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Streich gespielt. Er hatte das Glueck in Haenden gehabt und hatte es von
sich geworfen, weil es ihm in diesem Augenblick kein Glueck mehr war.
Seine Natur war auf das Unmoegliche gestellt. Er trug sich mit Idealen,
die verwirklicht, ihn ungluecklich machen muessten. Weil er halb war,
grossmaeulich im Wollen, kleinmuetig im Ausfuehren.
Ach ja, seine schoenen Theorieen!
Dass alles Halbe ausgerottet werden muesste, dass die Halben mit Gewalt
expediert werden muessten, wenn sie sich nicht selbst aus der Welt
bringen wollten. Das war auch so eine von seinen Theorieen, aber eine,
die sich verwirklichen liess. Und da wuerde er seinen Mann stellen. Ja,
es war geradezu das Ziel, worauf er jetzt lossteuerte. Und da er ganz
sicher wusste, dass er einmal dort anlangte, warum sollte er sich
beeilen? Warum nicht in aller Ruhe und Gleichmuetigkeit diesen Todesgang
gehen?
Das war ja gerade das Koestliche, gab ja gerade dem Leben diesen
seltenen, schaurigen Reiz: dieses Tanzen ueber dem Grabe, dieses letzte
Geniessen, mit dem Bewusstsein, es ist das letzte; mit jedem Tropfen,
den du schluerfst, kommst du dem Nichts naeher.
Aber ausleben, nicht absterben!
Randers war den Rantumern schon von frueher bekannt. Er war oft auf Sylt
gewesen. Auf der ganzen Insel, von Hoernum bis List hinauf, kannte man
den "langen Doktor".
Die Leute freuten sich seiner Anhaenglichkeit an ihre Insel und freuten
sich, dass er jetzt ganz bei ihnen bleiben wollte. Freilich lachten sie
auch ueber ihn. Er war doch noch immer der alte verrueckte Kerl. Und
Randers lachte mit. Er wusste, die Leute waren im Grunde einem gesunden
"Sparren" nicht gram, wussten ihn zu schaetzen. Und dass er anders war
als andere, das machte ihm ja selbst den groessten Spass, das war ja sein
Stolz. Er war ja ueberall der Andere gewesen. Ueberall "deplaciert". Hier
war jeder der Andere, der Eigene, Sonderliche. Jeder ein Original. Aus
der Natur herausgewachsen, ohne Drill und Schliff. Das waren die Leute,
die ihm gefielen. Er fuhr mit ihnen aufs Meer, lernte wieder das Segel
handhaben. Er freute sich kindisch, als er den ersten Seehund geschossen
hatte. Auch eine Moewe holte er herunter, nur um den Leuten zu zeigen,
dass er's konnte. Nachher tat er's nie wieder. Er liebte die Moewen.
Auch von den Seehundjagden kam er oft ohne Beute zurueck. Dann waren ihm
die guten dummen Tiere leid gewesen, und er hatte nur darueber
weggeknallt und sich an ihrem Erstaunen belustigt.
Er sah braun aus, wie der aelteste Rantumer, schon nach drei Wochen; war
er doch stuendlich draussen, im feuchten Salzwind, das Sturmband unterm
Kinn. Bald hier, bald da tauchte seine weisse Muetze wie eine
aufgescheuchte Moewe aus den Duenen auf. Von Hoernum bis List hatte er alte
Bekanntschaft erneuert und "begossen." Und der Salzwind liess keine
"Gespenster" aufkommen, wehte sie weg, schneller als den Nebel, der
ploetzlich aus Watt und See aufstieg und alles in einen geheimnisvollen
Schleier huellte.
4.
So war es Winter geworden und war wieder Fruehling geworden. Das einsame
Fremdenzimmer hatte nie wieder Blumen gesehen. Hatten die Stuerme, die
ueber die Insel gebraust, die "Eulennester in seinem Schaedel", wie
Randers sagte, weggeblasen? Hatte der taegliche Verkehr mit den gesunden
Insulanern, denen er sich in der langen Winteroede immer mehr
angeschlossen hatte, wohltuend auf ihn gewirkt? Oder war es Moiken, die
flachsblonde Kellnerin beim Rantumer Wirt und Strandvogt Brork Hansen,
die ihn vernuenftig gemacht hatte?
Abend fuer Abend hatte er waehrend des langen Winters in der Rantumer
Wirtsstube gesessen und sich gut und schlecht von Moiken behandeln
lassen, wie ihr gerade der Sinn stand. Er machte ihr den Hof, machte ihr
kleine Geschenke, gab reichlich Trinkgeld, und sie liess sich, wenn sie
allein waren, dafuer mal von ihm kuessen. Weiter ging's nicht. Er hatte
seinen Spass daran, und ihr brachte es etwas ein.
Um die Weihnachtszeit war er wieder melancholisch geworden, wie immer,
wenn andere Leute den Christbaum anzuenden. Und er hatte sich ein
Baeumchen verschafft, hatte es mit ein paar Lichtern geschmueckt und ins
Fremdenzimmer gestellt. Das sollte ihm nun Abend fuer Abend bis in die
Neujahrsnacht leuchten.
Moiken war gekommen und hatte seinen Baum bewundert. Sie hatte sich auf
den Bettrand gesetzt, ihm zwischen die Kerzen hindurch in die Augen
geblitzt. Aber er hatte sie ploetzlich weggejagt, sie versaeume gewiss was
in der Wirtschaft.
"Durchaus nicht."
"Ja, doch! Geh."
Und er schob sie fast zur Tuer hinaus.
Nein, das waere doch. Unterm Tannenbaum!
Er strich das Bett glatt, wo sie gesessen hatte, loeschte die Lichter
und ging in sein Zimmer hinunter.
Nachts traeumte er von Moiken.
5.
Randers hatte sich seit Monaten nicht nach Briefen umgesehen. Die
Weihnachtsstimmung weckte ihm das Beduerfnis danach. Er war etwas
enttaeuscht, beim Leuchtturmwaerter nur zwei Briefe vorzufinden, beide von
Gerdsen. Aber wer sollte ihm auch schreiben. Er hatte sich ja von allen
zurueckgezogen, er wollte es ja so.
6.
Gerdsen an Randers.
Sie sind also doch auf und davon, lieber Freund. Haetten Sie doch noch
drei Tage gewartet. Ich kam frueher zurueck, als ich dachte. Schade! Nun
folg ich einstweilen Ihren Anweisungen, adressiere diesen Brief nach
List und warte neugierig, was Sie mir aus Ihrer Einsamkeit melden
werden. Wenn Sie Ihr Blockhaus unter Dach haben, versaeumen Sie nicht,
mir rechtzeitig Bescheid zu geben, damit ich an der Richtfeier mit einem
stillen Trunk teilnehmen kann. Die Seltenheit des Falles duerfte Sekt
rechtfertigen.
Ihr Gerdsen.
Gerdsen an Randers.
Acht Wochen haben Sie mich ohne Nachricht gelassen. Ich bin unruhig. Wo
stecken Sie? An oder in der See? Unter den Truemmern Ihres Blockhauses?
Als zappelnder Fisch in den Netzen einer blonden Keitumerin? Ich hoffe,
Sie leben noch und arbeiten auf irgend eine Weise an unserm Roman. Es
waere mir doch sehr lieb, wenn ich an dem Faden ihrer Erlebnisse mich
weitertasten koennte und nicht mit dem Schluss ganz auf meine Phantasie
angewiesen waere. Als "Fachmann" muesste mir nun freilich schon klar sein,
wie das Gebaeude zu kroenen ist. Aus dem, was ich habe, muesste ich schon
als guter Psychologe, wenn auch unbewusster, wie es der Dichter meistens
ist, die Konsequenzen ziehen koennen. Ja, ich muesste jetzt Ihnen Ihre
kuenftigen Wege zeigen koennen. Aber ich will's Ihnen allein ueberlassen
und aus der Rolle des getreuen, nachtappenden Chronisten nicht
heraustreten.
Die Wirklichkeit straft ja so oft alle Berechnung und Psychologie
Luegen. Also leben Sie fleissig a la Randers und fuehren Ihr Tagebuch fuer
mich weiter.
Neugierig bin ich, welche Friesenmaid die weiblichen Figuren des Romans
vermehren wird. Mich wuerd's schon freuen, wenn Ihre Liebe nun zur
Abwechselung einmal aus den aristokratischen Kalbsledernen in die
friesischen Holzpantoffeln fuehre.
Adieu! Melden Sie mir wenigstens den Empfang dieses Briefes, wenn Sie
sonst auch keinen Stoff zu einem Brief haben. Habe ich in vier Wochen
keine Antwort, rechne ich Sie zu den Verschollenen und beende den Roman
ohne Sie und verheirate Sie zur Strafe zuletzt mit einer aeltlichen
Gouvernante, die Sie jeden Sonntag in die Kirche fuehrt. Also!
Ihr Gerdsen.
7.
Randers an Gerdsen.
Dank fuer Ihre beiden Briefe. Mein Blockhaus ist fertig, ich auch: mit
der Welt. Hier ist's gut. Keine Weiber. Nur Moiken, die Kellnerin oder
"Stuetze" im Rantumer Krug, die ich "poussiere". Aber das ist des
Zeitvertreibs wegen und um dem Maedel einen Spass zu machen. Genuegt Ihnen
das fuer den letzten Teil des Romans, meinetwegen! Lassen Sie Ihren
"Helden" irgendwo verbauern, sich um eine Dorfdirne die Knochen
zerschlagen, oder--es ist mir wirklich so gleichgueltig geworden. Taeten
Sie mir nicht leid um Ihrer undankbaren Arbeit willen, ich wuerde Sie
bitten, das ganze Manuskript in den Ofen zu stecken. Aber so weit wie es
jetzt gediehen ist, hab ich kein Recht mehr daran. Sie haben freie Hand.
Und damit viel Glueck! Moecht's Ihnen Ruhm und Geld eintragen.
Vor einem Vierteljahr bekommen Sie keinen Brief wieder. Trotzdem immer
Ihr getreuer
Randers.
8.
(Tagebuchblaetter.)
Dass Beethoven das Meer nicht kennen gelernt hat. Sein Atem ist wie der
des Ozeans. Dieser grosszuegige Wellengang seiner Melodie. Der haette uns
eine Ozeansymphonie schenken muessen.
Dass alle unsere Groessten dem Meer so fremd waren! Goethe, Schiller,
Beethoven.
Byron, der kannte das Meer!
Und Boecklin kennt es!
* * * * *
Wie organisch die Phantasiegebilde Boecklins sind, sehe ich an Thoma,
diesem lieben, stillen, deutschen Meister. Dem gelingen seine Bockfuesser
nicht immer, Menschen mit Ziegenbeinen. Aber ein Boecklinscher Faun, der
ist echt.
* * * * *
Ich sehe die Natur boecklinisch, d.h. in vielen guten Augenblicken. Das
macht, Boecklin ist so wahr wie die Natur selbst, er hat sie erfasst, hat
sie in ihren Muttertiefen belauscht. Die Natur ist boecklinisch. Nie
erinnert sie mich an Klinger, so gross der ist, so sehr ich ihn verehre.
Aber Boecklin liebe ich. Und es ist nicht nur das Meer, die Naehe des
Meeres. Neulich auf der Dorfstrasse, die dunklen Lindenwipfeln gegen den
Abendhimmel--Farbe, Stimmung, Musik: alles Boecklin. Oder die kleinen
schwarzen Steine, die aus den Watten herausgucken, wenn die Flut leise
heranspuelt, eine Moewe ruhte sich auf dem groessten Stein: Klinger
zeichnet so was auch, ganz koestlich. Aber die Natur erinnert mich nie
an ihn. Das macht, er ist viel zu sehr Klinger.
Boecklin: Monolog! Klinger: Dialog!
Bei dem einen redet nur die Natur, dem Zauberstab des grossen Kuenstlers
gehorsam. Beim andern wird eine Unterhaltung draus, ein Zwiegespraech.
Der Kuenstler hat geistreiche Antworten, Einwaende, auch mal einen Witz.
Er ist nicht--rein. Wohlverstanden!
* * * * *
Welcher Bloedsinn: Moderne Kunst! Echte Kunst steht ueber allen Zeiten,
ist _immer_ und _nie_ modern.
* * * * *
Nordsee.
Ein frischer Nordnordwest mit wilden Rufen,
Er packt das Meer und zerrt es an den Maehnen.
Da schirrt es sich; da stampft's von tausend Hufen,
Viel tausend Rosse blecken mit den Zaehnen;
und lauter klatscht von seinen Wolkenstufen
Der Gott hernieder seine Peitschenstraehnen;
Drauf seh, als Sporn und Stacheln Eile schufen,
Den Griesbart greinend ich hintueberlehnen.
* * * * *
Non est.
In dieser grenzenlosen Einsamkeit
Blueht neu in mir ein reineres Gefuehl,
Und aus dem Zwang der innern Qual befreit,
Lausch ich der Wellen plaetscherndem Gespuehl;
Und vor mir fliegt ein weisses Maedchenkleid,
Es draengt der Locken wirrendes Gewuehl,
Und wie das Sternenlicht im Schaum versprueht,
Seh ich ein Augenpaar, das mir erglueht.
* * * * *
Ob Gerdsen sich noch mit dem Roman quaelt? Mir ist diese ganze Idee mit
dem Roman schon albern geworden. Er soll sich nicht weiter bemuehen, oder
es deichseln, wie er will. Wenn er seinen Helden (sic!) mit der Komtesse
Bruckner kopuliert, werden es ihm die Leserinnen danken und der Verleger
auch.
* * * * *
Moiken. Aber nein!
Moiken hat so was dummes, so was--sachliches. Ein Stueck Mensch. Isst,
trinkt, schlaeft und ist da. Sag ich komm! kommt sie, geh! so geht sie.
Daran koennte sich eigentlich der Mann genuegen lassen. Aber da hapert's.
Der "Nichts als Mann", ja! Aber wenn man sich Blockhaeuser baut, Blumen
in ein leeres Zimmer stellt und Verse macht--ist man da eigentlich noch
Mann?
* * * * *
Ein Kork, der den tiefen Drang in sich spuert, sich zu ersaeufen! Ich kann
mich selbst manchmal nur ironisch nehmen. Diese verdammte Neigung ueber
sich selbst zu gruebeln. Nicht Neigung, sondern Zwang, Verhaengnis!
* * * * *
Des Leuchtturmwaerters Frau mit ihrem Heimweh. Sie verbittert ihm die
Einsamkeit, die ihm Lebensbeduerfnis ist. Er war frueher Musiker bei der
Matrosenkapelle. Ein Sonderling, verrueckt! Natuerlich! Ich aber verstehe
ihn. Die Frau versteh ich freilich auch. Er wird ihr eines Tags
nachgeben und seinen Posten quittieren, wieder unter die Leute gehen. Es
ist immer die Frau, die den Mann sich nicht ausleben laesst, so oder so.
Sie tut mir uebrigens leid.
* * * * *
Die Musik, vor allem die nordische, kann einen so weit bringen,
Leuchtturmwaechter zu werden. Musik, diese Allerweltssprache, die jeder
versteht; sie sollte also verbinden, ausgleichen. Mich aber isoliert
sie. Ein Beethovensches Adagio isoliert mich, fuehrt mich ganz auf mich
selbst zurueck. Ich moechte nach jeder Musik, die mich voellig ergriffen
hat, in die Einsamkeit.
* * * * *
Das Schauspiel der intelligenten, geistvollen Schriftsteller, die gerne
Dichter sein wollen. Aber das ist ihnen versagt. So ein reines einfaches
Gemuet, das an intellektuellem Besitz nicht den zehnten Teil in die
Wagschale zu werfen hat, findet Toene, die einen den ganzen Geistreichtum
der andren vergessen lassen, als etwas von dieser Welt. Jene Toene aber
stammen aus einer Welt, fuer deren Seligkeiten alle Paepste und Koenige
dieser Welt ihre Kronen und Throne geben wuerden.
* * * * *
Dichter und Propheten, ihnen ist der Himmel offen.
* * * * *
Schaffenslust und Schaffensqualen. Ja, aber so aus dem Vollen schaffen
koennen, diese goettliche Freude, diese froehliche Goettlichkeit, wiegt das
nicht alle Qualen auf? Aber dagegen die Qualen der Halben, die nur ein
versprengter Tropfen des heiligen Oels traf. Wollen, wollen und nicht
koennen. Gluehen, aber es wollen keine Flammen werden.
* * * * *
Das denk ich mir die groesste Vaterfreude: einen Sohn haben, in dem das,
was in einem gluehte, Flamme ward. In dem hellen leuchtenden Tag seine
Naechte und Traeume wiedererkennen, seine gebaerenden, schmerzlichen
Naechte.
* * * * *
Wenn ich von Fides traeume, ist es immer dieselbe Situation. Wir gehen
zusammen durch ein reifes Kornfeld. Der Himmel glueht in einem sanften
Abendrot. Wir sprechen nicht, gehen nur stumm nebeneinander, bis sie
allmaehlich wie ein Schatten vor mir entschwebt, nach der Seite hin
wegrueckt. Wie die Entfernung waechst, ihre Gestalt undeutlicher wird,
waechst eine seltsame Angst in mir; ich will ihr zurufen, aber die Stimme
versagt. Schon drei- oder viermal hatte ich diesen Traum. Nur einmal
vermischte sie sich mit Moikens Bild, und ich trank ihre Kuesse von
Moikens Lippen.
9.
Im Rantumer Krug waren Gaeste eingekehrt. Moiken hatte alle Haende voll zu
tun, als auch Randers nach einer langen Duenenwanderung etwas ermuedet
eintrat. Im Gastzimmer sassen ein paar Maenner von Rantum beim
Kaffeepunsch; im Hinterzimmer, der guten Stube mit den weichen
Polstermoebeln, sass eine Dame vor einem Teller mit Spiegeleiern.
Randersens erster Gedanke war: Spiegeleier? Sieh, darauf haettest du auch
Appetit.
Aber dann nahm ihn natuerlich die Dame ganz in Anspruch. Eine Fremde? Um
diese Zeit?
Er stand ein paar Sekunden unschluessig in der Tuer, zwischen den beiden
Zimmern. Er sah sich nach den Kaffeepunschtrinkern um.
Das war ja Jens Petersen Dirks.
"Tag, Herr Dirks!"
Er sagte das so laut, dass die Dame, die nach einem fluechtigen Blick auf
ihn ihre ganze Aufmerksamkeit wieder den Eiern zugewandt hatte, ihn
verwundert ansah.
Moiken kam aus der Kueche mit einem Teller voll Butterbrot fuer die
Rantumer.
"Sagen Sie mal, kann man Spiegeleier bekommen?" fragte er, lauter als
notwendig war.
Er ging haendereibend auf sie zu und trat auf, als ob er kalte Fuesse
haette.
Er setzte sich an einen freien Tisch, stand aber gleich wieder auf.
"Wollen Sie mir's da hineinbringen, Moiken?"
Er ging ins andere Zimmer.
"Gnaediges Fraeulein erlauben?"
Er schnarrte wie ein Leutnant, machte zwei kurze schnelle Verbeugungen
und liess sich an einem Nebentisch nieder.
Die Dame sagte nichts, warf nur einen kurzen, forschenden Blick zu ihm
hinueber.
"Warm heute draussen, gnaediges Fraeulein."
Es klang beinah hastig.
Sie hatte gerad ein Stueckchen Brot in den Mund geschoben und konnte
nicht gleich antworten, als Moiken hereintrat und ihm etwas ins Ohr
sagte.
Randers sprang sofort auf.
"Ach, ich bitte um Entschuldigung. Das wusste ich nicht," schnarrte er.
"Bitte sehr, ich habe kein Recht, Sie hier zu vertreiben," sagte die
Fremde.
Aber Randers zog sich mit einer Verbeugung ins andere Zimmer zurueck.
"Wer ist denn das?" fragte er Moiken.
Moiken setzte sich einen Augenblick ihm gegenueber.
Sie zuckte mit den Achseln.
"Von Wenningstedt. Sie sagte, ob wir nicht ein Zimmer haetten, wo sie
allein essen koennte."
"Schon lange hier?"
"Halbe Stunde vielleicht."
"Will sie noch weiter?"
Moiken wusste das nicht.
Randers ass seine Eier und horchte auf jedes Geraeusch im Nebenzimmer.
Jetzt legte sie die Gabel hin. Jetzt klirrte etwas an ihr Glas. Sie
schenkte sich ein.--
Ich habe nicht das Recht, Sie zu vertreiben. Eine Stimme hatte das
Frauenzimmer. Er war ein Narr, dass er nicht geblieben war.
Wenn er sich den Ton ihrer Worte zurueckrief, so schien ihm etwas von
einer versteckten Aufforderung zum Bleiben darin zu liegen.
Er winkte Moiken heran.
"Wo wohnt sie in Wenningstedt?"
Moiken wusste von nichts.
"Koennen Sie nicht mal fragen?"
Moiken antwortete nicht darauf.
Randers begann eine laute Unterhaltung mit den Rantumern. Sie schrieen
sich an, als saessen sie weit getrennt.
Nach fuenf Minuten wurde vom andern Zimmer aus die Tuer zugemacht. Die
Rantumer achteten nicht darauf, aber Randers lief rot an. Es war ihm die
ganze Zeit schon selbst aufgefallen, wie laut er sich benahm, aber ein
gewisser Trotz, oder war es Nervositaet, hatte ihn dabei beharren lassen.
Jetzt aergerte er sich. Was wird sie von dir denken?
Aber dann laechelte er.
Was liegt dir daran? Wer ist sie? Hatte sie ein graues Kleid an oder ein
braunes? Hatte sie eigentlich einen Hut auf? Du weisst gar nichts von
ihr, nicht einmal ob sie huebsche Augen hat. Nur die Tatsache, dass sie
Dame ist, eine Fremde, etwas in einem Sinne also Geheimnisvolles,
genuegt, dich so aufzuregen.
"Moiken, soll ich eine Zigarre haben," schrie er von seinem Sitze aus in
die Kueche hinein, deren Tuer Moiken immer offen liess.
"Ja, gleich, nehmen Sie man," klang es zurueck.
Er ging an das Bueffet, nahm eine Zigarre aus dem Kistchen, von den
leichten; er brauchte drei Streichhoelzchen, bis sie endlich brannte.
Die Rantumer erhoben sich geraeuschvoll und gingen.
Gott sei Dank! Nun war er allein. Ob sie auch bald gehen wuerde? Das
wollte er abwarten, auf jeden Fall, und wenn er eine Stunde warten
sollte.
Auf einmal hatte er einen Einfall. Er ging mit der brennenden Zigarre
ins Nebenzimmer.
"Gnaediges Fraeulein gestatten?"
Sie war ein klein wenig verwirrt in die Hoehe gefahren. Vielleicht hatte
sie geruht; in der Sofaecke? Gelesen? Geschlummert?
Sie hatte grosse dunkle Augen und war blond.
Das sah Randers fluechtig, als er an die grosse Wandkarte vom alten Sylt,
die hier aufgehaengt war, herantrat. Er tat, als suche er etwas auf der
Karte, waehrend hinter ihm mit dem Zeitungsblatt geknittert wurde;
ungeduldig, nervoes, wie es ihm schien.
Er hatte Zeit. Aber er konnte doch nicht eine Viertelstunde vor der
Karte stehen bleiben.
"Die Unterhaltung wurde Ihnen wohl zu laermend, gnaediges Fraeulein," sagte
er, sich umwendend. "Die Leute sind es hier nicht anders gewohnt. Man
spricht sehr laut hier."
"Ja, das merkte ich schon."
"Gnaediges Fraeulein sind schon lange auf der Insel?"
"Seit ein paar Tagen."
"Gnaediges Fraeulein gestatten?"
Er zog einen Stuhl heran.
Sie sagte nicht ja und nicht nein, und er setzte sich.
"Sie wohnen in Westerland?"
"Westerland? Nein."
Sie war verdammt einsilbig, und ihre Blicke gingen wiederholt nach der
Tuer. Jetzt schlug sie gar mit der Gabel laut ans Glas.
"Sie befehlen?"
Er sprang auf. Aber Moiken trat schon ein.
"Was bin ich schuldig?" fragte die Fremde.
Randers war taktvoll genug, sich wieder an die Wandkarte
zurueckzuziehen.
Er war blutrot und aergerte sich.
Er war gehoerig abgeblitzt.
Was jetzt?
Er musste bleiben, bis sie ging. Er konnte doch nicht jetzt aus dem
Zimmer gehen. Er setzte sich an den Nebentisch und sah in die Zeitung.
Die Fremde hatte sich erhoben und liess sich von Moiken den Regenmantel
umlegen.
"Famose Figur," dachte Randers, ueber die Zeitung hinwegsehend.
"Donnerwetter! Und diese stolze Anmut, diese Sicherheit."
Moiken, die ihm gerade bis an die Schulter reichte, reichte der Fremden
eben bis an die Nasenspitze.
Randers stand auf.
Mit diesem koeniglichen Wuchs musste er sich messen.
Er ging hart hinter ihr vorbei ans Fenster. Sie war fast so gross wie
er. Ein ganz leichter Blumenduft ging von ihr aus. War es Veilchen oder
Maiblume?
Ihr Haar, im Nacken leicht gekraeuselt, war ganz goldig, da gerade die
Sonne drauf fiel.
Draussen auf dem Holzhaufen im Hof spielten ein paar junge Kaetzchen.
Immer lag das weisse nach kurzem Kampfe auf dem Ruecken. Das gefleckte
kugelte es mit einem Schlag seines kleinen Pfoetchens in den Sand. Dem
konnte Randers sonst lange zusehen. Auch jetzt amuesierten ihn die
Kaetzchen, trotzdem er mit seinen Gedanken nur bei der schoenen Fremden
war, deren Regenmantel hinter seinem Ruecken rauschte.
Als die Fremde ging, mit einer stummen, kaum merklichen Neigung des
Kopfes, folgte er ihr nicht gleich vor die Tuer. Er sah ihr einen
Augenblick aus dem Fenster des Gastzimmers nach, wie sie langsam den
Wiesenweg an die Watten herunterging und rechts um das Haus hin
verschwand.
Dann erst trat er vor die Haustuere, ging denselben Weg, blieb stehen,
sah ihr nach, kehrte langsam wieder um und schlug den Weg in die Duenen
ein.
10.
Randers ging am Aussenstrand.
Ob sie nach der Bake will? Dann triffst du sie.
Oder auch nicht.
Eigentlich haette er ihr nachgehen sollen. Sie hatte doch nicht allein
das Recht, an der Wattenseite zu gehen.
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