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Wirksamkeit" thaetig. "Die Menschenracen, sagt er, scheinen auf dieselbe
Art aufeinander zu wirken, wie verschiedene Thierarten, von denen die
staerkere die schwaechere vertilgt." Er macht darauf aufmerksam, dass fast
bei jeder Beruehrung der Naturvoelker und der Weissen, oft auch von
Staemmen ein- und desselben Volkes, welche in verschiedener Gegend
wohnen, seuchenartige Krankheiten entstehen, oft bei voelliger Gesundheit
der Schiffsmannschaft und der von ihr besuchten Voelkerschaft, "von denen
alsdann vorzugsweise die niedere von beiden Racen oder die der
Eingeborenen, welche in ihrem Lande von Fremden aufgesucht werden, zu
leiden hat" (Waitz 1, 162). Und hierzu lassen sich die Beispiele
allerdings haeufen. So sagt Humboldt (a 4, 392), dass in Panama und Calao
der Anfang grosser Epidemien des gelben Fiebers "am haeufigsten durch
die Ankunft einiger Schiffe aus Chile bezeichnet werde", obwohl doch
Chile selbst eines der gesuendesten Laender der Welt sei und das gelbe
Fieber gar nicht kenne; aber die schaedlichen Folgen der ausserordentlich
erhitzten und durch ein Gemisch von faulen Duensten verdorbenen Luft, an
welche die Organe der Eingeborenen gewoehnt seien, wirkten maechtig auf
Individuen aus einer kaelteren Region. Aehnlich verhaelt es sich mit dem
Ausbrechen des gelben Fiebers in Mittel- und Nordamerika, das
eingeschleppt zu haben so haeufig die eine der genannten Gegenden
Besuchern aus der anderen vorwirft (Humboldt a.a.O. 384). Die "grausame
Epidemie" von 1794, wo Verakruz ungewoehnlich heftig vom gelben Fieber
heimgesucht war, fing an mit der Ankunft dreier Kriegsschiffe (eb. 423).
Ebenso schreiben die Einwohner Egyptens das Ausbrechen der Pest der
Ankunft griechischer Schiffe zu und umgekehrt die Bewohner Griechenlands
und Konstantinopels egyptischen (eb. 384), wobei keineswegs immer an
eine Einschleppung zu denken ist. Auf Rapa (Australinseln) traten
toedtliche Krankheiten nach dem Besuch von englischen Schiffen auf,
welche die Haelfte der Eingeborenen dahinrafften (Moerenh. 1, 139); auf
Tubuai (Australinseln) ward die Bevoelkerung durch Krankheiten, welche
mit der Mission 1822 auftraten, auf die Zahl von 150 heruntergebracht
(eb. 2, 343). Raivavai, welches 1822 noch 1200 Einwohner hatte, besass
1830 etwa noch 120 durch gleiches Schicksal (eb. 1, 143). Williams
(283-84) spricht es als seine eigene Erfahrung aus, dass die meisten der
Seuchen, die er in der Suedsee erlebte, durch Schiffe, deren Mannschaft
ganz gesund sei und nur auf ganz erlaubtem, gewoehnlichem Wege mit den
Eingeborenen verkehrte, veranlasst wurden. Das erste Zusammentreffen
zwischen Europaeern und Eingeborenen, sagt er, ist fast immer mit dem
Fieber, mit Dysenterie u. dergl. bezeichnet; so starb auf Rapa die
Haelfte der Eingeborenen aus; so entstand die furchtbare Seuche auf
Rarotonga (Herveyinseln), die er 282 schildert. Ganz dasselbe sagt
Virgin 1, 268; "Auch nur kurze Besuche von Fahrzeugen haben auf den
Inselgruppen der Suedsee Krankheiten von mehr oder minder verderblicher
Natur verursacht, die sich sogar erst laengere Zeit nachher gezeigt
haben. Es hat sich dies auch sogar zugetragen, ungeachtet die Besatzung
der Schiffe vollkommen gesund war und die Krankheiten sind nicht stets
solche gewesen, welche moeglicherweise durch eigentliche Ansteckung
mitgetheilt werden konnten oder welche in Europa zu denen gehoeren, deren
Beschaffenheit in der Regel mehr oder weniger toedtlich ist." Von Tahiti
erzaehlt Bratring 145, dass 1775 bei der Anwesenheit der Spanier unter
Boenechea ein ansteckendes Katarrhalfieber ausbrach. Nach Cooks Besuch
litt die Insel unter Dysenterie (Moerenh. 2, 425) und die Tahitier selbst
schrieben schon um 1800 alle Krankheiten den Beruehrungen mit fremden
Schiffen zu (Turnbull 266). Beechey 1, 94-95 berichtet Aehnliches von
den Inseln Pitkairn. Bei regnichtem Wetter und bei gelegentlichen
Besuchen von Schiffen, sagt er, leiden die Eingeborenen (eine
Mischbevoelkerung von Tahitiern und Englaendern) staerker an Blutandrang
(plethora) und Schwaeren als sonst; sie glauben ganz fest, dass diese
Krankheiten durch den Verkehr mit ihren Gaesten, moegen diese selbst auch
ganz gesund sein, herruehren. Das eine Schiff sollte ihnen Kopfschmerzen,
ein anderes Scharbock, das dritte Geschwuere u.s.w. gebracht haben, wie
sie denn auch von Beecheys Schiff, dessen Mannschaft ganz gesund war,
aehnliches erwarteten: ja sie fuehlten schon Kopfweh und Schwindel.
Beechey erklaert diese Zufaelle durch die Veraenderung ihrer Lebensweise
waehrend solcher Besuche, da sie gegen ihre sonstige Gewohnheit dann viel
Fleisch essen und reichlichere Kleidung tragen. Von Melanesien (Tanna)
erzaehlt Turner 91 nach den Aussagen der Eingeborenen, welche alle
Krankheiten, wie Fieber, Dysenterie, Husten u. dergl. "fremde Dinge"
nennen, ganz Gleiches. Auch in Celebes (Waitz 1, 163) herrschte diese
Meinung und ebenso auch bei den alten Marianern, welche nach jedem
fremden (europaeischen) Schiff von einer Seuche heimgesucht zu werden
behaupteten; so brachte 1688 ein Schiff von Mexiko, welches mit
Verbrechern beladen an der Insel scheiterte, Rheuma, Fieber, Blutungen
(le Gobien 376), und die Eingeborenen sahen alle Krankheiten als durch
die Spanier eingeschleppt an (ebd. 140). Die Einwohner von St. Kilda
(westl. v. d. Hebriden bei Schottl.) sind der festen Ansicht, fuer die
sie eine lange Erfahrung haben, dass der Besuch eines Fremden ihnen
Schnupfen bringe (Macculloch bei Darwin 2, 214).
Nach dem medizinischen Theil der Novara Reise (1, 225) glauben die
Eingeborenen der Nikobaren, dass die Kokosnuesse von den Baeumen fielen,
sobald ein Missionaer die Insel betraete. So mag denn auch diese
weitverbreitete Ansicht der Grund sein, weshalb in Ponapi, sobald ein
Schiff in Sicht kommt, das Volk flieht und der Priester aufs
Feierlichste die Goetter um Huelfe anruft (Gulick 175), wenn wir es hier
nicht mit etwas Religioesem zu thun haben. Jedenfalls ist wohl zu
beachten, dass die Naturvoelker vor der Bekanntschaft mit den Europaeern
fast nichts von Krankheit wussten; weder die Marianer (le Gobien 140)
noch die uebrigen Mikronesier (Chamisso) noch die Polynesier, von denen
freilich die Neu-Seelaender, obwohl der Gesundheitszustand auch ihrer
Insel im Allgemeinen trefflich war, von schweren Seuchen, die sie schon
vor Cook heimgesucht haetten, erzaehlten (Dieffenbach 2, 12-14), noch die
Neu-Hollaender, Hottentotten und Amerikaner (Waitz 1, 140-41).
Fuer die Indianerstaemme steigert sich die Wirkung solcher Epidemien noch
durch Folgendes, was v. Tschudi, einer der ausgezeichnetsten Kenner der
amerikanischen Voelker, 2, 216 sagt: "Es ist eine hoechst eigenthuemliche
Erscheinung, dass Indianerstaemme, die durch Krieg oder Epidemien
ploetzlich sehr stark reducirt wurden, sich in der Regel nie wieder
erholen und nur noch als wenig zahlreiche Familien gewoehnlich Jahrzehnte
lang hinsiechen, bis sie endlich ganz aussterben. Bei ihnen tritt nicht
mehr die Vermehrungsprogression ein, wie sie vor dem vernichtenden
Schlage stattgefunden hatte, und bei anderen unter den naemlichen
physischen Bedingungen lebenden Voelkern beobachtet wird. Meines Wissens
ist dieses Verhaeltniss noch nirgends eroertert worden. Ich habe es bei
einem genauen Studium der Geschichte der nord- und suedamerikanischen
Indianer als Regel gefunden. Sehr verminderte Fruchtbarkeit des Weibes
ist die Hauptursache: auf welchen physiologischen Einwirkungen sie aber
beruht, ist wohl schwer zu ermitteln." Waitz freilich (1, 163) bringt
Beispiele vom Gegentheil: die Creeks (nach Simpson), die Winibegs (nach
Schoolcraft), die Apachen (Kendall) u.s.w. haben sich nach schweren
Epidemien wieder erholt. Wir kommen hierauf zurueck.
Man hat nun diese auffallende Erscheinung, dass Krankheiten durch
Beruehrung gesunder, aber aus verschiedener Gegend oder Race stammender
Menschen entstehen, zu erklaeren versucht. Darwin, der in Shropshire
gehoert, dass gesunde Schafe, die aber auf Schiffen eingefuehrt wurden, in
einem Pferch zu anderen gebracht, diese krank machen, Darwin meint, dass
das Effluvium von Menschen--und wohl auch, nach dem letzten Beispiel,
von Thieren--die lange Zeit eingeschlossen gewesen seien, giftig auf
andere wirke, namentlich dann, wenn sie von verschiedenen Racen waeren
(2, 214); eine Ansicht, welche indess weder von medizinischer Seite noch
durch die Erfahrung bestaetigt wird.
Will man sich aber mit Waitz dabei begnuegen zu sagen, dass beim
Zusammentreffen verschiedener Racen, selbst bei voelliger Gesundheit
beider, sich bisweilen Krankheiten erzeugen, welche dann meist die
niedere Race ergreifen, so kommt einmal durch das Wort niedere Race
leicht etwas Missverstaendliches in den Ausdruck, und andererseits wird
nichts durch dies blosse Zusammenfassen der Erscheinung erklaert. Dazu
kommt, dass z.B. der Bericht Humboldts ueber das gelbe Fieber in Panama
und Callao sich ja auf gleiche Racen bezieht und eben so doch auch die
Angabe Darwins von den Schafen. Und wenn man ferner die Geschichte der
kultivirten Voelker betrachtet, so findet man eine aehnliche Erscheinung:
eine neu auftretende Krankheitsform wuethet viel allgemeiner und
verheerender, als eine fortwaehrend herrschende; so die Pest, der
schwarze Tod, die Pocken, die Cholera u.s.w., die dann oft nach und nach
verloeschen. Die Pocken aber hat man dadurch unschaedlich gemacht, dass
man eine verwandte, aber unschaedlichere Krankheitsform einimpft. Es
scheint also, als ob der menschliche Koerper um so empfaenglicher fuer ein
Miasma oder einen Krankheitsstoff ist, je ferner und freier von
demselben er frueher war. Ist er aber, wie bei der Pockenimpfung
geschieht, durch ein Minimum des Giftes affizirt und dadurch anders
disponirt worden, so dass er sich nun allmaehlich an jenen feindlichen
Stoff gewoehnt, ihn der eignen Natur und die eigene Natur ihm
einigermassen assimilirt hat: so hat er dadurch Faehigkeit zum Widerstand
gegen die Krankheit gewonnen, da sie ja nun seiner Natur nicht mehr
absolut feindlich ist; daher denn solche Seuchen nach und nach
erloeschen, denn die Ueberlebenden werden nach und nach durch das
Einathmen der miasmatischen Luft koerperlich selbst immer fester.
Keineswegs hilft aber eine solche Gewoehnung fuer alle Zeit, wie ja auch
die Pocken nach bestimmten Zeitraeumen von neuem eingeimpft werden
muessen. Merkwuerdig, aber fuer uns wichtig genug ist, was Humboldt a 1, 92
ueber diese Krankheit in Mexiko sagt: "die Pocken scheinen
ihre Verwuestungen nur alle 17 Jahre anzurichten. In den
Aequinoktial-Gegenden"--ob das aber nicht in allen Gegenden oder
wenigstens bei allen menschlichen Individuen auf gleiche Weise
gilt?--"haben sie, wie das schwarze Erbrechen und mehrere andere
Krankheiten, ihre festen Perioden, an denen sie sich regelmaessig wieder
einfinden: und man moechte glauben, dass sich in diesen Laendern die
Anlage der Eingeborenen fuer gewisse Miasmen nur in sehr weit von
einander entfernten Perioden erneuert; indem die Pocken, deren Samen
sehr oft von europaeischen Schiffen gebracht wird, nur in sehr
ansehnlichen Zwischenraeumen epidemisch, aber auch dem Erwachsenen nur
desto gefaehrlicher werden." Alles dies scheint sehr fuer unsere obige
Annahme zu sprechen. Der Europaeer, der Civilisirte kommt nun fortwaehrend
mit unendlich mehr Krankheitsstoffen und Miasmen, in den meisten Faellen
ohne es selbst zu merken, in Beruehrung, als der im Naturzustande und der
freien Natur lebende Mensch. Und nicht nur durch eigene Gewoehnung von
Kindheit an, sondern auch durch Vererbung der Accommodation von Eltern
und Grosseltern her hat er eine viel groessere Widerstandsfaehigkeit gegen
solche schaedliche Einfluesse, als sie jemals frueher Isolirte und
namentlich, wenn sie vielleicht schon erwachsen zuerst mit diesen
Einfluessen in Beruehrung kommen, sich erwerben koennen. Hiergegen spricht
nicht, wenn einzelne Individuen der Naturvoelker gesund etwa in Europa
laengere Zeit gelebt haben. Denn in den meisten Faellen ist da eine
Gewoehnung von Jugend auf eingetreten und jedenfalls sind alle solche
Faelle wissenschaftlich nur dann zu verwerthen, wenn man die Geschichte
des Besuchers, seine Natur, die Natur seines Volkes u.s.w. bis ins
Einzelne verfolgen kann. Uebrigens gibt es auch Beispiele genug, dass
solche Besuche ungluecklich abliefen: Liholiho, der Sohn Tamehameha I.
und seine Gemahlin starben bei ihrem Aufenthalt in England, wo alle
Sorgfalt ihnen zu Theil wurde, an den Masern bei raschem Verlauf der
Krankheit; und der Prinz Libu, welchen Wilson gegen Ende des vorigen
Jahrhunderts von den Palau-Inseln mit nach England genommen hatte und
dort sehr sorgfaeltig pflegte, an einer aehnlichen Krankheit, kurz nach
seiner Ankunft (Keate die Pelewinseln, Schluss). Jetzt beweisen solche
Besuche um so weniger, als jetzt die meisten Voelker Bekanntschaft mit
der weissen Race haben.
Nach alledem wuerde es kein Wunder, nichts Raetselhaftes sein, wenn die
Naturvoelker gegen solche Miasmen, die auch von ganz Gesunden ganz
unbemerkt eingeschleppt werden koennen, um so empfaenglicher und
empfindlicher sind, je weniger sie Schutz durch irgend welche Gewoehnung
haben; daher denn solche Krankheiten, welche scheinbar unerklaerlich
entstehen, mit einer Heftigkeit wuethen, wie, vor Zeiten die Pest. So
erzaehlt Williams (280 ff.), dass bei jener Seuche auf Rarotonga von
mehreren tausend Einwohnern kaum ein einziger ganz davon befreit
blieb.--Die Krankheiten, welche am meisten so ganz spontan dem Schein
nach entstehen, sind Dysenterie, Influenza, Fieber, Blutungen,
Geschwuere, Husten und Hautkrankheiten. (Einige Belegstellen: Turner 91;
Dieffenbach 2, 12-14; le Gobien 376; Beechey 1, 94-95.)
Dass auch Geschwuere genannt werden, koennte auffallen. Die ausbrechenden
Krankheiten richten sich jedenfalls theils nach den Miasmen, durch
welche sie hervorgerufen sind, theils und wohl ganz besonders nach der
Natur des Inficirten. Wie ja bei herrschenden Epidemien oder in der Naehe
gefuellter Krankenhaeuser jede Krankheit, jede oft unbedeutendste
Verwundung durch den giftigen Einfluss der Miasmen schlimmer werden, ja
bis zum Tode fuehren kann, auch ohne in die herrschende Krankheitsform
ueberzugehen: ebenso natuerlich ist es, dass sich solche eingefuehrten
Miasmen gerade auf den Theil des inficirten Organismus werfen, welcher
schon zuvor, in den meisten Faellen gewiss gleichfalls unbewusst, der
schwaechste oder gerade bei der Einfuehrung des Miasma irgendwie erregt
oder afficirt war. Auch erklaert es sich hieraus, wie bei gleichen
Miasmen--vorausgesetzt, dass sie gleich sind; denn eine
Schiffsmannschaft kann leicht verschiedene zugleich
bringen--verschiedene Individuen, wie sich das gar nicht selten zeigt
(z.B. bei Turner in Melanesien, bei le Gobien auf den Marianen, bei
Beechey auf Pitkairn) verschiedene Krankheiten bekommen koennen.
So erklaert sich das raethselhafte Faktum (welches als Faktum durch die
sichersten und verschiedenartigsten Zeugnisse feststeht), dass eine
gesunde Schiffsmannschaft gesunden Menschen Krankheiten bringen kann[B].
Dabei duerfen wir nicht unerwaehnt lassen, was Humboldt an sich und
seinen Begleitern in Centralamerika beobachtete: "Es kommt haeufig vor,
sagt er b 6, 142, dass sich bei Reisenden die Folgen der Miasmen erst
dann aeussern, wenn sie wieder in reinerer Luft sind und sich zu erholen
anfangen. Eine gewisse geistige Anspannung kann eine Zeitlang die
Wirkung krankmachender Ursachen hinausschieben." Denn aus diesem Satze
erklaeren sich manche Erscheinungen bei jenen spontanen Krankheiten der
Naturvoelker--so darf man wohl, ohne Gefahr missverstanden zu werden, die
Krankheiten nennen, welche nach der blossen Beruehrung mit den
Kulturvoelkern, ohne direkte Einschleppung entstehen--Erscheinungen,
welche sonst auffallen muessten. So, dass diese Uebel waehrend der
Anwesenheit der Europaeer noch nicht verspuert werden, denn jene
Schwindel- und Kopfwehanfaelle der Pitkairner noch waehrend Beecheys
Besuch beruhten sicher, nach aecht polynesischer Art, auf anticipirender
und uebertreibender Einbildung; dann, dass sie ungleich seltener bei
feindlichem Zusammenstoss zweier Racen sich zeigen, welcher freilich
meist auch von kuerzerer Dauer ist, als ein freundlicher Besuch. Auch
scheint es, als ob das Durchmachen _einer_ Epidemie gegen Miasmen
verschiedener Art abhaerte; wiewohl es gar nicht selten ist, dass ein und
derselbe Volksstamm von mancherlei Seuchen nach einander (oder auch von
derselben wieder) heimgesucht wird. Doch ist dann fast immer der erste
Anfall der verheerendste.
Jedenfalls aber haben wir hier die erste Ursache fuer das Aussterben der
Naturvoelker: ihre leichte Empfaenglichkeit fuer Miasmen, welche die
Kulturvoelker ohne Wissen und Willen und bei eigener Gesundheit, zu ihnen
bringen; und die geringe Widerstandsfaehigkeit ihres Organismus gegen
solche durch jene Miasmen entstehende Krankheiten.
Sec. 3. Direkt eingeschleppte Krankheiten.
Zu diesen eben besprochenen Krankheiten kommen noch andere hinzu, deren
Mittheilung zwar auf demselben Grunde beruht, den wir im vorigen
Paragraphen betrachteten, die aber doch, da man sie als direkt
eingeschleppte allgemein betrachtet und nachweisen kann, fuer den
Beobachter weit mindere Schwierigkeit bieten. Hierher gehoeren aber
gerade die furchtbarsten Seuchen, welche die Naturvoelker betroffen
haben; und kann man sich denken, wie verheerend sie auf die
empfaenglichen Naturen jener Voelker wirkten. Nicht bloss Weisse haben sie
eingeschleppt: auch einzelne Zweige desselben Stammes haben andere mit
solchen Gaben bedacht. So ward ein boeser Aussatz von Polynesien aus Rapa
nach Pitkairn verschleppt und den Bewohnern dieser Insel gefaehrlich; und
andere gleiche Beispiele finden sich. Schlimmer aber ist, was die
Weissen brachten, vor allen Syphilis und Blattern. Erstere Seuche ist
zwar ueberall bekannt genug, wo die Europaeer hinkommen, und so also auch
von Alters her in Afrika und Amerika, wo sie eingeschleppt wurde (in
Californien nach Rollin, La Perouses Schiffsarzt bei La Perouse 2, 289;
in Guyana nach Schomburgk 2, 336). Gefaehrlicher aber ist sie vor allen
fuer die Polynesier geworden, denn hier beguenstigte ihre Mittheilung und
Verbreitung die ausserordentliche Luederlichkeit dieser Voelker gar sehr;
und da die Polynesier durch ihre Lueste vielfach entnervt waren, so
wurden hierdurch auch die Formen dieser Krankheiten immer grauenvoller.
Und so finden wir sie hier vom aeussersten Osten bis zum fernsten Westen.
Auf Waihu (Osterins.) ist sie jetzt haeufig eingeschleppt von Europaeern
(Moerenhout 1, 26). Auf Neu-Seeland findet sie sich, namentlich an den
Kuesten, wo die Eingeborenen mit den Europaeern am meisten verkehren, und
so schlimm, dass eine Menge Verwachsungen u. dergl. durch sie entstehen
(Dieffenbach 2, 17-25). Auf Tonga hatte sie Cooks Mannschaft, wie Cook
selbst erzaehlt dritte Reise 2, 390 eingeschleppt; doch kann sie hier
nicht allzu heftig gewirkt haben, denn Mariner (2, 270) gibt an, dass
durchaus nichts Syphilitisches sich auf der Gruppe finde und dass ein
Fall, welcher auf franzoesischer Ansteckung beruhte, so rasch toedtlich
verlief, dass er weiter keine Folgen hatte. Allein ob nicht die Art von
Gonorrhoee mit ardor urinae, die er 268 als in Tonga heimisch erwaehnt,
doch noch vielleicht von Cooks Mannschaft herstammte? Auch auf dem
Gilbertarchipel und den Ratakinseln--denselben Inseln, wo Chamisso
Anfang dieses Jahrhunderts so paradiesische Tage verlebte--ist die
Syphilis und andere Seuchen durch europaeische Seeleute eingeschleppt
(Meinicke Zeitschr. 398), wie denn ueberhaupt Mikronesien auch sonst sehr
durch solche boesen Einwirkungen gelitten hat (Gulick 245).
Aber am schlimmsten hat diese Seuche auf Tahiti und Hawaii gewuethet. In
Tahiti ist sie so allgemein, dass fast jede Familie von ihr beruehrt ist
(Moerenhout 1, 228-29); und schon um 1790 waren zwei Fuenftel der Insel
venerisch (eb. 2, 425). Da nun diese entsetzliche Krankheit theils gar
nicht, theils schlecht geheilt und behandelt wurde, so ward sie ein
Hauptmittel fuer die Dezimirung der Eingeborenen (eb. 2, 405). Vankouver
(1790) spricht von den Verheerungen, die sie unter den tahitischen
Weibern angerichtet hatte (1, 111): sie musste also schon lange
verbreitet sein und ist zweifelsohne gleich von den ersten Besuchern
eingeschleppt, gleichviel ob von Wallis (Anfang 1767) oder Von
Bougainville (1767, 15. Apr.), genug, Cook fand sie vor. Meinicke zwar
(b, 118) versucht zu beweisen, dass dies Uebel in der Suedsee schon
heimisch war, vor der Beruehrung mit den Europaeern: allein sein Beweis
ist ihm nicht gelungen und seiner Hypothese stehen die gewichtigsten
Autoritaeten entgegen, so Cook selbst fuer Tahiti (dritte Reise 2, 331)
und fuer Hawaii (King ebendas. 4, 379), Turnbull (291) fuer Tahiti und so
noch andere. Auch thut Meinicke nicht recht, das Zeugniss der
Eingeborenen fuer so ganz nichtig zu halten; um so weniger, als die
Tahitier nach Cook sehr bestimmt Bougainvilles Schiff als das
bezeichneten, welches die verhaengnissvolle Gabe brachte, sich also
keineswegs in allgemeinen Behauptungen hielten. Auch was Cook a.a.O.
390-91 ueber die Schwierigkeit, Ansteckung zu verhueten, die Gesundheit
der eigenen Mannschaft zu ermitteln und die Leichtigkeit, mit der sich
die Krankheit ausbreitet, und gewiss sehr richtig auseinandersetzt,
spricht gegen Meinicke. Allerdings stuetzt dieser sich fuer die
Sandwichgruppe auf den Umstand, dass, obwohl Cook zuerst nur auf Atuai
und Onihiau landete, er gleichwohl schon neun Monate spaeter die Seuche
auf Maui verbreitet fand--was auch La Perouse mit mehreren anderen
Gruenden medizinischer Art, die aber nicht ganz stichhaltig erscheinen
(1, 246, 276), als Grund gegen die Einschleppung durch Cook anfuehrt. Er
schreibt die erste Verbreitung dieser Seuche den Spaniern zu, welche im
16. Jahrhundert oefters die Hawaiigruppe besucht haben. Wenn man nun auch
auf die rasche Verbreitung der Krankheit, wie sie bei der Luederlichkeit
und dem fortwaehrenden Verkehr der Eingeborenen nur zu moeglich war,
hinweisen koennte, so ist uns das fuer unsere Zwecke gleichgueltig; genug
die Seuche ist jetzt ueberall verbreitet in Polynesien und Meinicke gibt
ja selbst zu, dass die Eingeborenen wenigstens die schwereren Formen des
Unheils den Europaeern verdanken. Jedenfalls sind die Verheerungen,
welche gerade diese Krankheit in Polynesien angerichtet hat, auch wenn
es Meinicke nicht ganz zugeben will, entsetzlich genug, wie aeltere und
neuere Schriftsteller einstimmig bezeugen. (Vergl. ueber Hawaii noch
Virgin 1, 265; Rollin bei La Perouse 2, 271; ueber Tahiti Turnbull 291;
Cook dritte Reise 2, 331). Doch scheint es, als ob in Tahiti sich jetzt
(1852) der Gesundheitszustand wieder gehoben habe (Virgin 2, 41). Auch
werden von frueher (Cook a.a.O. 2, 331) schon Beispiele erwaehnt, wo
Infizirte, freilich selten genug, von selbst genassen. Nur in Tonga
scheint, bei dem keuscheren Leben der Tonganer das Unheil wenigstens
nach Mariners Bericht, nicht um sich gegriffen oder doch leichtere
Formen nach und nach angenommen zu haben.
Die Seuche ist auch unter den Eingeborenen von Neu-Holland verbreitet
und auch hier will Meinicke (a 2, 179) die Annahme, sie sei ihnen von
den Europaeern gebracht, als "aeusserst unwahrscheinlich" dadurch
beweisen, dass bei der Gruendung der Colonie von Sydney und auch
neuerdings diese Krankheit tief im Inneren des Continentes gefunden sei.
Als ob das bei dem Wanderleben dieser Staemme auffallen koennte! als ob
sie nicht schon vor der Gruendung der Colonie mit Europaeern und wahrlich
nicht mit den reinsten in mannigfacher Beruehrung gewesen waeren! Den
Aleuten, bei denen es Cook schon vorfand (dritte Reise 3, 265), und den
Kamtschadalen ist dieses Unheil von den Russen, den Pelzhaendlern,
mitgetheilt. Da nun aber die Kamtschadalen ebenfalls zu Ausschweifungen,
sei es im Trunk, sei es in der Liebe, geneigt waren, so sind auch hier
seine Folgen nicht ohne Gewicht fuer unsere Betrachtung.
Bei weitem schlimmer, aber und allgemeiner haben die Blattern gewuethet,
die schlimmste Geissel aller Naturvoelker. Am bekanntesten ist dies von
Amerika, in dessen noerdlicher Haelfte sie zuerst um 1630 auftraten (Waitz
b, 15). Neun Zehntel von den Nordindianern rafften sie hin; die
Mandans starben 1837 fast ganz aus, die Schwarzfuesse schmolzen durch
sie von 30-40,000 auf 1000 zusammen: aehnlich erging es anderen
nordamerikanischen Staemmen, den Kraehenindianern, Minetarris, Cumanchen,
Rikkaris; von den Omahas und den Eingeborenen des Oregongebietes erlagen
ihnen zwei Drittel, von den Californiern die Haelfte (Waitz 1, 161).
Aehnlich wuetheten sie unter den Voelkern von Suedamerika, den Indianern
von Paraguay und Gran Chako, den Puelchen, den Cariben, den Araukanern,
in Peru, am Maranon, in Guyana, wo ganze Voelkerstaemme durch sie
aufgerieben sind. Nie aber sind sie, wie Humboldt b 4, 224 bezeugt, am
oberen Orinoko aufgetreten, obwohl sie bei den Voelkern Brasiliens wieder
ihre ganze Furchtbarkeit zeigten, bei den Chaymas, die 1730-36 von ihnen
dezimirt wurden (Humboldt eb. 2, 180), bei den Chiquitas (Waitz 3, 533),
welche schwer von ihnen zu leiden hatten. Nicht minder heftig aber
traten sie bei den kultivirten Staemmen Amerikas auf.
In Mexiko brachen, nach Torribio, die Pocken eingeschleppt durch einen
Negersklaven 1520 zuerst aus und rafften gleich damals die Haelfte der
Mexikaner hin (Humboldt a 1, 97); nach Herrera traten sie schon 1518 auf
(Poeppig 373) und schon 1517 mit denselben Verheerungen, ohne jedoch
einen Europaeer hinzuraffen, auf den Antillen, zu deren Entvoelkerung sie
wesentlich beigetragen haben. Ueberall, in ganz Amerika, waren die
Verwuestungen so arg, dass die Todten bisweilen unbeerdigt blieben, weil
es an Haenden hierzu fehlte (Waitz b, 15). Man begreift es, dass, wenn
die Pocken ausbrachen, die Indianer im aeussersten Entsetzen vielfach
ihre Huetten verbrannten, ihre Kinder toedteten und in die Einsamkeit
flohen (Humboldt b 4, 224); oder dass z.B. die Chilesen die Huette mit
sammt den in ihr liegenden Kranken verbrannten (Waitz 1, 161). Waitz ist
der Ansicht und wir stimmen ihm bei, denn alle Quellen sprechen dafuer,
dass diese Krankheit zahlreichere Opfer forderte, als Krieg und
Branntwein zusammengenommen; dass ihr gewiss die Haelfte bis zwei Drittel
der Urbevoelkerung Amerikas erlegen sind.
Allein nicht bloss auf Amerika beschraenken sich die Verheerungen der
Pocken. 1767 brachen sie, eingeschleppt durch einen russischen Soldaten,
in Kamtschatka aus und wuetheten wie die Pest: nicht weniger als 20,000
Kamtschadalen, Kuriler und Koriaeken sollen ihnen erlegen sein. Ganze
Doerfer starben aus und Cooks Reisebegleiter fanden selbst noch eine
Menge ganz leer stehender Doerfer vor. Ein anderes, vor der Epidemie mit
360 Menschen bevoelkert, hatte nachher noch 36 Seelen (Cook 3. Reise 4.
174-75). Aehnliche, wenn auch minder starke Epidemien traten 1800 und
1801 auf, welche gegen 5000 Kamtschadalen dahinrafften und bei dem schon
lange immer mehr um sich greifenden Schwinden der Bevoelkerung so
verheerend wirkten, dass in den Ostrogen (kleinen Doerfern des Inneren),
welche vorher meist 30-40 Einwohner hatten, nachher meistens nur 8-10,
in einigen wenigen 15-20 Bewohner uebrig blieben (Krusenstern 3, 49. 52.
2. Theil, 2. Abtheil. Cap. 8).
Auf Neuholland brachen die Blattern zuerst 1789 aus und verwuesteten ganz
Cumberland; 1830 verheerten sie, bis zur Nordkueste hin das Innere von
Ostaustralien (Meinicke a 2, 179). Auch diese Seuche entstand nach
Meinicke a.a.O. ohne Einschleppung spontan unter den Eingeborenen. Von
einer furchtbaren Pockenepidemie auf Ponapi (Puinipet, Banabe,
Carolinen) erzaehlt die Novarareise 2, 395: die Krankheit war durch einen
englischen Matrosen eingeschleppt und raffte 3000 Menschen hin; 2000
blieben uebrig. Auf der Hawaiigruppe starben 1853 an den Pocken 5-6000
Menschen (Waitz 1, 176).
Auch die Hottentotten, wenigstens in der Naehe der Capstadt, sind
wesentlich durch die Pocken vermindert (Waitz 2, 346).
Ausser dieser Krankheit haben dann die Masern und Roetheln schlimm unter
den Naturvoelkern gehaust, so in Brasilien, Guyana, im Mosquitolande
(Waitz 1, 162), in Neuholland (Darwin 2, 213); und noch gefaehrlicher
verschiedene Fieber, welche z.B. die Oregonindianer schwer heimsuchten,
die oberen Tschinuks 1823 von 10,000 auf 500 zusammenschmolzen und zwar
so schnell, dass die Zahl der Ueberlebenden nicht hinreichte, die Todten
zu begraben (Wilkes und Haie bei Waitz 1, 162).
Doch sind wir durch diese Fieber bei den Seuchen angekommen, denen die
Naturvoelker vor dem Auftreten der Europaeer unterworfen waren.
Epidemische Krankheiten sind zwar vorher selten, doch finden sie sich
auch. So jene Seuche, welche vor Cook auf der Ostkueste von Neu-Seeland
wuethete, und zwar so heftig und rasch, dass auch hier nicht alle Todten
begraben werden konnten (Dieffenbach 2, 12-14); so die Fieber, welche,
wie es scheint, durch das Klima hervorgerufen am Orinoko epidemisch sind
(Humboldt b 4, 215), so und vor allen jene beruechtigte mexikanische
Krankheit, Matlazahuatl von den Eingeborenen genannt, ein furchtbares,
dem gelben Fieber verwandtes Gallenfieber mit Blutbrechen, das schon
lange vor Cortes Ankunft in Mexiko, ja wohl schon im 11. Jahrhundert
unter den Tolteken, die damals noch in Nordamerika waren, herrschte
(Humboldt a 4, 379), wie sich denn ueberhaupt die Krankheit mit
Leichtigkeit in die kalte Zone verpflanzt und ihr "die kupferfarbige
Race in beiden amerikanischen Haelften seit undenklichen Zeiten
unterworfen ist" (eb. 380). Wie furchtbar aber diese Krankheit wuethete,
geht aus den Zahlen hervor, welche Torquemada fuer die beiden Epidemien
1545 und 1576 angibt: 1545 sollen 800,000, 1576 zwei Millionen Indianer
gestorben sein (Humboldt a 1, 97). Mag auch Humboldt, obgleich er sich
verwahrt, Torquemadas Glaubwuerdigkeit anzuzweifeln, Recht haben--und er
hat es gewiss--dass diese Zahlen nur auf ungefaehrer und ungenauer,
vielleicht uebertriebener Schaetzung beruhen: auch wenn wir die Ziffern
halbiren, welch furchtbarer Verlust an Menschenleben bleibt immer noch!
Humboldt meint (a.a.O.), dass auch diese Krankheit sich alle hundert
Jahre einmal zeige: da er aber 4, 379 die Jahre 1545, 1576, 1736, 1761
und 1762 als Jahre, worin die Krankheit wuethete, aufstellt, so ist, wenn
anders die Periodicitaet dieser Krankheit richtig ist, ihr Erscheinen in
den einzelnen Jahren dann auf Staemme und Landschaften eingeschraenkt,
welche sie frueher nicht hatten.
Einen Hauptgrund fuer die furchtbare Wirksamkeit solcher eingeschleppter
Krankheiten, auf den wir spaeter zurueckkommen, fuehrt Humboldt an, wenn er
a 4, 410-11 sagt: "Die Niedergeschlagenheit des Geistes und die Furcht
vermehren natuerlich die Praedisposition der Organe, um die Miasmen
aufzunehmen; daher es kein Wunder ist, wenn solche Epidemien namentlich
dann besonders heftig sind, wenn sie von siegreichen Eroberern
eingeschleppt werden."
Sec.4. Behandlung der Kranken bei den Naturvoelkern.
Alle diese Krankheiten nun, welche den Naturvoelkern durch die eigene
Natur derselben gefaehrlich genug waren, wurden es noch mehr durch die
ganz verkehrte Art, mit der jene Voelker Krankheiten behandelten. Die
Syphilis ward dadurch so gefaehrlich in Polynesien, dass man sich theils
gar nicht um sie kuemmerte, theils aber, wenn man es that, das Uebel nur
vermehrte. So glaubte man in dem berauschenden Kavatrank, der aus den
Wurzeln des Piper methysticum bereitet wird, ein Mittel gegen sie
gefunden zu haben, und es konnte doch nichts Gefaehrlicheres angewendet
werden, als bei dieser Krankheit dieses Mittel, das denn auch nicht
verfehlte, die Wirkungen der Seuche erst recht schlimm zu machen
(Moerenhout 2, 405). In Amerika wendete man gegen die Blattern
vornehmlich Dampfbaeder mit unmittelbar folgenden kalten Abwaschungen an
und in Neuholland und Polynesien ausserdem noch andere und noch
thoerichtere Mittel; natuerlich wurde schon durch diese Kuren die
Krankheit fast immer toedtlich. Dass sich aber diese Voelker bei neuen
unerhoerten Krankheiten nicht zu helfen wussten, wird uns nicht Wunder
nehmen, wenn wir sehen, wie sie sich Kranken gegenueber fuer gewoehnlich zu
benehmen pflegen.
Die Neuhollaender haben fuer ihre Kranken nur eine Ceremonie der Priester,
welche den boesen Geist, der im Kranken sitzt, oder den Zauber, der ihn
krank macht, beschwoert, indem er unter allerlei Faxen einen Stein, meist
ein glaenzendes Stueck Quarz, aus dem Kranken zieht und damit ihn vom
Zauber, der in jenen Stein eingeschlossen ist, befreit (Grey 2, 337). Da
nun jede Krankheit auf Bezauberung beruht und zwar haeufig auf Entziehung
der Seele, welche im Nierenfett ihren Sitz hat (Howitt 189), so wurde in
einigen Gegenden der Kranke mit dem Nierenfett dessen, den man fuer den
versteckten Moerder hielt und dem man es oft noch lebend ausschneidet
(Angas 1, 123), bestrichen: oder man versucht die Krankheit aus dem
betreffenden Glied auszusaugen, durch Aderlass zu entfernen, den boesen
Geist, indem man den Kranken knetet, schlaegt, tritt und sonst
misshandelt, zu verjagen u. dergl. mehr. Geschickter sind die
Neuhollaender im Behandeln aeusserer Verletzungen; auch haben sie manche
rationelle Mittel gegen den Biss giftiger Schlangen (Brehm Thierleben 5,
262).
So ziemlich dasselbe Bild wird nun von der Heilkunst aller Naturvoelker
zu entwerfen sein. Auf den Fidschiinseln werden schwer Kranke schon als
todt betrachtet, aufgeputzt und ausgestellt (Williams und Calvert 183);
Ruecksicht nimmt man auf sie durchaus nicht, hat vielmehr, da man sie fuer
boeswillig haelt und glaubt, dass sie die Gesunden nur absichtlich
quaelten, nicht das mindeste Mitleid mit ihnen (eb. 188). Ebenso sonst in
Melanesien. Sehr gewoehnlich werden Kranke ohne weiteres erschlagen, oder
ausgesetzt, z.B. auf der Fichteninsel (Cheyne 88). Auf Vate (neue
Hebriden) toedtet man phantasirende Kranke sogleich, damit sie nicht
Andere anstecken koennen (Turner 444); man begraebt sie und andere
schwerer Erkrankte lebendig (450). Ebenso machen es die Ajetas der
Philippinen, eine Negritobevoelkerung der Gebirge Luzons mit
Schwerkranken (de la Gironiere Aventures d'un gentilhomme Breton aux
iles Philippines 325). In andern Gegenden Melanesiens (auf den kleinen
Inseln bei Neu-Guinea) setzen sich die Kranken ans Meeresufer und
essen, was sie koennen, da nicht mehr essende Kranke sofort getoedtet
werden. Kranke Glieder schnueren sie ein, um den Daemon, der die Krankheit
verursacht, zu fangen (Reina in Zeitschr. 4, 360). Denn auch hier gilt
alle Krankheit fuer Behexung (Turner 18-19), obwohl auch die Melanesier
Aderlass und derartige Mittel kennen (eb. 92). Auch in Mikronesien
toedtete man entweder die Kranken (indem man sie in einem lecken Schiff
ins Meer stiess, Hale 80) oder man wandte, um sie zu curiren, Zauberei
an, so auch auf den Marianen (le Gobien 47).
Und nicht anders in Polynesien. Auch hier wurden sie oft ermordet, oder
doch ganz gleichgueltig behandelt, wo denn jeder Kranke fuer sich sorgte,
so gut es ging, d.h. in den Wald oder die Einsamkeit ging und entweder
gesund oder gar nicht wieder zurueckkehrte. In Nukuhiva hielt man
Schwerkranken Mund und Nase zu, um den Geist festzuhalten (Mathias
_G***_, 115); ebenso in Suedamerika bei den Moxos (Waitz 3, 538; b 151).
In Tonga bestand die Behandlung der Kranken fast nur darin, dass man sie
von einem Tempel zum andern schleppte, um die Priester und Goetter fuer
sie anzuflehen; je kraenker Jemand ist, je weiter schleppt man ihn--und
fuehrt seinen Tod natuerlicherweise gerade dadurch herbei (Mariner 1, 110;
362 ff. u. sonst). Oder man opferte wie in Tahiti und sonst in
Polynesien, Kinder oder Sklaven, um das Leben eines Vornehmeren zu
erhalten. Doch waren die Tonganer als Chirurgen nicht ungeschickt und
sie wagten sich an gefaehrliche Operationen. Auch war Skarifikation und
der Gebrauch gewisser Pflanzensaefte in Anwendung (Mariner 2, 267-270).
So wie bei ihnen, so gilt auch sonst in Polynesien Krankheit als
Bezauberung, oder als Rache und Strafe der Goetter: in Neu-Seeland
(Dieffenb. 2, 59 ff.); in Tahiti (Bratring 181-82, Moerenh. 1, 543); in
Nukuhiva (Math. G. 228); und in Hawaii (Tyermann u. Bennet 1, 129).
Daher waren auch hier die haeufigsten Mittel Opfer und Gebete. Nur auf
Neu-Seeland scheint man etwas zweckmaessiger verfahren zu haben.
Wenigstens kannten die Eingeborenen die Heilkraft ihrer heissen Quellen
und wendeten sie fuer kranke Kinder an (Dieffenb. 1, 246), man gab den
Kranken leichtere Kost, gebrauchte Daempfe von Pflanzenaufguessen
(Pflanzenaufguesse kannten auch die Marianer nach le Gobien),
Einreibungen mit warmen Pflanzensaeften u. dergl. (Dieffenb. 2, 41).
Dampfbaeder und darauf unmittelbar folgende kalte Abwaschungen waren
gleichfalls gebraeuchlich (Moerenhout 2, 164) und Kneten der Glieder
ueberall verbreitet: in Nukuhiva, in Tahiti, Hawaii u.s.w. In Tahiti
hielt man jede Krankheit fuer Wirkung goettlichen Zornes und es galt daher
fuer suendlich, Arzeneien zu nehmen (Turnbull 260), gegen die sie auch
einen unueberwindlichen Abscheu haben (292). Wird ein Eingeborener dieser
Insel krank, so wird er sofort von allen Angehoerigen und Landsleuten
gemieden: er ist ganz hilflos und auf sich allein angewiesen, ein
Verfahren, welches sich bitter genug raecht: denn die bei ihnen
gewoehnlichsten Uebel sind solche, die schon bei geringer Pflege leicht
heilen, bei Vernachlaessigung aber toedtlich werden (Turnbull 260 u. 292).
Als Chirurgen waren auch sie wie alle Polynesier geschickt (Moerenhout 1,
161).
In Amerika finden wir so ziemlich dasselbe. Denn auch die Mexikaner,
obwohl tuechtige Chirurgen und mit mancherlei medizinischen Mitteln
bekannt, setzten ihre festeste Hoffnung auf aberglaeubische Mittel (Waitz
4, 165, 174). Die Californier versuchten durch Anblasen und Aussaugen
des kranken Gliedes oder dadurch, dass sie andere opferten oder
verstuemmelten, die Krankheit zu heben (Waitz 4, 250). Aussaugen,
Anblasen, Reiben galt auch auf Haiti als Hauptmittel, so wie denn,
merkwuerdig genug, hier die Aerzte dieselbe Ceremonie anwandten, welche
die Neuhollaender noch jetzt haben: sie zogen dem Kranken einen Stein und
mit ihm den Anlass aller Krankheiten aus dem Mund. Schwerkranke wurden,
wie in Mikronesien, ausgesetzt, oder, wie in Nukuhiva erstickt (Waitz 4,
327). Das Hervorziehen des Steines oder Knochens aus dem Koerper des
Kranken fand sich auf dem brasilianischen Festland unter den Payaguas
(Azara 269). Auch in Peru war das Heilverfahren, obwohl man einige
Arzneipflanzen kannte, purgirte und zur Ader liess, fast durchaus auf
Zauberei begruendet (Waitz 4, 463). In Nordamerika nun waren bei fast
allen den minder kultivirten Voelkern die Aerzte ganz und gar Zauberer,
die Krankheit nur Besessenheit, der boese Geist ward daher, zur Kur,
ausgesaugt und ausgespieen, oder durch Blasen, Kneten, Schlagen und
aehnliche Mittel entfernt (Waitz 3, 213-14). Auch in Suedamerika ist
Zauberei, Aussaugen Anblasen u.s.w. Hauptmittel und fast ueberall der
Arzt zugleich Zauberer, nur bei den Botokuden nicht, welche nur
natuerliche Mittel, Reiben, Kneten, Urtikation, auch, aber meist ohne
Erfolg, innerliche Arzneien anwenden (Tschudi 2, 286-87) und als
Chirurgen nicht ungeschickt sind. Aber Zauberer waren die Aerzte bei den
Tupis, den Makusis, deren Heilverfahren, das neben vieler Zauberei auch
manche wirklich wirksame Mittel kannte, Schomburgk (2, 333) schildert,
ferner bei den Waraus (eb. 1, 170), den Cariben (2, 427), den
Araukariern, welche indess neben den Zauberaerzten auch noch andere und
tuechtigere Aerzte hatten (Waitz 3, 519), den Feuerlaendern (Bouqainville
130) u.s.w.
Dampfbaeder sind sehr allgemein verbreitet und bei fast allen Krankheiten
angewendet; so bei den Mexikanern und bei den alten Tolteken (Waitz 4,
270); ebenso in Nordamerika (3, 217) in Suedamerika bei den Makusi
(Schomburgk 2, 333) und sonst.
Nicht anders war im grossen Ganzen, nach Langsdorff, das Heilverfahren
der Aleuten.
Auch die Hottentotten betrachteten alle Krankheiten als Wirkungen von
Zauberei und boesen Geistern, und behandeln sie darnach, durch
Beschwoerung u. dergl., doch wendet der Zauberer oder die Zauberin dabei
auch andere, innerliche und aeusserliche Heilmittel an. Wunderbarer Weise
findet sich denn auch hier, wie auf den Antillen, jener sonderbare
neuhollaendische Gebrauch wieder, einen Stein--hier einen Knochen--unter
mancherlei Ceremonien aus dem Leibe (Mund, Ohr, Ruecken u.s.w.) des
Kranken, der ihm eingehext und der Sitz der Krankheit sei,
hervorzuziehen, damit jener genese (Sparmann 197-98). Ihre Giftaerzte
sollen freilich sehr ausgezeichnete Mittel gegen Schlangenbiss haben,
und die Colonisten haben, was sie von Heilpflanzen der suedafrikanischen
Flora kennen, erst von den Eingeborenen gelernt (Waitz 2, 344). Allein
Schwerkranke, Alte und Huelflose setzen die Hottentotten haeufig aus
(Sparmann 320); Sterbende schuettelt und stoesst man, gewiss um den Daemon
der Krankheit zu verscheuchen, ueberhaeuft ihn mit Vorwuerfen, dass er die
Verwandten durch seinen Tod betruebe, bittet ihn zu bleiben u.s.w.
(Sparmann 273).
Die Zauberer aber gerathen sehr haeufig, wenn ihre Kur nicht anschlaegt,
in Gefahr, von den erbitterten Angehoerigen arg gemisshandelt oder
getoedtet zu werden. Fuer Amerika bringt Waitz und die angefuehrten Autoren
eine Menge Beispiele bei: fuer Afrika genuege eins, welches bei Sparmann
198 erwaehnt wird: ein Fuerst, der an schlimmen Augen litt und von den
Zauberern nicht geheilt werden konnte, liess diese alle umbringen, weil
er glaubte, dass einer von ihnen, der ihm feindlich gesinnt sei, seine
Heilung verhuete. Denn jeder unglueckliche Ausgang einer Krankheit gilt
als bewirkt durch staerkeren Zauber, hier und in Amerika und Polynesien.
Sec. 5. Geringe Sorgfalt der Naturvoelker fuer ihr leibliches Wohl.
Indess, da ja Krankheiten die Naturvoelker in ihrem gewoehnlichen Zustand
nur wenig plagen, so moechte alles dies Verkehrte, und wenn es manchem
Kranken den Tod brachte, doch nicht allzuviel fuer ihr Hinschwinden
bewirkt haben; viel gefaehrlicher ist die geringe Sorge, welche fast alle
Naturvoelker auf ihre leibliche Pflege verwenden und verwenden koennen.
Freilich sind sie abgehaertet gegen Vieles durch eigene Gewoehnung und,
wodurch diese erst in so hohem Grade ermoeglicht wird, durch Vererbung;
und so fuehlen sich auch noch die Feuerlaender, nach Darwin die elendesten
und niedersten Menschen, in ihrem entsetzlichen Klima, ohne rechtes
Obdach, auf dem nassen Boden schlafend, nackt, nur kuemmerliche Nahrung
und diese nur mit Muehe findend, nach ihrer Art wohl und begehren nichts
Besseres (Darwin 1, 230). Die Eskimos sind an ihre Schneewuesten, die
Neuhollaender an ihre unfruchtbaren Steppen, die ihre wandernde Lebensart
bedingen, die neuhollaendischen Weiber an ein Leben voll Last und Muehe,
an die schrecklichste Behandlung gewoehnt, so weit menschliche Natur sich
gewoehnen kann. Trotz aller Gewoehnung aber haengt es mit der Lebensart der
Naturvoelker zusammen, dass sie, auch bei der ersten Bekanntschaft mit
den Europaeern, bisweilen selbst wenn sie schon eine gewisse Halbkultur
erlangt hatten, verhaeltnissmaessig so geringe Bevoelkerungsziffern
aufweisen; sie leben eben so, dass die menschliche Natur nicht anders
als kuemmerlich gedeiht--wenn auch die einzelnen Individuen oft ganz
besonders stark erscheinen. Es ist ja aber gerade ein oft wiederholter
Ausspruch, die Naturvoelker seien deshalb koerperlich so kraeftig, weil
alle schwaechlichen Kinder ohne weiteres erlaegen; so z.B. Humboldt b 2,
189.
Nicht bloss schwaechliche Kinder erliegen indess; und diese Sterblichkeit
der Kinder ist das erste, was wir hier zu betrachten haben. Die
Feuerlaender, deren Wohnung nicht den geringsten Schutz bietet (Darwin 1,
228), setzen ihre Kinder nackt der Wuth ihres Klimas aus (eb. 229). Fast
alle Indianer in Nord- und Suedamerika fuehren jetzt ein elendes
Wanderleben; und ueberall hin werden die Kinder von den Muettern
mitgeschleppt, auf den rauhesten und weitesten Maerschen und oft noch,
waehrend sie durch aufgelegte Bretter und andere gewaltsame Mittel (um
ihrem Kopf eine eigenthuemliche Gestalt zu geben) in der natuerlichen
Entwickelung gestoert sind. Schon bei der Geburt werden viele Kinder
sterben. Denn ueberall ist es Sitte, dass das Weib kurz vor der Geburt
sich in den Wald begiebt, dort allein gebiert, sich selbst die
Nabelschnur abschneidet und unterbindet, dann sich und das Kind sogleich
in kaltem Wasser badet und nun zurueckkehrt, nicht etwa zur Pflege,
sondern zur erneuten Arbeit. Dies war der Fall bei den Waraus in Guyana
(Schomburgk 1, 166), bei den Cariben und Makusi (eb. 2, 315, 431); und
in Nordamerika sehr vielfach (Waitz b, 98). Die Nahrung aber, welche ein
Kind nach und neben der Muttermilch bekommt, ist oft schon an und fuer
sich schaedlich und ungesund. Grosse Sterblichkeit herrscht noch unter
den Kindern des heutigen Mexiko in Folge verkehrter Diaet (Waiz 4, 196).
Die Nahrung wird ihnen auch noch beschraenkt durch die eigenthuemliche
Sitte, neben den Kindern Thiere, Affen, Beutelratten u.s.w. zu saeugen,
was die Makusi, die Waraus, die Cariben und verschiedene andere Voelker
thun (Schomburgk 2, 315. 1, 167). Von der schlechten Wartung der Kinder,
wenn sie krank sind, spricht Humboldt b. 4, 224 und der Schmutz, in
welchem sie aufwachsen, und von denen Schomburgk aus Guyana
Abschreckendes erzaehlt, kann auch keinen guten Einfluss haben. Und doch
lieben die Amerikaner in Nord-und Suedamerika ihre Kinder aufs innigste.
In Tahiti nehmen die Frauen unmittelbar nach der Geburt sofort
Dampfbaeder mit kalten Abwaschungen (Wilson 461), in Neuseeland
gleichfalls, wo die Kinder, wie in Tahiti, ganz nackt bleiben und eher
schwimmen als laufen koennen (Dieffenbach 2, 24-25, Ellis 1, 261 und
Moerenh. 2, 61); und ebenso auf Nukuhiva (Melville 2, 191).
Hautkrankheiten, und zwar sehr boesartige der Kinder (jaws, framboesia)
werden oefters erwaehnt, z.B. in Tonga, wo die Kinder gut gepflegt und
sonst sehr gesund sind (Mariner 2, 179) und in Ponapi (Cheyne 122).
Grosse Sterblichkeit herrscht aber unter den Kindern wegen Mangel an
Pflege und Wartung in Hawaii (Virgin 1, 268) und ebenso in Tahiti
(Bennett 1, 148). Ellis sagt, dass die tahitischen Kinder, obwohl dem
Aussehen nach dick und gesund, doch bis zu einem Alter etwa von 12
Monaten sehr zart und hinfaellig waeren (1, 260). Formation des Schaedels
durch Platt- und Hochdruecken war in Tahiti sehr haeufig 1, 261. Auch auf
Mikronesien ist die Wartung der Kinder schlecht. Auf Tobi (Lord North,
aeusserstes Sued-Westende Mikronesiens) erhalten die Kinder sofort nach
der Geburt ganz gleiche Speise wie die Erwachsenen (Pickaring, Memoir of
the Language and Inhabitants of Lord Norths Isl. 1845; 228), und ebenso
auf Ratak Kokosmilch und Pisang, den ihnen die Mutter vorkaut;
schaedlicher aber als diese Nahrung ist ihnen die Unregelmaessigkeit, mit
der sie ueberhaupt etwas bekommen (Gulick 180-181), daher denn auch hier
die Sterblichkeit unter ihnen gross ist. Auch in Polynesien saeugen die
Weiber gern Thiere auf neben den Kindern, wie z.B. die Hawaierinnen nach
Remy XLII Hunde und Schweine.
In Melanosien ist es nicht besser: die Kinder werden nicht gepflegt und
muessen von der Geburt an das Leben der Alten mitmachen. In einigen
Gegenden Neu-Guineas (Finsch 103) wird der Gebaerenden fortwaehrend kaltes
Wasser ueber den Kopf gegossen, ist aber das Kind geboren, Mutter und
Kind sofort kalt gebadet und dann einer moeglichst starken Hitze neben
einem lodernden Feuer ausgesetzt, und so abwechselnd weiter. Je heisser
und laenger Mutter und Kind diese Hoellenkur vertragen, fuer desto gesuender
gelten beide. In einer anderen Gegend hatte eine Frau ein unlaengst erst
geborenes Kind auf den heissen Sand gelegt und arbeitete in der Naehe;
als Fremde kamen, grub sie es ohne weiteres bis an den Hals in den Sand
und arbeitete fort (eb. 63).
Fast nirgends aber sterben mehr Kinder als in Neuholland: von vieren
wird kaum mehr als eins drei Jahre alt (Turnbull 43), was sich aus der
Behandlung, die ihnen zu Theil wird, und die nur ausserordentlich starke
Kinder ueberstehen, erklaert. Kaum geboren wird das Kind in ein
Opossumfell gewickelt, ueberall mit hingeschleppt und meist im hoechsten
Grade nachlaessig behandelt, dem Feuer zu nahe gelegt und dergl. (Grey
2, 250-251). Dies Wandern fuehrt auch Darwin (2, 213) als Grund der
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