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Aus meinem Leben - Zweiter Teil
Author Language Character Set
August Bebel German ISO-8859-1


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Alte--wie er den Inspektor bezeichnete--sei zum Direktor befohlen worden
und dieser habe ihm aus einem Briefe, den ein entlassener Gefangener
geschrieben habe, alle seine Sünden vorgerückt und ihm furchtbar den
Marsch geblasen. Der Alte sei ganz aufgeregt zu ihnen, den Aufsehern,
gekommen und habe sofort Order für Abstellung der Uebelstände gegeben.
Der Aufseher erzählte mir das mit großer Genugtuung, selbstverständlich
hütete ich mich, ihn merken zu lassen, wer der Briefschreiber gewesen
war.

*       *       *       *       *

Anfang Mai veröffentlichte das Zentralwahlkomitee einen Ausruf für die
Abhaltung eines Sozialistenkongresses, der in der Zeit vom 15. bis 18.
Juni abermals in Gotha stattfinden sollte. Unter den Punkten der
Tagesordnung befand sich als Punkt 3: Beratung über die Stellung der
Sozialdemokratie zum Staats- und Gemeindebetrieb, für den ich mit
Rittinghausen als Berichterstatter angemeldet wurde. Den Anstoß zu
diesem Beratungspunkt gab der Bismarcksche Plan, die Eisenbahnen in
Reichsbesitz zu bringen, ferner das Tabakmonopol einzuführen, ein Plan,
der damals zwar noch nicht öffentlich erörtert worden war, aber es war
durchgesickert, daß in den Verhandlungen Bismarcks mit Herrn v.
Bennigsen das Tabakmonopol eine Rolle gespielt habe. Auch hatte unser
Parteigenosse Rittinghausen sich für die Verstaatlichung des
Versicherungswesens öffentlich ausgesprochen und damit in der Partei
nicht überall Zustimmung gefunden.

Der geplante Kongreß kam aber nicht mehr zur Ausführung, die
eintretenden Ereignisse machten ihn unmöglich.




Das Hödel-Attentat und seine Folgen.


Am 12. Mai wurde mir in meine Zelle die Nachricht, die mich im höchsten
Grad überraschte, überbracht, daß am Tage zuvor, nachmittags 3 Uhr, ein
gewisser Hödel aus Leipzig, der Sozialdemokrat wäre, ein Attentat auf
den alten Kaiser gemacht habe, der aber unverwundet geblieben sei. Mir
erschien der Vorgang zunächst unerklärlich. Der Name Hödel _alias_
Lehmann war mir bekannt. Hödel war das Jahr zuvor in Leipzig in der
Partei aufgetaucht. Persönlich kannte ich ihn nicht. Da er keine Arbeit
hatte, vielleicht auch keine nehmen wollte--er hatte als Klempner
gelernt--, hatte er sich mit der Verbreitung unseres Leipziger
Lokalorgans, "Die Fackel", und mit dem Verkauf sozialistischer Schriften
beschäftigt. Aber er erwies sich bald als Schwindler. Er unterschlug die
eingenommenen Gelder, was die Expedition der "Fackel" schon am 5. April
veranlaßte, bekannt zu machen, daß Hödel der Vertrieb des Blattes
entzogen worden sei. Ferner hatte einige Tage später die Leipziger
Parteimitgliedschaft beschlossen, Hödels Ausschließung aus der Partei zu
beantragen, und in der Tat hatte das Zentralwahlkomitee den Ausschluß
Hödels aus der Partei am 9. Mai, also zwei Tage vor seinem Attentat,
öffentlich im "Vorwärts" bekannt gemacht.

Hödel hatte sich alsdann, nachdem er bei uns unmöglich geworden war, an
den nationalliberalen Agitator Sparig und die Redaktion des
nationalliberalen "Leipziger Tageblatts" gewendet und lieferte diesen
für Geld eine Reihe unwahrer und übertriebener Anklagen gegen die
Partei, die das "Leipziger Tageblatt" gegen uns ausschlachten versuchte.
Nachdem er in Leipzig seine Mission gegen die Partei erfüllt hatte,
suchten ihn Sparig und Konsorten los zu werden; sie gaben ihm das Geld
zur Reise nach Berlin. Hier angekommen, hielt er es mit beiden Lagern.
Er trat in einen sozialdemokratischen Verein und gleichzeitig in die
christlichsoziale Partei des Hofpredigers Stöcker ein, um den sich
damals eine große Zahl katilinarischer Existenzen aus den
verschiedensten Schichten gesammelt hatte. So auch der Schneider
Grüneberg, der zwei Jahre zuvor in Stuttgart und München von der
sozialdemokratischen Partei wegen Betrügereien ausgeschlossen worden
war. Grüneberg, der später auch von Stöcker gegangen wurde, verriet, daß
neben Hödel auch Dr. Nobiling, der spätere zweite Attentäter auf den
Kaiser, Mitglied der christlichsozialen Partei gewesen war. Er,
Grüneberg, habe auf Geheiß des Hofpredigers eine neue Mitgliederliste
anfertigen müssen, in der der Name Nobilings fehlte. In Berlin hatte
Hödel sowohl sozialdemokratische wie christlichsoziale Blätter und
Schriften, so den "Staatssozialist" und ein Flugblatt "Ueber die Liebe
zu König und Vaterland" verbreitet. Als er verhaftet wurde, fand man
auch Photographien von Liebknecht, Most und mir bei ihm, mit denen er
handelte. Ueber die moralische Qualifikation dieses Menschen konnte wohl
kein Zweifel bestehen.

Sobald Bismarck die Nachricht von dem Hödelattentat in Friedrichsruh
erhielt, telegraphierte er nach Berlin: _Ausnahmegesetz gegen die
Sozialdemokratie_, woraus ersichtlich war, wie gierig er auf irgend eine
Gelegenheit wartete, der verhaßten Partei womöglich den Todesstoß zu
versetzen. Anfangs nahmen die Oeffentlichkeit und die Presse die
Nachricht von dem Attentat ziemlich kühl auf. Als einzelne Blätter den
Versuch machten, die Sozialdemokratie für das Attentat verantwortlich zu
machen, wies der offiziöse Hamburger Korrespondent in einem Artikel
nach, daß binnen 78 Jahren 35 Meuchelmorde und Meuchelmordversuche gegen
hervorragende politische Peinlichkeiten vorgekommen seien, und zwar von
Angehörigen der verschiedensten Parteien. Die Anklage, der politische
Meuchelmord sei am Holze der Sozialdemokratie gewachsen, sei unhaltbar.
Auch im Reichstag faßte man den Vorgang zunächst noch so kühl auf, daß
ein Antrag von uns auf Einstellung eines Strafverfahrens gegen Most am
14. Mai ohne jede Debatte angenommen wurde.

Bei seiner ersten Vernehmung bestritt Hödel, daß er auf den Kaiser habe
schießen wollen, er habe vielmehr die Absicht gehabt, Selbstmord zu
begehen als Zeichen der Erbärmlichkeit unserer Zustände, die ihn dazu
genötigt hätten. Dafür sprach, daß, als er verhaftet wurde, er keinen
Pfennig in der Tasche hatte und daß der Revolver, den er benutzte, ein
elendes Ding war, der, wie der Büchsenmacher, der ihn untersuchte,
feststellte, auf wenige Schritte sein Ziel verfehlen mußte. Es wurde
weiter festgestellt, daß Hödel als uneheliches Kind seiner Mutter, die
einen Lehmann geheiratet hatte, weshalb er sich auch zeitweilig Lehmann
nannte, eine schlechte Erziehung genossen hatte. Man hatte ihm zwar das
Hirn mit Katechismus- und Bibelsprüchen vollgepfropft, aber er konnte
keinen Satz richtig schreiben. Außerdem wurde eine venerische
Verseuchung bei ihm festgestellt. Als er zur Gerichtsverhandlung geführt
wurde, betrat er blöde lachend den Gerichtssaal, und mit demselben
Lachen verließ er ihn nach seiner Verurteilung. Einen Brief, den er an
seine Eltern schrieb, unterzeichnete er: Max Hödel, Attentäter Sr.
Majestät des Deutschen Kaisers. Festgestellt war auch worden, daß er von
Jugend auf ein Lügner und Dieb war. Das ganze Benehmen des Mannes war,
wie der Gerichtshof, der ihn nichtsdestoweniger zum Tode verurteilte,
feststellte, das eines _geistig und körperlich zerrütteten Menschen_.
Und wegen der Tat eines solchen Menschen sollte die deutsche
Sozialdemokratie ans Kreuz geschlagen werden.

Hödel hatte den Rechtsanwalt Otto Freitag in Leipzig als Verteidiger
gewünscht. Freitag erklärte sich auch bereit, die Verteidigung zu
übernehmen, er verlangte aber die Zusendung der Akten und eine
achttägige Frist zum Studium derselben und zur Vorbereitung der
Verteidigung. Bezeichnenderweise wurde ihm beides _abgeschlagen_. Man
hatte es sehr eilig mit Hödels Prozeß und Hinrichtung. Hödel erhielt
jetzt einen Offizialverteidiger, der nichts Besseres zu tun wußte, als
sich vor Gericht zu entschuldigen, daß ihn das Los getroffen habe, die
Verteidigung eines Hochverräters übernehmen zu müssen. Hödels Kopf fiel
unter dem Beil des Henkers. Als Professor Virchow bat, ihm den Kopf
Hödels zur anatomischen Untersuchung zu überlassen, _wurde ihm dieses
verweigert_.

Die Hinrichtungsurkunde mußte der Kronprinz Friedrich unterzeichnen, der
die Stellvertretung des Kaisers übernommen hatte, nachdem dieser
mittlerweile durch das am 2. Juni erfolgte Nobilingsche Attentat schwer
verwundet worden war. Der Kronprinz hat dann während seiner Regentschaft
kein einziges Todesurteil mehr unterzeichnet, obgleich sich unter den
Verurteilten ein Doppelmörder befand. Auch noch andere Symptome sprachen
dafür, wie anders er die ganzen Vorgänge auffaßte.




Das erste Ausnahmegesetz.


Das Verlangen Bismarcks nach einem Ausnahmegesetzentwurf gegen die
Sozialdemokratie wurde bald erfüllt. Bereits am 12. Mai traf Bismarcks
_Entwurf_ für ein Ausnahmegesetz in Berlin ein, den 14. Mai war derselbe
von seiner Kanzlei fertig gestellt worden und fand seine Zustimmung.
Bereits am 16. wurde derselbe vom Bundesrat genehmigt--am eifrigsten
plädierte die sächsische Regierung dafür--und am 20. Mai kam er mit den
Motiven an den Reichstag, der ihn schon am 23. auf seine Tagesordnung
setzte.

Den Nationalliberalen war bei diesen ganzen Vorgängen nicht wohl zumute;
sie fühlten instinktiv, daß Bismarck noch andere Pläne im Hintergrund
habe, die sich gegen sie selbst richteten. In der preußischen Regierung
waren Wandlungen vor sich gegangen, die nichts Gutes ahnen ließen. Statt
des Eintritts von Bennigsen und Forckenbeck in das Ministerium, waren
zwei Hochkonservative, der Graf Botho zu Eulenburg und der Graf Udo zu
Stolberg-Wernigerode, derselbe, der 1909 als Präsident des Reichstags
starb, berufen worden. Der freihändlerische liberale Finanzminister v.
Camphausen hatte ebenfalls seinen Abschied nehmen müssen und kam an
seine Stelle der charakterschwache nationalliberale Hobrecht. Ebenso
mußte der liberale Kultusminister Falk, der Verfasser der Maigesetze
gegen das Zentrum und des einzig liberalen Gesetzes aus dem Kulturkampf,
des Gesetzes über die Einführung der Zivilstandsregister, das Feld
räumen, was eine große Konzession an das Zentrum bedeutete. Die
Nationalliberalen hatten also alle Ursache zum Mißtrauen.

Nach der sechs Paragraphen umfassenden Sozialistengesetzvorlage konnten
Drucksachen und Vereine, welche die Ziele der Sozialdemokratie
verfolgten, vom Bundesrat verboten werden. Dem Reichstag mußte, sobald
derselbe versammelt war, Mitteilung von den Verboten gemacht werden. Ein
Verbot mußte außer Kraft gesetzt werden, wenn der Reichstag dies
verlangte. Die Polizeibehörden konnten die Verbreitung von
Druckschriften auf öffentlichen Wegen, Straßen, Plätzen oder anderen
öffentlichen Orten vorläufig verbieten. Das Verbot sollte erlöschen,
wenn nicht innerhalb vier Wochen die Druckschrift seitens des Bundesrats
verboten wurde. Das Verbot und die Auflösung von Versammlungen war ganz
und gar in die Hände der Polizei gelegt. Berufung sollte es hiergegen
nicht geben. Die Zuwiderhandlungen gegen die Verbote sollten mit
Gefängnis bis zu fünf Jahren bestraft werden. Die Beschlagnahme einer
Druckschrift sollte ohne richterliche Anordnung vorgenommen werden
können. Vorsteher von verbotenen Vereinen, Unternehmer und Leiter von
verbotenen Versammlungen und diejenigen, die ein Lokal für einen
verbotenen Verein oder eine verbotene Versammlung hergaben, sollten mit
einer Mindeststrafe von nicht unter drei Monaten belegt werden. Das
Gesetz sollte für einen Zeitraum von drei Jahren Gültigkeit haben.

In der Annahme, die Fraktion werde bei Beratung der Vorlage durch einen
ihrer Redner gegen dieselbe scharf ins Zeug gehen, schrieb ich Motteler
unter dem 20. Mai aus dem Gefängnis:

"Da die Einbringung der Ausnahmemaßregel Tatsache ist, so mag
derjenige, der von unserer Seite dazu zum Wort kommt, nicht vergessen,
daß seine Rede in einigen hunderttausend Exemplaren verbreitet werden
muß. Auch ist zu beachten, daß im Falle der Ablehnung der Vorlage der
Reichstag ausgelöst wird, wir also vor einer Wahlkampagne stehen und
dann diese Rede ihre Dienste leisten muß. Also vor allen Dingen alles,
was auf den Täter Bezügliches in unseren Händen ist, Punkt für Punkt
erörtert.

Das Sonntag-Morgenblatt der Frankfurter Zeitung bringt einen guten
Leitartikel, den ich Euch zur Beachtung empfehle. Der Gesetzentwurf
grenzt an Wahnsinn."

Die Fraktion hatte aber nach längerer Beratung beschlossen, durch
Liebknecht eine Erklärung abgeben zu lassen und sich an den weiteren
Verhandlungen nicht zu beteiligen.

Die Beratung im Reichstag wurde eingeleitet mit einer kurzen Rede des
Grafen zu Eulenburg. Dann erhielt Liebknecht das Wort zu folgender
Erklärung:

"Der Versuch, die Tat eines Wahnwitzigen, noch ehe die gerichtliche
Untersuchung geschlossen ist, zur Ausführung eines lang vorbereiteten
Reaktionsstreichs zu benutzen und die "moralische Urheberschaft" des
noch unerwiesenen Mordattentats auf den deutschen Kaiser einer Partei
aufzuwalzen, welche den Mord in jeder Form verurteilt und die
wirtschaftliche und politische Entwicklung als von dem Willen
einzelner Personen ganz unabhängig auffaßt, richtet sich selbst so
vollständig in den Augen jedes vorurteilslosen Menschen, daß wir, die
Vertreter der sozialdemokratischen Wähler Deutschlands, uns zu der
Erklärung gedrungen fühlen:

Wir erachten es mit unserer Würde nicht vereinbar, an der Diskussion
des dem Reichstage heute vorliegenden Ausnahmegesetzes teilzunehmen
und werden uns durch keine Provokationen, von welcher Seite sie auch
kommen mögen, in diesem Beschluß erschüttern lassen. Wohl aber werden
wir uns an der Abstimmung beteiligen, weil wir es für unsere Pflicht
halten, zur Verhütung eines beispiellosen Attentats auf die
Volksfreiheit das Unserige beizutragen, indem wir unsere Stimmen in
die Wagschale werfen.

Falle die Entscheidung des Reichstags aus wie sie wolle--die deutsche
Sozialdemokratie, an Kampf und Verfolgungen gewöhnt, blickt weiteren
Kämpfen und Verfolgungen mit jener zuversichtlichen Ruhe entgegen, die
das Bewußtsein einer guten und unbesiegbaren Sache verleiht."

Nach Liebknecht nahm Bennigsen das Wort. Er hielt eine Rede, die ich für
die beste ansehe, die er bis dahin gehalten hatte; sie zeigte, daß er
auch anders konnte und daß er vermochte, die Dinge auch von einem
höheren Standpunkt, als er bisher bei den nationalliberalen Rednern zur
Geltung kam, zu beurteilen. Es sei die Ansicht laut geworden, führte er
unter anderem aus, die Regierung habe die Vorlage eingebracht, obgleich
sie wisse, daß sie abgelehnt werde. Er erwarte, daß diese Ansicht
dementiert werde. Er wies auf die Unsicherheit und die schwankenden
Verhältnisse in der Regierung hin, die niemals so schlimm gewesen seien
wie jetzt. _In Preußen sei die Ministerkrise in Permanenz._ Wolle man
diktatorische Gewalt, müsse man vor allen Dingen wissen: wer übt sie
aus? Seine Partei könne kein Ausnahmegesetz wie das verlangte
bewilligen, die Geschichte zeige, wohin diese führten und daß sie nichts
nützten. Er machte darüber längere historische Betrachtungen. Weiter
sprach er sich im Laufe der Rede für das Aufhören des Kulturkampfes aus.
Das war der müde Mann, der einen Kampf beendigt zu sehen wünschte, bei
dem bisher die sogenannten Kulturkämpfer keine Seide gesponnen hatten,
obgleich einstmals er und seine Freunde diesen Kampf unter Führung
Bismarcks mit Jubel begrüßt und durchgefochten hatten. Schließlich erbot
er sich, auf dem Boden des gemeinen Rechtes im nächsten Jahre eine
Vorlage durchbringen zu helfen, die die bürgerliche Freiheit mit
gesetzlicher Ordnung und fester Autorität im öffentlichen Leben für alle
Klassen vereinige.

Er erbot sich also jetzt zu dem, was er und seine Freunde zwei Jahre
früher mit guten Gründen abgelehnt hatten. Das war wieder ganz
nationalliberal. Aber die Ereignisse schritten über diese Vorsätze
hinweg und zwangen Bennigsen und seine Freunde, doch zu tun, was sie
augenblicklich ablehnten.

Nach zweitägiger Verhandlung wurde § 1 der Vorlage mit 243 gegen 60
Stimmen bei 6 Enthaltungen abgelehnt. Noch stimmte das Zentrum
geschlossen gegen die Vorlage; von den Nationalliberalen erklärten sich
die Professoren Beseler, Gneist und v. Treitschke dafür. Nach diesem
Resultat zog die Regierung die Vorlage zurück.

War das Ausnahmegesetz einstweilen gefallen, so veranlaßte nunmehr Graf
zu Eulenburg durch einen Erlaß vom 1. Juni an die Polizeibehörden diese
zu scharfem Einschreiten gegen die Partei. "Es sei Pflicht, der
sozialdemokratischen Agitation entschieden entgegenzutreten und zu
diesem Zwecke von den zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln, unter
sorgfältiger Einhaltung der durch die Gesetze gezogenen Schranken,
innerhalb derselben aber bis an die Grenze des Zulässigen Gebrauch zu
machen."

Einer solchen Aufforderung bedurfte es nicht erst. Die Polizei zeigte
überall den größten Eifer für ihre staatsretterische Tätigkeit und
Staatsanwälte und Richter nicht minder.




Das Nobiling-Attentat und seine Wirkung.


Ich war Ende Mai aus der Haft entlassen worden. Am 2. Juni, einem
Sonntag, machte ich mit Frau und Kind einen Spaziergang, von dem wir
nach 7 Uhr abends zurückkehrten. Kaum waren wir zu Hause angekommen, so
trat die Schwester des Rechtsanwalts Freytag in großer Eile in unsere
Wohnung und fragte aufgeregt, ob wir nicht wüßten, was passiert sei? Wir
wohnten in der äußeren Stadt, wohin Nachrichten, namentlich am Sonntag,
nicht rasch drangen. Ich verneinte die Frage. Darauf stellte Fräulein
Freytag weiter die Frage: "Kennen Sie einen Dr. Nobiling? Derselbe hat
heute nachmittag auf den Kaiser geschossen und ihn schwer verwundet."
Ich war sprachlos, wie vom Blitz getroffen. Ich antwortete, der Name
Nobiling sei mir nicht bekannt, ich hielt für ausgeschlossen, daß er zur
Partei gehöre. Beruhigt entfernte sich die junge Dame.

Am nächsten Morgen eilte ich auf die Redaktion des "Vorwärts", um zu
hören, was man dort wisse und wie man den Fall beurteile. Ein öffentlich
angeschlagenes Telegramm enthielt kein Wort davon, daß Nobiling der
Sozialdemokratie angehöre. Erleichtert atmete ich auf und trat in die
Redaktion mit den Worten ein: "Na, den können sie uns nicht an die
Rockschöße hängen." Liebknecht, Hasenclever und alle übrigen Anwesenden
waren mit mir der gleichen Ansicht, niemand kannte den Attentäter,
keiner hatte vorher auch nur seinen Namen gehört. In beruhigter Stimmung
verließ ich die Redaktion, mußte aber nach wenigen Minuten wieder
umkehren, weil mittlerweile ein zweites Telegramm veröffentlicht worden
war, in dem es hieß: Nobiling habe in seiner ersten Vernehmung bekannt,
er sei Sozialdemokrat und habe Mitschuldige. Wir alle waren sprachlos.

Diese Angaben des Wolffschen Telegraphenbureaus erwiesen sich nachher,
wie viele andere Nachrichten gleicher Art, die damals mit größter
Geflissentlichkeit verbreitet wurden, als grobe Unwahrheiten und
Fälschungen. Aber sie erreichten im vollsten Maße ihren Zweck. Die
öffentliche Meinung, die schon durch die am 1. Juni eingetroffene
Nachricht aufs höchste erregt worden war, daß der "Große Kurfürst",
eines der größten Schiffe der damaligen deutschen Flotte, bei hellem
Tage infolge einer Kollision mit einem anderen Schiffe mit fast
fünfhundert Köpfen Besatzung angesichts der englischen Küste
untergegangen sei, geriet über das zweite Attentat in Siedehitze.

Als bei Bismarck die Nachricht eintraf, rief er frohlockend: Jetzt habe
ich die Kerle--die Nationalliberalen--, jetzt drücke ich sie an die
Wand, daß sie quietschen; dann erst erkundigte er sich nach dem Befinden
des durch die Nobilingsche Schrotflinte schwer verwundeten Kaisers. Die
Auflösung des Reichstags und infolgedessen Neuwahlen standen nunmehr in
sicherer Aussicht, durch die er eine Mehrheit zusammenzubekommen hoffen
durfte, die ihm sowohl ein Ausnahmegesetz gegen uns wie neue Einnahmen
durch die einzuführende Schutzzollpolitik gewährte.

Nobiling hatte den Schuß auf den Kaiser aus dem Fenster eines Hauses
Unter den Linden, woselbst er sich eingemietet hatte, abgegeben. Er
selbst hatte danach durch zwei Fehlschüsse einen Selbstmordversuch
gemacht. Ein Offizier, der sich unter den Personen befand, die nach dem
Schuß auf den Kaiser in Nobilings Wohnung eindrangen, hatte ihm mit
einem Säbelhieb eine schwere Kopfwunde beigebracht. Nobiling war
zunächst besinnungslos und vollkommen vernehmungsunfähig. Festgestellt
wurde, daß er vor Jahren Landwirtschaft in Leipzig studiert hatte und
dort im Seminar des Professors Birnbaum, eines unserer schlimmsten
Gegner, sich bei den Debatten als heftiger Widersacher unserer Partei
gezeigt hatte. Von Leipzig war er nach Dresden gegangen, wo er das
Seminar des Professors Böhmert besuchte, der gleichfalls ein eifriger
Gegner der Sozialdemokratie war. In Dresden zeigte sich Nobiling
wiederholt in Versammlungen, in denen er als Gegner unserer Partei Reden
hielt, wodurch ihn unsere Parteigenossen dort, wie Vollmar, Schlüter,
Paschky usw., kennen lernten. Diese machten nachher in der Untersuchung
wider Nobiling Zeugenaussagen, nach denen er ein unbedeutender Mensch
und großer Wirrkopf war. Er hatte mit der Partei noch weniger zu tun
gehabt als Hödel. Mehrfach wurden Stimmen laut, die die Ansicht
vertraten, daß Nobiling zu seiner Tat erst angeregt worden sei durch die
Art, wie ein großer Teil der Presse sich mit der Person Hödels
beschäftigte, dessen Porträt zum Beispiel von einem Familienblatt in
einem Prachtholzschnitt dargestellt wurde. Die Meinung, daß man es auch
in Nobiling mit einem geistig kranken Menschen zu tun habe, war weit
verbreitet. So schrieb selbst die freikonservative "Post", allezeit eine
der gehässigsten Gegnerinnen der Sozialdemokratie: Bei allen Antworten,
die Nobiling gebe, umspiele ein eigentümliches Lächeln seine Lippen, das
auf Geistesstörung schließen ließe. Und dem Redakteur der "Germania",
Majunke, gegenüber hatte der Untersuchungsrichter Nobilings geäußert:
"Das Bild, das die Zeitungen über Nobiling ausmalen, ist ganz und gar
unzutreffend, er ist nichts weniger als intelligent, er ist noch dümmer
als Hödel." Als Nobiling am 10. September im Gefängnis starb, war nicht
der geringste Beweis erbracht, daß die Sozialdemokratie direkt oder
indirekt mit dem Attentäter in Verbindung gestanden oder sein Handeln
beeinflußt hatte.

Für die Hetzer, die um jeden Preis die beiden Attentate für ein
Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie ausnutzen wollten, waren alle
diese Feststellungen nicht vorhanden. Bismarck mißbrauchte den
gewaltigen Einfluß, den er mit Hilfe des Reptilienfonds auf einen großen
Teil der Presse ausübte, um die Bevölkerung zum fanatischsten Hasse
gegen die Sozialdemokratie aufzupeitschen. Und dieser Presse schlossen
sich alle an, die an einer Niederlage der Sozialdemokratie ein Interesse
hatten, insbesondere ein großer Teil der Unternehmerschaft. Die Partei
hieß im gegnerischen Lager nur noch die Partei der Meuchelmörder, der
Allesruinierer, die der Masse den Glauben an Gott, Königtum, Familie,
Ehe und Eigentum raube. Diese Partei zu bekämpfen und sie, wenn möglich,
zu vernichten, erschien diesen Gegnern als die glorreichste Tat.
Tausende und aber Tausende von Arbeitern, die als Sozialdemokraten
bekannt waren, wurden auf die Straße geworfen. In den Annoncenteilen der
Zeitungen erschienen Erklärungen, wodurch die Arbeiter sich
verpflichteten, fernerweit weder einer sozialdemokratischen Organisation
anzugehören, noch sozialdemokratische Blätter zu halten und zu lesen,
noch Geld für sozialdemokratische Bestrebungen zu opfern. Dieser
Unternehmerterrorismus war so stark, daß unsere Parteizeitungen die
Anhänger der Partei aufforderten, sie sollten jede gewünschte Erklärung
unterzeichnen, sie könnten nachher doch tun, was sie wollten, einem
solchen Terrorismus gegenüber gebe es kein Worthalten. Der Terrorismus
und der damit verbundene Boykott gingen noch weiter: Patriotische
Hausherren kündigten ihren sozialdemokratischen Mietern, Wirte, die
jahrelang froh waren, Sozialdemokraten zu ihren Kunden zu zählen,
forderten jetzt diese auf, ihre Lokalitäten zu meiden. In Leipzig hatten
die Redakteure des "Vorwärts" und der "Neuen Welt"--Liebknecht,
Hasenclever, Geiser--die Gewohnheit, nach Schluß der Redaktion am
Nachmittag in einem bestimmten Lokal einen "Frühschoppen" zu trinken.
Der Wirt ließ ihnen nunmehr sagen, daß er auf ihren Besuch gern
verzichte. Aehnliche Vorgänge wiederholten sich auch gegenüber den
Redakteuren der "Berliner Freien Presse" und anderwärts.

In Schwerin warf man dem alten Demmler an zwei Nächten hintereinander
die Fenster ein, was den vierundsiebzigjährigen Mann so aufregte, daß er
auf einige Zeit Schwerin verließ und die weitere Annahme einer
Kandidatur für den Reichstag ablehnte. Alle diese Ausbrüche fanatischer
Roheit und politischen Wahnsinns genügten aber den "Patrioten" noch
nicht, um ihre Verfolgungswut zu befriedigen. Es entstand eine
Sintflut von Denunziationen wegen wirklichen und angeblichen
Majestätsbeleidigungen. In zahlreichen Fällen wurde gerichtlich
konstatiert, daß gemeine Rachsucht wegen verletzter Privatinteressen die
Denunzianten zu ihrem Vorgehen leitete. Das hinderte aber nicht, daß die
härtesten Bestrafungen ausgesprochen wurden. Ein großer Teil der Richter
war ebenfalls vom Verfolgungsparoxysmus befallen, und so verkündeten sie
Strafen von ein, zwei, drei bis zu fünf Jahren Gefängnis, der
Maximalstrafe, die das Gesetz zuließ. Aeußerungen, die vordem keinen
Staatsanwalt auch nur einen Augenblick aus seiner Ruhe aufgescheucht
haben würden, wurden jetzt als Kardinalverbrechen angesehen und aufs
härteste bestraft.

Anfang Juli schrieb die fortschrittliche "Vossische Zeitung": "Nachdem
wir über die auswärtigen Verurteilungen (wegen Majestätsbeleidigung) in
einer Gesamthöhe der erkannten Strafen von 500 bis 600 Jahren berichtet
haben, _widerstrebt es uns, die traurige Liste weiterzuführen_." Was
sollte man aber zu Richtern sagen, die ganz und gar vergessen hatten,
was sie ihrem Amte schuldig waren? _In zwei Monaten wurden 521 Personen
zu rund 812 Jahren Gefängnis verurteilt._ Nur ein kleiner Teil der
Verurteilten war sozialdemokratisch gesinnt. Auch die Polizeibehörden
waren, wie immer bei solchen Gelegenheiten, wie von Sinnen und
veranstalteten Haussuchungen und veranlaßten Verhaftungen auf jede vage
Vermutung hin. Die allermeisten der Verhafteten mußten nach kurzer Zeit
wieder entlassen werden.

Hatte bereits im Mai der Senat zu Hamburg die Abhaltung eines
allgemeinen deutschen Gewerkschaftskongresses untersagt, so verbot
Anfang Juni der Stadtrat zu Gotha die Abhaltung des deutschen
Sozialistenkongresses, und ähnlich verfuhren die Behörden vielfach gegen
Vereine und Versammlungen. Wiederholt wurden uns Aeußerungen aus
maßgebenden Kreisen zugetragen, wie die: Die Sozialdemokratie müsse so
geknebelt und an die Wand gedrückt werden, daß sie aufmucke und man
schießen könne. Das veranlaßte die "Berliner Freie Presse" zu der
Ankündigung: "Seid vorsichtig und habt acht, man will schießen." Trotz
alledem kündigten eine Anzahl Parteiblätter ihre Vergrößerung mit dem 1.
Juli an. Die Zahl der Abonnenten der "Berliner Freien Presse" war seit
Neujahr von 10000 auf 14000 gewachsen. Ende September 1878 hatte aber
auch die "Berliner Freie Presse" sechs Redakteure hinter Schloß und
Riegel, darunter Richard Fischer, der als junges Kerlchen die Aufnahme
in den Bund der Geächteten mit sieben Monaten Gefängnis zu bezahlen
hatte.

*       *       *       *       *

Für mich und unser Geschäft hatte die allgemeine Hetze ganz besonders
mißliche Folgen. Ich war genötigt, nach meiner längeren Haft endlich
eine Geschäftsreise zu unternehmen. Dieselbe sollte nach
Nordwestdeutschland und dem Unterrhein vor sich gehen, Länderstrecken,
die ich bisher zum größten Teil geschäftlich noch nicht besucht hatte.
Das war im gewissen Sinne mein Glück. Ich war in jenen Gegenden
persönlich nur sehr wenig bekannt und konnte es so riskieren, in den
Hotels unter angenommenem Namen zu wohnen, da ich unter meinem eigenen
Namen _nirgends_ als Gast geduldet worden wäre. Tag für Tag war ich an
der Wirtstafel Augen- und Ohrenzeuge, wie die Gäste in Ausdrücken
grenzenlosen Hasses sich gegen die Partei und speziell auch gegen meine
Person ergingen. Wäre ich erkannt worden, es wäre zu den schlimmsten
Szenen gekommen. Aehnlich erging es mir aber auch bei dem Besuch der
Geschäftsleute, denen ich unsere Fabrikate zum Kauf anbot. Den ersten
Besuch machte ich bei einem Kaufmann in Halle a.S. Demselben gefielen
unsere Artikel und er gab mir einen namhaften Auftrag. Sobald ich ihm
aber unsere Geschäftskarte überreichte und er den Namen der Firma las,
erklärte er schroff: Mit dieser Firma arbeite ich nicht, annullieren Sie
meine Bestellung. Und so erging es mir häufig. Andere wieder lehnten,
ohne irgendeine Bemerkung zu machen, eine Bestellung zu geben ab. Ich
machte so schlechte Geschäfte, daß, als ich nach sechs Wochen nach Hause
zurückkehrte, froh war, das Erlebte hinter mir zu haben, da ich aus den
Verkäufen unserer Artikel nicht einmal die Reisespesen gedeckt hatte,
obgleich ich diese aufs niedrigste zu halten suchte und zu diesem Zwecke
in den einzelnen Orten selbst meinen neun Kilo schweren Musterkoffer
Straße auf, Straße ab bei Regen und glühendem Sonnenschein trug, um
keinen Trägerlohn ausgeben zu müssen.




Die Reichstagswahl von 1878.


Wieder nach Hause gekommen, stürzte ich mich in die Wahlagitation.
Bismarck, der es auch hier wieder verstand, das Eisen zu rechter Zeit zu
schmieden, und den die Attentate aus allerlei inneren Wirrnissen befreit
hatten, hatte im Bundesrat den Antrag auf Auflösung des Reichstags
gestellt, dem der Bundesrat am 12. Juni Folge leistete. Die Wahlen
wurden auf den 30. Juli 1878 angesetzt.

Wenn es Bismarck nur um ein Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie zu
tun gewesen wäre, so hätte er dieses auch ohne Auflösung des Reichstags
bekommen. Nach dem Nobilingattentat versicherte die gesamte
nationalliberale Presse und bei den verschiedensten Gelegenheiten auch
die Abgeordneten der Partei, daß sie jetzt bereit seien, ein scharfes
Ausnahmegesetz gegen uns zu bewilligen.

Damit war aber Bismarck allein nicht mehr gedient. Er war entschlossen,
die Macht der Nationalliberalen zu brechen; ihren Ansprüchen, erklärte
er, könne keine Regierung gerecht werden. Und wie bescheiden waren diese
Ansprüche doch immer gewesen. Er veranlaßte die Veröffentlichung einer
förmlichen Programmerklärung, in der er mit der herrschenden, angeblich
dem Freihandel dienenden Wirtschaftsordnung vollständig brach. Das
bisherige Vorherrschen von Juristen, Beamten und Gelehrten, von Leuten
ohne produktive Beschäftigung hätten dem Parlament eine unpraktische
Richtung gegeben. Der Parteihaß, der Machtstreit der Fraktionen, der
Ehrgeiz ihrer Führer veranlasse, daß die Zeit mit oratorischen
Schaustellungen vergeudet werde. Die Mehrzahl habe keinen produktiven
Beruf, sie treibe weder ein Gewerbe noch Handel, weder Industrie noch
Landwirtschaft. Die Vertretung der wirtschaftlichen Interessen läge in
den Händen solcher, die von Gehalt, Honorar, von Diäten (die damals der
Reichstag noch nicht erhielt. A.B.), vom Preßgewerbe oder von
zinstragenden Papieren lebe. Usw.

Die Philippika ließ an Deutlichkeit, aber auch an Grobheit nichts zu
wünschen übrig. Die Beamten, die den Wahlkampf beeinflussen konnten,
wußten nun, woran sie waren, und handelten danach.

Der Wahlkampf entbrannte mit einer bisher nicht gekannten Heftigkeit.
Die Bismarcksche Wahlparole verhinderte nicht, daß alle bürgerlichen
Parteien den Kampf gegen uns als ihre vornehmste Pflicht ansahen. "Die
Sozialdemokratie muß aus dem Reichstag hinaus. Kein Sozialdemokrat darf
mehr gewählt werden", wurde die Losung auch in der fortschrittlichen
Presse. Und obgleich für jeden sichtbar war, was Bismarck im Schilde
führte, und er nicht bloß unsere Vernichtung, sondern auch die
Schwächung der Liberalen erstrebte, brachte es der Führer der
Fortschrittspartei, _Eugen Richter_, fertig, als im Erfurter Wahlkreis
der sozialdemokratische mit dem konservativen Kandidaten in engerer Wahl
stand, seinen Parteigenossen die Wahlparole zu telegraphieren: Lieber
Lucius (konservativ) als Kapell (der Sozialdemokrat). Sein Haß gegen uns
machte ihn gegen die selbstverständlichsten Regeln der Wahltaktik blind,
denn der Sozialdemokrat war so gut wie die Liberalen Gegner der
Bismarckschen Wirtschaftspolitik, und der Zukunftsstaat stand nicht in
Frage.

Ich kandidierte wieder in Dresden und in Leipzig. Mir gegenüber standen
in Dresden der Freiherr v. Friesen, Minister a.D., und ein
fortschrittlicher Kandidat. Ich erhielt im ersten Wahlgang 9855, v.
Friesen 7266, Walther (Fortschrittler) 5410 Stimmen. Es kam zur engeren
Wahl zwischen mir und v. Friesen, die der Wahlkommissär auf den 9.
August, an welchem v. Friesen seinen siebzigsten Geburtstag feierte,
ansetzte. Offenbar rechnete man mit meiner sicheren Niederlage. Aber ich
siegte, und zwar mit 11616 über 10702 Stimmen. In Leipzig erhielt ich
5822 Stimmen, 600 mehr als bei der vorhergehenden Wahl. Außer mir waren
schließlich von der Partei gewählt: Bracke-Glauchau-Meerane,
Fritzsche-Berlin, Hasselmann-Barmen-Elberfeld, Kayser-Oederan-Freiberg
(Sachsen), Liebknecht-Stollberg-Lugau, Reinders-Breslau,
Vahlteich-Mittweida-Limbach, Wiemer-Annaberg-Zschopau (Sachsen). Also
neun Abgeordnete, von denen nur zwei, Bracke und Liebknecht, in der
Hauptwahl gewählt worden waren.

Mit dem Hinauswurf der Sozialdemokratie aus dem Reichstag war es also
nichts. Aber auch in bezug auf die Stimmenzahl schnitten wir günstiger
ab, als wir nach der furchtbaren Hetze gegen uns hoffen durften, denn in
einer Anzahl Wahlkreise war der gegnerische Terrorismus so stark, daß
wir keine Agitation betreiben konnten. Es wurden bei der Hauptwahl für
die Partei 437158 Stimmen abgegeben, gegen 493447 bei der Wahl im
Januar 1877. Das war ein Verlust von 56389 Stimmen und drei Mandaten.
Die Gegner waren sehr unzufrieden mit diesem Resultat.

Das Gesamtresultat der Wahlen war, wie vorauszusehen, ein Sieg
Bismarcks. Die Nationalliberalen sanken von 137 auf 106 Mandate, die
Fortschrittspartei von 39 auf 26. Die Konservativen hatten ihre Mandate
entsprechend vermehrt, das Zentrum erhielt ebenfalls einige Mandate
mehr.

Bismarck hatte jetzt für seine Politik zwei Mehrheiten zur Verfügung.
Eine nationalliberal-konservative Mehrheit für ein Ausnahmegesetz gegen
uns und eine Mehrheit aus Konservativen und Zentrum, der sich der rechte
Flügel der Nationalliberalen anschloß, für seine Zollpolitik. Die neue
Aera mit der politischen Entrechtung der klassenbewußten Arbeiter und
der Belastung der Massen durch die Zollpolitik konnte nunmehr in Szene
gesetzt werden. Der neue Reichstag wurde zur Beschlußfassung über das
Sozialistengesetz auf den 9. September nach Berlin berufen.

Das Spiel konnte seinen Anfang nehmen. Es sollte eine Tragödie werden,
in der die Sozialdemokratie für die monarchisch-kapitalistischen
Interessen als Opferstier bestimmt war, um den todsicheren Keulenschlag
zu erhalten. Aber es kam auch diesmal, wie so oft schon, anders. Der
Herkules, der uns mit seiner Keule erschlagen sollte, fiel selbst nach
zwölf Jahren eines für ihn ruhmlosen Kampfes mit dem verhaßten Gegner
und deckte mit seiner Leiche das Blachfeld.
    
END OF BOOK

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