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Aus meinem Leben - Zweiter Teil
Author Language Character Set
August Bebel German ISO-8859-1


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Schlußanträgen ein Ende zu machen, mißlang. Der Antrag kam nicht mehr
zur Verhandlung. Dagegen genehmigte der Reichstag den Antrag auf
Einstellung _eines Strafverfahrens_ gegen mich. Tessendorf hatte bei dem
Berliner Stadtgericht wegen meiner Reichstagsbroschüre die Erhebung der
Anklage gegen mich beantragt, und zwar wegen mehrfacher Beleidigung des
Reichskanzlers und Verletzung des § 131 des Strafgesetzbuches. Dieser
Paragraph lautet: "Wer erdichtete oder entstellte Tatsachen, wissend,
daß sie erdichtet oder entstellt sind, öffentlich behauptet oder
verbreitet, um dadurch Staatseinrichtungen oder Anordnungen der
Obrigkeit verächtlich zu machen, wird mit Geldstrafe bis zu 600 Mark
oder mit Gefängnis bis zu zwei Jahren bestraft." Bei einer Haussuchung,
die auf Antrag Tessendorfs am 12. Januar in der Expedition der "Berliner
freien Presse" vorgenommen wurde, waren nur noch 12 Exemplare meiner
Schrift gefunden worden, die beschlagnahmt wurden.




Der Kongreß in Gotha 1877.


Wie schon im vorhergehenden Jahre, so berief auch für das Jahr 1877 die
Reichstagsfraktion einen allgemeinen deutschen Sozialistenkongreß für
den 27. bis 30. Mai nach Gotha. Auf der Tagesordnung stand: 1. Bericht
der Reichstagsabgeordneten über ihre Tätigkeit; 2. Bericht über Gang und
Stand der sozialistischen Bewegung in Deutschland; 3. Die sozialistische
Organisation in Deutschland; 4. Die Parteipresse; 5. Das Parteiprogramm.

Aus dem wieder von Auer erstatteten Bericht ging hervor, daß die Partei
in 175 Wahlkreisen von 397 eigene Kandidaten aufgestellt hatte. Die Zahl
der Parteiblätter war auf 41 gestiegen. Es bestanden weiter vierzehn
Parteidruckereien. Die Parteieinnahmen ergaben 54217 Mark, die Ausgaben
betrugen 50635 Mark.

Den Bericht über die Tätigkeit der Fraktion erstattete an Stelle von
Liebknecht, der wegen Krankheit in der Familie noch nicht eingetroffen
war, Fritzsche. Ich traf wegen geschäftlicher Behinderung mit Liebknecht
erst am 28. Mai in Gotha ein.

Ueber die Organisationsfrage berichtete Tölcke, der im Namen der
gewählten Organisationskommission beantragte, folgender Resolution die
Zustimmung zu geben:

"Mit Rücksicht auf die von preußischen Behörden mit unerhörter
Dreistigkeit förmlich proklamierte völlige Rechtlosigkeit
sozialistischer Vereine in Preußen nimmt der Kongreß von der
Herstellung einer Organisation der Partei Abstand, auf welche die in
Deutschland, besonders in Preußen bestehenden Vereinsgesetze
angewendet werden können; der Kongreß überläßt es den Parteigenossen
in den einzelnen Orten, sich je nach den örtlichen Verhältnissen und
Bedürfnissen zu organisieren."

Diese Resolution wurde ohne Diskussion einstimmig angenommen.
Hervorgehoben zu werden verdient, daß damals fast die gesamte liberale
Presse, die fortschrittliche nicht ausgenommen, den Scherereien,
Plackereien und Gewalttätigkeiten der Behörden gegen die sozialistischen
Organisationen mit stoischem Gleichmut zusah und selten ein Wort der
Kritik hören ließ. Darin sahen natürlich die Behörden nur eine
Ermutigung ihres ungesetzlichen und gewalttätigen Vorgehens.

Eine unerquickliche Debatte rief wieder das Verhalten _Hasselmanns_
hervor. Hasselmann hatte das von ihm mit Zustimmung des
Zentralwahlkomitees Januar 1877 herausgegebene Blatt unter dem Titel
"Die Rote Fahne" nur als Flugblatt für die Unterstützung der Wahlen
erscheinen lassen wollen. Dagegen war nichts einzuwenden. Er hatte aber
dasselbe förmlich hinter dem Rücken des Zentralwahlkomitees als
regelrecht erscheinendes Wochenblatt behördlich angemeldet, und nun
benutzten seine Anhänger dasselbe überall, um den "Vorwärts" zu
verdrängen. Es konnte kein Zweifel bestehen, daß _Hasselmann_ auf
Spaltung der Partei hinarbeitete. Das kam auch in der Debatte durch die
Mehrzahl der Redner zum Ausdruck. Schließlich wurde ein Antrag von mir
gegen fünf Stimmen angenommen, dahin lautend: Der Kongreß ersucht den
Genossen Hasselmann, die "Rote Fahne" eingehen zu lassen, sobald die
"Bergisch-Märkische Volksstimme"--deren Redakteur er war--sich deckt.
Aber er mußte bereits Anfang Oktober das Eingehen der "Roten Fahne"
ankündigen. Das Blatt deckte nicht seine Kosten, und so war ihm seine
Fortführung unmöglich.

Nicht minder unerquicklich wie die Debatte über Hasselmann war die
Debatte, die Most über Friedrich Engels' Artikelserie im "Vorwärts" über
Professor Dühring hervorrief. Dühring war es gelungen, fast die gesamten
Führer der Berliner Bewegung für seine Theorien einzunehmen. Auch ich
war der Ansicht, daß jede schriftstellerische Leistung, die, wie die
Dühringschen Arbeiten, dem bestehenden Sozialzustand scharf zu Leibe
ging und sich für den Kommunismus erklärte, aus agitatorischen Gründen
unterstützt und für uns ausgenutzt werden müsse. Von diesem Standpunkt
aus hatte ich schon 1874 von der Festung aus zwei Artikel unter der
Ueberschrift "Ein neuer Kommunist" im "Volksstaat" veröffentlicht, in
denen ich Dührings Arbeiten besprach. Die betreffenden Bücher hatte mir
Eduard Bernstein zugesandt, der damals mit Most, Fritzsche und anderen
zu Dührings begeisterten Anhängern gehörte. Daß Dühring bald darauf
wegen seiner Lehren mit den Staats- und Universitätsbehörden in Konflikt
kam, ein Konflikt, der im Juni 1877 zu seiner Maßregelung an der
Berliner Universität führte, erhöhte noch sein Ansehen in den Augen
seiner Anhänger. Das alles veranlaßte Most, auf dem Kongreß eine
Resolution einzubringen, lautend:

"Der Kongreß erklärt, Artikel, wie beispielsweise die in den letzten
Monaten von Engels gegen Dühring veröffentlichten Kritiken, die für
die weitaus größte Mehrheit der Leser des 'Vorwärts' völlig ohne
Interesse oder gar höchst anstoßerregend sind, haben künftighin aus
dem Zentralorgan fernzubleiben."

Das Ansehen Dührings erlitt allerdings nicht lange nachher in den Augen
seiner sozialistischen Anhänger gründlich Schiffbruch. Das Benehmen des
Mannes wurde so autokratisch und an Größenwahn grenzend, daß sich einer
nach dem anderen von ihm zurückzog.

Auf demselben Kongreß wurde von Vollmar--der damals zum erstenmal auf
einem Parteikongreß erschien--der Antrag gestellt und angenommen:

"Um der Solidarität der Sozialisten aller Länder Ausdruck zu geben,
beschließt der Kongreß, den diesjährigen internationalen
Sozialistenkongreß zu Gent durch einen Delegierten zu beschicken. Das
Zentral-Wahlkomitee bestimmt den Delegierten."

Grillenberger unterstützte den Antrag, dagegen mahnte Liebknecht
zur Vorsicht im Hinblick auf die in Belgien vorhandene
bakunistisch-anarchistische Strömung, die versuchen werde, den Kongreß
zu beherrschen.

Ob der Kongreß zustande kam, ist mir nicht erinnerlich, jedenfalls
wurde er von uns nicht beschickt; der Partei erwuchsen mittlerweile im
Innern ernstere und kostspieligere Aufgaben.




Landtagswahl in Sachsen.--"Die Zukunft."


Im September 1877 gelang es uns in einem der Landtagswahlkreise
Leipzig-Land--36. ländlicher Wahlkreis--, Liebknecht zum Abgeordneten zu
wählen. Die Parteigenossen hatten zunächst mir die Kandidatur angeboten,
ich lehnte aber ab, da ich unmöglich meinem Associé und meinem Geschäft
zumuten konnte, neben dem Reichstagsmandat auch ein Landtagsmandat zu
übernehmen. Bei der Prüfung der Wahl durch den Wahlkommissar stellte
sich heraus, daß Liebknecht noch nicht drei Jahre sächsischer
Staatsangehöriger war und somit zum Abgeordneten nicht gewählt werden
konnte. Die Wahl wurde für ungültig erklärt. Darauf stellten die
Parteigenossen des Wahlkreises den Parteigenossen Rechtsanwalt Otto
Freytag in Leipzig auf, der auch gewählt wurde.--

Den 1. September trat Vahlteich seine achtzehnmonatige Haft in Zwickau
an, dem im nächsten Jahre Vollmar folgte. Am 1. Oktober erschien in
Berlin eine Monatschrift unter dem Titel "Die Zukunft", zu deren
Erscheinen _Karl Höchberg_, der Sohn eines Frankfurter Bankiers, die
Mittel hergab. Höchberg hatte sich, ich möchte sagen aus
gefühlsphilosophischen Beweggründen der Bewegung angeschlossen; sein
Privatsekretär wurde Eduard Bernstein, der infolgedessen seine Stellung
in einem Berliner Bankgeschäft aufgab. Die unklare Stellung, die die
Zeitschrift sowohl in Anbetracht der Anschauungen ihres Gründers und des
Kreises ihrer Mitarbeiter, in dem alle Richtungen in der Bewegung
vertreten waren, zum wissenschaftlichen Sozialismus, wie ihn Marx und
Engels begründet hatten, einnahm, hatten von vornherein das Mißtrauen
der beiden Alten in London geweckt, ein Mißtrauen, das um so lebhafter
wurde, als der Gang der Ereignisse und die finanzielle Not, in die dabei
die Partei geriet, die finanzielle Opferwilligkeit Höchbergs nach
vermiedenen Richtungen in hohem Grade in Anspruch nahm. Marx und
Engels, die die Dinge nur aus der Ferne sahen, Personen und Verhältnisse
nicht näher kannten, sahen in dieser Opferwilligkeit Höchbergs schlaue
Berechnung, einen kaltblütig ausgeheckten Plan, die Partei auf Abwege zu
bringen, sie ihrer Aufgabe zu entfremden.

Das war eine durchaus irrige Auffassung. Höchberg hat nie den Versuch
gemacht, seine finanziellen Mittel im Sinne der befürchteten
Bestrebungen anzuwenden oder die Unterstützung derselben zur Bedingung
seiner Hilfsleistungen zu machen. Er gab aus gutem Herzen und aus
Interesse für die Sache, und nie, ohne mich oder andere Freunde, Geib,
Liebknecht usw., zu Rate zu ziehen. Aber der Versuch, das Mißtrauen
gegen Höchberg bei den Londonern zu beseitigen, gelang erst, als ich
mich entschloß, mit Bernstein nachmals den in der Partei berühmt
gewordenen "Kanossagang" im Spätherbst 1880 anzutreten, um Marx und
Engels klaren Wein einzuschenken. Darüber im nächsten Bande.

Ich selbst schrieb mehrere Artikel für die "Zukunft", so einen über das
Proportionalwahlrecht, eine Frage, die damals in der Partei noch wenig
erörtert worden war. Die für mich selbstverständliche Art, wie dieses
Wahlsystem ausgeführt werden müsse und tatsächlich auch nachher in der
Praxis angewendet wurde, fand anfangs bei dem Hauptvertreter dieses
Wahlsystems in der Schweiz, unserem altbewährten Genossen Karl Bürkli,
einigen Widerspruch. Aber als ich mich im Herbst 1901 nach einem
Mittagessen bei Professor Dodel in Zürich von ihm verabschiedete,
äußerte Bürkli: Bebel, wir werden uns nicht mehr wiedersehen--er ging
ins 79. Lebensjahr--, aber eins will ich Ihnen noch sagen, Ihr
Vorschlag, den Sie seinerzeit in der "Zukunft" machten über die
Ausführung des Proportionalwahlrechts, ist der richtige. Wenige Monate
später starb Bürkli; er hatte sein baldiges Ende richtig vorausgesehen.




Wieder reif fürs Gefängnis.


Am 12. Juni 1877 stand endlich auch ich vor der berüchtigten siebenten
Deputation des Stadtgerichts in Berlin als Angeklagter. Tessendorf hatte
in meiner Broschüre nicht weniger als drei Bismarckbeleidigungen
entdeckt, außerdem, wie ich schon erwähnte, eine Verletzung des § 131
des Strafgesetzbuchs gefunden. Bismarck hatte bereitwillig den
Strafantrag gestellt. Es war richtig, ich hatte den Reichskanzler etwas
unsanft angefaßt. Als ich die Broschüre schrieb, wurmte mich noch immer
die beleidigende Rede, die er mir Anfang 1876 im Reichstag ins Gesicht
geschleudert hatte, auf die zu antworten mich die Mehrheit durch
Annahme eines Schlußantrags verhindert hatte. Wäre ich damals
ausführlich zum Wort gekommen, höchst wahrscheinlich wäre mir die
Reichskanzlerbeleidigung erspart geblieben, denn es waren die Vorgänge
im Reichstag, auf die ich in den Angriffen auf Bismarck in meiner
Broschüre Bezug nahm. Außerdem hatte ich in einem Angriff auf die
Nationalliberalen diese gehöhnt, daß sie sich vom Reichskanzler
hausknechtmäßig behandeln ließen, und dachte gar nicht daran, damit eine
Beleidigung Bismarcks begehen zu wollen. Es war eben die Zeit, in der
der Abgeordnete Bamberger in einem Augenblick anerkennenswerter
Selbsterkenntnis wegen seiner und seiner Freunde Behandlung durch den
Reichskanzler das Wort geprägt hatte: _Hunde sind wir ja doch_!

Die Verletzung des § 131 des Strafgesetzbuchs wurde in der scharfen
Kritik gefunden, die ich dem Militarismus hatte angedeihen lassen, die
aber ganz den von uns vertretenen Anschauungen entsprach. Ich empfand es
als eine persönliche Beleidigung, daß man mich anklagte, erdichtete oder
entstellte Tatsachen, wissend, daß sie erdichtet oder entstellt sind,
öffentlich behauptet und verbreitet zu haben, um damit die Einrichtungen
des Militarismus verächtlich zu machen; denn was ich geschrieben hatte,
entsprach meinem Standpunkt und meiner Ueberzeugung.

Tessendorf als öffentlicher Ankläger machte sich sein Amt sehr leicht,
er kannte ja genügend die siebente Deputation. Nonchalant, als pflege er
eine private Unterhaltung, stand er vor dem Gerichtshof, die eine Hand
in der Tasche einer hellgestreiften Sommerhose--die heute übliche
Amtskleidung wurde erst später eingeführt--, angetan mit einem schäbigen
schwarzen Frack, und beantragte nach einer kaum fünf Minuten langen Rede
9 Monate wegen Beleidigung des Reichskanzlers und 5 Monate wegen der
Verletzung des § 131 des Strafgesetzbuchs, also 14 Monate Gefängnis, die
er auf ein Jahr Gefängnis zusammenzuziehen vorschlug.

Die Art, wie Tessendorf die Sache behandelte, brachte mich noch mehr in
Erregung, als es ohnedem schon der Fall war. Ich verteidigte mich
selbst. In anderthalbstündiger Rede suchte ich die Anklage Punkt für
Punkt zu widerlegen. Wolle man aus meiner Broschüre eine Beleidigung des
Reichskanzlers herauslesen, dann müßten die Umstände berücksichtigt
werden, unter denen ich zu meinen Ausführungen gekommen sei, und in
Anbetracht dieser sei das beantragte Strafmaß viel zu hoch. Eine
Verletzung des § 131 liege aber in allewege nicht vor. Ich betrachtete
es als unerhört, mich auf diesen Paragraphen hin anzuklagen, da es doch
gerichtsnotorisch sein müsse, daß die obendrein mit Tatsachen und
Zitaten wissenschaftlicher und militärischer Autoritäten begründeten
Ausführungen nur meinem Parteistandpunkt und meiner Ueberzeugung
entsprächen.

Ich glaube, ich hielt eine sehr gute Rede, aber sie würde auch keinen
Eindruck auf die Richter gemacht haben, wenn deren Aufmerksamkeit nicht
durch ein ausgebrochenes Hagelwetter, dessen Körner gegen die
Fensterscheiben trommelten, in Anspruch genommen gewesen wäre. Die
Frage, in welchem Augenblick wohl die Fensterscheiben durch die
Hagelkörner zertrümmert würden, war den Richtern offenbar wichtiger als
meine schönen Ausführungen. Der Gerichtshof zog sich zurück, da
Tessendorf es nicht der Mühe wert fand, mir zu antworten, und verkündete
nach kurzer Beratung in allen Fällen meine Verurteilung zu neun Monaten
Gefängnis.

Ich appellierte, und die Sache kam am 28. Oktober vor dem Kammergericht
zur Verhandlung. Hier führte Staatsanwalt Groschuff die Anklage. Im
Laufe seiner Rede machte er geltend, daß ich schon wegen meiner
Vorstrafen keine milde Verurteilung verdiente; er beantragte Bestätigung
des Urteils der ersten Instanz.

Ich verteidigte mich wiederum selbst. In einstündiger Rede wendete ich
mich gegen die Ausführungen des Staatsanwalts. Seine Bemerkung, daß ich
quasi wegen Rückfälligkeit härter bestraft werden müßte, hatte mich
besonders gereizt. Ich protestierte, daß man einen Angeklagten, der im
Kampfe für seine Ueberzeugungen wiederholt mit dem Strafrichter
Bekanntschaft gemacht habe, mit einem gemeinen Verbrecher--einem Diebe
oder Betrüger im Rückfalle--auf gleiche Stufe stelle. Der gemeine
Verbrecher handle gegen das Gesetz, um einen persönlichen Vorteil zu
erlangen, also aus _Eigennutz_, der politische "Verbrecher", der,
geschehe es in Verteidigung oder Propagierung seiner Ansichten, gegen
das Gesetz verstoße, handle aus _Idealismus_. Ihm gebühre für die
unentwegte Vertretung seiner Anschauungen nicht verschärfte Strafe,
sondern Anerkennung. Kein politischer "Verbrecher" werde wegen der
Vertretung seiner Ueberzeugungen, die ihn mit dem Strafgesetz in
Konflikt brächten, gesellschaftlich mißachtet, wie das mit dem gemeinen
Verbrecher wohl die Regel sei. Der politische Verbrecher gewinne sogar
an Ansehen in den Augen seiner Gesinnungsgenossen.

In meiner weiteren Rede legte ich den Schwerpunkt auf die Anklage wegen
Verletzung des § 131 des Strafgesetzbuchs. Ich erreichte damit, daß der
Vorsitzende des Gerichtshof sieben Seiten meiner Schrift, die Urteile
über den Militarismus enthielten, vorlesen ließ. Das Endresultat war:
ich wurde von der Anklage, den § 131 verletzt zu haben, freigesprochen,
aber wegen Beleidigung Bismarcks zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt.

Hinzufügen möchte ich hier, daß, als einige Monate später, im Dezember,
der konservative Sozialpolitiker Dr. Rudolf Meier ebenfalls wegen
Bismarckbeleidigung von dem Kammergericht zu einem Jahre Gefängnis
verurteilt wurde, derselbe Staatsanwalt Groschuff, der die Anklage auch
gegen mich geführt hatte, jetzt äußerte: _er hege den Wunsch, dieses
möge der letzte Bismarckbeleidigungsprozeß sein_. Diese hörten aber erst
auf, als Bismarck aufhörte, Reichskanzler zu sein, das heißt dreizehn
Jahre später.

Da es mir sehr darum zu tun war, in Rücksicht auf meine Familie und mein
Geschäft, meine Haft in Leipzig zu verbüßen, hier aber nach den
ministeriellen Vorschriften nur Haftstrafen bis zum Höchstmaß von fünf
Monaten erledigt werden konnten, wandte ich mich an die zuständige
Stelle mit der Frage: ob ich eventuell für die Verbüßung einer
fünfmonatigen Haft im Leipziger Gefängnis zugelassen würde. Nachdem
dieses bejaht worden war, begab ich mich nach Berlin zu dem Vorsitzenden
der siebenten Deputation, Reich, und ersuchte diesen, zu gestatten, daß
ich nach Verbüßung einer einmonatigen Haft in Plötzensee die restlichen
fünf Monate im Leipziger Bezirksgerichtsgefängnis verbringen könne. Zu
meiner nicht geringen Verwunderung empfing er mich mit ausgesuchter
Höflichkeit und erklärte seine Zustimmung zu meinem Antrag.

Darauf trat ich am 23. November meine Haft in Plötzensee an. Die
Prozedur der Aufnahme war eine sehr umständliche und widerwärtige. Als
ich dem Arbeitsinspektor vorgeführt wurde, empfing mich dieser mit den
Worten: Nun, Herr Bebel, wie es in der Bastille am Plötzensee aussieht,
werden Sie aus Mosts Schrift ersehen haben. Ich antwortete: Ich hätte
zwar die Schrift gelesen, aber das sei schon längere Zeit her, ich bäte
ihn, mich zu informieren. Nun brach bei ihm der offenbar schon lange
verhaltene Grimm gegen Most los. Er verstehe, daß der Gefangene in den
Beamten seine Feinde sehe und sich hinter deren Rücken an Vorteilen zu
verschaffen suche, was ihm möglich sei, aber dann sich nachher auf den
Markt zu stellen und auszuschreien, wie man die Beamten hintergangen
oder diese zu Konzessionen verleitet habe, sei eine Gemeinheit und eine
Dummheit. Er erzählte alsdann, welche Wirkung und welche Folgen die
Mostsche Schrift nach ihrer Veröffentlichung unter den Beamten in
Plötzensee hervorgerufen habe. Er schloß seine erregten
Auseinandersetzungen mit den Worten: Most soll uns nur mal wieder
zwischen die Finger kommen, dem wollen wir seine Indiskretionen
eintränken.

Und er kam ihnen bald genug wieder zwischen die Finger, und sie habend
ihm tüchtig eingetränkt. Einen Vorgeschmack bekam Most von dem, was ihn
gegebenenfalls erwartete, daß, als er mir in Plötzensee einen Besuch
machen wollte, er kurzerhand abgewiesen wurde.

Ich erlangte das Recht, mich literarisch beschäftigen zu dürfen und bis
abends 10 Uhr Licht zu brennen. Marx' "Kapital" und verschiedene andere
sozialistische Schriften wurden mir fortgenommen, als wenn an mir noch
etwas zu verderben gewesen wäre. Und da der Arbeitsinspektor absolut
verlangte, daß ich mich nicht bloß mit dem Studium von Büchern abgeben
dürfe, sondern auch irgendeine literarische Arbeit vorzeigen müsse,
setzte ich mich hin und schrieb ein kleines Broschürchen, das unter dem
Titel erschien: "Frankreich im achtzehnten Jahrhundert."

Selbstbeköstigung gab es nicht, die war Börsenjobbern, die wegen
Gaunereien in Plötzensee Quartier bezogen hatten, gewährt worden,
politischen Gefangenen nicht. Was aber dem Gefangenen die magere Kost
noch besonders verleidete, um nicht zu sagen verekelte, war der
feststehende Küchenzettel, das heißt die in einer Woche morgens, mittags
und abends verabreichte Kost kehrte fast in derselben Reihenfolge Woche
für Woche, Tag für Tag wieder. Ich verlor in den nahezu zwei Monaten,
die ich in Plötzensee verbrachte, erheblich an Gewicht. Ich begriff
nicht, wie Anstaltsärzte eine solche Verpflegungsordnung zulassen
konnten. Auf meinen Antrag bewilligte mir der Arzt die sogenannte
Krankenkost. Danach erhielt ich dreimal in der Woche zu Mittag einen
Teller wirklich gute Fleischbrühsuppe, einen Sperling Fleisch, das auf
ein spitzes Holzstäbchen gespießt war, da man Messer und Gabel dem
Gefangenen nicht anvertraut, und Kartoffeln und Gemüse. Die Bezeichnung
Sperling rührte daher, daß das Stückchen Fleisch nach Form und Größe
einem gerupften Sperling ähnlich sah.

Ich hatte darauf gerechnet, unmittelbar vor Weihnachten von Plötzensee
nach Leipzig übersiedeln und alsdann die Weihnachtsfeiertage bei meiner
Familie verbringen zu können. Von den acht Weihnachtsfesten, die bis
dahin mein Töchterchen erlebt hatte, hatte ich vier in den Gefängnissen
zugebracht. Ich hoffte, nicht das fünfte Mal die Weihnachtsfeier im
Gefängnis verbringen zu müssen. Es kam aber doch so. Auf meine
Anfrage bei der Leipziger Gefängnisverwaltung, ob ich nach den
Weihnachtsfeiertagen die Haft dort antreten könne, kam die Antwort, daß
dieses vorläufig nicht möglich sei, die Räume seien alle besetzt. Erst
am 18. Januar 1878 konnte ich nach Leipzig übersiedeln.

Während meiner Haft in Plötzensee besuchte mich wiederholt der
Gefängnisgeistliche, um sich mit mir über die politischen Vorgänge zu
unterhalten. Mir war das Halten der "Vossischen Zeitung" bewilligt
worden, deren sämtliche Tagesnummern ich aber regelmäßig erst am Ende
der Woche, am Sonntag, zugestellt erhielt. Most hatte um jene Zeit mit
der ganzen Leidenschaftlichkeit seines Temperaments eine öffentliche
Agitation für den Austritt aus der Landeskirche begonnen. Die von
ihm veranlaßten Volksversammlungen waren überfüllt und von
leidenschaftlicher Erregung getragen. Diese wuchs, als jetzt die neu
erstandene christlich-soziale Partei unter Führung des Hofpredigers
_Stöcker_ ebenfalls Versammlungen abhielt und Redner dieser Partei auch
in den Mostschen Versammlungen erschienen, dort aber, wie vorauszusehen
war, unter dem Jubel der Massen den kürzeren zogen. Diese Agitation rief
bei den Frommen im Lande eine ungeheure Aufregung hervor, die auch den
Gefängnisgeistlichen ergriffen hatte. Selbst der alte Kaiser sah sich
veranlaßt, als ihm zu seinem Geburtstag im März 1878 das Präsidium des
Landtags gratulierte, in seiner Antwort zu betonen: Die Religion muß dem
_Volke_ erhalten werden.




Innere Vorgänge.


Während ich hinter den Gefängnismauern Zeit zu allerlei Betrachtungen
hatte, spielten sich in und außerhalb der Partei eine Reihe Vorgänge ab,
die von besonderer Bedeutung waren. Im November hatten die Berliner
Genossen an Stelle der aufgelösten Organisationen einen Verein zur
Wahrung der Interessen der werktätigen Bevölkerung gegründet. Die
christlich-konservativen Staatssozialisten gründeten eine Wochenschrift,
"Der Staatssozialist", an der als Mitarbeiter Professor Schäffle,
Professor v. Scheel, Bankier Samter, Professor Ad. Wagner, Pastor Tod,
Dr. Petermann-Dresden und andere tätig sein sollten. Die evangelischen
Sozialpolitiker wollten den katholischen nicht allein das Feld
überlassen, sondern unter den evangelischen Arbeitern vor der
Sozialdemokratie retten, was noch zu retten war.

Auch in der großen Politik schienen Veränderungen bevorzustehen. Die
fortgesetzt steigenden Ausgaben des Reiches erforderten neue Einnahmen.
Die wachsenden Matrikularumlagen, durch die die Einzelstaaten das
Reichsdefizit zu decken hatten, wurde diesen angesichts des eigenen
steigenden Geldbedarfes für ihre innere Verwaltung immer lästiger. Die
gesteigerten Ausgaben aber auf dem Wege direkter Besteuerung zu decken,
davon wollte Bismarck am wenigsten wissen. Er haßte die direkten Steuern
und suchte sich persönlich nach Möglichkeit der Zahlung derselben zu
entziehen. Er hatte schon am 22. November 1876 im Reichstag sein
_Steuerideal_ entwickelt, wobei er ausführte:

"Ich erkläre mich von Hause aus wesentlich für Aufbringung _aller_
Mittel nach Möglichkeit für _indirekte_ Steuern, und halte die
direkten Steuern für einen harten und plumpen _Notbehelf_, nach
Aehnlichkeit der Matrikularumlagen, mit alleiniger Ausnahme, ich
möchte sagen einer _Anstandssteuer_, die ich von der direkten Steuer
immer aufrecht erhalten würde; das ist die Einkommensteuer der reichen
Leute ... wohlverstanden, der wirklich reichen Leute.... Ich kann die
Zeit kaum erwarten, daß der Tabak höhere Summen steuere, so sehr ich
jedem Raucher das Vergnügen gönne. Analog steht es auch mit dem Bier,
dem Branntwein, dem Zucker, dem Petroleum und allen diesen großen
Verzehrungsgegenständen, gewissermaßen den _Luxusgegenständen_ der
großen Masse."

Ein großer Teil der Liberalen war geneigt, auf dem gleichen Wege die
Deckung der Mehrausgaben zu suchen. Da Bismarck um jene Zeit mit einem
Teil der konservativen Partei ein starkes Zerwürfnis hatte, andererseits
mit dem Zentrum noch immer in Fehde lebte, kam er auf den Gedanken, die
Nationalliberalen, die damals noch mit ihren nächsten Affiliierten die
stärkste Partei im Reichstag bildeten, dadurch an seine Politik zu
ketten, daß er mit ihrem Führer Herrn v. Bennigsen wegen dessen Eintritt
in das preußische Ministerium in Unterhandlungen trat. Bennigsen war
dazu geneigt, aber er hielt die Zustimmung der führenden Parteigenossen
zu diesem Schritt für notwendig. Unter dem Einfluß Laskers kam man
überein, dem Eintritt Bennigsens in das Ministerium nur zuzustimmen,
wenn neben Bennigsen auch der Bayer Freiherr v. Stauffenberg und Herr
v. Forckenbeck in das Ministerium Aufnahme fänden. Bennigsen allein
würde der wachsenden reaktionären und schutzzöllnerischen Strömung
gegenüber nicht gewachsen sein. Bismarck brachten diese Bedingungen
namentlich gegen Lasker in hellen Zorn, dem er vorwarf, ihm einmal
wieder in die Suppe gespuckt zu haben. Als dann der alte Kaiser von der
Kombination mit Bennigsen hörte, in dem er wegen seiner Haltung im Jahre
1866 gegen das hannoversche Herrscherhaus einen halben Hochverräter sah
und sich entschieden gegen Bennigsen als preußischen Minister erklärte,
fiel der ganze Plan ins Wasser. Bismarck vergaß den Nationalliberalen
nicht, was sie nach seiner Meinung gegen ihn gesündigt hatten, er nahm
bald darauf Rache an ihnen.

*       *       *       *       *

Ende des Jahres 1877 siedelte _Auer_ von Hamburg nach Berlin über, um
neben Most und anderen in die Redaktion der "Berliner Freien Presse"
einzutreten. August Geib bemühte sich, an Auers Stelle Julius _Motteler_
zum Eintritt als Sekretär in das Zentralwahlkomitee zu gewinnen.
Motteler, der aus privaten Gründen 1876 aus der Leitung der Leipziger
Genossenschaftsbuchdruckerei ausgetreten war, lehnte aber ab.

Bald darauf erlebte Berlin zwei Vorgänge, die die gesamte
Oeffentlichkeit in Spannung versetzten. Am 7. März 1878 starb der Faktor
der Berliner Assoziationsbuchdruckerei August Heinsch und wurde am 10.
März beerdigt. Heinsch war kein Redner, aber er war ein vorzüglicher
Organisator, in dessen Händen alle Fäden der Berliner Bewegung
zusammenliefen, und er hatte sich wegen seiner Unermüdlichkeit, trotz
seines leidenden Zustandes--er starb an der Schwindsucht--zu helfen und
zu raten, wo er konnte, die allgemeinste Sympathie der Berliner Arbeiter
erworben. Das Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer großen
sozialdemokratischen Demonstration, wie sie bis dahin Berlin noch nicht
gesehen hatte. Der Polizeipräsident bewies sein Verständnis für die
Bewegung dadurch, daß er die Mitnahme von Fahnen im Zuge, auch wenn sie
verhüllt waren, verbot.

Die Demonstration hatte durch die Ruhe und Ordnung, mit der sie
verlief, den Gegnern so imponiert, daß der "Kladderadatsch" sich zu
folgendem Gedicht verstieg.

"_Für die Sozialdemokratie._
Daß neulich Zucht und Ordnung sie gehalten
Bei ihrem Aufzug, laßt es uns gestehn.
Ein gleicher Geist der Ordnung möge walten
Bei uns, wenn wir in solchen Massen gehn!
Wir wollen gern den Beifall ihnen zollen,
Der ungerecht nur scheint den Toren.
Es sind verloren,
Die nicht vom Gegner lernen wollen."

Wenige Wochen später sah Berlin ein zweites, womöglich noch größeres
Leichenbegängnis. Paul Dentler, der verantwortliche Redakteur der
"Berliner Freien Presse", war ebenfalls an der Schwindsucht, aber unter
so empörenden Umständen gestorben, daß ein Sturm der Entrüstung die
Partei in Berlin und in ganz Deutschland ergriff. Dentler war wie
Heinsch ein noch junger Mann, der mir in meiner Prozeßangelegenheit
bereitwilligst eine Reihe kleiner Dienste erwiesen hatte. Eine hoch
aufgeschossene schlanke Gestalt mit der bleichen Gesichtsfarbe und der
zarten durchsichtigen Haut, wie sie Schwindsüchtige öfter zu haben
pflegen, war er in seinem ganzen Wesen die personifizierte
Liebenswürdigkeit und Gefälligkeit.

Dentler war am 18. Januar unter der Anklage, mehrere
Majestätsbeleidigungen und sonstige Vergehen in der "Berliner Freien
Presse" begangen zu haben, in schwer krankem Zustand in
Untersuchungshaft genommen und am 7. Februar von der siebten Deputation
zu 21 Monaten Gefängnis verurteilt worden, wogegen er die Berufung
anmeldete. Dentler beantragte alsdann mit Hinweis auf seinen schwer
kranken Zustand seine Entlassung aus der Untersuchungshaft, die infolge
der Berufung fortdauerte. Das Gericht forderte den Gefängnisarzt zur
Begutachtung des Falles auf. Woche um Woche verging; Dr. Lewin, so hieß
der Ehrenmann, ließ sich ab und zu einmal in der Zelle sehen, fragte
Dentler, wie es ihm gehe, und verschwand wieder. Alles, was Dentler
schließlich erreichte, war, daß er kurz vor seinem Tode aus der
Stadtvogtei in die Gefangenenabteilung der Charité gebracht wurde.

Von hier schrieb _Dentler_ der Redaktion der "Berliner Freien Presse":

"Mein Zustand verschlimmert sich jeden Tag, nach Verlauf einer Woche
erinnere ich (an den Antrag auf Entlassung)--vergebens. Eine zweite
Woche bricht an, geht zu Ende und am letzten Tage derselben--vierzehn
Tage nach meinem Antrage--erscheint der Medizinalrat Wolff.... Nach
einer sehr sorgfältigen Untersuchung geht Herr Wolff, nachdem er sich
sehr bedenklich über meinen Zustand ausgesprochen hat.--Seit jener
Untersuchung sind wiederum volle acht Tage verflossen, ich bin nach
wie vor im unklaren über mein Schicksal, die siebte Deputation hat
seitdem drei Sitzungen gehalten und ich--nun ich habe heute nachmittag
in der Spazierstunde Blut gespien, nach meinen bisherigen Erfahrungen
ein Vorbote starker, in kurzer Zeit darauf folgender Lungenblutungen.
Daß ich jetzt eine Lungenblutung vom Schlage der beiden erlebten
überstehen würde, halte ich einfach für unmöglich."

Und der vorausgesagte Blutsturz kam. Am 24. April war _Dentler_ eine
Leiche. Am 28. April fand seine Bestattung unter immenser Beteiligung
statt; sie war ein flammender Protest gegen die ihm widerfahrene
Behandlung. Wiederum war das Bürgertum erstaunt und erschreckt über die
Massen, die Dentler zu Grabe geleiteten. Dieser Ueberraschung gab jetzt
die "Magdeburger Zeitung" mit den Worten Ausdruck:

"Wer spricht noch von Arbeiterbataillonen Berlins angesichts dieses
Leichenaufgebots? Das sind Regimenter, Brigaden, Divisionen, ja mehr,
das sind ganze Armeekorps, welche ihrem sicherlich um die Sache
hochverdienten Toten die letzte Ehre erwiesen."

Seitdem hat Berlin noch manchen sozialdemokratischen Leichenzug gesehen,
größer als jenen der Heinsch und Dentler, die der bürgerlichen Welt ein
_mene tekel upharsin_ zuriefen.




Der Reichstag Frühjahr 1878.


Mittlerweile war der Reichstag zum 6. April 1878 einberufen worden. Ich
war durch meine Haft wieder von seinen Beratungen ausgeschlossen. Ein
Antrag auf meine Beurlaubung hatte wie früher einen negativen Erfolg.

Die Fraktion war sehr fleißig in der Stellung von Anträgen. Sie
beantragte die Abänderung des Artikels 31 der Verfassung--Freilassung
der Abgeordneten auch aus der Strafhaft--, Aenderung des
Reichstagswahlgesetzes: Einführung der Kuverts, Wahltag am Sonntag,
gesetzliche Festlegung der Zahl und des Umfanges der Wahlkreise nach
jeder Volkszählung, Aenderung der Bestimmungen des Strafgesetzbuchs in
bezug auf Wahlbeeinflussungen; einen Gesetzentwurf betreffend das
Vereins- und Versammlungsrecht, Antrag auf Aenderung des
Freizügigkeitsgesetzes--Einschränkung der Ausweisungen--, Anträge zu dem
Bericht der Kommission über die Einführung der Gewerbegerichte, Anträge
zu dem von den Regierungen eingebrachten Gesetzentwurf betreffend
Aenderung der Gewerbeordnung.

Bei einer der in jener Zeit öfter vorkommenden Sozialistendebatten
erlaubte sich Bismarck den Scherz: er wolle mir einen polnischen Bezirk
zum Musterversuch für sozialistische Experimente überlassen. Da ich
hinter Schloß und Riegel saß, konnte ich ihm auf diesen Scherz nicht
gebührend antworten.

Als ich vernahm, daß Motteler zur Frage der Fabrikarbeit der Kinder
sprechen wolle, schrieb ich ihm am 12. Februar:

"Gestern sagte mir Dr. Glattstern, daß Du ihn wegen Beschaffung von
Material in bezug auf Kindersterblichkeit angegangen habest. Wenn Du
dies in Rücksicht auf die Einschränkung der Kinderarbeit durch die
Gewerbeordnungsnovelle getan, dürfte es sich empfehlen, von
Zahlenmaterial, da es meines Wissens in brauchbarer Weise nicht
vorhanden ist, abzusehen. Die große Kindersterblichkeit ist notorisch,
auch in den späteren Jahren, aber es muß beachtet werden, daß neben
der Fabrikarbeit auch elende Wohnung, elende Nahrung und elende Pflege
während der Krankheiten sehr ins Gewicht fallende Faktoren sind.
Willst Du dagegen die große Kindersterblichkeit in den ersten
Lebensjahren auf die Beschäftigung der Mütter in den Fabriken mit
zurückführen, so ist das unzweifelhaft gut und hierfür kein besseres
Beispiel anzuführen als die Zeit der Baumwollenkrise in England,
während des amerikanischen Bürgerkriegs, in der die Kinder bedeutend
weniger starben, weil sie jetzt infolge der mangelnden Arbeit für die
Mütter die Mutterbrust erhalten konnten (siehe Marx' Kapital).

Ich glaube, Du tust am besten, hier einfach auf die physischen und
moralischen Nachteile dieser Arbeit an und für sich und in Verbindung
damit auf die Zerrüttung des Familienlebens hinzuweisen, das die
Fabrikarbeit der Mütter hervorruft, und appellierst an das Gefühl der
Gegner, was sie sagen würden, wenn ihren Frauen und Kindern solche
Zumutungen gemacht würden. Daneben wäre die perfide Art, wie die
Reichsregierung im Interesse der Fabrikanten die größere Ausbeutung
ermöglicht, gebührend zu brandmarken.

Hierbei wäre aber ein neuer guter Gedanke in aller Form zum Austrag zu
bringen. Mache das gänzliche Verbot der Kinder- und eine wesentliche
Einschränkung der Frauenarbeit den Fabrikanten die Konkurrenz des
Auslandes schwer, so solle das Mittel ergriffen werden, das die
Regierung auch schon auf anderen Gebieten mit Erfolg ergriffen hat,
_der Abschluß bezüglicher internationaler Verträge_. Sie würde hierbei
nicht nur die öffentliche Meinung Deutschlands wie in kaum einer
anderen Frage auf ihrer Seite haben, sondern auch die Sympathien der
arbeitenden Klassen des Auslandes. Der moralische Druck eines solchen
Vorgehens würde so groß, daß jede Regierung gezwungen würde, auf
solche Vorschläge einzugehen.

Ich glaube, mit diesem Trumpf könnten wir sehr viel gewinnen.

Ihr könntet zu dem Antrag von Schulze-Delitzsch, Nr. 11 der
Drucksachen, betreffend das Genossenschaftsgesetz, einige weitere
Anträge bringen, zum Beispiel auf Einführung der beschränkten
Haftpflicht, analog dem früheren sächsischen Genossenschaftsgesetz.
Auch müssen einige Schulzesche Anträge entschieden bekämpft werden.
Ich stelle mein Exemplar des Berichts zur Verfügung, worin ich zu den
Materien die Bemerkungen, die weiter ausgesponnen werden könnten,
angebracht habe. _Auer_ oder wer sonst Lust hat, könnte dieses Kapitel
übernehmen.

Ich werde gelegentlich den Bericht (Aktenstück Nr. 11) hinausgeben,
bitte aber mir ihn aufzubewahren und zurückzugeben."




Im Leipziger Gefängnis und was währenddem geschah.


Die Muße im Gefängnis benutzte ich, um unter anderem im "Vorwärts" einen
Artikel für die Gründung einer allgemeinen Parteibibliothek (Archiv)
Stimmung zu machen. Die Ereignisse der nächsten Monate verhinderten, den
Plan weiter zu verfolgen. Ich habe dann den Gedanken später im Züricher
"Sozialdemokrat" aufs neue angeregt und jetzt nahm sich der
Parteigenosse Schlüter, der in der Buchhandlung des "Sozialdemokrat"
beschäftigt war, der Ausführung des Gedankens an. Die Gründung des
Parteiarchivs erfolgte.

Des weiteren arbeitete ich an der Vollendung meines Buches "Die Frau und
der Sozialismus", das im folgenden Jahre in der ersten Auflage
erscheinen konnte. Auch schrieb ich ein Broschürchen "Das
Reichsgesundheitsamt und sein Programm", in dem ich die
sozialhygienischen Aufgaben erörterte, die nach meiner Ansicht das
Reichsgesundheitsamt lösen müsse, wolle es seinem Namen und seiner
Stellung gerecht werden.

Meine diesmalige Leipziger Haft gab mir auch die Gelegenheit, einem Teil
meiner Mitgefangenen zu einer kleinen Verbesserung ihrer Lage zu
verhelfen. Zu jener Zeit hatte noch die Oberleitung im Gefängnis ein
alter Inspektor, von dem die Sage ging, daß er in seiner Stellung ein
reicher Mann geworden sei dadurch, daß er den Gefangenen, die im Besitz
von Geld waren, Eßwaren und Getränke zu einem Preise verkaufte, der ihm
einen hohen Nutzen abwarf. Weiter erfuhr ich in der Privatunterhaltung
mit meinem Aufseher, der froh war, wenn ich mit ihm eine Weile
plauderte, daß der Inspektor auch nach anderer Richtung sich an den
Gefangenen verging. So sparte er an Handtüchern und Seife, mit denen die
Gefangenen doppelt so lange aushalten mußten, als vorgeschrieben war.
Die Gefangenen erhielten ihr Mittagessen in Steinkrügen. Daß ab und zu
einer derselben zerbrach, war selbstverständlich. Der Inspektor sorgte
aber nicht für Ersatz, sondern ein Teil der Gefangenen mußte warten bis
der andere Teil gegessen hatte, und dann wurde die mittlerweile kalt
gewordene Speise in den unausgewaschenen Krügen dem anderen Teil
überreicht.

Diese Mitteilungen erregten meinen Zorn. Ich faßte nunmehr einen Plan,
um dem Inspektor sein Treiben zu legen. Ich setzte mich hin und schrieb
eine Beschwerde an den Direktor des Gerichts, dem damals die
Oberaufsicht über das Gefängnis oblag, worin ich die ganzen ungehörigen
Vorgänge schilderte, aber in der Rolle eines Mannes, der eben als
Gefangener das Gefängnis verlassen und die Ungehörigkeiten des
Inspektors am eigenen Leibe zu spüren bekommen habe, denn ich wurde ja
davon nicht betroffen. Natürlich mußte dieses Schreiben anonym abgehen.

Als meine Frau mir ihren nächsten Besuch machte, der nur in Gegenwart
des Inspektors stattfinden konnte, drückte ich ihr heimlich einen Zettel
in die Hand, in der ich sie bat, an einem bestimmten Abend Punkt 1/2-10
Uhr durch die Straße zu gehen, nach der mein Zellenfenster mündete, ich
würde ihr alsdann einen Brief hinunterwerfen, den sie von unbekannter
Hand solle abschreiben lassen und an den Gerichtsdirektor senden. So
geschah es. Als meine Frau mit ihrem Töchterchen auf der Straße
erschien, warf ich ihr aus dem dritten Stock das ziemlich stark
gewordene Briefpaket hinunter, das bei der Stille in der Straße mit
großem Geräusch auf das Pflaster klatschte. Meine Frau hob eilig das
Paket auf und eilte fluchtartig mit ihrem Töchterchen von dannen, sie
glaubten einen Mann hinter sich kommen zu hören und befürchteten, sie
würden verfolgt. Einige Tage später stürzte der Aufseher in großer
Aufregung in meine Zelle und erzählte: den Vormittag habe es zwischen
dem Direktor und dem Inspektor einen heftigen Auftritt gegeben. Der
    
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