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eBook Title
Der Mann im Nebel
Author Language Character Set
Gustav Falke German US-ASCII


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Dein Schwert wie ist's von Blut so rot,

Dein Schwert wie ist's von Blut so rot,
Edward! Edward!

Und dazu die messerscharfen, schneidenden Akkorde der Verzweiflung, die
jagende Sechzehntelfigur der Begleitung, die sich schliesslich immer
mehr verdichtet, bis sie wie zu einem hoellischen Furientanze
zusammenwaechst.

Das sind Lieder, wie sie der novembersturmgepeitschten Nordseewelle
gemaess sind.

Wir lesen, wir spielen, wir wandern, wir schweigen auch viel, schweigen,
und ich greife hin und wieder einen halbverlorenen phantastischen
Akkord.

Der Sturmwind heult und ruettelt an den verschlossenen Laeden.

Jeweilig ist das Schweigen so sonderbar zwischen uns, so beredt, zu
beredt fast, so dass wir zu reden beginnen.

Wie denken Sie ueber Rebekka West? So hat sie ihr langes Zusammenleben
mit Rosmer doch zur Liebe gefuehrt!

Ihre Lippen zucken veraechtlich.

Dass Rebekka liebt, dass sie zu lieben vermeint, ist nichts weiter, wie
das Gefuehl der Schuld, das Rosmer gegenueber auf ihr lastet! Von dem
Gefuehl der frueheren Gewissenlosigkeit gepeinigt, taeuscht sie sich ueber
sich selbst. Ein Glueck, dass sie in den Muehlgraben gehen kann. Sonst
wuerde sie bald erkennen, dass sie ihre eigenste, bessere Natur verloren!
Und dann ginge sie auch in den Muehlgraben.

Ihre Lippen haben wieder den strengen, sibyllinischen Zug! Ich schweige
lange!

Und ihr Lieblingsschriftsteller Jens Peter Jakobsen!

Was sagen Sie zu Edele Lyhne?

Ich habe sie einmal mit Edele verglichen. Sie liebt die Anspielung
nicht.

Sie wissen, dass ich mir Anzueglichkeiten verbitte. Dass der Dichter
schliesslich von Edele nichts besseres weiss, als eine Backfischliebe,
die sie schweigend mit sich herumgetragen, dafuer kann nicht Edele, dafuer
kann nur der Dichter, nur die Maenner, jaemmerliche, sentimentale
Schwaechlinge, die ihr seid! Und nun Sie! Was reden Sie hier von Liebe!

Und ihre Lippen begannen herbe und spoettisch zu laecheln.

Und Sie wollen der Schoenheit des Meeres als einem Fluch anheim gefallen
sein! Hat Sie das Meer noch nicht gelehrt, schwachmuetige
Sentimentalitaeten als das zu betrachten, was sie sind? Sie Aermster Sie!

Und sie reicht mir halb bedauernd die Hand, und ich Tor schlage ein.

Und lassen Sie Ihre albernen Gedanken und kommen Sie rasch zur Duene
herauf.

Wir klimmen mit Muehe gegen den Sturmwind, um uns stieben
schneesturmgleich die Sandwehen. Finster leuchtet das Schwarz der
ungefuegen Wolkengebilde, ein mattfahler Schwefelstreifen leckt an ihnen
empor; geisterhaft verschaeumt die tobende Brandung. Ein verlorner
Moewenschrei!

Der Sturmwind presst uns nahe aneinander; ich fuehle ihre Schulter an
meiner Brust. Ihre Zuege sind schoener als je, aber unbeweglich, und
geisterhaft weiss wie Marmorstein!

Und ihre Zaehne pressen leise die Unterlippe.

Weltverschollen, in engster Naehe, und doch kluefteweit getrennt!

Und dann schreiten wir stumm hernieder.

Und das Licht brennt noch lange bei mir, waehrend das Dunkel schon
stundenlang in ihrem Zimmer wob!

Heute ist ihr Geburtstag! ich habe Rosen bestellt! Dunkelblutrot und
schneeweiss. Zwei Koerbe duften vor mir. Wahllos streue ich aus dem einen
Korb hierhin und dorthin. Sie liebt diese verschwenderische Fuelle. Den
andern Korb schicke ich ihr hinauf.

Eine halbe Stunde spaeter ist sie unten.

Sie Boeser, wie gut Sie sind.

Und ihre wunderbaren Augen sprechen, und sie reicht mir beide Haende.

Wie gut Sie sind!

Und wir sitzen am Kaffeetisch. Sie sorgt mit hausmuetterlichem Eifer. Sie
spricht dieses und jenes und fast, als ob sie ein Gefuehl der Schuld
bedruecke.

Und schliesslich stuetzt sie ihren Kopf in die Hand und sieht mich an!
und nickt mir leise zu, und dann liegt ihre Hand einen Augenblick weich
auf der meinen.

Und nun, Lieber, wollen wir hinaus!

Ich habe uebrigens noch eine Neuigkeit fuer Sie. Mein Freund kommt zu
Besuch. Sie wissen, dessen Gedichte ich Ihnen neulich vorlas. Sie
wollten ihn gerne kennen lernen, Jolanthe.

Sie schweigt!

Nun, was sagen Sie?

Warum ein dritter in unserm Beisammensein?

Und ihre Augen leuchten weich.

Nun, wie Sie wollen!

Und ihre Stimme klingt ploetzlich hart.

Und sie wendet sich und geht, um sich zum Spaziergang fertig zu machen.

Ich weiss nicht, was sie will!

Aber naechstes Jahr ueberlasse ich ihr mein Haus. Mag sie mit einem
andern Freunde hausen; sie hat recht, das Meer soll mich nicht lieben
lehren! Ich gehe nach Fanoe! Mag sie sehen! Und ich stampfe entschlossen
mit dem Fusse und greife nach der Rose, die ihrer Hand entfallen."

"Die arme Jolanthe," sagte Fides mit einem Ton spoettischen Bedauerns,
als Randers schloss.

Er lachte und zuckte die Achseln.

"Hoffentlich nimmt sie Ihr Blockhaus fuer das naechste Jahr nicht an,"
sagte Fides. "Sie wird an dieser Erfahrung genug haben."

"Ja, aber er will ja eben nicht heiraten, sich nicht sentimental
binden."

"Er ist eben ein Phantast," erwiderte sie mit besonderer Betonung, "der
sich unmoegliche Verhaeltnisse ertraeumt."

"Sagen Sie das nicht."

"Aber ich bitte Sie! Uebrigens wissen Sie das wunderschoen auszumalen."

"Ist es nicht schoen?"

"Sie sind ein Dichter."

"Nicht doch!"

"Sie koennen einem ordentlich den Mund waessern machen."

"Sehen Sie!"




13.


Randers hatte Rosen auf seinem Zimmer gefunden.

Er lief durch die Felder und dachte an diese Rosen. Wie kommt sie dazu,
dir Rosen zu schicken? Hat sie dich denn nicht verstanden? Glaubt sie,
du meinst es nicht ernst? Du wuerdest nicht nach Fanoe gehen und Jolanthe
einem andern ueberlassen?

Ganz gewiss, meine Gnaedigste, ich will Jolanthe nicht heiraten, und Sie
nicht, und keine andere! Oder wollten Sie mir mit den Rosen Ihre
Anerkennung fuer meine Standhaftigkeit bezeigen?

Eine Tugendrose?

Er pflueckte einen grossen Feldstrauss, allerlei Graeser und letzte
Sommerblumen, reifende Haselnuesse und einen Zweig fast schon schwarzer
Brombeeren und brachte ihn Fides.

"Fuer die Rosen," sagte er.

"Wie schoen! Ich danke Ihnen."




14.

(Tagebuchblaetter.)


Der Doktor hat recht gehabt. Es waren nur die paar ueberzaehligen Cognacs
und Pschorrs und Kaffees. Ich fuehle mich jetzt ganz wohl. In Grashof
kam es noch hin und wieder, dieser Druck auf dem Kopf, als truege man
einen Stein mit sich herum. Und die Hallucinationen und wuesten Traeume.

Etwas macht auch ihre Naehe. Etwas? Vielleicht alles?

Es ist ein ganz eigenartiger Zustand, ein ganz eigenartiges Verhaeltnis.
So ohne jede Aufregung und Abspannung und jedes quaelende Begehren. In
der Abwesenheit ein Gefuehl stiller Freude, dass sie in der Naehe ist, in
erreichbarer Naehe, eine sanfte Sehnsucht, durchaus nichts Heftiges,
Treibendes. Wie man an etwas denkt, das man sicher besitzt. Und in ihrer
Gegenwart ein ganz ruhiges Geniessen ihrer Wohlgestalt, ihres
harmonischen Wesens, ihrer vornehmen Einfachheit. Keine Spur von Liebe.
Eine Art herzlichen Freundschaftsgefuehls. Freude.

Sie ist Musik fuer mich.

*       *       *       *       *

Eine Ehe auf solcher Basis. Das waere etwas fuer mich. Aber es wuerde
schliesslich gar keine rechte Ehe sein. Ich finde kein sinnliches
Verhaeltnis zu ihr. Der Gedanke allein an diese Dinge erniedrigt sie mir
schon. Ich bin zu aesthetisch fuer diese Art Liebe. Also auch fuer die Ehe.

*       *       *       *       *

Wenn sie spielt, ist es nicht die Musik allein, sondern das
Bewusstsein, dass sie es ist, die spielt. Ich habe eigentlich gar kein
Urteil ueber ihre Musik. Ich hoere alles hinein.

Sie kann gar nicht Schumann spielen, sie ist durchaus keine
Schumannnatur. Und doch bilde ich mir ein, Schumann nie so schoen gehoert
zu haben.

Aber ich darf sie nicht ansehen dabei, ich muss die Augen schliessen.
Sehe ich sie an, merke ich gleich, dass sie Schumann nur spielt.

Bei Chopin darf ich ihr schon zusehen. Da ist diese vornehme Grazie des
aristokratischen Salons, die zu ihr gehoert. Und nun gar Weber oder
Liszt. Da sitzt sie im Sattel. Und wie reitet sie!

*       *       *       *       *

Es ist eigentlich beleidigend, dieses Vertrauen, das der Graf mir
schenkt. Aber nach meiner neulichen grossen Pauke fuer die Aristokratie
und meiner kategorischen Erklaerung, dass eine Mesalliance gegen meine
Grundsaetze waere, muss er mich natuerlich fuer ungefaehrlich halten.

Sie koennen ruhig schlafen, Herr Graf.

*       *       *       *       *

Ein Zeichen, dass ich nicht verliebt bin: ich habe mit ihr ueber die
Liebe philosophiert. Sie benahm sich eigen dabei. Etwas spoettisch. Sie
ist zu gesund fuer meine Philosophie.

(Bedenkliches Postskriptum: Du machst dir klar, dass du nicht verliebt
bist. Hm!)

(PS. II. Du machst bedenkliche Bemerkungen, folglich bist du nicht
verliebt.

Der Beweis ist geglueckt, was mir sehr lieb ist, denn ich will mich nicht
in sie verlieben.)

*       *       *       *       *

Dass auch ich gerade diesen aristokratischen Tick haben muss, ich, der
vielmehr zu den Bauern, zu den Fischern gehoert. Ob wirklich etwas dran
ist, dass mein Urgrossvater muetterlicherseits von Adel war, alter
kurlaendischer Adel? Die Sache ist sehr zweifelhaft, eine alte
Familiensage. Ohne Dokumente. Aber vielleicht bin ich der lebendige
Beweis, vielleicht rollt ein versprengter Tropfen Adelsblut in meinen
Adern.

Dickes Bauernblut, von irgendwoher ein paar Tropfen Kuenstlerblut,
Zigeunerblut, und in dieser trueben Mischung, mitgeschwemmt, dies eine
aristokratische Blutkuegelchen.

Das ganze etwas mit Alkohol versetzt. Ein famoser Lebenssaft. Ich haette
wohl Lust, mich einmal gruendlich zur Ader zu lassen.

*       *       *       *       *

Traum, Schaum.
Traeume sind Schaeume, hier wie dort
Hoert man solch ueberkluges Wort,
Aber dem Leben farbleuchtenden Saum
Leiht nur goldener Traum wie Schaum.

Traeume sind Schaeume!
O jugendlich Schaeumen.
Schaeume sind Traeume!
O jugendlich Traeumen.
Schaeumendes Kraefteueberfliessen,
Traeumendes Seele in Seele sich giessen.

Traeume sind Schaeume,
Wen sie verlassen,
Dem muesste das Leben farblos erblassen.
Nur, wem das Leben wie Schaum und Traum,
Bricht sich goldene Frucht vom Baum.

*       *       *       *       *

Ob ich nicht doch besser in meiner Krugkammer geblieben waere? Nicht aus
irgend welchen besonderen Gruenden, sondern einzig, weil ich nicht zur
Dankbarkeit verpflichtet sein mag. Und dies ist schon mehr Nassauerei!

Aber warum reise ich nicht ab?

Ueber den Musterwirt bin ich ja beruhigt, der ist schon halbwegs verlobt,
mit einer Buergerlichen. Ich haette es ihr auch nie vergeben. Frau Krueger
oder gar Madam Krueger.--

Ich will es nur eingestehen, ich war ganz regelrecht eifersuechtig, ohne
verliebt zu sein. Wie muss einem Liebenden erst zu Mute sein, der
eifersuechtig ist.

*       *       *       *       *

Als sie sich die Rose in den Guertel steckte und auf den Stuhl stieg, um
sich besser im Spiegel sehen zu koennen.

Diese ganz entzueckende Naivitaet, diese natuerlichste, kindlichste,
unschuldigste Eitelkeit!

Welche Dame steigt in der Gegenwart eines Herrn auf einen Stuhl. Sie
darf es, eine wirklich vornehme Dame darf alles.--

Ich hielt ihre Hand laenger als schicklich in meiner, als ich ihr
herunter half. Sie wurde weder verlegen noch abweisend, sie uebersah es
einfach.

*       *       *       *       *

La rose d'amour.

An ihrem Kleid blueht eine dunkle Rose,
Entschuerzt den Schoss zu wundersamem Duft,
Dass taumelnd so ihr Leben sie verkose,
Die weisse Maedchenbrust zur weichen Gruft.
O sei ihr Bild zum Bilde meinem Lose,
Dass ich, wenn gartentief der Sprosser ruft,
Von Mund zu Mund, fern jeglichem Getose,
Verkuessen moege Leben, Licht und Luft.

(Waere ich verliebt, wuerde ich dieses Gedicht nicht haben machen koennen.
Obgleich es schlecht genug ist und eigentlich nur mit Liebe notduerftig
entschuldigt werden koennte.)

*       *       *       *       *

Gehoert nicht eine gewisse Kaelte des Herzens dazu, um Dichter sein zu
koennen?

Unsinn!

Ob Leute von grosser Phantasie nicht eine gewisse mittlere Temperatur
des Herzens haben, nur soviel Feuer als noetig, um der Phantasie warme
Fuesse zu machen?

Gibt es eine Phantasie des Herzens?

Warum nicht, wenn es eine Liebe des Kopfes gibt. Kommt auch beides
zusammen vor, wie bei einem gewissen Herrn.

*       *       *       *       *

Ich muss Gerdsen wieder einige "Dokumente" schicken. Ich habe ja schon
wieder genug zusammengekritzelt. Wenn er nicht schliesslich doch noch
abschnappt. Zu unsinnige Idee, meinen Roman von einem andern schreiben
zu lassen. Wie der arme Kerl sich wohl abrackert. Aber er kriegt es
fertig, das heisst, er kriegt einen Roman fertig, aber einen
Surrogatroman. Was weiss er am Ende von Henning Randers, und was koennen
ihm die paar Zettel sagen, die ich ihm als Materialien liefere. Es wird
ihm doch alles nur nebelhaft bleiben, Schattenspuk.

Uebrigens, was ist das ganze Leben anders als Schattenspiel. Oder ein
Suchen im Nebel. Blindekuh! Nur dass einem die Binde nie abgenommen
wird. Oder doch mal? Da drueben?

Wenn man dann sehend wird, zurueckblicken kann--Herrgott! Alle diese
Irrgaenge im dicken Erdennebel. Und dann sehen, da haettest du den Weg
gehen sollen, und sieh, der Graben da, und der Baum, an dem du dir den
Kopf zerbeultest--ein paar Zoll breit weiter links, und du waerst heil
durchs Leben gekommen.

*       *       *       *       *

Da bin ich nun wirklich in der Kirche gewesen, fein fromm und andaechtig.

Sie sass neben mir, ihr Buch lag zwischen uns, und unsere Augen nahmen
denselben Weg, von Vers zu Vers, trafen sich auf den frommen Worten.

Kuessten sich.

Wir selbst sassen ganz ehrbar und zuechtiglich neben einander, und ich
meckerte in ihren schoenen Alt hinein.

Sie hatte die Fuehrung, ich folgte wie ein Laemmlein der Hirtin.

Die Orgel. Die "liebe Gemeinde" (es war eine wirklich huebsche
Sopranstimme da, die ueber diesem misstoenigen Gemecker, Gebrumm und
Gepfeife schwebte, wie eine weisse Moewe ueber ein schmutziges
missfarbiges Stoppelfeld), die weissen schmucklosen Waende, die Sonne
draussen und die Sonne drinnen, in langen, breiten Streifen ueber diesen
alten und jungen Koepfen. Das schwarze Brett mit den grossen weissen
Nummern der Choraele. Die kleine, schwarze Kanzel mit dem kleinen,
weisshaarigen Pastor Weidenbusch.--

Mir wurde ganz heimatlich. Wie lange bin ich nicht in einer Dorfkirche
gewesen.

*       *       *       *       *

Man sage nicht, dass in unserer protestantischen Kirche die Poesie
keinen Platz hat. In den kalten grossen Stadtkirchen mit ihrem
nuechternen Prunk, ja, da ist sie erfroren, elendiglich erfroren. Aber
unsere Dorfkirchen. Selbst diese kahlen, getuenchten Waende atmen Poesie,
diese alten rohen Balken, von Schwalbenschmutz gefleckt und mit einem
vergessenen Spinngewebe in irgend einem Winkel.

Was ist Poesie? Sie geht nicht von den Dingen aus, sie geht von den
Menschen aus. Und welche Poesie sollte von dem staedtischen
Kirchenpublikum (ja Publikum!) ausgehen?

Aber hier, diese schlichten einfachen Ackerbuerger, diese abgerackerten
Tageloehner, Maenner und Weiber, die ihres Herzens Einfalt und Beduerfnis
hierher fuehrt, Sonntag fuer Sonntag; diese ganze Atmosphaere von Arbeit,
Genuegsamkeit, Einfalt und Himmelshoffnung, das ist es, das teilt sich
diesen schmucklosen Waenden mit und leiht ihnen einen ruehrenden Glanz.
Die Poesie kommt mit den Leuten in die Kirche, fuehlt sich wohl hier und
bleibt, auch wenn der Kuester abschliesst.

*       *       *       *       *

Auf dem Lande verstehe ich, wie man fromm sein kann, es wieder werden
kann. Auch auf dem Meere verstehe ich es. Auch im Kriege. Aber da ist
die Zeit oft zu kurz dazu.

Und auf dem Sterbebett.

*       *       *       *       *

So hoch stehen, dass man religioes wird!

Auf Erden ist keiner, vor dem man sich zu beugen noetig hat. Da beugt man
sich vor Gott. Um sein Gewissen zu beruhigen, um sich zu salvieren.

Oder Einsamkeitsgefuehl? Grauen vor der Einsamkeit?

*       *       *       *       *

Ich liebe sie doch! Jeg elsker dig!

*       *       *       *       *

Es war kuehn, ihr meine Blockhausphantasie vorzulesen. Aber sie weiss
nun, wie ich es meine. Es waere Wahnsinn, zu glauben, sie koenne sich auf
so was einlassen. Die Kuenstlernatur ist sie nicht. Zu wenig Bohemienne.
Und das gehoert dazu. Aber sie ist schon das Weib, mit dem ich es
aushalten wuerde.

*       *       *       *       *

Jetzt weiss ich, wie ich mit ihr daran bin. Es war unvorsichtig von ihr,
mir die Rosen aufs Zimmer zu stellen, am selben Tag noch. Und
unvorsichtig war es von dir, zu erroeten, als da ihr den Feldstrauss
brachtest!

Aber ich will nicht!




15.


Eines Vormittags spazierten Randers und Fides nach dem Seepavillon. Es
war ein letzter Septembertag mit Wind und Wolken. Aber die Sonne war
auch da und sie waermte noch.

Der Wind kam von der See und trieb die Wolken ins Land. Grosse Schatten
segelten ueber das Stoppelfeld. Der Roggen, der hier gestanden hatte, war
laengst im Speicher. Ein paar Kraehen huepften auf den kahlen Schollen,
flogen auf und liessen sich in Steinwurfweite wieder nieder.

Sie konnten bequem nebeneinander gehen, brauchten sich nicht auf dem
schmalen Fusssteig zu halten. Randers musste sich ein paar Mal buecken,
ihr Kleid von den Stoppeln zu befreien, bis sie es lachend aufraffte. Er
hatte seinen Rock zugeknoepft und das Sturmband unters Kinn gezogen, so
scharf wehte hier der Wind. Manchmal blieben sie stehen und drehten den
Ruecken gegen den Wind, um sich besser verstehen zu koennen.

Fides froestelte ein wenig, wie sie sagte; wenn sich die Schatten ueber
das Feld legten, war schon ein herbstlicher Ton in der Luft.

Beim Pavillon war es sehr zugig, und sie gingen hinein. Sie waren lange
nicht dort gewesen. Eine warme, etwas stickige Luft herrschte in dem
Raum, aber des Windes wegen mussten sie die Tuer schliessen. Zwei
vertrocknete Waldmeisterkraenze hingen an einem Nagel, und der welke Duft
machte die Atmosphaere noch schwerer und beklemmender. Die bunten Fenster
liessen nur ein gedaempftes Licht herein und verstaerkten das Gefuehl der
Abgeschlossenheit.

Fides hatte ein Vergnuegen daran, von Fenster zu Fenster zu gehen und die
See einmal blutrot, einmal ockergelb und einmal ganz gruen zu sehen. Sie
wollte das alles noch einmal geniessen, denn es war das letzte Mal,
dass sie es in diesem Jahre sah. Der Herbst war da und mit ihm der Umzug
in die Stadt.

Sie freue sich gar nicht so darauf wie sonst, sagte sie. So gerne waere
sie noch nie auf dem Lande gewesen, wie in diesem Sommer.

"Warum bleiben Sie nicht einmal einen Winter ueber?" meinte Randers. "Ich
denke mir das so schoen."

"Meinen Sie? Ich habe es einmal getan. Es ist gar zu einsam."

"Das ist doch schoen."

"Aber auf die Dauer? Wenn noch Besuch kaeme. Aber es ist ja gar nichts
Gescheites in der Naehe, kein Umgang, der einem zusagte."

"Sie sollten mit nach Sylt kommen."

"Ja, das waere was. Aber Papa tut's nicht."

"Auf ein paar Wochen nur."

"Kommen Sie doch mit in die Stadt," sagte sie. "Aber Sie haben ja solche
Sehnsucht nach dem Meere," setzte sie schnell hinzu. "Ich kann mir
denken, wie Sie sich wegsehnen von hier."

Er erwiderte nicht gleich etwas darauf. Allerlei Gedanken und Bilder
gingen ihm durch den Kopf. Er besuchte mit ihr die Museen, die Konzerte,
die Kirchen, sah sich von ihr in eine hoehere Geselligkeit eingefuehrt, in
die Gesellschaft; tausend verlockende Aussichten eroeffneten sich ihm,
wenn er mit ihr in die Stadt ginge. Und dass sie es wuenschte! Dass sie
es wuenschte und aussprach! Das machte ihn ganz gluecklich.

"Wie gerne wuerde ich mit in die Stadt gehen," sagte er.

"Aber?" fragte sie, da er zoegerte.

"Diese Idee kommt zu ploetzlich, so ueberraschend," sagte er langsam und
unsicher, und vermied dabei, sie anzusehen.

"Nein, es geht nicht," sagte er mit einem ploetzlichen Entschluss. "Das
ist ja alles--aber nein, es darf nicht sein!"

Und er fing an, hin und herzugehen, unruhig und nervoes, und verzweifelte
Blicke nach den Fenstern werfend, als waere es ihm zu schwuel hier.

Fides sass auf dem roten Plueschkissen, auf der einzigen langen,
lehnelosen Bank, und trommelte ganz sachte mit den Fingern auf dem
kleinen Borkentisch.

"Ich hatte mir das so schoen gedacht," sagte sie. "Aber wenn es nicht
sein kann--" Es klang weich, fast wie ein Seufzer.

Sie hatte das gedacht? Schon frueher daran gedacht? Hatte es sich
ausgemalt? Es war nicht nur ein augenblicklicher Einfall?

"Ja, aber meine liebe gnaedigste Komtesse, ich taete es so gerne, schon
allein, da Sie es wuenschen--"

"Aber ich bitte Sie, meine Wuensche! Sie sollen durchaus nicht das
geringste Opfer bringen. Sie haben sich alle diese Wochen nach Sylt
gesehnt--"

"Aber ich bitte, von Opfer kann ja gar keine Rede sein. Wenn Sie
wuessten, wie schwer--es waren so--ich werde diese Wochen nie vergessen,
die ich hier verlebte."

"Ja, es war recht huebsch. Aber es wird doch jetzt schon recht
unfreundlich hier. Ich freue mich doch auf die Stadt."

Sie sagte das in einem ganz andern Ton. Ein ploetzliches Umschlagen der
Stimmung.

"Ihr ewiges Hin- und Herlaufen macht mich ganz nervoes," sagte sie und
stand auf. "Was haben Sie fuer eine Unruhe! Sie koennen gewiss die Zeit
nicht erwarten, wo es auf und davon geht, Sie alter Meermensch."

Es sollte scherzhaft klingen, aber es war eine leise Gereiztheit im Ton.

"Sie missverstehen mich, Komtesse," sagte Randers.

"Wie so?"

Die Frage klang wirklich naiv und machte ihn einen Augenblick irre,
verwirrte ihn. Er versuchte sich mit einem Laecheln herauszuhelfen, aber
es misslang.

"Ich brauche ja das Meer, die Einsamkeit--es ist ja nur eine Flucht--vor
mir selbst--vor all diesen--diesen Unmoeglichkeiten."

Er rannte wieder auf und ab, waehrend sie angelegentlich durch das rote
Fenster auf die See sah, die Augen mit der Hand beschattend, dicht an
die Scheibe gedraengt.

Er wartete, dass sie etwas erwidern sollte.

"Aber ich habe Ihnen das ja alles schon gesagt," fuhr er fort, als sie
schwieg, und es klang fast verzweifelt.

Er sah sie an, aber sie ruehrte sich immer noch nicht.

Als sie sich jedoch nach einer peinlichen Pause umwandte, erschrak er
ueber die Blaesse ihres Gesichts und den fast harten Ausdruck der Augen.

Und ploetzlich--war es unter seinen besorgten, fragenden Blicken?--eine
    
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