|
|
Mädchen vollständig ungebunden (Dieffenb. 2, 40). Die Weiber selbst
lockten die ankommende Mannschaft von Wallis Schiff durch die
unanständigsten Geberden ans Land und die Männer, welche das Geschäft
abschlossen, forderten schon damals für schöne Frauen, Töchter,
Schwestern u.s.w. höhere Preise als für minder schöne (Wallis 214 ff.
256). Ja vor aller Augen, und nicht etwa aus Roheit, wie die Bewohner
der Palauinseln nach Kadus Zeugniss bei Chamisso 137[F], sondern
umstanden von vornehmen Weibern, unter denen die Königin selbst,
vollzogen sie die Begattung, zum Ergötzen der Umstehenden, welche dem
Paare, namentlich dem betheiligten Mädchen, Lehren gaben, um die Lust zu
erhöhen--doch das war nicht nöthig, denn, obwohl das Mädchen erst 11
Jahre zählte, so wusste sie doch mit allem schon guten Bescheid (Cook b,
126-27, vergl. 86. 106). Da ist es nicht zu verwundern, dass schmutzige
Gegenstände sehr häufig, vor aller Ohren, Inhalt der Unterhaltung waren
und nur belacht wurden. Ueberall herrschte Polygamie; auf Tahiti,
Nukuhiva und Hawaii (Turnbull 65, Stewart 129, Porter 2, 30) kamen
Heirathen unter Geschwistern vor, jedoch nur in der regierenden Familie,
die auf andere Art keine ebenbürtige Ehe schliessen konnte, da alle
anderen Adelsgeschlechter an Rang unter ihr standen (Ellis 4, 435). Auf
den Markesasinseln war es nach Melville 2, 122-23 Sitte, dass die
Weiber, ähnlich wie die Aleutinnen, zwei Männer hatten, einen wirklichen
Gatten und einen Nebenmann, der ganz die Rechte wie jener besass, auch
im Frieden mit ihm lebte; welche Sitte nach Melville darin ihren Grund
hatte, dass es weit mehr Männer als Frauen gab. Mathias G*** sagt 111
dasselbe, was auch sonst noch vielfach bestätigt wird. Auch unnatürliche
Lüste, denen in Tahiti ein eigener Gott vorstand (Mörenh. 2, 168), waren
sehr ausgedehnt. Männer in Weiberkleidern finden wir, wie in Amerika,
auch zu Tahiti, aber hier nur im Dienste der widernatürlichen Wollust
(Turnbull 306); und da nun die Männer des gemeinen Volks, damit die
Fürsten desto mehr Weiber hätten, oder weil sie den Kaufpreis für die
Frauen nicht zahlen konnten, fast immer unverheirathet bleiben mussten,
so war Onanie unter ihnen in solchem Grade getrieben, dass sie dadurch
meist unfähig wurden, einem Weibe noch beizuwohnen (Wilson 311). »Ihre
Verbrechen in dieser Art sind zu entsetzlich, als dass sie alle erzählt
werden könnten,« sagt Wilson (1799) a.a.O. Noch Ellis (1, 98) fand
dasselbe vor, er sagt, die Schilderung, welche Paulus von den Heiden im
ersten Kapitel des Römerbriefes mache, passe durchaus auf die Tahitier.
Auch in Hawaii waren unnatürliche Laster ganz gewöhnlich, von denen
Päderastie nur oder wenigstens vorzugweise unter den Fürsten vorkam
(Remy XLIII).
Mikronesien steht viel höher in dieser Beziehung, mit Ausnahme der alten
Marianer, unter denen, freilich nach den alten spanischen Berichten
(Salaçar bei Oviedo XX, 16), eine arge Zügellosigkeit herrschte, und le
Gobien berichtet manches entsprechende. Aber sonst fanden die ersten
europäischen Besucher in Mikronesien keine Ausschweifungen, weder im
Trunk noch in der Liebe vor, wenn auch die Mädchen leicht zu gewinnen
waren: und schamhaft waren sie alle (Chamisso 91. 119). Uebrigens
herrschte, nach Chamisso 118-19, Polygamie auch auf Ratak und besonders
nahe Freunde besassen auch die Weiber gemeinschaftlich.--Auch im
eigentlichen Polynesien gab es reinere Bezirke, so Tonga, wo die
Jünglinge von Staatswegen zur Keuschheit ermahnt wurden: nie sollten sie
Gewalt anwenden, nie sich gegen Ehefrauen vergehen (Mariner 1, 138);
allein auch hier waren die Unverheiratheten ganz frei und ebenso die
verheiratheten Männer (2, 174), auch hier waren Unanständigkeiten der
häufige und gern belachte Inhalt des Gespräches, die man nur vor
verheiratheten Frauen vermied (2, 177). In Samoa herrschte noch grössere
Sittenstrenge.
Viel besprochen ist die Gesellschaft der Areois auf Tahiti, über welche
Mörenhout 1, 485-503 und Ellis 1, 230 ff. handeln, und die auch wir kurz
besprechen müssen, wenn wir an diesem Ort auch nur auf die furchtbare
Unsittlichkeit hinweisen, welche in dieser ursprünglich religiösen
Gesellschaft herrschte. Männer und Weiber lebten in ihr aufs höchste
ausschweifend und unter dem bestimmten Gesetz, alle ihre Kinder zu
tödten, beisammen und hochgeehrt vom ganzen Volk, dem sie wie Götter
erschienen, durchzogen sie die Inseln, um Feste, Schauspiele, Tänze vor
der Menge aufzuführen. Wir finden diese Gesellschaft nicht bloss auf
Gesellschaftsinseln, sondern (Meinieke b 78) auch auf Rarotonga, auch im
Markesasarchipel (Mörenh. 1, 502). Und da nun le Gobien 59-62 von den
Uritaos der Marianen ganz das Nämliche erzählt, die in aller
Zügellosigkeit mit den Mädchen des Landes zusammenlebten, selbst in
Blutschande, ohne dass es ihnen Tadel zuzog, da sie von höherer Weihe
waren (Freycinet 2, 368)--so werden wir auch diese, wie schon ihr Name
derselbe ist, mit jenen Areois trotz Meinickes Widerspruch (b, 79)
zusammenstellen müssen.
Es kann uns nicht wundern, wenn solche lasterhafte Sitten, in solcher
Ausdehnung herrschend, die Gesundheit der polynesischen Bevölkerung
untergruben und sie haben es gethan. Schon eine bis zwei Generationen
vor Wallis hatte die Volksverminderung, nach den Aussagen der
Eingeborenen selbst, auf Tahiti angefangen (Ellis 1, 105) und dass
hieran diese Ausschweifungen, wenn auch nicht allein, so doch zum
grössten Theil schuld waren, kann man gewiss behaupten. Ihren
entnervenden Einfluss schildern wenigstens die zuverlässigsten
Augenzeugen in den düstersten Farben, wie Ellis 1, 98 und Turnbull
(1804) 307. Und ferner ist es sehr begreiflich, dass solche entnervte
Wüstlinge sehr viel und leichter Krankheiten ausgesetzt waren, als
gesunde Menschen, dass Krankheiten viel heftiger bei ihnen wüthen
mussten und dass sich namentlich die Syphilis unter ihnen rasch
verbreiten und gefährlich erweisen musste.
§ 8. Unfruchtbarkeit. Künstlicher Abortus. Kindermord.
Aber eine andere noch schlimmere Folge dieser Ausschweifungen ist die
Unfruchtbarkeit der Weiber, welche in Polynesien hauptsächlich auf
diesem einen Grund beruht. Die Unfruchtbarkeit der Ehen auf den
Markesas, welche schon Krusenstern 1, 255-56 und dann Melville 2, 125
betont, erwähnt auch Mathias G*** 108 mit starkem Nachdruck.
Unfruchtbarkeit ist in Hawaii sehr verbreitet (Virgin 1, 268); in Tahiti
wird es erst in neuerer Zeit besser und Dieffenbach 2, 15-16 gibt als
eine der Ursachen für das Hinschwinden der Maoris die geringe
Fruchtbarkeit ihrer Weiber an.
Da nun aber ganz analoge Erscheinungen sich in Melanesien (wo z.B. auf
Erromango schon eine hohe Kinderzahl ist, Turner 494), in Neuholland
(Grey 2, 248 ff.) und namentlich in Amerika vorfinden, so hat man, vor
allem mit Rücksicht auf die Eingeborenen des letzten Landes gesagt, die
geringe Fruchtbarkeit sei ein charakteristisches Merkmal für niedere
Raçen, das in ihrer Natur selbst begründet liege. Allerdings haben die
Weiber der Botokuden (Tschudi 2, 284), der Makusi (Schomburgk 2, 312)
der meisten brasilianischen Völker (Azara an vielen Stellen) und ebenso
auch der meisten Nordamerikaner (wofür Waitz 1, 169 die Beispiele
zusammenstellt) sehr wenige, oft auch gar keine Kinder; allein wie man
hierin ein Raçenmerkmal finden soll, ist für Unbefangene unmöglich
abzusehen. Denn erstlich zeigen sich eine lange Reihe äusserer Gründe,
wodurch die Unfruchtbarkeit bewirkt wird; ausser den schon besprochenen
Gründen wie Ausschweifungen, Krankheit u. dergl., die auch in Amerika
und vor allen auf Kamtschatka und den Aleuten wirkten, muss hier auf das
gleichfalls schon erwähnte lange Säugen hingewiesen werden, welches der
Fruchtbarkeit Abbruch thut, ferner und ganz besonders auf die meist
überaus elende Stellung der Weiber, auf die Noth, die ewigen Mühsale,
unter denen sie ihr Leben hinbringen müssen. Dann heirathen viele Völker
nur im eigenen Stamm und man kann wohl sagen, da bei vielen kleineren
Völkern Stamm und Familie so ziemlich zusammenfällt, in derselben
Familie; dass aber auch hierdurch eine Verminderung der Fruchtbarkeit
eintritt, ist bekannt genug. So z.B. die Botokuden; daher Tschudi (2,
284) in diesem Umstand einen Hauptgrund für die Unfruchtbarkeit ihrer
Ehen sieht. Auch bei den Bewohnern von Darien zeigten sich die
schädlichen Folgen solcher Heirathen (Waitz 4, 351).
Der allzufrühe Coitus, den Dieffenbach 2, 15 für die Unfruchtbarkeit der
Neuseeländerinnen als einen Hauptgrund anführt, ist wichtig für viele
Völker, da er bei vielen, wie wir sehen, vorkommt. Obwohl nun Humboldt
(b, 2, 190), nach dem Zeugniss der amerikanischen Ordensgeistlichen am
Orinoko, darin keine Gefahr für die Zahl der Bevölkerung sehen will, so
spricht doch die Natur der Sache und mannigfache Erfahrung gegen ihn.
Doppelt gefährlich wird aber zu früher geschlechtlicher Umgang bei
Völkern, bei denen es an Weibern fehlt. So heirathen die Mädchen der
Tarumas in Guyana, weil es unter diesem Volk nur wenig Weiber gibt,
schon vor der Pubertät (nach Schomburgk bei Waitz 1, 170). Mehr Männer
als Weiber gab es noch in verschiedenen Orten in Amerika (z.B.
Californien Waitz 1, 170 Anmerk., bei den Guanas Azara 232), in
Polynesien (Tahiti, Markesas u. sonst) und in Kamtschatka, wo der Mangel
an Weibern, wie wir sahen, vorzugsweise gross war. Durch diesen wurde
denn wieder eine andere sehr wenig heilsame Einrichtung gefördert, dass
in Neuholland junge Mädchen zunächst an alte Männer und erst nach deren
Tode, wenn sie nun mittlerweile älter waren, an jüngere Leute
verheirathet wurden (Nind im Journ. R. Geogr. Soc. 1, 38), eine Sitte,
welche bei den Irokesen ebenfalls im Schwunge war: »Der junge Mann von
25 Jahren erhielt bei ihnen oft eine ältere Frau zugetheilt als er
selbst war, der alte Wittwer dagegen wählte sich ein junges Mädchen«
(Waitz 3, 103).
Dass wir unter diesen Gründen die Polygamie und Polyandrie mit ihren
gewiss schlimmen Folgen für die Bevölkerungszahl nicht besonders
erwähnen, hat seinen Grund darin, dass wir diese beiden Einrichtungen,
auch wenn sie noch so gesetzmässig sind, unter die Ausschweifungen
rechnen und also, was von jenen gesagt ist, auch für diese gilt. Ebenso,
was man für manche amerikanische Völker als Grund für die
Unfruchtbarkeit angeführt hat, die geringe Neigung der Männer für das
weibliche Geschlecht und ihre minder entwickelten Genitalien (Pöppig,
Azara, Waitz 1, 171 u.s.w.) lassen wir auf sich beruhen, da dieser
Umstand keineswegs allgemein und keineswegs in den daraus abgeleiteten
Folgen sicher ist.
Weit wichtiger sind noch einige psychische Gründe, die wir recht
hervorheben möchten. Wie Gram und Kummer, Druck und Despotismus das
äussere Leben zurückhalten und verkümmern lassen, so wirken sie
natürlich auch auf die Fruchtbarkeit der Weiber ein, denn der Einfluss
des geistigen Lebens auf jede Seite des leiblichen, so sehr man ihn auch
anerkennt, kann kaum mächtig genug gedacht werden. Wo daher ein schwerer
Druck auf der Bevölkerung liegt wie durch die Adelsherrschaft in
Polynesien und hier namentlich auf den Fidschi- und Hawaiiinseln, da
wird es auch leichter unfruchtbare Ehen geben. Und noch mehr, wenn der
Druck der Herrscher zugleich das tiefste moralische Weh über die
Unterworfenen bringt, wie das durch die furchtbaren Einwirkungen der
Europäer fast überall geschehen ist. Auch ist zu bemerken, dass von
diesen Gründen stets mehrere vereint, nie einer allein wirken; dass wir
die verminderte Fruchtbarkeit also äusserlich veranlasst sehen, wodurch
die Ansicht, sie sei Raçencharakter, schon erschüttert wird. Und wäre
sie es wirklich, so müsste sie doch überall sich bei den betreffenden
Raçen zeigen. Aber das ist gar nicht der Fall. In Neuholland z.B., wo
allerdings Heirathen in demselben Stamme so gut wie gar nicht vorkommen,
werden fruchtbare Ehen gar nicht selten erwähnt. Grey (a.a.O.) sah 41
Weiber, welche zusammen 188 Kinder hatten; und gar manches Volk in
Amerika gibt es, welches eine sehr reichliche Kinderzahl besitzt, so die
Stämme der Nordwestküste, die Nordindianer, welche Hearne besuchte, die
Chippewais, die Sioux, die Mandans, und manche Südamerikaner, welche
Waitz 1, 171-72 zusammenstellt. Und während einzelne Theile
melanesischer Bevölkerung meist nur kinderarme Familien aufweisen, ist
das Gegentheil bei anderen, z.B. den Fidschis der Fall; dieselben
Gegensätze zeigt Mikronesien und Polynesien, in welchem letzteren Gebiet
z.B. Tonga ganz anders als Tahiti und die Markesasinseln nur fruchtbare
Ehen kennt. Und wer hat je etwas der Art von dem Brudervolk der
Polynesier, von den Malaien gehört? Gedeihen sie nicht reichlich in
ihrer Inselwelt und müsste nicht, wäre die Unfruchtbarkeit
Raçencharakter, sie sich auch bei ihnen vorfinden?
Umgekehrt aber findet sie sich bei Kulturvölkern, bei denen die oben
besprochenen Gründe wirksam sind, wofür Waitz 1, 173 einige Beispiele
aufstellt. Wo diese Gründe aber wegfallen, da sind die Weiber auch sonst
minder fruchtbarer Stämme mit Kindern gesegnet. Neuseeländerinnen mit
Europäern (Dieffenbach 2, 152) und Botokudinnen mit Weissen oder Negern
vermählt (Tschudi 2, 284) pflegen sehr fruchtbar zu sein, weil dann die
Frau meist ein ruhigeres, besseres Leben hat, wie Tschudi dies sehr
richtig a.a.O. erklärt, nicht aber etwa in Folge der Vermischung und des
Einflusses einer höheren Raçe, da ja in der Ehe mit Negern dasselbe
Verhältniss eintritt.
Wir würden schon hieraus die Unfruchtbarkeit der Weiber vollkommen
erklärlich finden, ohne Hinzunahme einer so wenig begründeten Theorie,
wie die von der minderen Zeugungsfähigkeit der hinschwindenden Raçen.
Aber einen der wichtigsten Gründe, welcher nicht nur diese
Unfruchtbarkeit, sondern überhaupt die Verringerung der Naturvölker
nicht zum mindesten Theil erklärt, haben wir noch zu besprechen: es ist
das weitverbreitete Tödten der Kinder vor oder gleich nach der Geburt.
Bei den Hottentotten (Sparmann 320) herrschte die Sitte, Säuglinge,
deren Mutter starb, mit dieser zugleich zu begraben oder auszusetzen;
ebenso tödteten sie von Zwillingen das eine Kind. Künstliche
Fehlgeburten kamen häufig bei ihnen vor. Noch häufiger war dies alles
bei den Buschmännern, welche bei ehelichen Streitigkeiten, bei
Nahrungsmangel, der sie oft genug betraf, und bei eiliger Verfolgung die
Kinder tödteten, aus Rache und Zorn gegen den Ehegatten, oder weil sie
dieselben nicht ernähren, nicht mitnehmen konnten; das heisst in den
meisten Fällen, weil sie jede ungewöhnliche Anstrengung, welche ihnen
die hülflosen Kinder auferlegt hätten, scheuten. Zwillinge und
missgestaltete Kinder wurden stets umgebracht (Waitz 2, 340 und daselbst
die Quellen).
Ebenso war es in Amerika, namentlich in der südlichen Hälfte des
Kontinentes, während die Indianer Nordamerikas, wie sie überhaupt höher
stehen, auch ihre Kinder besser halten, ja sie oft mit der innigsten
Liebe pflegen. So verwenden z.B. die Potowatomi auch auf arbeitsunfähige
und blödsinnige Kinder zärtliche Sorgfalt (Waitz 3, 115-16); und die
Huronen zogen auch solche Säuglinge auf, deren Mutter gestorben war
(Waitz b, 100). Künstlicher Abortus dagegen war weit verbreitet unter
den Thakallis, dem westlichsten Stamm der Athapasken, welcher auch sonst
sehr tief stand und von Keuschheit oder ehelicher Treue keinen Begriff
hatte (Waitz b, 90). Dass die Knisteno namentlich ihre weiblichen Kinder
tödteten, um sie vor dem elenden Loos des Lebens, das sie erwartete, zu
behüten (Waitz 3, 103), ist schon erwähnt. Und nun gar in Südamerika.
Die Guanas (Azara 232) bringen die meisten Mädchen sofort bei der Geburt
um, indem sie die Neugeborenen lebendig begraben; überhaupt aber ziehen
sie nur etwa die Hälfte ihrer Kinder auf. Da es bei den Tupis Sitte war
(Waitz 3, 423), die Neugeborenen dadurch anzuerkennen, dass man sie vom
Boden aufhob, so können wir hieraus schliessen, dass bei ihnen,
wenigstens in früherer Zeit, viele Kinder, die man eben nicht aufhob,
getödtet sind. Von den Guaikurus (östlich vom oberen Paraguay) berichtet
Azara 273, dass die ganze Nation hauptsächlich durch Abtreiben der
Kinder, von denen sie nur das letzte und also, da diese Rechnung sehr
unsicher ist, oft keins schonten, ganz verschwunden sei; und wenn wir
auch mit Waitz (3, 430) diese Nachrichten, sowohl in Beziehung auf ihr
Aussterben--denn Castelnau z.B. fand 6 Stämme von ihnen, darunter zwei
ackerbauend, am Paraguay vor--als auch in Betreff dieser furchtbaren
Ausdehnung des Kindermords für übertrieben halten, so muss doch
künstlicher Abortus bei ihnen vorzugsweise verbreitet gewesen sein, wie
ihn auch noch neuere Reisende, Martius, Castelnau bei Waitz 3, 472 als
gewöhnlich unter ihnen angeben. Auch von den Mbayes, welche indess von
den Guaikurus nicht zu trennen sind, gibt Azara 250 genau dasselbe an:
sie tödten alle Kinder bis auf eins, bisweilen auch alle insgesammt. Als
Gründe für diese Sitte geben die Indianerinnen an, regelmässige Geburten
machten sie vor der Zeit alt und hässlich, auch sei es ihnen, bei ihren
ewigen Wanderzügen, wo sie selbst oft nichts zu essen hätten, sehr
schwer mehr als ein Kind mitzunehmen und zu erhalten. Fühlte sich also
eine Frau schwanger, so legte sie sich auf die Erde und andere Weiber
gaben ihr so lange die heftigsten Schläge auf den Unterleib, bis Blut
und bald darauf die Frucht abging, eine Operation, an der natürlich
viele Weiber sogleich oder kurz darauf starben, andere wenigstens ihr
ganzes Leben siechten (Azara a.a.O.). Auch bei den Abiponen herrschte
dieser Gebrauch; mehr als zwei Kinder zogen sie nicht auf (Waitz 3,
476). Die Tobas (zwischen Abiponen und Guaikurus, östlich vom Paraguay)
tödten viele ihrer Kinder (Waitz 3, 475), die Lules (östlich von den
Tobas) alle unehelichen, von Zwillingskindern, welche für ein Zeichen
von Untreue gelten, immer eins, und wenn die Matter stirbt, so begraben
sie den Säugling mit ihr (Waitz 3, 480). Die Yurakares, westlich vom
Titikaka-See, mordeten ihre Kinder, wenn sie keine Lust hatten, sie
weiter zu verpflegen (Waitz b, 100). Die Moxos tödteten von Zwillingen
immer das eine Kind und begruben kleine Kinder mit ihrer Mutter, wenn
diese starb (Waitz 3, 537). Gegen Zwillingskinder wandten sie diese
Massregel an, weil man in einer solchen Doppelgeburt etwas
Thierähnliches sah (Waitz b, 100). Die Chiquitos (zwischen dem oberen
Paraguay und dem Titikaka) hatten so wenig Anhänglichkeit an ihre
Kinder, dass sie dieselben leicht fortgaben oder verkauften (Waitz 3,
530) und von den Minuanes (am unteren Parana) erzählt Azara 191 ganz
ähnliches; waren die Kinder entwöhnt, so kümmerten sich die Eltern gar
nicht mehr um sie, vielmehr wurden sie von verheiratheten Verwandten
aufgezogen. Bei den caribischen Völkern herrschten dieselben Sitten, wie
dies Humboldt b 4, 225-28 genauer schildert. Von Zwillingen tödten sie
immer ein Kind, um nicht wie Ratten, Beuteltiere und das niederste
Gethier, das viele Jungen zugleich wirft, zu sein, oder weil man auch
hier in einer solchen Doppelgeburt ein Zeichen von Untreue sieht. Auch
missgestaltete, ja selbst schwächliche Kinder werden getödtet, um sich
der Last, die man später mit ihnen haben würde, zu entziehen. Die Frauen
dieser Völker haben verschiedene Pflanzenaufgüsse, welche sie zum
Abtreiben anwenden und zwar in verschiedenen Gegenden zu verschiedener
Zeit, je nachdem sie es für die Gesundheit und die Schönheit früh oder
spät Kinder zu bekommen für zuträglich halten. Auch bei den Makusis
sieht Schomburgk (2, 312), so sehr er auch sich gegen diese Annahme
sträubt, sich genöthigt, an künstliche Fehlgeburten zu glauben. Wenn er
aber meint (313), dass Zwillinge bei ihnen nicht getödtet würden, und
dass überhaupt solche Geburten höchst selten bei ihnen seien, weil er
nur zweimal unter den Eingeborenen von Guyana, einmal unter den Makusis,
einmal unter den Waikas Zwillinge sah und nie von ihnen reden hörte, so
ist das sicherlich unrichtig, denn er selbst erzählt, dass die Frauen
jener Völker auf seine Bemerkung, die Europäerinnen bekämen bisweilen
zwei, ja drei Kinder, den Mund spöttisch verziehend geantwortet hätten:
wir sind keine Hündinnen, die einen Haufen Junge werfen.[G] Also auch
hier dieselbe Auffassung wie überall in Südamerika und sicher auch
derselbe Gebrauch. Schon die Seltenheit von Zwillingen spricht dafür;
und wenn die Indianer nie von Zwillingen sprechen, so erklärt sich das
aus dem herrschenden Gebrauch, von der Ermordung der Kinder überhaupt
nicht zu reden; man thut, als seien sie eines natürlichen Todes
gestorben: »Das arme Kind konnte nicht mit uns Schritt halten; man hat
nichts mehr von ihm gesehen« (Humboldt 64, 226).
Auch bei den Kulturvölkern Amerikas herrschte derselbe Brauch. Die
Mexikaner, in dem Glauben, dass Zwillinge den Tod des Vaters oder der
Mutter vorbedeuteten, tödteten oft das eine der beiden Kinder (Waitz 4,
164). Die Chibchas, in Neu-Granada, thaten dasselbe, weil sie in
Zwillingsgeburten die Folge grober Ausschweifungen sahen (eb. 4, 367).
Auch in Peru galten Zwillinge als üble Vorbedeutung für die Eltern, der
man in vielen Theilen des Landes durch Fasten (eb. 417), in anderen
durch Tödtung eines der Kinder vorzubeugen suchte (eb. 461). Die
darischen Weiber sollen ihre Kinder getödtet haben, um ihre Schönheit zu
bewahren (350). Die zu den Chibchas gehörenden Panches tödteten alle
ihre Kinder, so lange ihnen nur Mädchen geboren wurden (eb. 376); und
hier mag denn den Schluss die Bemerkung bilden, dass die vielfach
vorkommende Tödtung der Mädchen ursprünglich wohl nicht den Grund hatte,
den Töchtern ein schlimmes Lebensloos zu ersparen, welche Auffassung
gleichwohl späterhin gegolten haben mag: der Hauptgrund war gewiss ein
abergläubisch-religiöser oder wenigstens der, dass man Knaben der
Kriegstüchtigkeit halber und weil man sie für vortrefflicher hielt,
lieber sah als Mädchen.
Dieselben Sitten galten in Neuholland. Stirbt die Mutter eines
Säuglings, so wird derselbe mit ihr begraben und von Zwillingen stets
das eine Kind getödtet (Freycinet 2, 747), in Ost- und Westaustralien;
missgestaltete Kinder oder solche, die bei der Geburt Schmerzen
machen--diese alle gewiss, weil man sie von bösen Geistern besessen
glaubt--tödtet man gleichfalls, so wie alle Kinder von europäischen
Vätern, welche die Mutter verliessen (Grey 2, 251. Bennet 1, 122). Von
Mischlingskindern tödtet man nach Breton (231) indess nur die Knaben,
nicht die Mädchen, während sonst die Mädchen so vorzugsweise getödtet
werden, dass nach Grey (2, 251) das Verhältniss der Weiber und Männer
wie 1: 3 ist. Jede Mutter tödtet ihr drittes, bisweilen schon ihr
zweites Mädchen, wenn es nicht eine fremde Frau als ihr Kind annimmt
(Salvado 111). Fehlgeburten werden oft herbeigeführt und Neugeborene oft
getödtet, um der Last und der Schwierigkeit, Kinder aufzuziehen, zu
entgehen (Meinicke a 2, 208). Ja es soll sogar vorkommen, dass Eltern
ihre neugeborenen Kinder selbst auffressen (Stanbridge, transaction of
the ethnol. Society X. S. 1, 289; Australia felix 129; Angas 1, 73). Auf
Vandiemensland dagegen herrschte der Kindermord nicht (Bibra 16).
Wohl aber in Melanesien, und so auf Vate (Gill 67), wo man neugeborene
Kinder lebendig begrub und nur zwei bis drei aufzog (Turner 394), und
ebenso war es auf Erromango (Turner 491) und in grösster Ausdehnung auf
den Inseln in der nächsten Nähe von Neuguinea (Reina in Zeitschr. 4,
359). Auf den Fidschiinseln war der Kindermord gleichfalls nicht selten,
wie Williams und Calvert (1, 180) berichten und das Gemälde, das sie
entwerfen, ist düster genug: künstliche Fehlgeburten, Tödtung der
Kinder, namentlich der Mädchen, gleich nach der Geburt, ist sehr häufig,
aus Laune, aus Faulheit, aus Eifersucht und Rache; wie in Polynesien gab
es auch hier in jedem Dorf Leute, welche Fehlgeburten herbeizuführen
verstehen. Hale (66) schreibt den Fidschis dieselbe Sitte zu, welche wir
bei den Tupis fanden und welche ja auch unter den Indogermanen eine so
weit verbreitete war, dass alle Kinder, welche der Vater oder Priester
nicht unmittelbar nach der Geburt vom Boden aufnimmt, als
»ausgestossene« getödtet werden.
Aber schlimmer noch und wahrhaft in entsetzlicher Ausdehnung tritt der
Kindermord auf im übrigen Ozeanien. Wir beginnen mit Mikronesien.
Während allerdings die Carolinen frei von diesem Verbrechen waren
(Chamisso 137), durfte auf den Ratakinseln keine Mutter mehr als drei
Kinder grossziehen: alle übrigen wurden umgebracht (Chamisso 119); und
ebenso ist, um übergrosse Bevölkerung zu vermeiden, künstlicher Abortus
bei den Gilbertinsulanern nach Gulick (410), allerdings gegen Hales
Ansicht, häufig. Von der Kingswillgruppe, aber mit Ausnahme von Makin,
sagt auch Hale dasselbe (96). Nach alledem, was wir von den marianischen
Uritaos wissen, scheinen auch sie, obwohl bestimmte Daten darüber
fehlen, die Kinder, welche ihnen bei ihren Ausschweifungen und
namentlich die, welche von niederen Weibern geboren worden, getödtet zu
haben.
Im eigentlichen Polynesien nun bleiben auf Tikopia nur die ältesten
beiden Söhne am Leben, um die Insel nicht zu übervölkern, so wie alle
Mädchen, daher die Insel weit mehr Weiber als Männer hat (Dillon 2,
134). Auf Tonga kam der Kindermord, dessen Motiv dann meist Trägheit
oder Bequemlichkeit ist, nur vereinzelt vor (Mariner 2, 18-19), auf
Samoa aber gar nicht (Wilkes 2, 80, Williams 560) und ebenso wenig, um
das hier gleich anzuschliessen, auf den Herveyinseln (Williams 560).
Allein auf Tahiti war das Verbrechen so im Schwunge, dass Ellis (1, 249)
annimmt, es habe sich in der Ausdehnung, wie er es vorfand, erst in
etwa den letzten 50 Jahren vor der Entdeckung, ausbreiten können, weil
sonst eine so zahlreiche Bevölkerung, wie sie Wallis und Cook vorfanden,
sich unmöglich habe erhalten können. Cook fand den Kindermord schon
allgemein verbreitet vor und suchte vergeblich den König Otu zu seiner
Abschaffung zu veranlassen. Auch die Missionäre des Duff (1796) fanden
die Tödtung der Kinder als etwas ganz Selbstverständliches, über das mit
der grössten Gleichgültigkeit geredet wurde (Wilson 272. 310); und mit
demselben Entsetzen über diese Gleichgültigkeit wie Wilson sagt auch
Ellis, dass etwa zwei Drittel der Kinder getödtet seien. Die ersten drei
Kinder wurden es meist, Zwillinge gleichfalls, mehr wie zwei oder drei
Kinder zog Niemand auf. Allein eben dadurch konnten sich die Geburten
rascher folgen und so fand Ellis Frauen, welche vier, sechs, acht, ja 10
und noch mehr Kinder getödtet hatten (1, 250. 251); ja er versichert,
und da kein Stand von dem Gebrauche ausgeschlossen war, ganz glaublich,
kein Weib gefunden zu haben, das nicht seine Hände mit dem Blut der
eigenen Kinder befleckt hätte. Unter den Areois nun war es so strenges
Gesetz, alle Kinder, welche den Mitgliedern der Gesellschaft geboren
wurden, zu tödten, dass wer sich diesem Gesetz nicht fügte, sofort
ausgestossen wurde. Die einzigen Ausnahmen, welche gestattet waren,
bestanden darin, dass die ersten Fürsten ihren ersten Sohn behielten und
dass die vornehmsten Areois (die Gesellschaft hatte 12 Grade, Mörenhout
1, 489) nur ihr ältestes Kind so wie alle Mädchen tödteten. Das letztere
geschah auch hier wohl aus religiösen Gründen oder weil man die Mädchen
für geringer als die Knaben hielt; Mörenhout, dem diese Nachrichten
entlehnt sind--er handelt von den Areois 1, 485-98--ist der Meinung,
alle diese Morde seien vollbracht, um die Volksmenge der Insel nicht
übergross werden zu lassen, welcher Ansicht man kaum beipflichten wird;
wie denn auch das tahitische Volk selbst der Ansicht war, die Weiber
brächten zur Conservirung ihrer Schönheit die Kinder um. Dass alle
Kinder einer Mischehe--wenigstens, nach Williams 565, eines gemeinen
Mannes und einer adligen Frau--umgebracht wurden, versteht sich nach den
Begriffen, welche man über die verschiedenen Stände hatte und nach denen
der Adel ganz göttlich, das Volk aber nicht einmal im Besitz einer Seele
war, von selbst. Für Tonga wählte man solche Kinder vorzüglich
gern, nach Mariner, zu Opfern aus. Und so war es auf allen
Gesellschaftsinseln. Williams erzählt von Raiatea, wo er (1829) seine
Station hatte, folgendes Beispiel. Er sass mit Bennett in einem Zimmer,
in dessen Hintergrund mehrere eingeborene Weiber arbeiteten und als
Bennett sich bei ihm nach der Ausdehnung des Kindermords erkundigte, so
fragte er, um sich selbst zu überzeugen, ob das Verbrechen so allgemein
sei als er glaube, die zufällig anwesenden Weiber, die er nicht weiter
kannte, wie viel Kinder jede getödtet habe: neun die eine, sieben die
andere, die dritte fünf, also alle drei zusammen 21! Eine andere Frau
bekannte sterbend, dass sie 16, ein vornehmer Häuptling, dass er 19
umgebracht hätte und manche Familien hatten alle getödtet (Williams
562-565). Als Gründe geben ihm die Eingeborenen an, zunächst Furcht vor
den ewigen Kriegen und ihren blutigen Zerstörungen; man wollte von den
Kindern nicht gehindert sein, auch wohl böse Schicksale ihnen ersparen
und was wohl der Hauptgrund war, dem Feind keine Gelegenheit zu irgend
welchem Triumph (etwa durch Gefangennehmung oder Ermordung der Kinder)
geben. Zweitens war aber die Verschiedenheit des Ranges ein wichtiger
Grund. War ein Mann von niederem Rang als seine Frau, so konnte er durch
Tödtung von zwei, vier oder sechs Kindern, je nachdem er tiefer stand,
zum Rang der Frau sich erheben und die Kinder, welche ihm, nachdem er
diese Stufe erreicht, geboren wurden, blieben am Leben. Die Frau aber,
welche von minder hohem Range als ihr Mann war, konnte, da alle
Vererbung nur in weiblicher Linie erfolgte, sich durch kein Mittel, auch
dieses nicht erheben. Blieben aber in gemischten Ehen die Kinder ohne
Weiteres am Leben, so sank die Familie auf den Rang herab, welchen der
minder vornehme der Eltern inne hatte (Ellis 1, 256). Als dritten Grund
führt Williams die Eitelkeit der Weiber auf: sie wollten ihre Schönheit
nicht durch Säugen und Kinderpflegen gefährden. Der Hauptgrund scheint
aber, wenn nicht in frühester, vorhistorischer Zeit religiöse Motive
mitwirkten, Faulheit gewesen zu sein: auf der Insel, welche eine
vielfach grössere Bevölkerung leicht ernähren konnte, hiess ein Vater
von vier Kindern schon ein »arg überbürdeter« Mann (Ellis a.a.O.).
Man tödtete die Kinder, indem man ihnen einen nassen Lappen auf den Mund
legte, oder ihnen die Kehle mit dem Daumen zupresste, oder sie, noch im
Mutterleibe, aber während der Geburt, mit einem spitzen Bambus
durchbohrte; oder man begrub sie lebendig und zwar gerne so, dass die
Erde nicht unmittelbar auf sie kam, sondern sich über ihnen her wölbte
(Williams und Ellis a.a.O.). Eine vierte noch viel scheusslichere Art
beschreibt Williams 567-568: zuerst wurden den eben Geborenen die
äussersten Glieder an Finger und Zehen, dann, wenn sie davon nicht
starben, die Hand- und Fussknöchel gebrochen. Ueberstand das Kind auch
das, so kamen die Kniee und Ellenbogen an die Reihe, und wenn es dann
immer noch lebte, so wurde es schliesslich erwürgt. Indess ist die That
scheusslicher als die Gesinnung, welche sie hervorbrachte: denn ohne
Zweifel wandte man diese grässlichen Todesarten aus keinem anderen
Grunde an als aus Ehrfurcht vor der Seele des Kindes, die auf möglichst
gelinde Weise, von aussen her, zur Entfernung mehr aufgefordert als
genöthigt werden sollte, und erst wenn sie diese Aufforderung gar nicht
verstand, trat Zwang ein. Denn die Seelen der getödteten Kinder, die
man sich unter der Gestalt von Heuschrecken nach Mörenhout dachte,
galten für heilig und wurden hoch geehrt. Auch hier gab es fast in jedem
Dorfe Leute, welche aus dem Kindermord Gewerbe machten (Williams 568)
und doch, war einem Kinde auch nur eine Viertelstunde das Leben erhalten
worden, so durfte es nicht mehr getödtet werden, und hatte dann sehr
liebevolle, ja wohl zärtliche Eltern.
Wo möglich noch roher waren die Bewohner der Sandwichsinseln. Hier
herrschte der Kindermord namentlich in den unteren Klassen, von denen
die Eltern selten, mochten die Ehen auch noch so fruchtbar sein, mehr
als zwei oder drei, vielmehr oft nur ein Kind aufzogen. Auch hier sind
(Ellis 4, 326-330) 2/3 der Kinder getödtet und zwar meist durch Erwürgen
oder lebendig Einscharren, wobei man sie ohne Weiteres mit Erde bedeckte
und diese mit den Füssen feststampfte. Hier begrub man die kleinen
Leichen oft im eigenen Hause, ja im eigenen Schlafgemach der Eltern,
während man zu Tahiti ihnen doch wenigstens einen Platz neben dem Hause
gab. Oft waren es, hier wie zu Tahiti, die Eltern selbst, welche die
grauenvolle That vollbrachten. In Hawaii war der Grund zu diesem Mord
meist Trägheit nach Ellis 4, 329 und Eitelkeit der Weiber, nach Jarves
85. Während aber zu Tahiti die Kinder, welche die erste halbe Stunde
überlebt hatten, gerettet waren und zärtlich aufgezogen wurden; so
tödtete man zu Hawaii, mit viel grösserem Stumpfsinn, die Kinder auch
noch nach einem Jahre, ja noch später. War ein Kind krank und machte
Unruhe, so begrub man es lebendig, schrie es der Mutter zu unerträglich,
so stopfte sie ihm ein Stück Zeug in den Mund und grub die unglückliche
Creatur in die Erde, wenige Schritte von ihrem Bette, zu welchem sie
nach vollbrachter That, als ob nichts geschehen wäre, ruhig zurückkehrte
(Ellis 4, 330). Und selbst dies wird noch durch folgenden Fall, den
Ellis gleichfalls (326) erzählt, überboten. Ein Mann und eine Frau,
welche ein Kind, einen hübschen Jungen, nach Jarves (73) von sieben
Jahren, hatten, geriethen über denselben in Streit und da die Frau nicht
nachgab, ergriff der Vater das Kind bei Kopf und Fuss, brach ihm über
seinem Knie den Rücken entzwei und warf die zuckende Leiche der Mutter
zu Füssen! Tamehameha, bei dem die Unthat angezeigt wurde, erklärte, er
könne nicht strafend eingreifen, da der Mann sein eigen Kind umgebracht
habe.--Auch in Neuseeland findet sich der Kindermord gar nicht selten
(Angas 1, 313); er ist aber, wie in Tahiti, nicht mehr statthaft, wenn
das Kind auch nur eine halbe Stunde gelebt habe. Will man es tödten, so
wird es meist lebendig begraben oder bei der Geburt erwürgt. Rache ist
häufig das Motiv hierzu, wegen harter Behandlung der Frau während ihrer
Schwangerschaft, oder weil der Vater sie verliess oder aus irgend
welchem anderen Grunde (Dieffenbach 2, 25 ff.). Trägheit aber steht auch
hier in erster Linie. Namentlich Mädchen brachte man um (Taylor 165).
Auch Abortus ist häufig: und so ist es nicht zu verwundern, dass (Browne
40) die Ehen durchschnittlich kaum mehr als zwei Kinder haben.
Allerdings herrschen diese furchtbaren Gebräuche am meisten an der
Küste; im Innern sind die Familien zahlreicher, ja Dieffenbach (2, 33)
sah bis zu 10 Kindern in einer. Gegen die geschonten Kinder sind die
Maoris liebevolle (Dieffenbach 2, 25 ff.), wenn auch nicht gerade
zärtliche Eltern (Browne 39).
Es könnte scheinen, als hätten wir uns schon allzu lange bei diesem
abschreckenden Gegenstande aufgehalten und seien zu sehr ins Einzelne
gegangen, allein dies genauere Eingehen war nöthig für folgenden
Nachweis. Da alle Polynesier liebevolle Eltern sind und wir dennoch
dieselben Eltern im ganzen östlichen Polynesien so vollkommen abgehärtet
gegen den Kindermord sehen, dass sie ruhig von allen den
Scheusslichkeiten sprechen, ja auch schon herangewachsene Kinder
kaltblütig morden: so kann diese Sitte nicht erst 50 Jahre vor der
Entdeckung, also um 1700 oder 1710 weiter um sich gegriffen haben, wie
Ellis will. Jedenfalls muss sie älter sein, auch in dieser Ausdehnung.
Denn um ein Volk so ganz zu beherrschen, dazu braucht eine solche Sitte,
auch wenn sie eingeschränkt schon früher im Gebrauche war, mehr als 50
Jahre. Auch ist uns berichtet, dass die marianischen Weiber ihre Kinder
vor und bei der Geburt massenweise tödteten, als die Spanier die Inseln
eroberten, damit die Neugeborenen nicht in Knechtschaft geriethen. Auch
das setzt schon ein Bekanntsein mit Aehnlichem voraus, und dazu kommt,
dass sich beim malaiischen Stamm überhaupt die Sitte des Kindermordes
oder des künstlichen Abortus sehr häufig findet. So treiben die Battas
häufig die Frucht vorzeitig ab, Waitz 5, 190; die östlichen Malgaschen
tödten Zwillinge, sowie sie solche Kinder, die an einem bösen Tage
geboren wurden, ertränkten, aussetzten oder lebendig begruben (Waitz 2,
441). Die Bisayas ziehen, um nicht zu verarmen, nur wenige Kinder auf,
und tödten uneheliche Kinder meist, weil das Mädchen, ihr Vater und ihr
Geliebter für aussereheliche Schwangerschaft Strafe zahlen müssen
(Loarca in Ternaux Archives 1, 23). Aehnlich die Pintados auf den
Philippinen, welche ihre Kinder vom 3ten an tödten, indem sie dieselben
unter Festen und Lustbarkeiten lebendig begraben, so wie auch, um sie
nicht ernähren zu müssen, alle unehelichen Geburten (nach einem Bericht
von 1577 in N. Journ. As. VIII, 39, 1831). Auf den Niasinseln setzt man
die Kinder aus (Domis bei Oosterling tydschrift toegew. van de
verbreiding d. Kennis v. Oost. Indie II, 2, 125). Abtreiben der Kinder
bei den Dajaks aus Sittenlosigkeit erwähnt Schwaner Borneo 1, 203.
Wie hat man sich nun die Entstehung dieser schrecklichen Sitte zu
denken? Ist es bloss Trägheit und Versunkenheit, worin sie wurzelt? In
Afrika und Nordamerika ist freilich meist das äussere Elend ihr Anlass,
wie auch die Markesaner ihre Kinder aus Hungersnoth tödteten und assen
(Ellis 4, 328); allein das reicht weder für Polynesien noch für
Südamerika aus. Meinicke meint nun (b, 59 bis 60), dass in Polynesien
der Kindermord eingeführt sei, um die Reinheit des Blutes der
Aristokratie zu erhalten. Er stützt diese Ansicht, für welche
historische Gründe sich nicht aufstellen lassen, dadurch, dass, trotzdem
der Kindermord bei allen Klassen der Bevölkerung vorkommt, er doch zu
Tahiti zumeist von den Areois ausgeht, dass alle Kinder aus gemischten
Ehen, die bei der förmlichen Berechtigung der Vornehmen zu jeglichem
Lebensgenuss gar nicht zu vermeiden waren, getödtet wurden. »So mögen«,
fährt er S. 60 fort, »solche Kinder seit Jahrtausenden getödtet sein,
ohne dass dies bei den körperlichen Vorzügen, die dergleichen
Verbindungen mit Menschen niederen Standes nicht häufig gemacht haben
werden und bei ihrer geringen Zahl grossen Einfluss gehabt haben wird.
Aber mit der Zeit fing man an, Kinder auch zu tödten, um durch die
Sorge, die sie erforderten, nicht an Ausschweifungen und Vergnügungen
gehindert zu werden (wie es bei den Areois der Fall war), und endlich
verbreitete sich die grauenvolle Sitte bloss durch den Einfluss der
Mode, die auf den Südseeinseln so gut wie in anderen Erdtheilen die
niederen Stände antreibt, Verkehrtheiten und selbst Laster der Vornehmen
nachzuahmen, auch unter das Volk, wo sie in der Bequemlichkeit,
Liederlichkeit, Armuth und den Beschwerden, die Kinder zu erziehen,
mannigfache Unterstützung fand. Man sieht, dass der Kindermord so mit
der Zeit stets zunehmen musste und wird hierin eine Hauptursache der
erstaunlich raschen Abnahme der Bevölkerung zu suchen haben, wenn auch
die Angaben der Missionäre über die Zahl der hingeopferten Kinder
übertrieben sein sollten«. Dies letztere ist nun zwar bei den mit
bestimmten Zahlen angegebenen einzelnen Fällen und der genauen
Uebereinstimmung der Angaben, welche die Missionäre machen, nicht
wahrscheinlich[H] wie denn Ellis ausdrücklich sagt, dass er Williams
Angabe, 2/3 der Kinder seien getödtet, an Ort und Stelle geprüft und
nicht übertrieben gefunden habe. Recht aber hat Meinicke darin, dass
auch er diese Sitte für eine sehr alte ansieht.
Allein sonst ist seine Ansicht schwerlich richtig. Mag auch späterhin,
und er hat es gewiss sehr reichlich gethan, der Unterschied zwischen
Volk und Adel dem Kindermord weitere Ausdehnung verliehen haben;
veranlasst hat er ihn gewiss nicht, wofür zunächst spricht, dass wir in
Südamerika den Kindermord fast in ähnlicher Ausdehnung wie in
Polynesien, jenen Standesunterschied aber nicht vorfanden. Aber auch für
Polynesien allein wird es bedenklich, den letzteren als alleinige
Ursache des ersteren anzusehen, wenn man Folgendes erwägt. Williams
sagt, wie wir schon vorhin sahen, dass ein niederer Mann durch
Kindermord sich dem Stand seiner vornehmeren Frau angleichen kann; was
Meinicke, wohl nur durch einen Irrthum seinerseits, für einen Irrthum
hielt. Denn aller Rang vererbte durch die Mutter; der Adel war ferner
eine mit Seele begabte, göttliche Klasse, im Gegensatz zu dem
unbeseelten, irdischen Volk. Kinderseelen nun, welche nach Mörenhout für
besonders heilig gehalten und zu denen als Vermittlern zwischen Göttern
und Menschen besonders gebetet wurde, konnten, wenn für den unbeseelten
Mann geopfert, ihm, sei es durch direkten Uebergang in ihn, oder sei es
durch Vermittlung bei den Göttern, zu einer Seele verhelfen, wodurch er
zu höherem Rang emporstiege. Die Areois sind eine religiöse
Gesellschaft; religiöse Scheu zeigte sich in der Art, wie man
(wenigstens in Tahiti) die Kinder umbrachte; man hat sie also in vielen
Fällen vielleicht nur getödtet, um Schutzgeister zu haben oder sie als
Opfer fürs eigene Leben--solche Opfer werden wir gleich noch mehr
sehen--den Göttern darzubringen. Dieselbe Bedeutung hat wohl der
Kindermord in Mikro-und Melanesien gehabt, wie einzelne Spuren noch
andeuten, wenn sich auch Zwingendes nicht dafür anführen lässt als eben
ihre Verwandtschaft mit den Polynesiern. Wenn aber Meinicke sagt, die
Sitte müsse überall geherrscht haben und sei, wo wir sie nicht erwähnt
finden, wie in Tonga, nur übersehen, so kann man das nicht zugeben; der
so feinen und scharfen Beobachtung Mariners hätte sich ein so
auffallender Gebrauch nicht entziehen können und er führt 2, 18-19 einen
Fall der Art ausdrücklich als etwas Ausserordentliches an. Aber möglich
ist es, ja wahrscheinlich, dass die Sitte auch in Tonga ursprünglich
geherrscht hat, nur während sie sich im übrigen Polynesien ausbreitete,
so erlag sie schon sehr früh und lange vor der Entdeckung dem besseren
Sinn der Tonganer, wie sie auch andere ähnliche Sitten aufgaben, z. B.
die Ermordung der Weiber beim Tode der Männer, von der Mariner als von
einer früher gebräuchlichen hörte (1, 342), die aber zu seiner Zeit
schon ausser Gebrauch gekommen war.
Da wir nun Gründe haben, bei den Polynesiern diesen Gebrauch für einen
ursprünglich religiösen zu halten, der freilich in späterer Zeit aus
ganz anderen Motiven, aus Faulheit, Eitelkeit, Lieblosigkeit,
Standeshochmuth u.s.w. sich unendlich verbreitete und das ganze Leben
der Nation in der neuen Gestalt anfrass; so möchte auch die ziemlich
weite Verbreitung der Sitte, wie wir sie im eigentlichen Malaisien von
Luzon bis nach Madagaskar hin nachwiesen, auf demselben Princip beruhen.
Wie es sich in Südamerika hiermit verhält, lassen wir, da es uns an
älteren Daten fehlt, unerörtert; doch hat hier vielleicht eine ähnliche
Grundanschauung geherrscht, als wir sie für Polynesien annahmen. Denn in
Mexiko wenigstens glaubte man, kleine Kinder, welche stürben, seien den
Göttern besonders lieb; sie kämen zu einem Baum, von welchem beständig
Milch herabträufele, und seien Vermittler zwischen Göttern und Menschen
(Waitz 4, 166). Kinderopfer, um die Götter gnädig zu stimmen, kamen viel
bei ihnen vor (4, 159) und das Bild des Gottes, das sie bei der
Ceremonie, die unserem Abendmahl ähnlich ist, unter sich vertheilen und
als »das Fleisch Gottes« verzehren, war mit Kinderblut angefertigt, wie
auch bei den Totonaken die Kuchen bereitet waren, welche sie »das Brot
unseres Lebens« nannten (Waitz 4, 161). Jetzt scheint diese Sitte dort
keine anderen Motive zu haben, als Eitelkeit, Faulheit und Elend und
Noth[I]. Das Tödten von Zwillingen oder des einen von beiden Kindern
beruht auf anderen Grundlagen: es geht aus von dem Schreck über das
portentum einer mehrfachen Geburt, in welcher man etwas Unnatürliches
und daher Unheimliches oder aber eine Thierähnlichkeit sah.
§ 9. Krieg und Kannibalismus.
Haben wir oben gesehen, wie wenig das Menschenleben bei den Naturvölkern
geachtet wurde, so werden wir von seinem geringen Werth bei ihnen im
Folgenden noch massenhaftere Beispiele finden, da wir uns zunächst mit
der Frage beschäftigen müssen, welchen Einfluss auf Zahl und Existenz
dieser Völker haben Krieg, Kannibalismus und Menschenopfer gehabt?
Freilich scheint die Art der Kriegführung bei den unkultivirten Stämmen
mindere Opfer als bei den kultivirten gefordert zu haben. Denn so
kriegerisch auch die Nordamerikaner waren, so sehr ihr ganzes Leben
beinah auf dem Krieg beruhte, so galt ihnen doch eine Art der
Kriegführung, wie die europäische, wo man in offener Feldschlacht stets
das eigene Leben in Gefahr setzt, für Thorheit, ihr Krieg bestand nur in
Ablauern des Feindes, in Ueberfall und Hinterhalt; daher er denn, dem
entsprechend, minder durch Tapferkeit als durch Schnelligkeit,
Schlauheit und Verwegenheit geführt wurde. Aber dafür endete auch der
Krieg bei ihnen nie: denn Grenzverletzungen oder Blutrache, sowie Rache
für Zauberei (durch die man jeden Todesfall, namentlich aber den Tod von
Häuptlingen verursacht glaubte) oder alter, einmal eingewurzelter und
durch stets neue schlimme Thaten niemals verlöschender Stammhass
erregten ihn immer aufs Neue. Und gerade diese versteckte, fast feige
scheinende Art, wie sie den Krieg führten, brachte oft ein furchtbares
Blutvergiessen hervor, da bei den Ueberfällen der meist unvorbereitete
und wehrlose Feind ganz und gar mit Weib und Kind niedergemetzelt wurde,
schon der Skalpe wegen, deren Erbeutung ja den Siegern die grösste
Herzenssache und Ehre war. In Virginien zwar und bei den Huronen wurden
Weiber und Kinder meist zu Gefangenen gemacht; war der Kampf aber lang
und erbittert gewesen, so mordeten auch hier die Sieger so lange als sie
die Arme heben konnten (Waitz 3, 150-154). Und gefangene Feinde, die
Männer wurden ja von diesen Völkern wie bekannt so gut wie immer
getödtet. Dass aber solche Kriege der Existenz ganzer Völker
verhängnissvoll geworden sind und also, als für ihr Aussterben
grundlegend, recht eigentlich zu unserer Betrachtung gehören, dafür hat
Waitz, was Amerika betrifft, 1, 165, Zeugnisse gesammelt. »Die
Kupferminenindianer sagt er an dieser Stelle, wurden durch die
Hundsrippenindianer (Hearne) fast vertilgt, die Moquis durch die Navajos
im hohen Grade geschwächt (Schoolcraft), die Osagen durch ihre
erstaunlich vielen Feinde innerhalb 10 Jahren auf die Hälfte ihrer
früheren Anzahl reducirt. Der kleine Rest des besiegten Volkes wird dann
nicht selten von dem siegenden in sich aufgenommen und sein Name
verschwindet von da an aus der Geschichte. Auf diese Weise sollen z.B.
die Creecks allmählich die Reste von 15 anderen Stämmen verschlungen
haben.« Auch die Irokesen (Waitz 3, 155) haben ausserordentlich durch
derartige Kriege gelitten. Jenseits des Felsengebirges sind die Kriege
viel milder und thun im Ganzen wenig Schaden (3, 338) und ebenso ist es
auch bei den Oregonvölkern, wenn diese gleich viel kräftiger zu sein
schienen als die Nulkas und Chinooks.
Der Kannibalismus, welcher vom Kriege nicht zu trennen ist, hat auf die
Völker Nordamerikas keinen sehr bedeutenden und für ihre Zahl durchaus
ungefährlichen Einfluss gehabt. Er findet sich bei manchen Völkern, z.B.
den nördlichen Athapasken, den Hasenindianern, Nipissangs, den Crees,
Ojibways, doch ist bei allen diesen das Entsetzen vor der That ein ganz
ausserordentliches. Ebenfalls findet er sich, und durch gleiche
Veranlassung, bei den Indianern in Canada, die ihn aber minder
verabscheuen (Waitz 3, 89). Allein bei den Algonkins und den Irokesen,
den Sioux war der Kannibalismus früher (jetzt hat er aufgehört) weit
verbreitet und besonders merkwürdig ist es, dass es bei den Miami und
Potowatomi eine besondere, aus bestimmten Familien sich ergänzende
Gesellschaft gab, welche Menschenfleisch ass und sich im Besitz von
übernatürlichen, auf andere übertragbaren Zauberkräften wähnte (Waitz 3,
159 nach Keating): man wird an die Gesellschaften der Areois auf Tahiti
und die entsprechenden auf den anderen polynesischen Inseln erinnert.[J]
Aber bei allen diesen amerikanischen Völkern sowie auch bei den
Oregonindianern (Waitz 3, 345) ward der Kannibalismus nur an gefangenen
oder gefallenen Feinden ausgeübt, deren Herz man ass, theils aus Rache,
theils um sich die Tapferkeit und Kraft dessen, dem das Herz gehörte,
anzueignen (Waitz 3, 159).
In Südamerika hat der Krieg nicht minder, die Anthropophagie noch weit
mehr gewirkt, als in Nordamerika: lebte doch hier das Volk, welches dem
Kannibalismus seinen Namen gegeben hat, die Kaniben, Kariben oder
Karaiben. Ursprünglich auf den kleinen Antillen und dem ihnen
gegenüberliegenden Festland heimisch machten sie von dort aus, nach
Columbus Erzählung, verheerende Kriegszüge in weite Ferne, um Weiber zu
erbeuten, während sie die Männer erschlugen und sie, wie auch ihre
eigenen mit den gefangenen Weibern erzeugten Kinder frassen (Waitz 3,
374-375). Auch ihre Weiber waren ausserordentlich kriegerisch und
kämpften so selbstständig, dass die Sage von den Amazonen, die im
nördlichen Südamerika häufig vorkommt, durch sie veranlasst zu sein
scheint. Schomburgk 2, 429 erzählt, dass die Kariben sich namentlich
gegen die Makusis wandten, um Sklaven zu erbeuten, zu welcher
Menschenjagd sie von den Holländern aus Eigennutz angetrieben wurden,
denn diese kauften die Sklaven von ihnen. Er schildert diesen
scheusslichen Handel näher und sagt, dass er bis gegen die vierziger
Jahre dieses Jahrhunderts, also bis auf unsere Zeit hin bestanden habe!
Die Art nun, wie noch jetzt die Kariben von allen anderen indianischen
Stämmen als Herrn und Gebieter gefürchtet werden, so dass sie ohne
|