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Wie können Sie da rufen, das ist nicht wahr? (Bravo! Zurufe.)
Meine Herren! Zunächst bitte ich vor allem meine Parteigenossen, mich
nicht durch Beifallsbezeigungen zu unterbrechen, aus dem einfachen
Grunde, weil mir diese zu viel Zeit wegnehmen. Ich habe nur anderthalb
Stunden Zeit. (Unterbrechung, Zischen.)
Vorsitzender Direktor _Peucker_: Meine Herren, ich muß Sie ersuchen,
alle derartigen Ausrufe wie "Das ist nicht wahr" usw. zu unterlassen.
Herr Bebel hat laut eingegangenem Kontrakt das Wort. Ich ersuche beide
Parteien, Herrn Bebel ruhig reden zu lassen.
_Bebel_: Meine Parteigenossen haben Herrn Sparig mit der größten Ruhe
angehört, obgleich sie häufig Ursache gehabt hatten, ihr Mißfallen
kund zu geben. (Fortgesetzte Unruhe seitens der Liberalen.)
Ich glaube, meine Herren, wir haben der liberalen Partei heute den
Beweis geliefert, daß ihre Behauptung unwahr ist, daß ein Gegner in
einer sozialdemokratischen Versammlung nicht sprechen könne; Herr
Sparig hat im Gegenteil ganz ruhig sprechen können, während
Sie--(Große Unruhe. Rufe: Raus! Lärm seitens der Liberalen.)
_Bebel_: Meine Herren! Ich hoffe, daß die Herren Gegner nicht
provozieren wollen, daß die Versammlung polizeilich aufgelöst werde.
Fast komme ich zu dieser Ueberzeugung. Herr Sparig hat ausgeführt, daß
wir uns über die Mundtotmachung im Reichstag beschwert hätten, und er
hat weiter erklärt, er nähme es den Reichsboten nicht übel, wenn sie
nicht immer wieder die sozialdemokratischen Phrasen anhören wollten.
Wir sind im Reichstage Volksvertreter so gut wie jeder andere, der
dort sitzt, und wir haben nicht bloß das Recht, sondern auch die
Pflicht, unsere Parteianschauungen dort zu vertreten, wo sich die
Gelegenheit bietet. Sind wir einmal in einer Sitzung des Reichstags
nicht zugegen, dann führt die liberale Presse und besonders das
"Leipziger Tageblatt" gewissenhaft Buch und man liest am nächsten
Tage: Bei der und der Abstimmung haben die und die
sozialdemokratischen Abgeordneten gefehlt. Reden die
sozialdemokratischen Abgeordneten, dann heißt es: Sie sind
unverschämt! Und schneidet man uns das Wort ab, auch wenn wir zum
Reden herausgefordert wurden, so heißt die liberale Presse und Herr
Sparig ein solch nichtswürdiges Verfahren gut....
Herr Sparig ist dann auf die Verhandlungen des deutschen Reichstags im
Jahre 1871 eingegangen und erwähnte dabei zuerst die Sitzung vom 25.
Mai, in der es sich um die Annexion von Elsaß und Lothringen handelte.
Hier hat nun Herr Sparig einen chronologischen Schnitzer begangen: er
läßt meine Rede vom 10. April hinter der Rede vom 25. Mai kommen. In
der Rede vom 10. April war es, wo ich erklärte, daß ich die Handlungen
der Kommune zwar nicht in allen Stücken billige, und zwar aus
Zweckmäßigkeitsgründen, daß ich aber nichtsdestoweniger die Kommune
verteidige, und daß ich mich dazu um so mehr für verpflichtet halte,
als selbst die liberale Presse, nachdem sie zuvor gewisse Handlungen
der Kommune als Gewalttaten gebrandmarkt harte, nach wenig Tagen ihre
Beschuldigungen als unwahr zurücknehmen mußte....
... Herr Sparig hat die Tätigkeit der Kommune als eine lange,
ununterbrochene Kette von Verbrechen und Scheußlichkeiten hinzustellen
versucht. Als Hauptschandtaten führte Herr Sparig die Erschießung der
Generale Klement Thomas und Lecomte an, ferner die Erschießung der
Geiseln und den Befehl zur Inbrandsetzung des Finanzministeriums, den
er Ferré imputiert. Sonstige "Schandtaten" hat er nicht anzugeben
vermocht.
Wie steht es aber nun mit diesen angeblichen Schandtaten? Am 18. März,
dem Tag der Erschießung der Generale Klement Thomas und Lecomte, hat
die Kommune, nach dem eigenen Geständnis des Herrn Sparig, noch nicht
bestanden. Man kann sie also dafür unmöglich verantwortlich machen.
An dem Tage, an dem die Geiseln erschossen worden sind--als welchen
Tag Herr Sparig selbst den 24. Mai angibt--, hat die Kommune offiziell
nicht mehr bestanden; der Kommunerat hat am 22. Mai die letzte sehr
schwach besuchte Versammlung abgehalten, was Herr Sparig gleichfalls
bestätigte. Wenn wirklich, wie Herr Sparig behauptet, was aber nicht
erwiesen ist, Ferré und Raoul Rigault am 24. den Befehl zur
Erschießung der Geiseln gegeben hätten, so würde es sich also nur um
zwei Personen von 90 handeln, welche den Kommunerat bildeten, und
diese zwei, nicht aber die Kommune, könnten verantwortlich gemacht
werden.
(Redner gibt hierauf einen kurzen geschichtlichen Abriß des Entstehens
der Kommune, der Belagerung von Paris, des Mißtrauens der Bevölkerung
gegen Trochu, der Uebergabe von Paris, des Ausschreibens der Wahlen
zur Nationalversammlung, welche den Frieden ratifizieren sollte.)
Die Wahlen wurden ausgeschrieben in einem Moment, wo zwei Drittel von
Frankreich von den Deutschen besetzt waren, wo ein großer Teil des
Landes im Belagerungszustand war, wo bei der Kürze der Frist von einer
Verständigung über die zu Wählenden keine Rede sein konnte, wo endlich
der größte Teil der bonapartistischen Präfekten und Beamten, die
mehrere Jahrzehnte die niederträchtigste Wahlkorruption betrieben
hatten und darauf eingeübt waren, noch im Amte saß. Unter solchen
Umständen konnte unmöglich von freien Wahlen die Rede sein.
Die Wahlen fielen auch danach aus. War auch die Majorität nicht
bonapartistisch gesinnt, so war sie doch royalistisch und der Republik
feindlich. Die Folge war, daß Gambetta zurücktrat und Herr Thiers an
die Spitze der Regierung kam. Die Nationalversammlung, die damals
bekanntlich in Bordeaux tagte und die ausdrücklich nur zu dem Zweck
gewählt worden war, über die Friedensbedingungen zu beschließen, maßte
sich jetzt an, über das Geschick Frankreichs zu entscheiden, und
beging damit eine schwere Verletzung ihres Mandats. Die Regierung war
jämmerlich genug, auf solche Anmaßungen einzugehen. Ja es kam in
kurzer Zeit so weit, daß selbst die blauen Republikaner wie Jules
Favre und Konsorten gänzlich aus der Regierung verdrängt wurden.
Mit dieser Haltung der Versammlung in Bordeaux gingen weitere Schritte
der Regierung gegen Paris Hand in Hand. Die Regierung verlangte von
der Pariser Nationalgarde, und zwar im Widerspruch mit den
Stipulationen des Friedensvertrags, daß sie die Waffen ausliefere. Der
Belagerungszustand, der seit der Revolution vom 4. September in Paris
aufgehoben war, wurde wieder eingeführt. Der als ein Feind der
Republik bekannte Jesuiten-General d'Aurelles de Paladine wurde zum
Oberkommandanten der Nationalgarde, der verhaßte bonapartistische
General Vinoy zum Gouverneur von Paris ernannt. Diesen gegen Paris
feindseligen Schritten schlossen sich eine Reihe anderer an. Infolge
der Belagerung von Paris und des vollständigen Daniederliegens von
Geschäften und Verkehr war früher eine Aufschiebung der fälligen
Wechselzahlungen ausgesprochen worden. Die Regierung, die mittlerweile
von Bordeaux nach Versailles übergesiedelt war, bestimmte jetzt, daß,
obgleich Handel und Wandel noch gleich sehr daniederlagen, alle
fälligen Wechselzahlungen sofort bezahlt werden müßten. Es wurde
ferner befohlen, daß die fälligen Mieten--die bis dahin ebenfalls
gestundet worden waren--sofort bezahlt werden müßten. Gleichzeitig
wurde eine Stempelsteuer von 2 Centimes auf jedes Zeitungsblatt
eingeführt. Die Folge von allem diesem war, daß nicht nur die
Sozialisten, sondern daß der größte Teil der Pariser Bevölkerung, die
kleinen Kaufleute, die Krämer, die Handwerker mit den revolutionären
Elementen gemeinsame Sache machten. Sie erklärten, unter keinen
Umständen auf die Bedingungen und Zumutungen eingehen zu können,
welche die gegenwärtige Regierung stelle. Als die Regierung die
Stimmung in Paris sah, wurde ein Handstreich von ihr versucht. Man
wollte sich Paris mit Gewalt bemächtigen. In der Nacht vom 17. auf den
18. März rückte der General Lecomte auf Befehl des Generals d'Aurelles
de Paladine mit einer Anzahl Linienbataillone gegen den Montmartre, um
sich der dorthin gebrachten mehreren hundert Geschütze, welche sich
die Nationalgarde aus eigenen Mitteln während der Belagerung beschafft
hatte, zu bemächtigen. Die Nationalgarde hatte tags zuvor von diesem
Plane Kunde erhalten, sie war infolgedessen auf dem Posten. Als die
Truppen heranrückten, fanden sie alle Zugänge sorgfältig besetzt.
Lecomte sah die Unmöglichkeit ein, die Kanonen, wie er gehofft, ohne
Schwertstreich wegzunehmen; er kommandierte Feuer. Wie es bei solchen
Gelegenheiten geht, hatten sich neben der Nationalgarde auch eine
Menge Volks, Männer, Frauen und Kinder, eingefunden, die bei dem
Feuern notwendig wären mitgetroffen worden. Da erklärte die Linie: Wir
schießen nicht. Statt das Gewehr auf die Nationalgarde zu richten,
wandte sie die Gewehrkolben nach oben und fraternisierte mit dem Volk.
Viermal forderte der General zum Feuern auf und viermal verweigerten
die Soldaten den Gehorsam.
Jetzt begann der General wütend zu schimpfen. Dies erbitterte seine
Soldaten, und darauf wurde er von seinen eigenen Leuten verhaftet und
im Laufe des Nachmittags erschossen. Dabei war kein Mitglied des
Zentralkomitees der Nationalgarde zugegen, und die Kommune wurde erst
wenige Tage später proklamiert.
In diese Affäre mengte sich nun der General Klement Thomas, der in
Zivilkleidern als Spion sich unter das Volk gemischt hatte und, als er
auf das Benehmen der Soldaten schimpfte, erkannt wurde. Herr Sparig
sagt, Klement Thomas sei ein Republikaner gewesen.
Meine Herren! Es gibt in Frankreich eine Menge Leute, die sich
Republikaner nennen, im Grunde aber nichts anderes sind wie bei uns
die Nationalliberalen. Klement Thomas war einer von dieser
verwässerten republikanischen Richtung. Früher Offizier, der den
Dienst quittiert hatte, war er anfangs 1848 bei dem Journal "National"
als Sitzredakteur beschäftigt, dem zugleich die Stelle des Duellanten
bei den Streitigkeiten mit den Redakteuren anderer Blätter zufiel. Von
der Februarregierung wieder in die Armee eingereiht und zum General
erhoben, spielte er vor und während der Junischlacht 1848 die infamste
Henkerrolle und setzte sich durch seine Barbarei gegen die Arbeiter
ein trauriges Denkmal.
Dieser selbe General wurde von Trochu zum Kommandanten der Pariser
Nationalgarde ernannt, als der General Tamisier im November 1870 wegen
des nicht gehaltenen Versprechens, daß Paris seine Kommuneregierung
wählen solle, das Kommando niederlegte. Das war eine direkte
Provokation. Klement Thomas hatte nach Antritt seines Kommandos nichts
Eiligeres zu tun, als in allen seinen Handlungen die offenbarste
Feindschaft gegen die Nationalgarden aus den Arbeiterquartieren zu
zeigen. Und in dem Moment, wo die Aufregung über das Benehmen des
Generals Lecomte aufs Höchste gestiegen war, erschien der verhaßte
Mann auf der Bühne und nahm für Lecomte Partei. Er wurde festgenommen
und gleich Lecomte von den ergrimmten Soldaten erschossen.
Meine Herren! Das war eine Gewalttat, und ich bin weit entfernt, sie
gut zu heißen; aber man muß sich die Lage vergegenwärtigen, und wenn
man dies tut, wird man diese Handlungen entschieden entschuldigen
müssen. Es sind von seiten der Reaktion ganz andere und größere
Grausamkeiten begangen worden, und zwar nicht in einer Zeit der
Aufregung und Leidenschaft, unter welcher die Kommune existierte,
sondern man hat sie in ruhiger Zeit und mit kaltem Blute begangen. Man
denke nur an die entsetzliche Behandlung der Kommunedeportierten in
Neukaledonien, welche alles bisher Dagewesene an Grausamkeit
übertrifft, und Jahre lang nach dem Kampfe fortgesetzt wurde. Solche
Greuel fordern die Empörung und Verurteilung jedes Menschenfreundes
heraus.
Als die in Paris anwesenden Regierungsbehörden am 18. März sahen, wie
die Stimmung der Stadt und der Soldaten war, fanden sie es für gut,
sich eiligst aus dem Staube zu machen. Das Zentralkomitee der
Nationalgarde nahm jetzt die Leitung der Verwaltung in die Hand.
Herr Sparig glaubt der Versailler Regierung den Vorwurf machen zu
müssen, daß sie am 18. März nicht zuverlässige Truppen nach Paris
gesandt. Es gab aber für die Regierung überhaupt keine zuverlässigen
Truppen. Die ganze französische Armee, soweit sie im Lande war, war
empört über die Haltung der Regierung und sympathisierte mit dem Volk.
Die einzig zuverlässigen Truppen: die Garden Napoleons, die Zuaven und
Turkos und die ultramontanen bretonischen Regimenter, befanden sich in
der deutschen Gefangenschaft. Und erst als Herr Thiers und Herr von
Bismarck sich verständigt hatten, erwies der letztere dem ersteren die
Gefälligkeit, ihm mehr als 80000 Mann der bezeichneten Truppen zur
Verfügung zu stellen, welche jetzt wie Bestien und als wollten sie die
Niederlage, die sie von den Deutschen erlitten, an ihren Landsleuten
rächen, über Paris herfielen und in ihrer schauerlichen Blutarbeit
über 30000 Menschen niedermetzelten. Diese Truppen haben sich für ewig
gebrandmarkt, und sie haben später von ihren Kameraden in der Armee
häufig es anhören müssen, daß es eine Schande und eine Schmach für sie
sei, sich zu Würgern und Henkern des Pariser Volks hergegeben zu
haben.
Veranlaßt durch das Zentralwahlkomitee der Nationalgarde, wählte das
Pariser Volk am 25. März die Kommune. Herr Sparig erklärte, es habe
dabei eine große Wahlenthaltung stattgefunden, und scheint daraus
schließen zu dürfen, daß alle, die nicht gewählt, Gegner der Kommune
gewesen seien.
In bezug auf die Wahl der Kommune kann ich mich auf einen Gewährsmann
berufen, der ein wütender Sozialistenfeind ist, nämlich auf Herrn
Johannes Scherr, der gegenwärtig in der "Gartenlaube" eine Reihe von
Artikeln veröffentlicht, die an Schimpfereien gegen die Kommune
wahrhaftig nichts zu wünschen übrig lassen.
Nun, in diesen Artikeln teilt Herr Scherr mit, daß von 490000 Wählern
am 25. März 277300 zur Urne kamen und für die Kommune stimmten. Das
sind 57 Prozent. Haben wir etwa eine solche Wahlbeteiligung in Leipzig
einmal bei der Reichstagswahl oder gar bei der Stadtverordnetenwahl
gehabt? Bei der letzteren haben bei der neuesten Wahl kaum 33 Prozent
gewählt. Und was würde Herr Sparig sagen, wenn wir seine Logik
akzeptieren wollten und erklärten, die übrigen 67 Prozent, die sich
der Wahl enthielten, sind Sozialdemokraten? Er würde uns auslachen und
mit vollem Recht. Dasselbe aber gebührt ihm mit seinem Urteil über die
Kommune.
Es ist eine Tatsache, daß die große Mehrheit der Bevölkerung von Paris
sich für die Kommune erklärt hat; ja Herr Scherr geht sogar so weit,
zu erklären, daß die Kommunewahl am 25. März mit einer Einmütigkeit,
mit einer Freudigkeit ohne gleichen seitens der Bevölkerung begangen
wurde, daß der Tag zu den schönsten gerechnet werden müsse, die Paris
gesehen. Das Volk von Paris habe sich an diesem Tage in seinem vollen
Glanze und von seiner besten Seite gezeigt, wie kaum bei einem anderen
historischen Ereignis. So muß ein Gegner der Sozialdemokratie über die
Kommune urteilen!
Herr Sparig hat weiterhin die "Gesetzesmacherei" der Kommune
kritisiert. Er sagte, daß ein Dekret das andere gejagt, das eine das
andere wieder aufgehoben oder verschärft habe.
Aber war denn das anders möglich, wenn man einen solchen Augiasstall
auszumisten hatte, wie es das kaiserliche Paris war? (Heiterkeit.) Da
hatte man allerdings sehr viel zu dekretieren. Und es versteht sich
von selbst, daß in einer solchen Situation nicht alles wie am
Schnürchen geht. Der Krieg von 1870 war seitens der Deutschen sicher
sehr gut vorbereitet, fragen Sie aber einmal den Generalstäbler
Moltke, ob alles so glatt gegangen ist, und er wird Ihnen sagen, daß
es da und dort gehapert hat. Wie viel mehr muß dies der Fall sein,
wenn es sich um eine revolutionäre Bewegung handelt, wenn an Stelle
des alten ein neuer Staat geschaffen werden soll, inmitten von
Hunderttausenden von Feinden--der deutschen Armee und der Versailler,
die mit aller Kraft und all ihren Mitteln darauf hinarbeiteten, der
neuen Institution den Garaus zu machen.
Die Dekrete aber, die Herr Sparig anführte, war er selber nicht
imstande, als solche zu qualifizieren, die geeignet wären, die Kommune
zu kompromittieren. Wenn er beispielsweise bezüglich des Dekrets der
Kommune, betreffend die Nachtarbeit der Bäcker, sagt: er glaube nicht,
daß auch die Sozialisten geneigt wären, morgens zum Kaffee mit einem
altbackenen Dreierbrötchen vorlieb zu nehmen, so ist das ein so
flacher Witz, daß ich es unterlasse, näher darauf einzugehen. Es
handelte sich bei dieser Maßregel nicht darum, ob der verwöhnte Gaumen
der Bourgeoisie ein Bedürfnis befriedigen konnte oder nicht, sondern
darum, ob eine zahlreiche Klasse von Arbeitern permanent der
aufreibenden und ruinierenden Nachtarbeit ausgesetzt sein sollte oder
nicht. Jeder, der sich mit diesen Dingen einigermaßen beschäftigt hat,
weiß, daß die Bäckergesellen infolge der Nachtarbeit und der ungemein
langen Arbeitszeit überhaupt, die häufig 16, ja 18 Stunden beträgt,
meist einem frühen Tode entgegengehen.
Die Kommune hat nun allerdings auf solche Zustände ihr Augenmerk
gerichtet, und das gereicht ihr zur Ehre. (Zustimmung.)
Weiter führt Herr Sparig an, daß die Kommune zwar die Todesstrafe
abgeschafft habe, aber das Erschießen eingeführt, und er bezog sich
dabei auf ein Dekret, welches die Strafe des Erschießens allen denen
androhte, die sich dem Dienste in der Nationalgarde, also der
Verteidigung der Stadt entzögen.
Die Kommune, von der Anschauung ausgehend, daß jedes stehende Heer ein
Werkzeug in den Händen der Regierung sei, um das Volk zu unterdrücken,
verlangte die Abschaffung des stehenden Heeres und führte die
allgemeine Volksbewaffnung ein. Es war demgemäß jeder waffenfähige
Mann verpflichtet zur Verteidigung der Stadt.
Das benachteiligte keinen und war für alle gerecht, was von unserem
Wehrsystem, das trotz der Phrasen von allgemeiner Wehrpflicht nur
einen Teil des Volkes bewaffnet, allerdings nicht gesagt werden kann.
Nun gab es freilich einen Teil, der für die Kommune nicht eintreten
wollte, obgleich sie ringsum von Feinden umgeben war, die mit allen
ihr zu Gebote stehenden Mitteln sie vernichten wollten.
Die Kommune, von allen Seiten angegriffen und zum Kriegführen
gezwungen, mußte in dieser Lage diejenigen Mittel anwenden, die in
einem solchen Falle jeder kriegführenden Partei zu Gebote stehen und
stehen müssen. Sie bedrohte jeden mit dem Tod durch Erschießen, der
sich weigerte, die Waffen zur Verteidigung zu tragen.
Es hat Tausende meiner Parteigenossen 1870 gegeben, die mit dem Kriege
nicht einverstanden waren und die man nicht frug, ob sie mitgehen
wollten. Sie mußten mitgehen und sie würden, im Falle der Weigerung,
vor ein Kriegsgericht gestellt und ohne Gnade erschossen worden sein.
Herr Sparig verwechselt also die Abschaffung der Todesstrafe in
Zivilstrafrechtsfällen mit der militärischen Todesstrafe im Falle
eines Krieges, was doch ein himmelweiter Unterschied ist. Die
Todesstrafe zur Aufrechterhaltung der Disziplin im Kriege wird es
geben, solange es Krieg gibt.
Herr Sparig hat weiter ein Kommunedekret hervorgehoben, wonach
diejenigen Werkstätten und Fabriken, die seitens der Arbeitgeber
verlassen worden waren, von der Kommune in Beschlag genommen und
denjenigen Arbeitern, welche bisher darin gearbeitet, zum Betrieb
übergeben werden sollten. Ferner, daß eine Kommission gewählt werden
sollte, um die Werkstätten abzuschätzen, damit die früheren Besitzer
entschädigt werden könnten. Er hat sehr richtig hervorgehoben, daß die
Kommune dies allgemein durchgesetzt haben würde, wenn sie die Macht
dazu gehabt hätte. Ja, er hat auch recht, wenn er vermutet, daß wir
allerwärts ähnlich vorgehen würden, wenn wir könnten. Wir wollen den
Gegensatz zwischen Arbeitern und Arbeitgebern ausgleichen, da die
Interessen von Arbeitern und Arbeitgebern sich heute feindlich
gegenüberstehen. Die Arbeitgeber wollen möglichst geringen Lohn zahlen
und möglichst lange arbeiten lassen; der Arbeiter will möglichst hohen
Lohn bei möglichst geringer Arbeitszeit. Mit jeder Maschine, die
erfunden wird, mit jeder neuen Fabrik wird dieser Klassengegensatz
schärfer. Jede Bahn, die gebaut, jeder Telegraphendraht, der gelegt
wird, trägt die Erkenntnis in weitere Kreise, verschafft uns neue
Anhänger. Jeder Schritt zur Konzentration des Kapitals, zur
Vernichtung der kleinen Unternehmer vermehrt die Spaltung und drängt
zur Lösung, indem Produktion und Distribution assoziativ betrieben
werden, das heißt alle Werkstätten, alle Fabriken, alle Arbeitsmittel
müssen in den Händen der Gesellschaft sein und von dieser im Interesse
und bei Gleichberechtigung aller Staatsbürger verwaltet werden. Jeder
muß arbeiten und jeder hat seinen vollen Anteil am Gewinn, wie
selbstverständlich auch am Verlust. An Stelle der Privatindustrie, an
Stelle der wilden, unorganisierten Produktionsweise--die uns die
gegenwärtige Krise auf den Hals gebracht hat--soll eine sozialistisch,
das heißt gesellschaftlich organisierte Produktionsweise treten, wo
einer für alle und alle für einen einstehen. Dazu hat die Kommune den
ersten Schritt getan, und er war ein solcher, wobei die in Frage
kommenden Arbeitgeber durchaus reinen Nachteil hatten, denn sie
sollten den vollen Wert für ihre Werkstätten und Fabriken vergütet
erhalten.
Nach unserer Auffassung hat die Gesellschaft die Pflicht, sich so zu
organisieren, daß für das Wohl aller ihrer Mitglieder gleichmäßig
gesorgt ist, daß jedes ihrer Mitglieder in immer höherem Grade an den
Errungenschaften der Kultur und Zivilisation auf allen Gebieten des
menschlichen Lebens teilnehmen kann. Die Gegner behaupten zwar, dem
Fortschritt zu huldigen, aber sobald es sich um eine Besserstellung
der Gesamtheit handelt, schreien die, die im Fette sitzen und die
Macht in Händen haben: Wir leben in der besten der Welten, es ist ein
Verbrechen, wenn diese umgestaltet werden soll.
Mit allen Mitteln verteidigen sie die Vorrechtsstellung, die sie inne
haben, und dies geht so weit, daß Männer, die bei einem ganz
untergeordneten Gesetz, das mit dem Sozialismus gar nichts zu tun hat,
wie zum Beispiel das Hilfskassengesetz, sich herausnehmen zu sagen,
daß das Gesetz gegen die Arbeitgeber ein Unrecht sei, und wer dafür
ist, sich den Vorwurf entgegenschleudern lassen muß--denn als Vorwurf
betrachtet man es--, du bist Sozialist. Wir haben das erst heute im
"Tageblatt" gelesen. Damit wird aufs deutlichste ausgesprochen: Wir
sind nicht geneigt, den Unterdrückten auch nur die geringsten
Konzessionen zu machen.
Wenn überall, im kleinen wie im großen, in der Gesetzgebung wie im
sozialen Leben dieser Klassengegensatz hervortritt, so versteht es
sich von selbst, daß Revolutionen entstehen, wie in Paris. Und es ist
meine feste Ueberzeugung--wie ich dieses auch in der hier angezogenen
Reichstagsrede ausgesprochen habe--, daß, ehe wenig Jahrzehnte
vergehen, alles was in Paris geschah, sich in ganz Europa wiederholt.
An der Gesellschaft ist es, zur Einsicht zu kommen und sich zu
bemühen, auf dem Wege der Gesetzgebung die vorhandenen
Klassengegensätze auszugleichen.
Was hat nun die Kommune weiter getan? Sie hat eine alte liberale
Forderung, die seit Jahrzehnten im Programm der liberalen Partei
gestanden, aber seitdem sie zur Herrschaft gelangt ist, in die
Rumpelkammer geworfen wurde, verwirklicht. Die Kommune hat die
Trennung der Kirche von Schule und Staat beschlossen und
durchgeführt, und sie hat weiter beschlossen, das Kircheneigentum zu
konfiszieren.
Mich wundert nur, daß Herr Sparig dieses nicht erwähnt und eine
Anklage auf Verletzung des Eigentums erhoben hat. Zum Vorwurf hat man
es der Kommune vielfach gemacht. Da es Herr Sparig nicht erwähnte, so
erwähne ich's, um ihn zu ergänzen. (Heiterkeit.)
Schade nur, daß das, was die Kommune getan, andere längst vor ihr
getan haben. Wenn in der Reformation, die 1517 begann, viele Fürsten
auf die Seite Luthers traten, so geschah das nicht aus idealem
Interesse, sondern weil sie sich mit dem reichen Kircheneigentum ihre
großen Taschen füllen konnten. (Heiterkeit, Beifall.)
Und als in den Vereinigten Staaten von Nordamerika vor 15 Jahren der
große Krieg zwischen dem Süden und dem Norden ausbrach und schließlich
der Norden die Sklaverei abschaffte, so war das ein solcher Eingriff
in das Eigentum der Sklavenhalter, wie man sich ihn ärger nicht denken
kann. Unsere Gegner finden, das, was ihnen nützt, sei recht und
billig; tut es aber das Volk zu seinen Gunsten, dann ist es Verbrechen
und Diebstahl.
Dieselbe Partei, welche gegen die Kommune wegen Antastung des
Eigentums die Anklage erhebt, hat noch zu Anfang der 60er Jahre, als
sie auf Oesterreich noch gut zu sprechen war, ihm den Rat gegeben, die
Kirchengüter zu konfiszieren, um seine kolossale Schuldenlast zu
decken, und sie hat jubelnd Beifall geklatscht, als Italien in dieser
Richtung vorging. Nun, die kirchlichen Korporationen haben ihr
Eigentum auf Grund derselben Rechtstitel erworben, wie irgend ein
Bourgeois sein Haus oder sein Grundstück. Wo bleibt da die Konsequenz?
Nachdem die Kommune die Trennung der Kirche vom Staat und von der
Schule ausgesprochen, dekretierte sie den obligatorischen und
unentgeltlichen Unterricht, und nicht bloß in bezug auf das Schulgeld,
sondern auch in bezug auf die Lehrmittel. Arme und Reiche sollten
gleiche Erziehung genießen, und dadurch, daß der Staat für alle in
gleicher Weise eintrat, sollte vermieden werden, daß der Neid und der
Haß zwischen arm und reich schon in die jugendlichen Herzen gepflanzt
werde. Zeigen Sie mir doch einen liberalen Staat, der auch nur
entfernt etwas Aehnliches geleistet. (Beifall.)
Herr Sparig hat sich weiter hämische Bemerkungen darüber erlaubt, daß
die Kommune erklärt, ihre Politik und ihre Bestrebungen beruhten auf
Wissenschaft. Die Kommune hat damit sagen wollen, daß sie alle
Errungenschaften der modernen Wissenschaft in bezug auf
Nationalökonomie, in bezug auf Rechtspflege und Volkswohlfahrt
überhaupt für die Gesetzgebung möglichst allgemein nützlich zu
verwenden gedenke und sich nicht an bestimmte Theorien und Axiome
binde. Sie hat sich damit allerdings auf den Standpunkt der modernen
Wissenschaft gestellt, auf jenen Standpunkt, der nicht von bestimmten
Voraussetzungen und vorgefaßten Meinungen ausgeht, sondern an der Hand
der Prüfung und Erfahrung das Beste ausfindig zu machen sucht.
Wenn die Kommune nur Stückwerk geleistet hat, so erklärt sich das aus
der Lage und aus den Verhältnissen, in denen sie sich befand. Bedenken
Sie, daß die Kommune während ihrer ganzen Dauer nicht einen ruhigen
Augenblick gehabt, daß sie fortwährend im Kriegszustand und Kampf sich
befand--wie konnte es anders sein?
Herr Sparig hat der Kommune einen besonderen Vorwurf daraus gemacht,
daß sie, die angeblich die vollste Preßfreiheit gewollt habe, die
Preßfreiheit aufhob, indem sie gegnerische Journale unterdrückte. Auch
diese Handlungsweise erklärt sich sehr leicht aus der Zwangslage, in
welcher sich die Kommune befand. Von allen Seiten angegriffen, mitten
im Kampfe und in der Revolution, gebot ihr die Not, neben dem vor den
Toren stehenden Feind nicht auch noch den Feind in den eigenen Mauern
zu dulden. Sie mußte Journale unterdrücken, die Tag für Tag die
heftigsten Angriffe und Verleumdungen gegen sie schleuderten, die mit
dem vor den Toren stehenden Feind in Verbindung standen und auf ihren
Sturz hinarbeiteten.
Als 1870 der Krieg ausbrach, wurde in Deutschland in allen Provinzen,
die man für gefährdet hielt, der Kriegszustand proklamiert. Die
oppositionellen Blätter wurden unterdrückt und alle Persönlichkeiten,
von denen man glaubte, daß sie dem Kriege feindlich seien, gefangen
gesetzt. Wohlan, dasselbe Recht nehmen wir auch für die Kommune in
Anspruch.
Auch findet es Herr Sparig absurd, daß sich die Kommune über die
Wegnahme des Oktrois seitens des Herrn Thiers beschwerte, sie, die
doch eine Feindin der indirekten Steuern hätte sein wollen. Zu dieser
Beschwerde hatte sie ein Recht. Das Oktroi gehörte der Stadt, und die
Kommune war nicht in der Lage, mitten im Kampf ein neues Steuersystem
einzuführen. Das Oktroi bildete die einzige regelmäßig fließende
Steuerquelle, und sie mußte diese benutzen, wenn sie die Verteidigung
und die Verwaltung im Gang erhalten wollte.
Da Herr Thiers der Kommune die Steuern wegnahm, mußte sie zu Anleihen
bei der Bank von Frankreich und bei Rothschild ihre Zuflucht nehmen,
um ihre Bedürfnisse zu decken, und diese Anleihen wurden
unbeanstandet, und zwar mit Zustimmung des Herrn Thiers, gewährt. Eins
aber ist bei der Finanzverwaltung der Kommune zutage getreten, was
auch Herr Sparig nicht anzugreifen vermochte. Das ist die große
Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit der Kommune, der selbst aus
gegnerischem Munde die größte Anerkennung gezollt worden ist.
Mit vollem Recht konnte der Finanzminister der Kommune, Jourde, vor
seinen Versailler Richtern sagen. "Ich habe ärmer das
Finanzministerium verlassen, als ich es betreten habe!" (Hört!) Man
zeige mir doch die monarchischen Finanzminister, die gleiches von sich
sagen können! (Heiterkeit, Zustimmung.) Herr Thiers, der 1830 als
armer Advokat und Schriftsteller unter Louis Philippe ins Ministerium
trat, verließ es 1836 als Millionär.
Der erste Schritt der Kommune war, die hohen Gehälter abzuschaffen,
ihre Mitglieder sollten für gute Arbeitslöhne arbeiten. Der erste
Beamte sollte nicht mehr als jährlich 6000 Franken, das sind 4800
Mark, erhalten. Der erste Bürgermeister von Leipzig bekommt jährlich
15000 Mark. (Heiterkeit, hört!) Der erste General der Kommune erhielt
ebenfalls nur 6000 Franken, aber als Herr Thiers kaum Präsident
geworden war, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als sich eine
Zivilliste von 3 Millionen Franken auswerfen zu lassen. (Hört!)
Die Kommune hat ein Beispiel von Sparsamkeit gegeben, das allen
Regierungen als Muster dienen könnte. Das hat sogar der
Sozialistenfeind Herr Scherr anerkannt. Herr Sparig hat das freilich
nicht erwähnt, drum erwähne ich's. (Heiterkeit.)
Ich komme nun auf die Erschießung der Geiseln und die Brandstiftungen.
Herr Sparig bemerkte in bezug auf letztere, er sei vierzehn Tage nach
dem Fall der Kommune in Paris gewesen und habe die Verwüstungen mit
eigenen Augen gesehen. Er hat uns sogar von einem Privathaus erzählt,
das man habe anzünden wollen und das nicht in der Verteidigungslinie
gelegen. Er hat uns nun freilich nicht gesagt, daß man das Haus
wirklich angezündet hat. Und wie kann er, der während des Kampfes
nicht dort war, überhaupt beurteilen, was zur Verteidigung nötig war
oder nicht? Er beruft sich auf mündliche Versicherungen, die ihm
geworden. Diese gelten in meinen Augen gar nichts. Die Verfolgungswut
der Versailler und ihr bestialisches Wüten war so groß, daß nicht
bloß Wochen, sondern noch Monate und Jahre lang nach dem Fall der
Kommune jeder verfolgt wurde, der ein Wort der Sympathie für sie
hatte. Die Furcht war so groß, daß nicht nur niemand sie in Schutz zu
nehmen wagte, sondern viele auf sie schimpften, um jeden Verdacht von
sich abzulenken. Und dabei zeigte sich die Erbärmlichkeit der
Bourgeoisie im vollsten Lichte. Binnen wenig Tagen nach dem Fall der
Kommune sind bei den Versaillern nicht weniger als 370000
Denunziationen eingereicht worden. Die Pariser Bourgeoisie hat sich
damals gerade so nichtswürdig benommen, wie 1866 die Leipziger
Bourgeoisie, die damals bei dem preußischen General so viele
Denunziationen vorbrachte, daß dieser voll Ekel erklärte, er wolle
davon nichts mehr wissen.
Und wenn Herr Sparig hier nun kommt mit einem angeblich von Ferré
unterzeichneten Brandbriefe, der das Siegel des Kriegsministers trägt,
das ebensogut der Kriegsminister des Herrn Thiers darauf gesetzt haben
kann, so ist dies in meinen Augen ein Wisch, der verdient, daß ich ihn
zerreiße. (Redner zerreißt das Papier. Bravo. Unruhe.) Meine Herren,
es sind eine Menge von Aktenstücken, betreffend die Brandstiftungen,
die Erschießung von Geiseln, die angebliche Wegnahme von Eigentum usw.
als Fälschungen vor Gericht konstatiert worden.
Ferré, der Inbrandlegung des Finanzministeriums auf Grund des hier
vorgezeigten Aktenstücks angeklagt, hat die Echtheit desselben bis zum
letzten Augenblick bestritten; er hat an gewissen Buchstaben
nachzuweisen gesucht, daß dasselbe gefälscht sei; aber da der seitens
der Versailler angestellte Handschriftenvergleicher die Echtheit
behauptete, wurde Ferré verurteilt. Ebenso wurde Ferré der Erschießung
der Geiseln angeklagt. Er selbst sagt aus, daß er nicht den Befehl zu
deren Erschießung, sondern zu deren _Freilassung_ gegeben habe. Damit
stimmen auch andere Berichte, namentlich der eines englischen Arztes,
überein, und ebenso ist festgestellt, daß Geistliche, die als Geiseln
verhaftet waren, später vor Gericht zeugten, also nicht erschossen
sein konnten. Wohl ist ein Teil der 60 Geiseln erschossen worden, aber
es wird behauptet, erst in dem Moment, wo dieselben das Gefängnis
verließen und, von den Barrikadenmännern zur Unterstützung der
Verteidigung aufgefordert, sich dessen weigerten. Da habe man sie mit
Flintenschüssen verfolgt. Auch Raoul Rigault ist der Erschießung der
Geiseln angeklagt worden. Nun, Raoul Rigault ist tot, er hat wie ein
Mann gekämpft und ist mitten im Kampfe wie ein Mann gestorben; ihn
kann man leicht anklagen, er ist tot und kann nicht antworten.
Was haben die Geiseln für einen Zweck? Die Deutschen haben 1870 in
Frankreich viele Geiseln genommen, und zwar weil die Franktireurs oder
sonstige Bewohner Frankreichs den Deutschen auf Weg und Steg Abbruch
zu tun bestrebt waren, indem sie die Proviantkolonnen überfielen, die
Eisenbahnen, Brücken und Straßen zerstörten, einzelne Posten
überfielen und niedermachten, kurz, schadeten, wo sie konnten. Die
Franktireurs taten damit, was 1813 der preußische Landsturm gegenüber
den Franzosen tat, und zwar bin ich in der Lage, Ihnen die damaligen
Landsturmverordnungen vorlesen zu können, die vorschrieben, dem Feinde
zu schaden und ihn zu vernichten, wie und wo sich die Gelegenheit
biete.
Die Deutschen wollten diese Kriegführung nicht als kriegsrechtlich
anerkennen und alle Offiziere bekamen den Befehl, wo Soldaten auf die
bezeichnete Weise geschädigt würden, Geiseln zu nehmen und diese ohne
Gnade zu erschießen, wenn man die Schuldigen nicht ausfindig machen
könne. Es sollten ferner von den Bewohnern der Dorfschaften
Kontributionen erhoben, die Häuser oder die Dörfer, aus denen Schüsse
auf die Gruppen gefallen, ohne Rücksicht auf Schuldige oder
Unschuldige niedergebrannt werden. Diese Befehle sind oft vollzogen
worden. Hunderte und aber Hunderte sind so ums Leben gekommen, Häuser
und ganze Ortschaften wurden angezündet, ich habe darüber in der
liberalen Presse keinen Tadel, sondern nur Billigung gefunden.
Die Kommune befand sich den Versaillern gegenüber in einer ähnlichen
Lage, und mindestens ebenso im Recht, wie die Deutschen gegenüber der
irregulären Kriegführung der Franktireurs. Die Versailler haben
während des wochenlangen Kampfes gegen Paris die ihnen in die Hände
fallenden Gefangenen wider alles Kriegsrecht niedergemetzelt. Auf
solche Weise sind die Kommune-Generale Duval und Flourens und viele
andere Offiziere ums Leben gekommen. Ja, die Versailler haben sich
nicht entblödet, auf die Verbandplätze zu schießen und die gefangenen
Krankenpflegerinnen, nachdem sie dieselben geschändet, zu füsilieren.
Das konnten nur Bestien tun, wie sie Herrn Thiers durch die Hilfe der
Deutschen in den gefangenen Soldaten zur Verfügung gestellt wurden.
Auf diese Schandtaten hin beschloß die Kommune, Geiseln zu nehmen und
für jeden Nationalgardisten, der niedergemacht würde, drei Geiseln zu
erschießen. Aber es blieb bei dem Beschluß, und als die Geiseln zum
Teil schließlich erschossen wurden, da bestand, wie Herr Sparig selber
zugegeben hat, die Kommune nicht mehr, sie kann also dafür auch nicht
verantwortlich sein.
Als nun die Versailler durch die Unterstützung der Deutschen, die
ihnen den Weg dazu frei gaben, in Paris eindrangen--was ihnen ohne
diese Hilfe kaum gelungen wäre--, da begannen sie in den Straßen der
Stadt ein Gemetzel und ein Blutbad, wie es in der Geschichte fast
unerhört ist. Alles, was den Versaillern in die Hände fiel, Männer,
Weiber und Kinder, wurde niedergemacht, die Gefangenen wurden zu
Hunderten, wie auf dem Kirchhof Père Lachaise, in Reihen aufgestellt,
mit Mitrailleusen niederschmettert und die noch zuckenden Leichname,
mit Kalk und Petroleum begossen, in die Gruben geworfen.
Wie die Versailler gewütet, beweist die Tatsache, daß keine
Verwundeten vorhanden waren. So kamen in wenig Tagen nach
übereinstimmenden Aussagen 15-20000 Menschen ums Leben.
In einer solchen Lage gab es für die Kommune kein Mittel, als sich auf
jede mögliche Art ihrer Haut zu wehren; daß man durchaus berechtigte
Handlungen der Besiegten als Schandtaten hinstellt, daran sind wir
gewöhnt. Lesen Sie einmal das Buch Röckels über seine Gefangenschaft
in Waldheim, worin er auch den Dresdener Maiaufstand von 1849
schildert, dort werden Sie finden, daß man den Maikämpfern genau
dieselben Verleumdungen seitens der Reaktion nachsagte, die man heute
der Kommune nachsagt, nur war die Mairevolution in Dresden eine
_bürgerliche_ Revolution. Und lesen Sie weiter die Geschichte des
Wiener Oktoberaufstands von 1848, nach dessen Niederwerfung Robert
Blum erschossen wurde; die Proklamation, die damals Fürst
Windischgrätz über die Zustände in Wien in die Welt sandte, sie
gleicht auf ein Haar jener, welche die Versailler über die Zustände in
Paris während der Kommune der Welt vekündeten.
Ich habe hier aus Blums Feder einen Aufsatz, worin er sich in der
entschiedensten Weise über jene Proklamation des Windischgrätz
ausspricht und entrüstet ausruft. "Was muß die Welt über Wien denken,
von dem sie nichts erfahren kann, wenn man uns, die wir die Dinge
kennen, solches zu sagen wagt!"
Hierbei will ich aber auch erwähnen, wie Blum zu jener Zeit die
Revolution auffaßte und wie er in einer Rede in der Aula erklärte:
"Bleiben wir nicht auf halbem Wege stehen, führen wir den Kampf gegen
unsere Gegner bis zu Ende und ohne Erbarmen." Und heute noch wird das
Andenken Robert Blums von den Liberalen gefeiert, und mit Recht.
Ganz wie damals in Wien Bürgertum und Reaktion, so standen sich in
Paris die Kommune und die Versailler gegenüber. Die Kommune mußte bis
zum letzten Atemzuge kämpfen, und sie hat heldenmütig gekämpft. Das
können ihre grimmigsten Gegner nicht bestreiten. Und wie man 1848 und
49 unsere besten Männer in Wien, Rastatt und Mannheim standrechtlich
erschossen hat, so fielen auch die Männer der Kommune, die meisten mit
dem Rufe: "Es lebe die Republik! Es lebe die Kommune!"
Jetzt komme ich zu den Brandlegungen.
Die Versailler haben den Kampf gegen Paris viele Wochen lang geführt
und sie haben nicht mit Zuckererbsen geschossen; daß es dabei
Verwüstungen absetzt, ist selbstverständlich. Aber während der letzten
8 Tage, als sie mit Hilfe der Deutschen den Montmartre mit 50 schweren
Geschützen besetzen konnten, haben sie mit glühenden Kugeln und selbst
mit Petroleumbomben auf die Häuser geschossen und, wie nicht anders zu
erwarten, viele davon in Brand gesteckt. So sind die meisten Brände
durch die Versailler entstanden, die sie der Kommune in die Schuhe
schieben. Als nun der Kampf in den Straßen entbrannte und seitens der
Versailler mit wilder Grausamkeit geführt wurde, war die Kommune
genötigt, einzelne Gebäude zu Verteidigungszwecken anzuzünden, um die
Versailler für eine Weile zurückzuhalten. Ist denn diese
Handlungsweise so ungerecht und unerhört, daß man sie als
Mordbrennerei bezeichnen darf? Die Deutschen haben bei der Belagerung
von Straßburg 500 bis 600 Häuser demoliert, nur um die Stadt zur
Uebergabe zu zwingen, obgleich sie mit der Zivilbevölkerung keinen
Krieg führten. Als die Festung Soissons übergeben wurde, betätigten
die verschiedensten Berichterstatter, daß fast kein Haus in der Stadt
unversehrt sei, daß ganze Straßen vernichtet, fast alle Dächer
zerschossen, aber die Wälle der Festung intakt seien. Man beschoß die
Privathäuser und verwundete und tötete die Bevölkerung, damit diese in
ihrer Not die Offiziere zur Uebergabe zwang. Ich habe nicht gelesen,
daß die liberale Presse diese Art der Kriegführung mißbilligt hätte.
Und wie die Deutschen gegen die Festungen, so handelte Thiers gegen
Paris, und da will man es der Kommune als Verbrechen anrechnen, wenn
sie sich, so gut es ging, wehrte! Bei dem Aufstand 1849 in Dresden
verlangte Herr von Beust von den zu Hilfe gerufenen Preußen, sie
sollten die Stadt in Brand schießen, und das wäre geschehen, wenn
nicht der kommandierende Graf von Waldersee erklärte, er hoffe auch
ohne das mit den Insurgenten fertig zu werden. Allerdings hat man es
aber dann an anderen Barbareien nicht fehlen lassen. So hat man zum
Beispiel eine Anzahl Gefangene von der großen Elbbrücke in das Wasser
gestürzt, und wenn sie versuchten, sich an dem Geländer festzuhalten,
hackte man ihnen mit Säbeln die Finger ab. Aehnliche und schlimmere
Grausamkeiten begingen die Versailler Ordnungsbanditen wochenlang in
Paris.
Der größte Teil der Brände entstand also durch die Beschießung von
Paris seitens der Versailler, wie das auch ein Augenzeuge, der eben in
jener Zeit in Paris war und sich schon seit 20 Jahren dort aufhielt,
der italienische Abgeordnete Patrucelli della Gattinea, in der
"Gazetta d'Italia" öffentlich erklärt hat. Derselbe schrieb, man müsse
annehmen, daß von zehn in Brand geratenen Häusern sicher neun durch
die Versailler Bomben in Brand geschossen worden seien. Die
Brandstiftungen der Kommune seien zu Verteidigungszwecken geschehen.
Da nun die Zahl der angezündeten und niedergebrannten Häuser sich auf
zirka zweihundert belief, so träfe hiernach die Kommune ein
verhältnismäßig geringer Teil.
Meine Herren, die Zeit, die mir gewährt ist, ist bereits weit
vorgeschritten, ich habe nur noch wenige Minuten, ich werde aber die
Belege für das von mir Angeführte entweder in der Duplik oder in einer
zweiten Versammlung, die abzuhalten nötig sein wird, beibringen. Ich
kann alles, was ich gesagt, durch gegnerische Aussagen als wahr
beweisen....
Ich kam dann nochmals auf die Erschießung der Geiseln, die angeblich
Ferré veranlaßt habe, zu sprechen und fuhr fort:
Die Kommune hat gehandelt, wie sie nach Lage der Dinge handeln mußte,
und wer ihr Verfahren nicht billigt, wird es wenigstens erklärlich
finden und entschuldigen.
Mit der Anklage gegen Ferré schloß Herr Sparig, ich muß jetzt
ebenfalls schließen. Sicher steht fest, daß die Kommune nichts getan
hat--und ich hoffe, noch Gelegenheit zu haben, dies weiter zu
beweisen--, dessen sie sich zu schämen brauchte, und daß sie an
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