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Aus meinem Leben - Zweiter Teil
Author Language Character Set
August Bebel German ISO-8859-1


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"Gestern war Tölcke hier; er will Vereinigung mit uns. Im selben Sinne

schrieb mir heute Fritzsche. Auch Reimer und Hasselmann wollen, so
schreibt Fritzsche, mindestens Verbündung; Verschmelzung sei noch
unmöglich. Mehr mündlich--acht Tage vor Eröffnung des Reichstags
besuche ich Dich. Nur so viel! Feststeht, daß die Deutschen
Allgemeinen vollständig _en deroute_ (in Auflösung) sind; Tölcke--das
Zusammentreffen mit ihm war zum Malen--gab zerknirscht zu, daß die
heilige Organisation sich nicht bewährt habe.... Daß wir nicht gleich
einen Einigungskongreß auf den 15. November berufen wollten, war ihm
eine bittere Enttäuschung und noch mehr meine Erklärung, daß wir
unmöglich den Rückschritt zu dem Lassalleschen Programm, auch einem
reformierten, machen könnten. Tölcke meinte, man brauche ja Lassalle
gar nicht zu nennen, überhaupt sei der Lassallekultus rein aus
taktischen Gründen getrieben worden usw. usw. Tölcke kam im Auftrag
Hasenclevers--der in Zeitz sitzt--und im Einverständnis mit Wode. Das
ist die eine Clique--die andere ist Hasselmann-Reimer. Dazwischen als
_would be_ (sogenannter) Schiedsrichter Fritzsche. Tölcke hat eine
furchtbare Wut auf Hasselmann. Auf meine Frage, ob Hasselmann mit
seinem, Tölckes, Schritt einverstanden sei, erwiderte er: Nein, aber
er muß! Und auf meinen Einwurf: Wenn Ihr gegen Hasselmann, der den
'Neuen Sozialdemokrat' hat, vorgeht, werdet Ihr einfach in die Luft
gesprengt, ähnlich wie Schweitzer es seinerzeit mit der Opposition
tat, antwortete Tölcke: Hasselmann könne nichts machen, juristischer
Eigentümer des Blattes sei Hasenclever."

Liebknecht schrieb weiter, er habe Tölcke erklärt, Definitives könnten
wir in Leipzig nicht abmachen, er solle zunächst nach Hamburg, dem Sitz
des Parteivorstandes, reisen und dort mit Geib, Auer usw. Rücksprache
nehmen. Vor Weihnachten sei ein Kongreß unmöglich, auch müsse vorher
erst eine Konferenz stattfinden, doch müsse man vorsichtig sein. "An
Verschmelzung ist nicht zu denken," schrieb Liebknecht zum Schlusse;
aber einmal A gesagt, treiben die Dinge weiter.

In Hamburg kam man überein, vorzuschlagen, zu gleichen Teilen eine
Kommission aus beiden Fraktionen zusammenzusetzen, die die Bedingungen
einer Einigung beraten und formulierte Vorschläge machen sollte. In
unserer Partei wurden diese Einigungsversuche, sobald sie bekannt
wurden, allgemein begrüßt. Als der Genosse Dotzauer-Zwickau mir am 15.
Oktober ins Gefängnis schrieb, er habe gehört, es seien
Vereinigungsverhandlungen im Gange, antwortete ich: Das sei mir bekannt.
Es freue mich, daß jetzt die Leute vom Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein an uns herankämen und die Hand zur Versöhnung reichten.
Er (Dotzauer) sei falsch unterrichtet, wenn er angebe, Liebknecht solle
den Antrag "kurzerhand" abgelehnt haben, seine Schritte in Hamburg
bewiesen das Gegenteil. Dieses Friedensanerbieten hätten Liebknecht und
ich mit Genugtuung begrüßt. "Der Kampf, der acht Jahre gedauert, hat
mich ein gut Teil meiner besten Kräfte, sehr viel Zeit und andere Opfer
gekostet. Gut, daß er ein für allemal und siegreich zu Ende ist."

Ueber die Treibereien von Hasselmann und Reimer schrieb Tölcke an das
Vorstandsmitglied Wode--der während der Haft Hasenclevers Vizepräsident
des Vereins war--unter dem 22. Oktober 1874 aus Iserlohn einen Brief, in
dem es hieß:

"Nach Annoncen im 'Volksstaat' gehen die 'Eisenacher' mit der
Besprechung des Einigungsprojekts flott vorwärts. Wenn wir nicht von
ihnen überflügelt werden wollen, dann ist auch bei uns--zumal mit
Rücksicht _auf die Abneigung der Herren Hasselmann und Reimer_--die
rastloseste Tätigkeit erforderlich. Ich mache Dich darauf besonders
aufmerksam, daß Hasselmann und Reimer durch ihre Ansprache in Nr. 119
des 'Neuen Sozialdemokrat' offenbar die Absicht kundgeben, in betreff
der Agitation durchaus selbständig vorgehen zu wollen, ohne sich um
die Vereinsleitung irgendwie zu kümmern; für die Herren scheint der
Vizepräsident gar nicht zu existieren.

Es ist also nach allen Seiten hin ein rasches Handeln unerläßlich und
halte ich es deshalb für notwendig, daß wir in folgender Weise
vorgehen:

1. Weil nach der Ansicht Hasenclevers weder von ihm, noch von Dir oder
von Vorstandsmitgliedern in der Angelegenheit _amtlich_ Schritte getan
werden können, und weil man allerwärts _von mir_ Benachrichtigung über
den Erfolg meiner Reise erwartet, wird es zweckmäßig sein, daß ich auf
unserer Seite die Korrespondenz wegen des Zusammentritts der
gemischten Kommission und bis zu deren Zusammenkunft führe....

2. Um gewisse Gegenagitationen unschädlich zu machen, muß ich
schleunigst eine Konferenz sämtlicher Bevollmächtigter in Rheinland
und Westfalen ins Wuppertal einberufen...."

Tölcke schlug dann eine solche auch für den Süden einschließlich Kassel
vor und erbot sich, die Reisen nach Frankfurt, Offenbach, Hanau und
Kassel zu übernehmen. Er fuhr dann fort in seinem Briefe:

"Mit dem Leitartikel in der gestrigen Nummer des 'Neuen
Sozialdemokrat', besonders am Schluß desselben, hat Hasselmann seine
Agitation _gegen_ den Kongreß bereits begonnen."

Tölcke schloß seinen Brief mit dem Ersuchen um sofortiges und rastloses
Handeln.

Hasenclever war mit dem Vorgehen Tölckes einverstanden, doch wurde in
einer Besprechung, die er mit Liebknecht und einigen anderen bei sich im
Gefängnis zu Zeitz hatte, vereinbart, mit weiterem Vorgehen bis zu
seiner Entlassung, die anfangs Dezember erfolgte, zu warten. Alsdann
traten Vertreter der beiden Fraktionen in Berlin zusammen, um weitere
Schritte zu beraten. Dort beschloß man, daß jede Fraktion eine gleiche
Zahl Mitglieder wähle, und jede Fraktion ihrerseits einen Programm-und
Organisationsvorschlag ausarbeiten sollte. Nachher sollten die Vertreter
der beiden Fraktionen zusammentreten und auf Grund der beiden Entwürfe
einen solchen ausarbeiten, der dann dem Kongreß als Grundlage der
Beratung zu unterbreiten sei.

Die erste Kunde von den im Gange befindlichen Vereinigungsbestrebungen
erhielt die weitere Oeffentlichkeit durch eine Bekanntmachung
Hasenclevers an die Mitglieder seines Vereins, die er unter dem 11.
Dezember 1874 im "Neuen Sozialdemokrat" veröffentlichte und die der
"Volksstaat" abdruckte. Er teilte darin mit, daß, nachdem er wisse, daß
die große Mehrheit der Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins für die Vereinigung sei, die Unterhandlungen mit der
Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, die ebenfalls den Wunsch einer
Vereinigung hege, aufgenommen worden seien. Der Wunsch der Lassalleaner,
daß die Anschauungen und Forderungen Lassalles in das gemeinsame
Programm aufgenommen werden sollten und eine einheitliche straffe
Organisation geschaffen werde, würden Berechtigung finden, doch solle
keine Ueberstürzung der Beratungen stattfinden, darin seien die
Vertreter der beiden Parteien einig.

Die erste Massenkundgebung für die Vereinigung sah Berlin. In der
betreffenden Versammlung waren die sieben auf freiem Fuße befindlichen
Reichstagsabgeordneten anwesend. Eine Einigungsresolution wurde
einstimmig angenommen, auch beschlossen, Most in Plötzensee und mich in
Zwickau von dem Vorgang zu unterrichten.

Zu einer zweiten Einigungsdemonstration wurde die Leichenfeier Borks in
Hamburg, der, wie ich schon berichtete, in der Nacht auf den 1. Januar
1875 gestorben war. Fünftausend Arbeiter beider Fraktionen folgten mit
zwanzig Fahnen dem Sarge des Mannes, der sowohl einer der Gründer
des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, wie später der
Sozialdemokratischen Arbeiterpartei war und mit Leib und Seele der
Bewegung gedient hatte.

Am 19. Januar schrieb mir Eduard Bernstein einen Brief, worin er sich
entschuldigte, daß er als Schriftführer der großen Volksversammlung, die
in Berlin tagte und ihn beauftragte, Most und mir die herzlichste
Sympathie der Versammlung zu übermitteln, erst jetzt nachkomme:

"Ich weiß nicht, wie Sie über die Einigung denken, doch glaube ich,
daß wir insoweit einverstanden sind, daß die Idee einer solchen so
lange als möglich festzuhalten ist. Illusionen mache ich mir gar
nicht, doch weiß ich, daß das Einigungsbedürfnis auch unter den
Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins groß ist. Leider
sind die Leute so verstockte Lassalleaner, daß wir in dieser Hinsicht
Konzessionen machen müssen."

Die niedergesetzte Kommission bestand aus je acht Mitgliedern jeder
Fraktion. Die Lassalleaner hatten Hasenclever, Hasselmann, R. und O.
Kapell, Wode, Reinders, Hartmann und Walther, die Eisenacher Auer,
Bernstein, Bock-Gotha, Geib, Liebknecht, Motteler, Ramm und Vahlteich
delegiert. Am 14. und 15. Februar 1875 trat alsdann die Kommission in
Gotha zusammen, um aus den beiden stark abweichenden Programm- und
Organisationsentwürfen einen einzigen zu schmieden. Die Arbeit war keine
leichte, schließlich wurden Geib, Hasenclever, Hasselmann und Liebknecht
als Redaktionskommission niedergesetzt. Die Kommission konnte alsdann
verkünden, daß das Werk zur vollständigen Zufriedenheit der Teilnehmer
ausgefallen sei. Das war in der Partei nicht überall der Fall. Als
Liebknecht mir am 5. März den Programmentwurf ins Gefängnis sandte mit
dem Bemerken, mehr sei nicht zu erreichen gewesen, war ich wie aus den
Wolken gefallen. Bemerken muß ich, daß ich bereits wochenlang in großer
Aufregung und ärgerlicher Stimmung darüber war, daß weder Liebknecht,
wie er versprochen, sich bei mir hatte sehen lassen, noch weder er noch
Motteler es der Mühe wert erachtet hatten, mir irgendwelche Mitteilungen
über den Gang der Verhandlungen zu machen. Das glaubte ich erwarten zu
dürfen. Ich setzte mich nunmehr hin, schrieb einen mehrere Bogen langen,
sehr gereizten Brief, in dem ich das Programm scharf kritisierte und
einen Gegenentwurf machte, der allerdings übermäßig lang und detailliert
ausfiel. Ich hatte wieder einmal eine Probe geliefert, wie die
Abgeschlossenheit von der Außenwelt das Spintisieren begünstigt.
Liebknecht entschuldigte sich, daß er mich nicht besucht und Rücksprache
mit mir genommen habe. Aber er sei mit Arbeit überlastet, außerdem habe
er sich gesagt, daß eine Unterhaltung über heikle Dinge in Gegenwart
eines Beamten keine angenehme Sache sei. Das war richtig. Aber der
Gefangene, der weiß, daß draußen über Dinge verhandelt wird, die sein
ganzes Denken und Fühlen umfassen, sehnt sich nach einer Aussprache und
sei sie noch so beengt. Liebknecht hatte meinen Brief an den
Parteiausschuß nach Hamburg gesandt, wo er natürlich ebenfalls eine
ablehnende Aufnahme fand. Wenn ich schließlich meine eigenen Vorschläge
preisgab, so war damit meine Unzufriedenheit mit dem Programmentwurf
nicht beseitigt. Außer mir befand sich auch Bracke in heftiger
Opposition gegen den Entwurf. Als er mich zu meiner endlichen Befreiung
am 1. April beglückwünschte, sprach er sich in der erregtesten Weise
gegen das Programm aus. Bracke war in den letzten Jahren gezwungen
worden, sich eine gewisse Zurückhaltung aufzuerlegen. Er kränkelte
unausgesetzt und mußte wiederholt Erholungsreisen unternehmen.
Andererseits zwangen ihn geschäftliche Rücksichten--er war der Leiter
des väterlichen Geschäfts und hatte mit der Gründung eines Druckerei-
und Verlagsunternehmens sich so schwere finanzielle Lasten auferlegt,
daß nur die umsichtigste Tätigkeit ihn vor schweren Verlusten schützen
konnte--, manchem wichtigen Vorgang in der Partei fern zu bleiben. So
war es gekommen, daß Bracke nicht zu der Vereinigungskommission gehörte,
was lebhaft zu bedauern war. Er teilte mir mit, er habe unter anderem
Geib geschrieben, das Programm sei in III geradezu unsinnig. Es sei ein
Skandal, die Parteigenossen mit diesem Blödsinn zu infizieren, den
Widerspruch dagegen aus den Parteikreisen zu verbannen und die
Parteimitgliedschaft von der Zustimmung zu demselben abhängig zu machen
usw. Es entspann sich zwischen uns eine Korrespondenz, in der Bracke mir
am 19. April schrieb:

"Diesmal ist das Entschuldigen auf meiner Seite. Aber auch ich habe
eben so wenig Zeit und muß gestehen, daß dieser ... Entwurf mir alle
Freudigkeit genommen hat, für den Gegenstand einmal mit Gewalt eine
Stunde herauszureißen.

Ich bin ganz Deiner Meinung, daß dieser Entwurf gar nicht verbessert
werden kann, sondern ein ganz neuer Entwurf gemacht werden müßte; ich
bin nun gern bereit, mit Dir in Magdeburg zusammenzutreffen, werde
aber schwerlich einen Entwurf machen können, denn woher die Zeit
nehmen?"

Schließlich meinte er, da wir keine Zeit zu gründlicher Beratung hätten
und keiner auch die Zeit, einen Entwurf zu machen, es sich empfehle, den
Kommissionsentwurf als provisorisches Programm anzunehmen, nachdem man
durch Kritik denselben möglichst erschüttert habe. Mit der Detailmalerei
in meinem Entwurf könne er sich auch nicht einverstanden erklären, das
gehöre in eine Broschüre. Außer mit mir stand Bracke mit Marx und Engels
wegen des Programm-Entwurfs in Korrespondenz und veranlaßte Marx, seine
bekannte Kritik zu schreiben, die im Band IX, Seite 385 der "Neuen Zeit"
veröffentlicht wurde.

Ich hatte Veranlassung genommen, in einem Privatbrief an Engels unter
dem 23. Februar 1875 zu fragen: Was sagen Sie und Marx zu der
Einigungsfrage? Ich habe kein vollgültiges Urteil, denn ich bin außer
aller Kenntnis, ich weiß nur, was die Zeitungen berichteten. Ich bin
gespannt, zu hören und zu sehen, wie die Dinge liegen, wenn ich den 1.
April frei komme. Darauf antwortete mir Engels folgendes:

"London, 18./28. März 1875.

Lieber Bebel!

Ich habe Ihren Brief vom 23. Februar erhalten und freue mich, daß es
Ihnen körperlich so gut geht.

Sie fragen mich, was wir von der Einigungsgeschichte halten? Leider
ist es uns ganz gegangen wie Ihnen. Weder Liebknecht noch sonst jemand
hat uns irgendwelche Mitteilung gemacht, und auch wir wissen daher
nur, was in den Blättern steht, und da stand nichts, bis vor zirka
acht Tagen der Programmentwurf kam. Der hat uns allerdings nicht wenig
in Erstaunen gesetzt.

Unsere Partei hatte so oft den Lassalleanern die Hand zur Versöhnung
oder doch wenigstens zum Kartell geboten und war von den Hasenclever,
Hasselmann und Tölckes so oft und so schnöde zurückgewiesen worden,
daß daraus jedes Kind den Schluß ziehen mußte: wenn diese Herren jetzt
selbst kommen und Versöhnung bieten, so müssen sie in einer verdammten
Klemme sein. Bei dem wohlbekannten Charakter dieser Leute ist es aber
unsere Schuldigkeit, diese Klemme zu benutzen, um uns alle und jede
mögliche Garantien auszubedingen, damit nicht jene Leute auf Kosten
unserer Partei in der öffentlichen Arbeitermeinung ihre erschütterte
Stellung wieder befestigen. Man mußte sie äußerst kühl und mißtrauisch
empfangen, die Vereinigung abhängig machen von dem Grade ihrer
Bereitwilligkeit, ihre Sektenstichworte und ihre Staatshilfe fallen zu
laufen und im wesentlichen das Eisenacher Programm von 1869 oder eine
für den heutigen Zeitpunkt angemessene verbesserte Ausgabe desselben
anzunehmen. Unsere Partei hätte von den Lassalleanern in theoretischer
Beziehung, also in dem, was fürs Programm entscheidend ist, _absolut
nichts zu lernen,_ die Lassalleaner aber wohl von ihr; die erste
Bedingung der Vereinigung war, daß sie aufhörten, Sektierer,
Lassalleaner zu sein, daß sie also vor allem das Allerweltsheilmittel
der Staatshilfe wo nicht ganz aufgaben, doch als eine untergeordnete
Uebergangsmaßregel unter und neben vielen möglichen anderen
anerkannten. Der Programmentwurf beweist, daß unsere Leute theoretisch
den Lassalleanerführern hundertmal überlegen--ihnen an politischer
Schlauheit ebensowenig gewachsen sind; die "Ehrlichen" sind einmal
wieder von den Nichtehrlichen grausam über den Löffel barbiert.

Zuerst nimmt man die großtönende, aber historisch falsche Lassallesche
Phrase an: gegenüber der Arbeiterklasse seien alle anderen Klassen nur
eine reaktionäre Masse. Dieser Satz ist nur in einzelnen
Ausnahmefällen wahr, zum Beispiel in einer Revolution des
Proletariats, wie die Kommune, oder in einem Land, wo nicht nur die
Bourgeoisie Staat und Gesellschaft nach ihrem Bilde gestaltet hat,
sondern auch schon nach ihr das demokratische Kleinbürgertum diese
Umbildung bis auf ihre letzten Konsequenzen durchgeführt hat. Wenn zum
Beispiel in Deutschland das demokratische Kleinbürgertum zu dieser
reaktionären Masse gehörte, wie konnte da die sozialdemokratische
Arbeiterpartei jahrelang mit ihm, mit der Volkspartei Hand in Hand
gehen? Wie kann der "Volksstaat" fast seinen ganzen politischen Inhalt
aus der kleinbürgerlich-demokratischen "Frankfurter Zeitung" nehmen?
Und wie kann man nicht weniger als sieben Forderungen in dies selbe
Programm aufnehmen, die direkt und wörtlich übereinstimmen mit dem
Programm der Volkspartei und kleinbürgerlichen Demokratie? Ich meine,
die sieben politischen Forderungen 1 bis 5 und 1 bis 2, von denen
keine einzige, die nicht _bürgerlich_-demokratisch.

Zweitens wird das Prinzip der Internationalität der Arbeiterbewegung
praktisch für die Gegenwart vollständig verleugnet, und das von den
Leuten, die fünf Jahre lang und unter den schwierigsten Umständen dies
Prinzip auf die ruhmvollste Weise hochgehalten. Die Stellung der
deutschen Arbeiter an der Spitze der europäischen Bewegung beruht
_wesentlich_ auf ihrer echt internationalen Haltung während des
Kriegs; kein anderes Proletariat hätte sich so gut benommen. Und jetzt
soll dies Prinzip von ihnen verleugnet werden im Moment, wo überall im
Ausland die Arbeiter es in demselben Maß betonen, in dem die
Regierungen jeden Versuch seiner Betätigung in einer Organisation zu
unterdrücken streben. Und was bleibt allein von Internationalismus der
Arbeiterbewegung übrig? Die blasse Aussicht--nicht einmal auf ein
späteres Zusammenwirken der europäischen Arbeiter zu ihrer
Befreiung--nein, auf eine künftige "internationale
Völkerverbrüderung"--auf die "Vereinigten Staaten von Europa" der
Bourgeois von der Friedensliga!

Es war natürlich gar nicht nötig, von der Internationale als solche zu
sprechen. Aber das mindeste war doch, keinen Rückschritt gegen das
Programm von 1869 zu tun und etwa zu sagen: obgleich die deutsche
Arbeiterpartei _zunächst_ innerhalb der ihr gesetzten Staatsgrenzen
wirkt (sie hat kein Recht, im Namen des europäischen Proletariats zu
sprechen, besonders nicht etwas Falsches zu sagen), so ist sie sich
ihrer Solidarität bewußt mit den Arbeitern aller Länder, und wird
stets bereit sein, wie bisher auch fernerhin die ihr durch diese
Solidarität aufgelegten Verpflichtungen zu erfüllen. Derartige
Verpflichtungen bestehen auch ohne daß man gerade sich als Teil der
"Internationale" proklamiert oder ansieht, zum Beispiel Hilfe,
Abhalten von Zuzug bei Streiks, Sorge dafür, daß die Parteiorgane die
deutschen Arbeiter von der ausländischen Bewegung unterrichtet halten,
Agitation gegen drohende oder ausbrechende Kabinettskriege, Verhalten
während solcher wie 1870 und 1871 mustergültig durchgeführt usw.

Drittens haben sich unsere Leute das Lassallesche "eherne Lohngesetz"
aufoktroyieren lassen, das auf einer ganz veralteten ökonomischen
Ansicht beruht, nämlich daß der Arbeiter im Durchschnitt nur das
_Minimum_ des Arbeitslohnes erhält, und zwar deshalb, weil nach
Malthusscher Bevölkerungstheorie immer zuviel Arbeiter da sind (dies
war Lassalles Beweisführung). Nun hat Marx im "Kapital" ausführlich
nachgewiesen, daß die Gesetze, die den Arbeitslohn regulieren, sehr
kompliziert sind, daß je nach den Verhältnissen bald dieses, bald
jenes vorwiegt, daß sie also keineswegs ehern, sondern im Gegenteil
sehr elastisch sind, und daß die Sache gar nicht so mit ein paar
Worten abzumachen ist, wie Lassalle sich einbildete. Die Malthussche
Begründung des von Lassalle ihm und Ricardo (unter Verfälschung des
letzteren) abgeschriebenen Gesetzes, wie sie sich zum Beispiel
"Arbeiterlesebuch" Seite 5 aus einer anderen Broschüre Lassalles
zitiert findet, ist von Marx in dem Abschnitt über
"Akkumulationsprozeß des Kapitals" ausführlich widerlegt. Man bekennt
sich also durch Adoptierung des Lassalleschen "ehernen Gesetzes" zu
einem falschen Satz und einer falschen Begründung desselben.

Viertens stellt das Programm als _einzige soziale_ Forderung auf--die
Lassallesche Staatshilfe in ihrer nacktesten Gestalt, wie Lassalle sie
von Buchez gestohlen hatte. Und das, nachdem Bracke diese Forderung
sehr gut in ihrer ganzen Nichtigkeit aufgewiesen; nachdem fast alle,
wo nicht alle Redner unserer Partei im Kampf mit den Lassalleanern
genötigt gewesen sind, gegen diese "Staatshilfe" aufzutreten! Tiefer
konnte unsere Partei sich nicht demütigen. Der Internationalismus
heruntergekommen auf Amand Gögg, der Sozialismus auf den
Bourgeoisrepublikaner Buchez, der diese Forderung _gegenüber den
Sozialisten_ stellte, um sie auszustechen!

Im besten Fall aber ist die "Staatshilfe" im Lassalleschen Sinne doch
nur eine einzige Maßregel unter vielen anderen, um das Ziel zu
erreichen, was hier mit den lahmen Worten bezeichnet wird: "um die
Lösung der sozialen Frage anzubahnen", als ob es für uns noch eine
theoretisch _ungelöste_ soziale _Frage_ gäbe! Wenn man also sagt: Die
deutsche Arbeiterpartei erstrebt die Abschaffung der Lohnarbeit und
damit der Klassenunterschiede vermittels der Durchführung der
genossenschaftlichen Produktion in Industrie und Ackerbau und auf
nationalem Maßstab; sie tritt ein für jede Maßregel, welche geeignet
ist, dieses Ziel zu erreichen!--so kann kein Lassalleaner etwas
dagegen haben.

Fünftens ist von der Organisation der Arbeiterklasse als Klasse
vermittels der Gewerksgenossenschaften gar keine Rede. Und das ist ein
sehr wesentlicher Punkt, denn dies ist die eigentliche
Klassenorganisation des Proletariats, in der es seine täglichen Kämpfe
mit dem Kapital durchficht, in der es sich schult, und die heutzutage
bei der schlimmsten Reaktion (wie jetzt in Paris) platterdings nicht
mehr kaput zu machen ist. Bei der Wichtigkeit, die diese Organisation
auch in Deutschland erreicht, wäre es unserer Ansicht nach unbedingt
notwendig, ihrer im Programm zu gedenken und ihr womöglich einen Platz
in der Organisation der Partei offen zu lassen.

Das alles haben unsere Leute den Lassalleanern zu Gefallen getan. Und
was haben die anderen nachgegeben? Daß ein Haufen ziemlich verworrener
_rein demokratischer Forderungen_ im Programm figurieren, von denen
manche reine Modesache sind, wie zum Beispiel die "Gesetzgebung durch
das Volk", die in der Schweiz besteht und mehr Schaden als Nutzen
anrichtet, wenn sie überhaupt was anrichtet. Verwaltung durch das
Volk, das wäre noch etwas. Ebenso fehlt die erste Bedingung aller
Freiheit: daß alle Beamte für alle ihre Amtshandlungen jedem Bürger
gegenüber vor den gewöhnlichen Gerichten und nach gemeinem Recht
verantwortlich sind. Davon, daß solche Forderungen wie: Freiheit der
Wissenschaft--Gewissensfreiheit, in jedem liberalen Bourgeoisprogramm
figurieren und sich hier etwas befremdend ausnehmen, davon will ich
weiter nicht sprechen.

Der freie Volksstaat ist in den freien Staat verwandelt.
Grammatikalisch genommen ist ein freier Staat ein solcher, wo der
Staat frei gegenüber seinen Bürgern ist, also ein Staat mit
despotischer Regierung. Man sollte das ganze Gerede vom Staat fallen
lassen, besonders seit der Kommune, die schon kein Staat im
eigentlichen Sinne mehr war. Der "_Volksstaat_" ist uns von den
Anarchisten bis zum Ueberdruß in die Zähne geworfen worden, obwohl
schon die Schrift Marx' gegen Proudhon und nachher das Kommunistische
Manifest direkt sagen, daß mit Einführung der sozialistischen
Gesellschaftsordnung der Staat sich von selbst auflöst und
verschwindet. Da nun der Staat doch nur eine vorübergehende
Einrichtung ist, deren man sich im Kampf, in der Revolution bedient,
um seine Gegner gewaltsam niederzuhalten, so ist ist es purer Unsinn,
von freiem Volksstaat zu sprechen: solange das Proletariat den Staat
noch _gebraucht_, gebraucht es ihn nicht im Interesse der Freiheit,
sondern der Niederhaltung seiner Gegner, und sobald von Freiheit die
Rede sein kann, hört der Staat als solcher auf, zu bestehen. Wir
würden daher vorschlagen, überall statt _Staat_ "Gemeinwesen" zu
setzen, ein gutes altes deutsches Wort, das das französische "Kommune"
sehr gut vertreten kann.

"Beseitigung aller sozialen und politischen Ungleichheit" ist auch
eine sehr bedenkliche Phrase statt: "Aufhebung aller
Klassenunterschiede". Von Land zu Land, von Provinz zu Provinz, von
Ort zu Ort sogar wird immer eine _gewisse_ Ungleichheit der
Lebensbedingungen bestehen, die man auf ein Minimum reduzieren, aber
nie ganz beseitigen können wird. Alpenbewohner werden immer andere
Lebensbedingungen haben als Leute des flachen Landes. Die Vorstellung
der sozialistischen Gesellschaft als des Reiches der _Gleichheit_ ist
eine einseitige französische Vorstellung, anlehnend an das alte
"Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", eine Vorstellung, die _als
Entwicklungsstufe_ ihrer Zeit und ihres Ortes berechtigt war, die
aber, wie alle die Einseitigkeiten der früheren sozialistischen
Schulen, jetzt überwunden sein sollten, da sie nur Verwirrung in den
Köpfen anrichten, und präzisere Darstellungsweisen der Sache gefunden
sind.

Ich höre auf, obwohl fast jedes Wort in diesem dabei saft- und
kraftlos redigierten Programm zu kritisieren wäre. Es ist der Art,
daß, falls es angenommen wird, Marx und ich uns _nie_ zu der auf
dieser Grundlage errichteten _neuen_ Partei bekennen können und uns
sehr ernstlich werden überlegen müssen, welche Stellung wir--auch
öffentlich--ihr gegenüber zu nehmen haben. Bedenken Sie, daß man _uns_
im Auslande für alle und jede Aeußerungen und Handlungen der deutschen
sozialdemokratischen Arbeiterpartei verantwortlich macht. So Bakunin
in seiner Schrift "Politik und Anarchie", wo wir einstehen müssen für
jedes unüberlegte Wort, das Liebknecht seit Stiftung des
"Demokratischen Wochenblattes" gesagt und geschrieben. Die Leute
bilden sich eben ein, wir kommandierten von hier aus die ganze
Geschichte, während Sie so gut wie ich wissen, daß wir uns fast nie im
geringsten in die inneren Parteiangelegenheiten gemischt, und auch
dann nur, um Böcke, die nach unserer Ansicht geschossen worden, und
zwar _nur theoretische_, wieder nach Möglichkeit gutzumachen. Sie
werden aber selbst einsehen, daß dies Programm einen Wendepunkt
bildet, der uns sehr leicht zwingen könnte, alle und jede
Verantwortlichkeit mit der Partei, die es anerkennt, abzulehnen.

Im allgemeinen kommt es weniger auf das offizielle Programm einer
Partei an, als auf das, was sie tut. Aber ein _neues_ Programm ist
doch immer eine öffentlich aufgepflanzte Fahne, und die Außenwelt
beurteilt danach die Partei. Es sollte daher keinenfalls einen
Rückschritt enthalten, wie dies gegenüber dem Eisenacher. Man sollte
doch auch bedenken, was die Arbeiter anderer Länder zu diesem Programm
sagen werden; welchen Eindruck diese Kniebeugung des gesamten
deutschen sozialen Proletariats vor dem Lassalleanismus machen wird.

Dabei bin ich überzeugt, daß eine Einigung auf _dieser_ Basis kein
Jahr dauern wird. Die besten Köpfe unserer Partei sollten sich dazu
hergeben, auswendig gelernte Lassallesche Sätze vom ehernen Lohngesetz
und der Staatshilfe abzuleiern? Ich möchte zum Beispiel Sie dabei
sehen! Und täten sie es, ihre Zuhörer würden sie auszischen. Und ich
bin sicher, die Lassalleaner bestehen gerade auf _diesen_ Stücken des
Programms wie der Jude Shylock auf seinem Pfund Fleisch. Die Trennung
wird kommen; aber wir werden Hasselmann, Hasenclever und Tölcke und
Konsorten wieder "ehrlich gemacht" haben; wir werden schwächer und die
Lassalleaner stärker aus der Trennung hervorgehen; unsere Partei wird
ihre politische Jungferschaft verloren haben und wird nie wieder gegen
Lassallephrasen, die sie eine Zeitlang selbst auf die Fahne
geschrieben, herzhaft auftreten können; und wenn die Lassalleaner dann
wieder sagen: sie seien die eigentlichste und einzige Arbeiterpartei,
unsere Leute seien Bourgeois, so ist das Programm da, um es zu
beweisen. Alle sozialistischen Maßregeln darin sind _ihre_, und
_unsere_ Partei hat nichts hineingesetzt als Forderungen der
kleinbürgerlichen Demokratie, die doch _auch von ihr_ in denselben
Programm als Teil der "reaktionären Masse" bezeichnet ist!

Ich hatte diesen Brief liegen lassen, da Sie doch erst am 1. April zu
Ehren von Bismarcks Geburtstag frei kommen und ich ihn nicht der
Chance des Abfassens bei einem Schmuggelversuch aussetzen wollte. Da
kommt nun gerade ein Brief von Bracke, der auch wegen des Programms
seine schweren Bedenken hat und unsere Meinung wissen will. Ich
schicke ihn daher zur Beförderung an ihn, damit er ihn lese und ich
den ganzen Kram nicht noch einmal zu schreiben brauche. Uebrigens habe
ich Ramm ebenfalls klaren Wein eingeschenkt, an Liebknecht schrieb ich
nur kurz. Ich verzeihe ihm nicht, daß er uns von der ganzen Sache kein
Wort mitgeteilt (während Ramm und andere glaubten, er habe uns genau
unterrichtet), bis es sozusagen zu spät war. Das hat er zwar von jeher
so gemacht--und daher die viele unangenehme Korrespondenz, die wir,
Marx sowohl wie ich, mit ihm hatten--aber diesmal ist es doch zu arg,
und _wir gehen entschieden nicht mit_.

Sehen Sie, daß Sie es einrichten, im Sommer herzukommen, Sie wohnen
natürlich bei mir, und wenn das Wetter gut, können wir ein paar Tage
seebaden gehen, das wird Ihnen nach dem langen Brummen recht nützlich
sein.

Freundlichst Ihr

F.E.

Marx ist eben ausgezogen, er wohnt 41 Maitland Park Crescent NW,
London."

Unter dem 10. Mai schrieb alsdann Bracke an Marx mit Bezug auf meine
nunmehrige Stellung:

"Ich hatte erst geglaubt, Bebel würde zu einem entschiedenen Vorgehen
geneigt sein, aber einesteils seine angegriffene Gesundheit und die
notwendige geschäftliche Rehabilitierungsarbeit, anderenteils
dringende Bitten von Liebknecht scheinen ihn abgehalten zu haben."

Es waren nicht allein Liebknechts Bitten, die mich veranlaßten, meiner
Unzufriedenheit über den Programmentwurf keinen öffentlichen Ausdruck zu
geben, es war das Drängen von allen Seiten: ich möge durch mein
Auftreten es nicht zu einem Eklat treiben und damit vielleicht die
Vereinigung unmöglich machen.

Diesem Verlangen gab ich nach, denn die Vereinigung lag auch mir am
Herzen. Ueberdies war das Drängen nach Vereinigung in der Partei so
stark, daß alle Rücksichten auf programmatische Bedenken schweigen
mußten. Schließlich konnten die gemachten Fehler später repariert
werden.

*       *       *       *       *

Die Einigungsbestrebungen unter der Führerschaft wurden wesentlich
gefördert durch den Wiederzusammentritt des Reichstags, der die längere
Anwesenheit der Abgeordneten in Berlin gebot. Die Session wurde am 29.
Oktober 1874 eröffnet, aber schon am 30. Januar geschlossen. Die
Beteiligung unserer Vertreter an den Verhandlungen war keine lebhafte.
Die Verhandlungen über die Einigung der Partei nahmen das Interesse der
Abgeordneten mehr in Anspruch als die Beratungen des Reichstags,
obgleich denselben wichtige Vorlagen beschäftigten. So war unter anderen
der Entwurf eines Gerichtsverfassungsgesetzes, einer Straf- und einer
Zivilprozeßordnung vorgelegt worden und ein Gesetzentwurf über den
Landsturm, zu dem später Liebknecht und Hasselmann das Wort nahmen.

Selbstverständlich wurde wieder der Antrag auf unsere Beurlaubung aus
der Haft während der Dauer der Session eingebracht, der diesmal
Hasenclever, Most und mich umfaßte. Zu der Begründung des Antrags nahm
Liebknecht das Wort, der sich die Gelegenheit nicht entgehen ließ, die
Prozesse, die unsere Verurteilung herbeigeführt, unter die Lupe zu
nehmen und die Urteile gründlich zu zerzausen. Besonders nachdrücklich
sprach er sich über die unwürdige Behandlung aus, die damals Most in
Plötzensee zuteil wurde.

Nach Liebknecht nahm Windthorst das Wort, der sich ebenfalls lebhaft
über die Behandlung politischer Gefangener aus dem Lager der
Althannoveraner beklagte. Dem Antrag auf unsere Freilassung könne er
aber in Rücksicht auf den Inhalt des Artikel 31 der Verfassung nicht
zustimmen, er wünsche aber, daß, wenn ein in Gefangenschaft befindlicher
Abgeordneter einen Antrag auf seine Beurlaubung stelle, die Regierungen
auf einen solchen Antrag bereitwillig eingingen und der Herr
Reichskanzler dafür eintrete. Bismarck nahm darauf das Wort und bemerkte
spöttisch, der "Herr Reichskanzler" werde im vorliegen den Falle dafür
eintreten, daß der Verhaftete beurlaubt werde, wenn er darum bitte, denn
Reden wie die der beiden Vorredner habe man lange nicht im Reichstag
gehört, sie seien außerordentlich lehrreich und fehlten uns seit langem.
(Heiterkeit.) Der Reichstag ahnte nicht, daß er auf Grund des
ablehnenden Beschlusses, den er, ähnlich wie früher, faßte, in Bälde in
eine unangenehme Situation gebracht wurde. Die Verhandlungen über den
Antrag Liebknecht und Genossen waren am 21. November gewesen, aber
bereits am 12. Dezember sah sich der Abgeordnete Lasker, unterstützt
durch die Abgeordneten v. Bennigsen, Schenk v. Stauffenberg, v.
Forckenbeck, Dr. Hänel, Windthorst, v. Denzin, Dr. Schwarze und Fürst
Hohenlohe-Langenburg--also den Vertretern sämtlicher bürgerlichen
Parteien--, genötigt, den Antrag zu stellen:

"Mit Rücksicht darauf, daß die am gestrigen Tage erfolgte Verhaftung
des Reichstagsmitglieds Herrn Majunke infolge eines rechtskräftigen
Strafurteils glaubhaft berichtet wird, die Geschäftsordnungskommission
mit schleuniger Berichterstattung darüber zu beauftragen: 1. Ob nach
Artikel 31 der deutschen Reichsverfassung die Verhaftung eines
Reichstagsmitglieds _während der Session des Reichstags ohne
Zustimmung_ des letzteren verfassungsmäßig zulässig ist; 2. ob und
welche Schritte zu veranlassen sind, um einer Verhaftung von
Mitgliedern des Reichstags infolge eines rechtskräftigen Strafurteils
_während der Session_ des Reichstags ohne Zustimmung desselben
vorzubeugen."

Der Antrag, in dessen Beratung das Haus sofort eintrat, war lächerlich.
War, wie das Haus wiederholt und zuletzt erst am 21. November
entschieden hatte, der Artikel 31 der Verfassung auf die _Strafhaft_ von
Abgeordneten nicht anwendbar, dann hatten die zuständigen Behörden auch
das unbestreitbare Recht, einen Abgeordneten _während der Session_ in
Strafhaft zu nehmen. Nun hatte der Fall des Abgeordneten Majunke, der
als Redakteur der "Germania" zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden
war, ungeheures Aufsehen erregt. Es war auch unzweifelhaft, daß seine
Verhaftung kurz vor Beginn einer Reichstagssitzung nicht ohne Bismarcks
Zustimmung erfolgte. Denn tatsächlich war das Urteil schon seit dem 23.
September rechtskräftig, man konnte also mit der Verhaftung Majunkes
ohne Schaden für die Rechtspflege auch bis zum Schluß der Session, Ende
Januar, warten, nachdem man es unterlassen, ihn vor Beginn der Session
in Haft zu nehmen. Aber das wollte Bismarck nicht. Er wollte offenbar
dem Zentrum für die Debatte am 4. Dezember einen Denkzettel geben; daß
damit auch der Reichstag moralisch geohrfeigt wurde, der sich diesen
Streich auf Grund seiner eigenen Beschlüsse gefallen lassen mußte, war
ihm sehr gleichgültig. Er fand es auch nicht einmal der Mühe wert, sich
zur Verhandlung einzustellen. Der Antrag Lasker wurde also der
Geschäftsordnungskommission überwiesen, die aber, wie vorauszusehen war,
sich über keinen Antrag zu einigen vermochte und in einigen Tagen mit
leeren Händen vor das Haus trat. Hier nahm die Debatte denselben
kläglichen Verlauf. Eine Reihe Anträge, die gestellt wurden, lehnte
stets irgend eine Mehrheit ab. Der Ausgang der Sache war für den
Reichstag so blamabel wie möglich.

Ich erwähnte die Debatte vom 4. Dezember als Grund für den Racheakt
Bismarcks gegen Majunke. In jener Sitzung hielt der katholische
Sozialpolitiker Jörg eine Rede über Bismarcks auswärtige Politik und die
Nichteinberufung des Bundesratsausschusses für die Kontrolle dieser
Politik. Bismarck, erbittert über einen Hirtenbrief der französischen
Bischöfe, von denen mehrere zu jener Zeit auch elsaß-lothringische
Reichsangehörige zu ihren Diözesanen zählten, worin die Bischöfe sich
über die deutschen Kulturkampfmaßregeln mißbilligend äußerten, hatte
eine Zirkulardepesche an die Gesandten des Reiches versendet, in der er
ausführte: Sollte sich herausstellen, daß es für das Deutsche Reich
nicht möglich sei, mit dem westlichen Nachbarn in einem dauernden
Frieden zu leben, dann werde man nicht abwarten, bis die Franzosen
vollkommen zum Losschlagen gerüstet seien, sondern werde den geeigneten
Moment selbst wählen und die Initiative ergreifen. Das war eine Drohung
mit Krieg, die große Beunruhigung hervorrief. Nach einem Bismarckschen
Wort in der "Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" erhielt die Depesche die
historische Bezeichnung: die Kaltwasserstrahldepesche. Jörg sah in
diesem Vorgehen Bismarcks eine unverantwortliche Handlungsweise, die
leichtherzig das Reich großen Gefahren aussetzte. Auch beschwerte er
sich darüber, daß man das Zentrum für das Attentat Kullmanns, das dieser
an Bismarck im verflossenen Sommer in Kissingen begangen hatte,
verantwortlich mache. Jörg bezeichnete Kullmann als einen
Halbverrückten, für den das Zentrum keine Verantwortung übernehme.
Bismarck ging darauf in einer sehr aggressiven Rede gegen das Zentrum
los. Mit Hinweis auf das Geständnis, das Kullmann ihm, Bismarck, im
Gefängnis gemacht, daß er durch Lesen der Zentrumspresse zu dem Attentat
bestimmt worden sei, erhob er die Beschuldigung, das Zentrum trage an
dem Attentat die Mitschuld, Kullmann hänge ihm an den Rockschößen. Diese
Worte riefen einen ungeheuren Lärm hervor, aus dem wiederholte
Pfuis ertönten, die man aus der Mitte des Zentrums Bismarck
entgegenschleuderte. Der Hauptrufer im Streit war der spätere Präsident
des Reichstags, Graf Ballestrem.

Diesen Vorgang hatte Bismarck nicht vergessen, denn eine
Haupteigenschaft seiner Berserkernatur war, ein guter Hasser zu sein.
Mit seinem Hasse hat er mir immer imponiert, dagegen mißfiel mir im
höchsten Grade die kleinliche und gehässige Art, wie er seinem Hasse
Befriedigung verschaffte. Hier war ihm jedes Mittel recht.

In dieser Session trugen wir unerwartet einen Erfolg davon. Most hatte
sich in einer Petition beschwerdeführend über seine Behandlung in
Plötzensee an den Reichstag gewendet und eine gesetzliche Regelung der
Strafhaft beantragt. Die Petitionskommission, die darüber Bericht zu
erstatten hatte, konnte sich der Berechtigung der Mostschen Klagen nicht
entziehen. Bei der Verhandlung im Plenum, in der Liebknecht ebenfalls
das Wort nahm, wurde der folgende Antrag der Kommission mit großer
Mehrheit angenommen:

"Die Petition dem Herrn Reichskanzler mit der Aufforderung zu
überweisen, dahin zu wirken, daß in denjenigen Bundesstaaten, in
welchen die Strafvollstreckung bislang nicht durch Gesetz geregelt
ist, insbesondere im Königreich Preußen, von den Bundesregierungen
schleunigst der Strafvollzug und das Gefängniswesen in einer Weise
geordnet wird, daß dadurch der Vollzug der Strafen, namentlich der
Gefängnisstrafen, im Sinne des Strafgesetzbuchs, insbesondere des § 16
desselben, sichergestellt wird;

den Herrn Reichskanzler ferner zu ersuchen, bei der königlich
preußischen Regierung dahin zu wirken, daß der § 23 der Instruktion
vom 24. Oktober 1837, der Justizministerialerlaß vom 24. November
1851 (5c) und § 37 der Hausordnung für das Strafgefängnis bei Berlin,
als mit dem § 16, Alinea 2, des Strafgesetzbuchs in Widerspruch
stehend beseitigt werden."

Meine Freilassung am 1. April 1875--dem Geburtstag Bismarcks--nach
einunddreißigmonatiger Haft, war nicht nur ein Freudentag für meine
Familie und mich. Es gingen mir von allen Seiten aus der Partei eine
solche Menge Glückwünsche in Briefen und Depeschen zu, daß ich sagen
darf, auch ein großer Teil der Partei betrachtete den Tag als einen
Freudentag.

Für den 11. April hatte mein Wahlkreis eine große Empfangsfeier in
Glauchau veranstaltet, die ich mit meiner Familie besuchte. In der Rede,
die ich hielt, sagte ich mit Bezug auf die bevorstehende Vereinigung:
"Ich begrüße mit voller Freude die Mitglieder der anderen Fraktion, die
uns oft von dieser Stelle aus als Gegner gegenüberstanden; wir gehen
fortan nicht nur friedlich nebeneinander, wir kämpfen jetzt schon
gemeinsam miteinander für das hohe Ziel, dem wir zustreben. In Bälde
werden wir aber vereinigt sein in einem gemeinsamen Verband. So heftig
wir uns früher bekämpft, nunmehr werden wir um so gestärkter, mutiger
und furchtloser gegen den gemeinsamen Feind vorgehen. Der Erfolg wird
nicht ausbleiben." Die Stimmung auf dem Feste war die denkbar beste,
alle waren im Hinblick auf die stattgehabte Versöhnung wie von einem Alp
befreit. Im Juli folgten die Meeraner Genossen ebenfalls mit einem
großen Feste und später Hohenstein-Ernstthal.

Moritz Heß erlebte die Vereinigung nicht mehr. Er starb im April in
Paris. Karl Hirsch hielt die Leichenrede. In demselben Monat starb auch
Georg Herwegh, der sich seit Lassalles Tod der Partei ferngehalten
hatte, und zwar in Baden-Baden. In demselben Jahre sah sich die
"Frankfurter Zeitung" veranlaßt, eine Sammlung für den ehemaligen
"Zuchthäusler" August Röckel zu veranstalten, der in größter Not in Wien
lebte.




Vom Vereinigungskongreß zu Gotha bis zum Vorabend des
Sozialistengesetzes.




Das Einigungswerk


Der Vereinigungskongreß war auf den 25. Mai 1875 und die folgenden Tage
von dem vorberatenden Komitee einberufen worden. Nach jahrelangen
gegenseitigen erbitterten Kämpfen standen sich jetzt die bisher
feindlichen Brüder zu gemeinsamem Werke Auge in Auge gegenüber. Daß man
sich nicht gleich brüderlich umarmte, sondern zum Teil noch immer
mißtrauisch betrachtete, wer wird sich darüber wundern? Es bedurfte noch
großer gegenseitiger Rücksichtnahme und gegenseitig einer Behandlung,
als habe man es mit rohen Eiern zu tun, sollte es nicht zum
Aufeinanderplatzen der noch vorhandenen persönlichen und sachlichen
Gegensätze kommen. Neugierig und gespannt blickten unsere gemeinsamen
Gegner in jenen Tagen nach Gotha, ob das Vereinigungswerk gelinge. Und
es gelang nach einigen kleinen Reibereien über Erwarten und trug seine
Früchte.

Auf dem Kongreß waren 25659 Parteigenossen durch 127 Delegierte
vertreten. Davon entfielen auf den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
16538 Mitglieder mit 71 Delegierten, auf die Sozialdemokratische
Arbeiterpartei 9121 Mitglieder mit 56 Delegierten.
    
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