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Ueber das Aussterben der Naturvoelker
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Georg Gerland German ASCII


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Weiteres sich in jeder beliebigen Huette was ihnen gefaellt nehmen koennen
(ebendas. 427); so wie die blinde Angst, welche man noch jetzt in jenen
Gegenden vor ihnen hat, laesst erkennen, was sie einst gewesen sein
moegen. Und wie durch sie die Aturen (Humboldt c, 1, 284) in die
Katarakten des Orinoko, wo

ihres Stammes letzte Spuren
birgt des Uferschilfes Gruen,

hineingedraengt verkamen: so waren die blutigen Kriege, welche von ihnen
ausgingen, eine Hauptursache fuer die Verminderung der Staemme in Guyana.
Indess verzehren sie jetzt (Schomburgk 2, 430) Menschenfleisch nicht
mehr; und jetzt sind auch sie sehr zusammengeschmolzen (eb. 417), wozu
ihre eigenen Kriege nicht wenig beigetragen haben moegen. Da nun auch die
Tupi tapfere, ja wilde Krieger waren (Azara 218) und sie sowohl wie auch
die Guarani (welche Azara 213 ff. freilich als sehr scheu schildert)
Menschenfleisch verzehrten; da nun auch fast alle suedamerikanischen
Staemme, die Araukaner (Waitz 3, 529 ff.), Chiquitos (eb. 530), die
Pampas, Patagonier u.s.w. (Azara an vielen Stellen) sich durch wilde
Tapferkeit auszeichneten und demzufolge zwischen ihnen fast stetiger
Krieg herrschte; da sie fast alle Kannibalen waren, wie die Mbayas
(Waitz 3, 473), ganz besonders die Guaykurus (471), die Tobas (475), die
Abiponer (476), die Feuerlaender (508) und ebenso die Patagonier, welche
alle feindlichen Maenner niederhieben, Weiber und Kinder aber zu
Gefangenen machten: so werden wir begreiflich finden, dass die Zahl
dieser Voelker, die in so heftigem und unablaessigem Kampf mit einander
sind, auch dadurch abgenommen hat und noch jetzt abnimmt. Tschudi 2, 259
sagt geradezu, dass die Angriffe der Botokuden auf die von den
Portugiesen um Rio Janeiro unterworfenen halb civilisirten Indianer die
Ursache seien, dass jene Gegenden auch heute noch so spaerlich bevoelkert
seien. Auch mag daran erinnert werden, dass jene Voelker in dem
Urarigift, mit dem sie ihre Lanzen vergifteten, eine ganz besonders
gefaehrliche Waffe haben, da dies Gift auch bei der leisesten Verwundung
unfehlbar toedtet.

Tuechtige Krieger waren nun, nach der trefflichen Schilderung bei Waitz,
auch die Kulturvoelker des alten Amerikas. Doch da ihre Kriege keine
Vernichtung des Feindes bezweckten, sondern diesem, auch wenn er besiegt
wurde, seine Nationalitaet und Hab und Gut liessen, bis auf den Tribut,
den sie zahlen mussten (Waitz 4, 77. 406), so konnten diese wohl den
Namen von Voelkern aufhoeren machen, indem sie das besiegte dem eigenen
Volke einverleibten, und namentlich in Peru geschah das oefters (407),
aber ein Volk vernichten oder auch nur so weit verringern, dass seine
Lebenskraft dadurch gebrochen waere, konnten sie nicht und haben sie
nicht gethan, denn Columbus, Cortez und Pizarro fanden dichtbevoelkerte,
bluehende Staaten vor. Zwar herrschte auch Anthropophagie in Mexiko: die
geopferten Sklaven oder Kriegsgefangenen wurden verzehrt, und die
Ottomies sollen sogar Menschenfleisch auf dem Markte verkauft haben,
eine Sitte, die man so wenig anstoessig fand, dass man offen davon sprach
und den Spaniern erzaehlte, ihr Fleisch schmecke bitter (Waitz 4, 158);
doch liegt es auf der Hand, dass auch diese Sitte dem Bestehen dieser
Voelker oder seiner Nachbarn nicht die mindeste Gefahr brachte, da sie
sehr wenig ausgedehnt war. Sie scheint ein Recht zu sein aus alter und
aeltester Zeit, wo sie dann freilich weitere Verbreitung gehabt haben
wird. Auch in Neugranada war Kannibalismus, in manchen Gegenden des
Landes in sehr roher Form, verbreitet (Waitz 4, 374, 376). Was von den
Cariben erzaehlt wird, dass sie ihre eigenen mit gefangenen Weibern
erzeugten Kinder gefressen haetten, wird auch von ihnen berichtet (4,
374). Auch in Yukatan (310) fand sich Anthropophagie.

Anders aber finden wir es in der Suedsee. Zwar in Australien sind, ausser
im Norden, die Kaempfe an sich wenig blutig: Hale 115 beschreibt
dieselben, wie sie meist aus Privatschlaegereien entstehen, wie sich dann
beide Parteien, jede bis 200 stark, heftig und lange erst schelten, und
dann Mann fuer Mann vortritt und den Speer schleudert, bis einer
verwundet wird: dann hoert der Kampf auf. Doch fehlt es ihnen keineswegs
an Muth, Kraft und Standhaftigkeit, wie sie auch Schmerzen mit grosser
Geduld ertragen (Turnbull 34-35). Allein da die Kriege, bei der
Verfehdung fast aller Staemme unter einander, doch sehr zahlreich sind
(Wilson 143 v.d. Rafflesbai), da man manche Staemme von ihnen, namentlich
die Nordaustralier, deren Krieger und Zauberer durch den ganzen
Continent aufs Aeusserste gefuerchtet sind, als Gegner auch Europaeern
gegenueber keineswegs verachten darf (Grey 1, 152), da ferner auch diese
Kriege zum groessten Theil in Ueberfall und in Ermorden Wehrloser oder
Schlafender bestehen und, weil jede solche That wieder Rache verlangt,
geradezu unendlich sind (Meinicke a 2, 198)--so sind sie fuer die Zahl
und das Gedeihen der Einwohner so verhaengnissvoll, dass wir sie als eine
der wichtigeren Ursachen fuer das Aussterben der Australier hier
bezeichnen muessen. Auch die Eingeborenen von Vandiemensland lebten unter
einander in bestaendigem Streit, der von Stamm gegen Stamm ausgefochten
wurde (Nixon 26).

Auch Kannibalismus herrscht in Neuholland, doch keineswegs sehr
ausgedehnt. So brauchen nach Angas 1, 68 die Eingeborenen von Lake
Albert die Schaedel ihrer Feinde als Trinkgeschirre, ganz wie die Inkas
von Peru (Waitz 4, 413) und die Abiponer, und nach dem bekannten
Zeugniss des Paulus Diaconus, die Langobarden.[K] Ferner sollen
Kannibalen im Innern des Landes leben (Angas 2, 231); ganz sicher
verzehren im Norden Freunde ein Stueck vom verstorbenen Freund und an
Moretonbai assen (Angas 1, 73) Eltern aus Liebe von dem Fleische ihrer
todten Kinder, eine Sitte, welche nach Anderen auf geliebte Verwandte
ueberhaupt ausgedehnt ist (Howitt a, 289. Austral, Felix 134). Sie findet
sich auch zu Hawaii: dort ass das Volk aus Liebe Fleisch von der Leiche
seiner verstorbenen Fuersten (Remy XLVIII. 125.[L]) Auch Aberglaube
diente dazu den Kannibalismus zu verbreiten. Wie bei den Potowatomi und
den Miami in Nordamerika, wie in so manchem indisch-arabischen Maehrchen
der Genuss des Menschenfleisches hoehere uebermenschliche Kraft gibt--ein
Zug, der auch, wie wohl verdunkelt, in deutschen Sagen vorkommt
(Bechstein, Sagen des Rhoengeb. u. d. Grabfeldes 60 ff.)[M]--ebenso
muessen in Australien (nach Eyre) die Zauberer Menschenfleisch essen, um
ihre Wunderkraft zu behalten. Am Lake Alexandrine ist es nicht
ungewoehnlich, einem lebenden Menschen das Nierenfett auszuscheiden, das
als Zauber gegen boese Geister von ganz besonderer Kraft sein soll (Angas
1, 123). Auch Bennet (1, 295) fand Menschenfett als Zaubermittel oder
Medikament aufgehoben. Meinicke a 2, 184 hat also wohl die Neuhollaender
zu frei von Kannibalismus dargestellt.

Gehen wir nun zu den melanesischen Inseln, so finden wir auf Vanikoro
unter den einzelnen Staemmen fortwaehrenden Kampf (D'Urville 5, 165) und
wenn sie auch keine Kannibalen zu sein behaupten, so dienen die Schaedel
der Feinde doch als Trophaeen (eb. 217), welche oeffentlich aufbewahrt
werden. Auch auf Tanna herrscht bestaendiger Krieg der einzelnen Staemme
unter einander (Turner 82, Gill 227), da jede Privatbeleidigung einen
oeffentlichen Krieg nach sich zieht (85), und ausgebildetster
Kannibalismus: die erschlagenen Feinde werden mit Yams gekocht, Farbige
den Weissen vorgezogen, einzelne Portionen des Fleisches an Freunde
geschickt als Ehrengeschenke u.s.w. (82). Auch auf Fate und Aneitum,
obwohl beide minder kriegerisch sind, findet sich der Kannibalismus
(Turner 393. 371. Gill 66). Erromango und Mare (Nengone), auf welcher
letzteren Insel zwei feindliche Staaten neben einander bestanden, waren
fortwaehrend von leidenschaftlichem Krieg heimgesucht und die
Anthropophagie hatte hier einen solchen Grad erreicht, dass selbst die
naechsten Verwandten, wenn man mit ihnen in Streit gerieth, erschlagen
und gefressen wurden (Gill 10-11; 122. Turner 400. 411). Es ist eine
leere Behauptung oder auch Einbildung der katholischen Mission, dass sie
auf Neukaledonien den Kannibalismus haette aufhoeren machen (Montreval in
nouv. annal. de la foi 1854, 94); Turner (um anderer zu geschweigen)
fand ihn daselbst sehr ausgebildet und so unbefangen, dass er ueberall
eingestanden und besprochen wurde (426), wie er uns auch von den
bestaendigen Kriegen der Insel (428) berichtet. Die Bewohner von Isabel
schildert schon Mendana 1595 (Dalrymple 91) als Menschenfresser und
eifrige Krieger, wie sich auch die Bewohner von Guadalcanar zeigen.
Eifrige Krieger und Menschenfresser sind auch die Eingeborenen der
Lusiade (Salerio bei Petermann 1862, 342-344) und von der Nordwestkueste
von Neuguinea sagt einer der besten Kenner dieser Gegenden, Marsden (in
Transact. of the Reg. Asiat. Soc. 3,125), dass daselbst ein aeusserst
roher Kannibalismus herrsche: man frisst Feinde so gut wie Freunde,
natuerlich Gestorbene so gut wie Erschlagene, und ist dieser Nachricht
gegenueber nicht abzusehen, wie Finsch (49) seine Behauptung, noch sei
von keinem glaubwuerdigen Manne bestimmte Nachricht ueber das Vorkommen
des Kannibalismus auf Neuguinea gegeben, aufrecht halten will. Einzelne
der neuguineischen Staemme sind Koepfeschneller, d.h. sie schlagen todt,
wen sie finden, um Koepfe zu erbeuten, deren recht viele zu besitzen
eine grosse Ehre ist; und so entstehen bloss zu diesem Zwecke im
Distrikt Namototte (Speelmannsbai) die hartnaeckigsten und moerderischsten
Kriege (N. Guin. 109 ff. und daher wohl Finsch 82).

Aber schlimmer als ueberall ist die Geringschaetzung des Menschenlebens
auf den Fidschiinseln, deren Einwohner im Ruf einer besonderen
Tapferkeit auch auf Tonga stehen, und die von solchen Tonganern, welche
Kriegsabenteuer erleben und zu Hause selbst als Krieger beruehmt sein
wollten, vielfach besucht wurden (Mariner). Krieg ist nun auch, nach
Wilkes 3, 63, ihre so bestaendige Beschaeftigung, dass irgend welcher
Kampf auf der Gruppe immer herrscht; und da die Insulaner ebenso
blutduerstig als verraetherisch sind (Hale 50), so sind diese Kriege sehr
zerstoerend. Doch fuehren sie den Krieg, der indessen stets offen angesagt
wird, nur durch Verrath und heimlichen Ueberfall; weshalb sie Williams
und Calvert (1, 43) und ebenso Erskine (249) geradezu feig nennen. Wegen
des bestaendigen Verrathes herrscht ein grenzenloses Misstrauen auf der
Gruppe, Niemand geht, aus Furcht ueberfallen zu werden, ohne Waffen
(Will. u. Calv. a.a.O.), Niemand traut einem andern, selbst nicht den
naechsten Verwandten (Hale 51). Und das nicht ohne Grund: denn da zu
ihren nur einigermassen solennen Bewirthungen Menschenfleisch nothwendig
gehoert, so werden oft die harmlosesten Wanderer (je harmloser, desto
eher), Weiber bei der Feldarbeit u.s.w. ueberfallen und getoedtet, wozu
Erskine 182 empoerende Beispiele erzaehlt. Wenn auch die Schlachten,
sobald nur einige gefallen sind, aufhoeren (Jackson bei Erskine 425), so
sind die Kriege doch ausserordentlich blutig durch die sinnlose Wuth,
mit der Alles, was ihnen in die Haende kommt, gemordet wird. Bei
Ueberfaellen, die sehr haeufig sind, machen sie es nicht anders, so dass
oft ganze Distrikte (Erskine und Jackson a.a.O. Seemann Zeitschr. 9,
476) vernichtet werden. Wer einen Menschen erschlagen hat, bekommt einen
Ehrennamen und wird durch besondere Ceremonien geweiht (Will. u. Calvert
55), gerade wie in einigen Gegenden Neuguineas nur der Kakadufedern
tragen darf, der einen Feind getoedtet hat, und bei den alten Deutschen
nur ein solcher aus dem kostbarsten und heldenhaftesten Trinkgefaess, dem
Schaedel des erschlagenen Feindes, trinken durfte.

Der Kannibalismus ferner steht hier in solcher Bluethe, wie wohl nirgends
sonst auf der Welt. Erskine, der um 1840 die Gruppe besuchte, gibt
(257-60) Beispiele. Den Menschen nennen die Eingeborenen nur das "lange"
Schwein, zum Unterschied vom "wahren" Schwein (ebend.); bei jedem Fest
muss Menschenfleisch gegessen werden, zu welchem Behufe die das Fest
gebenden Staemme gar nicht selten ihre eigenen Kinder schlachten; alle
Feinde, alle Schiffbruechigen werden gefressen (Erskine. 262. 229). Oder
man erschlaegt, um das noethige Fleisch zu bekommen, den ersten besten aus
dem Volke, den man unbewaffnet trifft (so wurden einmal 16 Weiber
gefangen und gegessen, wie Erskine 182 erzaehlt). Dass man allen Freunden
von dieser geschaetztesten Speise schickt, ist so feste Sitte, dass gar
nicht selten, weil es bei irgend einer Gelegenheit unterlassen, Krieg
entsteht. Dem Gebratenen gibt man oft eine Keule in die Hand, malt ihm
das Gesicht roth und setzt ihm eine Perruecke auf (Erskine 262); ja in
einigen Gegenden der Gruppe fuehren die Weiber um diese Todten und ihnen
zum Hohne die allerschandbarsten Taenze auf (Jacks, bei Erskine 440).
Auch hat man verschiedene Arten, Menschenfleisch zu kochen, welche nach
den Landestheilen verschieden sind (261. 439). Als der Sohn eines
Haeuptlings starb; jammerte ihm sein Vater nach: er war so kuehn! er
toedtete, wenn sie ihn erzuernten, seine eigenen Weiber und ass sie (Ersk.
244). Auch Mariner (1, 329) nennt den Kannibalismus auf den
Fidschiinseln sehr verbreitet und sagt, dass er von dort erst zu den
Tonganern, die ihn nur in prahlerischer Nachahmung der Fidschis ausueben,
gekommen sei; an einem Fest haetten die Fidschimaenner 200 Feinde gegessen
(1, 345; 2, 71). Wer eines natuerlichen Todes stirbt, wird nicht gegessen
(Williams und Calvert 1, 266), doch hat man auch Graeber erbrochen, um
die Leichen zu verzehren! (eb. 212), ja man schneidet, um auch das
Scheusslichste nicht zu verschweigen, auch von Lebenden, aber nur von
gefangenen Feinden, Fleisch ab und verzehrt es vor ihren Augen (Will. u.
Calv. 1, 212). Der Grund des Kannibalismus, urspruenglich Hass und
Rachedurst oder Prahlerei, indem man sich dadurch furchtbar machen
wollte, oder die Absicht, sich die Eigenschaften des Gefressenen
anzueignen, ist jetzt fast ueberall auf der Gruppe nur Wohlgeschmack am
Menschenfleisch, das sie jetzt jedem anderen Fleische vorziehen. Roh
verzehren sie es nie: die Gabel, mit der es gegessen wird, ist fuer alle
anderen Speisen verboten (Tabu) (eb. 212). Mit Trommelschlag in ganz
bestimmtem Rythmus

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der sonst nie angewendet wird, laden sie zu den Kannibalenfesten ein
(Erskine 291), von denen Weiber fast immer, Sklaven und gewisse Priester
immer ausgeschlossen sind (Erskine 260; Williams und Calvert 1, 211).
Und trotz alledem hatte der Kannibalismus eine religioese Weihe bei
ihnen: die getoedteten Feinde werden zuerst den Goettern dargeboten
(Erskine 261), die selbst Kannibalen sind (247) und jedes Kannibalenfest
hat bestimmte, sonst nicht getanzte heilige Taenze (209. 440).

Wir haben uns bei diesem ekelhaften Detail so lange verweilt, einmal,
weil es anthropologisch von hohem Interesse ist--dann aber und
hauptsaechlich, um zu beweisen, dass der Kannibalismus, der so
ausgepraegt, so eingewurzelt bei den Fidschis ist, nicht erst, wie jetzt
die Haeuptlinge gern erzaehlen, in der letzten Zeit aufgekommen sei, Hand
in Hand mit dem blutiger werdenden Kriege (Erskine, 272). Er besteht
gewiss viele Jahrhunderte lang, gewiss viel laenger, als die Fidschis
ihre jetzige Wohnung inne haben: allein er hat sich immer weiter
ausgedehnt und mag seine rohesten Formen, z.B. das Menschenfressen aus
Leckerei erst im letzten Jahrhundert seines Bestehens, so lange aber
auch mindestens, angenommen haben. Trotzdem aber, und auf dies Faktum
werden wir zurueckkommen, trotzdem ist ein Aussterben der Bevoelkerung
nicht zu merken (Erskine 274). Die Zahl derselben betraegt nach den
Missionaeren (ebendas.) 200-300,000 und mag dies auch etwas zu hoch
gegriffen sein, sie ist jedenfalls betraechtlich genug, so dass auch Behm
200,000 als Totalsumme annimmt. Und ferner, was von besonderer
Wichtigkeit fuer die geschichtliche Betrachtung der Naturvoelker ist, sie
selbst haben das Bedenkliche des Kannibalismus eingesehen; daher jene
halb entschuldigende Rede der eingeborenen Fuersten; daher die
verhaeltnissmaessige Leichtigkeit des Kampfes, welchen die Missionaere
gegen die Anthropophagie fuehren, welchen man doch gerade, wegen des
Alters der Sitte, fuer unendlich schwierig halten sollte (Erskine 280).
Ja sie werden sogar von einer heidnischen Partei darin unterstuetzt,
welche sehr gegen den Kannibalismus, sowie gegen das unsinnige Morden
der Weiber und Sklaven ist, welches wir gleich betrachten werden, und
fuer Abschaffung aller dieser Sitten eifrig kaempft. Die Fuersten sind es,
welche aus feudalen Geluesten dies Alles aufrecht erhalten wissen wollen
(Seemann Zeitschr. 10, 289). Man sieht, das Christenthum ist hier gerade
im rechten Zeitpunkt gekommen: man sieht aber auch ferner, solche
Umaenderungen, wie wir sie vorhin fuer Tonga voraussetzten, haben sich
wirklich bei diesen Voelkern vollziehen koennen: wir sehen sie hier bei
einem viel roheren Volk vor unseren Augen geschehen.

Auch in Polynesien herrschten die blutigsten Kriege, wobei aber zu
bemerken, dass, obwohl man den Eingeborenen persoenliche Tapferkeit
durchaus nicht absprechen kann, welche sie, auch die sonst so
weichlichen Tahitier, selbst den Europaeern gegenueber, wohl gezeigt
haben, dass trotzdem auch hier der Krieg hauptsaechlich durch Ueberfall
gefuehrt wird. Aber auch die Polynesier morden den besiegten Stamm
kaltbluetig mit Weib und Kind und so sind ihre Kriege ausserordentlich
blutig und verheerend. Solche Kaempfe herrschten nun zu Neuseeland und
trugen wie zur Zersplitterung der Maoristaaten zum Hinschwinden der
Bevoelkerung nicht wenig bei (Dieffenbach 2, 132), die theils im Krieg
selbst getoedtet, theils zu Sklaven gemacht, theils durch die Noth nach
dem Kriege vernichtet wurde (2, 16). In Tonga wurden Kriegsgefangene
(Mariner 1, 115) stets ermordet, und ebenso alle Einwohner eroberter
Staedte (1, 101). Von den grausamen Kriegen unter Finau (der z.B. einmal
18 nur verdaechtige Vornehme ertraenken liess, Mariner 1, 271), welche bei
Ankunft der Europaeer schon in voller Bluethe und nur Wiederholung oder
Fortsetzung frueherer aehnlicher war, hat uns Mariner ein getreues, aber
schreckensvolles Bild geliefert, wie er auch erzaehlt, dass die
tonganischen Sitten immer mehr durch die Bekanntschaft mit den Fidschis
verwilderten. Auf Samoa herrschte ein noch grausamerer Kriegsgebrauch
als zu Tonga (Mariner 1, 163) und haeufig genug waren diese blutigen
Kriege daselbst, welche Turner 304 und vorher schildert. Und betrachten
wir den Markesasarchipel, so ist ganz Nukuhiva in einzelne vom hohen
Gipfel der Insel herablaufende Thaeler getheilt, deren jedes von einem
besonderen Stamm bewohnt wird. Alle diese Staemme sind in erbitterter
Feindschaft und in ewigem Krieg (Melville, Krusenstern, Mathias G***).
Viel aerger aber als ueberall haben die Kriege auf Tahiti gewuethet, von
denen die Insel so fortwaehrend heimgesucht war, dass Lutteroth (22) ganz
mit Recht den Frieden einen der Insel unbekannten Zustand nennt. Und wie
wurden diese ewigen Kriege gefuehrt! Alle Fliehenden, die man einholte,
alle Weiber und Kinder der Besiegten, welche dem Sieger in die Haende
fielen, wurden niedergemetzelt (Moerenhout 2, 38-39, Lutteroth 21, Ellis
1, 310 ff.). Nun waren in frueherer Zeit fast alle Schlachten
Seeschlachten und gerade deshalb besonders blutig, denn die Besiegten,
welche sich durch Schwimmen ans Land zu retten suchen mussten, wurden
begreiflicher Weise leicht von den Kaehnen der Sieger eingeholt. Weniger
verderblich waren die Landschlachten, weil in ihnen, nach
malaiisch-polynesischer Sitte, der Sieg, nach dem nur einige wenige
gefallen waren, fuer entschieden angesehen wurde (Moerenhout 2, 40, Ellis
l, 312). Waren dann bei der Verfolgung die Menschen vernichtet, so gings
nun an die Zerstoerung des Landes: die Tarofelder und sonstigen
Pflanzungen wurden verwuestet, den Kokosbaeumen das Herz ausgeschlagen,
wonach sie absterben, die Brotbaeume umgehauen, die Haeuser verbrannt
(Ellis 1, 293, Lutteroth 21-22)--kurz die Besiegten wurden womoeglich
ausgerottet, ihr Land auf Jahre zu einer unfruchtbaren Oede gemacht.
Solche Kriege wuetheten auf der ganzen Gesellschaftsgruppe; der Missionaer
Nott erlebte auf Tahiti in einem Zeitraum von 15 Jahren 10 solcher
Kriege (Lutteroth 17). Auch die Kriege auf der Hawaiigruppe waren
verwuestend genug. Hier wie zu Tahiti gab es blutige Seeschlachten (Ellis
4, 155) und in den Landkriegen, in denen nach Jarves (59) Hinterhalte,
heimliche Ueberfaelle u. dergl. selten vorkamen, vielmehr meist in
offenen Feldschlachten (die auch zu Tahiti keineswegs selten waren,
Ellis 1, 284) gekaempft wurde, war es namentlich wieder die Verfolgung,
nicht die Schlachten selbst (Jarves 60), welche der Bevoelkerung und
ganzen Distrikten Tod und Zerstoerung brachte. Die Gefaehrlichkeit dieser
Kriege geht aus der Geschichte Hawaiis unter Tamehameha und aus den
Bewegungen, welche dieser grosse Fuerst auf der Gruppe hervorbrachte, zur
Genuege hervor. Auch die Paumotuinsulaner sind wilde, weit und breit
gefuerchtete Krieger, die unter sich die heftigsten Kriege fuehren. Die
Bewohner von Anaa (Chainisland) verwuesteten alle umliegenden Inseln,
hieben die Fruchtbaeume nieder und was von den Bewohnern nicht getoedtet
wurde, ward als Sklave mit fortgeschleppt (Moerenhout 1, 199 vergl. 169).
Nicht weniger als 38 Inseln haben sie auf diese Art veroedet (Hale 35).

Auch in Mikronesien wurden und werden heftige Kriege gefuehrt, so auf den
Palaus (Keate), auf einzelnen Karolinen und zwar auf den hohen Inseln
Eap, Truck (Hogoleu), Ponapi, nicht aber auf Kusaie (Ualan Chamisso 135,
Kittlitz 1, 356): so und besonders leidenschaftlich auf der Eatakkette
(Kotzebue, Chamisso) und auf den Gilbertinseln (Gulick 410). Waehrend man
in diesem Gebiet nur an einigen Orten die Baeume schonte (Hale 84) hieb
man, sie nach der gemeinsamen Sitte der Ozeanier, auf Ratak und sonst
nieder (Kotzebue 287), und man kann sich denken, wie furchtbar solche
Barbareien auf den kleinen schon ohnehin nur ueberaus kaergliche Nahrung
bietenden Inseln wirken mussten: viele, die der Krieg verschont hatte,
namentlich Weiber und Kinder, erlagen dem Hunger, dem Elend, das ihm
folgte. Daher ist die Behauptung, dass die einheimischen Kriege der
ozeanischen Bevoelkerung ganz unberechenbaren Schaden zugefuegt und
wesentlich zu ihrer stetigen Verminderung beigetragen haben, nur
allzusehr gerechtfertigt.

Die Sitte des Schaedelerbeutens, welche wir auf Neuguinea sahen und die
das ganze Malaisien beherrscht, finden wir insofern ueberall in
Polynesien, als man gierig die Schaedel und in Tahiti auch die
Unterkiefer der Feinde erstrebt, um sie als Trophaee aufzuheben (Nukuhiva
Melville 2, 129, Tahiti Bougainville 181, Ellis 1, 309, Perl- oder
Palliserinseln ebend. 1, 358, Aitutaiki 1, 309, Rarotonga 1, 359,
Neuseeland Dieffenbach 2, 134, Samoa Turner 301. 304). Hiermit haengt die
weite Verbreitung der Menschenfresserei enge zusammen, wie sie nach Hale
38 in Neuseeland, wo nach Thomson 1, 148 das letzte Beispiel dieser
Sitte noch 1843 vorkam, Hervey, Mangareva (Gambier), Paumotu und dem
Marquesasarchipel ganz allgemein und ohne Scham betrieben wurde. Auch zu
Kriegen wird sie oft Anlass, indem man, um ihn zu fressen, einen oder
mehrere Menschen eines fremden Stammes erschlug, welche That natuerlich
Rache erheischte. Auf Samoa, Tonga, Tahiti und Hawaii kommt der
Kannibalismus jetzt nur noch einzeln vor, auf Samoa bei ganz besonders
erbittertem Hass (Turner 194), auf Tonga aus Prahlerei und in Nachahmung
der Fidschisitten, (Mariner 1, 116-17), so wie bei Hungersnoth, wo man
irgend Jemanden, meist einen Verwandten erschlaegt und isst (eb. 2, 19;
1, 117); in Tahiti gleichfalls, aus Prahlerei, um sich furchtbar zu
machen (Ellis 1, 310). Aber frueher war er auf diesen Inseln allgemeine
Sitte (Hale 37), wie eine Menge seltsamer und anders ganz unerklaerbarer
Gebraeuche beweisen: so auf Tahiti der oft beschriebene Gebrauch bei
Menschenopfern, dem Koenig das linke Auge (den Sitz der Seele) des Opfers
darzubieten, der dann den Mund oeffnete, als ob er es verschlaenge und
durch diese Ceremonie Verstand und Klugheit bekommen sollte.
Urspruenglich hat er es gewiss gegessen, und erst spaeter, als die Sitten
sich milderten, begnuegte man sich, wie in analogen Faellen bei allen
Voelkern der Welt, mit einer symbolischen Handlung. Im Samoaarchipel
beugt sich, wer dem Sieger als besiegt sich unterwirft, vor demselben
nieder, indem er ihm Feuerholz und die Blaetter darreicht, in welche man
in Polynesien die Speisen, die gekocht werden sollen, einschlaegt (Turner
194). Und so liesse sich vieles anfuehren. Es scheint aber, als ob, wie
die Tahitier, Hawaier u.s.w. die Menschenfresserei abgeschafft hatten,
ehe die Europaeer kamen, noch an manchen anderen Orten Polynesiens
dieselbe Sitte in Abnahme oder doch in Misskredit gekommen sei, ohne
dass der Einfluss der Europaeer dies bewirkt haette: so laeugneten auf
Nukuhiva die wilden Taipis den Kannibalismus ganz und gar, und suchten
ihn den Weissen zu verbergen, wie Melville mittheilt. Und die
neuseelaendischen Fuersten erzaehlten, er sei keineswegs von Alters her bei
ihnen Sitte, sondern erst spaeter eingefuehrt (Thomson 1, 142), eine
Behauptung, welche entschieden falsch und nur von ihnen erfunden kaum
eine Widerlegung verdient.




Sec. 10. Menschenopfer.


In Nordamerika sind Menschenopfer nicht sehr zahlreich gewesen. In
Florida wurden Weiber und Diener ehedem beim Tode des Herrn gleichfalls
getoedtet, um ihm im Jenseits zu dienen (Waitz 3, 199-200), wie man
ebendaselbst den Erstgeborenen der Sonne opferte. Kinderopfer werden
auch sonst oefters erwaehnt: in Virginien, in Neuengland, bei den Sioux
und sonst (Waitz 3, 207). Auch bei manchen Caribenstaemmen wurden mit den
gestorbenen Haeuptlingen einige seiner Weiber lebendig begraben (ebend.
3, 387) und vornehmen Leuten folgte ein Sklave nach (3, 334). Allein bei
allen diesen Voelkern sind die Menschenopfer von so wenig Ausdehnung
gewesen, dass wir bei ihnen, da sie fuer unsere Betrachtung gar keine
Bedeutung haben, nicht zu verweilen brauchen. Um so zahlloser aber waren
die Menschenopfer, welche die Religion der amerikanischen Kulturvoelker
forderte und deren Ursprung in uralte vorhistorische Zeit zurueckgeht
(Waitz 4, 157). Wo wir Menschenopfer finden, werden wir dieselben immer
mit groesster Wahrscheinlichkeit auf die alleraelteste Zeit zurueckfuehren,
denn sie wurzeln stets in sehr ernst gemeinter Religiositaet, nie in
Grausamkeit. Spaetere Einfuehrung derselben findet sieh nur in ganz
vereinzelten Faellen und wird sich aus Nachahmung der Sitten anderer
Voelker, besonders heftiger Kriegserbitterung oder irgend etwas aehnlichem
fast immer erklaeren lassen. Wohl aber sind die Menschenopfer im Laufe
der Zeiten bei manchen Voelkern abgekommen: so bei den Indogermanen, den
Semiten u.s.w. Die Zahl dieser Opfer war nun in Mexiko geradezu
ungeheuer, wie folgende Zeugnisse, die alle aus Waitz 4, 157 ff.
entlehnt sind, beweisen. Der Bischof Zumarraga (zur Zeit der Entdeckung)
schaetzt sie bei Torquemada auf 20,000 jaehrlich, wenigstens fuer die
letzte Zeit des Reichs; in der Hauptstadt und ihrer naechsten Umgebung
soll ihre Zahl jaehrlich mehr als 2500 gewesen sein. Oviedo behauptet,
dass Montezuma jedes Jahr ueber 5000 geopfert haette; bei einem Fest in
der Stadt Tlaskala fielen 800 Opfer jaehrlich; der zweite Monat des
Jahres war, weil er so viele Menschenopfer forderte, nach der
Schlaflosigkeit der Menschen benannt. Trat Duerre, Misswachs u. dergl.
ein, so wurden die Opfer vermehrt. Die Einweihung des Haupttempels zu
Tenochtitlan (den 19. Februar 1487 nach Gama) "soll nach Torquemada
(1610) 62,344, nach Fra Toribio Motolinia und Ixtlilxochitl (von
muetterlicher Seite aus vornehmen mexikanischen Fuerstengeschlecht, von
vaeterlicher Seite Spanier, der mit grossem Eifer die Geschichte des
Landes seiner muetterlichen Vorfahren durchforschte und seine
grossentheils zuverlaessigen Werke um 1600 schrieb Waitz 4, 7 u. 8) sogar
80,400 Menschen das Leben gekostet haben." Die Schaedel der Opfer wurden
zu einer grossen Pyramide im Tempelhof aufgeschichtet, die man im
mexikanischen Haupttempel auf 136,000 berechnet hat (Waitz 4, 149). Und
ausserdem kommt noch eine grosse Zahl geopferter Menschen dadurch hinzu,
dass jedes auch kleinere Fest solche Opfer, nur wenigere forderte: durch
die stete Wiederholung aber, denn es gab viel Feste im Jahr, sammeln
sich auch diese zu einer grossen Summe. Wenn wir nun auch mit Waitz die
kleinsten der genannten Zahlen fuer die wahrscheinlichsten halten; so ist
die Zahl, die fuer jedes Jahr herauskommt, noch immer enorm. Waren die
eben besprochenen nur solche Opfer, die man den Goettern brachte, so
forderte der Tod vornehmer Menschen andere. Starb der Herrscher oder
irgend ein Vornehmerer sonst, so folgten diesem Weiber und Sklaven in
den Tod; aber da nun am 4ten, 20sten, 40sten und 80sten Tage nach dem
Begraebniss auf dem Grabe derartige Abschlachtungen stattfinden mussten,
so darf man sich auch die Zahl der auf diese Weise umgebrachten Menschen
nicht zu gering denken: stieg sie doch manchmal bis auf 200 (4, 167).

Die Quiches in Guatemala (4, 264) so wie die Chorotegen in Nikaragua
(279), toltekische Voelker, brachten Menschenopfer dar wohl ebenso
reichlich als die Mexikaner, wie denn ihre Religion in fast allen
Stuecken der mexikanischen gleich war. In Yukatan, wo solche Opfer zwar
auch vorkommen, waren sie doch minder zahlreich als in jenen Gegenden
und in Mexiko (4, 309).

In Darien vergifteten sich des Herrschers Lieblingsweiber und Diener bei
seinem Tod, oder sie wurden lebendig mit ihm begraben (4, 351), wie
Weiber und Diener auch bei den Chibchas in Neugranada getoetet (4, 466)
und Menschenopfer bei allen diesen Voelkern gar nicht selten den Goettern
dargebracht wurden. Ebenso war es auf den Antillen (4, 327).

In Peru waren Menschenopfer, wozu man gefangene Feinde nahm, selten und
nur bei ausserordentlichen Veranlassungen gebraeuchlich. Weiber und
Diener aber folgten auch hier dem Inka, deren einem 1000 seiner
Angehoerigen sich geopfert haben sollen, und ebenso den Vornehmen
freiwillig in den Tod nach, um ihm im Jenseits weiter zu dienen.
Namentlich aber Kinder wurden hier vielfach getoetet; wenn ein Vornehmer
krank war, wurde eins von seinen eigenen Kindern den Goettern zum
Ersatzopfer, wie man annimmt, geschlachtet, welches dann freudig in den
Tod zu gehen pflegte. Vor dem Auszuge zum Krieg, bei Krankheit des
Herrschers und bei dessen Inauguration wurden Kinder, meist Knaben von
4-10 Jahren, seltener Maedchen, nach einzelnen freilich nicht ganz
glaubwuerdigen Angaben bis zu 200, ja bis zu 1000, geopfert, was auch
beim Erntefest, bei verheerenden Epidemien, ja in einigen Gegenden mit
jedem erstgeborenen Kinde und mit dem einen von Zwillingen geschah. Auch
wurde den Todten von dem Blute des geopferten Kindes ein Strich von
einem Ohr zum anderen gezogen (Waitz 4, 460-61). Auch hier muessen wir
auf das zurueckkommen, was wir oben gesagt haben: die Kinderopfer dienen
nur dazu, einen bei den Goettern, denen Kinder am liebsten waren,
besonders gueltigen Vermittler zu haben; deshalb, und nicht zum Ersatz,
wurden die eigenen Kinder als Opfer bei Krankheiten preisgegeben und
unsere Auffassung wird unterstuetzt dadurch, dass die Kinder gewoehnlich
freudig in den Tod gingen: sie wussten, dass sie einem guten Loos
entgegengingen; daher auch der Strich mit Kinderblut ueber die Todten,
welche auf diese Weise gleich das Zeichen des Vermittlers an sich
trugen.

Die Kinderopfer in Mexiko hatten meist dieselbe Veranlassung und
denselben Zweck: so wurden zwei Kinder vornehmer Abkunft, wenn die Saat
aufging, ertraenkt, vier, wenn sie groesser war, dem Hungertode
preisgegeben (4, 159). In Nikaragua wurde ein Knabe, wenn Regen noethig
war, den Goettern dargebracht (4, 379). Aehnliche Opfer brachten die
Chibchas in Neugranada vor der Schlacht (364).

Nirgends aber sind auch die Menschenopfer massenhafter, als auf Fidschi,
wie wir daselbst auch den Kannibalismus schrecklicher ausgebildet
fanden, als sonst irgendwo. Zur Feier der Mannbarkeit eines
Haeuptlingssohnes, so erzaehlt Seemann (Zeitschr. 9, 476), sollte eine
rebellische Stadt ganz vernichtet, die Einwohner erschlagen, auf einen
Haufen zusammengetragen, auf diese Sklaven gelegt und auf diese wieder
der Einzuweihende gesetzt werden. Alle Schiffbruechigen, das verlangt ihr
Glaube, muessen getoedtet werden; wer es unterliesse, wuerde sonst selbst
im Schiffbruch umkommen (Erskine 249-50). Alte Eltern werden von ihren
Kindern, kranke Kinder von ihren Eltern lebendig begraben (ebend.) und
zwar ist es der eigene Wille der Opfer, dass ihnen so geschieht (477),
denn man glaubt, man kaeme nach und durch solchen Tod sofort in ein
anderes und viel besseres Leben; daher sich diese scheussliche Sitte mit
wirklicher Familienanhaenglichkeit vertraegt. Aber es ist ebendaher auch
begreiflich, dass nur wenige Menschen eines natuerlichen Todes sterben
(Will. u. Calvert 1, 188). Menschenopfer am Grabe, namentlich von
Haeuptlingen, sind ebenso gewoehnlich als umfangreich; die Weiber werden
entweder alle oder doch die Lieblingsweiber und eine Menge Sklaven
ermordet. Die Mutter, deren geliebter Sohn stirbt, folgt ihm bisweilen
ins Grab, der Freund dem Freund (Will. u. Calvert 1, 134). Auch hierzu
draengen sich, wegen der Belohnungen im Jenseits, die Opfer; die Weiber
erdrosseln sich selbst, wenn ihnen Niemand diesen Dienst thut (Erskine
293. Mariner 1, 347). Und wie fest man an den Menschenopfern hielt, geht
aus folgender Notiz bei Erskine 440 hervor: ein Fidschiinsulaner hatte,
von irgend welchem Mitleiden ergriffen, einen Gefangenen nicht dem Gotte
geopfert; da erschien ihm letzterer im Traum und quaelte ihn ueber diese
Unterlassung dermassen mit Gewissensbissen, dass der Mensch fast in
Raserei fiel. Doch dieselbe Partei, welche, wie wir schon erwaehnt haben
(S. 70), sich gegen den Kannibalismus wendete und ihn abzuschaffen
sucht, ist auch diesen Menschenopfern feindlich (Erskine 280) und so
werden auch sie, da der Einfluss der Europaeer hinzukommt, hoffentlich
nicht mehr allzulange dauern.--Aehnliche Gebraeuche fanden sich auch
sonst in Melanesien, wenn auch nirgends so uebertrieben wie hier:
namentlich ist es das Lebendigbegrabenwerden der Eltern, der Kranken,
die Ermordung der Mutter oder einer Verwandtin, wenn ein kleines Kind
stirbt, was uns berichtet wird.

Was nun Polynesien betrifft, so ist es gewiss Uebertreibung, wenn
Michelis (91. ohne Quellenangabe) erzaehlt, der Koenig von Futuna
(noerdlich von Samoa), dessen Insel 2000 Einwohner hat, habe waehrend
seiner Regierung an 1000 Menschen den Goettern geopfert. Denn wir finden
sonst in Polynesien die Menschenopfer nicht allzuzahlreich. Freilich ist
es ein Irrthum, wenn Ellis 1, 106 behauptet, sie seien in Tahiti erst
spaeter eingefuehrt, da sie mit der ganzen polynesischen Religion viel zu
eng verwachsen sind; wohl aber sind sie in spaeterer Zeit, noch vor der
Entdeckung, von den Eingeborenen selbst sehr beschraenkt. Bei Beginn
eines Krieges erhielt der Kriegsgott ein Menschenopfer (Ellis 1, 276),
dem so wie anderen Goettern oefters Menschen dargebracht wurden (1, 357).
In Kriegszeiten, bei grossen Nationalfesten, bei Krankheiten und dem Tod
der Fuersten (Bratring 182-83. 196) opferte man Menschen, sowie man die
Koepfe der Besiegten (was auch melanesischer Brauch war) in den
Tempelplaetzen als Weihgeschenk aufstellte (Moerenhout 2, 47). Haeufiger
waren diese Opfer in Hawaii, wo (Jarves 47) haeufig an 80 Menschen auf
einmal geschlachtet sein sollen. Man nahm, hier und in Tahiti, dazu
Gefangene oder Verbrecher oder Leute, die irgend ein Tabu gebrochen
hatten, oder, wenn deren keine vorhanden waren, Leute aus dem Volk
(Jarves 18. Ellis a.a.O.). Aehnlicher Gebrauch herrschte auch auf den
Herveyinseln (Williams 215). Wenn nun auch in Hawaii, nach den Angaben
der Fuersten, diese Opfer erst spaeter eingefuehrt sein sollten (Jarves
47); so ist dies nur ein Zeichen, dass man auch hier schon dies
Schreckliche der Sitte eingesehen hatte und sie im Abnehmen war.
Menschenopfer fanden selbstverstaendlich auch hier an den Graebern der
Vornehmen statt, zunaechst beim Ausstellen der Leiche und dann noch
zahlreicher beim Begraebniss selbst (Remy 115). Ebenso war es frueher in
Neuseeland Sitte--jetzt ist sie abgekommen--dass sich die Weiber am
Grabe ihrer Maenner erdrosselten, die Sklaven getoedtet wurden (Taylor
97). In Tonga wurden bei den Graebern der Vornehmen ab und zu Weiber
geopfert (authent. narrat. v. Tonga 78; Mariner 1, 295), was auf fruehere
Allgemeinheit dieser Sitte, gegen welche die tonganischen Fuersten selbst
eiferten, schliessen laesst.

Von besonderem Interesse ist der Kindermord, wie er sich auf Tonga
zeigt. So wurden (Mariner 1, 229) Kinder den Goettern geopfert, um den
Frevel eines Fuersten gegen ein Heiligthum wieder gut zu machen: ein
Opfer, welches gar keinen Sinn haette, wenn man nicht eben in den Kindern
den Goettern besonders angenehme Vermittler gesehen haette. Um des Koenigs
Leben zu erhalten, wurde eines von seinen mit einem Nebenweib erzeugten
Kindern getoedtet (1, 379): wenn aber der Tui-tonga, der hoechste
religioese und frueher wohl auch weltliche Herr von Tonga krank ist, da
genuegt ein Kind nicht und man toedtet drei bis vier (1, 454).

Ehe wir diesen Gegenstand verlassen, ist noch von einer Art Opfer zu
sprechen, die, wie es scheint, ueber die ganze Welt verbreitet ist: ueber
die Menschenopfer zur Einweihung, zur Sicherung von Gebaeuden u.
dergl.[N] Auch diese Sitte ist am uebertriebensten auf den
Fidschiinseln. Dort muessen neugebaute Kaehne, damit sie vor Sturm und
Unheil sicher sind, ueber lebende Sklaven in die See gerollt werden;
jeden Pfosten eines neu gebaut werdenden Hauses muss, damit der Pfosten
sicher steht, ein lebender Sklave umfassen--und zu diesem lebendig
Zerquetscht-, zu diesem lebendig Begrabenwerden draengen sich die Opfer,
denen es im Jenseits maechtig vergolten wird (Erskine 249-50). Die Sitte
war nicht bloss melanesisch, sondern auch ueber ganz Polynesien
verbreitet: in Neuseeland ruhte der Mittelpfeiler des Hauses frueher auf
Menschenleichen (Taylor 387 ff.) und von Tahiti erzaehlt dasselbe
Moerenhout 2, 22-23; doch scheint auch hier der Gebrauch in spaeterer Zeit
abgekommen zu sein; denn wenn er und Ellis (1, 346) diesen Gebrauch nur
fuer Tempel angeben, so ist er wohl erst spaeter nur auf diese beschraenkt
worden. Derselbe Gebrauch findet sich auch in Suedamerika: der Palast des
Bogota, des Herrschers der Chibcha stand auf Maedchenleichen und sein
Grund so wie seine Thuerpfosten waren mit Menschenblut getraenkt (Waitz 4,
360).

Nachdem wir so diese Uebersicht ueber die Art, wie die Naturvoelker das
Menschenleben schaetzen, vollendet haben, ergibt sich als Resultat, dass
ihre Kriege fuer sie hoechst gefaehrlich sind, ja einzelnen geradezu die
Existenz gefaehrden, so dass wir sie in erster Linie auffuehren muessen,
wenn wir die Ursachen fuer das Aussterben der Naturvoelker aufsuchen; dass
aber Kannibalismus und Menschenopfer, obwohl in einzelnen Laendern
furchtbar ausgedehnt, nur von sekundaerer Wichtigkeit sind und nur wenn
sie mit anderen Gruenden vereint auftreten, zur sichtlichen Verminderung
eines Volkes beigetragen haben.




Sec. 11. Verfassung und Recht.


Auch die Staats-und Rechtsverfassung der Naturvoelker wird nach einigen
Seiten uns hier, freilich nur kurz, beschaeftigen muessen. Die
Kulturstaaten Amerikas so wie die polynesischen Inseln sind es, die wir
nach dieser Richtung hin betrachten muessen; denn bei den uebrigen
Naturvoelkern ist theils das Rechts- und Staatsleben zu wenig entwickelt,
als dass es irgend welchen Einfluss gehabt haette, theils so entwickelt,
dass dieser Einfluss kein unguenstiger war. Wie das Recht in seiner
aeltesten Entwickelung immer seine Gesetze "mit Blut" schreibt; so war es
auch in Mexiko der Fall: fast alle Verbrechen, selbst geringe
Diebstaehle, Trunk, Verleumdung u. dergl. wurden mit dem Tod bestraft,
und bisweilen die ganze Familie in die Sklaverei verkauft (Waitz 4,
84-85). Denn der Grundsatz, dass die Sippe haften muss fuer das einzelne
verbrecherische Mitglied gilt auch hier. In Peru (4, 414-15) war die
Strenge der Gesetze nicht minder gross und die Haftbarkeit der Familie
fuer den Schuldigen, mit dem sie in vielen Faellen den Tod zugleich
erlitt, noch groesser. Diese strenge Justiz und namentlich die
Haftbarkeit der Familie fuer den Einzelnen hat in der Suedsee ferner, wo
sie gleichfalls herrscht, um so groesseren Schaden angerichtet, als, wie
wir gleich sehen werden, dort die Gewalt der Herrschenden noch absoluter
war als in Amerika. So wurde in Tonga der ganze Stamm eines Aufruehrers
vernichtet (Mariner 1, 271) und die fortwaehrenden Rachekriege dieser
Voelker und Staemme untereinander beruhen theilweise auf dieser blutigen
Rechtsauffassung (z.B. fuer Neuseeland Dieffenbach 1, 93, Haftbarkeit des
Stammes fuer den Einzelnen Thomson 1, 98). Auch in Neuholland sind
ziemlich strenge Rechtsstrafen (Grey 2, 236-37), entweder Tod oder
Durchstossen einzelner Koerpertheile mit dem Speer (wobei oft der Tod
erfolgt) oder Speerung, d.h. der Schuldige muss sich den Speerwuerfen
einer groesseren oder geringeren Menge von Volksgenossen aussetzen, denen
er freilich durch seine Geschicklichkeit (Waffen darf er nicht haben),
wenn sie ausreicht, ausweichen darf (Grey 2, 244-45). Die Haftbarkeit
der Familie, des Stammes fuer den Einzelnen ist hier wo moeglich noch
fester, als irgendwo sonst (Grey 2, 239-40; 235-36).

In Mexiko war die Verfassung streng monarchisch, wobei der Adel, der
frueher wahrscheinlich die hoechste Staatsgewalt selbst in Haenden gehabt
hatte (Waitz 4, 71), wie in anderen monarchischen Staaten auch, grosse
Vorrechte ueber das Volk hatte. Der Herrscher, weil er Stellvertreter
Gottes auf Erden war, hatte unumschraenkte Gewalt (Waitz 4, 68); und
mochte dadurch auch mancherlei Ungerechtigkeit und Gewaltthaetigkeit
geschehen, mochten einzelne Fuersten ihre Macht missbrauchen, wie denn
namentlich der letzte von ihnen, Montezuma II., seinen gewaltthaetigen
und hoffaertigen Charakter in noch schaerferer Entwickelung des
Absolutismus und der Sonderstellung des Adels zeigte; das wurde doch vom
Volk ertragen, ohne dass dadurch das Volk noch auch durch den Unwillen
des Volkes die Herrscher gefaehrdet waren. Schlimmer war, dass die
Herrscher durch ihren Absolutismus den eigenen Willen des Volkes zu sehr
gelaehmt hatten. "Die strenge und allgemeine Fuegsamkeit in den Willen des
Herrschers hat sich von Seiten des Volkes bei mehreren Gelegenheiten in
unzweideutiger Weise gezeigt: auf einen Wink von Montezuma blieb Alles
ruhig, sogar als er selbst von Cortez gefangen gesetzt wurde und mit der
Eroberung der Hauptstadt hoerte jeder Widerstand auf, nicht bloss weil
die Grossen des Reichs dort alle vereinigt waren, sondern auch weil mit
dem Falle des Herrschers fuer die bis zum Aeussersten standhaft
gebliebenen Mexikaner die Pflicht der Selbstverteidigung wegfiel.
Revolutionen des Volks waren--abgesehen von neu eroberten Laendern--fast
unbekannt" (Waitz 4, 68). Am gefaehrlichsten aber war die
Eroberungspolitik des mexikanischen Staates. Um alle Laender sich und
ihrem Gotte Huitzilopochtli zu unterwerfen, was das stete Streben der
Mexikaner war (4, 117), hatten sie ihre Herrschaft vom atlantischen bis
zum stillen Ozean ausgedehnt, ohne aber wirklich Widerstand leistende
Laender ernstlich zu bezwingen und sich zu assimiliren. Und Montezuma II.
noch machte es ebenso. Waehrend in seinen Laendern Empoerungen der
unterworfenen Laendertheile ausbrachen, schickte er, anstatt das
Gewonnene dauernd zu fesseln, seine Heere in immer fernere Gegenden, um
immer mehr zu gewinnen (Waitz 4, 46), und "daher, sagt Waitz 4, 47, ist
es wohl begreiflich, dass das grosse rasch gewachsene Reich des
Montezuma durch ein paar kraeftige und geschickt gefuehrte Stoesse
zertruemmert werden konnte." Eine Menge einheimische Feinde, ganze
Laendertheile erhoben sich und stellten sich auf Seiten der Spanier--und
so ist Mexiko, das so bevoelkerte, reiche und bluehende Land zum nicht
geringsten Theil durch seine eigene Politik zu Grunde gegangen. Da diese
Schilderung im Grossen und Ganzen auch auf Peru passt, wo der Koenig als
Stellvertreter Gottes auf Erden nur eine noch absolutere und drueckendere
Macht besass, wo gleichfalls Eroberungskriege das Land ausgedehnt und
dadurch minder fest gemacht hatten, weil es nun in seinem Innern
feindliche Elemente barg (Waitz 4, 399-413), da wir hier so ziemlich
dasselbe finden, so brauchen wir die Verhaeltnisse des Inkareiches nicht
genauer zu betrachten und gehen gleich zu Polynesien ueber.

Hier hat der Absolutismus und die Sonderstellung des Adels, die in der
goettlichen Abstammung des Adels und der Koenige wurzelt, die denkbar
hoechste, man koennte sagen eine logisch vollkommene Entwickelung
gefunden. Ueberall, in Neuseeland, in Tahiti, in Hawaii, dem
Markesasarchipel, auf Tonga, bei der alten Bevoelkerung der Marianen
(waehrend sonst Mikronesien in der Praxis wenigstens die Gegensaetze
minder scharf fasst) gilt das Volk als unbeseelt, daher sein Leben als
vollkommen werthlos. Man toedtete es nach Geluesten oder Laune (Mariner 1,
60. 91), man bedrueckte es, da es weiter keine Geltung hat, als eben nur
fuer die Vornehmen da zu sein, keinen Werth weiter als was es den
Vornehmen werth ist--und nirgends war dieser Druck schlimmer als auf
Hawaii--man hat ihm aus demselben Grund alle harte Arbeit, z.B. den
Landbau, aufgeladen; dabei ist ihm das meiste der besseren
Nahrungsmittel verboten; zu den Festen der Vornehmen muss es, was es
besitzt an Lebensmitteln, beisteuern, zu den Menschenopfern nimmt man
die Individuen aus ihm, kurz, es liegt ein Druck auf ihm, so
unglaublich, dass man gar nicht begreift, wie unter demselben ueberhaupt
sich eine und noch dazu zahlreiche Bevoelkerung erhalten konnte. Oft fand
es nicht Zeit zur Bestellung des eigenen Landes, daher denn Hungersnoth,
Kindermord und namentlich eine grosse Menge von Auswanderungen
eintraten, die vor allem Tahiti entvoelkerten, aber auch von anderen
Inseln erzaehlt werden. So gab es auf Tahiti im wilden, gebirgigen und
kaum bewohnbaren Inneren der Insel eine zerstreute Bevoelkerung "wilder
Maenner", die, ausserordentlich scheu und aengstlich, ganz einsam in den
Klueften leben, gewiss nur entsprungene Fluechtlinge aus dem Volke, oder
deren Abkoemmlinge, welche nicht zurueckzukehren wagten (Ellis 1, 305).
Von Hawaii sagt Jarves (368 ff.): "Der Ackerbau ward vernachlaessigt, und
Hungersnoth herrschte. Ganze Schaaren gingen unter ihrer Last zu Grunde;
andere verliessen ihre Heimath und flohen gleich wilden Thieren in die
Tiefe der Waelder, wo sie aufs elendeste aus Mangel umkamen, oder eine
klaegliche Existenz durch Fruechte und Wurzeln fristeten. Blind fuer diese
Folgen setzten die Fuersten ihre Politik (zu der sie von geldgierigen
Fremden vielfach verleitet wurden) fort." Kindermord war die Folge
namentlich einer unerschwinglichen Kopfsteuer und nicht nur physisch,
auch moralisch verkam das Volk. Und auf dies moralische Verkommen ist
sehr zu achten; denn nichts befoerdert den Untergang einer Bevoelkerung
mehr als dies. Wo die Moralitaet (natuerlich hier nur nach den Begriffen
der betreffenden Voelker) fehlt, fehlt auch die Selbstachtung; wo die
Selbstachtung, die Freude am Leben, welche diesen Menschen auch schon
aus aeusseren Gruenden unmoeglich war; und wo die Freude am Leben fehlt, da
verkommt und versiegt das Leben selbst. Mit Recht stellt daher Jarves
(a.a.O.) diesen Druck, unter dem das Volk erlag, fuer eine Hauptursache
seines massenhaften Schwindens hin: und wie es in Hawaii war, so war es,
mit wenig Abaenderungen, so ziemlich ueberall in Polynesien.




Sec. 12. Natureinfluesse.


Sahen wir so, was die Naturvoelker durch eigene Lebensart oder Schuld zu
ihrem Hinschwinden beitragen: so muessen wir, ehe wir weiter gehen, einen
Blick auf die Naturumgebungen dieser Voelker werfen und deren guenstigen
oder schaedlichen Einfluss abwaegen. So viel leuchtet schon dem ersten
Blick ein: durch Natureinfluesse allein stirbt kein Volk aus und die
menschliche Natur gewoehnt sich fast an alles. Man kann sich, nach
Darwins Schilderung, kaum eine fuer menschliche Entwickelung unguenstigere
Natur denken, sowohl in Hinsicht auf Klima, als auf Lebensmittel u.s.w.,
als die Suedspitze von Amerika und dennoch sagt derselbe Schriftsteller,
dass ein Aussterben der elenden Staemme der Feuerlaender nicht zu bemerken
sei. Ebenso wenig der Eskimos. Der Mensch akklimatisirt sich, freilich
nur sehr allmaehlich in langsamen Vorruecken und durch Jahrhunderte oder
besser Jahrtausende lange Vererbung und dadurch Verstaerkung der fuer die
einzelne Gegend speziell befaehigenden Eigenschaften an jede Gegend, an
jedes Klima, und nichts beweist gerade mehr die Dauerhaftigkeit unserer
Natur als diese Faehigkeit der Gewoehnung. Aber freilich werden weder
Feuerlaender noch Eskimos sich je zu grossen maechtigen Nationen
entwickeln: und zwar in Folge ihrer Naturumgebung, welche der freien
    
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