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Sie war eine vornehme Natur und ein Labsal nach all diesen Paulas und
Ellas und Friedas, bei denen ich meine Gefuehle fuer das Weib "an den Mann
zu bringen" suchte.
Sie hatte sogar Maessigkeitseinfluss auf mich. Es war meine
Temperenzlerperiode. Aber da ich sie nicht heiraten konnte, verlangte
sie zuletzt Schluss. Entweder, oder! Und ich konnte sie nicht heiraten.
Es waere ein Hungerleben geworden. Eine der Ehen, die nichts sind, als
ein langsameres oder schnelleres, aber immer sicheres und qualvolles
Hinsiechen der Liebe.
Sie sah das ein. Ohne Vorwurf, ohne Klage reiste sie ab. Ein Charakter,
eine vornehme Seele. Eine Aristokratin!
Dieses Denkmal hast du verdient, Berta!
* * * * *
Wie wohl fuehl ich mich allmaehlich in diesen einfachen Verhaeltnissen
hier, und taeglich wird mir klar, was mir in der Stadt wie ein Strick um
den Hals lag und schnuerte und schnuerte. Es ist die ganze widerliche Luege
jenes Lebens und Treibens.
Hier ist alles auf Wahrheit gegruendet, auf Natur. Nichts ohne Zweck, und
der Zweck ehrwuerdig, weil notwendig und natuerlich. Hier hat jeder noch
ein Verhaeltnis zu seiner Arbeit, ist mit ihr verwachsen. Was hat der
Kaufmann, der Kraemer, fuer ein Verhaeltnis zu seiner Ware? Sie ist ihm nur
Mittel Geld zu machen; bringt ihm die schlechte mehr ein, ist sie ihm
lieber als die gute.
Und diese ganze Vermittlergesellschaft, die ihr Brot durch Laufen und
Schwatzen verdient. Diese ganze, hohle, windige Gesellschaft. Wie lob
ich mir den Handwerker, der mit seiner Arbeit, seinem Topf, seinem
Schmiedewerk, seinem Stuhl, ein Stueck seines Ichs hingibt, des
erhaltenen Lohnes wuerdig! Da haengt Schweiss daran, Liebe, Freude, Ehre.
Und hier der Bauer! Welche Tuechtigkeit, welche Natuerlichkeit, welche
innere urheilige Notwendigkeit in all seinem Tun. Der Adel der Arbeit!
Und dann sind hier keine Juden.
Juden und Sozialdemokraten, die haben jetzt das grosse Wort.
Scheidewasser! Zersetzende Elemente. Ohne Produktivitaet. Waere Gott ein
Jude, waere die Welt nicht. Ein Jude kann kein Gott sein. Der Jude hat
Witz, ein Gott nie. Ein witziger Gott! Ein goettlicher Witz! Widerspruch
in sich.
* * * * *
Ihr verdreht dem Volk nur die Koepfe. Bildung in die Menge bringen! Eure
Art "Bildung". Die Menge kann immer nur halbgebildet sein, und
Halbbildung ist gar keine Bildung, ist schlimmer als Unbildung. Die
Halbbildung glaubt alles zu verstehen, ist duenkelhaft. Und sind wir
nicht ganz zerfressen von dieser "Bildung". Ueberall, in Literatur Kunst,
Gesellschaft? Jeder schwaetzt ueber jedes! Wo ist Ehrfurcht, Schweigen,
Bewunderung, Freude?
Alles, das Hoechste und Groesste wird auf das Allerweltsniveau von Mueller
und Schultze herabgeschwaetzt, und der Ladenjuengling spricht von Darwin
und Ibsen mit derselben Zungengelaeufigkeit wie von der neuesten Mode und
dem grossen Preis von Hamburg.
Wie kocht es in mir, hoer ich so ein Daemchen ueber die neueste Richtung
raesonieren, oder so einen Kraemerkommis ueber die moderne Malerei. Rede
einmal so dumm weg ueber ihre Ware, ihre Stiefel, ihre Seidenstruempfe,
gleich verklagen sie dich beim Staatsanwalt, dass du sie diskreditierst,
ihr Geschaeftchen schaedigst. Aber die Kunst, die Literatur, die sind
vogelfrei, da kann jeder Hans Narr seinen Mist darauf werfen, dem
Dichter, dem Maler, dem Musiker seinen guten Namen nehmen, seinen Ruf,
sein Brot.
Und sie wagen sich an alles, diese "Gebildeten!"
Es gibt ueberhaupt gar keine Bildung mehr. Es gibt nur Vielwisser,
Halbwisser und--Alleswisser natuerlich. Ausserdem die Dummheit. Und nur
unter den "Dummen" trifft man ab und an mal ein paar Gebildete.
* * * * *
Gestern rote Gruetze, heute rote Gruetze, morgen rote Gruetze, rote Gruetze
in alle Ewigkeit. Amen!
Das Leben geht hier seinen hoellisch gleichmaessigen Gang.
* * * * *
"Wat schall all dat Lihren, Herr. Wenn se sik man foer't Fueer wohren und
sik man in acht naehmen, dat se nich int' Water lopen, wat brukt se mehr
to weten. All koent wie doch nich klook waren."
Hest recht, oll Juers. Wat schall all dat Lihren.
* * * * *
Petersen bat mich, keine Pfennige wieder in die "Grabbel" zu werfen.
"Das v--v--verdirbt die Kinder nur."
Er hat recht. Aber ich hatte diabolisches Vergnuegen daran, wie sie sich
balgten, uebereinanderkollerten, Buben und Maedel im Staub der
Landstrasse. Wie die Hunde um einen Knochen.
Vor zwei Jahren--ich warf mal Bonbons vom Wagen herab, unter die
Dorfjugend. Koestlich! Aus dem Staub, dem Schmutz in den Mund. Brrr!
Muessen wir nicht alle unsere kleinen Freuden und Suessigkeiten aus dem
Schmutz klauben? Und die groesste Suessigkeit (?), die Liebe, ist sie
nicht eine Sumpfpflanze?--
Gott muss keinen Ekel kennen.
* * * * *
Petersen fragte mich heute zum drittenmal, ob ich noch nicht auf dem
Aussichtsturm gewesen sei, auf dem Fuerstenberg. Aber zum Teufel, ich
will da nicht hinauf. Ich hasse Aussichtstuerme und jede Art Kletterei,
um moeglichst viel auf einmal zu sehen.
Wenn es noch ein Leuchtturm waere. Oder meine alte Pappel zu Hause.
Aber da ist es nicht der Aussicht wegen, weshalb ich da hinaufsteige.
Die Poesie des Leuchtturms, wenn draussen der Sturm tobt und die Voegel
gegen die Laterne stossen. Was soll ich hier sehen? Wald und Feld und
wieder Wald und Feld, Kuehe, Schnitter, Erntewagen. Immer dasselbe. Von
einem Knick zum andern. Und das ganze laeuft nur darauf hinaus, dass man
so weit sehen kann, so weit, bis nach Luebeck hin. Und dann die Herzen
und Pfeile, und die Muellers und Lehmanns. Vielleicht noch gar ein
Fremdenbuch mit albernen Versen.
* * * * *
Ich sehne mich ein Bad zu nehmen, in der offenen See. Darueber geht doch
nichts. Nackt dem Element hingeben. Direktestes Naturgefuehl, Einsgefuehl
mit der Natur!
* * * * *
Diese dumme Kuesserei! Es kam so ueber mich. Und so tolpatschig, wie nur
ich bei solchen Sachen bin. Eine ganz unschuldige Regung der
Zaertlichkeit.
Mancher kuesst im Vorbeigehen jedes Maedel, das ihm gerade gefaellt, und
sie lachen beide und denken sich weiter nichts dabei. Es ist alles so
naiv, harmlos, wie Blumenpfluecken. Bei mir wird immer eine Haupt- und
Staatsaktion daraus. Ich bin zu schwerfaellig, nicht leichtherzig, nicht
leichtsinnig genug.
Meine onkelhaftesten Regungen und Handlungen unterliegen der
Missdeutung.
Haette ich uebrigens geahnt, dass die Kleine auf einen Kuss so
reagierte--und ihr Platz auf der Schulbank ist noch warm.
* * * * *
Ich kann uebrigens jetzt an sie denken, ohne dass mir diese roten Flecken
vor den Augen schimmern. Sollte das doch tiefer gelegen haben? Eine
etwas umstaendliche Art, mich zum Kuss zu bringen. Die Natur waehlt sonst
kuerzere Wege, um zu ihrem Willen zu kommen.
* * * * *
Heute Nacht wieder diese wuesten Traeume. Es ruehrt doch daher. Naturam
expellas furca ...
Ich habe zu lange gefastet!
Uebrigens die Mummsche Geschichte--alles schon dagewesen! Er wollte sie
keinem andern mehr goennen. Es war genug, dass er mit der andern
ungluecklich war. Auch das noch ertragen, die Geliebte im Besitz eines
anderen zu wissen, eines Gluecklicheren, das ging ueber sein Vermoegen.
Es ist doch etwas Herrliches um solche Kraft und Leidenschaft! Wir
zahmen, moralischen Schwaechlinge resignieren lieber, ehe wir auch nur
einen Tropfen Blutes vergiessen.
O, nur einmal einer solchen Leidenschaft faehig sein: Aber das wird uns
nur einmal im Traum beschert.
Meine graue Dame vom Steg habe ich hoffentlich fuer immer abgewuergt.
Diese Empfindung, als ich ihren Hals zwischen meinen Fingern hatte. Ein
Kuss ist nur ein Glas Wasser dagegen, und jede andere Art Wollust.
Armer Mumm!
Man muss den Gespenstern nur ueber den Hals kommen, allen Arten
Gespenstern. Sie sind schliesslich alle nur Puppen, mit Saegespaenen
ausgestopft, und wenn man sie um den Leib fasst, quietschen sie.
* * * * *
Uebrigens zur Notiz fuer Gerdsen:
Ich sah bei einem Uebergang ueber einen schmalen Wassergraben eine Dame
auf dem Steg stehen. Ganz in Grau gekleidet. Sie starrte ins Wasser ohne
mich zu bemerken. Es war ein trueber, nebliger Novembernachmittag. Das
Bild praegte sich mir wunderlicher Weise so ein, dass es mich schlafend
und wachend verfolgte. Seltsamste Hallucination. Oft, in aufgeregtem
Zustand, oder in Traumstimmung, zur Daemmerzeit sah ich sie manchmal vor
mir, zum greifen; ich habe mich in das Gespenst verliebt, mit einer Art
Graeberliebe, Gruselliebe.
Sie hatte mich uebrigens lange nicht besucht. Heute Nacht war sie wieder
da.
Ob sie nun tot ist?
11.
Randers ging am Nachmittag mit dem Lehrer zum Aussichtsturm. Petersen
liess ihm keine Ruhe mit dem "verdammten" Turm.
Der Waldhueter, der seine Wohnung am Fusse des alten runden Granitbaues
hatte, bewahrte die Schluessel. Der Mann stand vor der Tuer und klopfte
einer zierlichen schwarzen Stute schmeichelnd den schlanken Hals. Ein
hochbeiniger Fuchshengst legte seine Nase auf den Hals der Gefaehrtin und
schnupperte, als wuensche er an den Liebkosungen teilzunehmen.
"Der Graf ist oben," sagte Petersen.
"Darf man denn hinauf?" fragte Randers.
"Ei gewiss!"
Randers brannte vor Neugier, den Grafen kennen zu lernen. Der
Damensattel auf der Stute kuendigte auch die Anwesenheit der Komtesse an.
Randers nahm unwillkuerlich eine strammere Haltung an, knoepfte seinen
Rock zu und rueckte nervoes an seinem Kneifer.
"Wollen Sie mich bitte vorstellen," bat er.
"Liebenswuerdiger Mann, gar nicht hoch--m--m--muetig," sagte Petersen.
Oben trafen sie einen Herrn von ungefaehr fuenfzig Jahren, in leichtem
hellen Reitanzug. Er betrachtete durch einen kleinen Feldstecher die
Landschaft und wandte sich nur laessig, kaum das Glas von den Augen
absetzend, der Treppe zu, als Randers und sein Begleiter die Plattform
betraten.
"Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle," dachte Randers und musterte die
schlanke, vornehme Gestalt des Grafen mit neugierigen und befriedigten
Blicken.
Wo mochte aber die Dame sein? Die Stute trug doch einen Damensattel!
Die letzte kuppelartige Kroenung des Turmes, zugleich die Bedachung der
Treppe, ueberragte die Plattform noch etwas und mochte die Komtesse
verdecken. Oder war sie ueberhaupt nicht mit hinaufgestiegen?
Der Lehrer trat mit einem tiefen Bueckling an den Grafen heran.
"Guten Tag, Herr Graf. Wundervoller Blick heute."
Er kam ohne Anstoss ueber die Anrede hinweg.
"Ah, Sie sind es, mein Lieber."
Der Graf reichte ihm die Hand und machte Randers eine leichte
Verbeugung.
"Die Aussicht ist keineswegs wundervoll heute," sagte er. "Die
Feuchtigkeit, der Dunst in der Luft."
"Ja, ja, zu f--feucht, Herr Graf, zu dicke Luft," beeilte sich Petersen
zuzustimmen.
"Mein Name ist Randers," schnarrte sein Begleiter und verbeugte sich
gegen den Grafen.
"Herr Dr. Randers," wiederholte Petersen hastig, als haette er ein
wichtiges Versaeumnis gut zu machen.
"Sehr angenehm. Zum Besuch hier in unserer Gegend? Ich meine gehoert zu
haben, Ihr Gast, lieber Petersen, nicht wahr?"
"Sehr schoen, sehr schoen," fuhr er mit einer gewissen, gleichgueltigen
Lebhaftigkeit fort.
"Wie gefaellt es Ihnen bei uns? Schoenes fruchtbares Land."
Er zeigte mit einer ausholenden Armbewegung auf das Panorama. Er wartete
keine Antwort ab, sondern nahm das Glas wieder vor die Augen und sah den
Horizont ab.
Diese kurze, zwar freundliche, aber doch abweisende Art gefiel Randers;
so war es recht, so war es aristokratisch, immer zehn Schritt vom Leibe,
immer reserviert.
Aber wo blieb denn die Dame?
Er blickte sich bestaendig um, ging einige Schritte weiter, aber umsonst.
Wahrscheinlich ging sie immer vor ihm auf, in derselben Richtung.
Am besten ist es, du bleibst stehen, dachte er. Ist sie hier oben, wird
sie schon zum Vorschein kommen.
Aber Petersen zupfte ihn am Arm.
"Sehen Sie dort die Ostsee dahinten?"
"Ja," sagte Randers, sah aber nichts.
"Und das ist Ploen, sehen Sie? Nein, hier, grad ueber meinen Stock."
"Ja, ja, ich sehe," log Randers.
Was war ihm Ploen! Er wollte die Komtesse sehen. Die Stute hatte doch
einen Damensattel.
"Papa!" rief mit einmal eine volle, tiefe Maedchenstimme. Eine schlanke
Gestalt in enganliegendem schwarzen Reitkleid kam um den Kuppelaufsatz
herum, stutzte, als sie Randers sah, und machte Kehrt.
"Die Komtesse," belehrte Petersen.
Randers ging sogleich anders herum. Er wollte sie sehen.
Was hatte dieses Maedchen fuer eine Stimme!
Die Komtesse stand neben ihrem Vater und schien etwas sagen zu wollen,
aber durch Randers gestoert, sah sie auf, ihm gerad ins Gesicht. Ein
fluechtiger, musternder Blick.
Randers zog den Hut sehr tief und sah fragend den Grafen an.
Wirst du mich vorstellen?
Aber der Graf stellte ihn nicht vor, die Komtesse trat einen Schritt
zurueck: bitte, wenn's beliebt, mein Herr. Die Passage ist frei.
Er musste wirklich voruebergehen, musste wieder um den Turm herumgehen
und sich von Petersen die Luebecker Tuerme zeigen lassen. Nicht ein Wort
war ihm eingefallen, womit er eine Unterhaltung haette anknuepfen koennen.
Da er dem Grafen vorgestellt war, haette er es ungezwungen wagen duerfen.
Aber was sollte er diesen Augen gegenueber sagen? Augen, die zu dieser
Stimme passten, Augen mit demselben vollen, tiefen Klang. Augen wie ein
norwegisches Berglied.
"Sie hat eine norwegische Stimme und norwegische Augen," sagte er zu
Petersen.
Der Lehrer sah ihn verstaendnislos an und laechelte:
"Norwegische Augen?"
"Ja, Fjordaugen," erklaerte Randers.
In diesem Augenblick ging die Komtesse mit den norwegischen Augen und
der norwegischen Stimme an ihnen vorueber. Der Graf folgte und nickte,
seinen Hut lueftend, freundlich Abschied.
Und Randers hoerte die Schleppe des schwarzen Reitkleides die Steinstufen
hinabrauschen, hoerte von unten herauf noch einmal kurz ihre volle,
riefetiefeme, ein Lachen, und horchte angestrengt nach dem Hufschlag
der Pferde. Aber der weiche Waldboden verschlang den Laut. Nur einmal
klang ein kurzes, helles Hufgeklapper herauf. Es mussten da irgend wo
Steine liegen.
Randers stand, weit ueber die Bruestung gelehnt, und sah hinab. Er konnte
nichts als das leise, schwankende Laubdach der hohen Buchen sehen. Er
konnte nicht mal den Weg verfolgen, den sie jetzt ritt. Er wusste nur,
da unten irgendwo unter diesem rauschenden, lispelnden, wogenden, gruenen
Zelt leuchten zwei schoene, tiefe klare Augen.
Fjordaugen!
Aber vier schnelle Fuesse fuehren sie in die Ferne. Dort hinten, weit
hinten, hinter den Huegeln lag Rixdorf.
Aber nein, diese Augen blieben ja, blieben ja bei ihm. Ihre Augen liess
sie ihm. Er sah sie immer dicht vor sich. Grosse stahlblaue Augen. Von
einer fast schwarzen Tiefe, aber mit einem gruengoldigen Leuchten
darueber.
Fjordaugen!
Steil steigen die finstern Felsen auf, aber zu ihren Fuessen liegt das
Wasser in wundervoller Klarheit und Tiefe. Der Himmel mischt sein Blau
mit dem Schwarz der Felsenschatten. Eine Moewenschwinge zuckt hell
darueber hin.
Und eine so wundervolle Stille in dieser versteckten Bucht!
Ein maerchenhaftes Grauen ueberfaellt ihn.
Das kleine Boot gleitet ganz langsam durch die klare Flut, durch den
Himmel. Es war wie ein Schweben zwischen Meer und Himmel, oder wie
zwischen zwei Himmeln. Oben, unten dieselbe Tiefe, dieselbe Hoehe,
unergruendlich, aber klar, ruhig, ganz friedlich, als gaebe es keine
Stuerme.
Und jetzt ploetzlich von oben herab, sanft herunterschwebend, ein Lied.
Der Gesang einer Hirtin, einer Sennerin. Tiefe feierliche Klaenge, tief
und feierlich wie das ruhige Meer.
"Es w--w--wird w--wohl Zeit," meinte Petersen.
Randers schreckte auf.
"Ja, ja," sagte er hastig.
Unten musste Randers durchaus etwas trinken.
Er hatte Durst. Der Waldhueter hatte Schenkrecht. Es gab freilich nur
Schnaps und Bier.
Randers bestellte beides, fuer drei Personen. Sie stiessen an. Randers
trank hastig.
"Suend woll lang nich hier wesen," fragte Petersen den Waldhueter.
"Ne, dat is't erste Mal in duessen Sommer. Suess koemen se oefter mal."
"Ist es weit bis Rixdorf?" fragte Randers.
"Anderthalb Stunden," sagte Petersen.
"Zu Pferde?"
"Ne, zu Fuss, wenn der Herr stramm geht," sagte der Waldhueter.
Randers wollte noch ein Glas trinken, und die andern mussten ihm
Bescheid tun.
Nach dem dritten Glas sagte er:
"Verdammt huebsches Frauenzimmer! Noch jung, was?"
"Na, wo olt mag se sin?" fragte der Waldhueter den Lehrer. "So negentein,
twintig."
"Ne, wo wull du hen? Dre und twintig is se gewiss all."
"Ach, noch 'n Glas, Herr Wirt," bat Randers. Petersen lachte ihn an, und
Randers lachte Petersen an. Er war ganz rot, ganz erhitzt.
"Das ist doch das Wahre," sagte er, das frische, schaeumende Glas pruefend
gegen das Licht haltend. "Vornehm, souveraen, aristokratisch."
Er nahm eine hochmuetige Miene an und naeselte wie ein Gardeleutnant.
"Aeh, ich lach auf die Welt!"
Der Waldhueter sah ihn belustigt an: Wat buest du foer een?
"Nein, im Ernst, meinen Sie nicht auch, Herr Lehrer," eiferte Randers.
"Da ist doch noch Rasse, Edelzucht von Geschlechtern her."
"Ja, es hat was f--f--f--fuer sich," stotterte Petersen.
Randers sah tiefsinnig ins Glas, und der Waldhueter sah ihn an, wie
einen, dem nicht zu trauen ist.
"Sagen Sie selbst, meine Herren," rief Randers wieder aufschnellend,
"hab ich nicht recht?"
"Ach wat," brummte der Waldhueter aergerlich. "So'n Luee moeten sin, un
anner Luee moeten ok sin. Vor uns Herrgott sind wie all gliek."
"Ja, lieber Herr, das ist ja ganz recht," rief Randers. "Das ist ja aber
eine Sache fuer sich."
"Ja Mau, du v--v--versteihst den Herrn f--f--f--falsch," legte sich der
Lehrer ins Mittel.
"Dat mag sin, ik meen aber man. Ik buen man 'n schlichten eenfachen Kirl,
dat heet, min Geschaeft haew ik ook liert, da kann mi nuems nich watt in
seggen. Aber dat meen ik man, so 'n Luee--na ja, du versteihst mi,
Petersen."
Randers sah finster vor sich nieder, nahm seinen Kneifer ab und putzte
an ihm herum.
"Zweimalhundertausend Mark jaehrlich zu verzehren," stiess er nach einer
Pause heraus. "So viel muss man haben, um anstaendig leben zu koennen."
Nun lachte der Waldhueter aus vollem Hals.
"Tweemalhunnertdusend Mark! Das is nich veel, dat is man grad, um de
Botter dorbi to hebben."
Randers lachte mit, und Petersen machte vergebliche Versuche, zu Wort
zu kommen.
"Herr Doktor!" rief er, "Herr Doktor! W--w--wissen Sie--Herr
Doktor--w--w--w--". Aber er kam nicht zustande damit.
Als aber das Gelaechter sich etwas gelegt hatte, fing er noch einmal an:
"Herr Doktor, wissen Sie, was ich m--m--mir dann kaufte? Die W--w--welt
kaufte ich m--mir! Die W--welt, Herr Doktor!"
* * * * *
Zweites Buch
1.
Randers war eines Tages in Rosenhagen aufgetaucht. Rosenhagen gehoerte zu
Rixdorf, beide bildeten eigentlich ein Dorf, waren nur fuenf Minuten von
einander entfernt.
Rosenhagen bestand nur aus dem Krug und einigen Tageloehnerkaten. In
Rixdorf gab es kein Wirtshaus. So hatte Randers im Krug Quartier
genommen. Der Wirt war nicht auf Logierbesuch eingerichtet und hatte
sich gestraeubt. Aber Randers hatte ihn ueberredet, mit Worten und mit
Geld.
Die Rosenhagener wunderten sich und die Rixdorfer wunderten sich. Was
wollte er hier bei ihnen?
Seeluft geniessen und baden, sagte Randers.
Das konnte er hier ja haben, aus erster Hand, reine unverfaelschte
Seeluft. Baden muesse er freilich so, von freiem Strand aus. Badekarren
gaebe es hier nicht. Nur die eine herrschaftliche.
Bisher war noch kein Mensch auf den Einfall gekommen, die Seeluft gerade
in Rosenhagen geniessen zu wollen. Dazu waren doch die vielen Baeder da,
laengs der ganzen Kueste.
Von Rosenhagen fuehrte ein schmaler Feldweg bis hart ans hochgelegene
Ufer, schlaengelte sich eine Strecke daran hin und fuehrte dann allmaehlich
zum flachen Strand hinab. Randers benutzte diesen Weg nicht oft, er
machte gewoehnlich den Umweg ueber Rixdorf, ging durch den Park, wozu er
sich die Erlaubnis erbeten hatte, verfolgte den Fusssteig durch das
grosse, zum Schlossgut gehoerende Roggenfeld bis zum kleinen
Aussichtspavillon, den der Graf auf der hier steil abfallenden Uferhoehe
erbaut hatte, und stieg dann eine bequeme Treppe zum Strand hinab.
Jeden Morgen, mit Sonnenaufgang, nahm Randers ein Bad. Er hatte sich
eine schoene, steinfreie Stelle ausgesucht. Er musste freilich etwas weit
waten, bis ihm das Wasser zum Schwimmen reichte. Aber dann war es
herrlich! So ganz allein im weiten Umkreis, hoechstens in der Ferne ein
weisses Segel, das die See mit ihm teilte. Nur die Wellen entbehrte er,
die rollenden Nordseewellen, diese erfrischenden Sturzbaeder. Und dies
reine absolute Naturgefuehl, sich so den spielenden Wellen ueberlassen zu
koennen, Welle mit den Wellen sein, oder der staehlende Kampf mit ihnen.
Hier war es meistens ruhig und glatt, nur bei anhaltendem Ostwind gab
es einmal etwas Wellengang. Doch der Ostwind wollte sich nicht
einstellen. Aber erquicklich war es doch, dieses fruehe Morgenbad, wenn
die See in der ersten Sonne flimmerte und glitzerte.
Tagsueber ging er viel spazieren, gewoehnlich in der Richtung durch den
Rixdorfer Park. Der Weg war so viel huebscher als nach der Rosenhagener
Seite hinaus; und er musste doch die Komtesse einmal sehen!
"Uns Fraeulein" sagten die Leute und "uns Herr". Das beruehrte ihn so
patriarchalisch.
Abends sass Randers mit den Tageloehnern im Krug. Er hatte gleich in den
ersten Tagen in alle Katen gesehen, kannte alle Frauen, alle Kinder und
hatte sein Vergnuegen daran, die Hunde zu necken. Alle Leute waren einig,
dass es mit ihm nicht ganz richtig sein koenne.
"He is ja bi Verstand, sin richtigen Verstand haett he ja. Aber wat will
he hier?" sagten sie. Aber sie kamen gut mit ihm aus. Er war nicht
hochmuetig, er verstand sie, er trank mit ihnen und hatte mal ein
Zehnpfennigstueck fuer die Kinder uebrig.
Randers hatte lange nicht so viel getrunken wie in Rosenhagen. Die Leute
hatten es gerne, wenn man sich mit ihnen abgab. Was sollte er da machen?
Er musste wohl trinken. Und sie merkten bald, dass er etwas vertragen
konnte.
Eines Abends wurde es aber doch zu viel. Er hatte zum erstenmal Fides
im Park gesehen, sie ueber breite Maisrabatten hinweg ehrfurchtsvoll
begruesst und hatte einen verwunderten Gruss zurueckerhalten.
Nachher hatten die Kinder und die Hunde einen guten Tag, diese liess er
in Frieden und jene beschenkte er reichlich. Und abends tat er den
Kaetnern im Krug mehr Bescheid als sonst und gab zwei Runden Schnaps aus;
ging auch nachher, statt ins Bett, in die Felder hinaus.
Und da stand er mitten im Roggen, singend und mit beiden Armen
gestikulierend, so dass er sich von fern gespenstisch ausnahm in der
Dunkelheit, wie ein Vogel, der vergebliche Flugversuche macht, oder wie
eine Windmuehle, die in stossweisem Winde alle Augenblicke ein paar
Drehungen macht und dann wieder stillsteht. Ein paar Schritte torkelte
er vorwaerts, dann stand er wieder still, warf sich in die Brust und sang
mit lauter Stimme und tiefer Inbrunst eine heldenhafte Phrase aus einem
alten daenischen Liede. Immer dieselbe Phrase, unermuedlich und mit einer
tiefen knurrenden Kadenz auf der Schlussnote, gleich dem heiseren,
ingrimmigen Bruellen eines gereizten Stieres. Am Morgen hatte er
Kopfschmerzen.
Aber das ging nicht, er sah das ein. Er durfte nicht soviel trinken, vor
allem keinen Schnaps. Wollte er wieder krank werden? Freilich lief er
ja den ganzen Tag da draussen herum, "verarbeitete" es wieder. Aber er
musste doch vorsichtig sein.
Randers war acht Tage in Rosenhagen, hatte waehrend der Zeit Fides
zweimal gesehen, den Grafen aber noch nicht zu Gesicht bekommen. Er
hielt es jetzt an der Zeit und fuer seine Pflicht, seinen Besuch im
Schloss zu machen. Was muessen sie denken, dass du dich hier laengere Zeit
aufhaeltst, auf ihrem Grund und Boden, um Erlaubnis nachsuchst, den Park
betreten zu duerfen, und es nicht einmal fuer der Muehe wert haeltst, deine
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