nacht- oder Daemmerungsmenschen; und
waehrend er behauptet (17), dass die westlichen Daemmerungsvoelker, die
Amerikaner, "wirklich dem Untergange zugewendet" seien, so sehen wir die
Tagvoelker noch rascher ihrem Untergange zueilen, schon wenn sie durch
weit mildere Schicksale heimgesucht werden.--Auch die Eintheilung der
Menschheit in aktive und passive Voelker, wie sie Klemm und Wuttke geben
(Waitz 1, 344) hat ihr sehr Bedenkliches; sie ist falsch, wenn man in
groesserer Aktivitaet zugleich nach jeder Richtung hin groessere
Kraftentwickelung sieht, denn die "aktiven" Voelker (die Kulturvoelker)
zerbrechen im Unglueck viel leichter, als die zaeheren und haerteren
Naturvoelker; sie ist ferner falsch, wenn man sie als in der
urspruenglichen Natur der Menschheit begruendet, wenn man also Aktivitaet
oder Passivitaet als verschiedenen Voelkern angeboren ansieht: denn von
Haus aus gleich organisirt hat sich die Menschheit durch verschiedene
Naturumgebung, verschiedene Schicksale u.s.w. im Lauf der Jahrtausende
so verschieden entwickelt, wie wir sie in geschichtlicher Zeit
vorfinden.




Sec. 20. Aussterbende und ausdauernde Naturvoelker.


Wenn die Annahme einer minderen Lebensfaehigkeit ganzer Voelker richtig
waere, so muesste doch bei allen diesen Voelkern sich jenes Hinschwinden
gleichmaessig zeigen. Wie kommt es aber, dass eins ausstirbt und das
andere dicht daneben nicht? ja, dass von ein und demselben Volke der
eine Zweig abstirbt, der andere ungefaehrdet weiter lebt? Und auch das
findet sich oft. Die Tonganer sterben nicht aus und sind Polynesier wie
die Tahitier, Maoris oder Kanakas; die meisten mikronesischen Inseln (so
namentlich der Gilbertarchipel) haben eine dichte Bevoelkerung, die
Kusaier sterben aus; und beide, Mikro- und Polynesier, sind nur ein
Zweig des grossen malaiischen Stammes, bei welchem ein solches
Hinschwinden, die kleine Insel Engano und einige elende in die Gebirge
gedraengte Staemme ausgenommen, sonst doch nirgends bemerkt wird. Die
Kamtschadalen sterben aus, die uebrigen Nordasiaten, ihre nahen
Verwandten, nicht. Doch vielleicht waren hier jene von uns besprochenen
Gruende des Aussterbens nicht in Thaetigkeit? Allein waehrend die uebrigen
Melanesier an vielen Punkten sich vermindern, bleiben die Fidschis,
trotz des europaeischen Einflusses, trotz ihrer Kriege und Menschenopfer,
kraeftig und bei voller Zahl. Noch aerger fast als alle anderen Voelker
sind die Neger bedrueckt von einheimischen und fremden Tyrannen; und
waehrend sie fuer einen der fruchtbarsten Staemme gelten, der gar nicht zu
vermindern ist, sterben die Neuhollaender, nach dem Kaertchen bei Carus
Nachtmenschen wie sie, aus--welchem Fall freilich der ethnologische
Unsinn, afrikanische und melanesische Neger zu einer Race zu vereinigen,
der sich indess nicht bei Carus allein findet, die Beweiskraft nimmt.
Aber die anderen Beispiele zeigen vollkommen schlagend, wie irrig die
Ansicht ist, dass die hinschwindenden Voelker in Folge der Inferioritaet
ihrer Race ausstuerben; daher wir dabei nicht zu verweilen brauchen. Wenn
unsere Ansicht aber stichhaltig ist, so muss sich nachweisen lassen,
dass da, wo die Gruende, aus denen wir das Aussterben der Naturvoelker
erklaeren, nicht eintreten oder beseitigt werden, dass da die Voelker
gedeihen, sich weiter entwickeln oder sich wieder erholen, ja selbst die
so gefaehrliche Kultur ueberwinden und sich zu ihr, wenn auch nur sehr
allmaehlich, emporheben koennen. Und der Nachweis ist leicht.

In Afrika beweisen es die Hottentotten der herrnhutischen Kolonie
Baavianskloof, welche Lichtenstein schildert. 1799 betrug die Zahl ihrer
Lehrlinge (Licht. 1, 247) 100; das Dorf, worin sie wohnten, glich mit
seinen 200 Haeusern, seinen Gaerten, seinen geraden Strassen ganz einem
deutschen Dorfe; die Hottentotten waren tuechtig im Feld- und Hausbau und
zu allem dem gebracht ganz ohne andere Strafe als Ausschliessung vom
Gottesdienst (251). Die Taufe erhielt man freilich nur als hoechste
Belohnung fuer Thaetigkeit, Rechtschaffenheit und Froemmigkeit und
allerdings fand Lichtenstein noch keine Hottentotten unvermischten
Blutes, sondern nur Mischlinge getauft; aber da sich die Herrnhuter
bemuehten, sie "erst zu Menschen und dann zu Christen" zu machen (eb.
253), so hob sich die Colonie immer mehr, so dass von der Zeit nach 1828
der Bericht lautet: "Die frei gewordenen Hottentotten fingen an mehr fuer
die Zukunft zu sorgen, der Landbau wurde eifrig betrieben und durch
kuenstliche Bewaesserung verbessert, Maessigkeit und Sittlichkeit, die Zahl
der regelmaessigen Ehen, der Besuch und die Sorge der Eltern fuer die
Erziehung der Kinder war im Steigen begriffen und es bedurfte dazu
keiner Unterstuetzung von aussen" (Waitz 2, 337). Dies ist allerdings nur
von einem kleinen Distrikt gesagt; aber wo hat man sich sonst auch mit
demselben Verstand und derselben Ausdauer der Hottentotten so redlich
angenommen? Wo man das thut, da gedeihen sie und werden brauchbare
Menschen (vergl. W. 2, 341).

In Amerika haben die Cherokees, die Algonkins, die Irokesen und andere
Voelker deutlich genug bewiesen, dass auch die Indianer der Erhebung und
Kultivirung faehig sind. Die Irokesen sind seit 1820 "bedeutend
fortgeschritten im Ackerbau, Hausbau und den mechanischen Kuensten
ueberhaupt; sie besuchten die Kirche regelmaessig, viele von ihnen waren
im Lesen, Schreiben und Rechnen so weit gekommen, dass sie Schullehrer
werden konnten, einige andere sogar respektable Geistliche" (Waitz 3,
291 mit d. Quellen). Sie hatten das Mohawk zur allgemeinen
Verkehrssprache im Gebrauch und nach Schoolcrafts Bericht fuer 1845 war
ihre Volkszahl im Wachsen (a.a.O.). Ebenso hatten die Ottawa, ein
heidnischer Algonkinstamm, sowie die Sauk und noch mehr die Delaware
grosse Fortschritte gemacht; sie leben ganz von dem Ackerbau, den sie
sehr eifrig und tuechtig betreiben, sowie vom Handel mit den Produkten
ihrer Felder (292-93): ihre Zahl ist im Wachsen (294).

Noch mehr war dies Alles der Fall bei den Cherokees, deren Volkszahl in
den Jahren 1819 bis 1825 von 10,000 auf 13,500 nebst 200 Weissen und
1300 Negersklaven anwuchs. Schon vor 1820 waren sie sehr tuechtige
Ackerbauer, welche im Laufe von 8 Jahren (M'Kennay bei Waitz 3, 294) die
Wildniss in einen Garten umschufen. Schon um 1773 hatten sie 43 Staedte
und ihre Bildung war schon damals nicht unbedeutend (Bartram 353-60);
seit 1796 waren Baumwollenmanufakturen bei ihnen errichtet,
Luxusgegenstaende traf man hin und wieder und Einzelne hatten ein nicht
unbedeutendes Privatvermoegen. Die Polygamie wurde abgeschafft; ihre
Kinder zeigten sich "sehr lenksam, anhaenglich und bildungsfaehig" (Waitz
3, 295). 1820 fuehrten sie geschriebene Gesetze und eine
Repraesentativverfassung ein. Der oberste Haeuptling, dem nebst einem
hohen Rath die Exekutive zusteht, soll alle zwei Jahre das Land
bereisen, um dessen Zustand kennen zu lernen. Die richterliche Gewalt
wird vom obersten Gerichtshofe, dem wandernden Gericht und von
Friedensrichtern ausgeuebt. Geschworenengerichte und drei Instanzen sind
eingefuehrt, die Richter nur durch den Willen beider Haeuser absetzbar. Es
herrscht allgemeine Religionsfreiheit, doch kann Niemand ein Amt
bekleiden, der nicht an Gott und an Vergeltung in einem kuenftigen Leben
glaubt" (Waitz 3, 295-96). Es wurde dann ein Alphabet von 85 Zeichen
1821 von einem Cherokee erfunden und bald war die Kunst des Lesens und
Schreibens unter ihnen allgemein; seit 1828 erschien eine periodische
Zeitschrift in ihrer Sprache. Auch diese aufbluehende Kultur hat man
nicht geschont; man hat auch die Cherokees, trotz ihres heftigen
Widerstrebens, ueber den Missisippi vertrieben. Allein obwohl ihre Kultur
dadurch im hohen Grade gefaehrdet wurde, so unterlag sie nicht; sie erhob
sich bald wieder und seit 1841 allgemeiner wie frueher (296). Ebenso
verhaelt es sich mit den Choktaw, den Creek und einigen anderen Voelkern,
ueber die Waitz (296-99) ausfuehrlichere Nachrichten gibt.

Ebenso in Suedamerika: die Volkszahl der Abiponer nahm nach Dobrizhofer
bedeutend zu, als das Verstossen der Weiber, der Kindermord und die
Polygamie abgeschafft wurde (Waitz 1, 164); in Guatemala (nach einem
Bericht von 1771) vermehrten sich die Eingeborenen trotz des schweren
Drucks der Spanier so sehr, dass diese sie zu fuerchten anfingen (eb.
163). In Mexiko bilden nach Humboldt die Eingeborenen noch immer fast
die Haelfte der Einwohner (b, 3, 9) and in dieser Zahl haben sich die
Indianer ueberall erhalten, wo die Spanier organisirte Reiche vorfanden
(eb. 3, 8); die einheimische Bevoelkerung ist im Steigen (derselbe a 1,
83 und 107) und zwar in Folge eigenes Wohlstands, nicht fremden
Zuwachses (eb. 105) und diese "fuer die Menschheit sehr troestliche"
Zunahme der indianischen Bevoelkerung beweist Humboldt durch speciellere
Angaben a, 5, 6; 4/7 der gesammten Volkszahl sind Indianer (Waitz 4,
195).

Auch in Polynesien finden wir sehr wichtige Erscheinungen der Art. Von
Hawaii sagt Jarves 371-72: die Kultur zerstoert im Anfang; nachher wirkt
sie segensreich; so war auch auf den Sandwichinseln die Entvoelkerung
unter Tamehameha I. und Liholiho groesser als in spaeterer Zeit. "In dem
Verhaeltniss, in welchem Christenthum und Civilisation waechst, vermindert
sich die Sterblichkeit. Allerdings sind ihre Wirkungen jetzt noch zu
neu, um ihre Endresultate vorherzusagen, aber man kann sicher hoffen,
dass, wenn die boesen Einfluesse aufhoeren und anderen Platz machen, gute
Ergebnisse folgen werden. Der Despotismus der Fuersten ist voellig
abgeschafft und Gesetze wirken fuer das Anwachsen der Bevoelkerung.
Familien mit 3 Kindern sind von den Abgaben befreit; die, welche mehr
haben, bekommen Land und andere Geschenke, um sie zu heben. Die Abgaben,
obwohl immer noch hoch, sind gleich vertheilt und fuer das Volk
erleichtert. Ein Nationalgeist ist erwacht, Schulen und Kirchen
gegruendet, regelmaessige Handelsverbindungen und Gewerbe haben sich
gebildet: kurz das gerade Gegentheil der moralischen Versunkenheit, in
welcher noch vor Kurzem das Volk sich befand, faengt an sich zu
entwickeln; medizinische Kenntnisse und aerztliche Huelfe verbreitet sich;
Kleidung, Wohnung bessern sich allmaehlich. Freilich ist dies nur die
Morgenroethe eines besseren Tages: aber schon zeigt sich deutlich genug,
dass Christenthum und Bildung durch die Einwirkung der amerikanischen
Mission und die Intelligenz der Fremden diese segensreichen Folgen
haben. Noch schlagender zeigt sich das daraus, dass Kinder und
Erwachsene, welche die Schulen besuchen und unter der unmittelbaren
Leitung der Missionaere stehen, sich einer ausgezeichneten Gesundheit
erfreuen und rasche Fortschritte machen. Dasselbe gilt von den
Eingeborenen, welche unter dem Einfluss europaeischer Familien stehen."
Nach Virgin (1, 300) freilich scheint die Entwickelung nicht allzurasch
weiter gegangen zu sein; doch auch er gibt an, dass vor 1820 die Abnahme
der Bevoelkerung staerker gewesen sei, als nachher, und dass die Missionen
an verschiedenen Punkten die Abnahme ins Stocken gebracht haben durch
moeglichstes Hinwegraeumen der boesen Ursachen, welche sie veranlassen.
Auch Waitz 1, 177 erwaehnt einige Inseln und Distrikte dieser Gruppe, wo
die Bevoelkerung nicht nur nicht abnimmt, sondern in nicht ganz
unbedeutendem Anwachsen begriffen ist.

Ganz ebenso ist es in Tahiti. Auch hier hat die Volkszahl gleich nach
dem ersten Zusammenstoss mit den Europaeern sehr abgenommen, von 16,000
(Wilson) bis auf 8000 (Ellis) oder 9000 (Wilkes), denn Turnballs 5000
ist eine uebertrieben niedrige Angabe. Nachher aber ist die Zahl gleich
geblieben oder eher gewachsen; Virgin wenigstens gibt sie fuer 1852 auf
10,000 an (2, 41). Auf Raiatea dagegen nimmt die Bevoelkerung stark zu
(Waitz 2, 167 nach Journ. R. geogr. soc. III, 179). Auch Ellis (um 1830)
sagt 1, 169, dass vor 1819 das Abnehmen der tahitischen Eingeborenen
noch stark gewesen sei: 1819-20 seien Todesfaelle und Geburten einander
gleich gewesen und von da ab habe die Volkszahl stark zugenommen. Mag
Ellis auch, der so eifrig fuer das Wohl der Insel thaetig war, seine
Hoffnungen auf jene Angabe vielleicht etwas mit haben einwirken lassen:
bloss auf Uebertreibung beruht eine so sichere Behauptung eines so
zuverlaessigen Beobachters nicht. Allerdings klagt der franzoesische
Commandant der Insel, de la Ronciere, in seinem Bericht vom Dezember
1866 (Globus 12, 60-61) ueber die Traegheit, Indolenz und
Flatterhaftigkeit der Bewohner; allein wenn man die Vorgaenge waehrend und
nach der franzoesischen Okkupation der Insel und die ganze Haltung der
Franzosen wenigstens in der ersten Zeit ihres Aufenthalts bedenkt, so
ist es nur allzu begreiflich, dass die Entwickelung der Insel durch sie
nicht eben gefoerdert ist. Doch sind wir, wenn man sich wirklich
ernsthaft und ausdauernd der Eingeborenen annimmt, auch fuer sie zu guten
Hoffnungen berechtigt.

Was wir von Neuseeland zu berichten haben (nach Hochstetter 482-497) ist
noch merkwuerdiger. Gegen den Einfluss der Fremden bildete sich eine
Nationalpartei unter den Eingeborenen, welche, da sie Gott ebenso nah
staenden als die Weissen, mit diesen gleiche soziale und politische
Rechte verlangten. 1857 erwaehlten die Maoris, von diesen Gesichtspunkten
ausgehend, einen Koenig, den als Krieger und Redner beruehmten Potatau,
der sich den zweiten Friedenskoenig nach Melchisedek nannte, sich
thatkraeftige Haeuptlinge, so vor allen den Maori William Thompson aus dem
Stamm der Ngatihua, als Minister auswaehlte, und seinen Herrschersitz zu
Ngaruawahia, an der Hauptwasserstrasse ins Innere, an den Thoren von
Aukland in vortrefflich ausgesuchter Lage nahm. Die Grundprinzipien des
Koenigthums sollten Glaube, Liebe und Gesetzlichkeit sein. Man beschwerte
sich bitter ueber die englische Regierung, welche sich gar nicht um die
Maoris kuemmere, die Haeuptlinge nicht standesgemaess behandele, zwar
Protokolle ueber ihr Aussterben fuehre, aber nichts dagegen thue; man habe
die eingefuehrten Waaren mit ungerechten Abgaben gedrueckt, indem z.B.
wollene Decken nach dem Gewicht wie Seide und Spitzen versteuert wuerden;
Munition und Waffen verkaufe man ihnen gar nicht, um so lieber aber
Spirituosen. Und zu dem Allen benaehmen sich die Europaeer so hochmuethig
und grob! Diese Nationalpartei, welche sehr beredte Agenten im Lande
umherschickte, fand ueberall rasch Anhaenger; auch die Weiber und Maedchen
theilten ihre Gesinnungen. Freiwillige Abgaben fuer den Koenig floessen
regelmaessig und reichlich und dieser schlichtete zu Ngaruawahia alle
Streitigkeiten der Eingeborenen, trieb auch von den unter ihnen lebenden
Europaeern Abgaben ein und legte einen Zoll auf die an seiner Stadt
vorbeipassirenden europaeischen Schiffe; sein Einfluss war bald so gross,
dass sich auch die Missionaere, wenn sie etwas gegen einen Maori
vorzubringen hatten, an ihn wandten. Aehnliche Ziele hatte die
Landligue, eine Vereinigung der Maorifuersten, um den Landverkauf zu
verhueten, welchen die einheimische Regierung aeusserst ungern sah. Es war
klar, dass die Kolonialverwaltung durch diese selbstaendige Entwickelung,
namentlich aber durch die Beschraenkung der Landkaeufe, welche, um gueltig
zu sein, erst die Bestaetigung des Maorikoenigs nach der Auffassung der
Eingeborenen bedurften, in arge Verlegenheit kommen musste. Daher
erkannte denn England diese Beschraenkung des Landverkaufs durch die
Maorigesetze nicht an und so musste es zum gewaltsamen Zusammenstoss
kommen. Dies geschah unter Potatau II., dem Sohne Potataus I.; den 17.
Maerz 1860 begann der Krieg, in welchem die Maoris sich nicht nur
ausserordentlich tapfer, sondern auch so umsichtig bewiesen, dass sie
den Englaendern empfindliche Niederlagen beibrachten. Der Nationalpartei
schlossen sich jetzt alle Maoris, auch die frueher laessigen, an; es ist
besser, hiess es, fuers Vaterland zu sterben, als unterjocht von Fremden
zu leben. Auch im englischen Parlament erhoben sich Stimmen fuer sie, so
vor allen die Martins, des Bischofs von Aukland. William Thompson war
alleiniger Anfuehrer dieses Krieges und seiner Stelle sehr gewachsen;
denn der Kampf, der von den Maoris hauptsaechlich als Guerillakrieg
gefuehrt wurde, konnte nur durch die englischen Kanonen und die englische
Uebermacht (1861 hatten die Englaender 12,000 Mann zusammen) mehr und
mehr zu Gunsten der Englaender gewendet werden. Indess kam es durch
Einfluss der Missionaere und durch den an Brownes Stelle gesandten Lord
Grey zur friedlichen Vermittlung. Wir sehen also auch hier Anfaenge,
bedeutend genug, um in kurzer Zeit die Gruende, auf welchen wir das
Aussterben der neuseelaendischen Eingeborenen beruhend fanden, zu
beseitigen. Es ist sehr traurig, dass diese nationale Erhebung von
englischer Seite gleich im Anfang geknickt oder wenigstens gehemmt ist:
doch ist die Hoffnung nicht aufzugeben, dass sie abermals auch diesen
Stoss ueberwinden wird. Die Hauptsache wird sein, dass sie selber Muth
und Zuversicht gewinnen, dann werden sie die Kultur sich nicht bloss
aeusserlich und auf eine Weise, die ihnen nur schadet, aneignen, sondern
sie werden sich, da sie stets sich sehr faehig gezeigt haben, an ihr
emporheben und ein neues Leben zu fuehren im Stande sein. Zu dieser
Hoffnung berechtigt auch die innige Religiositaet, welche die meisten der
neu und wahrhaft Bekehrten zeigen. Ob sie aber auch in diesem Falle
spaeter nicht einmal durch Vermischung mit den Weissen aufhoeren als
Nationalitaet zu existiren? Ein solches Aufgehen wuerde indess nur
erfreulich sein, denn es bewiese zugleich, dass auch die Englaender der
Kolonie von ihrem starren Racenhochmuth nachgelassen haetten.

In Tonga nun, wo von jeher die Sitten strenger waren und namentlich nie
diese Luederlichkeit herrschte, welche in Polynesien an anderen Punkten
so gefaehrlich wirkte; wo man mit dem Menschenleben, wenigstens jetzt und
schon seit laengerer Zeit, nicht so verschwenderisch umging, ist ein
Sinken der Volkszahl nicht eingetreten. Das Christenthum hat die
Monogamie durchgesetzt und so ist denn trotz der vielen Kriege, welche
die Einfuehrung des Christenthums und die Befestigung der
Koenigsherrschaft mit sich brachte, die Bevoelkerung, die sich im
Allgemeinen einer sehr guten Gesundheit erfreut, im Wachsen (Erskine
160-61).

Die Bevoelkerung von Samoa schaetzt Erskine (104) auf etwa 37,000 Seelen,
doch glaubt er, dass sie abnehme (a.a.O. u. 60). Auch Turner erwaehnt die
grosse Sterblichkeit der Kinder daselbst, welche durch thoerichte
Behandlung derselben vor und bei der ersten Nahrung veranlasst wird.
Seitdem aber jetzt die Missionaere guenstig wirken, die Polygamie
abgeschafft und ausschweifende Lebensweise durch strenge Ueberwachung
sehr erschwert ist, nimmt die Bevoelkerung wieder zu (Turner 176). Doch
waren die Samoaner ueberhaupt weit weniger ausschweifend gewesen als die
uebrigen Polynesier und hatten den Werth des Menschenlebens hoeher
geachtet. Also auch hier dieselbe Erscheinung: der erste Zusammenstoss
mit den Weissen bringt durch Seuchen u. dergl. (doch fand Wilkes in
Samoa keine Syphilis 2, 73, 126, 138) eine arge Erschuetterung in der
Wohlfahrt des Volkes, ein Zurueckgehen der Kopfzahl hervor; allein sobald
diese ersten Folgen ueberwunden sind, hebt sich die Ziffer wieder. Gerade
die Samoaner sind besonders innige Christen (Turner 106-109, 166 ff.)

Zu den bestbevoelkerten Gegenden Polynesiens gehoeren die kleinen Inseln
noerdlich und westlich von Samoa und Tonga, die Uniongruppe, Tikopia,
Rotuma u.s.w., wo die Sitten unverderbt und die Bevoelkerung in bester
Wohlfahrt ist. Trotz des zahlreichen Kindermords auf Tikopia ist dort
die Kinderzahl in einer Familie meist drei bis acht (Gaimard bei Dumont
D'Urville b, 5, 309; vergl. ders. in Zoologie 23; u. 5, 306). Nur von
dem gleichfalls hierher gehoerigen Sikayana wird eine Abnahme der
Eingeborenen berichtet, welche durch eine sehr heftige Blatternepidemie
auf 171 Seelen zusammengeschmolzen sind (Nov. 2, 438-441).

Alle diese Beispiele beweisen schlagend, dass ein Hinschwinden dieser
Voelker aus mangelnder Lebenskraft, "weil sie von Natur dem Untergange
bestimmt seien", nicht stattfindet; wo es also eintritt, kann es nur
durch die besprochenen Gruende veranlasst sein. Sobald die Kultur nicht
feindselig, sondern friedfertig naht und diese Voelker zu sich
emporzieht, statt sie zu vernichten, so ist von den Naturvoelkern keins,
das nicht fuer sie gewonnen werden koennte, ja einzelne haben sich trotz
der feindseligsten Haltung der Weissen dennoch zur Kultur, wenigstens zu
guten Anfaengen, emporgeschwungen: eine That, deren Groesse man aus dem
Vorstehenden ermessen kann und die eine so ausserordentlich gute
Begabung und sichere Kraft beweist, dass sie ebenso sehr unser Staunen
als unsere Bewunderung erwecken muss. Allerdings wird aus einem
neuhollaendischen Stamm nicht sofort ein europaeisch civilisirter Staat,
aber es ist handgreiflich verkehrt, zu behaupten, wie noch Meinicke
thut, die Neuhollaender seien ueberhaupt der Kultur unfaehig. Denn wo sich
wirklich die Kultur ihrer angenommen (es ist selten genug geschehen), da
haben sie sich auch als friedfertige und bildsame Menschen gezeigt. Dass
sie sich und so noch manche andere Naturvoelker jetzt so viel als moeglich
von der Kultur zurueckziehen, das ist nach dem, was ihnen von ihren
Traegern zugefuegt ist, nur allzubegreiflich. Halten doch manche
Nordindianer auch das Christenthum nur fuer eine neue Art, sie zu
betruegen (Waitz 3, 289) "und, sagten sie, was sollen wir Christen
werden, da diese aergere Luegner, Diebe und Trinker sind, als die
Indianer" (eb. 287). "Die Christen wollen nicht arbeiten, sie sind
Spieler, Boesewichter und Gotteslaesterer," sagte ein Indianer von
Nikaragua; auf die Antwort, so handelten nur die schlechten, erwiderte
er: "wo sind denn die guten? ich wenigstens kenne nur schlechte" (Waitz
4, 280-81). Ein zweiter Grund, weshalb viele Naturvoelker so schwer die
Kultur, auch wenn sie ihnen friedlich naht, annehmen, liegt in ihren
Gewoehnungen. Es muss hier nochmals auf die Kraft der Vererbung erinnert
werden. Durch Jahrtausende langes Leben an ein unstaetes Umherschweifen
u. dergl. gewoehnt, wird es ihnen sehr schwer, so ploetzlich die
althergebrachte, tief in ihr leibliches und geistiges Wesen
eingewachsene Lebensart zu aendern.




Sec. 21. Die afrikanischen Neger.


Wir muessen, um einem moeglichen Einwand zu begegnen, noch einmal auf
einen Umstand zurueckkommen, den wir schon vorhin wenigstens beruehrten.
Wie ist es zu erklaeren, dass die Neger nicht aussterben? Sie sind doch
geplagt, gedrueckt, gemisshandelt wie kein zweites Volk, der Heimath
entrissen, oft ganz zum Lastthier herabgewuerdigt--und sie gedeihen doch.
Der Hang der Neger zu Ausschweifungen ist bekannt; wie gefaehrlich ihre
Kriege, die sie untereinander fuehren, fuer die Besiegten sind, wird nur
zu deutlich durch die massenhaft fortgeschleppten Sklaven bewiesen:
Menschenleben vergeuden auch sie ganz ruecksichtslos, wofuer schon der
eine Name Dahomey als Beweis genuegt. Und doch waren das dieselben
Gruende, welche wir als das Aussterben der Naturvoelker veranlassend
annahmen. Wie kommt es, dass sie dort wirken und hier nicht? Muss man
nicht doch also zu jenen Gruenden noch einen hinzufuegen und welcher
koennte das sein, als mangelnde Lebenskraft oder sonst irgend etwas
Geheimnissvolles? Aber trotzdem sind die Neger, nach einstimmigem
Urtheil aller Forscher, die leiblich am wenigsten vollkommen
organisirten Menschen, und es waere doch seltsam, wenn hoeher stehende
Voelker mindere Lebenskraft haetten als sie.

Allein diese Annahme ist auch durchaus unnoethig. Die groessere Ausdauer
des Negers beruht auf seinem anders gearteten Naturell, was wir zunaechst
nach der psychischen Seite hin verfolgen wollen. Vom Charakter des
Negers ist jeder melancholische Zug ausgeschlossen. Jeder momentane
Eindruck ist bei ihrer derb sinnlichen Natur so maechtig, dass der
folgende den vorhergehenden sofort ausloescht, und so vergessen sie
dadurch auch im tiefsten Elend ihre schlimme Lage rasch und gaenzlich,
wenn irgend eine ploetzliche Anregung zur Lust ueber sie kommt. So zwingen
sie die Sklavenhaendler, um sie ueber ihr oft toedtliches Heimweh
hinwegzubringen, bisweilen mit der Peitsche zum Tanz, der sie dann in
seiner sie nun ganz beherrschenden Ausgelassenheit alles Unglueck
vergessen laesst (Waitz 2, 203). Diese rasch wechselnde Gemuethslage hilft
ihnen ueber vieles Schwere hinweg und ist klar, wie sehr sie im Gegensatz
steht ebenso zu dem zaehen Festhalten eines Gedankens, wie wir es beim
Amerikaner und Polynesier so vorherrschend finden, als zu der
Melancholie dieser Voelker. Auch die sinnlichen Genuesse wirken auf den
Neger viel befriedigender, als auf die anderen Voelker; seine grosse
geschlechtliche Sinnlichkeit ist wiederum fuer die Fruchtbarkeit seiner
Race von grosser Bedeutung und so massenhafte und uebertriebene
Ausschweifungen wie bei den Polynesiern finden sich bei ihnen nicht.
Auch sein Hang zum Phantastischen muss erwaehnt werden, denn auch er
dient sehr dazu, ihm seine Lage oft in ganz anderem Lichte erscheinen zu
lassen, als sie ist. Hiermit vereinigt sich eine gewisse Stumpfheit und
Traegheit des geistigen Lebens sehr wohl, die vor Vielem und gerade dem
Schmerzlichsten den Neger beschuetzt: er wird sich fast nie moralisch
vernichtet und dadurch in seiner innersten Persoenlichkeit verwundet
fuehlen. Auch ist seine grosse Gutmuethigkeit und seine innige
Religiositaet hierbei nicht ausser Acht zu lassen.

Zweitens aber scheint auch die physische Natur weit minder empfaenglich
und empfindlich zu sein, als die der meisten anderen Voelker. Sei es,
dass er durch allmaehliche Gewoehnung, durch das Klima seines Landes oder
durch urspruengliche Anlage haerter ist: er vertraegt es, in ganz andere
Himmelsstriche verpflanzt zu werden; er haelt sogar die Luft der
Malariagegenden und noch dazu bei taeglicher oft sehr grosser Anstrengung
ohne Schaden aus, welchem allen die meisten anderen Voelker regelmaessig
erliegen. Er ist also schon durch seinen Koerper gesicherter.
    
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