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eBook Title
Der Mann im Nebel
Author Language Character Set
Gustav Falke German US-ASCII


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Der Mann im Nebel

Roman

von

Gustav Falke

Hamburg 1916





Seinen lieben Freunden
Karl Ernst Knodt
und
Frau Kaethe
herzlichst zugeeignet




Erstes Buch




1.


Liebster Doktor!

Wie vermisse ich Sie, Sie Ausreisser. Nach wie vor fuehrt mich mein
Berufsweg zweimal in der Woche an Ihrem alten Heim vorueber, und ich
werfe betruebte Blicke nach dem Eckfenster hinauf. Wie schoen war's da
oben: ich auf Ihrem breiten etwas eingesessenen Sofa, Sie mir gegenueber
auf dem Stuhl, zwischen uns auf dem buecherbeladenen Tisch eine Tasse
Kaffee, ein Glas Bier oder ein Aquavit. Und dann ging's los, ueber
Literatur, Kunst und tausend Sachen.

Und Ihre alte Wirtin, die Frau Obersteuerkontrolleurswitwe, der man
diesen imponierenden Titel nicht ansah, mit ihrem roten Gesicht, ihrer
etwas waschfrauenmaessigen Hausuniform und ihrer hastigen, stossenden
Sprechweise.

Und das einzige Likoerglas, das kleine blaue Henkelglas, worin sie einer
ganzen Korona Aquavit kredenzte, von Mund zu Mund:

"Is nich'n huebsches Glas? Is aus Travemuende. Hab ich selbst mitgebracht.
Huebsches Glas. Ist es nich? Aus Travemuende. Hab'n Schwester da, wissen
Sie. Ja, 'n Schwester."

Sie laesst bestens gruessen. Sie hat jetzt ihre beiden Zimmer an einen
Zoellner vermietet, einen jungen "soliden" Menschen. Sie wissen, die Frau
Kontrolleur gibt viel auf das Solide.

Na, in Punkto Soliditaet. Unsolide waren wir nicht. Aber der Zoellner wird
uns ueber sein.

Ich vegetiere nun schon eine ganze Zeit lang so hin. Kein Vers, keine
Zeile. Lyrisch alles tot. Was Sie ueber meinen letzten Roman schrieben,
hat mich sehr erfreut. Ja, es steckt viel Beobachtung darin. Aber es ist
doch nichts mit diesem nuechternen Realismus. Ich moechte nun endlich mal
schreiben, was Sie meinen Pan-Roman nennen.

Mich auch mal lyrisch ausgeben. Stimmung. Psychologie. Alles moegliche.
Solche Dreiecksnatur, Sie brauchten den Ausdruck einmal, so ein Portraet
von Ihnen, Liebwertester, ein Individuum, das sich zwischen den drei
Punkten Weib, Kunst und Natur aufreibt, seine Ringkaempfe mit sich
auffuehrt. Ihre gefaehrlichen Anlagen potenziert, so dass ein Ungeheuer
daraus wird.

Aber geben Sie mir einen freundschaftlichen Stoss, dass ich kopfueber in
die Tinte schiesse, sonst wird's doch wieder nichts damit, und es
bleibt alles beim guten--Willen darf ich's gar nicht mal nennen, denn
wie gesagt, es sind tote Tage bei mir, Nebeldruck, Muedigkeit,
Stumpfsinn, wie immer, wenn ich eine Arbeit hinter mir habe und eine
neue sich erst heimlich vorbereitet wie das Saatkorn unter der
Wintererde.

Pan, ja Pan! Sie sitzen nun mitten drin, haben alles, was ich ersehne,
liegen auf dem Ruecken und hoeren die Mittagsmusik des bocksbeinigen
Gottes, waehrend ich hier Staub schlucke, Federn kaue und Kindergeschrei
anhoere.

Hier etwas, was ich aus dem Papierkorb fuer Sie wieder ausgrub, weil es
gerade hierherpasst. Etwas Boecklin-Nietzsche mit einem Stich ins
Scheerbartsche. Nichts Urgeborenes, also der Vernichtung gehoerig.

Herzlichst

Ihr Gerd Gerdsen.

*       *       *       *       *


Tanz.

Pan blaest. Lass uns tanzen, du und ich. Auf der Sommerwiese, in der
Morgensonne lass uns tanzen, wo die weichen Winde sich deines wehenden
Blondhaares freuen werden.

Komm auf die Wiese!

Blumen werden sich unter unsere Fuesse draengen und aufgescheuchte
Schmetterlinge unsern Tanz umtanzen, weisse und gelbe Schmetterlinge,
leuchtend in der Helligkeit des wachsenden Lichtes. Pan lockt.

Wir wollen tanzen zu diesen Toenen. Und die Wiese tanzt, und der Wald
tanzt, die schwarzen Fichten mit dem roten Morgenkleid aus Sonne und die
braeutlichen Birken mit den jungfraeulichen Gewaendern aus Silberseide.

Und die weissen Laemmer auf der blauen Himmelswiese werden huepfen,
umeinander huepfen, leichtwolliges Sommervolk, zu der Floete des Hirten.

Und die Sonne wird tanzen, die lachende Sonne, dass ihre Strahlen
auseinander wirbeln, uns umwirbeln, ein flimmernder, blitzender,
glitzernder Schleier, in dem wir uns im Kreise drehen, du und ich in
unserer nackten Schoenheit und in unserer nackten Freude.

Komm, komm! Pan blaest.

Die Bocksfuesse uebereinandergeschlagen, hockt er im Fichtenschatten,
Zottelbart, Waldschreck den Furchtsamen.

Wir aber tanzen vor ihm, nackt, ueber Blumen, zwei weisse Schmetterlinge,
trunken in Lust, trunken in nackter Lust.




2.


Lieber Gerdsen!

Herzlichen Dank fuer Ihren liebenswuerdigen Brief. Ja, schreiben Sie, Ihr
Plan ist vorzueglich. Ich stelle mich Ihnen ganz zur Verfuegung,
Eigentlich Pan-Roman, wie ich es meinte, wird es vielleicht nicht. Aber
einerlei. Sie haben recht: ab von dem Realismus Ihres letzten Romans.
Sie wissen, wie sehr ich ihn schaetze, hochwerte, diesen Realismus:
kuenstlerisch, aufrichtig, schlicht, ohne weitere Absichten als die des
treuen Bildners und Darstellers. Und dann der Humor, den Sie haben, und
ohne den es nicht gehen wuerde. Aber selbst dieser Humor macht diese
misera plebs, diese Kellerleute, Kaesekraemer und Ladenmaedchen nicht auf
die Dauer geniessbar. Lassen Sie diese Nullen, die kein Genie zu Zahlen
machen kann. Natur! Natur! Aristokratie!! Hoehenmenschen. Was wollen Sie
Duenger karren, statt uns Edelgewaechse zu ziehen.

Koennt ich's nur, wie Sie. Aber bei mir ist alles nur Wollen,
ohnmaechtiges Wollen. So muss ich mich denn mit der Natur begnuegen, dem
einzigen, was Ersatz fuer mangelnde Produktivitaet gibt, die Natur, die
uns erhebt, indem sie uns vernichtet. Die grosse Natur, die Herrscherin,
die Zerstoererin, die am groessten ist, wenn sie toetet. Das ist es, was
ich an der Natur so liebe: ihre Grausamkeit! Oder besser ihre
Gleichgueltigkeit! ihre voellige Verachtung des Menschen!

Das Meer! Nordsee! Sylt! Skagen! Nach Skagen muessen wir mal zusammen.

Hier ist es mir zu friedlich. Diese ewigen Wald- und Kornlandschaften,
diese sanften Huegel. Alles riecht hier nach Arbeit, nach Schweiss. Unser
taeglich Brot gib uns heute. Amen.

Ich will die Natur gross, frei, und den freien Menschen darin, nicht den
Sklaven. Brot, Speck und Gotteswort. Und ueber allem der Gendarm.

Und doch kann ich hier nicht wegfinden, liege hier so in einer Art
Halbschlaf, der alle Energie lahmt und keine Entschluesse aufkommen
laesst, Hans der Traeumer!

Nette, liebe, einfache Leute hier, fromm und bieder. _Landvolk_! Nicht
dieser ekelhafte Stadtpoebel, keine oede Sozialdemokraterei, diese
Weltanschauung aus Frechheit, Hunger, Halbbildung und Borniertheit
zusammengeschweisst. Eine Weltanschauung, die riecht.

Ich gehe mit dem Plan um, Einsiedler zu werden. Ich brauche nicht viel;
was ich von meiner Grosstante geerbt habe, reicht aus fuer zehn, zwanzig
Jahre; so lange wird die Maschine wohl aushalten. Haelt sie laenger vor
als das Oel, so muss man sie zerschlagen. Das ist das beste am Leben,
dass wir's wegwerfen koennen.

Sie kennen mein Ideal: einige Jahre Blockhauseinsamkeit am Meer,
zwischen den Schaeren Norwegens, am Amazonas oder irgendwo insulares
Suedseeparadies. Und ein Weib, das Chopin spielt und Saint Saens. Danse
macabre. Und draussen orgelt der Sturm und die Moeven schreien, oder die
Affen.

Schreiben sie bald, meine Adresse ist bis auf weiteres die hiesige.

Ihr Randers.




3.


Acht Tage war Randers schon in diesem Waldwinkel, statt an die See zu
gehen, wie es seine Absicht war. Wenn ihm jemand vorhergesagt haette, er
wuerde eine ganze Woche zwischen Feld und Wald in einem einsamen
Schulhause leben, wuerde er ihn ausgelacht haben. Er war kein Idylliker.
Er liebte weite Horizonte, Groesse, Erhabenheit in der Natur. Er liebte
das Meer.

Was hielt ihn nur hier fest unter dem langgestreckten Ziegeldach des
niedrigen Schulhauses mit dem kleinen baeuerischen Vorgarten voll greller
Astern und plumper Georginen? Das sah ja von der Landstrasse aus ganz
traulich und anheimelnd aus. Aber auf die Dauer war doch alles so eng,
kleinlich, so muffig. Dazu die zwei langen Blitzableiter auf dem Dach,
die dem ganzen so einen offiziellen Anstrich gaben: Dies ist eine
Schule.

Und dann die Familie des Lehrers!

Doch die gefiel ihm, er hatte wirklich nichts gegen sie. Gute, brave,
einfache Leute, und voller Aufmerksamkeit gegen ihren Sommergast. Sie
hatten einen solchen gesucht. Er hatte es unterwegs im Provinzboten
gelesen. Dann war er ihnen gleich vor die Tuer gefahren. Auf ein paar
Tage. Sie hatten ihn erst auf so kurze Zeit nicht aufnehmen wollen. Aber
er versprach zu raeumen, wenn sie das Quartier besser vermieten koennten.

Mit weicher Neugier hatten sie ihn ausgefragt. Nicht auf einmal, aber so
nach und nach. Sie mussten doch wissen, was er eigentlich war.

Ja, was war er? Eigentlich nichts.

Aber das haetten sie nicht verstanden, er fuehlte instinktiv, dass diese
Leute von seiner Jugend irgend eine nuetzliche Taetigkeit verlangen
wuerden. Freilich, er war ihnen ja keine Rechenschaft schuldig. Aber es
genierte ihn doch. Und so wollte er sich denn als Journalist vorstellen,
besann sich aber und sagte Schriftsteller.

"Sie schreiben wohl fuer Blaetter?"

"Ja, fuer Blaetter."

Alle sahn ihn mit unverhohlener Neugier an, nicht ohne Misstrauen. Und
der Lehrer sagte nochmal:

"So, f--ff--fuer die Blaetter."

Er hatte eine ungelenke Zunge. Er umging das Stottern, indem er die
widerspenstigen Laute vorsichtig anfasste und bedaechtig zoegernd wieder
entliess.

Randers hatte schon am dritten Tag den Koffer wieder packen wollen,
hatte es einen Tag aufgeschoben, weil es gerade regnete, einen andern,
weil es zu heiss war und er sich muede und unlustig fuehlte. Und nun war
er immer noch hier, hatte sich unmerklich eingewoehnt und liess es gehen,
wie es ging.

Tagsueber lag er auf dem Ruecken im Waldmoos, eingelullt von dem leisen
Rauschen des Buchenlaubes, dem einzigen Geraeusch, das ihm einigermassen
den eintoenigen Gesang des Meeres ersetzen konnte, oder er draengte sich
mit seiner langen, hageren Figur durch das dichte Unterholz, auf
schmalen, verwilderten Fusssteigen, wo es ihm besser gefiel als unter
den hohen Buchen, die er freilich nirgends so praechtig gefunden hatte
wie hier, ausgenommen natuerlich in Daenemark, seinem geliebten Daenemark.
Aber das niedere Dickicht hatte es ihm angetan. So ganz eingeschlossen
in der gruenen Wildnis, die ihn in Kopfhoehe ueberdachte, in unmittelbarer
Beruehrung mit diesem Gewirr von Zweigen und Blattwerk, so ganz in dieser
gruenen Enge eingeschlossen war es ihm erst wohl.

Einmal in diesen acht Tagen hatte ihn seine Sehnsucht an die Ostsee
gefuehrt, die ein paar Stunden von hier ihre schlaefrigen Wellen auf den
Sand des flachen, langweiligen Strandes warf.

Da hatte er ein Bad genommen und hatte dann fast zwei Stunden lang auf
dem Ruecken im warmen Sand gelegen, die kuehle Seeluft geatmet, Verse
gemacht und an ein kleines Maedchen in rotem Wollkleid gedacht. Gedanken,
die nicht tief herkamen, die aber hartnaeckig waren.

Es war eigentlich nur das rote Wollkleid gewesen, das ihn beschaeftigt
hatte. Diese grelle, rote Farbe, die wie ein Fleck auf allem lag, wohin
er sah, auf dem Wasser, auf dem gelben Sand, und in der hellen
zitternden Luft tanzte.

Ja, ja, das kam noch auf das bewusste Konto. Hallucinationen. Er hatte
auch gar zu wuest gelebt, den ganzen Winter. Aber er sollte ja auch nur
darueber hinweg kommen. So ein Abschied fuer immer ist keine Kleinigkeit.
Und es hatte doch tiefer bei ihm gesessen. Schliesslich geht's auf die
Nerven. Erst dies Verhaeltnis, dann der Alkohol, Kopfschmerz,
Schlaflosigkeit, Gespenster. Es war nicht mehr zum aushalten gewesen. Er
hatte zuletzt mit dem Arzt sprechen muessen. Der untersuchte ihn
gruendlich; kerngesund. Aber hier oben, mein Lieber, diese Knoten auf dem
Kopf da. Sehen sie sich vor. Etwas weniger Spirituosen. Es ist weiter
nichts als das. Gehen Sie ein paar Wochen an die See. Immer draussen.
Oder machen Sie eine Fusstour. Aber wie gesagt: hoechstens zwei Glas!

Das war's, was ihn seinen Koffer hatte packen lassen. Der Arzt hatte
recht, es ging wirklich nicht so weiter, wollte er noch ein paar Jahre
leben. Und das wollte er. Sein Leben lag doch noch vor ihm, das Leben,
das seiner Natur gemaess waere. Und das war ja sein einziges Streben, sich
mal ausleben zu koennen, ein paar Jahre nur, ganz souveraen, keinem willig
und gehorsam als nur den Geboten seiner Natur. Und dazu bedurfte er der
Gesundheit. Es kaeme ja sonst nicht darauf an, ein paar Jahre frueher oder
spaeter abzutreten. Aber nur jetzt noch nicht, jetzt, wo er endlich die
Mittel hatte, sich sein Leben nach seinen Wuenschen einzurichten. Zehn
Jahre wuerde sein kleines Kapital ausreichen, zehn Jahre ungebundenen
Sichauslebens. Die wollte er geniessen. Und dann? Er war nicht der Mann
sich mit dem zu beschaeftigen, was nach zehn Jahren sein koennte.




4.


Randers sass in halbliegender Stellung auf der Bank unter den alten
Buchen, die dem Schulhause gegenueber ihre hohen teilweise abgestorbenen
Kronen allen Winden aussetzten. Diese Buchen, einen geraeumigen Rundplatz
einfassend, bildeten gleichsam das Portal zu dem Unterholz, das sich an
dem ausgefahrenen Landweg hinzog und sich in einer Tiefe von einer
Viertelstunde Wegs vor dem huegeligen Hochwald lagerte.

Die Moosdecke dieses Platzes war schadhaft und zeigte Spuren von
Kinderspielen. Um die Bank herum war jede Vegetation von den Fuessen
niedergetreten. Das nackte Erdreich bildete eine harte Tenne. Da lagen
Papierfetzen und allerlei Abfall umher, der anzeigte, dass die
weiblichen Mitglieder der Lehrerfamilie hier oft ihren Aufenthalt nahmen
und einen Teil der haeuslichen Taetigkeit hierherverlegten.

Randers aergerte sich ueber diese Verunzierung des huebschen Waldplatzes,
diese "Besudelung der Natur" mit menschlichem Krimskram. Einen
grellbunten Fetzen eines schottischen Kleiderstoffes, der ihn besonders
erboste, hatte er wuetend mit der Spitze seines Spazierstockes hinter
sich geschleudert. Er wehte lustig, ein bunter Wimpel, in den Zweigen
eines jungen weissstaemmigen Birkenbaeumchens. Randers haette das Faehnlein
gerne da heruntergeholt, aber es war ihm zu muehsam, darum aufzustehen.

Er hatte gelesen, oder vielmehr zu lesen versucht: Storms "Waldwinkel".
Aber die unruhigen Schatten des leicht bewegten Laubes, die auf den
Blaettern des Buches einen Zittertanz auffuehrten und die Buchstaben mit
hineinrissen, und das leise Laubgelispel um ihn her stoerten ihn. Auch
das Schwaermen der Bienen belaestigte ihn. Es war ein ununterbrochenes
Summen um ihn. Aus den Stoecken des Lehrers kamen sie, ueber die Blumen
des Gartens und die Honigtraeger am Grabenrand der Landstrasse her, nach
dem breiten Waldsteig, wo Bienensaug, Brombeerbluete und hundert andere
suesse Schuesseln lockten.

Und dann war noch ein andres, was ihn ablenkte. Seine Gedanken kehrten
immer wieder zu Gerd Gerdsens Brief zurueck, den er heute morgen
beantwortet hatte.

Ja das koennte etwas werden! Das wuerde ihm Spass machen. Spass? Nein,
durchaus ernst wollte er es nehmen. Was gab es da nicht alles zu
berichten und zu--beichten. Er geriet in ein Gruebeln ueber sich und sein
Schicksal, und ging hier einen Weg zurueck und da einen anderen, um auf
die Anfaenge dieser und jener Richtung in seinem Charakter zu stossen.
Und die Wege fuehrten ihn zurueck in die Kindheit, in das kleine
Fischerdorf an der Ostsee. Er sah das vaeterliche Pfarrhaus vor sich, mit
den wilden Rosen um Tuer und Fenster, mit dem kleinen Blumengarten vorn
und dem grossen Kuechengarten hinten, der an den Deich stiess. Er sah das
bunte, rote Laub der Weinlaube, die weissen und lila Sterne der Astern,
den ganzen farbigen Herbstgarten.

Warum er nur die Heimat immer im Herbstschmuck sah? Weil da die Aepfel
reif waren? Oder waren es nicht die Aepfel, sondern nur die Aussicht auf
die See, die er auf dem luftigen Sitz im Apfelbaum genoss, was ihm diese
Erinnerung so wert machte?

Die Kronen der alten krummaestigen Baeume ragten ueber den niedrigen Deich
hinueber, und es war lustig, da oben zu sitzen und mit den Blicken den
Segeln draussen zu folgen. Aber lustiger noch war es auf der alten
Pappel, lustiger und hoeher. Wie er das erstemal da hinauf geklettert war
und so hoch ueber der Erde, ganz den Blicken entzogen, auf die weite See
hinaussah, war ihm zum ersten Mal das Gefuehl romantischer Einsamkeit mit
suessen Schauern aufgegangen.

Wie oft hatte er da oben gesessen und sich seinen Traeumen ueberlassen,
Traeumen, die ihn hinaustrugen auf das weite Meer, in fremde Laender, auf
einsame Inseln, durch Sturm und Gefahren.

Ja, da oben war er zu dem geworden, was er war, da oben hatte er diese
Liebe zur Freiheit eingesogen, den Drang, sich abzusondern, immer in
Pappelhoehe ueber der Menge. Was konnte er von da oben nicht alles
uebersehen! Den kleinen Fischerhafen, die kleine Flotte der
Fischerkutter. Er kannte jedes Fahrzeug, jedes Segel. Da lag auch des
alten Joenksen Boot, des alten Schweden, von dem er den ersten Schluck
Branntwein bekam, und da lag, wenn er sich auf seinem hohen Sitz
umdrehte, die Huette des alten Joenksen, nur durch zwei andere Huetten vom
Pastorat getrennt. Man konnte von dem hinteren Pfarrgarten ueber die
kleinen Nachbargaerten hinweg in Joenksens Garten sehen, wo immer Waesche
hing, Waesche, fuer die Randers ein besonderes Interesse hatte, denn sie
war von Inge Joenksen da hingehaengt. Inge, die fuenfzehnjaehrige Inge
Joenksen! Das war seine erste Liebe gewesen.

Ach, die Romantik dieser ersten Liebe, die ihre junge Brust dem Meerwind
bot, und sich auf den Wellen schaukelte, oder klopfenden Herzens hinter
dem Zaun des vaeterlichen Gartens stand und hinueberlugte, wo Inges
blonder Zopf schwankte und ihre braunen Arme sich hoben und senkten und
grobe blaue Wollhemden, dicke graue Struempfe, und verwaschene Schuerzen,
alles vielfach gepflickt und gestopft, ueber die Waescheleine klammerten.

Aber am schoensten war es doch, wenn sie zusammen in ihres Vaters Boot
hinausfuhren und sich unter das braune Segel duckten, wenn der Alte den
Kurs aenderte und das breite Tuch klatschend herumschlug. Wie lustig das
war! Wie die Inge lachen konnte! Und wobei gibt es wohl mehr zu lachen,
als wenn zwei junge Menschenkinder, die sich gerne haben, gezwungen
werden, schnell die Koepfe zusammenzustecken. "Achtung! Kopf weg!"

O, was konnte er Gerd Gerdsen alles von Inge und dieser schoenen Zeit
erzaehlen. Daraus konnte der allein einen rechtschaffenen Roman zimmern.
Wie lebendig stand alles vor ihm, die ganze Idylle seiner gluecklichen
Jugend in dem kleinen Fischerhafen. Er wollte das festhalten fuer Gerd
Gerdsen, heute nachmittag noch. Und er wollte alles unterstreichen fuer
den Chronisten seines Lebens, was einen Keim trug zu seiner spaeteren
Entwickelung. Die See mit ihrem Einfluss, das fromme, aber nicht strenge
Leben im Elternhaus, das ungebundene Treiben mit den Dorfkindern, die
Pappel; ja die vor allem! Merkwuerdig, er sah immer diese Pappel vor
sich, als waere sie der Mittelpunkt seiner ganzen Jugendzeit, der Mast,
um den sich dieses ganze lustige Karussell drehte.

Und dann die Schnapsflasche des alten Joenksen. Brrr! Er erinnerte sich
noch des ersten Schluckes und seiner hoellischen Wirkung. Auch diese
Schnapsflasche durfte er seinem Chronisten nicht unterschlagen, sie
gehoerte mit zu den "Quellen". Und darauf kam es ja an, alle Quellen
bloss zu legen, aus denen sein Leben sich speiste, alle Baeche und
Baechlein, die zusammenflossen zu dem einen raetselhaften Gewaesser voller
Klippen und Untiefen, das sich der Charakter des Doktors der Philosophie
Henning Randers nannte.

Ja, es sollte dem Freund nicht an Daten und Dokumenten fehlen. Er wollte
ihm sitzen geduldig und nackt, ohne Schleier. Und dann wuerde es etwas
werden, wovor jeder die Augen aufreissen wuerde, und er selbst wollte mit
einer wehmuetigen Lust vor seinem Bilde stehn, und mit einer diabolischen
Freude ueber diese Selbstprostituierung.

Dieser Gedanke machte ihn mit einmal lebendig. Er steckte das Buch zu
sich und ging mit dem Ausdruck eines Menschen, der in einer wichtigen
Sache einen guten Entschluss gefasst hat, leicht und schnell den Waldweg
hinauf. Einen Augenblick zoegerte er beim ersten Jaegersteig, der in das
Buschwerk abbog und dessen dunkle Oeffnung ihn so einladend ansah, aber
er blieb diesmal auf dem breiten Weg, dem Holz, und Wildfuhren tiefe
Furchen eingegraben hatten.

Der Weg war sonnig. Das niedre Seitenholz warf seinen Schatten um diese
vorgerueckte Morgenstunde kaum einen Fuss breit. Da gab es Bienensaug und
gelben Loewenzahn, und roten und weissen Klee, und Maennertreu und wilde
Stiefmuetterchen. Hin und wieder an feuchten Grabenstellen
Vergissmeinnicht, in grossen Mengen bei einander. Und ueberall am
Waldrand hin Farren und Feldschachtelhalm. Und ueberall Bienen und
Schmetterlinge.

Um einen Brombeerstrauch, der an seinem schattigen Platz etwas
zurueckgeblieben war und fast noch ganz in Bluete stand, gaukelte ein
Schwarm Kohlweisslinge, darunter zwei himmelblaue Zwergfalter. Randers
blieb stehen und sah eine Weile diesen leuchtenden, flimmernden,
lautlosen Schmetterlingsspielen zu. Es unterhielt ihn, belustigte ihn,
wie sich Schmetterlinge und Bienen die suessen Tropfen streitig machten.
Es war ein aehnliches Behagen, wie das, womit er zusah, wenn sich zwei
Jungen balgten. Wer ist der staerkere? Ha! Bravo! Der sitzt! Recht so,
zeig's ihm!

So stand er und sah laechelnd in diese Fluegelschlacht.

Es war ein bestaendiges Kommen und Fliehen und das Gezitter und Gefaechel
aller dieser weissen Fluegel ueber den weissen Blueten in der hellen
weissen Sonne blendete ihn zuletzt.

Es war ganz still. Man hoerte nichts als das anheimelnde Summen der
Bienen. Hin und wieder das Geraeusch knackender Zweige, wenn ein
Tannenzapfen zu Boden fiel, oder ein Taubengurren, und von den
entfernten Weiden her das gedaempfte Bruellen der Rinder.




5.


Am Lohteich traf Randers auf Claus Mumm, den Holzfaeller.

Der Lohteich war ein kleiner Waldsee, ganz von hohen Buchen umgeben,
deren weitueberhaengende Zweige sich nach den weissen Wasserrosen zu
sehnen schienen, die in ihrem Schatten auf dem stillen Wasserspiegel
schwammen. Im Schilfguertel standen ein paar hohe gelbe Schwertlilien,
leuchtend in dem saftigen Gruen um sie her.

Randers kaempfte mit der Lust eine besonders praechtige Lilie zu pfluecken,
als Claus Mumm heranschluerfte und seine Aufmerksamkeit ablenkte.

Der Alte ging gebueckt unter einer Last duerren Zweigholzes und gestuetzt
auf einem derben Knueppel, den er irgendwo aufgelesen haben mochte. Er
rueckte mit der Hand etwas an seiner grauen Wollmuetze und sah mit scheuem
Blick aus den kleinen, trueben, rotumraenderten Augen zu Randers auf. Ein
stummer unterwuerfiger Gruss, in dem viel Druck lag. Der Alte seufzte
unter mehr als unter der Last des seinem muerben Ruecken aufgeladenen
Holzes.

"Dag Mumm, wo geit?"

Der Alte blieb stehen.

"Na, woans is dat? hebben Se noch nix huert?"

"Ne Herr! He sitt ja nu erst."

Er sah kaum auf beim Sprechen, seine Stimme klang engbruestig, pfeifend.
Eine traurige, gedrueckte Stimme, die zu den scheuen, traurigen, kranken
Augen passte.

"Hebben Se denn Hoffnung?" fragte Randers

Ein kurzer Aufblick der mueden Augen war die ganze Antwort. Dann setzten
sich die alten Beine in schluerfende Bewegung. Es lag etwas
Hoffnungsloses in diesem stummen Abbrechen.

"Adjues Mumm," rief Randers ihm nach. "Laten Se man den Mood nicht
sinken."

Petersen, der Lehrer, hatte ihm von dem Alten erzaehlt, dessen einziger
Sohn wegen Mordes in Untersuchungshaft sass. Es war nur eine halbe
Erzaehlung geworden, durch Dazwischenkunft anderer gestoert. Nachher waren
sie nicht wieder darauf zurueckgekommen. Jetzt war Randersens Neugier
durch diese Begegnung wieder rege geworden. Den Alten selbst hatte er
nicht ausfragen moegen.

Es war ein Maedchenmord, an der eigenen Geliebten begangen, die
unverstaendliche Tat eines ueberall beliebten, unbescholtenen Burschen.
Ein Raetsel. Um eine aeltere Verpflichtung gegen eine andere, die ein Kind
von ihm trug, erfuellen zu koennen, hatte er den Mord begangen. Warum
toetete er nicht die ungeliebte, unbequeme Mahnerin?

Randers dachte sich in die Seele dieses einfachen Knechtes hinein. Der
Fall interessierte ihn. Es war etwas fuer seinen psychologischen
Spuersinn. Und nun kombinierte er sich so eine Bauernpsyche nach seinem
Bilde, und es lag ihm alles so klar auf der Hand, und er wollte eine
Novelle daraus machen, er oder Gerd Gerdsen. So eine moderne
Bauernnovelle fuer die Feinschmecker.

Er lachte bitter auf bei dem Gedanken. Da wollte er mal wieder etwas.
Was wollte er nicht alles. Er wuerde auch diesmal nicht ueber den Plan
hinauskommen, er der grosse Woller und Nichtskoenner. Aber einerlei,
vielleicht glueckte es diesmal. Hier war ein bestimmter Fall, hier lagen
Tatsachen vor, Dokumente. Petersen musste noch mal heran. Der erzaehlte
so nett umstaendlich, mit allem Drum und Dran, was einen andern zur
Verzweiflung bringen musste, aber fuer den Psychologen gerade das rechte
war, weil es ihm Faeden in die Hand gab.

Auf huegeligen Wegen hatte Randers allmaehlich auch den Hochwald
durchquert. Der schmale Waldstieg muendete durch einen Wallausschnitt in
einen sanftabfallenden Landweg. Reifender Roggen dehnte sich weit aus,
ein gelbes, unbewegtes Feld, dahinter ein Schlag noch graugruenen Hafers,
dann, aus einer Talmulde heraus, Strohdaecher, ein ganzes Dorf. Ganz
hinten Wald, lang ausgestreckt.

Randers erkletterte den buschigen Wall, um besser Rundschau halten zu
koennen.

"Ob man weiter geht?" sagte er laut.

Eine heisse Luft lag ueber den Feldern, ein flimmernder Dunst. Der Himmel
spannte sich wolkenlos darueber.

Randers stand regungslos und sah in die sonnige Landschaft hinein, wie
hypnotisiert von dem Meer von Licht da draussen.

"Die Sonne bei der Arbeit," sprach er halblaut. "Die Sonne beim
Brutgeschaeft. Diese grosse Muttertaetigkeit." Es lag ein leiser
Widerwille im Ton.

"Diese ewige Zeugung, dieses unendliche Gebaeren. Sinnlos, zwecklos.
Wozu? Diese ekelhafte Geilheit der Natur."

Nein, er wollte da nicht hinein in diese Bruthitze. Er wollte zurueck in
den Wald. Da draussen war ein Schweissduft ueber der ueppigen
Kornlandschaft. Muehseliges Sichabrackern ums taegliche Brot.

Im Wald roch er wenigstens den Menschen nicht.

Er wandte sich ab und sprang mit geschlossenen Beinen, etwas steif von
dem Wall herunter, dass das trockene Bodenlaub unter seinen Fuessen
aufraschelte und die duerren Zweigabfaelle knackten.

Er ging ziellos durchs Unterholz und traf auf einen Himbeerstand.

Er erinnerte sich, dass Schullehrers Christine ihm von einem solchen
gesprochen hatte. In der Naehe des Lohteiches sollte er sein.

Es war ein ganzes Himbeerfeld, mehr ein kleiner Himbeerwald. Busch an
Busch, voller roter, reifer Fruechte. Er naschte. Er gab nicht viel um
dergleichen Schmaus. Aber er konnte die Dinger doch nicht haengen sehen,
ohne zu pfluecken, wahllos, wie sie ihm am naechsten hingen.

Dann bekam er es satt und legte sich auf den Ruecken. Der Boden war
stellenweise glatt und sauber, zum Ruhelager wohl geeignet. Es standen
nur wenige grosse Baeume hier, und er hatte einen freien Blick auf ein
grosses Stueck Himmel. Es hing nur ein einziges Woelkchen da oben, wie
vergessen. Eine weisse, duftige Feder, zierlich geschweift, ein Flaum.




6.


Randers lag im Schatten, die Arme unter dem Genick verschraenkt, und
starrte in die Sonne hinaus. Und da waren gleich wieder die roten
Flocken, tanzten vor seinen Augen. Das rote Roeckchen von Schullehrers
Christine.

Sie hatte gestern hier Himbeeren geholt. Ob sie heute wieder pfluecken
wuerde? Und er sah sie vor sich, in ihrem roten, etwas kurzen Kleid, aus
dem die Fuenfzehnjaehrige herausgewachsen war, mit ihren zwei schweren,
schwarzen Zoepfen, und der adretten, etwas kecken Haltung, frisch,
kernig, gesund.

Sie war ihm gleich aufgefallen, und er mochte das huebsche Ding leiden.
Das Kind! Und er hatte es sie unverhohlen merken lassen, indem er sie
mit etwas onkelhafter Guete behandelte.

Aber neulich, vor drei Tagen, als sie in spaeter Abendstunde neben ihm
vor der Haustuer stand, ein Gewitter hatte sie laenger wach gehalten, da
hatte sie so eigen mit ihren grossen schwarzbraunen Augen zu ihm
aufgesehn und auf seine Reden immer nur verschaemte wortkarge Gegenrede
gewusst.

Auch jetzt sah er diese grossen, dunklen Kinderaugen mit diesem
wunderlichen halb scheuen halb fragenden Ausdruck so aus dem Leeren auf
sich gerichtet. Dann schoss das andere so zusammen, und zuletzt haette er
sie zeichnen koennen, so deutlich sah er sie vor sich: das rote Roeckchen
mit dem verschaemten Flicken unten am Saum, die etwas grossen Fuesse in
den Holzpantoffeln, die grauen, groben Struempfe um die vollen festen
Waden.

Als er so an sie dachte, kam sie, kam wie gerufen. Er erstaunte nicht
mal darueber. Nur ein fluechtiges Laecheln, ein leises vergnuegtes
Schmunzeln ging ueber sein Gesicht, und den Kopf ein wenig erhoben, um
besser sehen zu koennen, nickte er wie zur Bestaetigung eines
unausgesprochenen Gedankens.

Sie war ohne Hut, ganz wie sie im Hause, in der Wirtschaft ging, aber in
Stiefeln, statt in Pantoffeln. Sie trug einen grossen, braunen
Henkelkrug, aus dem sie naschte. Sie mochte schon unterwegs Beeren
gepflueckt haben, sie standen ueberall reichlich, freilich nirgend so wie
hier.

Sie sah ihn nicht und fing gleich an zu pfluecken.
    
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