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eBook Title
Der Mann im Nebel
Author Language Character Set
Gustav Falke German US-ASCII


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Aufwartung zu machen. Und obendrein bist du dem Grafen schon mal
vorgestellt. Man wird dich fuer einen Flegel halten.

Er schob aber den Besuch trotzdem noch etwas auf, von einem Tag zum
andern. Aber eines Vormittags zog er seine Handschuhe an, graue
Zwirnhandschuhe; der eine hatte eine geplatzte Daumennaht, und er nahm
ihn deshalb in die Hand.

Sein wichtiges Vorhaben praegte sich in seiner ganzen Haltung aus. Die
Frauen in den Katentueren sahen ihm laenger nach als sonst, die Kinder
hoerten auf zu spielen, und die Hunde liefen nur ein paar Schritte hinter
ihm her und blafften. Er hatte heute keine Zeit fuer sie.

Nachmittags sah man ihn mit dem Grafen durchs Dorf gehen, im eifrigen
Gespraech, mit einer haeufigen ehrfurchtsvollen Halbwendung nach seinem
Begleiter. Und er sprach sehr laut und etwas durch die Nase.

Die Leute auf den Feldern sahen sie und die Melkmaedchen auf der Koppel.

Abends im Krug wollte die Unterhaltung nicht so recht in Gang kommen.
Sie sprachen nicht so laut wie sonst, und Randers hatte das Gefuehl, als
ob er sie geniere.




2.


Randers an Gerdsen.

Dank fuer Ihre lustige Postkarte. Aber bitte, bis auf weiteres nichts
mehr auf Karte. Wie Sie sehen, bin ich nicht mehr im Schulhaus zu
Grashof. Wie ich hierherkam? Durch Zufall und Frechheit! Naechstens
davon.

Feudales Weib! Hocharistokratisch, Daenenblut! Die ganze Familie
_hocharistokratisch_, immens reich.

Bruckner-Rixdorf, Seitenlinie in Daenemark verzweigt.

Es ist nichts mit den Direktricen. Ueberhaupt alle anderen
Weiber--Imitation! Rasse, Vornehmheit, das ist es. Edelzucht, von
Geschlechtern her.

Augen wie ein Maerchen. Nordseeaugen! Das macht das Daenische.

Herrgott, was fuer ein betrunkener Brief!

Naechstens mehr von Ihrem

R.




3.


Gerd Gerdsen an Randers.

Liebster Doktor!

Hat Ihr Daemon Sie endlich in die Arme einer Aristokratin gefuehrt? Der
Mensch entgeht seinem Schicksal nicht, und Sie sind auf den Adel
zugeschnitten. Vielleicht auch auf den russischen Staatsrat. Alle Ihre
Talente weisen auf den Baron hin, den Lebemann--im feinsten Sinne.

Sie fuehren doch Tagebuch in Rixdorf? Ich brauche Dokumente. Der Roman
des Herrn Dr. phil. Henning Randers wird geschrieben, ein Spiegel fuer
ihn, ein Kuriositaetenkabinett fuer den Leser und eine Kurzweil fuer seinen
Verfasser. Aber Dokumente, Dokumente! Meine Imagination, meine
Psychologie allein reicht Ihnen gegenueber nicht aus, Sie muessen mir
helfen, Sie zu greifen. Sie lasen mir mal Verse vor. Haben Sie noch
davon? Haben Sie sonst etwas Schriftliches? Confessions?

Uebrigens, was den russischen Staatsrat anbelangt, erinnern Sie sich noch
unseres Gespraechs vor Ihrer Abreise? Sie wollten einen Artikel ueber
Alexander den Dritten schreiben und sahen in der Ferne einen Orden. Es
war ein klein wenig Ernst bei dem Scherz. Sie hatten Sympathieen fuer den
ungluecklichen Autokraten, und nicht nur fuer den Gemahl der daenischen
Dagmar. Wie eintraechtig stand auf Ihrem Schreibtisch die Photographie
der kaiserlichen Familie, Alexander an seinem Arbeitstisch, im
Vordergrund die Kaiserin und ihre Schwester, wie eintraechtig stand
dieses Bild neben dem Portraet der--Dolgorucki!

Sie _muessen_ einen Tropfen Daenenblut in Ihren Adern beherbergen und auch
einmal etwas mit der Zunge eines Ihrer Urahnen sich an Talglichtern
delektiert haben. Daenischen Frauenzimmern und russischer Musik gegenueber
sind Sie Wachs. Und was das Russische anbelangt, Ihre Instinkte gehen
auf die Knute. Das heisst, Sie wuerden vor der Anwendung zurueckschrecken,
aber im Prinzip haben Sie nichts dagegen. So ein herzlicher
Patriarchismus mit dem Recht der Knute, da wo es noetig waere, und
sonntags abwechselnd Gottesdienst und--nihilistische Vorlesungen.

Lachen Sie? Ich auch! Aber zu einem solchen Bilde kommt man, wenn man
versucht, sich eines von Ihnen zu machen. Es sind so viele Faeden, die
ich alle einzeln in der Hand habe. Aber es wird kein rechtes Gewebe
daraus.

Also Dokumente, Dokumente! Sonst werden Sie am Ende in meinem Roman zu
einem Kirgisen oder Tataren.

Mit der Liebe, die der Gelehrte fuer den Schmetterling hat, den er fuer
seine Sammlung aufspiesst, bin ich

Ihr getreuer

Gerd Gerdsen.




4.


Fides sass vor einem Stickrahmen in der offenen Verandatuer. Draussen
band der Gaertner einen Zweig praechtiger Marechal Niel, der sich unter
der Last der Blueten tief herabbeugte, an den Stock. Ein paar Tauben
liefen auf dem weissen Kiesplatz vor der dreistufigen Steintreppe, die
in den Garten hinabfuehrte, jagten sich, scharrten und warfen sich in die
Brust und gurrten.

Alles lag in warmer, heller Sonne. Breit flutete ein Streifen goldenen
Lichtes durch die offene, weinumrankte Veranda ins Zimmer hinein,
machte die Silberschnallen auf Fides kleinen Bronzeschuhen blitzen und
funkeln, die Ringe an ihrer schlanken, etwas grossen Hand, und den
Silberpfeil, der den schweren Knoten des vollen blonden Haares hielt.
Auch dieses weiche seidenweiche Blondhaar leuchtete, und die kleinen
Ringel- und Kraeuselloeckchen ueber der Stirne sahen ganz goldig aus. Und
die bunte Seide in ihrem Koerbchen, die fast vollendete Stickerei im
Rahmen, leuchteten und schillerten in tausend Nuancen.

Der suesse Duft der Rosen drang durch die offene Tuer und erfuellte den
ganzen Raum, bis zu Randers, der am Fluegel sass und phantasierte.

Ganz in sich zusammengesunken, das Kinn auf die Brust gesenkt, mit
starrem Blick auf die Tasten, als wollte er sie auch mit den Blicken
baendigen, sass er da; die Haende waren in rastloser Bewegung, eine
eigenartige, steigende Bewegung, storchartig.

Schon eine halbe Stunde sass er am Instrument. Monotone, chaotische
Phantasieen wie das endlose Auf- und Abwogen einer kochenden, gluehenden
Fluessigkeit. Eine dumpfe, verhaltene Leidenschaftlichkeit, die sich in
wirren Selbstgespraechen verzehrte.

Fides wagte nicht, ihn zu unterbrechen, Sie konnte diesem Spiel nicht
mehr folgen. Ihre Aufmerksamkeit war in ein verwundertes Staunen
uebergegangen, dann hatte sie leise gelaechelt. Ihr verwoehntes, geschultes
Ohr konnte wohl eine Zeitlang an diesem Sturm und Drang einer
naturalistischen Musikbegabung ein erstauntes Gefallen finden, dann aber
ermuedete sie. Die Formlosigkeit dieser wild durch einandertaumelnden,
schluepfenden und kriechenden Tonfiguren, und das gleichmaessige Forte
heftiger, boeser Akkorde, die grollten und schalten und um sich bissen,
tat ihr weh. Aber sie mochte ihn nicht stoeren, ihn nicht kraenken. Es war
das erste Mal, dass er sich unaufgefordert an den Fluegel gesetzt hatte
und seine Versicherung, er koenne nicht spielen, Luegen strafte. Er hatte
sich bisher immer nur begnuegt, ihr zuzuhoeren, im Schaukelstuhl liegend,
die Beine lang von sich gestreckt, und mit geschlossenen Augen sich
gegen die Aussenwelt absperrend.

Fides stand jetzt leise auf, stellte den Stickrahmen beiseite und trat
in die Veranda hinaus. Sofort hoerte er auf. Er hatte ihren Schatten
durchs Zimmer gleiten sehen. Er fuehlte es, dass sie ging, fuehlte es
koerperlich.

Fides wollte die Stufen in den Garten hinuntergehen, als sie ihn hinter
sich hoerte. Sie wandte sich um, mit laechelndem, fragenden Blick.

"Sie spotten," sagte er, "ich habe Sie gequaelt mit meinem Unsinn."

"Sie spielen also doch," sagte sie ausweichend. Er lachte gutmuetig,
etwas verlegen.

"Nicht der Rede wert, gnaedigste Komtesse. Was haben Sie nur von mir
gedacht. Aber ich finde nie ein Ende, verliere mich so leicht."

"In alle Tiefen," scherzte sie.

Sie gingen in den Garten hinab. Sie standen vor den Rosen, und Fides bog
einen vollen Zweig zu sich herab und sog den suessen Duft ein. Die Zweige
schmiegten sich ihr an Stirn und Wangen, legten sich mit ueppigen gelben
Kelchen und zarten schimmernden Knospen auf das helle Gold ihres blonden
Scheitels, das in der Sonne einen roetlichen Glanz annahm und ihn an das
Familienportraet im Speisesaal erinnerte. Dasselbe rote Goldblond,
derselbe weisse durchsichtige Teint, der doch nichts Krankhaftes hatte.
Nur ernster, stolzer war das Gesicht der Mutter; etwas nordisch Strenges
war in den Zuegen der daenischen Baronin, die dem Grafen eine Tochter
schenkte und starb.

In dieser schlanken Maedchengestalt vor ihm war das Strenge und Stolze
durch die Anmut der Jugend gemildert. Wie entzueckend sah sie in dem
leichten, hellblauen Kleid aus. Der Aermel war leicht zurueckgefallen, als
sie die Hand nach den Rosen ausstreckte, und der weisse Sammet ihres bei
aller Fuelle doch schlanken Armes leuchtete mit warmem, matten Glanz.

Fides bat ihn, ihren Gartenhut zu holen. Ob sie nicht einen Spaziergang
machen wollten.

Er ging, den Hut zu holen, der auf dem Esstisch lag. Er zoegerte drinnen
einen Augenblick und verschlang vom Fenster aus ihre Gestalt mit den
Blicken.

In der Veranda fand er seine Muetze, eine schon etwas mitgenommene, einst
weisse Strandmuetze. Er befestigte das schmale lederne Sturmband unterm
Kinn, obgleich das schoenste Wetter war und nur ein ganz schwaches
Lueftchen wehte.

"Warum tragen Sie eigentlich immer dieses Sturmband?" fragte sie. "Ich
finde es haesslich."

"O," sagte er leicht erroetend. "Moegen Sie es nicht? Ich finde, es sieht
so--maennlich aus."

Er fand nicht gleich einen andern Ausdruck.

Sie lachte.

"Was ist denn da maennliches dabei?"

"Das hat mir als Kind schon immer so imponiert," erklaerte er. "Bei den
Kapitaenen und nachher bei den Militaers. Ich denke dabei immer an einen
Mann im Sturm. Es ist gleichsam, als saesse nun mit der Muetze auch der
Kopf fester. So, nun kommt her, ich biete euch die Stirn!"

Sie lachte wieder.

"Fuerchten Sie, so leicht den Kopf zu verlieren?" "Aber im Sturm."

"Aber es weht ja gar nicht."

"Das macht ja nichts."

"Aber es sieht so komisch aus, jetzt bei Sonnenschein und ruhigem
Wetter. Und ich mag nichts am Manne, was nach Affektation aussieht."

"So duerfen Sie es nicht nennen," verteidigte er sich, obgleich er sich
getroffen fuehlte.

Es war wirklich ein wenig der Wunsch gewesen, ihr zu imponieren, der ihm
das Band unters Kinn gezogen hatte.

"Sehen Sie, es steckt ein Seemann in mir, und der macht sich in so
kleinen Aeusserlichkeiten Luft. Der unterdrueckte Seemann in mir."

Sie sah ihn von der Seite an. Er hatte wirklich nichts Seemaennisches,
wie er so neben ihr herstieg; diese eckige, hagere, hohe Figur, und das
Pincenez!

Aber er erzaehlte ihr, dass es sein groesster Wunsch gewesen waere, zur See
zu gehen, Kapitaen zu werden, aber dass ihn die Umstaende, vor allem seine
Kurzsichtigkeit, auf eine andere Bahn gedraengt haetten.

"Ein bebrillter Seemann, wie laecherlich!" rief er aus.

Aber dann entwarf er ein glaenzendes Bild von dem Leben eines Seemannes,
von seiner Freiheit, seinem Mut, seinem Heldentum, und er berauschte
sich an seinen grossen Worten.

"Sie, als Aristokratin, muessen mir das nachempfinden koennen, Komtesse,"
eiferte er. "Gibt es einen aristokratischeren Beruf als den des
Kapitaens."

Ihre Augen leuchteten ihn an. War das in ihm? Er hatte bisher keinen
heldenhaften Eindruck auf sie gemacht. Jetzt sprach er wie ein alter
Wikinger von Sturm und Kampf, und sie hoerte aus dem Klang seiner Stimme
den Ton echter Leidenschaft und Sehnsucht.

Er hatte das Sturmband nicht geloest. Sie freute sich darueber. Er war
wenigstens nicht eitel. Und er hatte Charakter, liess sich seine kleinen
Eigenheiten und Liebhabereien nicht einfach von einer absprechenden
Kritik wegblasen.

Und wie er so neben ihr ging, das scharfe Profil mit der etwas langen,
geraden Nase und dem runden festen Kinn halb von dem Muetzenschirm
beschattet, die breiten knochigen Schultern etwas hinaufgezogen, als
stemmten sie sich gegen eine unsichtbare Last, fand sie auf einmal, dass
er doch maennlicher aussehe, als wie er ihr bisher vorgekommen war. Sie
konnte sich ihn trotz der Brille recht gut auf der Kommandobruecke
denken, den Suedwester auf, oder die goldbordierte Muetze des Kommandeurs,
natuerlich mit dem Sturmband unterm Kinn.

Aber was daran so aristokratisch waere, fragte sie.

"Vor allem die Exklusivitaet seiner Stellung, seine absolute
Souveraenitaet. Er ist Herr ueber Leben und Tod. Alle Verantwortung traegt
er allein. Welch ein Gefuehl fuer einen Mann! Welch ein Kraft- und
Machtbewusstsein, welch ein Lebensbewusstsein! Und nehmen Sie dazu das
Meer. Im Sturm! Der Kampf der Elemente! Er zittert nicht, er beherrscht
das Meer, er fuerchtet es nicht. Und wenn er unterliegt in diesem Kampf,
wie weiss er zu sterben. Ein Held. Bis zum letzten Atemzug auf seinem
Posten. Sehen Sie, das ist der Mann in seiner ganzen Maennlichkeit, in
seiner Groesse, der heldische Mann, die aristokratische Natur!"

Sie laechelte ueber seinen Eifer, aber sie hoerte ihm aufmerksam zu und
streifte ihn wieder mit einem bewundernden Blick.

Aber er hatte ihr Laecheln bemerkt und lachte nun auch, lachte laut und
gutmuetig.

Da war er mal wieder in Feuer gekommen! Aber er hatte doch recht, und er
wollte es von ihr bestaetigt haben. Und sie sagte: "Ja, ja. Sie wissen
das so wunderhuebsch zu sagen. Man wird ganz warm dabei. Es ist wie ein
Gedicht. Es ist wirklich schade, dass Sie kein Seemann geworden sind."

Sie hatten den Park verlassen und gingen auf dem schmalen Fusssteig
durchs Roggenfeld. Die See wurde sichtbar. Ein Segel schien an dem
Horizont festgeklebt. Die See glitzerte und flimmerte, das Segel
leuchtete. Ein Paar Moewen kreisten bis uebers Feld.

Randers, der jetzt hinter Fides ging, rupfte eine Aehre nach der andern
und zerpflueckte sie.

Und dann fing er wieder von der See an, von der Nordsee.

"Was meinen Sie zu einem Blockhaus an der See, in den Duenen, oder oben
in den norwegischen Schaeren?"

"Was Sie fuer Einfaelle haben. Warum gerade ein Blockhaus?"

"Weil es sich der Natur anschmiegen muss. Einsam, versteckt, grau in
grauer Wildnis. Aber innen muss es natuerlich behaglich sein."

"Kienruss und Tran, und gedoerrte Fische an den Waenden," spottete sie.

Er lachte.

"Warum nicht auch so? Aber ich dachte es mir doch anders. Comfortable.
Mit Teppichen. Und ein Bechstein darf nicht fehlen. Und Sie spielen
Chopin."

"Ich?"

"Ja, waere das nicht schoen? So ganz weltfern, nur die Einsamkeit, die
Natur. Musik, Buecher--"

"Sie sind ja der reinste Romantiker," unterbrach sie ihn.

"Aber denken Sie sich mal da hinein. Diese wundersamen Spaziergaenge in
den Duenen, am Abendstrand."

"Und wenn wir heimkommen, schaelen wir gemeinschaftlich Kartoffel, roesten
einen Seehund am Spiess und kochen Tee."

"Sie spotten wieder."

Er war wirklich etwas gereizt.

Sie lachte hell heraus.

"Das empfinden Sie nun als Spott, wenn ich praktisch an das Noetigste
denke. Sie waeren imstande, ein Haus ohne Speisekammer zu bauen."

"Die soll ja auch da sein."

"Dann hoert sich's schon anders an. Also nicht nur Musik und Sentiments.
Ja, ich will es mir doch ueberlegen. Es waere mal etwas anderes. Am Ende
faenden sich noch welche, die sich anschloessen."

"Um Gottes Willen! Keinen dritten! Das ist ja gerade die Hauptsache, nur
zu zweien."

"Nur wir beide?"

Er sagte nicht ja. Er lachte nur. Welcher Einfall, ihr das alles zu
sagen. Und empfindlich zu sein, dass sie es nicht ernst nahm!




5.


Randers ueberlegte, ob es nicht besser waere, er reiste ab. Wollte er
warten, bis er sich wirklich in sie verliebt hatte? Heiraten konnte er
sie doch nicht.

Er wuerde sie auch nicht heiraten, selbst wenn er sicher waere, keinen
Korb zu bekommen. Er hatte seinen Stolz, und er hatte seine ganz
besonderen Ansichten ueber Mesalliancen. Er hatte Grundsaetze, die eine
Ehe mit ihr ausschlossen.

Also nur ihr nachlaufen, wie ein verliebter Gymnasiast? Er dankte.

Vorlaeufig war das ja auch noch keine Liebe, nur aesthetisches Gefallen,
Hochachtung und alles andere. Aber die Gefahr hatte um die Ecke gesehen.

Gestern, zwischen den Aehren, als sie vor ihm herging, ganz in Sonne
getaucht, von Zeit zu Zeit den Kopf nach ihm wendend, dass er den
warmen, leuchtenden Sammet ihrer weichen Wangen sah, die grazioese
Biegung des Halses--er hatte eine Aehre nach der andern gerupft und die
Koerner durch die Finger gleiten lassen, um die Regung zu unterdruecken.

Ja, er wollte weg. Die ganze Geschichte hatte keinen Zweck.

Aber in ein paar Tagen sollte die Jagd eroeffnet werden, der Graf hatte
ihn dazu eingeladen, und er hatte sich so darauf gefreut.

"Kindisch," wie er zu Fides gesagt hatte. Wenn er nun so ploetzlich
abreiste, welchen Grund sollte er angeben? Nun, hundert Gruende. Da gab
es allerlei, was ihn abrufen konnte. Aber vielleicht sah es doch nach
Flucht aus, oder nach Gleichgueltigkeit. Also noch ein paar Tage, ein
paar Jagdtage. Dann aber weg von hier!

Er hatte nun doch ernstlich Sehnsucht nach der Nordsee. Dies alles lag
ja so gar nicht in seinem Plan. Ein paar Wochen hatte er schon in
Grashof verloren.

Und schliesslich musste sie doch denken, es sei nur ihretwegen. Denn war
es nicht Wahnsinn, sich ohne vernuenftigen Grund in diesen Krug
einzupferchen?




6.


Im Schloss war Besuch angekommen. Randers hoerte es unterwegs von den
Leuten auf dem Felde. Besuch in einem Segelboot.

Ob er hinginge? Er war doch neugierig. Besuch, der in einem Segelboot
kam. Das war doch interessant. Er interessierte sich so fuer das Segeln.
Und wer mag das sein, der hier ein Segelboot hat.

Er traf nur Fides im Salon und eine fremde Dame, eine kleine, lebhafte,
unscheinbare Person mit vollen Formen, ganz huebschen, braunen Augen und
einem etwas groben und lebhaften Teint.

"Sieht die gesund aus," dachte er.

"Fraeulein Krueger," stellte Fides vor.

Also nichts Adeliges.

Eine leise Enttaeuschung.

Das Fraeulein sah ihn mit unverhohlener Neugier an. Er las deutlich aus
ihren Blicken: "Also das ist er?"

"Ich habe Fraeulein Krueger von Ihnen erzaehlt," sagte Fides gleich.

Randers verbeugte sich.

"Sie halten sich zu Ihrer Gesundheit hier auf, Herr Doktor?" fragte das
Fraeulein.

"Das nicht gerade."

"Ich meinte das."

Sie sah Fides fragend an.

"Allerdings," sagte er schnell. Wenn Fides so gesagt hatte, wollte er
nicht anders sagen. "Ich reise ueberhaupt zu meiner Erholung oder
Zerstreuung, was ja oft dasselbe ist."

"Der Herr Doktor schwaermt fuer die See," sagte Fides.

"Die haben Sie ja erster Hand hier," meinte das Fraeulein.

Wie gewoehnlich sie sich ausdrueckt, dachte Randers. Und ihre Stimme
klingt wie eine verrostete Schiffsglocke.

"Sie sind mit dem Segelboot gekommen, gnaediges Fraeulein?"

"Ja, haben Sie es gesehen?"

"Ich hoerte es von den Leuten. Mit Ihrem Herrn Gemahl?"

"Mein Bruder."

Beide Damen unterdrueckten muehsam ein Laecheln. Er nannte sie Fraeulein
und fragte nach ihrem Herrn Gemahl.

"Ach so! Pardon," entschuldigte er sich und wurde ueber und ueber rot.

"Der Herr Doktor ist ein grosser Seemann," sagte Fides. "Es ist ein
Kapitaen an ihm verloren gegangen."

War das Spott?

Er laechelte etwas gezwungen.

"Da werden Sie sich gewiss unsre Jacht ansehen; sie ist ganz neu, ein
ausgezeichnetes Seeboot," sagte die Schiffsglocke.

"Wenn Sie erlauben, es wuerde mich sehr interessieren."

"Vielleicht machen Sie mal eine Fahrt mit Herrn Krueger?" fragte Fides.
"Er wuerde sich gewiss freuen, er ist so stolz auf seine Jacht und hoert
sie gerne loben."

"Ja, das ist seine schwache Seite," bekraeftigte das Fraeulein.

"Ich wollte eigentlich morgen abreisen," sagte Randers. Er war durchaus
noch nicht entschlossen, aber es kam ploetzlich ueber ihn, er musste es
sagen, er wollte sehen, wie sie es aufnaehme. "So ploetzlich?" rief Fides.
Sie schien ernstlich ueberrascht.

"Aber warum so schnell? Gefaellt es Ihnen nicht mehr bei uns? Ich meinte,
Sie wollten die Jagd mitmachen?"

"Ja so, daran dachte ich nicht," sagte er.

"Sehen Sie," rief sie triumphierend.

Es lag ihr also an seinem Bleiben. Und sie machte daraus kein Hehl,
selbst in der Gegenwart der Fremden.

"Papa hat uebrigens Ihr Wort," sagte Fides.

"Dann freilich."

Nachher besahen sie alle zusammen die Jacht. Randers bewunderte den
jungen Gutsbesitzer, einen grossen schoenen Mann, schlank, muskuloes, mit
gutmuetigem, wettergebraeunten Gesicht. Er sah ganz aus wie ein Seemann.
Ein buschiger, dunkelblonder Schnurrbart verdeckte etwas das einzig
Unschoene in diesem Gesicht, den grossen Mund. Der junge Mann lachte oft
und laut, wie seine Schwester, und dann zeigte er zwei praechtige Reihen
weisser, fester Zaehne.

Der kann ein Segeltau durchbeissen, dachte Randers. Jedesmal, wenn der
junge Mann lachte, kam ihm die Vorstellung:

"Er kann ein Segeltau durchbeissen."

"Was meinen Sie?" fragte Fides.

Randers erschrak und wurde rot.

Hatte er es denn laut gesagt?

"Ich meine, ob man wohl ein Segeltau durchbeissen kann."

Sie sah ihn erstaunt an, lachte kurz auf und sagte:

"Was Sie fuer sonderbare Einfaelle haben."

Die Jacht war wirklich sehr huebsch. Sie war ganz weiss angestrichen,
hatte eine kleine Kajuete an Bord, trug am Mast einen langen, rotseidenen
Wimpel. Am Spiegel stand mit goldenen Buchstaben: Seeschwalbe.

"Ein huebscher Name," sagte Randers.

"Es ist das schnellste Boot hier herum," erklaerte Herr Krueger. "Es laeuft
seine zwoelf bis dreizehn Meilen in der Stunde."

Er sprach hauptsaechlich zu Randers und schien ihn fuer einen grossen
Kenner zu halten. Randers musste sehr vorsichtig sein, wenn er sich
nicht blossstellen wollte.

Einmal wollte er sagen: "Ich verstehe so viel nicht davon." Und er haette
es auch gesagt, wenn Fides nicht dabei gewesen. Aber jetzt sagte er es
nicht, sondern nickte nur immer mit dem Kopf, wenn der andre wieder
einen technischen Ausdruck gebrauchte, den er nicht verstand.

Sie hatten beide gleiche Muetzen auf, weisse Schirmmuetzen, und sie hatten
beide das Sturmband unterm Kinn.

Ob Fides darauf achtete?

Der Graf fragte Randers, was er in den letzten beiden Tagen getrieben
haette, er haette sich ja gar nicht sehen lassen. Ja, was hatte er
getrieben? Er hatte einige Stunden am Strand gelegen und auf die See
hinausgetraeumt, und war ein paar Stunden spazieren gelaufen.

"Bis nach Grossenbrode."

"Da haetten Sie ja gleich zu uns herueber kommen koennen," meinte Fraeulein
Krueger. "Waren Sie schon auf Fehmarn?"

"Nein."

"Aber kommen Sie doch mal," lud der junge Mann ein. "Ich bringe Sie mit
dem Boot zurueck. Ich hole Sie auch ab."

"Sie sollten das tun," redete der Graf zu. "Sie lernen zugleich im
Sassnitzer Gut eine Musterwirtschaft kennen."

Herr Krueger lachte gutmuetig, halb geschmeichelt, halb bescheiden
abweisend.

"Lassen Sie gut sein, lieber Krueger. Alles was recht ist. Durchaus
musterhaft," sagte der Graf.

Also ein Mustermensch, dachte Randers, und ein huebscher Kerl. Was hat
er fuer Zaehne! Und obendrein hat er eine Jacht!

Randers bekam mit einmal Lust, ihm ein Schiffstau zwischen die Zaehne zu
schieben. Was er wohl fuer ein Gesicht machen wuerde?

Randers musste lachen.

Der Einfall war zu albern, aber er konnte ihn nicht wieder los werden.
Er musste immer an das Gesicht des jungen Mannes denken, wenn er ihm ein
Schiffstau zwischen die Zaehne schieben wuerde. Er durfte ihn zuletzt gar
nicht mehr ansehen.

Als die Gesellschaft sich wieder ins Schloss begab, empfahl Randers
sich. Die Geschwister lachten ihm zu viel. Und er mochte keine
Mustermenschen leiden.

Niemand bat ihn zu bleiben, auch Fides nicht. Er war also ueberfluessig.
Mochten sie unter sich bleiben!
    
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