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tiefe Roete ueberflutete sie, ihre Blicke wurden unsicher, hilflos; sie
schlug die Haende vors Gesicht, und mit gepresster Stimme sagte sie
leise:
"Warum quaelen Sie mich so?"
"Fides!" rief er.
Aber sie eilte an ihm vorueber, liess sich auf die Bank fallen, legte den
Kopf auf den Tisch, und das Gesicht in beide Haende drueckend, weinte sie
krampfhaft.
"Fides!"
Er kniete neben ihr, zitternd, bebend vor Erregung, suchte ihre Hand,
erhob sich wieder und sprach, ueber sie hingebeugt, auf sie ein.
"Nein, nein, o nicht," stammelte er. "Was ist dies alles--Komtesse.
Aber nein--Fides, liebe, liebe Fides."
Und wieder lag er vor ihr auf den Knien.
16.
Es regnete, regnete immer staerker, der ganze Himmel schien sich aufloesen
zu wollen. Das angewelkte Laub konnte sich unter diesem bestaendigen
Angriff der Wassermassen nicht halten, loeste sich und fiel auf die
aufgeweichte Erde, in den Kot der Wege und in die hundert kleinen und
grossen Pfuetzen.
Es war, als wollte dieser Tag die letzten Reste des Sommers
wegschwemmen.
Randers lief immer gerade aus, eine Stunde lang, zwei Stunden. Das Nass
rann in Stroemen und kleinen Baechen von seinem Regenrock, sammelte sich
auf seiner weissen, durchweichten Muetze, rieselte ueber deren schwarzen
Schirm, spritzte von unten bei jedem Schritt an ihm hinauf, dass Stiefel
und Beinkleider ganz kotig waren.
Aber er lief immer drauf los.
War das nicht der Weg nach Suessen?
Aber es war ja gleichgueltig. Er wollte ja nur seinem "Glueck" entlaufen,
diesem wunderlichen Glueck, das ihn quaelte, ihn aengstigte, sich wie eine
eiserne Klammer um sein Herz legte, wie ein gluehender Nagel sich ihm ins
Hirn bohrte. O, wie er gluecklich war!
Warum jauchzte er nicht laut auf? Hatte er nicht eine reizende Braut?
Und eine koestliche Zukunft?
Schwiegersohn des Grafen Bruckner!
Was wuerden sie alle fuer Augen machen. Also doch eine Adelige. Ja, ja der
Randers!
Nein, und tausendmal nein! Er konnte dieses Opfer nicht von ihr
annehmen. Frau Doktor Randers! Was konnte er ihr dafuer bieten? Aus
eigenem? Eine grosse, dauernde Leidenschaft, eine bestaendige, alles
wettmachende Liebe?
Wuerde er nicht nur ihr Geliebter sein, von ihrer Liebe leben? Der
Geheiratete sein? Sie hatte sich mal diesen Luxus erlauben koennen, einen
simpeln Buergerlichen ohne Stellung und Vermoegen zu nehmen, weil er ihr
gefiel.
Sie wuerde ihn lieb haben und fuettern!
Hatte er denn gar keinen Stolz mehr?
Aber wie es ihr sagen? Wie es ihr sagen? Er war ihr ja so gut, er koennte
es nicht uebers Herz bringen, ihr weh zu tun. Aber es musste sein, ohne
Aufschub, bevor die Anzeige dieser Verlobung in alle Welt ging. Dann war
er gebunden, dann durfte er sie nicht kompromittieren.
In der Theorie wusste er ja mit all diesen verzwickten Dingen leicht
fertig zu werden. Man lebt nebeneinander hin, und nachher trennt man
sich, gutwillig. Oder richtet sich ein. Aber in der Praxis ist es denn
doch etwas anders. Da spricht das gute Herz mit, Ehrgefuehl, Anstand,
Dankbarkeit, tausend Stimmen reden auf einen ein und verderben das
theoretische Konzept.
Und nun gar eine Verlobung eingehen mit der Absicht, sie wieder zu
loesen. Pfui Teufel, wie gemein!
Also es ihr sagen, noch hier, heute noch!
Der Wagen stand sozusagen schon vor der Tuer, morgen wollten sie zusammen
abfahren, sich in Hamburg trennen, wo er einige Tage verweilen wollte,
um seine Angelegenheiten zu ordnen, um ihnen dann nach Berlin zu folgen.
So in der letzten Stunde, den Koffer in der Hand--nein das ging nicht!
Warum kam das alles auch im letzten Augenblick! Acht Wochen waren sie
nun zusammen gewesen.
Am besten waere es, er schriebe es ihr von Hamburg aus.
Und so lange sollte er schauspielern? Luegen?
Muede und abgespannt, durchnaesst und beschmutzt kam er wieder im Schloss
an.
Fides war in ihrem Zimmer, beschaeftigt, mit der Zofe die letzten Koffer
und Schachteln zu packen, der Graf in seinem Arbeitskabinett zu einer
letzten geschaeftlichen Unterredung mit dem Verwalter.
Randers ging, von niemand gesehen, auf sein Zimmer. Am liebsten haette
er sich aufs Bett gelegt, zu einem langen, langen Schlaf. Aber es war
noch frueh, kaum sechs Uhr.
In den nassen Kleidern konnte er auch nicht bleiben. Er zog sich um und
ging in den Salon hinunter.
Ein graues, truebes DaemmeDaemmerlichtschte darin.
Der Regen schlug gegen die Fenster. Ein paar welke Ahornblaetter klebten
an den nassem Scheiben.
Vom Tisch waren alle Mappen und Buecher abgeraeumt, die schweren
Silberleuchter unterm Wandspiegel waren schon weggeschlossen. Es lag
schon ein Hauch von Unwohnlichkeit ueber dem halbdunklen Raum. Nur die
grosse japanesische Vase, die der Gaertner erst gestern mit frischen
Chrysanthemen gefuellt hatte, stand noch auf ihrer Ebenholzsaeule, und die
grossen gefiederten gelben und weissen und lila Blumensterne standen wie
verbannte Schoenheiten auf einer einsamen oeden Insel.
Der Bluethner war geoeffnet.
Ob Fides gespielt hatte?
Richtig, da lag noch ihr Armband auf dem Leuchterbrett, ein schmaler
Silberreif, den sie der vielen Anhaengsel wegen beim Spielen ablegte.
Er nahm ihn mechanisch in die Hand, legte ihn aber schnell wieder hin.
Mechanisch suchte seine Hand die Tasten. Er erschrak beinah, als sie
nachgaben und ein paar leise Diskanttoene wie klagend durchs Zimmer
klangen.
Er laechelte, musste laecheln.
Wie nervoes er war!
Aber er musste sich beherrschen, heute noch, morgen noch.
Er rueckte sich den Sessel zurecht und fing an zu spielen. Ganz unten im
Bass, leise, unrhythmisch. Die Toene rannen, krochen durcheinander, wie
brauender Nebel. Diese dunklen, dumpfen Toene taten ihm wohl. Er konnte
sich nicht genug tun, da unten herumzuwuehlen. Aber allmaehlich loeste sich
ein Thema ab, eine Melodie. Takte aus Chopins C-moll-Polonaise kamen ihm
unter die Finger, und wieder biss er sich in diesem Gedanken fest,
hetzte ihn, peitschte ihn durch alle Oktaven, ueberrollte ihn mit
stuermischen Passagenwogen, dass er elendiglich darin zu ertrinken
schien, aber er tauchte immer wieder auf, und schrie, schrie foermlich:
lass mich los, lass mich los!
Ploetzlich legte sich eine weiche Hand auf Randers' Schulter. Er schrak
zusammen, fuhr wie aus einem Traum auf.
Fides?
Er starrte sie an, wie eine Erscheinung.
Sie lachte laut auf.
"Der arme Fluegel. Ist das dein Abschied von ihm?"
Er lachte gezwungen.
"Es war wohl wuest?"
"Aber sehr. Alle Waende zittern vor Angst."
Er stand etwas beschaemt auf, und sie schloss schnell das Instrument.
"Der hat genug fuer dieses Jahr," scherzte sie.
"Armes Tierchen, hat er dir wieder wehe getan?"
Wie gut gelaunt sie war, wie drollig. Und wie reizend sie aussah. Ihre
Wangen gluehten noch infolge der eifrigen Reisevorbereitungen.
"Wie ungemuetlich ist es hier schon," sagte sie.
"Und dieses Wetter heute. Waeren wir nur erst weg. Ich habe jetzt gar
keine Ruhe mehr."
Und sie zog ihn mit sich ins kleine Nebenzimmer, wo es noch einen
gemuetlichen Eckplatz gab, und erzaehlte ihm von ihren Kasten und Koffern,
und wie ungeschickt sich die Zofe beim Einpacken benommen haette, und
plauderte von Berlin, und was sie alles in diesem Winter unternehmen
wollten. Ob er sich auch so darauf freue.
"Ja," sagte er und hielt ihre Hand und drueckte sie ganz leise.
Es war so dunkel jetzt, dass sie sich kaum erkennen konnten.
Aber er wuenschte, es waere noch dunkler. Er hatte gelogen, hatte sie
belogen! Es war ihm ploetzlich, als ob etwas in ihm kalt wuerde. Eine
Leere. Es war nicht Scham, nicht Reue, oder Schmerz. Nur ein
wunderliches Gefuehl der Starre, wie ein eisiger Hauch.
Es war etwas in ihm tot, er hatte es selbst getoetet.
Es war aus. Er fuehlte es.
Leise liess er ihre Hand los.
Es war aus.
17.
Es war fuenf Uhr morgens. Randers oeffnete das Fenster. Es war noch alles
dunkel draussen, die Sonne noch nicht aufgegangen. Aber von den
Wirtschaftsgebaeuden her kuendigten verschiedene Geraeusche an, dass die
Leute schon an die Arbeit gingen. Er sah Licht im Kuhstall, und ein
Knecht ging mit einer Laterne ueber den Hof.
Es war ein kuehler, nebliger Morgen. Der Regen hatte schon waehrend der
Nacht aufgehoert. Aber von den Baeumen und Bueschen tropfte es noch in
schweren grossen Tropfen, und ein feuchter, modriger Dunst stieg von dem
durchweichten Erdreich auf.
Randers war blass und ueberwacht. Er hatte die ganze Nacht hindurch
geschrieben. Er brauchte sich nicht anzukleiden, er war nicht aus den
Kleidern gekommen. Er kuehlte sich Stirn und Augen mit einem nassen
Schwamm, trank hastig ein paar Glaeser Wasser und stand dann mitten im
Zimmer, regungslos, die Hand im Nacken, und starrte auf den Fussboden.
Mit einem Ruck ermannte er sich.
"Es geht nicht anders. Es ist das Beste so. Bei Nacht und Nebel."
Er lachte. Ein bitteres, haessliches Lachen. Er nahm Hut und Stock und
den kleinen Koffer und ging leise die Treppe hinunter.
Ein Hausmaedchen sah ihm verwundert nach. Sie waren gewohnt, dass er frueh
aufstand, mit Sonnenaufgang schon in die Felder lief oder an die See
hinunter.
Aber heute war es doch reichlich frueh.
Er fand die Hintertuer geoeffnet und kam ungesehen ins Freie.
Fides' Fenster lagen nach vorne hinaus.
Er konnte sie nicht sehen.
Ob sie wohl schon wachte?
Ungesehen kam er vom Hof auf die Landstrasse. Er ging nicht durchs Dorf,
sondern auf einem Wiesenweg hinten herum.
Aber in Rosenhagen sprach er im Krug vor, trank zwei Schnaepse, um sich
zu erwaermen, und gab einen Brief fuers Schloss ab, mit dem Befehl, ihn in
einer Stunde, sowie es hell wuerde, abzuliefern.
Auf die verwunderten Fragen des Wirtes antwortete er ausweichend.
Dann ging er nach Suessen, wo er elend ankam. Er bestellte einen Cognac
und ein Glas Wasser, goss das Wasser hastig hinab und liess den Cognac
stehen. Es ekelte ihn davor. Er erkundigte sich, wann das Dampfboot von
Heiligenhafen nach Kiel fuehre, und nahm einen Wagen. Er konnte das Boot
gerade noch erreichen.
* * * * *
Drittes Buch
1.
Randers an Gerdsen.
Ich halte es nicht mehr aus, lieber Freund! Sie werden verstehen, dass
ich nach dem Rixdorfer Erlebnis der Zerstreuung bedarf, eines
Gegengewichtes. Wie tief es noch bei mir sitzt, koennen Sie daraus
ersehen, dass die Zerstreuungen und Erholungen der Kunst nicht
ausreichten. Es mussten _Betaeubungen_ sein. Alkohol!
Ich entfliehe der Gefahr. Es gibt nur eins, was mich befreit, mich
reinigt: Die Natur. Die See.
Sie empfehlen mir die Arbeit. Aber was kann sie mir anders sein, als ein
Betaeubungsmittel? Meine Art Arbeit, die nicht produktiv sein kann.
Foerdert mich diese Arbeit, bringt sie mich eine Stufe hoeher, eine Stufe
hinaus aus meinem Gefaengnis? Ist sie nicht nur Gefaengnisarbeit eines
Sklaven, der sich nuetzlich erweisen soll und zugleich an seiner Pflicht
ein Betaeubungsmittel hat?
Aber ich will mich nicht betaeuben. Das ist so feige, so philistroes, so
dumm, so unwuerdig. Warum denn nicht gleich die Pistole? Die betaeubt
alles und auf das vortrefflichste. Soll ich Mittel brauchen, die mir das
Leben ertraeglich machen, so muessen es Rauschmittel sein. Sie kennen
diese meine Mittel, die das Leben steigern, es aufreizen, verdoppeln!
Musik, Poesie, jede Art Kunst, das Weib und vor allem die Natur.
Sie geben in Ihrer Arbeit Ihr Ich. Bei Ihnen ist Arbeiten erhoehtes
Leben, bei mir Bekaempfung des Lebens. Warum denn nicht mit der Pistole?
Puff, weg damit! Aber koennen Sie mir ernstlich empfehlen, das Leben
taeglich zu foltern, es auf Hungerration zu setzen, ihm die Kehle bis auf
das allernotwendigste Quentchen Luft zuzuschnueren, ihm einen Stein auf
den Kopf zu legen, damit es die Stirne nicht zu hoch traegt und nicht zu
sehr waechst, ihm die Fuesse zu binden, damit es nicht auf den Einfall
kommt, zu tanzen? Pfui Teufel, wie gemein! Quaelt man so sein Leben?
Nein, lassen Sie mich meine Wege gehen, Weg und Ziel sind mir ganz klar.
Es gibt fuer mich nichts mehr als ein paar Jahre Einsamkeit, die,
langsamer oder schneller, in die letzte grosse Einsamkeit einmuenden.
Ich habe allerlei fuer Sie niedergeschrieben, lasse Ihnen ein
versiegeltes Paket zurueck. Suchen Sie sich damit abzufinden, wenn Sie
ueberhaupt noch an dem Roman festhalten. Ich fuer meine Person entbinde
Sie davon. Wir muessten eigentlich taeglich zusammen arbeiten, und das
widerstrebt mir. Ich mag nicht so darin wuehlen, es bringt doch auch so
seine Schmerzen mit sich. Macht man's selbst, allein, so ist schon die
mechanische Arbeit des Schreibens eine Art Medizin, ein beruhigendes
Pulver. Aber muendlich, wo man einmal zu intim wird, ein andermal wieder
vor Scham das Wichtigste nur eben beruehrt, das ist, als sollte man sich
in Gegenwart eines andern nackt ausziehen.
Legen Sie bei Ihrem Helden besonders Gewicht auf den aristokratischen
Tick. Und auf die Natur! Erklaeren Sie beides aus seinem aesthetischen
Genusstrieb heraus. Die Kunst erst in dritter Linie, es fehlt ihm dazu
an innerer Berufung. Er ist nur aesthetischer Genuessling. Der Natur
gegenueber reicht das ja aus, daher fuehlt er sich bei ihr am wohlsten.
Beim Weibe ist es damit nicht getan, das Weib verlangt "produktive
Talente" vom Manne. Daher sein Fiasko beim Weibe, beim vornehmen Weibe,
das ihn allein aesthetisch reizt, allein fuer ihn in Betracht kommt. Na,
Sie werden es schon machen.
Ich gehe morgen nach Sylt. Meine dortige Adresse wissen Sie noch von
frueher. Es braucht sonst niemand zu wissen, wo ich bin! Also Diskretion!
Adieu, bester Freund! Ich halt es einfach nicht mehr aus.
Ihr Randers.
P.S. Ich lege Ihnen hier noch ein paar Verse bei, die meine
augenblickliche Seelenverfassung spiegeln, und ein aelteres
Stimmungsstueck, das ich unter meinen Papieren fand, eine Stiluebung,
die Sie vielleicht als Beweisstueck fuer meine unzureichende
Produktionsbegabung und als ein Charakteristikum nach der sentimentalen
Seite hin brauchen koennen. Uebrigens meine Verse! Ich wollte Sie immer
bitten, ihnen etwas auf die Beine zu helfen, sie sind gar zu
dilettantisch unbeholfen. Aber ich hab's mir jetzt ueberlegt, aendern
lassen Sie nichts daran; so wie sie sind, haben sie ja allein Wert als
"Dokumente", als Belege fuer mein Halb- oder Garnichtskoennen. Wenn Sie
sie nicht lieber ganz weglassen. Mir auch recht!
* * * * *
Was fuer ein Traum doch war's, der sich mir spann bei Nacht,
Dass ich in meinen Traenen bin erwacht?
Was fuer ein Traum doch war's?
Ist's nicht dein Bild, das sich mir hat gestellt,
Das Haupt von lichten Locken dicht umwellt?
Ist's nicht dein Bild?
Und blicktest du nicht kalt an mir vorbei, die Hand
Zur Abwehr streng entgegen mir gewandt?
Und blicktest du nicht kalt an mir vorbei?
Zerriss es denn auf ewig, jenes Band,
Das dich und mich zu schoenstem Bund umwand?
Zerriss es ganz?
So bleibt mir nichts von dir als heisse Glut,
Ein einsam Kissen, feucht von meiner Traenenflut?
So bleibt mir nichts?
* * * * *
Friedenstraum.
In stillen, tagesabgeschiednen Naechten,
Wenn Stern an Stern zu goldnem Kranz sich flicht,
Und wenn, wo Ginster sich und Weissdorn flechten,
Gespenstisch Fluestern ob der Heide spricht,
Dann hoer ich auf, zu hadern und zu rechten,
Wenn goldner Friede sternhernieder bricht,
Dann blinkt in meines Herzens dunklen Schaechten
Endlich ein trautes, stilles Daemmerlicht.
* * * * *
Vogelkoenigtum.
Vogel, du bist der Koenig der Welt,
Fern bleibt kein Platz dir, der dir gefaellt.
Fliegst in die freien Luefte,
Fliegst ueber Berg, ueber Meer, ueber Feld,
Vogel du freier, du Herrscher der Welt.
Ueberall darf der Himmel dir blauen,
Ueberall darfst du die Welt erschauen,
Ueberall laesst du die Woge dich gruessen,
Himmelentstuerzt dir die Brust von ihr kuessen;
Taeglich eroberst du neu dir, ein Held,
Vogel, du freier, zu eigen die Welt.
* * * * *
Wie es sein sollte!
Was ist das Glueck? Ein niedres kleines Haus,
Weit ab der Welt und ihrem argen Treiben;
Zum Fenster lehnt ein liebes Haupt heraus,
Und Haende winken, lassen mich nicht bleiben;
Vom Strande toent der Nordsee dumpf Gebraus,
Die Sonne blinkert golden in den Scheiben,
Wir sind im Zimmer einsam und zu zwein,
Wir sind mit unsrem goldnen Glueck allein.
* * * * *
Einsame Weihnachten.
Gestern ueberkam mich die Weihnachtsstimmung mit uebermaechtiger Gewalt.
"Stille Nacht, heilige Nacht," so klang es von der Strasse herauf;
Strassenmusikanten. Was machte mir heute ihr sonst so graessliches Getute
ertraeglich? War es nur diese unverwuestliche Melodie, dieses schoenste
aller Weihnachtslieder? Und das, was unter dem Zauber dieses Liedes
erwachte? Ich war selbst wieder Kind geworden, meiner Mutter am Klavier
geschmiegt, und "Stille Nacht, heilige Nacht" klang es von meinen
Lippen.
Nun will heute der heilige Abend kommen. Die weihnaechtige Stimmung ist
mir getreu geblieben, und ich muss mir schon an ihr genuegen lassen, denn
ich wuerde einsame Weihnachten feiern; ich lebe, ein Fremder, in der
fremden Stadt, einsam inmitten des hastenden Getriebes. Heute bin ich
ihm entflohen; ich bin weit hinausgewandert in die schweigende,
glitzernde Einsamkeit der laendlichen Umgegend.
Um mich das Spiel der weissen Flocken! Nicht in dichten Wolken wallt es
hernieder; in glitzernden Sternen staeubt es fein, so fein herab. Will
sich ein Geheimnis, beglueckend, beseligend, auf die Erde betten? Leise
Klaenge klingen mit. Oder ist's Taeuschung? Klingt der Schnee in
herniederrieselnden Toenen unhoerbar fast und doch so deutlich, weich, so
wunderweich dem Ohr, wie sich auf die Stirne eine maerchenweisse, schmale
Frauenhand herniederlastet?
Der Himmel will sich verstecken und sendet doch seine Botschaft.
Zwischen den langausgesponnenen Schneefaeden dringt es wie von
schimmernder Klarheit, fast als ob in jedem Augenblick der feine
Nebelflor aufwehen und ein holdes Geheimnis enthuellen moechte.
Es ist drei Uhr nachmittags. Die Daemmerung hat begonnen. Ich bin weit
hinausgeschritten, fern, so fern der Stadt. Nicht wie sonst am
verduesterten Fluss. Was soll mir die rollende Welle? Was soll mir am
Weihnachtsabend truebe und ewig novemberhaft der dunkle Strom?
Wenige Schritte noch und ich bin im Walde! Breit dehnt sich die
Fahrstrasse, einem gefrorenen, schneeblitzenden Flusse gleich, den, aus
Tannen aufgebaut, jaeh stuerzendes Steilufer dunkel von beiden Seiten
umengt. Eine Viertelstunde hinaus kann ich die schnurgerade
verlaufenden, dunkelgruenen Waende ueberblicken. Stille, lautlose Stille,
umfaengt mich. Nur leisestes Wehen der Wipfel; einmal ein heiserer
Kraehenschrei! Die Wagenspuren die einzigen Zeichen menschlichen Lebens,
aber auch sie fast hinweggewischt durch den fallenden Schnee.
Aber da saust es ploetzlich zwischen den Staemmen heran! Ein schwaches
Klingelgelaeute! Staerker und staerker! Zwei Pferde! Scharf gezeichnet
steigt aus ihren Nuestern der Atem in die Winterluft empor. Eine grosse,
kraeftige Maennergestalt im Vordersitze; hinter ihr der peitschenknallende
Kutscher. Ein verwunderter Blick auf den einsamen Wanderer! Sausendes
Schlittendroehnen!
Vorbei!
Wohin wohl? Vielleicht auf ein benachbartes Gut zum Besuch auf den
heiligen Abend? Der Schlitten mit Geschenken vollgepackt.
Wie wohl die Kinder warten werden. Bei jedem Haustuerklingeln eine
stuerzende Schar, und immer wieder die Enttaeuschung. Aber endlich ist er
angekommen! Ein Stampfen auf der Treppe; das Fusseisen klingt an den
scharrenden Absaetzen; in der geoeffneten Tuer heisst eine schoene Frau den
Schwager willkommen; die Kinder umdraengen den Onkel mit freudigem Laerm,
und das Jubeln will kein Ende nehmen.
Und wieder laeutende Glocken! Aber nicht aus der Ferne! "Aus des Herzens
tiefem, tiefem Grunde" laeutet die Vergangenheit empor. Immer maechtiger
fluten und ueberschwemmen mich die Klaenge. Und da wandelt sie mir nah
zur Seite und nickt mir mit vertrautem Auge, die Jugend, die froehliche,
selige Kinderzeit.
Die Weihnachtsferien sind da! Meine Eltern wohnen auf einem grossen
Kirchdorf, kaum eine halbe Meile von der Stadt, deren Gymnasium wir drei
Brueder besuchen. Schon sitzen wir im Schlitten. Bald gruesst uns aus der
Ferne das elterliche Heim, ein freundliches Pfarrhaus, um das im Sommer
ein dichter Garten seine gruenen Kraenze schlingt. Endlich sind wir daheim
bei Vater und Mutter. Es weihnachtet ueberall. Von Kuchen und Marzipan,
von Pfeffernuessen, Tannennadeln und Weihnachtskerzen stroemt ein wuerziger
Weihrauch durch das ganze Haus. Vor den leichtueberfrorenen Fenstern
hasten die Maedchen mit grossen eisernen Kuchenplatten vorbei.
Aber lange duldet es uns Kinder nicht an einer Stelle. Die Backen
brennen vor ungeduldiger Erwartung. Schneckengleich schleicht die Zeit.
Wollen denn die Grosseltern gar nicht kommen? Endlich haelt das Gefaehrt.
Wir Kinder alle draussen; die Kleinsten patschen mit ihren Haendchen an
den Grosseltern empor.
Schliesslich ist auch die letzte Stunde der Erwartung dahingegangen.
Meine Mutter sitzt am Klavier und spielt den Weihnachtschoral. Auch das
Stimmchen meiner kleinsten Schwester tippt schuechtern mit im Chor. Und
dann tun sich die Tueren weit auf, und vor uns flutet und flimmert der
schimmernde Kerzenglanz! O du selige, o du froehliche Weihnachtszeit;
froehlich und selig, wenn man ein Kind ist, bei Vater und Mutter daheim!
Ich habe mich in lichte Traeume verloren; aber ich wehre ihnen, denn ich
weiss nur zu wohl, dass sie sich trueber und trueber spinnen werden.
Wollen nicht schon einsame, schweigende Graeber aus der Ferne
herueberwinken? Ich reisse mich los; ich bin zur Gegenwart erwacht.
Es schneit nicht mehr, aber der Wald ist noch immer mein Begleiter:
dunkler draeuen die Tannen, geisterhafter glitzert zwischen Staemmen der
Schnee, denn die Daemmerung ist vollends gewichen, und die Nacht hat
ihren sternenbesteckten Mantel ueber die stille Erde ausgebreitet. Und
doch kein Dunkel. Sternenglanz und flimmernder Schnee weben ihre
geheimen Strahlen ineinander; und mit ihnen fuehrt noch etwas anderes,
Unsagbares, heute in der Weihnacht geheime Zwiesprache. Was ist's? Ist
es ausser oder in uns? Und wir legen es nur in die Natur hinein? Ist es
der Klang der Weihnachtsglocken? In einem fernen Dorfe laeuten sie den
heiligen Abend ein, der Wind verweht mit leisem Schwellen den Schall und
traegt ihn ueber den schweigenden Wald. Und ich vermag mein Ohr gegen
diese Toene nicht zu verschliessen; zu gewaltig ist ihr Weiheklang.
Alles grueblerische Denken erlischt; nur ein begluecktes Empfinden, nur
der heimliche Zauber des Waldes und der gestirnten Weihnacht besteht.
Hat ihn je ein Dichter voll auszuschoepfen vermocht, so dass allein sein
Wort den maechtigen Zauber ans Licht beschwor?
Das Weihnachtsevangelium faellt mir bei; nicht der Bericht des Lucas, von
der Geburt des Kindleins selbst; zu real, so wundersam ruehrend auch die
herzenseinfaeltigen Worte lauten. Aber die herrlichste Poesie folgt: "Und
es waren Hirten beisammen auf dem Felde, die hueteten ihre Herde bei
Nacht. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn
umleuchtete sie."
Die schweigende Einsamkeit des Feldes, die einfachen Hirten, die Nacht,
die himmlische Klarheit, das ist's! In diesen Worten steckt der ganze
Zauber der Weihnacht, an sie reicht nichts heran als Haendels ebenso
einfache wie grossartige Musik. Die Worte wollen mich nicht mehr
loslassen, ich spreche sie immer und immer wieder, ich summe sie in
Toenen, indes ein leisester Windhauch den Tannen an ihre Wipfel ruehrt,
und aus der Hoehe herniedersaeuselt, wie eine Botschaft des Friedens, wie
der Friede selbst, der nicht von dieser Welt ist, der sich nur einmal
im Jahre in der stillen, in der heiligen Nacht auf die Erde
herniedersenkt. Und die Tannen erbeben und streuen Weihrauch auf und
knistern--von Gold? Und schimmernd entbrennen viel tausend heimliche
Kerzen, und unter ihnen liegt das Christkind gebettet, mit golden
blickenden Augen--ein Weihnachtsmaerchen in der Weihenacht unter den
Tannen--und die Klarheit des Herrn umleuchtet sie.
Und mir--mir rinnen die Traenen von den Wangen herab--aber himmlische,
heimliche Klarheit umleuchtet auch mich--die Klarheit des Herrn in der
Weihnacht.
2.
Auf der Wattenseite, auf halbem Wege zwischen Rantum und Hoernum lag im
Schutz des maechtigen Duenenwalles ein kleines einstoeckiges Blockhaus. Ein
leidenschaftlicher Seehundsjaeger hatte es sich dahinbauen lassen. Seit
Jahren stand es unbenutzt.
Das war etwas fuer Randers. Er erhielt das Haeuschen fuer einen Spottpreis.
Es war auch aermlich genug fuer einen laengeren Aufenthalt, nur fuer einen
anspruchslosen Jaeger auf einige Wochen ein Unterschlupf. Unten war ein
grosser Raum mit einer kleinen Kammer daneben, oben, auf einer schmalen
Holzstiege erreichbar, noch eine geraeumige Kammer unter dem spitzen
Giebel und etwas, anscheinend nie benutzter Bodenraum. Aber es befand
sich doch eine Kochstelle im Erdgeschoss, ein primitiver Herd, worauf
der alte "Seehund" sich seinen Grog gebraut haben mochte.
Randers liess alles instandsetzen, liess sich aus Westerland einen
Tischler kommen und richtete sich ein. Das untere Hauptgelass war
geraeumig genug. Da fand ein grosser Schreibtisch aus Tannenholz Platz,
vor dem Fenster, das auf die Watten hinaussah. Ein Chaiselongue, vier
Stuehle, ein kleiner runder Tisch, was brauchte er mehr? Ihm fiel zuerst
nichts weiter ein. In die Kammer kam ein Bett und ein Waschgestell aus
Draht. Auch ein paar neue Fensterscheiben waren noetig. Die alten waren
ganz erblindet und rissig.
In die Giebelkammer liess er ein zweites Bett stellen. Er verwandte fast
mehr Sorgfalt auf dieses "Fremdenzimmer" als auf seinen eigenen
Wohnraum. Es kam ein solider Waschtisch herein, eine Kommode, eine
Garderobe und nachtraeglich noch ein Spiegel. Er liess den ganzen
Fussboden mit einem weichen Teppich belegen und das Fenster mit
Vorhaengen versehen.
Als er seinen Einzug hielt, hatte er einen Augenblick den Gedanken, die
erste Nacht unter seinem Dache dort oben zu schlafen. Aber er
unterdrueckte diese Anwandlung. Doch ging er noch einmal mit einem Licht
hinauf und stellte ein paar Herbstblumen, die er sich aus Westerland vom
Gaertner geholt, in ein Wasserglas auf den kleinen dreibeinigen
Wandtisch, den er in der Wirtschaft des Rantumer Strandvogts fuer ein
geringes erstanden hatte.
Er dachte lange, bis er endlich einschlief, an die einsamen Astern oben
im Giebelzimmer und belebte den Raum mit allerlei Traumgestalten. Am
Morgen aber lachte er ueber die Blumen und warf sie zum Fenster hinaus.
3.
Randers fuehlte sich geborgen. Vorlaeufig, vielleicht, dass es mit der
Zeit ihm auch hier nicht mehr einsam genug waere. Nun, dann war ja
Norwegen da, die Schaeren und Fjords. Und immer so weiter, bis in die
letzte grosse Einsamkeit. Auf diesem Rueckzug war er ja doch.
Das mit Fides hatte ihm doch den Rest gegeben. Er bereute es nicht, er
wuerde es zum zweitenmal wieder so machen. Und das gerade war es, was
ihn so aus dem Geleise wart. Seine eigenste Natur hatte ihm diesen
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