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Warum war er ihr nicht nachgegangen? Er war doch sonst nicht aenglichst
in solchen Sachen. Warum gerade jetzt?
Er kletterte zweimal auf die Duenen hinauf und hielt Rundschau. Aber
keine Spur von einer Dame. Ein paar Duenenschafe jagte er auf, das war
alles.
Du bist ein Narr!
Vielleicht ist sie laengst wieder auf dem Rueckweg.
Aber er lief doch bis Hoernum Odde, ganz bis an die aeusserste Spitze. Er
war tatsaechlich schon im Laufen. Der glatte Strandsand bot waehrend der
Ebbe dem Fussgaenger keine Schwierigkeit. Aber Randers wurde doch warm.
Er nahm seine Muetze ab und sah dabei, dass sie schon recht schmutzig
war; sie war so schoen weiss gewesen, leuchtend.
"Das geht doch nicht," sagte er laut. Er setzte die Muetze wieder auf,
schob sie ganz in den Nacken und stapfte weiter.
Der Sand ward tiefer, und Randers musste "storchen", dabei schlenkerte
er mit seinen langen Armen, als waere er besonders unternehmungslustig.
Er dachte aber nur, ob er sich nicht heute Nachmittag schon in
Westerland eine neue Muetze kaufen solle. Ja, das wollte er!
Der Entschluss schien ihn zu beruhigen. Er schlenkerte nicht mehr so
heftig mit den Armen. Und dann begann er zu singen.
"Winterstuerme wichen dem Wonnemond."
Als er nach Rantum zurueckkehrte, hoerte er, die Dame sei nach einer
halben Stunde wieder vorbei gekommen, in die Duenen hineingegangen und
waere wahrscheinlich am Strand nach Wenningstedt zurueckgegangen.
Randers laechelte kaum merklich. Dumm, dachte er. Aber er war doch nicht
so sehr aergerlich. Nur etwas muede war er geworden und beschloss
infolgedessen, die Muetze erst morgen zu kaufen.
Er betrachtete die alte noch einmal, zeigte sie Moiken und meinte:
"Was sagen Sie zu der Muetze?"
Moiken wusste nicht, was er wollte.
"Ist sie nicht schon recht schmutzig?" fragte er.
"Die ist noch lange gut," meinte Moiken.
Randers setzte die Muetze auf, zog das Sturmband unters Kinn und trat vor
den kleinen Wandspiegel. Er drehte den Kopf wie ein eitles Frauenzimmer.
"Ach nee," sagte er, "das geht nicht!"
Er warf die Muetze auf den Tisch und setzte sich vor die Suppe, die
Moiken ihm aufgetragen hatte. Er ass in der Regel im Krug zu Mittag.
Moiken setzte sich zu ihm. Sie roch nach Kaffeepunsch, den ihr ein Gast
gespendet hatte.
Randers war heute empfindlich, mochte diesen Kaffeepunschatem nicht. Ihr
breites, gutes Gesicht mit den vollen, sinnlichen Lippen kam ihm
gewoehnlicher als sonst vor:
"Willst du dich nicht 'n bisschen schlafen legen?" fragte er.
Er duzte sie oft.
"Schlafen?" fragte sie verwundert.
"Du hast ja Punsch getrunken."
Sie lachte laut auf.
"Ach, das tut mir nichts."
"Du trinkst wohl oft mal so einen heimlichen?"
"Sie glauben auch wohl."
"Na, na!"
"Aber was ich sage!"
Sie war wirklich entruestet.
Er lachte gutmuetig.
"Lass gut sein. Ich scherz ja nur."
Nach dem Essen konnte er sich nicht enthalten, ihr rundes Gesicht, das
wirklich ein wenig gluehte, zwischen beide Haende zu nehmen.
Sie wehrte sich, aber es half ihr nichts, ihr Kopf sass wie zwischen dem
Schraubstock.
"Wie 'n Backofen," sagte er und bog ihr den widerstrebenden Kopf nach
hinten.
"Jetzt bekommst du einen Kuss, Moiken," sagte er.
Aber es wurden zwei.
11.
Ausleben, nicht absterben!
Randers kaufte beim Gaertner in Westerland ein paar rote Astern und
stellte sie wieder oben hinauf, ins Fremdenzimmer. Er laechelte dabei,
ein wenig spoettisch:
"Ob sie wohl kommen wird?"
Aber es ward aus dem Laecheln doch zuletzt ein befriedigtes Schmunzeln.
Es war ja auch auf seinem Programm. Das Bauer war fertig, den Vogel
musste er noch fangen. Aber einen Wildvogel. Ein verstecktes Duenennest,
und der Sturm darueber hin. Und ab und zu ein Ausflug zu zweien.
Auf seinen einsamen Wanderungen durch die Duenenwildnis ging sie neben
ihm, das Weib seiner Sehnsucht. Im Sand des umschaeumten Strandes lag sie
an seiner Seite, und ihre Gedanken waren seine Gedanken. Und wenn er
sich abends muede in das Dunkel seines Blockhauses hineintappte, und dann
die Lampe aufflammte, ward er wieder munter in der Stille dieser vier
einsamen Waende, die ihm mit der Eindringlichkeit stummen Fragens immer
auf das eine zurueckwiesen: Wo bleibt sie?
War es denn wirklich nur Freiheitsdrang, Einsamkeitsliebe, was ihn in
die Wildnis getrieben hatte? War es nicht vielleicht eine besondere Art
Verruecktheit von Erotomanie, die ihn dieses ganze Phantasiegebaeude von
Duenen- und Blockhausromantik um das "Weib" hatte aufbauen lassen, das
Weib, wie er es traeumte, und wie es nicht da war auf dieser Welt?
12.
Der Himmel war wolkenlos, nur am Horizont war eine leichte, milchige
Truebung. Das Meer war stahlblau und nur schwach bewegt. Es war voellige
Windstille. Ruhig, in breiten, schaumlosen Wellen hob sich die Flut.
Erst dicht vor dem Strand setzten die Wellen ihre weissen Muetzen auf,
ohne die sie ihm nie einen Besuch machten.
Es war gegen Mittag, Randers lag auf der Terrasse des roten Kliffs und
war aergerlich, trotz der schoenen neuen weissen Muetze. Etwas auch gerade
infolge dieser Muetze. Er log sich nie auf die Dauer etwas vor, gestand
sich mit der Zeit alle seine Schwaechen ein. Er wusste auch jetzt ganz
gut, dass er ohne jene spiegeleieressende Fremde noch heute mit der
alten schmutzigen Muetze herumliefe.
Und nun hatte er wieder dieser Fremden wegen einen weiten Weg vergeblich
gemacht.
Nein, das konnte er nicht sagen. Ganz vergeblich nicht. Er hatte in
Wenningstedt erfahren, wo sie wohnte, wie sie hiess, woher sie war, und
wohin sie heute morgen gegangen war.
Und vor allem--sie hatte auf unbestimmte Zeit Wohnung genommen und
durchblicken lassen, dass sich ihr Aufenthalt moeglicherweise bis Mai
oder gar Juni verlaengern koenne. Sie wolle nach ihrem Gefallen leben und
frei sein. Daher war sie vor der Saison gekommen. Auf vier Wochen hatte
sie erst einmal fest gemietet.
So viel Grund hatte Randers, zufrieden zu sein, aber der eine Umstand,
dass er ihr nach Kaempen, bis zum Leuchtturm, nachgelaufen war und sie
wieder verfehlt hatte, stimmte ihn augenblicklich aergerlich. Die Insel
war doch verdammt gross, wenn es galt, jemand "zufaellig" zu treffen. Es
koennte ganz gut ein Vierteljahr vergehen, waehrend dessen sie immer
zwischen den Duenen hinter einander herliefen, um einander herum, nur
durch einen Sandhuegel getrennt, ohne sich zu treffen. Beide stoerten
vielleicht dieselbe Schafherde aus ihrer Verdauungsruhe. Der Hase, den
er aufscheuchte, jagte ihr vielleicht hinter der naechsten Duene einen
Schrecken ein. Ja, das war alles moeglich.
Der Gedanke machte ihn ganz nervoes. Er wuerde sie nie treffen, wenn er
nicht heute in Wenningstedt bliebe, in ihrem Hotel uebernachtete und sich
ihr morgen beim Fruehstueckskaffee vorstellte.
Fraeulein Lorenzen aus Toenning. Randers war in Toenning bekannt. Da war
der reiche Weinhaendler Lorenzen. Aber der hatte nur verheiratete
Toechter. Vielleicht eine Nichte von ihm. Der Weinhaendler hatte einen
Bruder in Hamburg, einen Reeder.
Randers war geneigt, die Dame fuer Fraeulein Lorenzen aus Hamburg zu
halten. Jedenfalls reiche Reederstochter, Senatorstochter.
Patrizierblut. Alter Hanseatenadel.
Randers lag in der Sonne und aergerte sich. Er lag auf dem Ruecken, die
Muetze uebers Gesicht gezogen, so dass er nur eben unter dem Schirm auf
den roetlich flammenden Sand blinzeln konnte. Alle Augenblicke nahm er
eine Handvoll Sand und warf sie ueber den Rand der Terrasse in die Luft.
Dann waelzte er sich auf die Seite, liess den feinen blitzenden Sand
durch die hohle Rechte auf den Ruecken der linken Hand rieseln, mit
unendlicher Ausdauer und finsteren Mienen. Ploetzlich nahm er ganze
Haende voll Sand und warf sie ueber die Terrasse in die Tiefe, immer mehr,
immer schneller, der grosse Junge, der er war.
13.
Randers hatte im Hotel zu Mittag gegessen und schluerfte seinen Kaffee
auf der Veranda, als er hinter sich im Speisesaal ihre Stimme hoerte. Sie
beklagte sich beim Wirt halb aergerlich, halb belustigt, dass sie sich
umkleiden muesse. Irgend jemand haette sie vom rotem Kliff herab mit Sand
foermlich ueberschuettet.
Randers war betruebt, entsetzt. Er unterdrueckte einen Fluch.
Er horchte, aber er verstand nichts weiter. Gut. Sie ging wenigstens.
Er wollte den Wirt rufen und zahlen. Aber der wuerde ihm natuerlich die
grosse Neuigkeit erzaehlen. Fraeulein Lorenzen mit Sand bombardiert! Was
sollte er dazu sagen, fuer ein Gesicht machen? Er wuerde sich verraten,
sie erfuehre es, und es waere aus, alles aus! Adieu!
Er schwang sich ueber die niedere Bruestung der Veranda und lief in die
Heide hinaus.
14.
Randers hatte nach Wenningstedt wollen. Er musste die Sache mit dem Wirt
ordnen. So davon zu laufen, ohne zu zahlen. Aber Randers konnte an
diesem Nachmittag nicht nach Wenningstedt. Der Nebel wollte es nicht,
der leichte, ziehende Nebel, der sich ganz ploetzlich erhoben hatte! Der
Himmel war noch klar, aber Strand, Watten, See, alles war in diesem
weisslichen Nebelmeer ertrunken.
Dumm! sagte Randers laut.
Ob er in den Krug ginge? Dahin faende er auch durch den Nebel.
Am Ende war es ein ganz netter Schreib- und Leseabend. Er koennte auch zu
Hause bleiben. Die neuen Maeterlincks lagen noch unaufgeschnitten da und
der letzte d'Annunzio, "Triumph des Todes."
Er warf einen Blick in den Roman, schlug achtlos eine Seite auf:
"Sein Herz schwoll vor verworrener Sehnsucht nach physischer Kraft, nach
siegreicher Gesundheit, nach einem Leben voll fast wilden Genusses, nach
einfacher unverbildeter Liebe, nach der grossen, urspruenglichen
Freiheit. Er empfand wie ein augenblickliches Beduerfnis, die alte Huelle,
die ihn bedrueckte, zu zerbrechen und ihr als ein gaenzlich neuer Mensch
zu entsteigen, frei von allen Nebeln, die ihn betruebt, von allen
Gebrechen, die ihn behindert hatten. Er hatte die verfuehrerische Vision
eines zukuenftigen Daseins, in dem er, erloest von allen verhaengnisvollen
Eigenschaften, von aller aeusseren Tyrannei, von jedem traurigen Irrtum,
die Dinge sah, als ob er sie zum erstenmale saehe und vor sich das ganze
weite Weltall hatte, offen wie ein menschliches Angesicht. Konnte denn
das Wunder nicht von diesem jungen Weibe kommen, das an dem Steintisch
unter der stillen Eiche das neue Brot gebrochen und mit ihm geteilt
hatte? konnte es denn nicht an diesem Tage beginnen, das neue Leben?"
Das hielt ihn.
Randers steckte die Lampe an. Er wollte lesen.
Das neue Leben von diesem Weibe?
Er wollte gerade die Fensterlaeden schliessen als es draussen klopfte.
Der wackelige Tuergriff klirrte, und die Tuer knarrte, als wuerde sie
zoegernd geoeffnet.
Randers trat mit der Lampe in der Hand auf den Flur hinaus und sah
erstaunt in das ebenso erstaunte Gesicht Fraeulein Lorenzens.
"Verzeihen Sie," sagte sie, "ich sah hier ploetzlich ein Licht
aufleuchten. Man sieht keine Hand vor Augen draussen. Ich finde mich
nicht zurecht."
"Sie sind dicht vor Rantum," sagte er, immer noch verwirrt.
Sie lachte.
"Hoechst erfreulich. Aber ich sehe es nicht."
Sie war seiner Einladung ins Zimmer gefolgt. Sie war ganz durchnaesst vom
Nebel, und er sah an ihrem Kleid Spuren von feuchtem Sand. Sie musste
gefallen sein.
"Sie entschuldigen diesen Aufzug," sagte sie, "ich bin wohl sechsmal
gestolpert."
"Sie haben sich doch nicht verletzt?"
Sie besah ihre Haende, die ohne Handschuhe waren.
"Ein paar Schrammen," lachte sie.
"Ich hole Ihnen Wasser. Darf ich Ihnen irgend etwas geben? Sie koennen in
dem Nebel nicht weiter."
"O danke, bemuehen Sie sich nicht. Wenn ich nur bis Rantum komme."
"Es klaert sich gewiss noch auf. Aber ich bringe Sie noch hin."
"Wenn es sich noch aufklaert, und Sie erlauben, dass ich verweile?"
Sie liess sich auf dem angebotenen Sofaplatz nieder.
Er sah, dass sie verwundert war, eine solche Behausung hier zu treffen.
"Mein Blockhaus," sagte er.
"Das ist ja maerchenhaft. Sie wohnen hier?"
"Seit dem Herbst."
"Das muss koestlich sein."
"Wenn man Einsamkeit liebt."
Sie sah ihn forschend an. Er wurde rot unter diesen Blicken. Seine Suende
vom roten Kliff fiel ihm ploetzlich ein.
"Ich bin auch hierhergekommen, um die Einsamkeit zu suchen," sagte sie,
"ich habe sie ja auch in Wenningstedt, jetzt noch, so lange keine
Badegaeste kommen."
"Ja, die Badegaeste!"
"Aber dies ist wirklich beneidenswert. Und Sie werden laenger hier
hausen?"
"So lange es mir gefaellt."
"Und ganz allein?"
Er zuckte die Achseln.
"Was soll man machen? Die schoenste Einsamkeit ist freilich die zu
zweien."
"Meinen Sie?"
Er laechelte etwas verlegen.
"Einsamkeit will sprechen," sagte er.
Sie hatte gedankenlos mit dem Roman gespielt und warf jetzt einen
fluechtigen Blick auf den Titel.
"Moegen Sie den?" fragte sie.
"Sie nicht?"
"Nein. Er quaelt mich. Er fuettert einem zu Tode. Zu masslos. Man schenkt
eine Rose, einen Strauss, aber man schuettet einem nicht einen Waschkorb
voll Rosen ueber den Kopf, wenn man nicht die Absicht hat, einen
angenehm zu ersticken."
Er lachte.
"Sie haben nicht unrecht."
Sie wurde wieder unruhig, sah nach der Uhr und warf einen Blick nach dem
Fenster.
"Wie soll ich nach Wenningstedt kommen, wenn der Nebel nicht nachlaesst?"
"Uebernachten Sie in Rantum."
"Kann man denn das?"
"Gewiss!"
Er stiess den Laden auf. Sie sahen beide ins Graue; ein dicker,
undurchdringlicher Nebel.
"Er ist staerker geworden," sagte er.
Sie schwieg und sah ratlos in die graue Dunstmasse.
"Es ist nicht weit bis Rantum?"
"Eine halbe Stunde. Freilich, in diesem Nebel geht's nicht so schnell."
"Entsetzlich!"
Es kam aus tiefstem Herzen, aber sie lachte doch dabei.
"Wollen Sie durchaus nach Rantum, bringe ich sie hin," sagte er, "aber
wenn ich Ihnen dienen darf, ich habe oben ein freies Zimmer, ein
Fremdenzimmer, ganz komfortable."
Er war ganz rot.
"Aber nein," rief sie unglaeubig aus.
"Aber doch! Es hat's noch niemand benutzt. Wenn Sie ihm die die Weihe
geben wollen. Es ist alles vorhanden, dessen Sie beduerfen koennten,
wenigstens fuer eine Nacht."
Sie wurde etwas verlegen. Aber dann sagte sie nach kurzem Besinnen "ja".
"Welch ein Abenteuer!"
"Eine Nacht in Nebelheim," scherzte er.
15.
(Tagebuchblaetter.)
Der Strandvogt, dieser Huene, scheint mir ein wenig unter dem Pantoffel
seiner Frau zu stehen. Wenigstens ueberlaesst er ihr das Regiment. Die
schwerfaellige Kraft raeumt der ruehrigen, feineren Intelligenz freiwillig
das Feld. Aber sie muss ihn zu nehmen wissen und ihn sanft leiten. Bei
einem ernsten Zusammenstoss zieht sie trotz allem den kuerzeren, denn
seinen Kopf hat er auch und nicht nur die Faeuste ihn durchzusetzen.
Eigentlich ein sehr glueckliches Verhaeltnis.
* * * * *
War das ein Sturm gestern Abend. Der Schwede mit seiner Schieferladung
sitzt da gut. Ordentlich eingerammt in den Sand! Muss doch mal wieder
nachsehen, was noch zusammenhaelt von dem Kasten. Wie die Saecke rutschten
die Kerle an dem Rettungstau durch die Brandung. Der eine hatte sich
alle Finger bis auf die Knochen durchgeschnitten. Der Schiffsjunge war
halb tot. Armer Bengel! Es war seine erste Reise von Muttern weg.
Da muss man den Strandvogt sehen. Ruhig, umsichtig, den staerksten Sturm
mit der Gewalt seiner Lungen ueberbruellend. Es ist doch etwas herrliches
um die physische Manneskraft, wenn sie mit Mut und Unerschrockenheit
verbunden ist. Nur kein Athletenkram, keine Krafthuberei. Der staerkste
Mann der Welt! Preisochse!
* * * * *
Die See geht noch immer hoch. Aber es ist ein praechtiger, himmelblauer
Tag. Die See gleisst. Ganz koestlicher Anblick, diese gleissende See, ein
fluessiges Metall. Von Hoernum Odde aus die Brandung gesehen, weit hinten
in der See, wie sie ueber die Sandbank schaeumt.
Boecklinsche Meerweiber natuerlich darin, weisse Leiber, in der Sonne
leuchtend, triefende Arme, Gelaechter, wie wenn Wellen ueber Muscheln
spielen. An den feuchten Haaren reissen sie sich einander zurueck, balgen
sich, toll ausgelassen.
O hinein, hinein unter diese brandenden Leiber, ein tollender Triton,
urfrische Sinnesfreude.
* * * * *
Famoses Weib. Muss doch aufspueren, wo sie sich eingenistet hat. Diese
Figur, diese imponierende Zurueckhaltung. Einfach abgewimmelt. Nach allen
Regeln.
* * * * *
Ganzen Tag auf der Suche. Bin ich in Hoernum, sitzt sie natuerlich in
List. Muss sie direkt in Wenningstedt abwarten.
* * * * *
Fraeulein Lorenzen aus Toenning. Sie will bleiben, so lange es ihr
gefaellt, will Einsamkeit. Fraeulein Lorenzen aus Toenning, ich suche Sie,
wir gehoeren zusammen.
* * * * *
Natuerlich, so muss es sein. Sie sitzt da unten, und ich bombardiere sie
nichtsahnend mit Sand. Und diese alberne Flucht aus dem Hotel, wie ein
Dieb uebern Zaun.--
Ich schlafe nicht, ich wache nicht, ich traeume nur, und nur von ihr. Es
ist auch zu einsam hier, man muss etwas haben, was einen beschaeftigt,
einen ausfuellt. Der Mensch muss immer hinter etwas her sein, soll er
das Leben ertragen, hinter einem Weib, einem Ideal, einem Orden, einem
Lotteriegewinn.
* * * * *
Wenn man so im Duenensand liegt, der Wind geht ueber einen weg, und um
einen herum rieselt's, rieselt's, rieselt's so ganz sachte, alle die
tausend feinen Koernchen in Bewegung. Und man liegt und liegt und denkt
nichts, als dass man so liegt und nichts denkt, und dass der Himmel so
blau ist, und dass das die Brandung ist, was so monoton ins Ohr schlaegt.
Und ploetzlich faengt der Magen an zu knurren, will nicht laenger so
liegen, hat Hunger. Aber man haelt's eine Weile aus, man liegt gerade so
schoen, und dann steht man endlich doch auf, weil der Hunger gar zu gross
wird--das ist eine sehr gesunde Art, den Tag hinzubringen.
* * * * *
Da bauen sie Buhnen ins Meer, das ganze Jahr hindurch flicken sie daran
herum. Immer der Reihe nach wieder von vorn an. Der blanke Hans schlaegt
die Zaehne hinein, hat immer Hunger. Da schieben sie ihm so eine Buhne in
den Rachen, da, knabbere dran. Inzwischen schwemmt's an, weht's an, der
Strandhafer haelt's fest, das Land waechst, die Duenen wachsen, und der
Hans knurrt dazu. Knurr nur. Hilft dir nichts. Aber dann wird er mal
wild, bruellt, springt ans Land, fuchtelt mit den Armen, und sein langer
weisser Bart weht ueber den Duenenkamm.
Trutz blanker Hans!
* * * * *
Also doch! klopft bei mir an, mein Gast. Ich waelze mich schlaflos, steh
auf, wandere umher, horche hinauf. Und oben schlaeft Fraeulein Helga
Lorenzen aus Toenning. Und draussen kichern die Sterne, ein richtiges
Kichern.
Bis neun Uhr hielt der Nebel an, der gesegnete Nebel. Da war's zu spaet
fuer Wenningstedt. Gott sei Dank!
Sie machte den Abendtee, kochte den Morgenkaffee, und war so ganz
unbefangen. Diese schoenen Haende. Helle Holstenaugen, klar und klug. Aber
manchmal zittert's so eigen darin, als wollte was aus der Tiefe der
Seele aufsteigen.
Also nicht Toenning, sondern aus Bremen. Nur Verwandte in Toenning. Reiche
Zigarrenfabrikantentochter aus Bremen. Heirat mit einem schneidigen
Assessor aus dem Weg gegangen. Gouvernante, Schauspielerin, jetzt
berufslos. Sie muss also Geld haben. Gage erspart. Uebrigens ist sie
muendig und wird ueber Vermoegen zu verfuegen haben. Gefaellt mir
ausnehmend, dieser Bruch mit der Tabaksfamilie. Dem Assessor
davongegangen. Auf eigenen Fuessen, Ibsenweib.
* * * * *
Fraeulein Helga gesehen. Wir sehen uns jetzt taeglich. Ist das ein
Maedchen! Sie hat Vermoegen und will vorlaeufig "ohne Engagement" leben;
Freiheit, die auch ich meine. Reisen, Einsamkeit, Reisen. Naechstes Jahr
will sie nach Schottland. Wenn sie will, geh ich mit.
16.
Randers sass auf dem Schwedenwrack, und Helga lag zu seinen Fuessen im
Sand. Ueberall lagen die Scherben der gestrandeten Schieferplatten umher.
Helga hatte mit einem Stueckchen Muschelkalk Randers Profil auf ein
groesseres Schieferstueck mehr gekratzt als gezeichnet.
"Getroffen?"
Sie hielt's ihm hin, und er beugte sich zu ihr hinab.
Er lachte.
"Aber nein!"
Sie lachte mit und schleuderte den Schieferscherben mit kraeftigem Wurf
nach den Wellen. Er kam freilich nur halb hin.
"Warum zeichnen Sie garnicht mehr?" fragte er. "Sie haben mir Ihr
Skizzenbuch noch nicht wieder gezeigt."
"Ich bin dieser Dilettanterei satt. Was soll ich hier zeichnen? Das
Meer? Man schaemt sich hier seiner Unzulaenglichkeiten mehr als anderswo."
"Es ist so," sagte Randers und dachte an die Verse, die er gestern
gemacht hatte und die er gerne vorgelesen haette. Jetzt verging ihm der
Mut dazu.
"Wollen Sie nie wieder zum Theater zurueck?" fragte er.
"Nein, es ist nicht mein Beruf."
"Sollten Sie sich nicht taeuschen? Ihre Hedda Gabler gestern--"
"Die habe ich gespielt, mich ganz hineingespielt, und so las ich sie
Ihnen gestern ueberzeugend. Die liegt mir auch, Ibsen ueberhaupt. Aber
sehen Sie, es treibt mich nicht, haelt mich nicht. Ich habe mir selbst
den Beweis geben wollen, dass ich etwas koenne, etwas war es auch Trotz
gegen meine Familie. Aber ich habe kein Theaterblut. Und der Kunst muss
man ganz gehoeren, mit allen Fasern, wenn man ihr dienen und sich nicht
dabei verlieren will."
Er schwieg einen Augenblick.
"Aber Sie sind doch eine Kuenstlernatur," sagte er dann.
"Weil ich eine Seele habe?"
"Sie haben doch auch Talent."
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