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Aus meinem Leben - Zweiter Teil
Author Language Character Set
August Bebel German ISO-8859-1


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Die Versammlung eröffnete W. Bock-Gotha im Namen des Lokalkomitees und

begrüßte die Anwesenden. Bock war einer der Mitbegründer der
Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Eisenach, und nun legte er zum
zweiten Male mit Hand ans Werk zur Gründung der neuen, größeren Partei.

Zu Vorsitzenden des Kongresses wurden Geib und Hasenclever gewählt. Bei
der Mandatprüfung erklärte ich mich für die Zulassung einer kleinen
Vereinigung von Lassalleanern in Leipzig, die sich vom Hauptverein
abgesplittert hatte. Solle Vereinigung sein, so ganze. Auer
widersprach. Mein Antrag fiel, doch ließ man den Vertreter der Sekte mit
beratender Stimme zu. Ich hatte also halb gesiegt. Weiter war von
Breslau der Antrag gestellt, die beiden Fraktionen sollten vor Eintritt
des Gesamtkongresses in die Beratung ihre Separatkongresse abhalten, um
ihre inneren Angelegenheiten zu ordnen. Dagegen erklärte sich Auer.
Diese könnten ebensogut nach dem allgemeinen Kongreß abgehalten werden.
Die Eisenacher brauchten dazu einen Tag. Deren Abrechnungen stimmten,
wie die anwesenden Delegierten bezeugen würden. Der Kongreß finde nach
getroffenen Vereinbarungen der Vertreter der beiden Parteien statt.
Hintergedanken habe niemand gehabt. Bei den Eisenachern gelte die
Parole: Wir sind arm, aber ehrlich. Wir könnten den Kongreß nicht in die
Länge ziehen, daher seien wir gegen den Breslauer Antrag. Diese
Ausführungen Auers verletzten erklärlicherweise die andere Seite, und so
nahm _Fritzsche_ am folgenden Tage das Wort, um sich über die Aeußerung
Auers: "Wir sind arm, aber ehrlich", zu beschweren. Diese Worte
erweckten den Verdacht, als gehe es im Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein unehrlich zu. _Geib_ beruhigte Fritzsche. Auer erklärte:
Er halte die Aeußerung unter den gegebenen Verhältnissen für
gerechtfertigt. Die Lassalleaner hätten selbst solche Angriffe erhoben
und dabei von "beiden Seiten" gesprochen.

Dieses war der einzige ernstliche Mißton, der in den Verhandlungen zum
Vorschein kam.

In der Programmfrage war _Liebknecht_ Referent. Im Programm war der Satz
enthalten: Die Befreiung der Arbeiter muß das Werk der Arbeiterklasse
sein, "der gegenüber alle anderen Klassen nur eine reaktionäre Masse
sind". Ich beantragte, an Stelle des letzten Satzes zu sagen: Der
gegenüber alle anderen Klagen reaktionär sind. Vahlteich ging weiter und
beantragte die Streichung des ganzen Abschnittes. Sein Antrag wurde mit
12 gegen 111 Stimmen, der meine mit 58 gegen 50 Stimmen abgelehnt. Bei
der Spezialberatung der nächsten Forderungen beantragte ich, das
Wahlrecht für Staatsangehörige beiderlei Geschlechts zu fordern.
_Hasselmann_ erklärte sich gegen, _Auer_ für meinen Antrag. Derselbe
wurde mit 55 gegen 62 Stimmen abgelehnt. Nachträglich gab _Hasenclever_
die Erklärung ab: Viele Delegierte hätten gegen meinen Antrag gestimmt,
weil sie die Forderung durch den Ausdruck Staatsangehörigen gedeckt
hielten; ähnlich äußerte sich Liebknecht, er habe aus stilistischen
Gründen (beiderlei Geschlechts) gegen meinen Antrag gestimmt, in der
Sache selbst sei er mit mir einverstanden. Es wurden alsdann noch eine
Reihe kleinerer Verbesserungsanträge, die wir gestellt, angenommen. In
der Endabstimmung fand das Programm einstimmig Annahme. In seinen
prinzipiellen Sätzen lautete nunmehr dasselbe:

1. Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur, und da
allgemein nutzbringende Arbeit nur durch die Gesellschaft möglich ist,
so gehört der Gesellschaft, das heißt allen ihren Gliedern, das
gesamte Arbeitsprodukt, bei allgemeiner Arbeitspflicht, nach gleichem
Recht, jedem nach seinen vernunftgemäßen Bedürfnissen.

In der heutigen Gesellschaft sind die Arbeitsmittel Monopol der
Kapitalistenklasse; die hierdurch bedingte Abhängigkeit der
Arbeiterklasse ist die Ursache des Elends und der Knechtschaft in
allen Formen.

Die Befreiung der Arbeit erfordert die Verwandlung der Arbeitsmittel
in Gemeingut der Gesellschaft und die genossenschaftliche Regelung der
Gesamtarbeit mit gemeinnütziger Verwendung und gerechter Verteilung
des Arbeitsertrags.

Die Befreiung der Arbeit muß das Werk der Arbeiterklasse sein, der
gegenüber alle anderen Klassen nur eine reaktionäre Masse sind.

2. Von diesen Grundsätzen ausgehend, erstrebt die Sozialistische
Arbeiterpartei Deutschlands mit allen gesetzlichen Mitteln den freien
Staat und die sozialistische Gesellschaft, die Zerbrechung des ehernen
Lohngesetzes durch Abschaffung des Systems der Lohnarbeit, die
Aufhebung der Ausbeutung in jeder Gestalt, die Beseitigung aller
sozialen und politischen Ungleichheit.

Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, obgleich zunächst im
nationalen Rahmen wirkend, ist sich des internationalen Charakters der
Arbeiterbewegung bewußt und entschlossen, alle Pflichten, welche
dieselbe den Arbeitern auferlegt, zu erfüllen, um die Verbrüderung
aller Menschen zur Wahrheit zu machen.

3. Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands fordert, um die
Lösung der sozialen Frage anzubahnen, die Errichtung von
sozialistischen Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe unter der
demokratischen Kontrolle des arbeitenden Volkes. Die
Produktivgenossenschaften sind für Industrie und Ackerbau in solchem
Umfang ins Leben zu rufen, daß aus ihnen die sozialistische
Organisation der Gesamtarbeit entsteht.
Im weiteren folgten die Forderungen für die Demokratisierung des Staates
und die nächsten sozialen Forderungen.

Wie aus dem Programm hervorgeht, war der Name der vereinigten Partei:
"Sozialistische Arbeiterpartei." Ueber die vorgeschlagene Organisation
berichtete _Hasenclever_, die mit einigen Aenderungen ebenfalls nach der
Vorlage einstimmig angenommen wurde. Danach stand an der Spitze der
Partei ein Vorstand aus fünf Personen, die der Kongreß wählte. Für die
Kontrolle der Geschäftsführung des Vorstandes wurde eine
Kontrollkommission aus sieben Personen eingesetzt, deren Sitz der
Kongreß bestimmte und deren Wahl durch die Mitglieder der Partei an dem
Sitz der Kontrollkommission vorgenommen wurde. Außerdem wurde ein
Ausschuß von achtzehn Personen, über Deutschland verteilt wohnend,
gewählt, der als vorläufig richtende Instanz über den Parteivorstand zu
entscheiden hatte und bei besonders wichtigen Vorgängen zur Beratung von
seiten des Vorstandes eingeladen werden sollte. Die Leitung der
örtlichen Geschäfte wurde einem Agenten übertragen, den auf Vorschlag
der Mitglieder eines Ortes der Parteivorstand einsetzte. Man hoffte
damit einer Anklage wegen gesetzwidriger Verbindung von Vereinen aus dem
Wege zu gehen. Wie sich bald ergab, vergeblich.

Als Sitz des Parteivorstandes wurde auf meinen Vorschlag Hamburg
bestimmt. Weiter wurden die von mir vorgeschlagenen Gehälter für die
fünf Vorstandsmitglieder angenommen, wonach der geschäftsführende
Vorsitzende monatlich 65 Taler, sein Stellvertreter 15 Taler, die beiden
Schriftführer je 50 Taler, der Kassierer 35 Taler erhalten sollten.
Diese Sätze waren vorher unter uns vereinbart worden; ebenso schlug ich
im Namen der Eisenacher vor, in den neuen Vorstand drei Lassalleaner und
zwei Eisenacher zu wählen, was ebenfalls Annahme fand. Darauf wurden
_Hasenclever_ als erster, _Hartmann_-Hamburg als zweiter Vorsitzender,
_Auer_ und _Derossi_ als Schriftführer, _Geib_ als Kassierer gewählt.
Sitz der Kontrollkommission wurde Leipzig und ich deren Vorsitzender.

Offizielle Organe der Partei wurden der "Neue Sozialdemokrat" in Berlin
und der Leipziger "Volksstaat". Beide Blätter gingen in Parteieigentum
über.

Am 27. Mai abends halb 12 Uhr waren die Beratungen zu Ende und wurde der
Kongreß mit einem Hoch auf die Arbeiter aller Kulturstaaten und
nachfolgendem Gesang der Arbeitermarseillaise geschlossen.

*       *       *       *       *

Bracke, der dem Kongreß aus Gesundheitsrücksichten fernbleiben mußte,
war am Schlusse desselben durch die erzielten Resultate in günstigerer
Stimmung. So schrieb er am 27. Mai an Engels:

"Ich persönlich kann Ihnen noch keine Mitteilung sagen, da man das,
was beschlossen ist, erst vor sich haben muß, ehe man urteilt. Sind
diese Beschlüsse nicht unsinnig, werden wir auch keinen Unsinn machen.
(Anspielung auf einen Brief Liebknechts an Bracke.) Jedenfalls war bei
Liebknecht, Geib usw. der ernste Wille vorhanden, den begangenen
Fehler wieder gutzumachen. Der Verlauf des Kongresses hat gezeigt, daß
die Konzessionen des Entwurfes weit weniger wegen der Arbeiter nötig
waren als aus persönlicher Rücksicht gegen Hasenclever usw. _Soweit
bis jetzt ein Urteil möglich ist, bin ich mit dem Kongreß zufrieden,_
denn derselbe hat gezeigt, daß die Arbeiter tatsächlich viel weiter
sind als ich glaubte."

Ich kam erst im Herbst dazu, Engels auf seinen Brief von Ende März zu
antworten. Ich schrieb:

"Leipzig, den 21. Sept. 1875.

Lieber Engels!

Ich muß recht sehr um Entschuldigung bitten, daß ich Sie auf Ihren
Brief von Ende März ohne alle Antwort gelassen. Ich kann Ihnen aber
versichern, daß ich in den ersten drei bis vier Monaten nach meiner
Freilassung keine ruhige Stunde gehabt, in der ich den Brief hätte
beantworten können, und selbst heute fällt es mir schwer, die nötige
Muße aufzutreiben.

Mit dem Urteil, das Sie über die Programmvorlage fällten, stimme ich,
wie das auch Briefe von mir an Bracke beweisen, vollkommen überein.
Ich habe auch Liebknecht über seine Nachgiebigkeit heftige Vorwürfe
gemacht, aber nachdem einmal das Malheur geschehen war, galt es, sich
so gut als möglich herauszuziehen. Was der Kongreß beschlossen, war
das Aeußerste, was zu erreichen war. Es zeigte sich auf der anderen
Seite eine entsetzliche Borniertheit und teilweise Verbissenheit, man
mußte mit den Leuten wie mit Porzellanpüppchen umgehen, wollte man
nicht, daß der mit soviel Lärm in Szene gesetzte Einigungskongreß zum
Jubel der Gegner und zur größten Blamage der Partei resultatlos
auseinanderging. Schließlich gelang es aber dennoch, namentlich in der
Personenfrage, derart zu operieren, daß _wir mit dem Resultat
zufrieden sein konnten._ Es wird allerdings noch manchen Kampf gegen
die Borniertheit und den persönlichen Egoismus zu kämpfen geben, aber
ich zweifle nicht, daß auch diese Kämpfe, wenn wir geschickt
operieren, ohne Schaden für das Ganze ausgefochten werden, und daß in
zwei Jahren ein ganz anderer Geist die jetzt teilweise noch
widerhaarigen Elemente durchdringt.

Das Ganze ist eine Erziehungsfrage. Nachdem die Leute acht bis neun
Jahre in Lassalle-Schweitzerschem Geiste erzogen worden sind, wollen
sie sich nicht _sofort_ an die andere Methode gewöhnen, hier gilt's,
Geduld haben.

Die von mir bezeichnete Erziehungsmethode würde sich vielleicht
erheblich abkürzen lassen, wenn wir hier den von allen Seiten
herbeiströmenden Einladungen zu Versammlungen und Festreden genügen
könnten. Im persönlichen Verkehr mit den Leuten ließen sich Vorurteile
und Voreingenommenheiten rascher beseitigen, aber wir können nicht
entfernt leisten, was verlangt wird.

Ich speziell bin durch mein Geschäft ganz bedeutend lahm gelegt, und
der Durchkrach bei der Landtagswahl hat niemand mehr gefreut als mich.
Liebknecht und Motteler geht es, trotzdem sie in der Partei ihre ganze
Stellung haben, nicht viel besser; denn ihre laufende Arbeit verträgt
sich schlecht mit dem vagabundierenden Agitatorenleben, und dann haben
wir in diesem Punkte auch schon zuviel geleistet, um noch große
Sehnsucht danach zu empfinden. Lunge und Stimmorgane sprechen ja auch
ein Wörtchen mit.

_Im allgemeinen können wir mit dem Gang der Partei sehr zufrieden
sein,_ jetzt sieht man erst, wie die frühere Bekämpfung die Kräfte
zersplitterte, die Partei ist jetzt finanziell so gestellt, wie nie
zuvor, und die Steuern gehen, trotz der schlechten Geschäftszeit, sehr
pünktlich und regelmäßig ein.

Ihrer freundlichen Einladung nach London konnte ich natürlich unter
den oben geschilderten Umständen nicht nachkommen; ich möchte gerne
einmal hinüber nach Old-England, aber vorläufig ist nicht daran zu
denken. Vielleicht muß ich nächstes Jahr nach dem Rheinland, eventuell
nach Holland in Geschäften, und dann ist der Weg zu Ihnen nicht mehr
allzuweit.

Wie ich gehört, ist Marx in Karlsbad, wahrscheinlich werde ich ihn
aber nicht zu sehen bekommen; wie mir Liebknecht sagte, will er durch
Bayern zurück. In ungefähr 14 Tagen werde ich nach Karlsbad kommen,
ich will eine Geschäftstour nach Böhmen machen, dann wird er aber
nicht mehr dort sein. Grüßen Sie Marx, wenn er zurückkehrt. Wollen Sie
denn nicht Deutschland mal heimsuchen? Sie sitzen in England wie
eingerostet.

Freundschaftlichst grüßt Ihr ergebener

Bebel."

Die Antwort, die ich von Engels erhielt, bewies, daß er und Marx meinen
Brief in einem Sinne aufgefaßt hatten, der mit dem Inhalt desselben
nicht recht in Einklang zu bringen war. Engels schrieb:

"London, 12. Oktober 1875.

Lieber Bebel!

Ihr Brief bestätigt ganz unsere Ansicht, daß die Einigung unsererseits
überstürzt ist und den Keim künftigen Zwiespalts in sich trägt. Wenn
es gelingt, diesen Zwiespalt bis über die nächsten Reichstagswahlen
hinauszuschieben, wäre es schon gut....

Das Programm, wie es jetzt ist, besteht aus drei Teilen:

1. Den Lassalleschen Sätzen und Stichworten, die aufgenommen zu haben
eine Schmach unserer Partei bleibt. Wenn zwei Fraktionen sich über ein
gemeinsames Programm einigen, so setzen sie das hinein, worüber sie
einig und berühren nicht das, worüber sie uneinig sind. Die
Lassallesche Staatshilfe stand zwar im Eisenacher Programm, aber als
eine aus vielen _Uebergangsmaßregeln,_ und nach allem, was ich gehört
habe, war sie, ohne die Einigung, ziemlich sicher, im diesjährigen
Kongreß auf Brackes Antrag an die Luft gesetzt zu werden. Jetzt
figuriert sie als das eine unfehlbare und ausschließliche Heilmittel
für alle sozialen Gebrechen. Das "eherne Lohngesetz" und andere
Lassallesche Phrasen sich aufoktroyieren zu lassen, war für unsere
Partei eine kolossale moralische Niederlage. Sie bekehrte sich zum
Lassalleschen Glaubensbekenntnis. Das ist nun einmal nicht
wegzuleugnen. Dieser Teil des Programms ist das kaudinische Joch,
unter dem unsere Partei zum größeren Ruhm des heiligen Lassalle
durchgekrochen ist;

2. aus demokratischen Forderungen, die ganz im Sinn und im Stil der
Volkspartei ausgesetzt sind;

3. aus Forderungen an den "_heutigen_ Staat" (wobei man nicht weiß, an
wen denn die übrigen "Forderungen" gestellt werden), die sehr konfus
und unlogisch sind;

4. aus allgemeinen Sätzen, meist dem Kommunistischen Manifeste und den
Statuten der Internationale entlehnt, die aber so umredigiert sind,
daß sie entweder total _Falsches_ enthalten oder aber _reinen
Blödsinn_, wie Marx das in dem Ihnen bekannten Aufsatz im einzelnen
nachgewiesen.

Das Ganze ist im höchsten Grad unordentlich, konfus,
unzusammenhängend, unlogisch und blamabel. Wenn unter der
Bourgeoispresse ein einziger kritischer Kopf wäre, er hätte dies
Programm Satz für Satz durchgenommen, jeden Satz auf seinen wirklichen
Inhalt hin untersucht, den Unsinn recht handgreiflich
auseinandergelegt, die Widersprüche und ökonomischen Schnitzer (zum
Beispiel: daß die Arbeitsmittel heute "Monopol der Kapitalistenklasse"
sind, als ob es keine Grundbesitzer gäbe, das Gerede von "Befreiung
der _Arbeit_" statt der Arbeiterklasse, die Arbeit selbst ist
heutzutage ja gerade _viel zu frei_!) entwickelt und unsere ganze
Partei greulich lächerlich gemacht. Statt dessen haben die Esel von
Bourgeoisblättern dies Programm ganz ernsthaft genommen,
hineingelesen, was nicht darin steht und es kommunistisch gedeutet.
Die Arbeiter scheinen dasselbe zu tun. Es ist _dieser Umstand allein_,
der es Marx und mir möglich gemacht hat, uns nicht öffentlich von
einem solchen Programm loszusagen. Solange unsere Gegner und ebenso
die Arbeiter diesem Programm unsere Ansichten unterschieben, ist es
uns erlaubt, darüber zu schweigen.

Wenn Sie mit dem Resultat in der Personenfrage zufrieden sind, so
müssen die Ansprüche auf unserer Seite ziemlich tief gesunken sein.
Zwei von den Unseren und drei Lassalleaner! Also auch hier die Unseren
nicht gleichberechtigte Alliierte, sondern Besiegte und von vornherein
überstimmt. Die Aktion des Ausschusses, soweit wir sie kennen, ist
auch nicht erbaulich: 1. Beschluß, Brackes und B. Beckers zwei
Schriften über Lassallesches nicht auf die Parteischriftenliste zu
setzen; wenn dies zurückgenommen, so ist es nicht die Schuld des
Ausschusses und auch nicht Liebknechts; 2. Verbot an Vahlteich, die
ihm von Sonnemann angetragene Korrespondenz für die Frankfurter
Zeitung anzunehmen. Dies hat Sonnemann dem durchreisenden Marx selbst
erzählt. Was mich noch mehr dabei wundert als die Arroganz des
Ausschusses und die Bereitwilligkeit, womit Vahlteich sich gefügt hat,
statt dem Ausschuß etwas zu pfeifen, ist die kolossale Dummheit dieses
Beschlusses. Der Ausschuß sollte doch lieber dafür sorgen, daß ein
Blatt, wie die Frankfurter, von allen Orten aus _nur_ durch unsere
Leute bedient wird.--

... Daß die ganze Sache ein Erziehungsexperiment ist, das auch unter
diesen Umständen einen sehr günstigen Erfolg verspricht, darin haben
Sie ganz recht. Die Einigung als solche ist ein großer Erfolg, wenn
sie sich zwei Jahre hält. Aber sie war unzweifelhaft weit billiger zu
haben."

Man sieht, es war kein leichtes Stück, mit den beiden Alten in London
sich zu verständigen. Was bei uns kluge Berechnung, geschickte Taktik
war, das sahen sie als Schwäche und unverantwortliche Nachgiebigkeit an,
schließlich war doch die Tatsache der Einigung die Hauptsache. Diese
trug logisch die Weiterentwicklung in sich selbst, dafür sorgten auch
nach wie vor unsere Freunde, die Feinde. Daran konnten auch
Beschränktheiten und Engherzigkeiten, wie sie der Parteivorstand in den
von Engels gerügten Fällen sich zuschulden kommen ließ, nichts ändern.
Erwähnt muß werden, daß damals die "Frankfurter Zeitung" der von uns
vertretenen Richtung freundlich gegenüberstand, dagegen hatte der
Allgemeine Deutsche Arbeiterverein mit Sonnemann manchen Span
auszufechten gehabt. Daher war auf dieser Seite die Animosität gegen ihn
und seine Zeitung erklärlicherweise eine sehr starke.




Nachwehen.


So glatt, wie ich in meinem Briefe an Engels die Sachlage dargestellt
hatte, verlief indes die Einigung nicht überall. Namentlich platzten in
Hamburg, wo Hasselmann und Richter-Wandsbeck und ihr Anhang schürten,
die Geister oft heftig aufeinander. Auer, der als Parteisekretär in
Hamburg wohnte, sah diese Vorgänge als ziemlich bedenklich an. So
schrieb er mir am 15. September 1875: In der Parteimitgliedschaft sei
nach wie vor große Uneinigkeit, es sei fraglich, ob aus all dem
Teufelsquark nicht noch eine Spaltung hervorgehe. Und in einem Briefe
vom 25. September an mich wiederholte er seine Klagen. Auf dem
Parteikongreß 1876 wurde dann Richter-Wandsbeck wegen seines
parteischädigenden Treibens aus der Partei ausgestoßen.

*       *       *       *       *

In Leipzig hatte der zum Reichstag gewählte Abgeordnete Dr. Stephani im
Frühjahr 1875 sein Mandat niedergelegt. Es kam zu einer Nachwahl, bei
der ich wieder als Kandidat der Partei aufgestellt worden war. Bei der
Wahl am 11. Mai erhielt ich 4018 Stimmen, 367 mehr als das Jahr zuvor
bei den allgemeinen Wahlen, mein nationalliberaler Gegner erhielt über
1000 Stimmen weniger, die auf einen Konservativen fielen. Ich war auch
als Landtagskandidat für den sächsischen Landtagswahlkreis
Meerane-Hohenstein-Ernstthal aufgestellt worden. Ich unterlag hier
gleichfalls, und zwar mit 694 gegen 899 Stimmen, die mein
nationalliberaler Gegner erhielt. Ich war über diese Niederlage, wie ich
in meinem oben abgedruckten Briefe an Engels bereits andeutete, sehr
zufrieden. Die Partei hatte sich um jene Zeit noch wenig mit den
Landtagswahlen befaßt. Das Wahlgesetz war zwar im Vergleich zu dem heute
bestehenden ein sehr günstiges, es forderte für den Wähler einen Zensus
von 3 Mark direkter Staatssteuer, die sächsische Staatsangehörigkeit und
ein Alter von 25 Jahren. Für das Recht, als Abgeordneter gewählt zu
werden, das sogenannte passive Wahlrecht, wurde ein Zensus direkter
Staatssteuer von mindestens 30 Mark, ein Alter von 30 Jahren und
dreijährige Staatsangehörigkeit verlangt. Trotzdem war die Zahl unserer
Wähler gering, da zu jener Zeit viele Arbeiter die Staatssteuer von 3
Mark, die mit einem Jahreseinkommen von 600 Mark verknüpft war, nicht
bezahlten. Erst mit der Einführung eines neuen Einkommensteuergesetzes
im Jahre 1876 änderte sich dieses zu unseren Gunsten infolge der höheren
Einkommeneinschätzung. Von jetzt ab begannen wir mit Erfolg uns an den
Wahlen zum Landtag zu beteiligen.

Um die stattgehabte Vereinigung immer mehr in Fleisch und Blut der
früher feindlichen Brüder überzuleiten, kamen wir überein, daß die
bekanntesten Persönlichkeiten aus den ehemaligen beiden Lagern
hauptsächlich in den Bezirken Versammlungen abhalten sollten, die ihnen
früher mehr oder weniger unzugänglich waren. So gingen Liebknecht und
Motteler nach Norden und Westen, Hasenclever, Dreesbach und andere nach
dem Süden und nach Sachsen, ich nach Altona-Hamburg, woselbst meine
Versammlungen ungemein stark besucht wurden, ebenso in Berlin, woselbst
ich im Tivoli eine Riesenversammlung abhielt. In Hamburg, Altona und
Umgegend erhielt die Bewegung einen neuen Stützpunkt in der Gründung des
"Hamburg-Altonaer Volksblattes", das mit dem 1. Oktober 1875 ins Leben
trat. Hasenclever zog es jetzt vor, aus dem Vorstand aus-und in die
Redaktion des "Hamburg-Altonaer Volksblattes" einzutreten.

*       *       *       *       *

Für mich persönlich war damals die Situation keine angenehme. Unter dem
Widerspruch der Interessen zwischen Geschäft und Partei litt ich schwer,
darüber klagte auch Bracke in einem Briefe an mich Ende August. Es sei
schrecklich, Sklave eines Geschäftes zu sein. Aber wie loskommen? Er
trage sich mit dem Gedanken, sein Druck- und Verlagsgeschäft an die
Leipziger Genossenschaftsdruckerei zu verkaufen, aber andererseits habe
er wieder Bedenken. Er habe erdrückende Arbeit und ein schweres Defizit
zu tragen, das ihm Verlag und Druckerei verursache. Ich bewunderte bei
ihm die Heiterkeit des Gemüts, die er trotz aller Sorgen behielt. Da ich
um jene Zeit meinen späteren Associé gewonnen hatte, eine Verbindung,
die erst im nächsten Herbste durchgeführt werden konnte, wovon aber
Nachricht sich blitzschnell in Leipzig verbreitet hatte, entstand das
von den Gegnern genährte Gerücht, ich werde mich alsdann aus dem
Parteileben zurückziehen. Die erste Nachricht von diesem Geschwätz
erhielt ich durch einen Altenburger Genossen, der mir am 30. August
schrieb: Er habe bei seiner kürzlichen Anwesenheit in Leipzig von
verschiedenen Seiten gehört, daß ich einen Kompagnon erhielte,
Großindustrieller würde und dann mich langsam aus der Partei
zurückziehen wolle. Das habe er bei einem Arbeiterfest in Schmölln auch
Meeraner und Gößnitzer Genossen mitgeteilt und ihnen gesagt, sie müßten
diesen schmerzlichen Schlag, den sie von mir erhielten, überwinden. Da
sei es aber rührend gewesen, mit welch felsenfestem Vertrauen die
betreffenden Genossen geantwortet, das glaubten sie nicht, das hielten
sie für unmöglich. Mittlerweile habe er auch vernommen, daß es nicht
wahr sei. Er habe ihnen aber versprechen müssen, an mich wegen der Sache
zu schreiben, er bitte wegen seiner Zudringlichkeit um Verzeihung, ich
möchte aber dem Gerücht _öffentlich_ entgegentreten, ein Verlangen, das
zu erfüllen ich meiner unwürdig hielt.

Um diese Zeit--September 1875--befand sich Most noch immer im Gefängnis
zu Plötzensee. Ich schrieb ihm zur Tröstung einen längeren Brief und
erkundigte mich, wie es ihm gehe. Daß seine Behandlung gegen früher eine
anständigere geworden war, hatte ich vernommen. Darauf schrieb er mir am
27. September:

"Lieber Bebel! Wenn ich Dir sage, daß ich oft monatelang weder von der
Partei noch von Parteigenossen ein Sterbenswörtchen höre, so kannst Du
Dir denken, daß mich Dein Brief freute. Du mußt Dir meinethalben keine
Sorge machen, es steht zwar (_lediglich_ wegen meiner kärglichen
Lebensweise) faul genug mit mir, aber flöten gehe ich deshalb doch
nicht. Mir geht es von Kindheit an, namentlich aber seit den letzten
sieben Jahren, so nichtswürdig, daß ich immerhin ungemein viel
aushalten kann.... Alle Nachrichten, die Du mir betreffend unsere
Partei übermittelst, beweisen mir aufs neue, daß alle gegen uns
inszenierten Verfolgungen fruchtlos waren und sind. Komme ich erst
heraus, hoffe ich meine Freude zu haben. Und was meine Stimmbänder
betrifft, so werden sie wohl noch ein Weilchen aushalten.... Was ich
tue? Nun, ich ochse! Erstens schreibe ich für Geib, zweitens büffle
ich französische Uebersetzungen und drittens löffle ich tüchtig
Materialismus.... Man muß ja heutzutage entsetzlich viel gelesen
haben, will man nicht als Schafskopf gelten.... Die Zeit vergeht mir
verhältnismäßig sehr rasch. Geib meint, ich solle beantragen, daß man
mich vorläufig entlasse, aber dieses habe ich nun schon dreimal
abgelehnt, da solche Betteleien prinzip- und zwecklos sind."




Reichstagsarbeit.


Ende Oktober 1875 wurde die neue Session des Reichstags eröffnet. Nach
einer Pause von fast dreieinhalb Jahren nahm ich zum erstenmal wieder an
dessen Beratungen teil. Es war auch die erste Session, in der die
Vertretung der Partei als die der geeinigten Partei vor die
Oeffentlichkeit trat. Das Auftreten der Fraktion war denn auch sofort
lebhafter, selbstbewußter und energischer als in irgend einer früheren
Session. Die Natur des Beratungsstoffs trug ebenfalls zu einem
lebhafteren Eingreifen bei.

Dem Reichstag war ein Gesetzentwurf zugegangen betreffend die Abänderung
des Titels 8 der Gewerbeordnung in Verbindung mit einem Gesetzentwurf
über die gegenseitigen Hilfskassen. Die Debatte über den Gesetzentwurf
in den verschiedenen Stadien seiner Beratung wurde von uns mit allem
Nachdruck geführt. Fast die gesamten Mitglieder der Fraktion beteiligten
sich zum Teil wiederholt an den Debatten und begründeten auch eine
größere Zahl Anträge zu den verschiedenen Paragraphen. In der
Arbeiterwelt hatte der Entwurf lebhafte Mißstimmung erzeugt und eine
Anzahl Petitionen hervorgerufen, unter denen namentlich die Petition der
Kommission der Krankenkassenvorstände _Berlins_ sehr ausführlich auf die
einzelnen Bestimmungen des Gesetzentwurfes einging.

Seitens der Fraktion war ich zum Redner in der Generaldebatte bestimmt
worden. Die Verhandlungen begannen am 6. November und wurden noch an
demselben Tage zu Ende geführt. Die Mehrheit liebte es, möglichst wenig
zu diskutieren und raschen Schluß zu machen. Ich nahm gegen den Entwurf
in der vorliegenden Fassung entschieden Stellung. Fraktion und Partei
standen damals auf dem Standpunkt, daß die Krankenkassen
_ausschließlich_ den Arbeitern gehörten, daß sie allein die Beiträge
zahlen und die _volle_ Selbstverwaltung besitzen sollten. Die
Haftpflicht beziehungsweise Unfallpflicht in allen ihren Konsequenzen
sei _ausschließlich_ den Unternehmern zu übertragen. Die Invaliditäts-
und Altersversicherung sei auf die Beiträge _beider_ Teile zu begründen.
Ich führte aus: Der Entwurf stelle die Arbeiter unter die Vormundschaft
der Behörden und der Unternehmer. Er verweigere den Arbeitern das Recht,
das jede andere Klasse für die Verwaltung ihres eigenen Vermögens
besitze, das Recht der unumschränkten Selbstverwaltung. Was
würde der Reichstag sagen, machten wir in einem Aktien- oder
Genossenschaftsgesetz solche bevormundende Vorschriften! Statt von
großen des Reiches würdigen Gesichtspunkten sei man von kleinlichen und
kleinlichsten Gesichtspunkten ausgegangen. Namentlich in Verbindung mit
dem § 4 des Haftpflichtgesetzes sei der Entwurf sehr bedenklich, da er
den Arbeitern in den Hilfskassen Lasten auferlege, die die
Haftpflichtversicherung der Unternehmer zu tragen habe. Behalte der
Gesetzentwurf im wesentlichen seinen jetzigen Charakter, werde er statt
Zufriedenheit große Unzufriedenheit in der Arbeiterwelt hervorrufen,
also das Gegenteil von dem, was er bezwecken solle. Der Entwurf wurde an
eine Kommission von 21 Mitgliedern verwiesen. Nachdem dieser Beschluß
gefaßt war, trat der Abgeordnete Miguel an mich heran und stellte die
Frage, ob ich bereit wäre, Mitglied der Kommission zu werden. Nach
erfolgter Umfrage bei den Fraktionsgenossen erklärte ich mich dazu
bereit. Als aber die Wahl erfolgen sollte, kam Miguel abermals zu mir:
er müsse zu seinem Bedauern mir mitteilen, daß die große Mehrheit seiner
Fraktion meine Wahl nicht wünsche. Er riet mir, mich mit dem Zentrum zu
verständigen. Ich lehnte dieses ab; es sei unserer unwürdig, bei einer
anderen Fraktion um einen Sitz in einer Kommission zu petitionieren. Der
Seniorenkonvent bestand damals schon, der die Verteilung der Mitglieder
der Kommissionen nach der Stärke der Fraktionen vornahm. Wir mit unseren
neun Mitgliedern wurden aber als Fraktion nicht anerkannt, dazu waren
mindestens fünfzehn erforderlich. So unterblieb meine Teilnahme an der
Kommission. Wir stimmten schließlich gegen das Gesetz, da wir mit
unseren Verbesserungsanträgen kein Glück hatten; sie wurden sämtlich
abgelehnt.

Eine zweite Vorlage, die unsere Beteiligung an den Verhandlungen
herausforderte, war die Strafgesetznovelle, durch die nicht weniger als
53 Paragraphen des Strafgesetzes, das erst fünf Jahre in Wirksamkeit
war, geändert oder neu eingeführt werden sollten. Die verbündeten
Regierungen wollten mit der Vorlage 14 neuen Vergehen die
strafrechtliche Verfolgung sichern. Bismarck war allezeit ein
Gewaltmensch; jede ihm unbequeme oder unangenehme Zeitströmung glaubte
er durch Anwendung von staatlichen Gewaltmitteln aus der Welt schaffen
zu können. So die katholische, die Polen-, die sozialistische Bewegung.
Und er ist von dieser Auffassung auch nicht bekehrt worden, obgleich am
Ende seines Lebens das gründliche Fiasko dieser Politik auf der flachen
Hand lag und er der Besiegte und nicht der Sieger war. Die
Strafgesetznovelle sollte im großen zuwege bringen, was bisher durch
Polizei und Richter mißlungen war. Es waren also insbesondere die
sogenannten politischen Paragraphen des Strafgesetzbuches, zum Beispiel
die §§ 95, 103, 110, 111, 113, 114, 117, 128, 130, 130a, 131 usw., die
entsprechend verschärft werden sollten. So sollte der § 130 folgende
Fassung erhalten: Wer in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden
Weise verschiedene Klassen der Bevölkerung gegen einander öffentlich
aufreizt, oder wer in gleicher Weise die Institute der Ehe, der Familie,
des Eigentums öffentlich durch Rede oder Schrift angreift, wird mit
Gefängnis bestraft. Aehnlich erweitert wurde der § 131. Es wurde an
seine Stelle etwas modifiziert der berüchtigte ehemalige preußische Haß-
und Verachtungsparagraph vorgeschlagen. Wir beobachteten die Taktik, uns
zunächst zurückzuhalten und den Liberalen, die mit dem Regierungsentwurf
sehr unzufrieden waren, den Vortritt zu lassen. Diese Taktik erwies sich
als richtig. Nicht nur Dr. _Hänel_ von der Fortschrittspartei, sondern
selbst die Nationalliberalen _Bamberger_ und _Lasker_ entwickelten
Anschauungen über die Freiheit der öffentlichen Meinung, denen wir
nichts hinzuzusetzen brauchten, die aber sehr abstachen
gegen die Haltung, die sie einige Jahre später dem zweiten
Sozialistengesetzentwurf gegenüber einnahmen. Ein Teil der Vorlage ging
an eine Kommission, der andere sollte im Plenum beraten werden. Unsere
eigentliche Beteiligung begann mit der Beratung des § 130, der am 27.
Januar 1876 auf der Tagesordnung stand. Graf Eulenburg, der Minister des
Innern für Preußen, begann seine Rede mit den Worten: Meine Herren, der
§ 130 ist gegen die Sozialdemokratie gerichtet. Der übrige Inhalt seiner
Rede bestand vorzugsweise in langen Zitaten aus dem "Sozialdemokrat" und
"Volksstaat" und aus einer Lassalleschen Rede aus dem Jahre 1863,
wodurch er unsere Staatsgefährlichkeit nachzuweisen suchte. Schließlich
bat er, den verbündeten Regierungen die geforderten Machtmittel gegen
uns zu bewilligen, sonst müsse man sich mit den jetzigen unzulänglichen
Gesetzesparagraphen begnügen, "_bis die Flinte schießt und der Säbel
haut_". Die Rede verlief vollständig eindruckslos, und so hatte es
_Hasselmann_, der nach Eulenburg sprach, leicht, ihn zu widerlegen. Die
Regierung stehe verständnislos der sozialdemokratischen Bewegung
gegenüber, die doch nur die naturgemäße Frucht der bestehenden
wirtschaftlichen Mißstände sei. Die Forderungen im sozialdemokratischen
Programm seien die Heilmittel, die wir gegen die vorhandenen Uebel in
Vorschlag brächten. Auf die Anklage, wir reizten die Arbeiter in den
Volksversammlungen auf, stellte er die Frage, warum man nicht in diese
Versammlungen komme, um uns zu widerlegen? Den Klassenkampf hätten die
Gegner begonnen, und wie grausam und blutig sie ihn eventuell führten,
habe die Pariser Kommune gezeigt. Er erklärte schließlich, wir würden
den Kampf auf gesetzlichem Boden weiterführen, möge er noch so schwere
Opfer kosten. Das Ende der Debatte war, daß, nachdem ein Amendement der
Konservativen abgelehnt worden war, sich _keine_ Stimme für den Antrag
der Regierung erklärte, was große Heiterkeit hervorrief.

Die Parteipresse beantwortete die Rede Eulenburgs durch Abstattung ihres
Dankes für die agitatorische Wirkung derselben zugunsten der Partei, und
der Parteivorstand beschloß ihre Massenverbreitung. Auch der § 131 fand
in der neuen vorgeschlagenen Fassung im Reichstag keine Gegenliebe und
flog ebenfalls sang- und klanglos in den Orkus. Zum sogenannten
Arnimparagraph (§ 353a) hielt _Liebknecht_ eine kurze, aber sehr
wirkungsvolle Rede, die den lebhaften Widerspruch der Mehrheit des
Reichstags hervorrief.

Bei der dritten Lesung der Novelle empfand Bismarck das Bedürfnis, noch
einmal zum § 130 der Vorlage zu sprechen. Da dieser aber nicht mehr
existierte, nahm der Abgeordnete Freiherr von Nordeck zur Rabenau den
Antrag wieder auf. Bismarck ging darauf sofort aufs schärfste gegen uns
los. Er verlange, daß man den sozialistischen Agitationen auch im
Reichstag gebührend entgegentrete. Spreche im Hause ein sozialistischer
Abgeordneter, so sei es hergebracht, ihm zuzuhören, als spreche er aus
einer anderen Welt, mit der sich der Reichstag nicht zu befassen habe.
Man müsse den Gegengründen gegen den utopistischen Unsinn der
Sozialisten die weiteste Verbreitung geben; sei es doch so weit
gekommen, daß die Mörder und Mordbrenner der Pariser Kommune hier im
Reichstag eine öffentliche Lobeserhebung bekommen hätten, ohne daß eine
entgegengesetzte Ansicht ausgesprochen worden sei. Es seien das Gebilde,
die von den Verführten nur im Dunkel der Blendlaterne der Verführer
gesehen würden; wenn sie aber hinreichend an die Luft und Sonne gebracht
würden, so müßten sie in ihrer Unausführbarkeit und verbrecherischen
Torheit erkannt werden.

Diese Bismarckschen Anklagen richteten sich zweifellos gegen meine Rede
in der Session von 1871 zur Verteidigung der Kommune, denn seitdem waren
Reden über die Kommune im Reichstag nicht gehalten worden, und so
meldete ich mich zum Wort. Nachdem dann Windthorst und Bismarck noch
einmal gesprochen, zog der Freiherr v. Nordeck zur Rabenau seinen Antrag
mit der Motivierung zurück, Fürst Bismarck, der bei der zweiten Lesung
habe fehlen müssen, sei jetzt zum Worte gekommen, damit sei der Zweck
seines Antrags erreicht. Als Windthorst auf der Fortsetzung der Debatte
bestand, bestritt Simson, der kurze Zeit als Präsident den verhinderten
Forckenbeck vertrat, daß dieses möglich sei, und als nunmehr Sonnemann,
um mich zu Worte kommen zu lassen, den Antrag v. Nordecks zur Rabenau
wieder aufnahm, erklärte Simson, alsdann habe der Abgeordnete Valentin
den Schluß der Debatte beantragt. Ein Schlußantrag Valentins lag also
bereits wieder einmal auf dem Bureau zu geeigneter Verwendung vorrätig
vor. So schnitt man mir das Wort zur Entgegnung auf die Angriffe
Bismarcks ab. Ich versuchte nunmehr, in einer persönlichen Bemerkung
mich zu verteidigen. Ich tadelte, daß man mir nach den heftigen
Angriffen des Reichskanzlers auf meine Person das Wort zur Entgegnung
verweigert habe. (Wiederholte Zwischenrufe.) Es sei kein Zweifel, daß
die Angriffe des Reichskanzlers sich gegen mich persönlich richteten,
wie ich das mit Hinweis auf meine Reden im Jahre 1871 nachwies. Der
Reichskanzler habe sich über die häufigen Beleidigungen seiner Person
beschwert, da hätte er den guten Rat, den er dem Hause gab, zunächst mir
und meiner Partei gegenüber befolgen sollen. Seine Anklage, ich hätte
Mörder und Mordbrenner verteidigt, wies ich als eine mir zugefügte
Beleidigung zurück. Ich hätte die Männer der Kommune verteidigt, weil
sie nicht als Mörder und Mordbrenner angesehen werden könnten, sondern
als Männer, denen man bitter unrecht getan habe. Daß sie keine Mörder
und Mordbrenner gewesen seien, dafür spreche, daß drei hochangesehene
Regierungen, der Schweizer Bundesrat, die belgische und die englische
Regierung, verweigert hätten, die Flüchtlinge der Pariser Kommune, weil
sie keine Verbrecher seien, auszuliefern. Hier unterbrach mich der
Präsident: Meine Ausführungen seien nicht mehr persönlich, ich machte
sachliche Ausführungen, und da stünde Ansicht gegen Ansicht, das gehe
aber nicht innerhalb des Rahmens einer persönlichen Bemerkung. So mußte
ich auf weitere Ausführungen verzichten. Ich revanchierte mich aber in
einer Versammlung in Leipzig, in der ich meinem Herzen Luft machte.

Auch die Verhaftungsfrage der Abgeordneten kam durch einen
fortschrittlichen Antrag wieder zur Verhandlung, dem wir, da er eine
Halbheit war, einen weitergehenden korrekten Antrag gegenüberstellten.
Unser Antrag, den ich motivierte, fiel, aber auch der fortschrittliche
Antrag wurde mit 142 gegen 127 Stimmen abgelehnt. _Lasker_, der nach
seiner Haltung in der vorigen Session für den Antrag hätte stimmen
_müssen_, enthielt sich der Abstimmung, _v. Bennigsen_ fehlte als
entschuldigt.

Ein Vorgang, der auf dem nächsten Parteikongreß zur Sprache kam und
angegriffen wurde, betraf unsere Abstimmung über den Antrag von
Schulze-Delitzsch und Genossen, betreffend Zahlung von Diäten.
Liebknecht und ich hatten uns bei der zweiten Lesung über diesen Antrag
der Abstimmung enthalten, Hasenclever hatte dafür gestimmt und die
übrigen Kollegen, von denen Most in Hast war, waren bei der Abstimmung
nicht anwesend. Bei der dritten Lesung nahm ich im Namen der
_Gesamtheit_ das Wort und erklärte, daß wir uns sämtlich der Abstimmung
enthalten würden. Wir hätten es satt, beständig für den Papierkorb des
Bundesrats zu arbeiten, der Reichstag nehme jede Session mit stets
steigender Mehrheit den Antrag auf Diätenzahlung an, der Bundesrat werfe
ihn ebenso regelmäßig in den Papierkorb. Meine es der Reichstag ernst
mit der Diätenzahlung, dann solle er auch die ihm zu Gebote stehenden
Machtmittel anwenden, um sie zu erlangen. Er solle alsdann zunächst dem
Reichskanzler das Gehalt verweigern. Es sei eine Schande, dem Reichstag
zu verweigern, was alle anderen Parlamente in Deutschland erhielten. Wir
wollten dieses Spiel nicht weiter mitmachen und würden uns der
Abstimmung enthalten, da wir gegen den Antrag nicht stimmen könnten. Die
kurze Rede brachte mir zwei Ordnungsrufe ein. Den 10. Februar wurde die
Session geschlossen.




Meine Stellung zur Kommune.


Am 10. März 1876 hatte ich in Leipzig eine Disputation mit Bruno Sparig,
einem Hauptagitator der Leipziger Nationalliberalen, der in seiner Rede
über meine Stellung zur Kommune alle die Angriffe vorbrachte, die man
damals gegen die Kommune machte. Jene Versammlung war von beiden
Parteien gemeinsam einberufen, jede Partei bekam gleichviel
Eintrittskarten zur Verteilung, jede Partei wählte auch einen
Vorsitzenden, der den Vorsitz führte, während der Gegner redete. Von
unserer Seite war Julius Motteler dieser Vorsitzende, von seiten der
Gegner ein Direktor Peucker.

Ich erweise manchem meiner Leser einen Dienst, wenn ich meine damalige
Leipziger Rede, wenn auch gekürzt, hier zum Abdruck bringe:

Direktor _Peucker_: Herr Bebel hat jetzt das Wort. (Der Redner wird
beim Betreten der Tribüne mit stürmischem Beifall empfangen.)

_Bebel_: Ich knüpfe an die letzten Worte des Herrn Sparig an.
(Unruhe.) Herr Sparig erklärte, er habe noch so viel Tatsachen gegen
die Kommune anzuführen, daß er noch zehn Abende damit zubringen
könnte. (Unruhe.) Meine Herren, ich habe Herrn Sparig gleich anfangs
die Offerte gemacht, daß, wenn die Disputation an einem Abende nicht
beendigt sei, sie am nächsten oder an einem späteren Tage fortgesetzt
werden solle. Wir könnten also morgen oder nächsten Montag die Debatte
fortsetzen, wozu ich bereit bin. (Große Unruhe, Zischen.) Herr Sparig
hat aber erklärt, es sei an einem Abende genug, die Sache würde dabei
zum Austrag gebracht werden. (Bravo! Zischen.)

Meine Herren, zunächst eine persönliche Erklärung meinen
Parteigenossen gegenüber, die mir zum Teil heftige Vorwürfe gemacht
haben, daß ich auf die Bedingung eingegangen bin, daß zu dieser
Versammlung Karten ausgegeben wurden, weil dies gegen das Prinzip der
Volksversammlungen verstößt. Meine Herren, ich würde nimmer auf diesen
Vorschlag eingegangen sein, wenn ich nicht überzeugt gewesen wäre, daß
im anderen Falle die Versammlung gar nicht stattgefunden hätte. Ich
bin einzig und allein aus diesem Grunde darauf eingegangen, ich werde
aber ein zweites Mal nicht darauf eingehen, weil, obgleich bei unserer
Abmachung Herr Sparig sagte, man wolle, um nicht "unanständig" zu
erscheinen, bei dem Eingang nicht sammeln, um kein Geldgeschäft daraus
werden zu lassen, dennoch von seiten des Herrn Sparig das Versprechen
nicht gehalten, sondern der Vertrag verletzt und die Karten gegen Geld
ausgeboten wurden. (Große Unruhe. Rufe: Das ist nicht wahr!) _Bebel_:
    
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