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Über das Aussterben der Naturvölker
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Georg Gerland German ISO-8859-1


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Drittens ist nicht zu übersehen, dass der Neger schon seit einer Reihe
von Jahrtausenden, seit der ersten Entwickelung der Kulturvölker, mit
diesen in Berührung und oft in sehr enger steht und gestanden hat: so
ist er an die Einflüsse der Kultur ganz anders gewöhnt als Amerikaner
und Ozeanier, als Hottentotten und Kamtschadalen, und hat daher ihre
ungünstigen Folgen weit weniger zu fürchten.

Hiermit ist der Einwand, welchen man von den Negern aus erheben könnte,
als beseitigt zu betrachten; wir müssen indess noch einen Blick auf das
Aussterben der freigewordenen Neger in den vereinigten Staaten werfen,
wie wir es im Ausland (1867, 1404) geschildert sehen nach Henry Lathams
black and white. Nach ihm sind seit der Emancipation von 4,000,000
Negern 1,000,000 zu Grunde gegangen, durch Unwissenheit, Hülflosigkeit,
Laster und Mangel. Unfruchtbarkeit trat ein, Kindermord nahm überhand,
»die Sterblichkeit war so gross, dass es Leute gab, welche eine Lösung
der schwierigen Negerfrage in dem Verschwinden der farbigen Raçe in den
nächsten 50 Jahren voraussagten«. »In den Gebieten, wo sie während des
Krieges in grösster Sicherheit lebten, wo man annehmen kann, dass sie
massenhaft vorhanden sind, und wo die grössten Beiträge zusammengebracht
wurden, um sie vor Hungersnoth zu schützen, sind sie in Abnahme
begriffen. In dem kältern Klima der Nordstaaten starben die farbigen
Familien nach einer oder zwei Generationen aus.« Die Schilderung ist,
wie wir sie hier vor uns haben, entschieden parteiisch gefärbt. Wir
betrachten daher nur die Thatsache, dass die emancipirten Neger
moralisch und physisch sich verschlechtern, ja geradezu verkommen. Diese
Erscheinung ist allemal da beobachtet, wo Neger emancipirt wurden, und
sie machte auch der Republik Liberia anfangs viel zu schaffen; allein
sie tritt bei jeder Sklavenemancipation naturgemäss jedesmal ein, mögen
die Sklaven nun Neger oder nicht sein. Sie haben nicht gelernt,
selbständig zu leben, für sich zu sorgen, für sich zu arbeiten; jede
Arbeit ist ihnen, in Erinnerung an ihr früheres Loos, eine Last zugleich
und eine Entwürdigung. Durch den langen Zustand der Unfreiheit haben sie
die Fähigkeit, der Natur gegenüber sich zu behaupten, welche sie in
ihrer Heimath besassen, verlernt; sie sind auch geistig herabgedrückt
und dass sie lasterhaft werden, ist die Folge des Beispiels, was ihnen
allzuoft ihre eigenen Herren gaben, sowie des Mangels an Selbstachtung,
zu dem sie als Sklaven verurtheilt waren. In Nordamerika ist ihnen
ferner jede Emancipation noch durch die entschiedene und rücksichtslose
Feindseligkeit unendlich erschwert, mit der die »gute Gesellschaft«, die
Weissen, sich vor jedem Farbigen strenge verschliesst, für den sie
nichts als die bitterste Verachtung hat. Klimatisches mag sich
gleichfalls geltend machen; jedenfalls ist hier nichts, was unserer
Betrachtung irgend ein neues Moment zufügen oder eine nähere Erklärung
noch erheischen könnte.




§ 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturvölker von den Kulturvölkern
behandelt sind.


Ehe wir unsere Betrachtungen schliessen, ist es nöthig, auch einen Blick
auf die Kulturvölker zu thun, welche mit den Naturvölkern in Berührung
kamen; denn ein solcher wird ethnologisch nicht ohne Ausbeute sein.
Zunächst ist zu constatiren, dass alle Kulturvölker sich ganz auf
dieselbe Weise grausam, rücksichtslos und unmenschlich gegen die
Naturvölker betragen haben, die mit ihnen in Berührung kamen: die
Spanier, die Portugiesen, die Holländer, die Engländer und die
Franzosen. Die Engländer und Holländer zeichnen sich durch
unaussprechlichen Hochmuth und Hass gegen jede farbige Bevölkerung aus,
durch welchen sie den Naturvölkern fast nicht mindern Schaden gethan
haben, als durch offene Feindseligkeiten. Wir Deutsche haben Eroberungen
nicht gemacht, aber trotzdem sind einzelne unserer Landsleute mit den
Naturvölkern in Berührung gekommen. Diejenigen, welche zur Zeit der
ersten Entdeckung Amerikas mit den Spaniern dorthin kamen--so die
Abgesandten der Welser, welchen dort Länderstrecken von Karl V.
verpfändet waren--wütheten nicht geringer als die Spanier selbst. Das
westliche Venezuela wurde um 1527 von Georg v. Speier und Ambrosius
Dalfinger verwüstet (Waitz 3, 398). Allein das sind vereinzelte Fälle;
im Ganzen haben die Deutschen den Naturvölkern Segen gebracht, denn
gerade die einflussreichsten Missionen sind zum Theil in ihren Händen
gewesen, wobei vor allen Dingen an die Wirksamkeit der Herrnhuter in
Afrika und Nordamerika (z.B. Heckewelder) erinnert werden muss. Auch
unter den Jesuiten waren viele Deutsche, z. B. Dobrizhofer unter den
Abiponen, Strohbach auf den Marianen. Die Missionsthätigkeit ist auch
jetzt noch nicht vermindert und trägt ihre segensreichen Früchte für die
Eingeborenen und für die Wissenschaft, denn eine Menge der bedeutendsten
Missionsschriften sind, freilich meist in englischer Sprache, von
Deutschen verfasst--Namen wie Kölle, Döhne, Teichelmann, Schürmann,
Dieffenbach (freilich kein Missionär) u.a. sind bekannt genug.

Die fast immer ganz unmenschliche und mordgierige Art, mit welcher der
Europäer die Naturvölker bekriegte und meist deren Rohheit bei weitem
übertraf, zwingt uns zu einem anthropologischen Schluss von nicht
geringer Bedeutung; denn wir sehen daraus klar, »dass die Kluft, die den
civilisirten Menschen vom sogen. Wilden trennt, bei weitem nicht so
gross ist, als man sich oft einbildet« (Waitz, 3, 259). Man hat ja
gerade die wilde Blutgier der Naturvölker so wie ihr beharrliches
Fernbleiben von aller Kultur so besonders hervorgehoben, ja mit darauf
hin den Schluss gezogen, dass sie von geringerer Organisation und
Befähigung, dass sie von Haus aus eine niedrigere Raçe wären (Carus 28,
22 ff.). Wie will man das aber aufrecht halten, wenn die civilisirten
Völker von einer viel wilderen und grauenvolleren Blutgier besessen
sind, die um so schrecklicher wird, als sie unvermittelt neben so hoch
entwickelten intellektuellen Fähigkeiten steht? Wenn die grössten und
bedeutendsten Männer dieser civilisirten Völker dieselbe Blutgier
theilen, wie Columbus, welcher die auf Menschen dressirten Hunde
einführte, der Königin Isabella rieth, die Kosten seiner Fahrten durch
Menschenraub zu decken, Diebstähle mit grausamen Verstümmelungen strafte
und Hinterlist und gemeinen Verrath gegen die Indianer für erlaubt
hielt? (Waitz 4, 331). Wenn die blutgierig-rohesten wohl noch wegen
ihrer grauenvollen Bestialität als besonders hervorragend gepriesen
werden, wie die »Pioniere des Westens«, die »Helden von Old-Kentucky«
(Waitz 3, 260), die nebenbei auch der intellektuellen Vorzüge der Kultur
sich begebend genau ebenso abergläubisch als die Indianer wurden, deren
Lebensweise, Vergnügungen und Skalpirungen bald sich nur noch durch
grössere Rohheit von den Indianern unterschied? Ja d'Ewes (China,
Australia and the Pacif. Islands in 1855-56. London 1857, p. 150)
erzählt, dass einzelne Weisse auf den Fidschi-und Tonga-Inseln, neben
den grässlichsten Verbrechen aller Art, sogar den Kannibalismus der
Eingeborenen mitgemacht haben! Beispiele von Spaniern und Portugiesen,
welche unter die Bildungsstufe der Eingeborenen Südamerikas
herabgesunken sind, findet man reichlich bei Waitz 1, 370 und bei v.
Tschudi an verschiedenen Stellen. Ehrlichkeit, Treue, Vertrauen,
Anstand, Gastfreundschaft, Menschlichkeit, reine Religiosität, die
besseren moralischen Eigenschaften findet man meist nicht auf Seiten der
Europäer, sondern der so tief verachteten Naturvölker, und Seume's

»Wir Wilden sind doch bessre Menschen«

hat seinen tiefen Grund. Man sage nicht, dass die von den Europäern
verübten Schlechtigkeiten nur von einzelnen ausgegangen und also auch
nur den einzelnen Individuen zur Last zu legen seien; sie sind so
ziemlich gleichmässig von der gesammten Kolonistenbevölkerung ausgeführt
und jedenfalls von ihr höchlich gebilligt worden; ja es fehlt noch viel,
dass sie auch jetzt überall getadelt würden.

Es zeigt sich aus diesen Betrachtungen ferner, wie ungeheuer langsam die
Menschheit moralisch fortschreitet und wie wenig durch intellektuelle
Entwickelung ein Fortschritt nach jener Seite bedingt wird. Das eben von
Columbus Erwähnte mag als Beleg dienen, er, der geistig so hoch über
seiner Zeit stand, hatte sittlich ganz dieselbe Stufe inne. Seine ganze
Zeit aber stand trotz des Christenthums, trotz der äusseren Kultur noch
auf einem Standpunkt der geistigen Rohheit, die sich noch kaum von dem
Wesen des Naturmenschen unterscheidet, ja durch reicher entwickelte und
ganz zügellose Leidenschaften noch tiefer als jenes erscheint. Wie
gewaltig nun die Entwickelung der Intelligenz in den letzten drei
Jahrhunderten zugenommen hat, weiss Jeder; blickt man aber auf die
Kulturvölker des 19. Jahrhunderts--man denke an die Engländer in
Tasmanien, Neuholland, Nordamerika, die Portugiesen und Spanier in
Südamerika--so wird man von einem moralischen Fortschritt noch gar wenig
bemerken, denn sie benehmen sich, allerdings nicht mehr in solcher
Allgemeinheit, gerade ebenso brutal und unmenschlich, als die Spanier im
16. Jahrhundert.

Auch kann man nicht behaupten, dass die heutige Propaganda und ihr
Verfahren in der Südsee sich sehr zu ihrem Vortheil von den Missionären
des 16. und 17. Jahrhunderts unterschied; was sie etwa an
Gewaltthätigkeit verloren hat, das hat sie an Unwahrheit gewonnen. Und
wenn man im 19. Jahrhundert mit demselben Leichtsinn wie im 16. nur um
zu taufen, tauft: so ist das in unseren Zeiten bei weitem schlimmer, als
in jenen früheren. Bis jetzt also hat die Höhe der intellektuellen
Entwickelung noch keineswegs durchgreifend und in dem Maasse, als man
denken sollte, auf die moralische Seite des menschlichen Charakters
gewirkt--aus Gründen, deren tiefere psychologische Motivirung hier uns
zu weit führen würde.

Und doch lässt es sich nicht läugnen, dass alles wirkliche Fortschreiten
der gesammten Menschheit, wodurch sie immer reiner und wirklich
menschlicher sich entwickelt, nicht sowohl auf intellektuellen als auf
moralischen Geistesthaten beruht. Die europäische Gesellschaft ist zu
ihrer heutigen Höhestufe emporgehoben erstens durch die Gleichstellung
der Frauen bei den Germanen, zweitens die rein moralische Macht des
Christenthums, drittens die Reinigung des Christenthums und die
Anerkennung der individuellen Geistesfreiheit durch die Reformation und
die Reinigung der sozialen Verhältnisse durch die Revolution des vorigen
Jahrhunderts. Letztere trug auch gleich den Naturvölkern die besten
Früchte: denn dass Polynesien wesentlich anders behandelt ist, als
Amerika, dazu trugen nicht wenig bei die Lehren von Männern wie
Rousseau, der Gedanke, dass alle Menschen, mochten sie nun durch Stände
oder Hautfarbe und Sprache verschieden scheinen, in ihrem Wesen gleiche
Menschen seien; ja die Ansicht, welche man von diesen Völkern lange Zeit
in Europa hegte, beruhte gleichfalls auf diesen Gedanken, da sie
hauptsächlich durch die Werke der Forster hervorgerufen wurden, diese
aber eifrige Anhänger Rousseau's waren.--Neben jenen Hauptförderungen
der Menschheit darf man einige andere zwar nicht in erster Linie
anführen, aber auch ebensowenig ganz übersehen, und dahin gehört die
Erweckung des reinen Schönheitssinnes, der wahren Kunst durch die
Griechen. Während nun im Leben der Völker und der Einzelnen es sich nur
allzuhäufig zeigt, dass die grösste Ausbildung der Intelligenz auf die
sittliche Vollendung eines Menschen gar keinen Einfluss hat, so fördert
umgekehrt jeder sittliche Fortschritt der menschlichen Gesellschaft ihre
intellektuellen Leistungen und ist ohne eine solche Förderung gar nicht
zu denken, da ja jeder wirklich bedeutende sittliche Fortschritt die
Menschheit in ihrem ganzen Wesen hebt und weiter entwickelt, und nur wo
dieser Doppelfortschritt geschieht, kann von einem wirklichen
Höhersteigen die Rede sein. Man hebt nie ein Volk nur durch Industrie
und Lehranstalten, wenn man es dadurch auch reich und wohl unterrichtet
machen kann; man hebt es nur, wenn man seine idealen Anschauungen
läutert und fördert. Dass aber eine Förderung nicht etwa dadurch
eintritt, dass man der Gegenwart das Ideal vergangener Jahrhunderte als
das einzig heilvolle aufzwingen will, das liegt auf der Hand.




§ 23. Zukunft der Naturvölker. Mittel, sie zu heben.


Was wird nun die Zukunft der Naturvölker sein? Geradezu vernichtet sind
nur wenige bis jetzt und noch können wir, und da wir Unfähigkeit zur
Entwickelung, leibliche oder geistige, nirgends bei ihnen finden, noch
müssen wir hoffen. Freilich ist viel verdorben; und die Leichtigkeit der
Annäherung, das Vertrauen, mit dem sie der Kultur entgegenkamen, ist bei
den meisten unwiederbringlich verloren.

Wie bisher die Missionäre die grössten Verdienste um diese Völker haben,
so fallen auch, wenn wir nach der Zukunft fragen, unsere Augen zunächst
auf die Missionäre. Wenn wir bedenken, dass die Polynesier man kann wohl
sagen ihre Rettung bisher ihnen verdanken, dass, die Hottentotten und so
mancher amerikanische Stamm nur und allein durch sie Gelegenheit hatten,
auch die guten Seiten der Kultur an sich zu erfahren; so können wir
nicht dringend genug wünschen, dass ihr Werk sich segensreich immer
weiter ausbreiten möge. Dazu gehört zunächst Unterstützung durch die
weltlichen Mächte, freilich anders als sie von Frankreich den
katholischen Missionären zu Theil wurde: denn die Staaten müssten, im
Interesse der jedesmaligen Eingeborenen, jede segensreiche Wirksamkeit
gleichviel von welcher Confession gleichmässig schützen. Und so hat
sich, um gar nicht vom Christenthum zu reden, auch vom anthropologischen
Standpunkt aus die katholische Kirche und Frankreich in ihrem Dienst in
der Südsee schwer vergangen. Die Mächte, welche unter den Naturvölkern
Kolonien haben, England besonders, haben den grössten Vortheil von einer
tüchtigen Wirksamkeit der Missionäre; denn einmal werden durch sie
unnütze Kriege, die doch auch den Weissen oft schädlich genug sind,
vermieden, und ferner die Eingeborenen selbst der Kolonie gewonnen. Man
sollte also von Staatswegen die Missionen mit allen Mitteln stützen
(nicht gewaltsam einführen, nur stützen), aber auch zugleich ein
wachsames Auge auf sie haben und sie nöthigen Falles zur Rechenschaft
ziehen. Denn Menschlichkeiten können vorkommen und sind auch unter den
protestantischen Missionären der Südsee vorgekommen, welche z.B. in
Neuseeland durch ihre Landankäufe und Spekulationen sich und ihrer Sache
und den Eingeborenen gleichviel geschadet haben. Aber auch die
Missionäre müssen auf sich selbst das strengste Augenmerk haben. Sie
müssen immer mehr und mehr zu der richtigen und wichtigen Einsicht
gelangen, dass es nichts hilft, Völker zu taufen oder sie auf abstrakte
und für jene Menschen ebenso unverständliche wie unbrauchbare
Lehrbegriffe hinzuweisen, wenn man nicht alle ihre Geisteskräfte weckt,
die Wahrheiten dieser Lehre sich anzueignen. Nach dieser Seite--wer
wollte es läugnen? übersteigt es doch auch hier ganz fehlerlos zu
handeln bei weitem menschliche Kraft--nach dieser Seite haben beide
Kirchen viel verfehlt; die katholische durch oft ganz beispiellos
leichtsinniges Taufen, wobei sie das Heidenthum ruhig bestehen liess
(Beispiele für diese harte Behauptung liefern die Annales de la
propagation de la foi, Michelis und Lutteroth genug; wir führen
einzelnes der Kürze halber nicht an), die protestantische durch
allzustrengen Ernst und eigensinniges Steifen auf die abstrakten
Lehrsätze. Doch wird jeder Unbefangene die bei weitem bessere
Wirksamkeit auf protestantischer Seite sehen müssen, wenn wir auch fern
sind, zu verkennen, was die katholische Kirche grosses geleistet hat.
Männer wie Las Casas und so viele seiner Glaubensgenossen, welche fast
der einzige Schutz der unterdrückten Amerikaner waren, so viele
Jesuiten, die mit dem grössten Glaubenseifer sich jeglicher Gefahr für
das Christenthum unterzogen, wie z.B. der gewaltige San Vitores auf den
blutgetränkten Marianen: alle diese Männer müssen in erster Reihe
genannt werden, wenn es sich um Darstellung der Verdienste der Mission
handelt.

Man mache die Naturvölker erst zu Menschen, dann zu Christen; man bilde
sie langsam zu der und durch die Kultur vor, deren höchste Blüthe das
Christenthum ja eben sein will. Nicht Wissen und Erkennen, und wäre es
der höchsten Weisheit, Thätigkeit vielmehr und selbständiges Bauen des
eigenen Lebens gibt dem Menschen erst sittlichen Halt und sittliche
Kraft: diese wecke, gestalte, befördere man und man wird das
Christenthum fördern. Ist es doch wahr, dass jene Verbrecher, welche aus
den Deportationsorten entsprangen und sich an verschiedenen Stellen
Ozeaniens niederliessen, durch die Bruchstücke von Kultur, welche sie
den Eingeborenen mittheilten, dem Christenthum und den Missionären den
Weg gebahnt und sehr erleichtert haben, ohne dass sie es selbst wollten
und obwohl sie oft mit der Kultur zugleich manches Verbrechen lehrten.
Will man aber ohne genügende Vorbereitung rasch Erfolge sehen, so wird
man nichts wirken; die Missionsberichte (beider Confessionen) beweisen
zur Genüge, wie thöricht ein solches Streben ist und wie es oft zu den
allergröbsten Selbsttäuschungen führt. Nur die liebevollste Arbeit und
aufopferndste Hingebung vieler Generationen kann hier wirklichen und
bleibenden Erfolg erringen. Man muthe doch nicht den Naturvölkern zu,
die Höhe der Bildung im Fluge zu ersteigen, welche die begabtesten
Kulturvölker im Laufe von Jahrtausenden und mit so häufigem Rückfall, so
heissem Kampfe, so stetiger Arbeit sich errungen haben.

Aber auch die weltliche Macht muss Hülfe bringen; zunächst negativ,
indem sie nicht duldet, dass andere, was die Missionäre bauen,
untergraben und einreissen; und ferner positiv, indem sie das von jenen
begonnene weiterführt. Sie muss die Eingeborenen in ihren natürlichen
Rechten schützen, das Eigenthumsrecht an den von ihnen bewohnten Boden
anerkennen und aufs Strengste darauf halten, dass ihnen von Seiten der
Kolonisten kein Unrecht geschieht. Freilich werden solche Männer wie
Lord Grey, die mit der grössten Umsicht und Energie die reinste
Menschenliebe besitzen, nicht häufig gefunden werden; aber man kann auch
in der Wahl einer obersten Kolonialverwaltung nicht zu viel thun.
Specielle Vorschläge haben Grey für Australien, Dieffenbach für
Neuseeland, Andere für andere Völker gemacht; und es liesse sich, bei
allen Schwierigkeiten, wenn die Mächte, welche Kolonien besitzen, also
vor allen Dingen England ernsthaft wollten, gewiss viel Elend verhüten,
viel Gutes stiften und viel Verdorbenes herstellen. Bis jetzt freilich
haben die englischen und überhaupt die europäischen Matrosen meist nur
das eine Recht der Gewalt; die Frevel, die sie an jenen Völkern begehen,
bleiben ungestraft, während es mit den ärgsten Strafen heimgesucht wird,
wenn die Eingeborenen irgend an Weissen freveln. Zum Theil ist diese
Ungerechtigkeit nöthig, um die fernen Weissen zu schützen; theils aber
liegt sie auch in der selbst noch sehr mangelhaften moralischen
Entwickelung der Weissen, welche an solchen Gewalttaten im grossen
Ganzen kaum einen Frevel. sehen. Was soll man dazu sagen, wenn
Schandgeschichten wie die folgende unter Englands offiziellem Schutz
geschehen und in den Zeitungen, auch in deutschen, fast als Scherz
erzählt werden? Nach der Ermordung eines Kaufmanns[O] erschien das
englische Kriegsschiff Perseus, Capitän Stevens, 1867 im Frühjahr vor
der Palaus (Pelewsinseln, westliches Mikronesien), um Genugthuung zu
fordern: es zeigte sich, das der Kaufmann auf Befehl des Königs, auf
dessen Insel Koror er lebte und Grundeigentum besass, ermordet sei, weil
er an die Feinde desselben Feuerwaffen verkauft hatte. »Obwohl nun
Stevens einsah, heisst es, dass jener besser gethan hätte, keine
Mordwaffen zu verkaufen«, so glaubte er doch streng verfahren zu müssen
und verlangte Hinrichtung des Königs. Die Insulaner, von dem
Kriegsschiff bedrängt, beschlossen, sich nicht zu widersetzen--aber sie
baten, dass die Hinrichtung von Matrosen des Schiffes ausgeführt würde,
was Stevens nicht zuliess. »Insulaner sollten das Werk thun«. So geschah
es denn. Und es geschah noch mehr. Die so behandelten Insulaner riefen
den Schiffscapitän zu ihrem König aus. »Er nahm auch sofort die Krone an
und bewies, dass er die königliche Prärogative in erspriesslicher Weise
zu nützen verstehe. Er befahl seinen Unterthanen, Hühner, Eier, Früchte
und sonst noch mancherlei an Bord des Dampfers zu bringen und diesem
Befehl wurde willig Folge gegeben. Eine Vergütung für die gelieferten
Sachen blieb ausser Frage, doch war seine improvisirte Majestät so
gütig, einige Geschenke, als da sind: Messer, Scheeren u. dergl.
verabfolgen zu lassen. Als dies geschehen war, dankte er ab und
überliess den Paleuinsulanern, sich nun einen anderen König nach ihrem
Geschmack zu suchen« (Globus 12, 59, nach der Overland China Mail v. 30.
Mai 1867 und der »Presse« zu Manila). Heisst das nicht, jede
Selbstachtung eines Volkes mit Füssen treten? nicht, der Gerechtigkeit
und Menschlichkeit ins Gesicht schlagen? Und das that ein Vertreter des
englischen Staates im Namen der Gerechtigkeit! Und eine solche
Geschichte erheitert als Anekdote ein europäisches Publikum! Die
Insulaner mussten, trotz ihrer Bitten, ihren eigenen König erschiessen,
weil er sich eines gegen ihn entschieden feindlich handelnden
Engländers, allerdings auf frevelhaftem Wege, entledigt hatte! So lange
solche Geschichten noch möglich sind, so lange ist allerdings für die
Naturvölker noch nicht allzuviel zu hoffen. Und sie werden, wir
befürchten es, noch lange möglich sein; so lange wenigstens sicher als
die Kulturvölker sich von ganz anderem Stoff dünken, als jene »Wilden«,
denen man wohl die Gestalt, aber keineswegs die Rechte eines Menschen
zugesteht.

Gegen diese gänzliche Ausschliessung von allem europäischen Leben, wie
es die Eingeborenen in den Kolonialländern fast immer zu dulden haben,
müsste der Staat, was in seinen Kräften steht, thun, wenn er jene
wirklich heben wollte: denn das ist es, was sie jetzt am meisten von der
Kultur ab und im Elend zurückhält. Aber das wird schwer, wo nicht
unmöglich sein; und die Menschheit, so scheint es, wird erst noch
manchen Schritt vorwärts thun müssen, ehe diese Gleichstellung (wenn sie
dann noch möglich ist) auch nur annähernd sich verwirklichen lassen
wird; so dass man in diesem Sinne wohl sagen kann, alles, was in Europa
zur Hebung der weissen Bevölkerung und ihres sittlichen Lebens
geschieht, das kommt auch mittelbar den Naturvölkern zu gut.




§ 24. Werth der Naturvölker für die Menschheit und ihre Entwickelung.
Schluss.


Aber, so müssen wir noch fragen, kann man überhaupt einem Staat, den
civilisirten Völkern zumuthen, so viel Müh und Arbeit an die Naturvölker
zu verwenden, die sie doch anderen Zwecken und vielleicht besseren oder
doch nützlicheren entziehen müssen? Kann man nicht mit Fug und Recht von
dem werthlosen Leben dieser rohen Nationen Talleyrands berüchtigtes je
n'en vois pas la nécessité sagen? Wie man vom Standpunkte des
Christenthums hierauf antworten muss, welches lehrt, dass alle Menschen
Brüder und vor Gott gleich sind, liegt auf der Hand: und wo wird denn
ein strenges Christenthum mehr zur Schau getragen, als im öffentlichen
Leben Englands und Amerikas? Aber auch vom Standpunkt der Philosophie
aus wird man die Erhaltung der minder entwickelten Völker für eine
wesentliche Aufgabe der Kultur ansehen müssen. Der empirische Forscher
wird nach genauer historischer und naturwissenschaftlicher Betrachtung
der Welt sehen, dass die Gesammtheit der Natur als solche dem
Entwickelungsgesetze folgt, wie die einzelnen grossen Abtheilungen der
Natur, wie die Gattungen, Arten und Individuen. Das Gesetz dieser
Entwickelung besteht aber darin, dass Alles, Gesammtheit und
Einzelnwesen, eine grössere Vollkommenheit, Festigkeit und Sicherheit
der Existenz anstreben. In diesem Entwickelungsgange hat die Natur
selbst die Werthbestimmungen gesetzt, dass sie das Individuum der Art,
die Art der Gattung, die Gattung der Familie, kurz das Beschränktere dem
Grösseren unterordnet, ja wenn es im Interesse des Grösseren noth thut,
aufopfert. Es würde spiritualistische Verkennung unseres Standpunktes
sein, welchen wir in der Stufenfolge des Ganzen einnehmen, wenn wir
Menschen für uns andere Gesetze beanspruchen wollten, als sie für die
gesammte Natur gelten; zeigt doch auch alle historische Entwickelung,
dass wir unter ganz denselben stehen, wie die übrigen Organismen alle,
nur dass unsere Stellung verschieden ist. Wie nun also der Natur
Erhaltung und Förderung des Ganzen Hauptzweck ist, so muss er es auch
uns Menschen sein, und zwar zunächst Erhaltung und Förderung der
menschlichen Gesellschaft, da unsere Thätigkeit zunächst unserer eigenen
Gattung naturmässig gehört. Das aber heisst schlecht dem Ganzen dienen,
wenn man lebensfähige Keime desselben, bloss weil sie nicht im gleichen
Lenz und nach gleicher Art mit uns sich entwickelt haben, zertreten
wollte. Wer weiss, zu welchem Endzweck auch sie der Natur dienen können!
Und Niemand wird doch behaupten wollen, dass sie zu zertreten den
Völkern von höherer Kultur Nutzen brächte. Wenn wir von diesem
philosophischen Standpunkt aus nach dem Zweck menschlicher Entwickelung
forschen, so werden wir die Civilisation als solchen bestimmen müssen
(Waitz 1, 478 f.). Denn einmal sichert sie erst durch engen
Zusammenschluss der Individuen, welche sich im Naturzustande
selbstsüchtig, also feindlich gegenüber stehen, die menschliche
Gesellschaft dauernd und fest, andererseits bringt sie erst, indem sie
auf diese Weise eine Menge überschüssiger Kraft frei macht, die
Menschheit zu höherer Entwickelung. Sie allein ist es, welche die
wichtigste Seite des menschlichen Lebens, die Thätigkeit des Geistes
überhaupt erst ermöglicht. Zu diesem Endzweck menschlicher Entwickelung
ist aber jedes Volk berufen und die einzige Aufgabe schon civilisirter
Nationen uncivilisirten gegenüber kann nur die sein, die Civilisation
auch zu jenen hinzutragen, nicht aber durch die reichlicheren und
wirksameren Mittel derselben jene zu vertilgen. Auch darf hierbei nicht
übersehen werden, wie nichts der Civilisation selbst gefährlicher ist,
als Zurücksinken in Rohheit, weil ein solches mit stets zunehmender
Geschwindigkeit, gleichsam nach den Fallgesetzen vor sich geht. Das
wüste Verfahren gegen die Naturvölker ist aber ein solches Zurücksinken
in Rohheit und wie beim längeren Vernichtungskampf gegen sie jene
Rohheit schrecklich wächst, das haben wir schon gesehen. Ganze Stämme
civilisirter Nationen sind durch sie, zu der sich dann noch Faulheit und
Genusssucht gesellten, in die äusserste Barbarei zurückgesunken oder
doch wenigstens merklich in ihrer Entwickelung aufgehalten: so die
Holländer am Cap, die Spanier und Portugiesen und zum Theil die
Engländer in Amerika. Das ewige Blutvergiessen und Morden musste sie
immer gleichgültiger, immer roher machen und dadurch schwanden
selbstverständlich gar manche andere Interessen; Faulheit und so manches
andere, obwohl gar manche Kolonisten auch davon einen reichlichen
Vorrath mitbrachten, war die natürliche Folge der fortgesetzten
Grausamkeit. Führt uns dieser letztere Punkt schon aus dem theoretischen
und moralischen mehr ins praktische Gebiet, so gibt es auch noch andere
praktische Gründe, welche für Schonung und Hebung der Naturvölker,
keinen aber, der dagegen spricht. Waitz (1, 484) setzt auseinander, dass
bei den grossen Unterschieden in der Naturumgebung der Menschen, bei den
mannigfaltigen Fähigkeiten und Eigenschaften, welche die verschiedenen
Völker im und durch den Lauf der Zeiten entwickeln, die Civilisation der
gesammten Menschheit auch in höchster Vollendung keine ganz gleiche zu
sein braucht, ja auch nur sein kann. »Ohne dass ein Volk dem anderen die
materielle oder die geistige Arbeit ganz abnehmen könnte, würde sich
doch das Verhältniss so gestalten, dass bei einigen die eine, bei
anderen die andere Art der Arbeit in ein entschiedenes Uebergewicht
träte, dass einige in der einen, andere in der anderen Richtung sich
produktiver zeigten und dem entsprechend auf die übrigen wirkten und
ihnen mittheilten. Den Tropenländern würde alsdann mehr oder weniger
allgemein die überwiegende Produktion der materiellen, den gemäßigten
Klimaten die der geistigen Güter zufallen. Eine hohe Stufe
intellektueller Bildung, tiefes Denken und eine durchgebildete, auf
feiner und vielseitiger Ueberlegung ruhende Sittlichkeit, scheint bei
der geistigen Erschlaffung kaum erreichbar zu sein, welche das Leben in
der heissen Zone für den Europäer wie für den Eingeborenen mit sich
bringt« (1, 185). Gerade weil aber das Leben unter den Tropen
erschlaffend wirkt und auf den weissen Einwanderer noch mehr als auf den
Eingeborenen, so ist es für ersteren der grösste Vortheil, wenn ihm
Unterstützung von letzteren zu Theil würde. Von wie grossem Segen wäre
es für alle Kolonien, statt wie jetzt in oft so blutiger Feindschaft mit
den Eingeborenen zu leben, in ihnen Helfer und freundliche und
intelligente Arbeiter zu finden und so empfiehlt sich schon von rein
praktischer Seite für den Europäer die Schonung und Hebung der
Naturvölker durchaus.

Auch haben diese letzteren manches und wenn es bloss die Kenntniss der
sie umgebenden Natur wäre, was sie als nützliche Dankesgabe für eine
ihnen gewidmete treue Sorgfalt geben könnten. Hatten doch einige von
ihnen reiche und originelle Kulturen entwickelt, deren Zerstörung ein
unersetzlicher Verlust für die Menschheit ist. Zunächst ist es die Höhe
und Reinheit der mexikanischen Moral, wovon Waitz (4, 125 ff.) Proben
gibt und die auch hinter den Lehren des Christenthums keineswegs weit
zurückbleiben, was jene Behauptung rechtfertigt. Zugleich aber war in
Mexiko wie in Peru auch die intellektuelle Fähigkeit hoch entwickelt,
und was sie in industrieller Beziehung leisteten (Bauwerke, Goldarbeiten
u.s.w.) ist bekannt genug. Sicher ist uns vieles von dem, was sie
leisteten, durch die Art der Eroberung verloren; und was eine solche
Kultur geleistet haben würde, wenn sie durch freundliches und
allmähliches Bekanntwerden mit der europäischen erhöht worden wäre,
darüber haben wir kein Urtheil. Jedenfalls sind verschiedene Brennpunkte
der Kultur für die Menschheit nur ein Vortheil und zwar ein ganz
unschätzbarer, wenn man bedenkt wie langsam im allgemeinen die
Entwickelung der Völker ist. Auch ist kein geringer Werth auf die
originale Verschiedenheit solcher selbständiger Kulturen zu legen; durch
ihr Zusammentreffen, Wetteifern, selbständiges Schaffen wird mehr und
allseitiges ins Leben gerufen und der menschliche Geist mehr und
allseitiger entwickelt, als durch eine einzige in sich wesentlich
gleiche Kultur.

Möge denn von diesen Völkern wenigstens gerettet werden, was noch zu
retten möglich ist. Bis jetzt steht die Entwickelung der Menschheit auch
nach dieser Seite hin ganz unter naturalistischem Gesetz. Der »Kampf ums
Dasein«, in welchem es der Stärkere ist, welcher siegt, zeigt sich im
vollsten Maasse; die erstarkten Raçen breiten sich aus, gewaltsam und
zum Unterschied von der unvernünftigen Natur mit Lust und ohne
Bedürfniss zerstörend, und ihnen erliegen die schwächeren. Allein der
Mensch ist der Vernunft und der Liebe fähig und gerade darin sollte der
stärkere des vernunftbegabten Geschlechtes seine Kraft zeigen, dass er
schwächeres liebend zu sich emporhebt, statt es zu vernichten; dann
würde der Geist, die sittliche Wahl des Menschen herrschen und die
Gesamtheit hätte einen grossen Schritt weiter gethan auf der Bahn, die
sie gehen muss, in der Befreiung des Geistes von den rohen Fesseln der
äusseren Natur.




Fußnoten:


[A] Hale sagt ausdrücklich, dass sie ihm nicht zu hoch schiene; er hatte
die Angabe von Punchard, einem Engländer, der mehrere Jahre auf der
Insel gelebt hatte.

[B] Auch die Beispiele, welche Darwin a.a.O. zur Erhärtung seiner
Hypothese von dem schädlichen Effluvium lang eingeschlossener Menschen
mittheilt, lassen sich aus Obigem, wie es scheint, erklären, ebenso das
Erkranken der Shropshirer Schafe. Jenes Effluvium ist weiter nichts, als
eben solche unbewusst mitgeschleppten Miasmen, an welche der, welcher
sie mitbringt, seine Natur nach und nach accommodirt hat.

[C] Diese Frühreife der Weiber ist wohl nicht, wie Humboldt b 2, 190
will, Raçencharakter. Einmal widerspricht dieser Behauptung, dass sich
mancherlei Beispiele von später Entwicklung auch unter den
Amerikanerinnen findet; und sodann, dass fast bei allen Naturvölkern die
Mannbarkeit so früh eintritt. Wenn nun auch das Klima mannigfachen
Einfluss hierauf hat (Waitz 1, 45), so doch keineswegs einen überall
gleich bleibenden und sicher nachzuweisenden. Denn bei den Eskimos, bei
den Kamtschadalen und anderen Völkern in so hohen Breitengraden finden
wir dieselbe Erscheinung und die Fidschis z.B. in der heissen Zone
zeigen sie nicht. Waitz 1, 125 führt die animalische Nahrung und die
hohe Temperatur in den Hütten vieler dieser Völker als Grund an. Allein
auch dies trifft nicht bei allen zu. Sollte nicht der Grund der frühen
Mannbarkeit der sein, dass einmal bei der gänzlichen Schrankenlosigkeit
der Naturvölker die Wünsche früher erregt und ferner die Mädchen zu
frühe begehrt werden? Das konnte und musste im Laufe der Generationen
seine Wirkung zeigen. Die Gewöhnung vererbte sich immer mehr, setzte
sich durch Vererbung immer fester, und so entwickeln sich die
Geschlechtsfunktionen wirklich früher, als es der menschlichen Natur
eigentlich normal ist. So würde sich diese Erscheinung bei allen
Naturvölkern gleich gut erklären: und man lernt täglich Gewöhnung und
Vererbung mehr in ihrer Bedeutung für die Geschichte der Menschheit
schätzen. Dass Klima und sonstige Lebensweise mit gewirkt haben, soll
damit nicht abgeläugnet werden; nur sind sie bei den Naturvölkern von
untergeordnetem Einfluss, und die Einwirkung von Gewöhnung und Vererbung
ist gewiss die Hauptsache. Nirgends ist der Einfluss des Willens, der
Wünsche und Gedanken so gross, als gerade im geschlechtlichen
Verhältniss.

[D] Spuren von ihr finden sich auch in Südamerika, so bei Azara 248, der
von den Mbayas erzählt, dass ihre Weiber nie Fleisch von Kühen und Affen
essen; doch, da ihre Mädchen überhaupt kein Fleisch, nicht einmal grosse
Fische und zur Zeit der Periode nur Gemüse und Obst geniessen, so könnte
man diese Enthaltsamkeit auch einfacher erklären. Dagegen ist es gewiss
eine dem nordamerikanischen Totem ursprünglich verwandte jetzt nicht
mehr verstandene Sitte, wenn die Cariben z.B. nie Affen essen, dagegen
die Ameisenbären als Delikatesse aufsuchen, welche wiederum die Makusis
nur nothgedrungen essen würden (Schomburgk 2, 434). Thiere gelten auch
in Südamerika als die Stammväter und Schutzgeister mancher Völker. Und
nicht anders ist es in Afrika bei den Betschuanen, deren einzelne Stämme
unveränderliche, ihre Abstammung von gewissen Thieren bezeichnende Namen
besitzen. »Diese Thiere werden von den Völkern, die sich nach ihnen
nennen, heilig gehalten, weder gejagt noch gegessen und man pflegt durch
die Frage »was tanzt ihr« nach dem Namen desselben sich zu erkundigen.«
So gibts Männer des Löwen, Krokodils, Stachelschweins, Fischs, Affen,
doch auch des Eisens, Waitz 1, 352. 413. Die Frage »was tanzt ihr«? ist
merkwürdig. Sie erinnert an manchen Thiere darstellenden Tanz
amerikanischer und australischer Völker, und es liegt nahe anzunehmen,
dass die heiligen Tänze zuerst das Leben der Schutzgeister
versinnbildlichten, wie die Griechen die Geschichte ihrer Götter
tanzten. Später erblasste die Bedeutung solcher Tänze vielfach.

[E] Aehnliches findet sich auch bei indogermanischen Völkern. Heilige
Thiere als Wappen und in Eigennamen waren sehr gebräuchlich, vergl.
Grimm D.M. 633. Tödtete man sie auf der Jagd, oder beschnitt man einen
heiligen Baum, so waren auch dabei bestimmte versöhnende und abbittende
Gebetsformeln üblich, eb. 618.

[F] Wenn hier Kadu nicht irrthümlich einen rohen melanesischen Stamm
meint; oder, um etwas recht Entsetzliches zu erzählen, absichtlich oder
selbst getäuscht aufbindet. Denn wahrscheinlich ist die Angabe für die
Palaus nicht.

[G] Zwillinge werden fast von allen Naturvölkern getödtet: auch von den
Negern (Waitz 2, 124).

[H] Obwohl auch Jarves 83 manche der Zahlen anzuzweifeln scheint.

[I] Dass übrigens auch bei Indogermanen und Semiten die Kinder vielfach
getödtet sind, ist ja bekannt genug. In Griechenland wurden die Kinder
umgebracht, welche der Vater, wenn sie die Hebamme ihm vor die Füsse
legte, nicht aufhob; eine Sitte, die bei Plautus und Terenz, d.h. also
der späteren attischen Komödie so vielfach erwähnt wird. Namentlich
Töchter wurden umgebracht. Diese Tödtung geschah durch Aussetzung
zumeist (Schömann griech. Alterthümer 1, 562). Bei den alten Deutschen
herrschte durchaus derselbe Gebrauch. Aus semitischem Gebiet sei
zunächst an Abrahams Opferung Isaaks erinnert, sodann an den
Molochdienst der Phönicier, der so vielfach von den Juden nachgeahmt
wurde (Winer, bibl. Realwörterbuch unter Moloch) so wie an die der
Astarte geschlachteten Kinder (Movers Phön. 2, 2, 69). Allerdings ist
der semitische Gebrauch ein religiöser, also zum Kinderopfern gehörig.
Doch liesse sich auch für blosses Aussetzen der Kinder manches
Semitische beibringen.

[J] Auch was Humboldt b5, 110-111 von den »Mysterien des Botuto«, einer
Trompete von Thon mit mehreren kugelartigen Anschwellungen, die zu allen
feierlichen Ceremonien gebraucht wird, erzählt, gehört hierher: »um in
die Mysterien des Botuto eingeweiht zu werden, muss man rein von Sitten
und unbeweibt sein. Die Eingeweihten unterziehen sich der Geiselung, dem
Fasten und anderen angreifenden Andachtsübungen.« Durch die Trompete
theilt der grosse Geist den Eingeweihten seinen Willen mit; sie stehen
also mit den Göttern in näherem Verkehr als andere Menschen und das war
auch der Grundgedanke der Areois. Ganz ähnlich wird von Haiti berichtet.
»Die Caziken nämlich standen«, erzählt Waitz 4, 329 nach Herrera,
Torquemada und Petr. Martyr, »ohne selbst Priester zu sein, doch an der
Spitze des Cultus: die Tempel und Opferplätze, wo die Gottesverehrung
stattfand, waren entweder ihre Häuser selbst oder Hütten, die als ihnen
gehörig betrachtet wurden; dort waren die Bilder der Ahnen aufgestellt,
die von Holz, inwendig hohl und mit einem Rohre versehen nur von ihnen
um Orakel befragt werden konnten und nur aussprachen was sie ihnen
eingaben. Sie berauschten sich zu diesem Zwecke mit einer Art von
Schnupftabak und führten die heilige Handlung allein aus, von der
natürlich das Volk ausgeschlossen blieb.« Auch Tänze gehörten zu diesen
religiösen Mysterien, die sie allein kannten, auch dies wieder wie bei
den Areois.

[K] Jak. Grimm, Gesch. d. d. Sprache 1. Aufl. (1848) S. 143 ff. stellt
eine Menge Völker zusammen, bei welchen derselbe Gebrauch vorkam:
Scythen (Issedonen, nach Mela 3. Auflage 1868), Kelten (3. Auflage),
Germanen verschiedener Stämme (Deutsche, Schweden) Romanen und Slaven.
Merkwürdig ist, dass auch bei Heiligen-Schädeln der Gebrauch vorkommt,
so zu Trier, zu Neuss, und nach Aventin (Ausg. v. 1566 fol. 33, a) zu
Ebersberg und Regensburg. Der Gebrauch ist also derselbe; man sieht, es
war wohl zunächst eine Art von Kannibalismus, dann aber auch ein Zeichen
der Freundschaft, der Liebe, dankbarer Erinnerung. Zu beachten ist noch,
dass Aventin sagt, Niemand hätte aus einem solchen Schädel trinken
dürfen, wer nicht einen Feind erschlagen hätte, da auch dieser Zug an
manches Aehnliche unter den Naturvölkern erinnert. Doch können wir diese
höchst merkwürdigen Uebereinstimmungen hier nicht weiter verfolgen.

[L] Herod. 4, 26 (nach Grimm a.a.O.) sagt von den Issedonen [Griechisch:
epean andri apothanê patêr, hoi prosêchontes pantes prosagousi
probata chai epeiten tauta thysantes chai chatatamontes ta chrea
chatatamnousi chai ton tou dechomenou tethneôta gonea, anamixantes de
panta ta chrea daita protitheatai]. Auch die Wilzen und Skythen assen
ihre verstorbenen Eltern. Die Wenden tödteten noch im 16. Jahrhundert
ihre arbeitsuntüchtigen Väter unter besonderen Ceremonien (Kühn,
märkische Sagen und Mährchen 335). Auch hier stehen wir vor einer
uralten und weit verbreiteten Sitte, die wir hier ebenfalls nur
berühren, nicht abhandeln können. Vgl. was etwas weiter unten über Mare
und Neuguinea gesagt wird. Ueber dieselbe Sitte bei Römern, Griechen,
Phöniziern (Sardinien), spanischen, deutschen u.a. Völkern siehe Merklin
in den Memoires de l'academie de Petersbourg 1852 S. 119 und Osenbrüggen
in der Vorrede zu Cicero pro S. Roscio p. 51 ff. Auch das litauische
Sprichwort (Schleicher lit. Mährchen 179) »wie das Söhnchen heranwächst,
hat es auch den Vater erwürgt«, könnte auf eine ähnliche, jetzt längst
abgekommene Sitte hinweisen.

[M] Bei Bechst. bekommen Knaben nach Genuss einer Zauberspeise die
Fähigkeit zu fliegen. In einem sehr ähnlichen indischen Mährchen bei
Somadeva (Brockhaus 104) ist diese Speise Menschenfleisch. Ein
Zusammenhang beider Erzählungen wäre nicht undenkbar.

[N] Die Menschenschädel, welche am Eingange des Palastes, an den
Stadtthoren und allen wichtigen Plätzen Dahomeys angebracht sind (Waitz
2, 130), kann man gewiss nicht anders deuten. Auch unter den Semiten war
der Gebrauch verbreitet: die phönicischen Städte wurden dadurch fest
gemacht, dass man an ihren Thoren und sonst Menschen eingrub (Movers
Phönizien 2, 46). Bei den Indogermanen kommt er vielfach vor; er war bei
den Germanen sehr verbreitet, wie Ueberreste dieser Sitte noch heute
beweisen; so wird z.B. am Südharz das kleinste Kind des Hauses barfuss
in den frischen Estrich hineingestellt, damit er halte u.s.w. Bei den
Slaven kommt er vor, wie sich in vielen ihrer Mährchen und Sagen zeigt
(z.B. Talvj Volkslieder d. Serben 1, 117, die Erbauung Skodras); von den
Kelten wird er gleichfalls erwähnt und Hahn albanesische Studien 1, 160
erzählt dasselbe von Albanien. Die Thiere, die man jetzt dort schlachtet
und ganz oder theilweise einmauert (wie auch in Deutschland viel
geschah), vertreten nur die früheren geopferten Menschen. In Albanien
herrscht auch, um das zu § 4 nachzutragen, ein ganz ähnliches
Heilverfahren, wie bei Hottentotten, Amerikanern und Australiern. Jedes
Uebel, das auch hier nur auf Bezauberung beruht, wird in Gestalt von
etwas Festem aus dem Körper entfernt und dieses letztere dann
eingewickelt fortgeworfen. Wer auf das Eingewickelte tritt, auf den geht
die Krankheit über (ebend, 159).

[O] Der getödtete Engländer hiess Cheyne und ist derselbe, welcher das
auch von uns vielfach benutzte Buch a description of islands in the
Western Pacific Ocean, north and south of the Equator geschrieben hat
(Petermann, Mittheil. 1868, 28). Obwohl nun dies und seine anderen
Schriften sehr werthvoll sind zur Kenntniss des sonst noch so wenig
gekannten westlichen Theiles des stillen Ozeans; so hat man doch bei der
Benutzung Vorsicht anzuwenden, da Cheyne, selbst Sandelholzhändler (und
Trepangfischer) sich bei der moralischen Beurtheilung der geschilderten
Völker sehr häufig von seinen Handelsinteressen beeinflussen lässt. So
schildert er die Melanesier ohne Ausnahme (Fichteninsel, Lifu, Mare,
Uea, Tanna, Erromango u.s.w.) als wild und »höchst verrätherisch« und
war selbst häufig mit ihnen im Streit. Ebenso erzählt er von _allen_
Karoliniern, dass man ihnen nicht trauen dürfe. Er steht also selbst auf
dem Standpunkt der Sandelholzhändler und beachtet nicht, was die
Eingeborenen von diesen an Ungerechtigkeit, Raub und roher Gewalt zu
leiden hatten. Nach der Lektüre seines Buches wundert man sich nicht,
dass er ein solches Ende genommen hat; das ganz einseitige Betonen
seiner Handelsinteressen liess vielmehr nichts anderes erwarten. Es
fällt daher von hier aus erst das wahre Licht auf die Vorgänge in Koror,
sowohl auf sein Auftreten als auf den Racheakt des englischen
Kriegsschiffes.
    
END OF BOOK

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