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Ueber das Aussterben der Naturvoelker
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Georg Gerland German ASCII


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UeBER DAS AUSSTERBEN DER NATURVOeLKER

VON

DR. GEORG GERLAND,

LEHRER AM KLOSTER U. L. FR. ZU MAGDEBURG.


LEIPZIG,

VERLAG VON FRIEDRICH FLEISCHER.

1868.

SEINER EXCELLENZ

DEM HERRN GEHEIMEN RATH

H.C. VON DER GABELENTZ.




Vorwort.


Die Frage nach dem Aussterben der Naturvoelker ist bis jetzt nur
gelegentlich und nicht mit der Ausfuehrlichkeit behandelt, welche die
Wichtigkeit der Sache wohl verlangen kann. Am genauesten ist Waitz auf
sie eingegangen in seiner Anthropologie der Naturvoelker Bd. 1, 158-186;
aber da auch er sie nur anhangsweise bespricht und in dem Zusammenhang
seines Werkes nicht mehr als nur die Hauptgesichtspunkte angeben konnte
und wollte; da er ferner manches nur andeutet oder ganz uebergeht, was
von grosser Wichtigkeit ist, so erscheint es durchaus nicht ueberfluessig,
die Gruende fuer dies "raethselhafte" Hinschwinden selbstaendig und
moeglichst genau von neuem zu eroertern. Namentlich die psychologische
Seite des Gegenstandes hat man bisher ueber die Gebuehr vernachlaessigt;
sie wird deshalb in den folgenden Blaettern besonders betont werden
muessen.

Das Material zur Beantwortung der Frage, die uns beschaeftigen soll,
findet sich zerstreut in einer grossen Menge von Reisebeschreibungen,
ethnographischen und anthropologischen Werken. Da es mir aber darauf
ankam, einmal--denn nur strengste Empirie kann uns bei unserer Frage
foerdern--meine Saetze durch getreue Quellenangabe zu stuetzen, und
andererseits, dass die angefuehrten Citate nicht allzuschwer zugaenglich
seien, um nachgeschlagen werden zu koennen, so habe ich mich, wo es
moeglich war, auf Werke gestuetzt, die weiter verbreitet sind, und den
Quellennachweis nur da weggelassen, wo das Gesagte in allen Reisewerken
sich gleichmaessig findet. Dass ich das schon erwaehnte ausgezeichnete
Werk meines nur allzufrueh verstorbenen Lehrers Waitz, die Anthropologie
der Naturvoelker, sehr reichlich benutzt habe, wird man nicht tadeln; man
findet dort die oft sehr schwer zugaenglichen Quellen in kritischer
Auswahl beisammen--und wozu werden solche grundlegenden Werke
geschrieben, wenn man nicht auf ihnen weiterbaut?

Ich stelle hier der Uebersicht und des bequemeren Citirens wegen die
Werke zusammen, welche ich als Belege benutzt habe, ohne die mit
anzufuehren, welche nicht oefters citirt sind. Einige, welche ich gern
gehabt haette, sind mir unzugaenglich geblieben.


Angas, Savage life in Australia and N. Zealand. London 1847.

Australia felix. Berlin 1849.

Azara, Reise nach Suedamerika in den Jahren 1781-1801 (Magazin der merkw.
neuen Reisen. Bd. 31. Berlin 1810).

Bartram, Reisen durch Karolina, Georgien und Florida 1773. (eb. 10.
Band). Berlin 1793.

Beechey, Narrative of a voyage to the Pacific (1825-28). London 1831.

Behm, Geographisches Jahrbuch. 1. Theil 1866. Gotha 1866.

Bennett, Narr. of a whaling round the globe 1833-36. London 1840.

v. Bibra, Schilderung der Insel Vandiemensland bearbeitet v. Roeding.
Hamburg 1823.

Bougainville, Reise um die Welt 1766-69. Leipzig 1772.

Bratring, Die Reisen der Spanier nach der Suedsee. Berlin 1842.

Breton Excursions in N.S. Wales, W. Australia and V. Diemensland. London
1833.

Browne, N. Zealand and its aborigines. London 1845.

Carus, Ueber ungleiche Befaehigung der verschiedenen Menschheits-Staemme.
Leipzig 1849.

v. Chamisso, Bemerkungen und Ansichten auf einer Entdeckungsreise
(1815-18). Weimar 1821.

Cheyne, a description of islands in the Western Pacif. Ocean etc. London
1852.

Cook, 3te Entdeckungsreise in die Suedsee und nach dem Nordpol. 2. Bd.
Berl. 1789.--id. b, 1ste Entdeckungsreise bei Schiller.

Darwin, Naturwissenschaftliche Reise, uebersetzt von Dieffenbach,
Braunschw. 1844.

Dieffenbach, Travels in N. Zealand. London 1843.

Dillon, Narrative of a voyage in the South Sea. London 1839.

Dumont d'Urville, a, Voyage de l'Astrolabe. Paris 1830. id. b, Voy. au
Pole Sud. Paris 1841.

Ellis, Polynesian Researches. London 1831.

Erskine, Journal of a cruise among the Islands of the Western Pacific.
London 1853.

Finsch, N. Guinea und seine Bewohner. Bremen 1865.

Freycinet, Voyage autour du monde (1817-20). Paris 1827.

P. Mathias G***, Lettres sur les iles Marquises. Pasis 1843.

Gill, Gems from the Coral Islands. London 1855.

le Gobien, Histoire des Isles Marianes. Paris 1701.

Grey, Journals of two expedit. in NW and W. Australia (1837-39). London
1841.

Gulick, Micronesia, Nautical Magazin 1862.

Hale, Ethnographie and Philol. (Unit. States exploring expedition).
Philadelphia 1846.

Hearne, Reise von der Hudsonsbay bis zum Eismeere (1769-1772). Magaz. v.
Reisebeschreibungen. 14. Bd. Berlin 1797.

v. Hochstetter, Neuseeland. Stuttgart 1863.

Howitt, Impressions of Australia felix. London 1845. id. a, Abenteuer in
Australien. Berlin 1856.

A. v. Humboldt, a) Versuch ueber den politischen Zustand des Koenigreichs
Neuspanien. Tuebingen 1809.

b) Reise in die Aequinoktialgegenden des neuen Continentes,
deutsch v. Hauff. Stuttgart 1861.

c) Ansichten der Natur. 3. Aufl. Stuttgart u. Augsburg 1859.

Jarves, History of the Haw. or Sandw. Islands. London 1843.

v. Kittlitz, Denkwuerdigkeiten auf einer Reise nach d. russ. Amerika,
Mikronesien u. Kamtschatka (1826 etc.). Gotha 1858.

v. Kotzebue, Entdeckungsreise in die Suedsee und nach der Behringsstrasse
(1815-18). Weimar 1821.

Krusenstern, Reise um die Welt (1803-6). Berlin 1811.

v. Langsdorff, Bemerkungen auf seiner Reise um die Welt (1803-7).
Frankfurt 1812.

La Perouse, Entdeckungsreise 1785. Magazin von Reisebeschr. Band 16. 17.
Berlin 1799 f.

v. Lessep, Reise durch Kamtschatka und Sibirien, Magaz. v. Reisebeschr.
4. Berlin 1791.

Lichtenstein, Reise in Suedafrika (1803-6). Berlin 1812.

Lutteroth, Geschichte der Insel Tahiti, deutsch v. Bruns. Berlin 1843,

Mariner, Tonga Islands. London 1818.

Meinicke, a) Das Festland v. Australien. Prenzlau 1837.

b) Die Suedseevoelker u. das Christenthum. Prenzlau 1844.

c) Australien in Wappaeus Handbuch der Geographie und
Statistik. 7. Aufl. 2. Bd. 2. Nachtr. Leipzig 1866.

Melville, Vier Monate auf den Marquesas-Inseln. Leipzig 1847. Id. b,
the present state of Australia. London 1851.

Moerenhont, Voyage aux iles du grand Ocean. Paris 1837.

Nieuw Guinea, ethnogr. en natuurk. onderzocht in 1858 door een Nederl.
Ind. Commiss. Amst. 1862.

Nixon, The cruise of the Beacon. London 1857.

Novara, Reise der oesterr. Fregatte (1857-59). Wien 1861.

Ohmstedt, Incidents of a whaling voyage. N. York 1841.

Petermann, Mittheilungen u.s.w. a.d. Gesammtgebiet d. Geographie.

Poeppig, Artikel Indier bei Ersch u. Gruber. 2. S. B. 17. 1840.

Remy, Hist. de l'Arch. Hawaiien, texte et traduction. Paris et Leipzig
1862.

Salvado, Memorie storiche dell' Australia, part. della miss.
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Schomburgk, Reisen in Britisch-Guiana 1840-44. Leipzig 1848.

Sparmann, Reise nach d. Vorgebirge der guten Hoffn. 1772-76. Berlin
1784.

Stewart, Journal of a residence in the Sandwich isl. (1823-25). London
1828.

Taylor, The Ika a Maui or N. Zealand and its inhabitants. London 1855.

Thomson, The story of N. Zealand. London 1859.

Thunberg, Reisen in Afrika und Asien 1772-79 im Mag. d. Reis. 7. Bd.
Berlin 1792.

v. Tschudi, Reisen durch Suedamerika. Leipzig 1866.

Turnbull, Reise um die Welt 1800-1804, Magaz. v. Reisebeschr. Bd. 27.
Berlin 1806.

Turner, Nineteen years in Polynesia. London 1861.

Tyermann and Bennet, Journal of voy. in the S. Sea islands. London 1831.

Vankouver, Reisen nach d. noerdl. Theile der Suedsee (1790-95). Magaz. v.
Reisebeschr. Bd. 18. 19. Berlin 1799 f.

Virgin, Erdumsegelung der Fregatte Eugenie (1831-33), uebers. v. Etzel.
Berlin 1856.

Waitz, Anthropologie der Naturvoelker. Leipzig 1859 f. id. b, Die
Indianer Nordamerikas. Leipzig 1865.

Williams, a Narrat. of Missionary enterprises in the South Sea Islands.
London 1837.

Williams and Calvert, Fiji and the Fijians ed. by Rowe. Lond. 1858.

Wilson, Missionsreise ins suedl. stille Meer 1796-98, Magaz. von
Reisebeschr. Bd. 21. Berlin 1800.

Zeitschrift fuer allgemeine Erdkunde, neue Folge.




Inhalt.


Vorwort. Quellen
Sec.  1. Einleitung. Umfang des Aussterbens
Sec.  2. Empfaenglichkeit der Naturvoelker fuer Miasmen. Krankheiten, welche
spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und Kulturvoelker entstehen
Sec.  3. Direkt eingeschleppte Krankheiten
Sec.  4. Behandlung der Kranken bei den Naturvoelkern
Sec.  5. Geringe Sorgfalt der Naturvoelker fuer ihr leibliches Wohl
Sec.  6. Charakter der Naturvoelker
Sec.  7. Ausschweifungen der Naturvoelker
Sec.  8. Unfruchtbarkeit. Kuenstlicher Abortus. Kindermord
Sec.  9. Krieg und Kannibalismus
Sec. 10. Menschenopfer
Sec. 11. Verfassung und Recht
Sec. 12. Natureinfluesse
Sec. 13. Aeussere Einfluesse der hoeheren Kultur auf die Naturvoelker
Sec. 14. Psychische Einwirkungen der Kultur
Sec. 15. Schwierigkeit fuer die Naturvoelker, die moderne Kultur sich
anzueignen
Sec. 16. Behandlung der Naturvoelker durch die Weissen. Afrika. Amerika
Sec. 17. Fortsetzung. Der stille Ozean
Sec. 18. Geographische Vertheilung der einzelnen Gruende fuer das Aussterben
der Naturvoelker. Vergleichung dieser Gruende in Bezug auf ihr Gewicht
Sec. 19. Vergleichung der Natur- und Kulturvoelker in Bezug auf ihre
Lebenskraft
Sec. 20. Aussterbende und ausdauernde Naturvoelker
Sec. 21. Die afrikanischen Neger
Sec. 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturvoelker von den Kultur
behandelt sind
Sec. 23. Zukunft der Naturvoelker; Mittel sie zu heben
Sec. 24. Werth der Naturvoelker fuer die Menschheit und ihre Entwickelung.
Schluss




Sec.1. Einleitung. Umfang des Aussterbens.


Die Erscheinung, dass eine Reihe von Voelkern vor unseren Augen durch
langsameres oder rascheres Hinschwinden ihrem Untergang entgegengeht,
ist eine ueberaus wichtige. Dass sie fuer die Geschichtsforschung grosse
Bedeutung hat, leuchtet ohne weiteres ein; dass sie fuer die
Naturgeschichte des Menschen, die Anthropologie entscheidend ist,
ebenfalls. Und wenn es sich als wahr bestaetigt, dass, wie man behauptet
hat, diese Voelker aus einer Lebensunfaehigkeit, welche ihrer Natur
anhaftet, dem Aufhoeren entgegengehen; so ist, da die nothwendige
Folgerung jener Behauptung dahin fuehrt, dass man verschiedene Arten,
hoehere und niedere im Geschlecht Mensch annimmt, die Beantwortung dieser
Frage auch fuer die Philosophie massgebend. Praktisch hat man sie von
jeher in den Staaten betont, wo Weisse mit Farbigen zusammenleben; wie
man eben die Theorie der geringeren Lebensfaehigkeit nicht weisser Racen
zuerst in diesen Staaten aufgestellt hat.

Und allerdings ist es auffallend, dass nur farbige Racen dies
Hinschwinden zeigen und am meisten es da zeigen, wo sie mit der weissen
in Beruehrung gekommen sind; dass die Weissen, obwohl sie doch ihre
Heimat, das gewohnte Klima u.s.w. aufgegeben haben und in unmittelbarer
Beruehrung mit denen leben, welche in ihrem Vaterlande, scheinbar unter
den alten Lebensbedingungen, verkommen, gaenzlich davon verschont zu sein
scheinen.

Waehrend wir nun dies Hinschwinden hauptsaechlich bei den kulturlosen
Racen, bei den Naturvoelkern, d.h. bei den Voelkern finden, welche dem
Naturzustande des Menschengeschlechtes noch verhaeltnissmaessig nahe
stehen (Waitz 1, 346), oder bei welchen, um mit Steinthal zu reden, noch
keine bedeutende Entwickelung der logischen Faehigkeiten stattgefunden
hat: so sehen wir es doch ebenfalls auch da, wo farbige Racen sich zur
Kultur und sogar zu einer gewissen Hoehe der Kultur emporgeschwungen
haben, in Polynesien, in Mexiko, in Peru, und man hat daher geschlossen,
einmal dass diese Kultur doch nur Halbkultur und wenig bedeutend gewesen
sei, denn waere sie wahr und ganz gewesen, so wuerde sie groessere Kraft
verliehen haben: oder aber, dass bestimmte Racen, auch wenn sie sich
wirklich ueber das Niveau der gewoehnlichen "Wilden" erhoben haetten,
dennoch einem fruehen Tode entgegengingen, weil sie nun eben von der
Natur zum Aussterben bestimmt seien, weil es ihnen eben, in Folge ihrer
Raceneigenthuemlichkeit, an Lebensfaehigkeit fehle, welche keine Kultur
ersetzen koenne: vielmehr decke jede Art von Kultur diesen Mangel nur um
so mitleidsloser auf. Allerdings gibt es auch farbige Racen und
Naturvoelker, bei welchen an ein Aussterben nicht zu denken ist; und
andererseits sind auch Theile von Kulturvoelkern, indogermanische,
semitische Staemme verschwunden und ausgestorben. Allein bei letzteren
redet man nicht von einer geringeren Lebensfaehigkeit, einmal wegen der
Verwandtschaft dieser Staemme mit den anerkannt lebensfaehigsten Voelkern
der Welt; andererseits auch wegen der Art ihres Verschwindens. Denn der
Grund, warum sie aufgehoert haben zu existiren, liegt klar auf der Hand;
theils sind sie durch Krieg vernichtet, wie so viele Voelker, welche mit
dem alten Rom kaempften, theils sind sie mit anderen Kulturvoelkern, die
sie rings umgaben, verschmolzen, wie die Gothen, die Vandalen, theils
trat beides zugleich ein: die hoehere Kulturstufe, welche sie besiegte,
nahm die besiegten Reste in sich auf, wie die alten Preussen, die Wenden
und so viele slavische Voelkerschaften durch und in Deutschland, die
Iberer, die Kelten durch und in das roemische Wesen verschwanden. So war
auch zweifelsohne das Loos der Voelker, welche vor der Einwanderung der
Indogermanen Europa inne hatten. Anders aber ist das Hinschwinden der
Naturvoelker: wo sie mit hoeherer Kultur zusammenkommen, auch da, wo diese
letztere sich friedlich gegen sie verhaelt, sehen wir sie von Krankheiten
ergriffen werden, ihr physisches und psychisches Vermoegen versiechen,
und ihre Zahl, oft ausserordentlich rasch, sich vermindern. Allerdings
sind auch einzelne Naturvoelker aufgerieben oder doch stark vermindert
durch ganz aeusserliche und leicht begreifliche Gruende: so namentlich
viele malaiische Staemme, welche durch nachrueckende verwandte Voelker ins
Gebirge zurueckgedraengt und dabei gewiss ebenso so stark vermindert
worden sind, als durch ihr gleiches Schicksal die Basken in Europa,
waehrend sie in ihren Bergen sich in ziemlich gleichbleibender Anzahl
halten; so die Bewohner der Warekauri-(Chatam-) Inseln bei Neu-Seeland,
die Moreore. welche 1832-35 noch 1500 etwa betrugen, durch die
Neu-Seelaender aber, die in jenen Jahren einen Zug nach den
Warekauriinseln unternahmen, fast ganz ausgerottet sind, so dass ihre
Zahl jetzt nur noch 200 betraegt: und auch diese nehmen, durch
Assimilation an die eingewanderten Maoris rasch ab (Travers bei Peterm.
1866, 62). Auch muessen wir hier die schwarze Urbevoelkerung
Vorderindiens, die dekhanischen und Vindhyavoelker erwaehnen, weil auch
sie nach Lassen (ind. Alterthumskunde 1, 390) allmaehlich abnehmen.
Frueher waren sie weiter ausgebreitet und einzelne Reste von ihnen
scheinen sich (Lassen a.a.O. 387 ff.) in Himalaya, in Belutschistan,
Tuebet und sonst erhalten zu haben. Sie wurden durch die nachrueckenden
arischen Inder und gewiss nicht friedlich in die Gebirge zurueckgedraengt
(Lassen 366), wo sie nun theils im barbarischen Zustande weiter lebten,
theils aber, und so namentlich die suedlicheren Dekhanvoelker, in die
indische Kultur uebergingen (Lassen 364. 371). Ein aehnliches Schicksal
hatten verschiedene amerikanische Staemme, die von anderen maechtigeren
Indianervoelkern theils aufgerieben, theils sich einverleibt wurden; auch
wird von einzelnen Hottentottenvoelkern eine aehnliche Vermischung mit
Kafferstaemmen erwaehnt (Waitz 2, 318).

Doch scheinen auch manche Voelker vermindert oder gar verschwunden, ohne
es in Wirklichkeit zu sein. Ein solcher Schein ist hervorgerufen, wie
Waitz 1, 159-160 zeigt, theils durch Umaenderung von Namen, wo man nun
faelschlich annahm, weil der Name nicht mehr existire, so sei auch das
Volk erloschen, oder durch Irrthuemer der Reisenden, indem sie manche
Namen zu weit ausdehnen, andere aber auf voelligem Missverstaendniss
beruhen, oder durch falsche Schaetzung der Volkszahl, wie man sie oft
sehr uebertrieben, namentlich bei aelteren Reisenden, z.B. fuer Polynesien
bei Cook, findet u. dergl.

Ehe wir nun aber die Gruende fuer jenes weniger leicht zu erklaerende
Hinschwinden der Naturvoelker aufsuchen, muessen wir den Umfang desselben
betrachten, wobei wir ausser Europa alle Welttheile zu beruecksichtigen
haben.

In Asien sterben aus oder sind schon ausgestorben die Kamtschadalen und
so rasch ging ihre Verminderung vor sich, das Langsdorff (1803-4,
Krusensterns Begleiter) Ortschaften, welche die Cooksche Expedition und
La Perouse noch wohl bevoelkert sahen, voellig menschenleer fand. Wenn La
Perouse 1787 auf der Halbinsel im ganzen noch 4000 Bewohner fand
(2,166), so sind die russischen Einwanderer in dieser Zahl, bei der
trotzdem auf mehrere Quadratmeilen kaum ein Mensch kommt, schon
einbegriffen. Denn Cooks Reisebegleiter (1780) fanden, nach den
Mittheilungen eines dort ansaessigen Offiziers in Kamtschatka nur noch
3000 Einwohner, wobei die Kurilen schon mitgerechnet sind; sie erzaehlen
selbst, wie sich die Eingeborenen immer mehr mit den einwandernden
Russen verbinden und ihre Zahl dadurch immer mehr abnimmt (Cook 3. R. 4,
175). La Perouses Reisegefaehrte Lessep (41) behauptet, dass nur noch ein
Viertel der eigentlichen Kamtschadalen uebrig sei; und er war noch nicht
ein volles Jahrhundert nach der ersten Unternehmung der Russen (1696)
gegen Kamtschatka dort. Dasselbe Schicksal haben ausser den Jakuten und
Jukagiren in Sibirien Waitz, (1, 164) auch die Aleuten auf den
Fuchsinseln und die ihnen verwandten Staemme auf den naechsten Kuesten von
Amerika, die wir hier gleich erwaehnen, weil auch sie wie die
Kamtschadalen unter demselben Drucke Russlands stehen. Langsdorff fand
auf den Fuchsinseln nur gegen 300 Maenner, waehrend er fuer 1796 1300 und
fuer 1783-87 gar 3000 und mehr angibt. Das Steigen der Zahlen, welches
wir im Anfang dieses Jahrhunderts finden, ist keineswegs troestlich. Denn
wenn Chamisso (177, zweite Note) nach aktenmaessigen Mittheilungen fuer
1806 die Aleuten der Fuchsinseln auf 1334 Maenner und 570 Frauen, 1817
dagegen auf 462 Maenner und 584 Frauen angibt, so versieht er erstlich
diese allerdings auffallenden Zahlen selbst mit einem Fragezeichen; und
zweitens, wenn sie auch richtig sind, Langsdorff sich geirrt und die
Volkszahl sich nicht durch russische Einwanderer vermehrt hat: das
Sinken der Bevoelkerung von 1806-1817 ist gewiss eben so arg als wie wir
es bei Langsdorff geschildert finden. Der offizielle Bericht von 1860
bei Peterm. 1863, 70 gibt 4645 Bewohner der Fuchsinseln an: allein hier
sind jedenfalls die Russen, welche jetzt auf den Inseln ansaessig sind,
mitgezaehlt, obwohl die Mischlinge, 1896 Seelen, noch besonders angegeben
werden und diese Vermehrung, welche sich auf Kamtschatka gleichmaessig
findet, ist nur eine scheinbare.

Bekannt ist das Aussterben der Ureinwohner Amerikas, deren Zahl man in
Nordamerika fuer die Zeit der Entdeckung etwa auf 16 Millionen, jetzt
kaum noch 2 Millionen schaetzt (Waitz b, 16). 1864 betrug die Zahl der
Indianer in den Vereinigten Staaten etwa 275,000; 1860 zaehlte man noch
294,431; 1841 aber, auf kleinerem Gebiete 342,058 Seelen, so dass sich
also hier in 23 Jahren ein Verlust von nahezu 70,000 Menschen
herausstellt (eb. 18). Noch geringere Zahlen gibt Behm (105 ff.) an,
naemlich 268,000 unabhaengige Indianer fuer die Vereinigten Staaten,
155,000 fuer britisch Nordamerika. Und waehrend d'Orbigny (1838) fuer den
von ihm bereisten groesseren Theil von Suedamerika 1,685,127 Indianer
zaehlte (Waitz b, 16). so stellt Behm auch hier geringere Zahlen auf:
Brasilien hat nach ihm (a.a.O.) 500,000 unabhaengige Indianer, die drei
Guyanas 9770, Venezuela 52,400, Neu-Granada 126,000, Ekuador 200,000,
Peru 400,000, Bolivia 245,000, Chile 10,000, die Staaten der
argentinischen Republik 40,000, Patagonien und Feuerland 30,000, also
zusammen 1,613,170 und zwar fuer ganz Suedamerika. So viel aber betrug
allein die Bevoelkerung von Chile zur Zeit der Entdeckung (Poeppig 385
Anmerkung) nach einer der kleinsten Annahmen. Mittelamerika hatte um
1800 zwei und eine halbe Million unvermischter Ureinwohner und diese
Zahl war im Wachsen (Humboldt a 1, 107); aber zur Zeit der Entdeckung
betrug die Volkszahl in Tenuchtitlan, der alten Hauptstadt von Mexiko
und dem ihm nahe gelegenen Tezkuko allein nach mittleren Angaben fast
eine Million und das Land war dicht bedeckt mit grossen und volkreichen
Staedten. Behm nimmt als jetzige unabhaengige Urbevoelkerung nur 6000 an
(a.a.O.), eine Zahl, welche gegen Humboldts Angaben ausserordentlich
gering ist: allein Behm schaetzt hier nur die Indianer ab, "welche sich
den Behoerden vollstaendig entziehen", waehrend Humboldt auch die
Eingeborenen mitbegreift, welche sich am europaeischen Leben so gut wie
die spanischen Mexikaner betheiligen. Behm (114) schaetzt diese auf
4,800,000. Natuerlich geht dies Aussterben auch jetzt noch weiter, wofuer
v. Tschudi 2, 216 ein Beispiel gibt: die Malalies, ein araukanischer
Stamm, 1787 noch ueber 500 Individuen stark, schmolzen in jener Zeit
durch Kriege auf 26 Seelen zusammen. Obwohl sie nun 70 Jahre lang
ansaessig sind und ungefaehrdet gelebt haben, ist ihre Zahl doch nicht
hoeher als auf einige ueber dreissig gestiegen.

In Afrika sind es die Hottentotten zunaechst, welche in den Kreis unserer
Betrachtung hineingehoeren. Waehrend sie frueher sich weit hin in das
Innere von Suedafrika ausdehnten und in eine zahlreiche Menge von
einzelnen Staemmen zerfielen, finden wir sie jetzt auf sehr viel
kleinerem Gebiete und aufgerieben bis auf 3 Staemme, die Korana, Namaqua
und Griqua (Waitz 2, 317 ff.), deren Zahl fortwaehrend im Fallen ist.
Auch die Kaffern muessen hier erwaehnt werden, denn im brittisch Kafraria
hat sich 1857 die Bevoelkerung um mehr als die Haelfte vermindert: sie
betrug am Anfang des Jahres 104,721 Seelen und am Ende desselben nur
noch 52,186 (Peterm. 1859 S. 79 nach dem Population Return v. John
Maclean Chief Commissioner): nach Behm jedoch (100) 1861 74,648
Eingeborene.

Es bleibt uns nun noch Australien und Ozeanien zu betrachten uebrig, wo
an vielen Orten die Bevoelkerung rasch hinschwindet, so namentlich in
Neuholland. Doch ist es gerade fuer dies Land schwer, ja ganz unmoeglich,
Zahlen aufzustellen, weil die Staemme fortwaehrend hin- und herziehen und
daher alle Zahlangaben sehr wenig zuverlaessig sind (Grey 2, 246). Die,
welche Meinicke a 177 aufstellt, beweisen dies zur Genuege, und selbst
die bei Behm (72) sind nicht sicherer. Nur von Suedaustralien, Queensland
und Viktoria hat er bestimmte Zaehlungsergebnisse und so ist seine
Gesammtziffer 55.000 nur eine sehr ungefaehre. Alle Quellen aber
berichten einstimmig, dass die Bevoelkerung wenigstens der Kuesten
reissend abnimmt; dass Staemme, welche frueher nach Hunderten zaehlten,
jetzt vielfach bis auf ebenso viel Zehner zusammengeschmolzen sind. Die
Bevoelkerung Tasmaniens betrug 1843 noch 54 Individuen, 1854 noch 16
(Nixon 18) und ist jetzt wohl ganz ausgestorben.

Wenn auch nicht so reissend, so vermindern sich doch auch die Melanesier
an verschiedenen Gegenden ihres Gebietes: so nach Reina (Zeitschr. 4.,
360), die Voelker der kleinen Inseln in der Naehe von Neuguinea: so nach
D'Urville 5, 213 die Bewohner von Vanikoro, nach Turner 494 die
Eingeborenen der neuen Hebriden, wie z.B. die Bevoelkerung von Anneitum
1860, welche Turner auf 3513 Seelen schaetzt, 1100 Menschen durch eine
Masernepidemie verlor (Muray bei Behm 77) und die von Erromango 1842
durch eine gefaehrliche Dysenterie um ein Drittel vermindert wurde
(Turner a.a.O.); und so finden sich noch verschiedene Angaben zerstreut.

In Mikronesien ist die Bevoelkerung der Marianen, welche bei Ankunft der
Spanier 1668 mindestens 78,000 Einwohner gehabt haben, fuer die aber auch
100,000 durchaus nicht zu hoch gegriffen ist (Gulick 170) gaenzlich
ausgestorben. Schon um 1720 hatten die Inseln (und zwar nur noch die
beiden suedlichsten) nicht mehr als etwa 2000 Einwohner, und von diesen
waren sehr viele von den Philippinen her verpflanzte Tagalen. Ponapi
(Puynipet, Ostende der Karolinen) hatte nach Hale (82) 15.000 Bewohner,
welche Annahme vielleicht etwas, aber nicht viel zu hoch ist[A]; jetzt
hat sie (Gulick 358) noch 5000, Kusaie (Ualan) hatte 1852 12-1300, 1862
nur noch 700 Menschen (Gulick 245).

In Polynesien betrug auf Tahiti die Bevoelkerung zu Cooks Zeiten (1770)
etwa 15-16,000 Seelen (G. Forster nach einer spanischen Beschreibung von
Tahiti a.d. Jahre 1778 ges. Werke 4,211, Bratring 104, welcher derselben
Quelle folgt oder wenigstens einer nahe verwandten). Dieselbe Zahl fand
Wilson noch im Jahre 1797; Turnbull (259) gibt nur 5000 an im Jahre
1803, Waldegrave bei Meinicke b, 113 6000 fuer 1830 und Ellis 1, 102 fuer
1820 etwa 10,000, welche Zahl Virgin auch fuer 1852 angibt (2, 41). Moegen
auch diese Zahlen unbestimmt und schwankend und Turnbulls Angaben
negativ uebertrieben sein: so viel ist sehr klar, dass seit der
Entdeckung durch die Europaeer die Entvoelkerung dieser Insel, welche
indess nach den Aussagen der Eingebornen (Virgin 2, 41) schon frueher
begonnen hatte, rasch fortgeschritten ist; bis unter die Haelfte der
frueheren Kopfzahl sinken die Angaben. Auf den uebrigen Societaetsinseln
war das Verhaeltniss (Meinicke a. a. O.) ein aehnliches. Auch jetzt
scheint das Aussterben, obwohl langsamer, fortzugehen: der offizielle
franzoesische Bericht fuer 1862 gibt fuer Tahiti 9086 Bewohner an (Behm
81).

Auf Laivavai, einer der Australinseln, betrug die Bevoelkerung 1822
mindestens 1200, 1830 nur noch etwa 120 und 1834 kaum noch 100 Seelen
(Moerenhout 1, 143). Guenstiger ist Meinickes Schaetzung, welcher auf der
ganzen Gruppe Ende 1830 etwa 5000 Seelen, fuer 1840 nur noch 2000 annimmt
(a.a.O. 114). Rapa schaetzte Vankouver 1795 auf 1500 Einwohner, Moerenhout
(1, 139) 1834 nur noch auf 300 und diese waren in stetem Abnehmen. Auch
die Herveygruppe, welcher Ellis 1, 102 10-11,000 Bewohner gibt, ist
jetzt viel minder zahlreich bewohnt, namentlich Rarotonga, welches durch
eine furchtbare Seuche im hoechsten Grade gelitten hat (Williams 281).

Ganz ebenso schlimm ist es in Hawaii, wo nach Ohmstedt 262, die
Bevoelkerung in den Jahren 1832-36 von 130,000 auf 102,000 Seelen, also
in 4 Jahren um 28,000 Seelen gesunken ist! Mag Ohmstedt nun auch Recht
haben, dass die Bevoelkerungsziffer fuer 1836 zu gering ist, weil eine
Menge Geburten nicht angezeigt worden sind: so ist das Hinschwinden
trotzdem ganz ausserordentlich, zumal die Insel zu Cooks Zeiten, der
400,000 Einwohner angibt, wohl an 300,000 nach Jarves Berechnung (373)
hatte. Die Zahlen bei Meinicke (b, 115-16 nach der Sandwich Isl.
gazette) sind zwar nicht genau dieselben, das Verhaeltniss der Abnahme
aber bleibt, auch wenn wir ihnen folgen, unveraendert. Nach Virgin 1, 267
hatte die Hawaiigruppe 1823 etwa 142,000 Seelen, 1832 noch 130,313, 1836
108,579 und 1850 betrug die Zahl nur noch 84,165! also in 78 Jahren hat
sich die Bevoelkerung um ein Drittel gemindert und die Zahl der Geburten
verhielt sich zu den Todesfaellen wie 1:3! Auch jetzt noch schreitet die
Verminderung fort: die Zahl der Eingeborenen betrug nach dem Census von
1860 nur 67,084 Seelen (Behm 85).

Auch auf dem Markesasarchipel, dessen Bevoelkerung nach Meinicke (b, 115)
22,000 Menschen betraegt, ist ein Hinschwinden bemerkt: so verlor
Nukuhiva (Rodriguet in Revue de 2 mondes 1859 2, 638) von 1806-12 zwei
Drittel seiner Bevoelkerung durch Hungersnoth. Auf Neu-Seeland betraegt
die Abnahme der Bevoelkerung in den letzten 14 Jahren etwa 19-20 Percent;
1770 betrug sie etwa 100,000 und 1859 noch 56,000 (Hochstetter 474, nach
Fenton). Nach offiziellen Berichten im Athenaeum (Zeitschr. 9, 325),
welche zu Hochstetters Angaben nicht ganz stimmen, war die Zahl der
Eingebornen 1858 87,766, und zwar, auffallend genug, 31,667 Maenner und
56,099 Frauen. Dagegen treffen die offiziellen Berichte von 1861
(Meinicke c 557) mit Hochstetter ueberein: denn sie geben 55,336
Eingeborene an. Letzteres ist wohl das richtigere. Nach Fenton (Reise
der Novara 3, 178) verhielten sich bis gegen 1830 die Sterbefaelle und
Geburten zur Gesammtbevoelkerung wie 1: 33,04 und 1: 67,12.

Auf Samoa nimmt nach Erskine 104 die Bevoelkerung, 37,000 Seelen,
gleichfalls ab, und zwar soll die Abnahme nach den Berichten der
Missionaere in 10 Jahren auf einer Insel von 4000 bis zu 3700 oder 3600
vorgeschritten sein (eb. 60).

Auch die Pageh auf Engano, ein den Polynesiern aehnlicher malaiischer
Stamm auf einer kleinen Insel suedlich von Sumatra sterben aus nach
Wallands Urtheil, der auf der Insel eine aeusserst geringe Kinderzahl
vorfand--nur fuenf im Ganzen (Zeitschr. 16, 420).




Sec. 2. Empfaenglichkeit der Naturvoelker fuer Miasmen. Krankheiten, welche
spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und Kulturvoelker entstehen.


Indem wir uns nun anschicken, die Gruende fuer dies Hinschwinden
aufzusuchen, wollen wir zuerst vernehmen, wie man sich ueber die
Lebensunfaehigkeit dieser Staemme geaeussert hat. Poeppig (386) sagt von
Amerika: "Es ist eine unbezweifelte Thatsache, dass der kupferfarbene
Mensch die Verbreitung europaeischer Civilisation nicht in seiner Naehe
vertraegt, sondern in ihrer Atmosphaere ohne durch Trunk, epidemische
Krankheiten oder Kriege ergriffen zu werden, dennoch wie von einem
giftigen Hauche beruehrt ausstirbt. Die zahlreichen Versuche der
Regierungen haben Sitte und Buergerthum unter jener Race nie einheimisch
machen koennen, denn ihr fehlt die noethige Perfektibilitaet. Dieser Mangel
macht die durchdachten und menschenfreundlichen Plaene der Erziehung zu
nichte und rechtfertigt den Vergleich jener Menschheit mit jener eine
eigenthuemliche Physiognomie tragenden, aber niederen Vegetation, die das
dem Meere entstiegene Land zuerst in Besitz nimmt, aber in dem Masse wie
hoeher ausgebildete und kraeftigere Pflanzen sich entwickeln, sich
vermindert und zuletzt auf immer verschwindet. Wie sehr das menschliche
Gefuehl sich gegen eine solche Annahme straeubt, so glauben wir doch in
den Amerikanern _einen von der Natur selbst dem Untergang geweihten_
Zweig unseres Geschlechtes zu sehen. In den leer gewordenen Raum tritt
eine _geistig vorzueglichere_, beweglichere, aus dem Osten stammende
grosse Familie. Wie diese ihrer Bestimmung zur allgemeinsten Verbreitung
gehorsam sich ausdehnt und die entlegensten Wildnisse sich unterwirft,
so legt die Urbevoelkerung sich zum Todesschlafe nieder und verschwindet
selbst aus dem Gedaechtnisse des neuen Volkes. In weniger als einem
Jahrhundert wird vielleicht die Forschung ueber die ersten Bewohner eines
ganzen Welttheils dem Gebiete der Archaeologie ueberwiesen werden muessen,
und dann erst wird das Tragische und Raethselhafte ihres Schicksals
begriffen (?) und tief empfunden werden."

So schrieb 1840 ein deutscher Gelehrter, der lange Reisen in Amerika
gemacht hatte. Auch Carus Phantastereien von Tag-, Nacht- und
Daemmerungsvoelkern (17 ff.) gehoeren hierher; seine westlichen
Daemmerungsvoelker, "sie, die wirklich dem Untergange zugewendet sind und
ihrem Verloeschen mehr und mehr entgegengehen", sind die Amerikaner;
seine Nachtvoelker, welche sich "ueber Afrika ausdehnen und hinab gegen
Sueden ueber Australien (!), Van Diemensland und einen Theil von
Neuseeland (als Papus!!) erstrecken", stehen noch tiefer in ihrer
geistigen Entwickelung und Faehigkeit. Ganz aehnlicher Ansicht ueber die
Neuhollaender, wie Poeppig ueber die Amerikaner, scheint Meinicke zu sein,
nur dass er sich verhuellter ausdrueckt; doch nennt er sie einen "dem
Untergang _geweihten_" Volksstamm (c 522) und spricht hier n. a 2, 215
von ihrer "gaenzlichen Unbildsamkeit". Viel direkter hat man von der
Unbildsamkeit, von dem nothwendigen Untergang, von der geringen
Lebensfaehigkeit der tieferstehenden und mangelhaft organisirten Racen in
Amerika (Waitz 3, 45) und den Kolonieen in Afrika, Neuholland und
Polynesien gesprochen; da man denn sich auch weiter kein Gewissen
machte, den Untergang, welchem diese Racen nun doch einmal geweiht
seien, damit auf ihren Truemmern sich das bessere Leben hoeherstehender
Racen entwickeln koenne, mit allen Mitteln beschleunigen zu helfen.

Aber auch vorurtheilsfreie Forscher sehen in diesem Hinschwinden etwas
Raethselhaftes, so Waitz 1, 173, wenigstens in Beziehung auf Australien
und Polynesien, da hier eine Hauptursache der Entvoelkerung, welche in
Amerika so wirksam war, der Druck durch die Weissen, in Polynesien ganz
wegfalle, in Australien wenigstens nicht weitgreifend gewirkt habe.
"Begreiflicher Weise, faehrt er jedoch fort, ist das Aussterben eines
Volkes, das frueher kraeftig und gesund gewesen ist, nicht damit erklaert,
dass man ihm die Lebenskraft abspricht oder einen urspruenglichen Mangel
der Organisation zuschreibt, und es hat an sich schon etwas sehr
Unbefriedigendes fuer eine so seltene und abnorme Erscheinung einen
geheimnissvollen Zusammenhang anzunehmen, dem sie ihre Entstehung
verdanke; man wird vielmehr hier wie ueberall nach dem natuerlichen
Zusammenhange der Sache zu suchen haben, wenn man sich auch schliesslich
zu dem Gestaendnisse genoethigt finden sollte, dass es bis jetzt nicht
gelingen will, denselben vollstaendig aufzuklaeren."

Wir wollen sehen, ob wir zu diesem Gestaendniss genoethigt werden.

Auch Darwin (2, 213) sieht bei diesem Aussterben, fuer welches er viele
natuerliche Gruende anfuehrt, auch "noch irgend eine mehr raethselhafte
    
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