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Über das Aussterben der Naturvölker
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Georg Gerland German ISO-8859-1


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Sterblichkeit unter den Kindern an, und es ist beachtenswerth, was er
zusetzt: »Wie die Schwierigkeit, sagt er, sich Nahrung zu verschaffen,
wächst, so wächst ihre wandernde Lebensweise und darum wird die
Bevölkerung ohne eigentlichen Hungerstod auf eine so ausnehmend
gewaltsame Weise zurückgehalten, im Vergleich mit civilisirten Ländern,
wo der Vater seine Arbeit mehren kann, ohne den Sprössling zu
vernichten«. Dazu wird ihnen auch noch die Nahrung dadurch verkürzt,
dass auch hier die Weiber vielfach junge Thiere, Hunde, säugen (Grey 2,
279) und gewiss oft nur aus Noth: denn ein Hund ist jetzt um so mehr,
als die Jagdthiere immer scheuer und seltener werden, ein grosser Schatz
für den jagenden Eingeborenen und die Nahrung für die jungen Thiere ist
gewiss oft genug selten.

Kurz aber mit allem Nachdruck müssen wir hier erwähnen, dass auch das
Tattuiren, was in ganz Polynesien häufig betrieben wird, häufig den Tod
nach sich zieht (Ellis 1, 266); und da man nur eben heranwachsende
dieser Operation unterwirft, so wird der Jugend auch durch sie ein nicht
zu unterschätzender Abbruch gethan.

Wichtiger freilich, weil eine Sache von grösstem Einfluss auf das
leibliche Gedeihen der Naturvölker, ist die oft über alle Begriffe
schlechte Behandlung der Weiber. So vor allen Dingen in Neuholland. Die
armen Weiber müssen, schwanger oder nicht, mit allem Gepäck und oft noch
mit 1-2 Kindern beladen, dem Manne, der nur das Jagdgeräth trägt,
folgen; sie müssen, kaum angekommen, alle Arbeit für den Haushalt
besorgen, die Hütte aufschlagen, Feuer machen, Wurzeln, Muscheln erst
suchen, dann kochen, für den Mann, die Kinder alles Nöthige bereiten,
und dann, wenn sie bei alle dem oft aufs brutalste behandelt sind, dem
Manne Nachts geschlechtlich zu Willen sein. Die beste Nahrung, die sie
finden, ist für den Mann und ihre Söhne; sie dürfen erst essen, was
diese übrig lassen und wenn sie fertig sind. So ist ihr Loos Tag für
Tag: denn von dem, was sie noch ausser diesem gewöhnlichen Elend
besonderes Schlimmes trifft (z.B. die Art, wie sie von den Männern zur
Ehe geraubt werden), brauchen wir hier nicht zu reden. Ein wichtiger
Umstand ist ferner, dass ihre Pubertät schon mit 11 oder 12 Jahren
beginnt und sie schon mit diesen Jahren verheirathet werden. Nimmt man
zu alle dem nun noch hinzu, dass sie ihre Kinder sehr lange säugen, oft
bis 3 Jahre (Grey 2, 248-250) ja länger (4-6 Jahre nach Salvado 311), so
wird man sich nicht wundern, dass die Lebensdauer dieser Unglücklichen,
die nichts desto weniger oft ganz fröhlich sind und ihren Männern mit
Liebe anhangen, nicht allzulang ist und dass es weniger Weiber als
Männer gibt, im Verhältniss wie 1:3 nach Grey, nach anderen wie 2:3--ein
Umstand indess, der wahrscheinlich mit bedingt ist durch die Sitte,
neugeborene Mädchen umzubringen, von der wir später reden müssen.

Und in Amerika ist es nicht besser. »Entbehrung und Leiden, sagt
Humboldt b 2, 192, sind bei den Chaymas, wie bei allen halbbarbarischen
Völkern, das Loos des Weibes. Wenn wir die Chaymas Abends aus ihren
Gärten heimkommen sahen, trug der Mann nichts als ein Messer, mit dem er
sich einen Weg durchs Gesträuch bahnt. Das Weib ging gebückt unter einer
gewaltigen Last Bananen und trug ein Kind auf dem Arm und zwei andere
sassen nicht selten oben auf dem Bündel«. Auch die Botokudinnen müssen,
wie ihre Leidensgenossinnen in Neuholland, alle Arbeit thun, alles
Gepäck schleppen und sich dann noch von ihren Männern aufs roheste
misshandeln lassen (Tschudi 2, 284). Dasselbe erzählt Schomburgk von den
Bewohnern Guyanas (2, 313; 1, 122 ff.) und mit einem schauderhaften
Beispiel von roher Misshandlung von den Cariben (2, 428). Noch härter
ist das Loos der Weiber in Nordamerika, wo sie auch die Feldarbeit thun
müssen (Humboldt b 2, 293) und noch roher misshandelt werden (Waitz b,
98). Mrs. Eastmann, welche längere Zeit selbst mit den Dakotas gelebt
hat und daher diese Völker genau kennt, hat wohl Recht, wenn sie (bei
Waitz b, 98; 3, 100) sagt: »Die Arbeit des Weibes wird nie fertig. Sie
macht das Sommer- und Winterhaus. Für jenes schält sie im Frühling die
Rinde von den Bäumen, für dieses näht sie die Rehfelle zusammen. Sie
gerbt die Häute, aus denen Röcke, Schuhe und Gamaschen für ihre Familie
gemacht werden und muss sie abschaben und zubereiten, während noch
andere Sorgen auf ihr lasten. Wenn ihr Kind geboren ist, kann sie sich
nicht ruhen und pflegen. Sie muss für ihren Mann das Rudern des Kahnes
übernehmen, Schmerz und Schwäche wollen dabei vergessen sein. Immer ist
sie gastlich. Geh zu ihr in ihr Zelt, sie gibt dir gern, was du
brauchst, wenn es nur in ihrer Macht steht, und thut bereitwillig, was
sie kann, um es dir bequem zu machen. In ihrem Blick ist wenig
Anziehendes. Die Zeit war es nicht, die ihre Stirn gerunzelt und ihre
Wange gefurcht hat. Mangel, Leidenschaft, Sorgen und Thränen haben es
gethan. Ihre gebückte Gestalt war einst anmuthig, Mangel und Entbehrung
erhalten die Schönheit schlecht«. So kommt es vor, dass Mädchen von
ihren Eltern getödtet werden, um sie dem elenden Loos, das ihrer wartet,
zu entziehen; und dass Weiber sich selbst umbringen, weil sie die Bürde
ihres Lebens und Leidens nicht mehr zu tragen vermögen (Waitz 3, 103).
Nur bei einigen wenigen Völkern war das Loos der Weiber etwas besser
(Waitz 3, 181). Die Speisen des Mannes durften die Weiber nicht theilen,
ja oft nicht einmal mit den Männern zusammen essen (Schomburgk 2, 428),
eine Sitte, die auch überall in Ozeanien herrscht und ihren letzten
Grund in religiösen Anschauungen hat. Doch waren durch sie den Weibern
meist die wirklich guten und nahrhaften Lebensmittel untersagt, was bei
ihren schweren Arbeiten von doppeltem Gewichte war. In Poly- und
Mikronesien (in Melanesien herrschten Sitten, die den australischen
näher kommen und Fidschi steht zwischen beiden) war die Stellung der
Weiber nicht schlecht; allerdings waren sie meist von der Gesellschaft
und den Genüssen der Männer ausgeschlossen, doch empfanden sie dies
sowie die Prostitution, zu der sie verurtheilt waren, nicht, weil es die
Sitte nun einmal mit sich brachte und man sie sonst als
Freudenspenderinnen ehrte. Wirklich schlecht scheinen sie nur in der
Paumotugruppe behandelt zu sein, von wo und zwar von Mangareva Mörenhout
2, 71 schreckliche Beispiele äusserster Bedrückung und grausamster
Misshandlung erzählt. Während an den meisten Orten den Weibern so gut
wie gar keine oder nur weibliche Arbeit, Zeugbereiten und dergl.
obliegt, wie in Tonga, in Tahiti, in Nukuhiva (Melville 2, 147); so
müssen sie in andern Inseln fast alle Arbeit thun, wie in Neuseeland
(Dieffenb. 2, 12). Frühreife der Weiber ist in Polynesien sehr
gewöhnlich. Auf Neuseeland tritt die Pubertät früher als bei uns, doch
später als in Südeuropa ein (Dieffenb. 2, 33) nach Browne 38 sind sie
schon mit dem 11. Jahre heirathsfähig und früher coitus ist auf der
ganzen Insel gewöhnlich (Dieffenb. 2, 12). Aehnlich fand es Cook auf
Tahiti (b, 126-127). Dass sich 11jährige Mädchen den Fremden anbieten,
ist gar nicht selten; es soll auch noch jüngere geben, die es thun. Die
Geschlechtsentwickelung auf den Fidschiinseln fällt später: für die
Mädchen ins 14., für Knaben ins 17. oder 18. Jahr (Wilkes bei Waitz 1,
126). Auch in Amerika reifen die Weiber sehr früh (Azara an vielen
Stellen). Schomburgk (1, 123) sah unter den Waraus in Guyana eine Frau
von kaum 10 Jahren, die dennoch hochschwanger war. Humboldt der b 2, 188
sagt, dass die Chaymasweiber mit 11-12 Jahren sich verheiratheten,
erzählt dasselbe von den Eskimos der Nordwestküste von Amerika, den
Koriäken und den Kamtschadalen (190), bei denen häufig 10jährige Mädchen
Mütter sind. Er meint zwar, dass diese frühzeitigen Heirathen der
Bevölkerung nichts schadeten: jedenfalls aber hängt das frühzeitige
Verblühen der Weiber (Waitz b, 99; Tschudi 2, 298; Schoinburgk sagt in
Beziehung auf Guyana dasselbe) mit dieser Frühreife zusammen. Doch gibt
es Stämme in Nordamerika, wo die Geschlechtsreife viel später eintritt
(Waitz 1, 125) Thunberg sah bei den Hottentotten hinwiederum Mädchen von
11-12 Jahren, welche schon Kinder hatten (25-26[C]).

Zu dieser frühen Entwickelung kommt nun ein sehr langes Säugen. Wie in
Neuholland die Weiber--und in Polynesien ist es ebenso, nach Dieffenbach
a.a.O. und anderen--so säugen auch die Amerikanerinnen ihre Kinder
öfters bis ins 12. Jahr und dies Säugen wird, wenn die Mutter
mittlerweile durch ein 2. Kind beansprucht wird, von der Grossmutter
fortgesetzt! Die Indianerinnen behaupten, im Besitz eines Mittels zu
sein, welches ihnen länger und unerschöpflicher die Milch erhalte
(Schomburgk 2, 239. 315).

Muss eine solche Lebensart, welche auch bei den Hottentotten um nichts
besser und nur in Nebendingen anders ist, die Weiber frühzeitig welken
lassen und dahinraffen, so ist die Lebensweise der Männer vielfach auch
vollkommen aufreibend durch das Uebermass von Anstrengungen, was sie mit
sich bringt. Man denke auch nur, was es heissen will, Tag für Tag, bei
oft ganz ungenügender oder durch ihre zu reichliche Fülle schädlicher
Nahrung, fortwährend umherzuziehen, über endlose Strecken dem Wild nach,
in den Anstrengungen der Jagd oder des Krieges und dabei allen Unbilden
des Klimas, des Wetters ausgesetzt! Daher finden wir nirgends in
Neuholland oder dem Feuerland oder unter den Wanderstämmen Amerikas ein
so hohes Alter unter den Einzelnen als es Chamisso auf den Ratakinseln
und San Vitores (nach le Gobien 47) auf den Marianen fand, wo 100jährige
Greise nicht selten waren, während Grey schon 70 Jahre als hohes Alter
unter den Neuholländern betrachtet (2, 247-248), aber gleich hinzusetzt,
dass bei der grossen Sterblichkeit der Kinder, die mittlere Lebensdauer
bei ihnen viel geringer als in Europa ist. Nach Azara freilich erreichen
die brasilianischen Stämme ein sehr hohes Alter: er will unter den
Payaguas mehrere Männer gesehen haben, die zum wenigsten 120 Jahre alt
waren (270; vgl. 173). Die Polynesier, überhaupt die Bewohner kleiner
und meist genügend fruchtbarer Inseln, so bedenklich ein solcher Wohnort
nach anderen Seiten sein mag, sind in dieser Beziehung besser gestellt,
da schon die Oertlichkeit ihrer Heimath solche übermässige Anstrengung
verhütet; die langen und dünnen Gliedmaassen, die vorhängenden Bäuche,
die verkommene Gestalt aber der Neuholländer ist zweifelsohne nicht
Raçencharakter (an einem anderen Ort gedenke ich den Nachweis zu führen,
dass die letzteren gleichfalls ein Zweig des malaiopolynesischen Stammes
sind), sondern durch die mühselige Lebensart, das ewige Wandern, die
Unregelmässigkeit der Nahrung hervorgebracht. Und natürlich steigert
sich alle diese Noth durch die Ausbreitung der Europäer, durch welche
die Jagdthiere der Naturvölker sehr rasch zusammenschmelzen; ja sie
steigert sich durch sich selbst und ihre eigene lange Dauer, da die
Thiere, stets verfolgt, dadurch immer scheuer, die Jagd immer
schwieriger wird, wie von Tschudi 2, 279 von Südamerika bezeugt. Auch
werde, um nichts zu übergehen, wenigstens beiläufig an das erinnert, was
Tschudi eb. 290 sagt, dass mangelnde Jagdbeute die Völker nöthigt, ihre
Jagdzüge weiter auszudehnen und das Gebiet anderer Horden zu verletzen;
dass diese ihr Gebiet vertheidigen und sich so oft sehr bedeutende
Kämpfe um die Existenz entwickeln. Auf beschränktem Terrain war
Ausrottung der Jagdthiere bisweilen nothwendige Folge auch der
vorsichtigsten Jagd; so in Neuseeland, wo die grossen Jagdvögel, die
Moas (Dinornis, Apteryx), nach und nach ausgerottet sind von den
Eingeborenen selbst, die ersteren ganz, die letzteren wenigstens zum
grössten Theil, und zwar ohne Schuld der Maoris: die Vögel vermehrten
sich langsam und wurden bei ihrer Unbehülflichkeit und dem nicht sehr
günstigen Terrain leicht die Beute der Jäger. So starben sie aus, ohne
dass man jenen ein blindes Wüthen gegen die Jagdthiere vorwerfen dürfte.

Betraf dies nun ihre Lebensart im Allgemeinen, so müssen wir nun noch
von einzelnen Punkten speziell reden. Zunächst die Nahrung, in deren
Auswahl und Aufbewahrung fast alle Naturvölker wenig Sorgfalt zeigen.
Sie dürfen auch, da die Natur von selbst, auch in den Tropen, nicht zu
jeder Zeit und nicht allzubereitwillig das Nöthige bildet, nicht allzu
wählerisch sein. So essen denn z.B. die Botokuden eigentlich Alles,
ausser geniessbaren Thieren auch Füchse, Aasgeier, Mäuse, Schlangen,
Eidechsen, Kröten, Fledermäuse, Insektenlarven, Würmer, ungeputzte
Eingeweide (Tschudi 2, 279. 298) und dergl. In Guyana graben die Kinder
18 Zoll lange Skolopender aus der Erde und--fressen sie lebendig (Voigt
Zoologie V, 420 nach Humboldt). Das Erdeessen der Otomaken hält
Humboldt, der es b 6, 102 ff. mit Herbeiziehung alles Analogen bei
anderen Völkern bespricht, zwar nicht für schädlich, nützlich aber ist
es auch nicht, sondern nur hungervertreibend. Auch in Australien (Grey
2, 263-264) findet es sich; doch wird hier die Erde mit einer geriebenen
Wurzel gemischt.

In Australien ist zwar nach Grey 2, 259-261 der Nahrungsmangel nicht so
gross, als man gewöhnlich annimmt und vieles was uns nur aus äusserstem
Elend gewählt scheint, ist ihnen eine willkommene Leckerei; indess sagt
Grey doch selbst, 261 ff., dass jede Gegend des Continents ihre
besondere Nahrung habe, die man aber erst kennen und aufsuchen müsse.
Und das scheint keine leichte Sache, wenigstens war er selbst, obwohl
von einem nicht unbefähigten Eingeborenen begleitet, auf seinem
unfreiwilligen Zug die Westküste des Kontinentes entlang in der
äussersten Lebensgefahr durch Hunger. Ein fauler Walfisch ist den
Neuholländern, während sie sonst sehr ekel gegen angegangenes Fleisch
sind, grösster Genuss und je stinkender die Speise, desto willkommener
wird sie, wie auch die Thakallis, ein Stamm der Athapasken in
Nordamerika, faules Fleisch vorzüglich gern essen (Waitz b, 90). Und wie
nun diese Völker essen! »Die Botokuden geniessen die meisten
Nahrungsmittel, besonders das Fleisch in halbgarem Zustande. Es wird
über das Feuer gehalten, bis die äussersten Schichten etwas angebrannt
sind und dann verzehrt. Die Gefrässigkeit dieser Indianer ist fast
sprichwörtlich geworden.----Wenn ein glücklicher Jagdzug reichliche
Beute gewährt, so wird sie gierig verzehrt und da das Fleisch rasch in
Fäulniss übergeht, um ja nichts zu verlieren, der Magen so lange
vollgestopft, als eine physische Möglichkeit dazu vorhanden ist. Dann
folgt eine lange behäbige Verdauungsruhe und dieser oft wochenlang
äusserst spärliche Mahlzeiten. Völker und Individuen, die
ausschliesslich auf Fleischnahrung angewiesen sind, haben eine rasche
Verdauung und es äussert sich bei ihnen Heisshunger viel heftiger als
bei jenen, die an eine vegetabilische oder gemischte Nahrung gewöhnt
sind. Sie können sich aber auch mit einer sehr geringen Quantität ihrer
gewohnten Fleischnahrung lange kräftig erhalten, leiden dabei aber stets
an Hunger. Bei jeder sich darbietenden Gelegenheit suchen die Botokuden
ihren steten Hunger durch übermenschliches Fressen zu stillen und
verschlingen mit der Gier eines Raubthieres die ekelhaftesten
Gegenstände ohne Wahl mit gleichem Heisshunger«. Was Tschudi (2,
278-279) uns so von den Botokuden erzählt, das kann mit denselben Worten
von allen Naturvölkern Amerikas, von den Feuerländern bis zu den
Eskimos, das kann von den Hottentotten, von denen es allwärts bekannt
ist (von den Buschmännern bezeugt es z.B. Lichtenstein 2, 355), und
trotz ihrer mehr gemischten Nahrung von den Neuholländern, den meisten
Melanesiern, und auch, obwohl bei diesen meist die vegetabilische
Nahrung vorwiegt, von vielen Polynesiern gesagt werden, von den roheren
gewiss, doch zu Zeiten auch von den cultivirteren, wenigstens
übersteigt die Masse der bei Festlichkeiten verschlungenen Lebensmittel
alle europäischen Begriffe bei weitem. Ja es kam vor, dass man bei
grossen Vorräthen, wie einst die hochcivilisirten Römer, Brechmittel
nahm, um mit frischen Kräften weiter essen zu können (Waitz 3, 82, vom
südl. Nordamerika). Zwiefach gefährlich ist eine solche Lebensart,
einmal, weil sie dem menschlichen Organismus gewiss nicht entsprechend
und also schädlich ist; und zweitens weil sie, da man alles was die
Gegenwart bietet aufzehrt und in sich stopft, Vorräthe zu sammeln aber
etwas ganz Ungewohntes ist, für die Zukunft, für welche Naturvölker nur
in den seltensten Fällen und auch dann meist sehr unvollkommen sorgen,
die bedenklichsten Folgen hat. Hungersnoth entsteht in Polynesien nicht
selten durch gänzliches Aufzehren aller Lebensmittel bei Festlichkeiten,
obwohl doch die meisten Völker hier Vorräthe sammeln. Uebrigens thun
dies auch manche Indianerstämme (Waitz b, 91). Man sollte denken, gerade
die Naturvölker, durch Noth und Erfahrung belehrt, müssten am ersten für
die Zukunft Sorge zu tragen gelernt haben, allein Waitz, der daran
erinnert, dass »auch unter den civilisirten Völkern die Individuen und
die ganzen Classen der Gesellschaft sich um die Zukunft wenig oder gar
nicht kümmern, denen zur Arbeit jedes andere Motiv fehlt, ausser der
Sorge für ihren eigenen Lebensunterhalt«, hat sehr richtig b, 84 u. 91
die psychologischen Gründe entwickelt, warum die kulturlosen Völker nur
der Gegenwart leben. Die Hauptsache ist, dass sie allzusehr unter der
Herrschaft der sinnlichen Nerveneindrücke stehen: die Vorstellung,
welche sie gerade gegenwärtig haben, verdrängt alle anderen aus ihrem
Bewusstsein, und ist, nach Noth und Entbehrung, die Gegenwart wieder
gut, so kommt dazu der physische Genuss dieses Wohllebens, dieser Ruhe,
der die augenblicklichen Vorstellungen mit um so grösserer Macht zu
alleinherrschenden macht (Waitz 1, 351).

Aber nicht bloss sorglos sind sie um die Zukunft: wie oft zerstören sie
sich man kann fast sagen die Lebensbedingungen für dieselbe selbst, so
namentlich auf der Jagd. »Der Jäger, sagt Waitz 1, 350, geräth,
besonders massenhafter Beute gegenüber, wie der Soldat im heissen
Kampfe, in eine grenzenlose Wuth, er mordet mit Lust und verwüstet das
Wild meist in völlig nutzloser Weise, verzehrt davon das Beste und oft
dieses kaum, wenn es im Ueberfluss sich darbietet. Daher brauchen
Jägervölker ein ganz unverhältnissmässig grosses Areal und gerathen
trotzdem oft in Noth, weil ihnen Schonung der Jagdthiere ebenso fremd
ist, als sparsames Haushalten mit Vorräthen überhaupt. Der hundertste
Theil des von den Zulus erlegten Wildes, bemerkt Delagorgue, würde zu
seinem und seiner Begleiter Unterhalt mehr als hinreichend gewesen
sein.« Die Buschmänner zerstören häufig grössere Jagdbeute aus Missgunst
und Bosheit: »was sie selbst im Ueberfluss nicht gebrauchen können,
soll wenigstens keinem anderen zu Gute kommen«, sagt Lichtenstein 2, 565
von ihnen. Aehnlich berichtet Hearne 120 von den nördlichsten Stämmen
Nordamerikas, die das Wild schliesslich der Zungen, des Markes, des
Fettes wegen, aller Gegenvorstellungen zum Trotz, erlegten, die an
keinem Nest mit Jungen oder Eiern vorübergehen konnten, ohne es zu
zerstören. Waitz 3, 81 sieht darin nur die Sitte eines gänzlich rohen
Stammes und sagt, dass, wo diese und ähnliche Sitten jetzt eingerissen
seien, es in Folge moralischer Gesunkenheit geschehen sei, da sonst
Sparsamkeit der Charakter der meisten Indianer gewesen sei. Mag
letzterer Zug ganz richtig sein: die Leidenschaft der Jagd aber, welche
kein Thier schont, findet sich in Amerika nicht nur bei verkommenen
Völkern. Sie herrscht in Canada (Waitz 3, 85) und gewiss sonst noch aus
der abergläubischen Ansicht, dass die fliehenden Thiere die anderen
warnen und verscheuchen würden. Von Südamerika berichtet Azara 193
Gleiches. Dasselbe gilt von den Neuholländern.

Und nicht genug, dass sie sich auf diese Weise die Nahrung selbst
zerstören: sie verbieten sich auch eine Menge Speisen, oft gerade die
besten, durch religiösen Glauben. Zunächst sind die Frauen fast überall
in Amerika, Polynesien und Australien, in Neuholland auch die Jünglinge
und Knaben (Grey 2, 248), von den besten Nahrungsmitteln, die nur den
erwachsenen, oft nur den greisen Männern erlaubt sind, ausgeschlossen.
Dann aber gehört das Totem der Indianer hierher, von dem Waitz 3, 119
sagt: »Der politische Verband des Volkes beruhte in alter Zeit sehr
allgemein auf einer Eintheilung in Banden oder Geschlechter, deren jedes
durch ein Thier oder einen Körpertheil, eines Thieres als Marke
bezeichnet war, z.B. Bär, Büffel, Fischotter, Falke und dergl. Nur ein
Fisch oder ein Theil eines Fisches konnte diese Marke nicht sein.« Der
Name dieser Marke, Totem, kommt von den Algonkin. Wahrscheinlich
(ebend.) hatte das Totem ursprünglich eine religiöse Bedeutung: das
Thier des Totem war der Schutzgeist der nach ihm benannten Familie,
wurde von dieser heilig gehalten und _durfte von ihr nicht gejagt_
werden. Und ebenso verhielt es sich gewiss mit »der Medicin«, die jeder
Amerikaner hatte, d.h. dem Totem des Einzelnen. Denn zur Zeit der
beginnenden Mannbarkeit erscheint jedem einzelnen sein Schutzgeist in
Gestalt eines Thieres, das dann gejagt und dessen Balg stets von dem
Betreffenden getragen werden muss. Der Verlust der Medicin würde ihm
tiefste Verachtung und beständiges Unglück zuziehen (Waitz 3, 118-119).
Ursprünglich durfte gewiss kein Indianer das Thier, das ihm »Medicin«
Schutzgeist war, verzehren. Die meisten Völker (auch die Aleuten)
stammten von solchen Thieren ab (Waitz 3, 119. 191) und auch diese waren
ihnen gewiss ursprünglich heilig, wenn sich auch später diese Verehrung
in etwas abschwächte. Diese auffallende Sitte, die genauer betrachtet
gewiss mancherlei merkwürdige Resultate gäbe[D], findet sich ganz
übereinstimmend bei den Neuholländern, worüber man Grey 2, 225-229
vergleiche. Jede Familie, oder besser, jeder Stamm, denn die Familien
sind ausgedehnt wie Stämme, hat ihr »kobong« Pflanze oder Thier, das ihr
heilig ist, ihr den Namen gibt u.s.w. Wie in Amerika Leute von gleichen
Totem, so durften in Neuholland Leute desselben Kobongs einander nicht
heirathen. Kein Neuholländer tödtet sein Kobong, wenn er es schlafend
findet, auch nie, ohne ihm vorher Gelegenheit zur Flucht zu geben; war
es eine Pflanze, so durfte es der Betreffende nur zu bestimmten
Jahreszeiten und unter ganz bestimmten Ceremonien einärnten und
benutzen[E]. Hierin sehen wir eine Folge der Noth; denn ursprünglich
durfte das Kobong wohl ebenso wenig gegessen werden, wie das
amerikanische Totem. Dafür spricht auch die Form, in welcher sich die
Sitte in Polynesien erhalten hat. Denn in Polynesien gilt es noch jetzt
an verschiedenen Orten als strenges Gesetz, dass Einzelne einzelne
Thiere, in welchen ihr Schutzgeist oder der Geist ihrer Ahnen verborgen
ist, weder tödten noch essen dürfen. So in Mikronesien z.B. auf Ponapi
(O'Connel bei Hale 84), auf Tikopia (Gaimard bei D'Urville V, 305-307),
auf den Fidschiinseln (Wilkes 3, 214), wohin die Sitte entweder von
Polynesien gekommen ist oder sich als malaiisches Ureigenthum, wie wir
sie auch in Neuholland finden, erhalten hat; so in Hawaii (Remy 165), in
Tahiti (Mörenhout 1, 451-57). Wir finden auf allen diesen Inseln jetzt
Gedanken an Seelenwanderung eingemischt; allein man muss bedenken, dass
der Glaube an die behütende Macht der Seelen der Vorfahren, also an den
Uebergang der abgeschiedenen Seelen in Schutzgeister der Lebenden in
Polynesien später vielfach aufgekommen ist.

Auch anderer Aberglaube als dieser entzog bisweilen den Naturvölkern die
Nahrung, wie z.B. Grey 1, 363-364 erzählt, dass, weil einige Eingeborene
beim Muschelessen gestorben waren, die Neuholländer, die ihn
begleiteten, aus Furcht vor Zauberei nicht dahin zu bringen waren,
selbst durch den äussersten Hunger nicht, dass sie Muscheln assen; und
Derartiges liesse sich, wenn es für unsern Zweck nicht zu weit führte,
noch mancherlei sammeln.

Dass nun die engen dumpfigen Wohnungen vieler dieser Völker (es bedarf
hierzu keiner Belegstellen), worin oft sehr viel Menschen
zusammengepfercht wohnen und schlafen und die oft von Schmutz und
Ungeziefer starren, ungesund sind, versteht sich von selbst. Andere
Stämme (Feuerländer, Australier u.s.w.) haben in ihren Wohnungen fast
gar keinen Schutz vor dem Wetter; die Buschmänner (Waitz 2, 344) haben
zu ihren stets wechselnden Schlafstätten Erdlöcher, die sie mit
Baumzweigen überdecken, Felsspalten und Büsche. Auch auf die meist sehr
mangelhafte Bekleidung dieser Völker braucht hier bloss hingewiesen zu
werden. Alles dies, die Art wie sie sich nähren zumeist, ist zwar
schädlich und bewirkt es, dass nirgend die Naturvölker sehr hohe
Kopfzahlen aufzuweisen haben; aber alles dies ist auch wiederum nicht
von solchem Einfluss, dass es das Aussterben dieser Völker allein schon
erklärte; wir dürfen es nur als sekundäre Ursachen dafür betrachten, als
solche aber dürfen wir es auch durchaus nicht übergehen oder
unterschätzen. Wäre dies ihr Leben dem menschlichen Organismus
zuträglicher, so würden sie auch manches feindliche Schicksal, welchem
sie so erliegen oder erlegen sind, überwunden haben.




§ 6. Charakter der Naturvölker.


Aber nicht bloss diese Fahrlässigkeit in Bezug auf ihr äusseres Leben
schadet den Naturvölkern: ihr ganzer Charakter, wie er sich im Laufe der
Jahrtausende entwickelt hat, steht einem kräftigen Gedeihen im Wege und
so müssen wir auch diesen, wenigstens nach einigen Seiten hin,
betrachten. Zunächst ist unter ihren geistigen Eigenschaften ihre
furchtbare Trägheit hervorzuheben, welche z.B. in Mikronesien so weit
geht, dass man viel zu indolent ist gegen eine fürchterliche Form des
Aussatzes, welche in ihrem Anfang noch heilbar und leicht heilbar in
ihrer Entwickelung ebenso qualvoll als absolut tödtlich wird, auch nur
das Mindeste zu thun: man sieht dem ersten Anfange, der noch nicht
belästigt, mit grösster Seelenruhe zu, bis jede Hülfe zu spät ist
(Virgin 2, 103). Diese Faulheit, welche Waitz 1, 350; b, 84, 90 und
sonst zur Genüge geschildert hat, ist denn auch ein Grund, weshalb
Naturvölker so selten Vorräthe sammeln, ja verhindert sie oft nur
auszugehen, um Nahrung zu suchen, wie Grey 2, 262-63 von den
Neuholländern sagt; namentlich im Sommer bei Hitze und im Winter bei
Kälte und Nässe leiden sie Hunger, die Folge ihrer Trägheit. Beispiele
von den Hottentotten zu geben wäre überflüssig. Diese Trägheit schadet
ihnen aber noch auf ganz andere Weise. Denn wie Fleiss, Interesse und
geistige Anspannung auch körperlich anregen und grössere Kraft und dem
ganzen Organismus auch leiblich erhöhteres Leben verleihen, so schwächt
umgekehrt fortgesetzte Schlaffheit und geistige Trägheit, wie sie die
Naturvölker in so hohem Grade ausser wenn sie Noth treibt bekunden, auch
die leibliche Kraft und die Funktionen des Körpers scheinen darunter zu
leiden. Wenn nun dieser Zustand durch leibliche und geistige Vererbung
(auch der Einfluss geistiger Vererbung ist von grösster Bedeutung und
wohl noch nicht überall hinlänglich gewürdigt) sich immer mehr
befestigt, so muss er auf das Gedeihen der Naturvölker einen immer
gefährlicheren Einfluss haben. Allerdings ist das Ineinandergreifen des
leiblichen und geistigen Lebens ein schwieriger und dunkler Punkt, auf
den aber gerade deshalb ganz besonders aufmerksam gemacht werden muss.

So entwickelt sich denn aus dieser Trägheit des äusseren auch eine
Starrheit und Unbeweglichkeit des geistigen Lebens, die gleichfalls von
den schlimmsten Folgen für diese Völker ist, schon dadurch, dass jeder
gute Einfluss der Europäer auf sie, jeder Versuch, sie zur Kultur
emporzuheben, ausserordentlich erschwert wird. Dadurch abgeschreckt
haben auch vorurtheilsfreie Männer, wie Meinicke, behauptet, sie seien
zu jeder Kultur unfähig, und doch ist, wie Erfahrungen bei allen
Naturvölkern bewiesen haben, nichts falscher, als diese Behauptung. Da
nun diese Starrheit mit jeder Generation nach und nach zunimmt, so
wirken auch historische Schicksale, Wanderungen und dergl. unendlich
viel schwerer auf diese Völker, als sie vor so vielen Jahrtausenden auf
die Indogermanen, die Semiten, als sie auch auf die gebildeteren
Polynesier und Amerikaner wirkten. Daher versinken sie immer mehr und
mehr in Roheit und Stumpfheit, und es ist nicht übertrieben, zu
behaupten, dass, auch wenn sie allein auf der Welt wären, ohne jeglichen
feindseligen Einfluss von aussen her, sie dennoch, wie jetzt ihre
Entwickelung oder wohl besser ihre Verhärtung ist, nach und nach
langsam vergehen und erlöschen würden. Denn nichts ist der menschlichen
Natur, die so sehr auf Wechselbeziehung zwischen Leib und Seele
gegründet ist, schädlicher, als eine solche Unthätigkeit beider.

Ein dritter Zug ihres Charakters, der uns hier näher angeht, ist eine
gewisse Melancholie, die sich, wie bekannt, zumeist bei den Amerikanern
findet. Doch auch die scheinbar so fröhlichen Polynesier, wenn man
gleich ihr Temperament nicht wie das der Amerikaner melancholisch nennen
kann, zeigen manches Entsprechende. So resigniren sich die Tahitier über
ihr Aussterben durch den oft wiederholten Ausspruch, den wohl Ellis (1,
103-104) zuerst mittheilte: der Hibiskus soll wachsen, die Koralle sich
ausbreiten, der Mensch aber dahinsterben; und »es war melancholisch,
sagt Darwin (2, 213), die schönen energischen Eingeborenen Neuseelands
sagen zu hören, sie wüssten, dass das Land nicht das Eigenthum ihrer
Kinder bleiben würde.« Für Kamtschatka ist wichtig, was v. Kittlitz über
das Klima dieses Landes sagt, das bald (oder Einzelne) zur tiefsten
Melancholie stimme, bald (oder Andere) zur höchsten excentrischsten
Freude aufrege. Die Schilderungen der Aleuten bei Kotzebue, Chamisso,
Langsdorff u.a. enthalten ganz ähnliche Züge von Niedergeschlagenheit,
die allerdings hier mit grossem Phlegma gepaart scheint.

Es ist klar, dass diese Melancholie mit jener schon besprochenen
Trägheit zusammenhängt; denn diese raubt dem Geist der Naturvölker, der
nach aller Naturvölker Art ganz und gar vom jedesmaligen sinnlichen
Eindruck und meist nur von solchen abhängig ist, die besonnene und feste
Willens- und Widerstandskraft immer mehr. So wie nun aber jeder
Willensakt eine rein physische Nerventhätigkeit voraussetzt, so wird
auch fortgesetztes Nichtwollen zum bleibenden Nervenhabitus, zum nicht
Wollenkönnen und dadurch vom übelsten Einfluss auf die Seele, der, wenn
dieser letzteren Leiden entgegentreten, um so grösser und vernichtender
wird.

Das zeigt sich nun schon bei den Naturvölkern im Leben der Individuen.
Wir sahen, dass Krankheiten überall als Bezauberung oder Einwirkung von
Dämonen gelten; viele aber, die von Krankheiten befallen sind, sterben
aus keinem andern Grund, als aus Melancholie über die vermeintliche
Bezauberung. Beispiele für Neuseeland gibt Dieffenbach 2, 16, Browne 75;
für Tahiti Ellis 1, 364, 367-68; für Neuholland, wo eine namenlose Angst
vor Bezauberung herrscht, Grey 1, 363-64. 2, 336-40; für Nordamerika, wo
der Tod aus abergläubischer Furcht gar nicht selten ist, Waitz 3, 213:
und nach allem Gesagten werden wir in den Ländern, wo Krankheit durch
Zauberei entsteht oder als Folge von Sünden gilt, wie z.B. in
Kamtschatka, wo Krankheit und Tod erfolgen, wenn man Kohle mit dem
Messer spiesst oder Schnee mit dem Messer von den Schuhen schabt (Waitz
1, 324), in allen diesen Ländern, also bei allen Naturvölkern werden wir
auch ein solches Hinsterben Einzelner aus Angst und Aberglauben finden.




§ 7. Ausschweifungen der Naturvölker.


Die gänzliche Abhängigkeit der Naturvölker von sinnlichen Eindrücken hat
auch noch eine andere sehr gefährliche Folge für sie, durch welche
einzelne Stämme ernstlich bedroht worden sind: wir meinen die
Ausschweifungen, denen viele von ihnen verfallen sind, im Trunk und vor
allen in geschlechtlicher Beziehung.

Zwar von den gebildeten Völkern Amerikas, den Mexikanern und ihren
Verwandten sowie den Peruanern, kann man nicht behaupten, dass sie nach
dieser Seite hin Vorwürfe verdienten; freilich kamen bei ihnen
Ausschweifungen und grobe, ja unnatürliche Laster vor, freilich gab es
bei ihnen öffentliche Dirnen, aber alles das war keineswegs ausgebreitet
und durchaus verachtet, so dass wir sie in dieser Beziehung viel höher
stellen müssen, als die heutigen Kulturstaaten Europas. Die Schilderung
freilich, welche wir bei Pöppig 375 finden, oder was uns der berüchtigte
Ortiz, ein Mönch zur Zeit der Entdeckung, erzählt, enthält des
Scheusslichsten auch nach dieser Seite viel; Ortiz Darstellung sollte
aber nur die Behandlung, welche das Land durch die Conquistadoren
erfuhr, rechtfertigen und so häufte sie alle Laster auf die Indianer.
Pöppigs Nachrichten beruhen auf ähnlichen Quellen, die gleichfalls ganz
unzuverlässig und meist unwahr sind. Wenn z.B. Gomara (bei Pöppig)
berichtet, dass Balboa 50 Päderasten in Quarequa in Darien und ebenso
(Waitz 4, 350) den Herrn dieses Landes um desselben Lasters willen von
Hunden zerreissen und dann verbrennen liess, so ist es ganz klar, dass
hier die Anklage nur erfunden wurde, um die scheussliche Grausamkeit
Balboas zu bemänteln, der selbst sagt, das Laster sei nur von den
Vornehmen verübt, vom Volke verabscheut. Denn dass spanische Soldaten,
unter welchen es gleichfalls vorkam (Waitz 3, 383), jemals dafür und gar
so fürchterlich gestraft wären, davon wird nichts erwähnt. Waitz im 4.
Bande der Anthropologie hat nun ganz klar und deutlich bewiesen, dass
solche Ausschweifungen nur einzeln und selten bei diesen Völkern sich
fanden, wofür die strengen Strafen, welche bei ihnen allen auf solchen
Lastern oder auf sonstiger Unzucht standen, sprechen; vergl. Waitz 4,
85. 88. 131. 307. 350. 367 u. sonst. Ebenso wenig waren solche Laster,
wie Pöppig a.a.O. will, »Volkslaster« in Peru; freilich haben die
Conquistadoren auch hier das ärgste zu erzählen gewusst und mussten,
nach ihren Berichten, die grausamsten Strafen gegen die Lüstlinge
anwenden; wenn man aber liest (Waitz 4, 478), wie der gefangene Inka
Manko Capak, Atahualpas Bruder, die Spanier flehentlich bat, dass man
ihn doch wenigstens nicht zum Feuertod verurtheilen oder den Hunden
vorwerfen, sondern nur aufhängen möge, so wirft das auf jene Strafen ein
ganz eigenthümliches Licht. Auch beweisen die Zeugnisse bei Waitz 4,
417, dass auch in Peru solche Laster, Ehebruch oder gar Päderastie,
durchaus nicht verbreitet waren, sondern nur vereinzelt vorkamen, wofür
wiederum die strengen Strafen, welche die einheimischen Landesgesetze
gegen derartiges verhängten, sprechen.

In Nordamerika war, wie bei den eben besprochenen Völkern, Polygamie
erlaubt, keineswegs aber sehr ausgedehnt (Waitz 3, 109). Weibertausch
kommt vor, als Freundschaftszeichen unter Familien (Hearne 128), ebenso
auch Prostitution aus Gastfreundschaft. Keuschheit der Mädchen war
überhaupt etwas, auf das man bei vielen Völkern und namentlich bei den
roheren, keinen Werth setzte (Waitz 3, 111). Schlimmere Dinge und
namentlich Blutschande erwähnt als gewöhnlich bei den Athapasken Hearne
128, der auch sonst den Anwohnerinnen der Hudsonsbai arge
Ausschweifungen Schuld gibt (126-27). Unnatürliche Laster werden
vielfach bei den Völkern Nordamerikas erwähnt und Männer in
Weiberkleidern finden sich freilich an vielen Orten, so bei den
Illinois, in Florida, bei den Mandans, den Osagen, den Kansas u.s.w.
(Waitz 3, 113); auch bei den Bewohnern Nutkas wird Aehnliches erwähnt
(eb. 133), obgleich sie sowohl wie die Koluschen im ganzen keusch leben,
anders wie die Chinook (am Columbia), bei denen Prostitution und
sinnliche Ausschweifungen verbreitet waren (eb. 337). Strenger sind die
Völker vom Oregongebiete. Uebrigens ist das nicht immer ein Zeichen von
unnatürlichen Lastern, wenn Männer Weiberkleider tragen; denn einmal
scheint manche abergläubische Vorstellung (eb. 113) damit verbunden zu
sein, in anderen Fällen war es wenigstens eine symbolische, wie z.B. die
Delawares von den Irokesen »zu Weibern gemacht«, d.h., gezwungen wurden,
als sie gänzlich besiegt waren, den Weiberrock anzuziehen (Waitz 3, 23.
b, 158) und auch bei den Chibchas in Neu-Granada Feiglinge mit einem
Weiberrock bekleidet wurden (4, 361). Bei den Illinois standen die so
gekleideten Männer in besonderem Ansehen (3, 113) und ganz ähnlich war
es bei den nördlichen Patagoniern (3, 506), wo die Zauberpriester, deren
einen jede Familie hatte, Weiberkleider trugen. Auch was Combes (Hist.
de las islas de Mindanao Madrid 1667 p. 55) erzählt, dass es bei den
Subanos auf Mindanao Männer gäbe, welche unverheirathet blieben,
Weiberkleider trügen, aber geehrt wären und keusch lebten, zugleich aber
auch physisch ein weibliches Aussehen hätten, werde hier als merkwürdige
Parallele erwähnt.

Den Cariben in Südamerika wird von den älteren spanischen
Schriftstellern gleichfalls der Vorwurf unnatürlicher Lasterhaftigkeit
gemacht, doch hat Waitz 3, 383 Recht, wenn er auch diesen Vorwurf für
unrichtig hält, »denn auf ihn pflegte hauptsächlich der Anspruch
gegründet zu werden, die Eingeborenen zu rechtmässigen Sklaven zu
machen«. Andere Schriftsteller läugnen auch, dass hier solche Laster
vorgekommen seien; doch fanden sich Männer in Weiberkleidern auch hier
(Oviedo bei Waitz 3, 383). Auch die Tupis in Brasilien lebten streng (3,
423); ebenso die Araukaner (3, 516). Hiermit stimmen auch alle
Nachrichten bei Azara; nur dass er den Weibern der Mbayas, bei denen
Polygamie erlaubt ist, mancherlei Ausschweifungen vorwirft (249-50).

Es ist nicht nöthig, dies bei den Amerikanern weiter zu verfolgen; für
uns genügt das Ergebniss, dass zwar mancherlei Ausschweifungen
namentlich in Nordamerika unter ihnen sich vorfanden, dass diese aber
keineswegs allgemein und bedeutend genug waren, um aus ihnen die
Verminderung der Kopfzahl dieser Völker zu erklären. Dass aber, seit der
Bekanntschaft mit den Europäern diese Ausschweifungen sehr zugenommen
haben, ist eine traurige Wahrheit.

Dem Trunk war man in Mittel- und Nordamerika nicht ergeben und ist es
verhältnissmässig auch jetzt noch nicht. Allerdings kannte man in Mexiko
mehrere geistige Getränke (Waitz 4, 98), von denen das eine, Pulque,
Agavesaft, den man durch Ausschneiden des Herzens der Pflanze, wenn sie
den mächtigen Schaft treiben will, gewinnt und gähren lässt, auch von
Europäern (Humboldt a 3, 99) mit wahrer Leidenschaft getrunken wird;
allein die Mexikaner waren mässig, wie schon aus ihren Gesetzen
hervorgeht. Der Trunk wurde darin so streng geahndet, dass irgend welche
Verbreitung desselben ganz unmöglich war (Waitz 4, 83-84). Auch in
Californien war er selten (eb. 240. 242). Die Eingeborenen von
Nikaragua, von welchen auch verschiedene geschlechtliche Ausschweifungen
berichtet werden, sollen nach Oviedo auch dem Trunke ergeben gewesen
sein; allein allzu sicher sind diese Nachrichten nicht (Waitz 4, 279).
Auch die Peruaner, obwohl sie verschiedene geistige Getränke hatten,
waren dem Trunke nicht ergeben (4, 429), so wie sie auch dem Genuss der
Coka, die im ganzen Land gebaut wurde, nicht übermässig fröhnten; dem
Volk war sie ganz verboten (422). Obwohl nun die Eroberung des Landes
die Sitten vielfach verschlechterte, so sind doch auch jetzt noch weder
die Peruaner (500) noch die Mexikaner (196) und die ihnen verwandten
Völker dem Trunk ergeben (227)--wenn es auch Feste gab, z.B. in Yukatan,
bei welchem sich die Weiber berauscht haben sollen (4, 307), oder bei
denen, wie in Nikaragua, allgemeine Zügellosigkeit herrschte (279). Denn
bei allen solchen Festen waren gewiss, wie bei ähnlichen semitischen und
indogermanischen, religiöse Motive wirksam.

Anders war es in Südamerika, wo Schomburgk 2, 420 die Cariben als
Trunkenbolde schildert; und schon von Alters her hatten sie ausser
andern ein berauschendes Getränk aus Cassadabrod, welches zerbrochen,
mit heissem Wasser zu einem Teig zerrührt, dann von alten Weibern
durchgekaut und in einen Trog gespieen wurde, wo es nun gähren musste
(Schomburgk 1, 173); ganz ähnlich bereiteten die Tupis einen
berauschenden Trank aus Mais oder Hirse, wobei das Getreide gekocht und
von alten Weibern durchgekaut wurde. Sie nannten es Caouin oder Kaveng
und sowohl durch die Bereitungsart als durch den Namen wird man an den
gleich zu erwähnenden polynesischen Kavatrank erinnert (Waitz 3,
423-24). Gegohrene Getränke hatten die Araukaner (3, 509), die
Chiquitos, die dem Trunke sehr ergeben waren (eb. 530) und sind (533),
die Moxos (537), welche ihn gleichfalls sehr lieben und andere Völker
schon vor der Entdeckung. Dass nun durch den Einfluss der Europäer diese
Neigung nicht vermindert, sondern nur gestiegen ist, begreift sich; und
so wird es uns von den Cariben (Schomburgk 1, 173) von den Warans (eb.
1, 123), den Charuas (Azara 184), den Mbayas (eb. 242) u.s.w. berichtet.

In Nordamerika, bei den Indianern der Vereinigten Staaten, waren vor den
Europäern keine geistigen Getränke in Gebrauch, ja Wasser war fast das
einzige Getränk, was sie genossen, wie Waitz 3, 82 ins Einzelne
ausführt; ebenso war es bei den Koluschen und den Chinooks (3, 84. 337).
Wenn nun der Trunk, der Branntwein in Nordamerika doch so traurige
Folgen gehabt und ganze Stämme dahin gerafft hat, so dass man oft genug
die Behauptung findet, die Indianer seien von Natur dem Trunke ergeben
gewesen; so fordert dies zur genaueren Untersuchung der Sachlage auf,
die sich nach Waitz 3, 83-84 und 270, der die Quellenbeweise beibringt,
so stellt, dass die Indianer sich aufs stärkste gegen den Verkauf von
Branntwein gewehrt und viele Verträge geschlossen haben, in welchen die
Einfuhr derselben ausdrücklich verboten war, dass aber der Branntwein
dennoch, sogar mit Gewalt, von den europäischen Nationen den
Eingeborenen aufgezwungen ist, theils um das Produkt abzusetzen, theils
um sie im Trunke zu betrügen, theils auch geradezu, um sie durch den
Trunk zu vernichten. Das ist denn nur allzugut gelungen; denn wenn auch,
trotz der vorherrschenden Sinnlichkeit, die Amerikaner einen höchst
beachtungswerthen Widerstand diesem Genussmittel entgegensetzten, so
konnte dieser eben bei ihrer Natur kein absoluter sein; öfters zwang sie
der Nahrungsmangel zum Trunk und ein sehr häufiger Grund, sich dem
Trunke zu ergeben (der auch in Mittelamerika vielfach vorkam) war der,
dass man aus der grenzenlosen Fülle des Elends ringsher sich wenigstens
einmal wieder durch den Rausch in einen glücklichen Zustand versetzen
oder dass man sich in der Verzweiflung betäuben wollte. Uebrigens haben
Völker und Individuen sich dem Laster des Trunkes auch wieder zu
entreissen vermocht (Waitz b, 43). Eigentlich also gehörte diese
Betrachtung erst dahin, wo wir vom Einfluss der Weissen auf die
Naturvölker sprechen werden, indess mag ein solches Vorausnehmen, des
Zusammenhangs wegen und um den einen Gegenstand zu erschöpfen, gleich
hier seine Entschuldigung finden. Tabak hat ebensowenig als Coka
geschadet.

Wenn nun auch die Hottentotten und die Buschmänner gar keinen Werth auf
die Keuschheit der Mädchen und Weiber legen, so waren sie doch weder in
geschlechtlicher Beziehung noch im Trunk sehr ausschweifend, während wir
bei den Aleuten und Kamtschadalen die Verhältnisse wesentlich anders
finden. Dem Trunk waren namentlich die Kamtschadalen ganz
außerordentlich ergeben (Krusenstern 3, 53) und wie diese Leidenschaft
von den europäischen Pelzhändlern zu ihrem Verderben benutzt ist, werden
wir später sehen. Aber auch die Aleuten liebten dies Laster (Waitz 3,
314), wie sie auch sonst sehr ausschweifend lebten. Die Weiber hatten
(nach Wenjaminow in Ermans Archiv bei Waitz 1, 356 Note) zwei Männer,
einen aus höherem Stande und einen Nebenmann aus niederem; dem Gast
stellte der Wirth, um ihn gastfreundlich zu ehren, das eigene Weib zur
Verfügung. Auch der Päderastie waren sie ergeben (Waitz 3, 314) und die
stumpfsinnige Melancholie, in der sie z.B. Chamisso vorfand, scheint
nicht wenig durch derartige Ausschweifungen veranlasst zu sein. Den
Kamtschadalen schadete gar sehr der grosse Weibermangel, der nach
Krusenstern 3, 44, bei ihnen herrschte und nicht nur die Moralität
gänzlich, sondern auch die Fruchtbarkeit der Ehen zerstörte. xyxyxyß Die
Neuholländer, obwohl sie von den Unverheiratheten beider Geschlechter
keine Keuschheit verlangen, obwohl sie an einigen Orten die Weiber ihren
Gastfreunden anbieten und sie mit guten Freunden tauschen (Angas 1, 93),
sind doch so eifersüchtig, dass verheirathete Frauen sehr zurückhaltend
sein müssen (Grey 1, 256). Polygamie ist bei ihnen häufig, aber man kann
sie eigentlich nicht ausschweifend nennen. Auch geistige Getränke hatten
sie nicht. Von den Melanesiern wird nichts auffallend Schlimmes
berichtet, wohl aber von manchen Orten das Gegentheil; so herrschen,
nach Malte Brun in Bullet. de la soc. geogr. 1854, I, 238, auf
Neucaledonien, wenn auch die Weiber ganz sklavisch gehalten werden,
geschlechtliche Ausschweifungen nicht. Polygamie ist allerdings auf den
Inseln Sitte (Turner 86. 371. 424), allein wirklich ausgedehnt nur bei
Häuptlingen und in selteneren Fällen. Ehebruch kommt, aus Furcht vor
Strafe, kaum vor (Turner 86 in Bez. auf Tanna), allein Keuschheit der
Unverheiratheten ist hier so wenig verlangt als sonst irgendwo bei den
Naturvölkern. Während nun Erskine 256 von den Fidschis sagt, dass sie
sehr enthaltsam lebten und Ekel vor Ausschweifungen empfänden, so
behaupten William und Calvert 1, 134, dass sie sehr zügellos und grobe
Ausschweifungen bei ihnen verbreitet seien. Möglich, dass Erskine ein zu
günstiges Urtheil fällte; jedenfalls aber stehen die Fidschiinsulaner
sehr viel höher als die Polynesier in dieser Beziehung und mögen wohl
erst durch den fortwährenden Verkehr mit den Fremden zu dieser
Zügellosigkeit gesteigert sein.

Am schlimmsten müssen wir über die eigentlichen Polynesier urtheilen,
unter denen Trunk und Wollust schon vor den Europäern aufs ärgste
gehaust haben. Aus der Wurzel vom Piper methysticum, dem Kavapfeffer,
bereitete man, indem sie (an den meisten Orten von alten Weibern) gekaut
und dann ausgespieen wurde, durch Aufguss von Wasser ein eigenthümliches
Getränk, dem alle Polynesier sehr zugethan waren. Es berauscht nicht
eigentlich, da es die Besinnung nicht raubt, aber, indem Gang und Zunge
schwer werden, versetzt es den Geist in einen ähnlichen Zustand, wie das
Opium; auch wollüstige Träume u. dergl. sollen seinem Genuss folgen, der
oft wiederholt allgemeine Schwäche, Zittern, geistige Stumpfheit,
Abmagerung und schliesslich scheussliche Hautkrankheiten hervorbringt,
Geschwüre, welche aufbrechen und arge Narben zurücklassen. Aber gerade
diese Narben galten als Ehrenzeichen (Hale 43). Namentlich auf Tahiti
und auf Hawaii war der Kavatrank beliebt; grosse Kavafeste auf Tonga
beschreibt Mariner, auf Fidschi d'Urville b 4, 207 und Hale 63. Dagegen
trank man ihn auf Neuseeland, obwohl man ihn kannte, nicht. Auch in
Mikronesien, wo indess die Wurzel zerrieben, nicht gekaut wurde, war der
Kavatrank sehr beliebt und sehr verbreitet (Hale 83: Gulick 417). Was
jedoch die schädlichen Einwirkungen dieses in der That höchst
gefährlichen Trankes sehr milderte, war der Umstand, dass er ein
heiliges Getränk war. Freilich durfte er daher bei keiner irgend wie
bedeutenderen Gelegenheit fehlen; aber nur die Fürsten waren es, die ihn
trinken durften, nie das Volk, und auch die Fürsten nur bei und unter
bestimmten Feierlichkeiten (Hale 43, für Mikronesien Novara 1, 371). So
hat denn auch der Schade, den dieser Genuss hervorrief, fast nur die
Fürsten und den Adel getroffen. Gegen den Branntwein (Rum u.s.w.) hatten
alle Polynesier einen grossen Widerwillen (Novara 2, 337 für
Mikronesien), und wenn er trotzdem in Tahiti und Hawaii so verderbliche
Wirkungen hervorgerufen hat, so muss man bedenken, wie er zu Tahiti von
den Franzosen, zu Hawaii von diesen sowie den amerikanischen und
europäischen Kaufleuten unter heftigem Widerstreben der Missionäre und
gegen den Willen der Eingeborenen (vergl. z.B. Lutteroth Geschichte der
Insel Tahiti 172 u. sonst) gewaltsam eingeführt ist. Und schlimm genug
waren die Folgen dieser Einführung. »Als die Tahitier von fremden
Seeleuten und Sandwichinsulanern geistige Getränke von einheimischen
Wurzeln zu destilliren gelernt und Rum in reichlicher Menge von ihnen
empfangen hatten, da verbreitete sich Trunksucht sehr allgemein, und
alle die Demoralisation, die Verbrechen, das Elend, welches ihr folgt,
kam über das Volk. Unthätigkeit wuchs, Streit in den Familien nahm
überhand, die Verbrechen der Areois (über welche wir sogleich reden)
nahmen zu«, sagt Ellis 1, 108 und so wie hier und noch ärger war es zu
Hawaii und an den Küsten von Neuseeland. Allein die Eingeborenen (vergl.
Ellis u.a.O.) haben sich an vielen Orten, Dank dem reinen Eifer der
Missionäre, wieder von diesem so gefährlichen Laster befreit; in
Neuseeland sowohl wie in Hawaii schadet der Rum nur an den Küstenplätzen
den Eingeborenen und das überall wachsende Christenthum hat siegreich
auch in Tahiti und sonst diese Gefahr im Allgemeinen abgewendet.

Bei weitem verhängnissvoller aber wirkten die geschlechtlichen
Ausschweifungen, die wohl bei keinem Volk der Welt so schamlos
verbreitet waren, wie in Polynesien. Jede Reisebeschreibung (auch andere
Bücher als die schamlose Reise der Pandora von Hamilton) rechtfertigt an
hundert Stellen den Namen la nouvelle Cythere, welchen Bougainville der
Insel Tahiti gab. Nicht nur, dass auf Tahiti, Hawaii, Neuseeland, auch
auf Tonga (obwohl man hier strenger lebt) und auf Samoa (nach Wilkes)
wenigstens Fremden gegenüber die Mädchen ganz frei waren; so ist auch
nirgends die Prostitution der Weiber durch Väter, Brüder, Gatten frecher
betrieben wie hier. Polygamie herrschte überall. Gastfreunden bot man
die Weiber an, vornehme Frauen lebten ganz zügellos. Für Hawaii bezeugt
dies, um nur einige Beweisstellen anzuführen, Jarves 80, für Tahiti Cook
und alle andern Reisenden, für Waihu Mörenhout 1, 26, für die Markesas
Porter (Journal of a cruise in the Pacif. Ocean 1812-14) 2, 60,
Krusenstern 1, 221; nach Mathias G*** 152 herrscht indess Prostitution
nur in den Häfen. Neuseeland stand etwas höher; doch waren auch hier die
    
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