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Ob er sie anrief? Es machte ihm Spass, sie so heimlich zu beobachten.
Alle Augenblicke warf sie eine der vollen Flechten ueber die Schulter
zurueck. Immer, wenn sie sich tiefer bueckte, fiel wieder eine nach vorne.
Zuletzt liess sie sie haengen, wie sie wollten.
Er lag ganz still und freute sich des Augenblicks, wo sie ihn gewahr
wuerde und einen Schrecken bekaeme. Aber seine Geduld wurde auf eine harte
Probe gestellt. Die Kleine suchte gruendlich Busch fuer Busch ab und
entfernte sich dabei immer mehr von ihm. Zuletzt hielt er's nicht mehr
aus und klatschte laut in die Haende.
Erschrocken fuhr sie mit dem Kopf herum, sah nach allen Seiten, mit
grossen neugierigen Augen, aber durchaus nicht aengstlich. Sie war
augenscheinlich das einsame Umherstreifen gewohnt und kannte keine
Furcht.
Wenn nun ein andrer hier laege?
Sie war doch schon in dem Alter.
Und dann gingen ihm fluechtig allerlei Gedanken an Mord und Verbrechen
durch den Kopf und die Geschichte mit dem jungen Mumm.
Er klatschte noch einmal, richtete sich halb auf und lachte ihr hell ins
Gesicht.
"Nein, aber Gott doch, was haben Sie mich erschreckt," rief sie, lachte
aber vergnuegt ueber den Spass und kam gleich zu ihm hin.
"Sehen Sie mal, so viele."
Sie hielt ihm mit kindlicher Freude den schon halbgefuellten Topf hin. Er
fuhr mit der Hand hinein, so dass sie mit einem kleinen Aufschrei das
Gefaess zurueckzog.
"Die gehn ja alle kaputt," schalt sie.
Dann liess sie sich ungeniert vor ihm aufs Knie nieder und hielt ihm den
Topf bequem, leicht schuettelnd, dass ihm die losen Beeren in die
geoeffneten Haende rollten.
"Noch'n paar," draengte sie, aber er wollte nicht mehr.
"Nun setz dich erst mal'n bisschen hierher," sagte er.
Sie war gerade aufgestanden und sah ihn etwas verschaemt an. Aber sie
lachte dabei, und ihre Augen verrieten, dass sie wohl Lust haette. Er
rueckte ein wenig beiseite, und diese stumme Aufforderung genuegte. Sie
setzte sich zu ihm in schrittweiter Entfernung, fing auch frischweg an
zu plaudern, kindlich ungeniert: wie heiss es heute waere, und ob er
schon lange hier laege, und ob er ueber den Fuchsberg gekommen waere oder
am Lohteich laengs.
Als sie den Fuchsberg nannte, wollte er fragen, wo der sei, er hatte ihn
neulich vergeblich gesucht. Aber die Erwaehnung des Lohteichs brachte ihn
wieder davon ab und auf den alten Mumm.
"Sag mal," fragte er, "was ist das eigentlich mit dem Mumm fuer eine
Mordgeschichte?"
"Nicht wahr, wie schrecklich?" sagte sie.
"Der hat seine Braut ermordet, was?"
"Ja, die eine."
"Die eine?" fragte er.
Er musste lachen.
"Hat er denn mehr gehabt?"
Sie wurde ganz rot, halb aus Verlegenheit, weil sie aus seinem Lachen
entnahm, dass sie wohl eine Dummheit gesagt hatte, halb aus Scham, der
Sache wegen.
"Ist das hier passiert, in diesem Holz?" fragte er.
"Etwas weiter laengs."
Sie zeigte mit der Hand nach links:
"Im Schreiberholz; wissen Sie?"
Er wusste.
"Ob sie ihm nun wohl was tun?" meinte sie.
"Wenn er es getan hat."
"Moechten Sie das wohl sehen?"
"Moechtest du das?"
Sie besann sich einen Augenblick, waehrend ihre Augen sich vergroesserten.
"Gitt e gitt," rief sie affektiert und wandte sich wie vor etwas
Entsetzlichem ab. Aber ihre Augen straften sie Luegen. Er merkte es wohl.
Aber das "Gitt e gitt" kam so komisch heraus, dass er lachen musste.
Sie lachte ganz lustig mit, aus Lust am Lachen. Das war ihm gerade
recht. Was sprach er auch mit ihr von Mord und Hinrichtung. War das eine
Unterhaltung fuer sie?
Er waelzte sich mit einer Schwenkung naeher und lag jetzt auf dem Bauche,
die Ellenbogen aufgestuetzt und, die Haende gefaltet.
Sie hatte einen Himbeerfleck auf der Schuerze, und er machte sie darauf
aufmerksam.
Sie verzog den Mund etwas.
"Das macht nichts."
"Und genascht hast du auch," fuhr er fort. "Da sieht man's."
Er zeigte mit dem Finger nach einem Fruchtfleck auf ihrer linken Backe.
Sie bog sich zurueck und schlug nach seiner Hand.
"Wo?" fragte sie und machte einen vergeblichen Schielversuch nach dem
Fleck. Er tupfte nochmal mit dem Finger nach ihrem Gesicht, und da sie
es nicht dulden wollte, fing er ihre Haende ein, hielt sie mit einer Hand
umklammert, richtete sich halb auf und beruehrte etwas unsanft mit dem
Zeigefinger die Stelle auf ihrer runden, weichen Wange.
Sie kreischte auf und rang mit ihm.
"Du Racker."
Er hatte wirklich Muehe sie zu halten. Er lag auf den Knieen vor ihr. Auf
einmal riss er sie fest an sich und kuesste sie.
Sie schrie auf und schnellte zurueck, als er sie los liess. Sie war mehr
erschrocken als gekraenkt, und sah mit einem etwas duemmlichen Lachen auf
ihre Schuerze.
Ihre Schulmaedchenhaftigkeit machte ihn vor sich selbst laecherlich. Wie
kam er dazu, dieses Kind zu kuessen. Er fuehlte das Beduerfnis, sich vor
sich selbst zu entschuldigen.
"Siehst du, das ist die Strafe," sagte er aufstehend.
"Wofuer?" fragte sie patzig.
"Fuer das Naschen."
"Ach Sie!"
Sie machte eine eigensinnige Schulterbewegung und rieb mit dem
Schuerzenzipfel, den sie unbedenklich mit der Zunge befeuchtete, den
Fruchtflecken auf ihrer Backe.
"Na, adieu Kind," sagte er und reichte ihr die Hand. "Nun pflueck auch
fleissig."
"Wollen Sie schon gehen?"
Er sah in ihren Blicken, dass sie gerne gesehen haette, wenn er noch bei
ihr bliebe. Aber er nickte ihr freundlich zu und ging.
Verdutzt sah sie ihm nach. Enttaeuschung malte sich auf dem huebschen
Kindergesicht, Unmut und Uebellaunigkeit. Und die Spitze des rechten
Daumens zwischen die festen weissen Zaehne geklemmt, stand sie noch eine
ganze Weile fast regungslos und sah mit grossen Augen in die Richtung,
wo er verschwand.
7.
Mutter Petersen stand vor der Haustuer und trieb Randers mit
Haendeklatschen zur Eile an. Er hatte sich verspaetet, sie warteten schon
auf ihn, die Suppe stand auf dem Tisch.
Waehrend des Tischgebetes, das jeder leise vor sich hinsprach, sah er in
seinen Teller. Er hatte schon lange kein Tischgebet mehr gesprochen. Es
war ihm schon im Elternhause, wo es die Reihe herumging, zu einer leeren
Form geworden.
"Liebster Jesu! sei unser Gast
Und segne, was du bescheret hast
Amen!"
Gesegnete Mahlzeit! Auch so eine Redensart.
Spaeter war es ihm geradezu gegen den Geschmack. Es war ihm wuerdelos,
unanstaendig, der unpassendste Augenblick, Gottes Wort oder nur seinen
Namen in den Mund zu nehmen, wenn in diesem Mund schon das Wasser
zusammenlief nach dem Braten, und der dampfende Kohl die Nase kitzelte.
Aber anfangs hatte es ihn doch angeheimelt, das erste Mal und einige
Tage lang, als sie hier alle die Koepfe senkten und andachtsvoll auf die
gefalteten Haende in den Schoss sahen, bevor sie mit dem Loeffel in die
Suppe fuhren. Das war so patriarchalisch, schlicht und einfaeltig. Er
tauchte in diese einfaeltige Froemmigkeit mit unter, es kam ein Gefuehl des
Geborgenseins und des Vertrauens ueber ihn, wie im Elternhaus, und er
empfand einen grossen Respekt vor diesen einfachen Leuten. Aber zuletzt
war es ihm doch wieder komisch vorgekommen, dieses beinahe
marionettenhafte stumme Beten.
Er hatte verstohlen beobachtet. Der Schullehrer machte es einfach,
still, fast demuetig. Es lag eine gewisse Wuerde in seinem Tun. Aber
Mutter Petersen machte es mit einer gewissen Ostentation, ruckweise, mit
strammen, kurzen Bewegungen, gleichsam taktmaessig, im Paradeschritt vor
ihrem Herrn und Heiland. War sie fertig, griff sie sofort munter zum
Loeffel, waehrend ihr Eheherr auch darin eine gemessene Wuerde bewahrte,
langsam, zoegernd nach dem Loeffel langte, als schaeme er sich, Profanes
und Heiliges so unvermittelt an einander zu koppeln.
Christine machte es nach Kinderart, gruendlich, als sagte sie alle Gebete
her, die sie wusste. Aber ihre Augen gingen dabei verstohlen von einem
zum andern, und nie hoerte sie vor den Eltern zu beten auf.
Heute sass sie verlegen vor ihrem Teller.
Randers wusste warum.
"Es war sehr jungshaft von dir," dachte er. "Wie konntest du dieses
Gaenschen da kuessen." Er schaemte sich.
Nach Tisch lag er wieder auf der Bank unter den Buchen. Da lag er
lange, erst im Halbschlaf, die Stimmen der Schulkinder hoerend und das
Geklapper ihrer Holzpantoffeln. Der Lehrer klatschte in die Haende, das
Signal, womit er den Anfang der Schulstunde verkuendete und die Saeumigen
von der Landstrasse und dem Spielplatz hinter dem Schulhause in die
Klasse rief. Randers versuchte etwas zu lesen, fiel aber wieder in den
dumpfen Zustand zwischen Wachen und Traeumen zurueck, bis er sich
gewaltsam aufraffte und die Muedigkeit abschuettelte.
Er steckte sich eine Cigarre an und begann in sein Notizbuch zu
kritzeln, Verse, die er den ganzen Morgen mit sich herumgetragen:
Umzwitschert rings von muntern Vogelscharen,
Steht mir vor Augen einer Laube Bluehen,
Und vor dem Tische unter goldnen Haaren
Seh flutentief ein Auge ich ergluehen.
Was trieb es mich, mit Glueck und Stern zu sparen
Und mich zu weihen toerichtem Bemuehen?
Nun schuere ich in Aschen, die vor Jahren
Geglueht, und seh sie in die Winde spruehen.
Er hatte wieder die Sicilianenwut. Eine ganze Reihe von diesen Dingern
hatte er in der letzten Woche hingekritzelt, mit Blei, in kaum lesbarer
Schrift. Es stand alles bunt durcheinander! Einfaelle ueber Kunst und
Literatur, Schuldenberechnungen, Waeschenotizen, und allerlei
gleichgueltige Aufzeichnungen fuer den Tag. Manchmal war ein kraeftiges
Urteil quer darueber geschrieben, wie: Unsinn! Bloedsinn! Gewaesch!
Randers hatte eigentlich Notizen fuer Gerd Gerdsen machen wollen an
diesem Nachmittag. Aufzeichnungen aus seiner Jugendzeit. Aber er wollte
es nun lieber bis morgen lassen. Es traeumte sich so nett hier.
Vom SchuelhauseSchulhauselangen abgerissene Toene eines Kirchenliedes,
helle Kinderstimmen, und ab und an der harte, heisere Bass des Lehrers.
8.
Abends kam ein Gewitter. Es war schnell heraufgezogen. Aus der alten
Wetterecke hinter dem Schulhause und dem Lehreracker, wo die Wildkoppel
und das Fuerstenholz in einem stumpfen Winkel zusammenstiessen, kam es
her, eine schwarze Wand, die sich gleichmaessig vorschob. Eben hatte noch
die Sonne hinter dem Fuerstenberg ein rotes Feuer angezuendet, und jetzt
war alles finster. Eine unheimliche Stille. Kein Blatt ruehrte sich.
Alles war wie verstummt und erstarrt vor Angst. Dann ein dumpfes
Grollen, einmal, langhinrollend, dann Tropfen, zoegernd, schwer
auffallend, gleichsam versuchsweise.
Randers lag in seinem Zimmer auf dem Sofa und sah durch das offene
Fenster auf die dunkle Landstrasse. Draussen zerrte der Schullehrer
seine beiden Kuehe hinter sich her. Die Ketten klirrten und die schweren
Holzpfloecke schleiften ueber den Kies des Gartens.
Dann kam der erste Blitz und ein heller, knatternder Donner. Und die
Holunderbuesche im Garten legten sich fast ganz auf die Seite und die
Fensterfluegel ruettelten in den Angeln und eine Tuer schlug zu.
Und dann rauschte der Regen herab. War das ein Platschen und Klatschen,
und Spritzen und Tropfen, von allen Zweigen, von der Dachrinne, vom
Gesimse. Drueben warf der Wind die Kronen der hohen Buchen hin und her.
"Wie ein Schiff im Sturm," sagte Randers. Und er sah dieses Schiff, sah
es ganz deutlich. Es war ein grosser Dampfer. Die Wellen stuerzten aufs
Deck. Die Masten krachten, er sah die entsetzten Passagiere, hoerte ihr
Schreien. Und er sah den Kampf um die Rettungsguertel.
Aber das alles verlor sich, verwirrte sich ihm in ein undeutliches
Gewimmel. Klar sah er nur den Kapitaen auf der Bruecke. Der ist blass bis
unter die Muetze, die mit dem Sturmband unterm Kinn befestigt ist. Aber
wie aus Erz steht der Mann da, festgeklammert mit der Eisenfaust an dem
Gelaender der Kommandobruecke. Jetzt beugt er sich nieder. Er kritzelt
etwas auf ein Blatt Papier, reicht es dem Lotsen. Der winkt ihm mit
heftigen, ueberredenden Gebaerden. Er schuettelt den Kopf, er will nicht
weichen. Nicht vom Platz!
"Der Held! Der Held der!"
Randers rief es ganz laut. Er gluehte vor Aufregung. Koennte er da oben
stehen. Sein Leben dafuer!
Bis zum letzten Atemzuge da oben, einen letzten Gruss an Weib und Kind,
und hinein in den bruellenden, schaeumenden, herrlichen Mannestod.
Randers sass aufrecht auf dem Sofa und starrte wie geistesabwesend in
die Blitze und auf die sturmgepeitschten Baeume, als Mutter Petersen ins
Zimmer stuerzte und um Christine jammerte. Sie sei nach Schoenfelde
gegangen, um etwas vom Kraemer zu holen. Nun sei sie gewiss bei dem
Unwetter unterwegs.
"So'n Goer is ja zu dumm!"
Randers sprang auf, er wollte der Kleinen entgegen. Mutter Petersen
wollte das nicht dulden.
"Nein, mein Mann soll. Aber wo is er nur? Er wird bei's Vieh sein!"
Aber Randers war schon draussen. Sie lief ihm nach, ob er denn keinen
Schirm mitnehmen wolle. Aber er hoerte nicht, er lief nur immer darauf
los.
Was hatte er auch da auf dem Sofa zu liegen. Warum war er nicht gleich
hinausgelaufen?
Er atmete in tiefen Zuegen die feuchte Luft, liess sich den Regen auf die
feuchten Wangen klatschen und den Wind um die Ohren sausen.
Welch ein, Aechzen und Knarren und Sausen und Donnern in den alten Buchen
und Eichen, Ja, das war Musik, die er liebte. Er vergass vor lauter
Lustgefuehl beinah, weshalb er eigentlich hier bei dem Unwetter die
Landstrasse entlang lief, beinahe wirklich lief, als gaelte es ein
Unglueck zu verhueten. Er stuermte nur immer gerade aus und dachte nichts
anderes als: wie koestlich, wie ganz koestlich!
Bis er auf Christine traf. Na, ja, das war's ja! Die Kleine war also
doch unterwegs. Aber sie hatte sich unter ein Nussgebuesch gefluechtet.
Sie hatte den roten Rock von hinten ueber den Kopf genommen, und vorne
aufgehoben und ihre Kraemerpakete hineingewickelt, um sie vor dem Regen
zu schuetzen. So machte sie eine wunderliche Figur in dem groben, grauen
Wollunterroeckchen, Ihr erhitztes Gesicht lugte nur eben aus der
kuenstlichen Kapuze hervor, so sehr hatte sie sich eingemummelt.
Ihre grossen schwarzen Augen blitzten auf, als sie Randers gewahrte.
"Nein, aber, wo wollen Sie denn hin in diesem Wetter? Sie werden ja
ganz nass!"
"Ich will dich holen, sie aengstigen sich schon um dich."
"Was 'n Unsinn!"
Er stand neben ihr, triefend.
Was nun? Er haette doch lieber einen Schirm mitnehmen sollen. Jetzt
wurden zwei nass. Aber sie hatte doch Begleitung, Schutz. Wovor? Sie sah
nicht aus, als ob sie sich fuerchtete.
Sie sagte nichts weiter, sie schien noch immer in der Erinnerung an die
kleine Geschichte vom Vormittag verlegen zu sein.
"Wir koennen hier doch nicht stehen bleiben," meinte er.
"Aber es regnet ja noch so."
Da fiel ihm ein, dass er sie mit unter seinen Regenrock nehmen koennte;
sie reichte ihm gerade bis zur Achselhoehle. Das kam ihm so lustig vor.
Er sagte es ihr. Sie wollte nicht, sie zierte sich, obwohl sie Lust dazu
hatte. Das sah er ihr an.
"Dummes Zeug! komm! Du wirst ja bis auf die Haut nass. So. Nimm meinen
Arm."
Sie wehrte auch nicht laenger ab, sondern lachte herzlich ueber diesen
Spass.
"Aber Sie machen so lange Schritte," sagte sie, bemueht, mit ihm Takt zu
halten.
Er passte sich ihren Trippelschritten an, und so stapften sie etwas
unsicher unter einem Mantel auf der nassen Landstrasse hin. Sie sprach
vom Wetter, wie schrecklich es regnete, wie schoen die Blitze seien, und
wenn ein besonders lauter, krachender Donner folgte, meinte sie: das hat
gewiss eingeschlagen.
Ihm war es wunderlich zu Mut mit dem jungen Ding allein auf der
stuermischen Landstrasse. Er hatte der Bequemlichkeit wegen seinen
rechten Arm um ihren Nacken gelegt. Er fuehlte jede Bewegung des jungen,
lebenswarmen Koerpers. Eine keusche Zaertlichkeit ueberkam ihn. Er war
jetzt ihr Beschuetzer.
"Geht's so? Gehst du auch trocken?"
"Wunderschoen!"
Er fuehrte sie vorsichtig um jede Pfuetze herum, so dass sie ueber seine
aengstliche Vorsorge lachte.
"Ich hab doch schon nasse Fuesse."
"Das geht aber nicht."
"Das macht mir nichts."
Ihr huebsches Gesichtchen lachte aus seinem schwarzen Gummimantel heraus.
"Kiek! Seh ich nicht gelungen aus?"
Ob sie gar nicht mehr an den Kuss dachte?
So brachte er sie leidlich trocken nach Haus.
Nachher konnte er nicht einschlafen, trotzdem die Fenster offen standen
und die kuehle, nach dem Gewitter erquicklich erfrischte Luft ins Zimmer
Hessen.
Ihm war sonderbar schwuel zu Mute.
Als er endlich einschlief, aengsteten ihn wirre Traeume.
Er sieht immer Christinens schwarze Augen mit einem seltsamen Ausdruck
auf sich gerichtet. Immer starren sie ihn an, zum Verruecktwerden! Er
schlaegt danach, er stuerzt sich auf sie. Er packt sie am Hals, sie
laechelt, er wuergt sie wie wahnsinnig und empfindet dabei eine namenlose
Angst.
Und dann ist es nicht Christine, die er gewuergt hat, sondern die graue
Dame vom Steg, sein Gespenst! Sie liegt ganz blass vor ihm, mit
geschlossenen Augen, wie eine Wachspuppe. Er dreht sie um wie einen
leblosen Gegenstand; sie hat lederne Beine und lederne Arme. Es ist die
Puppe seiner Schwester.
Und dazu blitzt es unaufhoerlich.
Und dann tritt jemand zu ihm und sagt ihm, er muesse jetzt nach oben
kommen, es waere hoechste Zeit, das Schiff wuerde gleich sinken. Und er
stuerzt nach oben, stoesst die Knie an den harten messingbeschlagenen
Stufen der schmalen Kajuetentreppe. Und oben steht der Kapitaen auf der
Kommandobruecke und schreit ihm etwas zu, schreit wie wild und zeigt
immer mit hastigen Stoessen nach seinen Haenden. Randers sieht seine
Haende an, die sind ganz rot, ganz rot von Blut. Er erschrickt. Nun
stecken sie dich ein.
Und das alte bloede Gesicht Vater Mumms taucht vor ihm auf und sieht ihn
mit den halberloschenen Augen so traurig und vorwurfsvoll an.
Und eine entsetzliche Angst packt ihn, eine wahnsinnige Angst. Er will
fliehen und kann nicht. Jemand haelt seine Beine umklammert.
In Schweiss gebadet wachte Randers auf, Der Mond stand noch fast auf
derselben Stelle ueber dem Buchenportal. Randers konnte nicht lange
geschlafen haben, keine Viertelstunde.
Diese wuesten Traeume. Wie sich das alles durcheinanderwirrte!
Und nun gar dieser Mord! Welche wahnsinnige, boshafte Freude hatte er
dabei empfunden, als er diesen weissen Hals wuergte, dass diese dummen,
glotzenden schwarzen Augen weit aus ihren Hoehlen traten.
Ihm schauderte. Lag das wirklich in ihm? Koennen Traeume etwas in uns
hineintragen, holen sie nicht nur aus uns heraus?
War es nur die Mummsche Geschichte, die diesen Traum ausloeste?
Ausloeste?
Also mussten Mordgelueste in ihm verborgen sein!
Er meinte nicht ausloesen, er meinte es anders. Es war natuerlich nichts
als ein Erinnerungsbild. Aber er hatte doch etwas empfunden dabei, und
so intensiv wie kaum je beim Wachen.
Es liegt in uns allen, wir haben alle diese Mordgelueste in uns. Und er
glaubte jetzt auch zu verstehen, warum der junge Mumm seine Geliebte
ermordet hatte. Wenigstens verstand er die Moeglichkeit, wenn auch noch
nicht das Motiv.
Und er lag und gruebelte weiter nach, verbohrte sich hartnaeckig darin.
Und zuletzt kam es ihm doch wieder zu raetselhaft vor.
Oder konnte Liebe in ploetzliche Mordlust umschlagen? Ja, gewiss! Ein
ganz bestimmtes Gefuehl bejahte das in ihm. Aber die Faeden bloss legen,
wie sich das zusammenspinnt. Die allmaehlichen Uebergaenge. Es geschieht da
nichts sprungweise.
Ein Weib aus Liebe zu Tode peinigen!
Er schlief zuletzt wieder ein ueber diese Gruebeleien.
9.
Am folgenden Tage waren alle Wege aufgeweicht. Auf der Landstrasse
standen grosse Pfuetzen, und im Garten, gerade vor der Haustuer, hatte
sich ein kleiner See gebildet.
Als Randers, halb angezogen, durchs offene Fenster die erquickende
Morgenluft einatmete, sah er Christine vor diesem See stehen und ihren
Holzpantoffel mit der Spitze des Fusses wie einen Kahn uebers Wasser
lenken. Sie war ganz vertieft in diese kindliche Unterhaltung, so dass
sie das Kommen der Mutter nicht hoerte. Auf einmal hatte sie eine
kraeftige Ohrfeige weg. Es war Randers, als haette er sie selbst bekommen.
"Verdammte Deern, das sag ich aber Vater. Das is doch rein zu arg!"
Randers trat bei diesen Scheltworten vom Fenster zurueck. Dann hoerte er
Weinen und das Klappern sich entfernender Holzpantoffel.
Wie konnte man ein so grosses Maedchen noch schlagen. Er war erbost
darueber.
Am Kaffeetisch war er wortkarg vor Aerger. Christine nahm nicht teil am
Fruehstueck, sie erhielt ihre Milch und ihr Brot wie immer in der Kueche.
Nachher traf er sie auf dem Hofplatz. Sie stand hochaufgeschuerzt, mit
blossen Armen, und scheuerte die Milcheimer mit einem kurzen Reisbesen.
Sie war heiss von der Arbeit und ihre Backen gluehten. Sie gruesste ihn
sehr verlegen und sah kaum auf von ihrer Arbeit.
Er hatte den wunderlichen Gedanken, auf welche Backe sie wohl den
Schlag empfangen haette.
Ein richtiges Ohrfeigengesicht, dachte er.
Sie kam ihm so "tumpig" vor, wie sie so verschaemt dastand. Und er
empfand gar nichts fuer sie.
Den Vormittag benutzte er zum Briefschreiben. So sehr er das feuchte
Wetter liebte, diese Wege waren ihm doch zu kotig. Vielleicht war's am
Nachmittag besser, wenn die Sonne ihre Arbeit getan hatte. Sie stand
hell am Himmel und trank die Feuchtigkeit der Luft. Ein leichter Dampf
lag ueber dem Lehrersacker, ueber der Waldwiese, die mit einem Zipfel den
Landweg beruehrte, und ueber der feuchten, schwarzen Gartenerde, den
Reseda-, Astern- und Stiefmuetterchenbeeten.
10.
(Tagebuchblaetter.)
Heute an Gerdsen geschrieben, wegen des Romans. Eigentlich eine
schnurrige Idee.
* * * * *
Mit Petersen beim Lehrer in Suessen gewesen. Unterwegs der jungen
Komtesse von Rixdorf begegnet. Lenkte selbst ihre Ponies. Sah leider
nur ihren Ruecken.
Wer auch so fahren koennte!
In Suessen Kaffee und Kuchen. Junge, leidlich huebsche Frau, sauber,
appetitlich.
War auch ein "Gemeinderat" da, ein Ziegeleibesitzer und Hufner, ein
gutmuetiger Riese. Streit ueber das neue Gesangbuch. Die Lehrer waren
dafuer.
Der Suessener war fuer die neuen, frischeren Melodieen. Er spielte ein
paar auf dem Klavier. Eine klang wie ein Jaegerlied. Der Koloss polterte
dagegen. Die Bauern wollten kein neues Gesangbuch, wollten sich das alte
nicht nehmen lassen. Es ist so lange gut gewesen, in Freud und Leid, ist
ein Stueck ihrer Seele geworden. Woraus ihre Eltern und Grosseltern und
Urgrosseltern Trost und Erbauung geholt, auf einmal sollte das nicht
mehr gelten?
"Ne min Gesangbook lat ik mi nich nehmen. Ik lat mi nich voerschriewen,
wat ik singen und beeden schall. Doran lat ik mi nich roegen. Dat is min
Religion. Wat waer dat foer'n Religion, de man so quantswies alle fif Johr
mal aennert warden kuennt! Haew ik recht?"
Ich hatte den Mann lieb in seinem beschraenkten Eifer. Ja, daran soll man
nicht ruehren, oder es faellt alles zusammen. So was muss alt sein,
ehrwuerdig, durch jahrhundertlange Tradition geheiligt. Das Neue ist den
Leuten nichts. Bibel und Gesangbuch muessen auch aeusserlich alt sein,
abgegriffen, blank von vielem Gebrauch, stockfleckig und gesaettigt mit
dem Parfuem von Familien- und Krankenstuben.
* * * * *
Bin ich nicht eigentlich ein Erzreaktionaer? Adel und Kirche. Obgleich
ich im tiefsten Grunde (luege nicht, Randers!) an diese frommen Dinge
nicht glaube. Aber man ist heute so huebsch isoliert damit, so huebsch in
der Minoritaet. Und Minoritaet ist vornehm, ist aristokratisch. Majoritaet
ist der Poebel.
Ich koennte aus Opposition gegen den Poebel in das letzte Kloster gehen.
In andern Zeiten wuerde ich wahrscheinlich Freigeist sein, aus
Opposition, aus angeborenem Beduerfnis, mich von der Masse abzusondern,
aus aristokratischen Instinkten. Ich koennte Demokrat werden aus
Aristokratismus. Unsinn! Na!
* * * * *
Heute Nacht von Berta getraeumt. Ich habe sie doch lieb gehabt. Es war
nicht nur, weil sie sich schick zu kleiden wusste und ein so damenhaftes
Benehmen hatte. Sie war so durch und durch anstaendig und so ruehrend in
ihrem tapfern Kampf. Eine junge, huebsche Direktrice mit kaerglichem
Gehalt, ohne Familienanschluss, in einer Stadt wie Hamburg. Man weiss,
was das sagen will. Und sie war in einem juedischen Geschaeft angestellt.
Nicht, dass sie jemals geklagt haette. Im Gegenteil. Aber ich habe nun
mal diese Animositaet gegen Israel. Sie lachte mich oft deswegen aus.
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