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eBook Title
Der Mann im Nebel
Author Language Character Set
Gustav Falke German US-ASCII


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7.
Als die Jacht zwei Stunden spaeter gegen den Wind weit in die See
hinauslief, lag Randers am Strand und sah ihr nach.

Es war eine stramme Nordostbrise, die auf das Segel drueckte. Wie ein
Pfeil schoss das weisse Fahrzeug durch die Wellen. Es leuchtete auf dem
tiefen Blau des Wassers. Wenn Randers die Augen zusammenkniff, machte es
ihm den Eindruck eines grossen, weissen Vogels, der dicht ueber die
Wellen hin pfeilte. Die Jacht lag ganz nach rechts.

Wenn sie umschluege?

Ob sie schwimmen koennten?

Bei diesem Wellengang wuerde es ihnen nichts nuetzen und in dieser
Entfernung. Der junge Mann war sicher ein guter Schwimmer, aber es wuerde
ihm nichts nuetzen, er wuerde hinunter muessen.

"Dann kann er Fides nicht heiraten."

Randers sagte das ganz laut.

Er verfolgte jede Bewegung der Jacht.

Jetzt legten sie um.

"Brillant!" rief er und richtete sich halb auf.

Wie ein Pfeil schoss die Seeschwalbe wieder auf die Rosenhagener Ufer
zu.

Da sass er nun am Steuerruder, lachte und zeigte die grossen, weissen
Zaehne. Lachte vielleicht ueber ihn, ueber eine Bemerkung der rostigen
Schiffsglocke ueber ihn. Vielleicht sprachen sie auch ueber Fides. Sie
waren sehr vertraut mit Fides gewesen, kamen gewiss oft von Sassnitz
herueber. Uebrigens kein uebler Geschmack von dem jungen Mann.

Aber zum Teufel! Was waren das fuer Gedanken? War er denn eifersuechtig?
Wollte er, Henning Randers, denn Fides Bruckner heiraten?

Und dann, wie laecherlich! Die schoenen Zaehne und die Musterwirtschaft
machten den jungen Mann noch nicht ebenbuertig.

Komtesse Fides Bruckner und Herr Krueger, Gutsbesitzer auf Fehmarn.

Die Jacht lief jetzt wieder seewaerts. Randers kletterte die steile
Uferhoehe hinan. Er wollte dem Musterwirt nicht laenger nachgaffen.

"Morgen gehst du. Das ist ja alles Unsinn!" sagte er laut.

Er war an ein grosses Brachfeld gekommen, ging quer hinueber, kletterte
ueber ein Hecktor und verfolgte einen schmalen Fusssteig laengs einer
Weide, wo ein paar Kaetnerkuehe lagen und wiederkaeuten. Wie dumm die Tiere
glotzten.

Er stellte sich vor sie, glotzte sie wieder an und ahmte ihr Kauen nach.

Sie liessen sich nicht irre machen, kauten und bewegten die Ohren.

"Glueckliches Rind," sagte Randers laut. "Ewiger Gleichmut, satte
Zufriedenheit."

Aus dem Knick sprang ein kleiner, barfuessiger Bengel, den das laute
Sprechen anlockte.

"Sind dat din Koeh?" fragte Randers.

"Nee."

"Hoert de to 'n Haf?"

"Nee."

"Wen hoert se denn?"

"Peemoeller sin."

"Wat deihst du hier denn?"

Der Junge wandte sich verlegen ab.

"Muggst du woll gern 'n Groschen hebben?"

Das Gesicht des Kleinen strahlte, aber er schwieg.

Randers schenkte ihm ein Zehnpfennigstueck und ging weiter.

Als er auf die Landstrasse hinaus kam, zoegerte er.

Das Dach des Rixdorfer Herrenhauses leuchtete in der Abendsonne zwischen
den hohen Parkbaeumen herueber.

Er fuehlte ein Verlangen nach Fides, ein eifersuechtiges Verlangen, mit
ihr ueber die Sassnitzer zu sprechen.

Aber es gab keinen Vorwand, der einen zweiten Besuch an diesem Tage
entschuldigt haette.

Er ging in den Krug, trank einen Schnaps und setzte sich in die kleine
Laube hinter dem Hause.

Es roch hier nach dem Schweinestall, und die Huehner kamen und bettelten.

Sch, sch, jagte er sie.

Sie blieben in einiger Entfernung stehen, auf einem Bein, drehten die
Haelse und blinzelten ihn an.

Aber er hatte nichts fuer sie uebrig. Er kritzelte in sein Tagebuch.




8.


Ein paar warme, weiche Regentage kamen, und Randers war in bester Laune.
Es war, als haette ihm nur dieser Regen gefehlt.

Der Himmel war gleichmaessig bewoelkt, alles Laub feucht und glaenzend.
Bestaendig troepfelte es von den Baeumen, von den Hecken, hing in tausend
blitzenden Perlen an den Graesern, an den Aehren, die noch ungeschnitten
auf den Feldern standen, und an den Aehren, die schon in Garben
zusammengehockt waren. Und die Rosen im Park wussten nicht, wohin mit
all dem Nass, neigten sich und liessen es in grossen, schweren Tropfen
auf die schwarzen Beete fallen. Und von dem vorspringenden Dach der
Veranda troepfelte es in ungleichem Rhythmus auf die Steinstufen der
Gartentreppe, gluckste in der Regentraufe und plaetscherte aus der Traufe
in die grosse Tonne.

Randers hatte seinen Stuhl dicht an die Treppe gerueckt, sass vornueber
gebeugt, die Haende zwischen den Knieen gefaltet, und trank diese weiche
Regenmusik mit entzuecktem Ohr. Er war ganz gluecklich in einer sanften,
zufriedenen, dankbaren Stimmung.

Er war nun schon zwei Tage im Schloss. Sie hatten ihn bei diesem Wetter
durchaus nicht in seiner armseligen Behausung lassen wollen. Er hatte
endlich die Einladung wenigstens fuer einen Tag angenommen und war dann
doch fuer die Nacht geblieben. Und welch eine Nacht.

Er hatte sie halb am offenen Fenster vertraeumt, voll von den Gespraechen
des Abends, voll von den Glockenlauten ihrer Stimme und erhellt von dem
Lichte ihrer Augen.

Sie hatten ueber die Kruegers gesprochen, ueber den Segelsport, und er war
wieder in seine nautische Schwaermerei verfallen und war wieder auf seine
Kapitaensaristokratie im besonderen und auf den Adel im allgemeinen
gekommen. Er hatte eine Lanze gebrochen fuer die Geschlechter gegen die
plebejische Masse, gegen diesen Mischmasch der Allzuvielen, ohne
Tradition, ohne Erziehung, ohne Kultur. Er war heftig und ungerecht
geworden, so dass sie ihm wiedersprachen. Warum er aristokratischer als
sie selbst sein wolle?

Der Graf hatte dem Geistesadel seine Reverenz gemacht. Nur der Geldadel
kam bei ihnen allen gleich schlecht weg. Randers aber kam hartnaeckig
immer wieder auf den Geburtsadel zurueck.

"Da ist die lange Tradition, die Zucht von Geschlechtern her, da sind
die feinsten, hoechsten Kraefte der Familie, des Stammes, der Rasse bis
zur Bluete getrieben."

"Bis zur Ueberkultur!" warf der Graf ironisch ein.

Aber Randers liess sich nicht irre machen.

"Da ist Harmonie nach innen und aussen," fuhr er fort. "Die Ruhe, die
vornehme Sicherheit, die Standesbewusstsein, Machtbewusstsein und Besitz
verleihen. Mit einem Wort Kultur. Und der Adel sollte diese seine
hoechsten Gueter nicht preisgeben, seine Exklusivitaet bewahren. Da darf
sich nichts eindraengen, was nicht hineingehoert, nichts Fremdes,
Zerstoerendes, Nivellierendes."

"Sie plaidieren fuer standesgemaesse Verbindung," warf Fides etwas
spoettisch ein.

Ihr Spott kraenkte und reizte ihn.

"Ja," sagte er.

"Auch bis zur letzten Konsequenz?"

"Ja, wie so?"

"Sie wuerden selbst unter keinen Umstaenden eine Aristokratin heiraten?"

"Nein."

Randers erinnerte sich nicht genau mehr aller Worte, aber es war sehr
beredt gewesen, schroff und unerbittlich. Es war ihm jetzt ganz leicht
ums Herz. Er hatte nun einen Schutzwall aufgerichtet zwischen sich und
ihr; sie wusste jetzt, wie sie mit ihm daran war, dass er sich durchaus
nicht mit laecherlichen Absichten und ueberhebenden Hoffnungen trug. Jetzt
konnte er ihr auch ruhig sagen, dass sie Fjordaugen habe und die Stimme
einer norwegischen Hirtin.

Und er sagte es ihr, sich halb nach ihr umwendend, ganz unvermittelt.

"Ich habe alle diese Zeit darueber nachgedacht. Sie haben Fjordaugen,
Komtesse."

Fides sass mit ihrer Handarbeit neben ihm, ein wenig zurueck, um von den
Tropfen, die von dem Verandadach fielen, nicht bespritzt zu werden.

"Fjordaugen?" fragte sie und lachte. "Was ist nun das wieder?"

"Sie waren nie in Norwegen?"

"Nein."

"Dann kennen Sie auch nicht diesen wunderbaren Wasserspiegel zwischen
den Schaeren. Klar und blank, und blau, als laege der Himmel zu ihren
Fuessen, und doch von einer Tiefe, von einer dunklen, schwarzen Tiefe,
die wundersame, beaengstigende Geheimnisse zu bergen scheint. Und ueber
dieser Tiefe das goldige, gruengoldige Flimmern der Sonne, und in diesem
Spiegel die Felsen, die Waelder, die Wolken. Und mitten dazwischen ein
kleines Boot, das sich wiegt, wie zwischen zwei Himmeln. Und dann die
Stille, die grosse feierliche Stille umher. Ich kann es Ihnen nicht so
sagen, wie es ist."

"Und das alles finden Sie in meines Augen?"

Sie laechelte und sie erroetete.

"Und in Ihrer Stimme," sagte er.

"Das wird immer wunderlicher. Was Sie fuer Einfalle haben."

Randers lachte. Sein gutmuetiges, ueberlegenes Lachen.

Dann nach einer Pause:

"Ich habe einmal aehnliche Augen gesehen."

Also doch, dachte Fides.

"Die erinnerten mich an die Kirche von Drontheim."

"Also Kirchenaugen," lachte sie.

"Ja, Kirchenaugen."

Der Ausdruck gefiel ihm.

"Haben Sie die Dolgorucki gehoert?" fragte er.

"Die Dolgorucki? Die--(sie suchte nach einem Ausdruck) die Musikantin?
Nein, ich hatte nicht die Ehre."

"Warum sprechen Sie so veraechtlich von ihr?"

"Nun, ich bitte!"

Er runzelte die Stirn und sah auf seine Stiefelspitzen.

"Warum verurteilen Sie sie? Hat es nicht etwas Imponierendes, dieses
stolze Sichhinwegsetzen ueber Familie und Gesellschaft, ueber alle
Vorurteile ihres Standes und ihrer Geburt? Nur der Kunst zu Liebe. Liegt
darin nicht auch wieder etwas echt Aristokratisches?"

"Sie scheinen diesen Begriff sehr weit zu dehnen," sagte sie.

"Sie vergessen die Kuenstlerin."

"Wenn es nur das waere."

"Etwas Trotz, abenteuerlicher Sinn--"

"Also."

Eine lange Pause entstand. Er fuehlte, dass sich das alles nicht so ganz
mit seinen gestrigen Auseinandersetzungen vereinigte.

"Sie vergessen die Kuenstlerin," wiederholte er.

Sie laechelte ueber seine Hartnaeckigkeit.

"Und diese Kuenstlerin hatte die Kirchenaugen?" fragte sie.

"Ich konnte diese Augen nicht sehen, ohne an die Kirche von Drontheim zu
denken. Das heisst, nur wenn die Fuerstin spielte. Dann war ein
wunderbares, geniales Feuer in diesen Augen; sie waren ganz leuchtend
blau, und ich hatte denselben Eindruck wie bei meinem ersten Eintritt in
diese Kirche, die ganz aus blaeulichem Stein erbaut ist. Die blauen
Pfeiler, die blaue Woelbung, es ist, als ob Sie den Himmel sehen."

"Mir scheint, es steckt ein Dichter in Ihnen. Ich habe Sie in Verdacht,
Verse zu machen," sagte Fides.




9.


Es war der dritte Regentag. Aber es regnete nicht mehr so anhaltend. Nur
hin und wieder fielen kurze Regenschauer. Aber es war kuehl und windig,
und zerrissene Wolkenfetzen jagten am Himmel hin, wie Fluechtlinge eines
zersprengten Heeres.

"Was ist das Leben? All dieses Leben nach aussen hin, welche
Befriedigung gewaehrt es zuletzt?" sagte Randers. "Ist nicht alles so
verzweifelt farblos, oede, wenn wir nicht etwas Farbe hinzutun--aus
unsern innern Farbtoepfen, etwas Goldschaum dran wenden, einen bunten
Schleier darueber decken?"

Fides sass am Fluegel, die Haende in dem Schoss, mit dem Ruecken gegen das
Instrument.

"Die Philosophie eines Traeumers, die nur Traumfruechte pfluecken wird. Wie
wollen Sie sich ein Leben zimmern, ein Haus bauen? In Luftschloessern
kann man doch nicht wohnen."

"Oho, gewiss kann man das! Leben wir nicht alle in Luftschloessern? Unser
eigenstes, hoechstes und feinstes Leben--"

"Ich bin praktischer," unterbrach sie ihn lachend, "ich halte es mit
der Wirklichkeit. Ich lobe mir die Realitaeten. Wuensche und Traeume haben
wir ja alle. Aber wir suchen und wollen doch ihre Verwirklichung."

"Wenn sie sich aber nicht verwirklichen lassen?"

"Dann resigniert man eben."

"Oder begnuegt sich mit dem Traum der Erfuellung."

"Das versteh ich nicht."

"Was Sie nicht in der Wirklichkeit besitzen koennen Sie doch im Traum
besitzen, in der Einbildung."

"Um nachher doppelt enttaeuscht zu werden?"

Er zuckte die Achseln.

"Man muss Philosoph oder Dichter sein, um leben zu koennen," sagte er.

"Oder Eroberer."

Er sah sie gross an.

"Wenn einem aber hierzu die Kraft fehlt?"

"Dann muss man nicht auf Eroberungen ausgehen und sich an der
Philosophie genuegen lassen."

"Also."

Eine Pause, die sie mit ein paar Laeufen ausfuellte.

"Im Besitz liegt das Glueck doch nicht," stiess er hervor.

"Aber man will doch schliesslich besitzen."

"Glueck ist Sehnsucht, Erfuellung ist Tod."

"Ist das von Ihnen?"

"Wie so?"

"Das klingt wie aus einem Gedicht."

"Wie ist es zum Beispiel mit der Liebe?" rief er, warm geworden und auf
ihre Bemerkung nicht eingehend.

"Sie meinen, die hoert mit dem Besitz auf?" fragte sie.

"Ja."

"Sprechen Sie aus Erfahrung?"

Sie lachte ein wenig spoettisch und ueberlegen, als wuesste sie das besser.
Und er lachte auch. Was sollte er darauf antworten?

"Ausnahmen gebe ich ja zu," sagte er.

"Also doch."

"Die Liebe kennt ueberhaupt keine Regeln, sie kennt nur Ausnahmen."

"Also Streit um des Kaisers Bart."

"Sie haben recht. Spielen Sie mir lieber noch etwas Chopin. Oder den
Totentanz."

"Ihr ewiger Totentanz."

Sie praeludierte ein paar kurze Takte und spielte Webers "Aufforderung
zum Tanz".

Er schuettelte missbilligend den Kopf.

Er liebte diese Musik nicht. Er erhob sich leise und trat in die offene
Verandatuer und sah in den windbewegten Park hinaus.

Ob sie es gemerkt hatte?

Sie hielt mitten im Stueck auf.

"Es ist nichts," sagte sie. "Ich mag heute nicht spielen."




10.


Der naechste Tag war ein Sonntag.

Ob er mit in die Kirche wolle?

Ja.

Er sah, dass seine Bereitwilligkeit sie etwas in Erstaunen setzte,
obgleich sie kein Wort darueber verlor.

Sie musste ihn natuerlich fuer einen Freigeist halten, fuer einen
Religionsveraechter. Darueber musste er sie doch gelegentlich aufklaeren.
Da machte sie sich ein ganz falsches Bild von ihm. Glaubte sie, er waere
aus so grobem Stoff, wie diese "aufgeklaerten" Leute, die an dem
Einmaleins und der Entdeckung der Bazillen genug haben, und glauben, sie
haetten jetzt den lieben Gott aus der Welt hinausgerechnet und
hinausexperimentiert?

Den Weg zum Christentum freilich faende er wohl nicht wieder zurueck. Aber
das Goettliche vermochte er doch nicht zu leugnen. Was ihm, dem Doktor
Philosophiae Henning Randers, ausreichte, genuegte deshalb noch lange
nicht fuer Claus Piepenbrink. Claus musste etwas Greifbares in die Hand
bekommen, ein Seil, woran er sich laengs tasten konnte. Und dieses Seil
war die christliche Religion, dieses Seil drehte ihm die Kirche. Und nun
gar ein Weib ohne Religion! Natuerlich liebte er nicht die Betschwestern.
Aber er hasste diese "aufgeklaerten," wissenschaftlichen, bebrillten
Blaustruempfe.

Und das war seine innerste Ansicht von der Sache und seine
festgegruendete Ueberzeugung, nicht etwa eine augenblickliche,
sentimentale Wallung, veranlasst durch die Tatsache, dass Fides die
Kirche besuchte.

Er war durchaus unabhaengig von Fides, wenn er auch die Wahrheit seiner
Ansichten nie so empfunden hatte, wie jetzt, wo sie neben ihm im
Kirchenstuhl sass, mit gleichmaessiger, stiller Aufmerksamkeit der
Predigt folgte und unbekuemmert um seine Anwesenheit laut und innig die
Choraele mitsang.

Sie schob ihm dabei ihr Gesangbuch etwas zu, und er mischte schuechtern
seine harte, modulationslose Stimme in ihre tiefen Glocken. Und es war
ihm, als truege sie ihn, wie ihre Stimme seine Stimme trug. Als haette sie
ihn an der Hand gefasst, als fuehlte er eine treue, sichere Hand, die ihn
einen ruhigen, sonntaeglich schoenen Weg fuehrte, dorthin, wo Friede war
und Glueck und Wunschlosigkeit und Dankbarkeit, das kindliche Gefuehl der
Geborgenheit. Und er sang zuletzt ganz laut und tapfer die schlichten,
innigen Verse des alten Paul Fleming mit.

Lass dich nur ja nichts dauern
Mit Trauern!
Sei stille!
Wie Gott es fuegt,
So sei vergnuegt,
Mein Wille.

Was willst du heute sorgen
Auf morgen?
Der Eine
Steht allem fuer;
Der gibt auch dir
Das deine.

Sei nur in allem Handeln
Ohn Wandeln,
Steh feste!
Was Gott beschleusst,
Das ist und heisst
Das Beste.

Und als sie aufsahen und ihre Blicke sich trafen, wunderte er sich, dass
diese junge Dame neben ihm die Komtesse Fides Bruckner war. Ihm war, als
haette er sie schon jahrelang gekannt, so nah waren sie sich durch diesen
gemeinsamen Gesang gekommen. Es war ein ruhiges Gefuehl der
Zugehoerigkeit, wie zwischen Bruder und Schwester.

Dies war der schoenste Tag, der ihm seit Jahren geschenkt worden war. Er
trug nachher ihr Gesangbuch und behielt es auch waehrend der ganzen
Rueckfahrt, und er hielt es zaertlich wie einen geliebten Gegenstand.

Das war der schoenste Tag!




11.


Randers wollte abreisen und blieb, wollte wieder abreisen und blieb, bis
es ihm eines Tages schwer aufs Herz fiel: Wie wirst du dich von all
diesem trennen koennen?

Das ist es, was du dir unter einer Ehe denkst, dies harmonische
Nebeneinander, Miteinander, ohne Verpflichtungen. Aber auf die Dauer
geht so etwas nicht ohne Standesamt. Und das ist eine Unmoeglichkeit!

Es kamen Briefe aus Hamburg, die ihn neckten und welche, die ihn
beneideten. Und er antwortete mit ernsthaften und langen
Auseinandersetzungen ueber die Ehe, eine Ehe, auf die sich nur ein ganz
vorurteilsloses, aristokratisches Weib einlassen wuerde. Er glaube dieses
Weib in Fides gefunden zu haben, aber er daechte zu aristokratisch, um
ihr eine Mesalliance zuzumuten. Und so wie sich eine wirkliche Gefahr
zeige, wuerde er abreisen.

Und Gerdsen schrieb:

"Die Ehe, die Sie wollen, ist keine Ehe, liebster Doktor. Ich wuerde noch
mehr Worte darueber verlieren, wenn mir irgendwie ueber den Ausgang Ihrer
jetzigen kleinen 'Episode' bange waere. Uebrigens wissen Sie, dass ich
Ihre Aristokratismen nicht teile. Ein bisschen buergerliche Auffrischung
kann dem Adel nur gut sein. Aber ob Sie der sind, von dem eine
Auffrischung zu erwarten ist, daran darf ich wohl in aller Freundschaft
zweifeln.

"Ich wuensche Ihnen ein gesundes Verhaeltnis mit einem Bauernmaedel. Ich
wuerde Sie gerne auf lange Zeit in irgend eine laendliche, urbaeuerliche
Einsamkeit verbannen, oder meinetwegen zwischen Ihre geliebten
norwegischen Schaeren, damit die Natur Sie einmal derb beim Wickel naehme
und Ihre ganze platonische Phantasieerotik mit kraeftigem Besen
auskehrte.

"Nichts fuer ungut. Aber ich musste es mal sagen, obgleich es nichts
nuetzt. Sie muessen nun so verbraucht werden."

"Sie haben recht," schrieb Randers zurueck, "Es ist alles Unsinn! Ich
werde ueberhaupt nicht heiraten."




12.


"Was haben Sie denn da?" fragte Fides, als Randers mit einigen
beschriebenen Blaettern in der Hand eintrat, froh, Fides allein zu
finden.

"Sie haben mich neulich mit meinem Blockhaus ausgelacht," sagte er.
"Hier ist es."

"Das da?"

"Ja, ich habe es heute Nacht aufgezimmert, und ich bin neugierig, wie es
Ihnen gefallen wird."

"Da bin ich doch auch neugierig."

"Ich finde es uebrigens gar nicht huebsch von Ihnen," setzte sie scherzend
hinzu, "dass Sie immer noch an Ihrem Blockhaus festhalten. Es gefaellt
Ihnen hier bei uns also nicht so gut, dass Sie es vergessen koennten."

"Oh," sagte er betroffen. "Doch! ich bitte! Es ist so schoen bei Ihnen.
Und dann ist es ja nur eine Idee, eine fixe Idee. Es wird ja nie etwas
daraus werden."

"Ich goennte es Ihnen schon, damit Sie gruendlich von Ihrer Romantik
geheilt wuerden."

Er lachte.

Und dann bat er sie, in sein Blockhaus einzutreten, und sie legte sich
mit einem gespannten Ausdruck, halb neugierig, halb belustigt, in ihren
Stuhl zurueck und hoerte ihm zu.

"Ein Blockhaus, halb vergraben unter den Sandwehen des Novembersturmes,
in dem wilden Lister Duenengebirge."

Der Grossstadt entronnen, fallen mit mir drei phantastisch wilde
Gesellen in die hellerleuchtete Huette ein, und wir richten uns bei
ueberfliessendem Nord-Nordgrog in der Winterwildnis ein.

Und ich bin der Herr im Hause!

Und schliesslich werfe ich sie alle hinaus. Denn ich erwarte andern
Besuch. Eine Kuenstlerin, nicht dem Beruf nach, sondern in ihrer
eigensten, inneren Natur.

Der aeusseren Konvenienz fragt sie nicht nach; aber die trennende
Schranke schafft sie sich durch die eigenstolze Natur.

Der Bechsteinsche Fluegel steht schon bereit; unsere drei Zimmer sind mit
dichten Damastdecken ausgelegt; kein Schritt ist auf den dunklen
Teppichen hoerbar. Mattes Ampellicht. Ich habe einen Samowar besorgt; die
Behaglichkeit des dampfenden Kessels soll uns nicht fehlen.

Was werden wir lesen? Ich habe Turgenjeff verschrieben: sie erinnert in
ihrer stolzen Selbstherrlichkeit an russische Frauengestalten! Und dann
spielen und singen wir! Keine Miniaturlieder. Sentimentalitaeten sind
verbannt! Franz Schubert, einiges wenige von Schumann, die Norweger,
Grieg vor allem, und dann Loewes unvergleichliche Balladen "Herr Olaf"
und "Edward". Wie das wohl ueber die Heide klingen wird:
    
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