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vorhanden ist. In einem solchen Falle halte ich es für unrecht,
Meinungsverschiedenheiten schroff zu behandeln und zum Bruch zu
reizen. Glauben Sie aber nicht, daß wir deshalb die Verträglichkeit
zur Schwäche treiben, es gibt eine Grenze, wo sie aufhört; die Mittel
und die Macht fehlen dann auch nicht, um unseren Willen durchzusetzen
...
Dem Wunsche Liebknechts, daß Sie Lassalles Schriften mal zum
Gegenstand einer kritischen Abhandlung machen möchten, schließe ich
mich vollkommen an. Eine solche ist durchaus notwendig, und damit sie
die nötige Wirkung erzielt, müßten Sie und kein anderer sie
veröffentlichen. Eine solche Kritik würde der Partei in Deutschland
nach verschiedenen Seiten hin den Boden ebnen.
Mit Liebknecht habe ich schon mehrere Male gesprochen wegen neuer
Herausgabe des Kommunistischen Manifestes; wir können es aber in
Rücksicht auf den Schluß nicht riskieren. Dieser würde uns sofort
einen Hochverratsprozeß auf den Hals laden. Das Manifest ist zwar in
einem Heft des Leipziger Hochverratsprozesses als Aktenstück
abgedruckt, es sind auch einige Separatabzüge gemacht worden, aber das
genügt nicht, es müßte nachdrücklich empfohlen und öffentlich verkauft
werden können. Diese Schrift, mit einem passenden Vorwort verbunden,
würde vielen die Augen öffnen, sie würde beweisen, wie unendlich
schwächlich die Lassalleschen Vorschläge sind. Ueberlegen Sie sich die
Sache einmal.
Mit freundlichem Gruß Ihr Bebel."
In meinem Brief an Engels lauteten die entscheidenden Stellen:
"Ihr Brief, den Sie am 17. v. M. an Liebknecht sandten und von dessen
Inhalt ich Kenntnis genommen, gibt mir Veranlassung, ebenfalls einige
Zeilen an Sie zu richten. Hepner hat augenscheinlich die Farben über
den Stand unserer Parteiverhältnisse sehr dick aufgetragen und
namentlich den Einfluß und die Absichten Yorks recht schwarz gemalt.
Wundern tut mich das von Hepner nicht, er ist ein durchaus braver und
treuer Genosse, aber leicht verbissen, und gegen den Ausschuß und
speziell gegen York hat er infolge einer ganzen Reihe von
Streitigkeiten einen solchen Zorn, daß er das Schlechteste von ihnen
glaubt und jedes Wort aufs strengste auslegt."
Ich setzte dann im Detail auseinander, warum Hepner und York verbissene
Gegner seien, und fuhr fort:
"Neben den schlimmen hat York auch entschieden gute Eigenschaften,
dahin gehört, daß er mit großem Eifer die Agitation und regelmäßige
Steuerzahlung betreibt, zwei Dinge, die sehr notwendig sind und die
seit den Wirren des Jahres 1870--Verhaftung des Braunschweiger
Ausschusses--im argen gelegen haben. Hier ist sein Feld und hier hat
er allerdings auch Verdienste aufzuweisen.
Ein zweiter Punkt ist unsere Stellung zu Lassalle und dem
Lassalleanismus. Da sind Sie wie Hepner entschieden im _Unrecht_, wenn
sie meinen, wir könnten rücksichtslos vorgehen, ohne erheblichen
Schaden in der Partei zu haben. Der Lassallekultus muß ausgerottet
werden, damit bin ich ganz einverstanden, auch die falschen Ansichten
Lassalles müssen bekämpft werden, aber mit Vorsicht. Sie können von
dort aus unmöglich unsere Verhältnisse genau beurteilen, und Hepner
ist zu wenig praktisch.
Sie dürfen nicht vergessen, daß die Lassalleschen Schriften
tatsächlich--das läßt sich nicht wegdiskutieren--durch ihre populäre
Sprache die Grundlage der sozialistischen Anschauung der Massen
bilden. Sie sind zehnfach, zwanzigfach mehr wie irgend eine andere
sozialistische Schrift in Deutschland verbreitet, Lassalle genießt so
eine bedeutende Popularität. Diese Popularität ist durch die Ihnen
hinlänglich bekannten Mittel der Gräfin Hatzfeldt, Schweitzers und
anderer zum _Kultus_ potenziert worden, und wenn letzterer auch, dank
dem gesunden Gefühl der Massen und unserer eigenen Tätigkeit, schon
_bedeutend_ abgenommen hat und täglich mehr abnimmt, so wäre es doch
unklug, durch rücksichtsloses Vorgehen diese Gefühle zu verletzen.
In unserer eigenen Partei ist der Lassallekultus so gut wie
verschwunden, aber immerhin gibt es einige Gegenden, wie das Rheinland
und Schlesien, in denen er Anhänger zählt, und, was uns namentlich
veranlassen muß, nicht allzu schroff vorzugehen, ist, daß sehr viele
Arbeiter im früheren Hatzfeldtschen Lager und im Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein sich mehr und mehr uns nähern und teilweise schon
angeschlossen haben. Daß je der Lassalleanismus in Deutschland wieder
Oberwasser bekommt, daran ist nicht entfernt zu denken; lassen wir
also den Dingen ruhig ihren Lauf und wo sich Gelegenheit bietet, dem
spezifischen Lassalleanismus einen Klaps zu versetzen, da wird es
geschehen. Das hat, glaube ich, auch der "Volksstaat" bisher getan,
und wenn darüber York und einige andere sich ereifern, so läßt man sie
eben gewähren.
Ein vernichtender Schlag für den Lassallekultus würde es sein, wenn
Freund Marx dem Wunsche Liebknechts--den ich vollständig
teile--nachkäme und in einigen objektiv gehaltenen Artikeln im
"Volksstaat" wissenschaftlich die Fehler und Mängel der Lassalleschen
Theorien nachwies. Marx' wissenschaftliche Autorität auf ökonomischem
Gebiet ist so unbestritten, daß die Wirkung einer solchen Arbeit eine
kolossale sein würde. Helfen Sie uns, daß Freund Marx diesen Dienst
der Partei leistet.
Das oben Gesagte kurz resumiert, steht die Sache also so: Yorks
Einfluß ist unbedeutend, er selbst nichts weniger als gefährlich, der
Lassalleanismus in der Partei ist ebenfalls wenig verbreitet, Schonung
nur in Rücksicht auf zahlreiche ehrliche, aber mißleitete Arbeiter,
die bei geschickter Behandlung uns sicher sind, geboten.
Ich hoffe, daß nach diesen Auseinandersetzungen Sie nicht anstehen
werden, Ihre Mitarbeiterschaft dem "Volksstaat" zu erhalten. Eine
Zurückziehung (womit Engels gedroht) wäre das Allerverkehrteste, was
Sie tun könnten, dadurch würden Sie dem oppositionellen Element eine
Bedeutung beilegen, die es absolut nicht hat, und die Partei
schädigen....
Mit freundlichem Gruß Ihr Bebel."
An Hepners Stelle trat Wilhelm Blos als leitender Redakteur. Blos war
zuvor an mehreren süddeutschen demokratischen Blättern Redakteur
gewesen, dann wurde er Mitarbeiter an unserem Parteiblatt, dem "Fürther
demokratischen Wochenblatt", dessen Hauptleserkreis aber in Nürnberg
war. Blos war 1872 der Partei wie der Internationale beigetreten und
wurde an Stelle des verhafteten Kokosky Redakteur des "Braunschweiger
Volksfreund", alsdann des "Volksstaat", den er, nachdem Liebknecht
freigekommen war, Herbst 1874 verließ, um auf dessen Wunsch die
Redaktion der Mainzer "Süddeutschen Volksstimme" zu übernehmen.
In jenen Jahren waren die gerichtlichen Verfolgungen gegen den
"Volksstaat" so nachdrücklich, daß beständig zwei, manchmal drei seiner
verantwortlichen Redakteure im Gefängnis zubrachten. Aehnlich erging es
den meisten anderen unserer Parteiorgane, zu denen damals außer dem
"Volksstaat" der "Braunschweiger Volksfreund", der "Dresdener
Volksbote", die "Chemnitzer freie Presse", der "Crimmitschauer Bürger-
und Bauernfreund", das "Fürther demokratische Wochenblatt", der
"Münchner Zeitgeist", die "Hofer Zeitung", die Mainzer "Süddeutsche
Volksstimme" und der "Thüringer Volksbote" zählten.
Die führenden Persönlichkeiten jener Zeit hatten mit wenigen Ausnahmen
alle mehr oder weniger oft mit dem Gefängnis Bekanntschaft gemacht. In
Sachsen fügte man hierzu noch die Ausweisungen aus Orten und ganzen
Bezirken, von der neben Most und Hepner unter anderem Auer, Daschner,
Lyser, Muth, Rüdt, Ufert, später auch Max Kayser betroffen wurden.
Der Parteikongreß zu Eisenach 1873.
Zu jener Zeit marschierte auch Bayern in den Reihen der Reaktion. Der
Parteiausschuß hatte für den 24. August 1873 und die folgenden Tage den
Parteikongreß nach Nürnberg einberufen. Am 31. Juli erfolgte durch den
königlichen Kommissar der Stadt Nürnberg das Verbot des Kongresses
mit Hinweis auf Artikel 17 des bayerischen Vereins- und
Versammlungsgesetzes. Auch sei zu befürchten, daß die §§ 110, 130, 131
und 360 Ziffer 11 des Reichsstrafgesetzbuches durch die Abhaltung des
Kongresses verletzt würden. Eine Beschwerde gegen dieses merkwürdige
Verbot wurde nicht erhoben, weil der Ausschuß sofort den Kongreß nach
_Eisenach_ einberief. Nun glaubte der Leipziger Polizeidirektor Rüder
hinter dem Nürnberger Kommissar nicht zurückgehen zu sollen. Er verbot
nunmehr auch den Besuch des Eisenacher Kongresses bei Strafe von vier
Wochen Gefängnis im Falle der Zuwiderhandlung. In der Tat blieb infolge
dieses Verbots Leipzig auf dem Eisenacher Kongreß unvertreten.
Auf diesem waren 71 Delegierte anwesend, die 9224 Mitglieder aus 132
Orten hinter sich hatten. Demselben präsidierten Geib und Motteler. Im
Laufe der Verhandlungen kam auch die leidige Angelegenheit _Memminger,_
die schon jahrelang die Nürnberg-Fürther Parteigenossen zerklüftet
hatte, zur Sprache. Auf der Seite Memmingers stand _Grillenberger,_
gegen ihn _Auer_ und _Löwenstein_. Mit großem Mehr beschloß der Kongreß,
daß Memminger sich ein parteischädigendes Verhalten habe zuschulden
kommen lassen und durch eine Reihe von Handlungen sich _außerhalb_ der
Partei gestellt habe.
Die Verhandlungen über die Einigungsfrage, die ebenfalls auf der
Tagesordnung stand, wurden sehr ungünstig beeinflußt durch die Haltung,
die der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein auf seiner Generalversammlung
im vorhergehenden Mai in Berlin eingenommen hatte. Auf dieser hatten
sich Frohme, Hasenclever, Hasselmann und andere Redner sehr
entschieden _gegen_ einen Antrag, der die Vereinigung forderte,
ausgesprochen. Schließlich war mit allen gegen 3 Stimmen ein Antrag
_Richter_-Wandsbeck, den _Tölcke,_ Harm-Elberfeld, Dasbach-Hanau usw.
unterzeichnet hatten, angenommen worden, der lautete:
"In Erwägung: 1. daß die sogenannte 'Sozialdemokratische
Arbeiterpartei' ursprünglich auf dem Verbandstag der
Schulze-Delitzschen Arbeiterbildungsvereine zu Nürnberg im Jahre 1868,
beziehentlich auf dem Kongreß zu Eisenach im Jahre 1869, _lediglich in
der Absicht gegründet worden ist, die Arbeiterbewegung in Deutschland
zu schädigen_ dadurch, daß neben dem _Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein eine zweite_ angeblich sozialdemokratische Fraktion
geschaffen wurde, welche nur deshalb ein anscheinend mehr
politisch-revolutionäres Programm aufstellte, um durch dasselbe die
Arbeiter anzuziehen und so die Spaltung der deutschen Arbeiter
herbeizuführen;
in Erwägung: 2. daß das jetzige _Zusammenwirken des Herrn v.
Schweitzer_ mit den Führern der sogenannten 'Sozialdemokratischen
Arbeiterpartei' zum gemeinsamen Unterwühlen und zur Beseitigung der
Organisation des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins den
schlagendsten Beweis liefert, daß die Vernichtung des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins der Hauptzweck der Führer der
Sozialdemokratischen Arbeiterpartei ist, die sich nicht scheuen, sich
zur Erreichung dieses Zweckes mit unstreitig reaktionären Elementen zu
verbinden;
in Erwägung: 3. daß das Programm, die Organisation und die Taktik der
Sozialdemokratischen Arbeiterpartei durchaus unvereinbar sind mit dem
Programm und der Organisation des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins,
tritt die Generalversammlung dem Beschluß des Vorstandes des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins vom 5. Januar d.J. bei, welcher
also lautet:
In Erwägung, daß für die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins in prinzipieller und formeller Beziehung durchaus
keine Veranlagung vorliegt, an der Organisation des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins zum Zwecke einer Vereinigung mit der
Eisenacher Partei eine Aenderung vorzunehmen, in fernerer Erwägung,
daß es den Mitgliedern jener Partei freisteht, in Gemäßheit des
Statuts des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in diesen
einzutreten, welcher eben durch seine starke Organisation sowie durch
seine viel bedeutendere Mitgliederzahl die beste Grundlage zur
Einigkeit der Arbeiter bietet,
geht der Vorstand über die sogenannten Einigungsvorschläge der
Eisenacher Partei zur Tagesordnung über."
Dem Kongreß lagen eine Anzahl Anträge, die Vereinigungsfrage betreffend,
vor, die sich teils für, teils gegen eine solche aussprachen, teils
unter bestimmten Bedingungen Kandidaten des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins bei den bevorstehenden Reichstagswahlen unterstützen
wollten.
In der Debatte nahm auch _Auer_ das Wort. Er führte aus: Nach den
gemachten Erfahrungen wäre es unserer Partei unwürdig, noch Kompromisse
mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein einzugehen. In demselben
Sinne sprach sich _Blos_ aus, der weiter verlangte, daß man auch mit der
Volkspartei sich auf kein Kompromiß einlassen solle, von der im
umgekehrten Falle kein Mitglied für einen Arbeiterkandidaten stimme.
Schließlich zog Auer einen Berliner Antrag zugunsten eines Antrags
Albert-Glauchau zurück, der lautete:
"Die Sozialdemokratische Partei betrachtet die Reichstagswahl nur als
Agitationsmittel und als Prüfung für die Verbreitung ihrer Prinzipien,
jeden Kompromiß mit anderen Parteien ablehnend."
Dieser Antrag wurde nebst einem Antrag der Ronsdorfer Genossen
angenommen, der aussprach:
"Da von seiten unserer Partei bereits Schritte zur Einigung der
gesamten deutschen Sozialdemokratie gemacht wurden, von der
diesjährigen Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins aber fast einstimmig zurückgewiesen worden sind,
erklärt der Kongreß, jedweden Versuch mit obiger Fraktion, sei er auf
die Einigung der Partei oder auf Wahlen gerichtet, einzustellen."
Als dann infolge dieses Beschlusses unsere Parteigenossen mich in Altona
gegenüber Hasenclever als Kandidat zur Reichstagswahl aufstellten und
der "Neue Sozialdemokrat" sich darüber beschwerte, verhöhnte ihn _Auer_
in einer Korrespondenz aus Dresden in Nr. 123 des "Volksstaat", die mit
den Worten endete: "Ich schließe, indem ich dem Herrn Hasselmarat und
Strohpuppe Hasenclever das Sprüchlein zu bedenken gebe: Vorgetan und
nachbedacht, hat manchen in groß' Leid gebracht." Das ist zugleich eine
Probe, wie damals zeitweilig polemisiert wurde.
Ueber den Ausfall der Wahlen vom 10. Januar 1874 habe ich schon
berichtet. Von Interesse dürfte sein, mit welch finanziellen Mitteln zu
jener Zeit eine Reichstagswahl von unserer Seite gemacht wurde. Die
Ausgaben der Parteikasse für ganz Deutschland betrugen 1300 Taler. Das
sächsische Landeskomitee hatte für die 91000 Stimmen, die in Sachsen auf
unsere Kandidaten fielen, eine Ausgabe von 780 Taler. Die Wahlen in
Leipzig Stadt und Land, einschließlich der Nachwahl in Leipzig Land,
erforderten 733 Taler, die Chemnitzer Wahl 345 Taler, Freiburg-Oederan
(Geibs Wahlkreis) 165 Taler, Stollberg-Schneeberg (Liebknechts
Wahlkreis) 350 Taler. Das sind Beträge, die im Vergleich zu den heutigen
Ausgaben für die gleichen Zwecke winzig genannt werden müssen. Zwischen
damals und jetzt besteht aber ein Unterschied. Jetzt opfern die
Parteigenossen mehr Geld und bezahlen die Wahlarbeit. Damals opferten
die Parteigenossen weniger Geld--weil sie weniger hatten und auch gegen
heute gering an Zahl waren--, aber sie leisteten die Wahlarbeit meist
umsonst. Der einzelne mußte damals durchschnittlich weit größere
persönliche Opfer bringen als heute, sollten Resultate erzielt werden.
Uebersehen darf allerdings nicht werden, daß gegenwärtig die
Wahlagitation in Deutschland namentlich auch seitens der Gegner in ganz
anderem Maße betrieben wird wie früher und schon deshalb unsererseits
weit größere Anstrengungen und Aufwendungen erfordert.
Die erste Session des neuen Reichstags 1874.
Diese wurde im Februar 1874 eröffnet. Seitens unserer Vertreter wurde
den Vertretern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins der Vorschlag
gemacht, eine Fraktion zu bilden. Das lehnten diese ab. Dagegen kam man
überein, sich gegenseitig bei Stellung von Anträgen zu unterstützen,
auch wolle man dahin wirken, daß in der Presse und in den Versammlungen
die gegenseitigen Angriffe unterblieben. Das war nicht viel, aber das
andere mußte folgen. Eine große Anzahl Parteigenossen auf beiden Seiten
hatte allmählich die gegenseitige Bekämpfung, die nur den Gegnern
zustatten kam, satt und wünschte, wenn eine Vereinigung noch nicht
möglich sein sollte, eine Verständigung zu gemeinsamem Vorgehen.
In unserer Partei war man mit der Haltung der gewählten Vertreter
unzufrieden. Man fand, daß sie zu selten das Wort ergriffen und dann
nicht scharf genug geredet hatten. Der Unmut darüber kam auch mehrfach
in der Parteipresse zum Ausdruck. Liebknecht wohnte keiner Sitzung mehr
bei, da die Session kurz nach seiner Freilassung geschlossen wurde. Ich
erhielt von den verschiedensten Seiten Zuschriften, worin die Verfasser
sich über die Haltung der Parlamentsgenossen beklagten. So schrieb mir
nach Schluß der Session Robert Schweichel, der seit seiner Uebersiedlung
nach Berlin die Redaktion der "Romanzeitung" übernommen hatte und daher
öffentlich politisch nicht tätig sein konnte: die Haltung der
sozialdemokratischen Abgeordneten habe allgemein enttäuscht. Nach dem
glänzenden Ausfall der Wahlen habe man eine andere Haltung erwartet.
Diese fördere die Partei nicht. Rübner, der Expedient der "Chemnitzer
Freien Presse", schrieb mir: "Die Vertreter des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins haben unseren Genossen im Reichstag geschickt den Rang
abgelaufen. Darüber sind unsere Leute wütend." Die Abgeordneten selbst
beschwerten sich lebhaft darüber, daß der Präsident bei Wortmeldungen
die Vertreter des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bevorzugt habe.
An dieser Behauptung war etwas Wahres. An Simsons Stelle war Forckenbeck
getreten, der, wie ich schon einmal erwähnte, der parteiischste
Präsident war, den der Reichstag je gehabt hat. Erleichtert wurde ihm
diese Parteilichkeit durch die Abschaffung der Rednerliste, die erfolgt
war, um die sozialdemokratischen Abgeordneten möglichst am Redenhalten
hindern zu können. Die Abgeordneten mußten von jetzt ab durch ein
Zeichen dem Präsidenten bekunden, daß sie das Wort zu haben wünschten,
ungefähr so wie die Kinder in der Schule, wenn sie dem Lehrer
bemerklich machen wollen, daß sie eine Antwort auf eine Frage geben
können. Damit lag es in der Willkür des Präsidenten, ob er eine solche
Wortmeldung sehen und ob und wann er sie berücksichtigen wollte. Und
Forckenbeck machte von seiner Vollmacht rücksichtslos Gebrauch. Das
veranlaßte später Windthorst und seine Freunde, den Antrag zu stellen,
die Rednerliste wieder einzuführen. Der Antrag, zu dem von unserer Seite
Vahlteich sprach, wurde abgelehnt. Darauf sah sich Most veranlaßt, noch
kurz vor Schluß der Session die Parteilichkeit des Präsidenten
öffentlich im Reichstag zu denunzieren. Er habe trotz zahlreicher
Meldungen das Wort nur einmal erhalten. Ihm gegenüber lag allem Anschein
nach ein Racheakt vor. Most hatte sich verleiten lassen, bei Beginn der
Session, bevor er nach Berlin reiste, in der "Chemnitzer Freien Presse",
deren Redakteur er war, eine Art Kriegserklärung an den Reichstag zu
veröffentlichen, in der er demselben den Kampf bis aufs Messer ansagte.
Dafür mußte er offenbar jetzt büßen. Die einzige Rede, die er halten
konnte, betraf den Entwurf zum Impfgesetz, und diese mißglückte ihm. Er
schloß die kurze Rede mit den Worten: "Vorläufig verlangen wir die
öffentlichen Badeanstalten, und wenn wir diese haben, werden wir auch
mit dem Normalarbeitstag kommen." Kein Wunder, daß dieser Schluß in
Mosts Munde die Heiterkeit der Gegner hervorrief.
Aber es machte sich von dieser Session ab noch ein anderer Unfug mit
Forckenbecks Unterstützung breit, der später immer schlimmer wurde. Es
fand sich in einem Mitglied der nationalliberalen Partei, dem
Abgeordneten für Hildburghausen, Valentin, der seines Zeichens
Rechtsanwalt gewesen war, ein stets bereiter Schlußantragsteller. Sobald
Forckenbeck den Schluß der Debatte wünschte, gab er Valentin das
verabredete Zeichen, worauf dieser gehorsam den Schlußantrag stellte,
dem alsdann wie auf Kommando die Mehrheit--Nationalliberale und
Konservative--Folge leistete. Für diese Methode der Wortabschneidung
bildete sich im Reichstag die Bezeichnung: der redenwollende Abgeordnete
sei valentiniert, das heißt geistig guillotiniert worden. Dieser Unfug
ging schließlich so weit, daß auf dem Bureau Valentinsche Schlußanträge
_auf Vorrat_ lagen, deren sich der Präsident nach Belieben bediente.
Valentin wurde für seine Tätigkeit von seiner Fraktion dadurch geehrt,
daß diese ihm, wie im Reichstag erzählt wurde, zu seinem Geburtstag ein
Kistchen mit gedruckten Schlußanträgen schenkte.
Bezeichnend für die damalige Situation im Reichstag war auch, daß der
Abgeordnete Bamberger es wagen konnte, die sozialistischen Abgeordneten
als geduldete Gäste zu bezeichnen, denen man das Hausrecht verweigern
könne. Kleinlich war auch, daß man Liebknecht und mich während unserer
Haft bei namentlichen Abstimmungen stets als "unentschuldigt" in den
Listen geführt, ein Unfug, der erst auf eine energische Beschwerde
Vahlteichs in öffentlicher Sitzung ein Ende nahm.
Unter den Vorlagen, die den Reichstag beschäftigten, befanden sich
mehrere von besonderer Wichtigkeit. So eine neue Militärvorlage, die
eine erhebliche Erhöhung der Präsenzziffer, auf über 401000 Mann,
ausschließlich der Einjährig-Freiwilligen, forderte, und zwar für die
Dauer von sieben Jahren. Damals hatten die Liberalen einschließlich der
Nationalliberalen noch konstitutionelle Bedenken gegen eine derartige
Festlegung auf viele Jahre. Es kam zu scharfen Debatten, aber
schließlich fügten sich die Nationalliberalen und nahmen an, nachdem
Bismarck mit Niederlegung seines Amtes drohte. In der ersten Lesung nahm
Hasenclever, in der Generaldebatte der dritten Lesung Motteler das Wort.
Beide forderten die Miliz. In diesen Debatten äußerte Moltke zur
Verteidigung der Vorlage die später oft zitierten Worte:
"Was wir in einem halben Jahre mit den Waffen in der Hand errungen
haben, das mögen wir ein halbes Jahrhundert mit den Waffen schützen,
damit es uns nicht wieder entrissen wird. Darüber, meine Herren,
dürfen wir uns keiner Täuschung hingeben: wir haben seit unseren
glücklichen Kriegen an Achtung überall, an Liebe nirgends gewonnen."
Damit wurde bestätigt, was wir wiederholt in den Jahren 1870/71
vorausgesagt hatten. Nicht der Krieg an sich, aber seine Folgen, die
Annexion von Elsaß-Lothringen, hatte in Europa eine Situation
geschaffen, die die Lage immer gespannter machte, Rußland eine
dominierende Stellung verschaffte und immer neue Rüstungen hervorrief.
Zu unseren Milizvorschlägen äußerte Moltke: Meine Herren! Die Gewehre
sind bald ausgeteilt, aber schwer wieder zurückzubekommen! (Heiterkeit.)
Der Abgeordnete Malinckrodt hatte den Antrag auf zweijährige Dienstzeit
gestellt, dafür stimmte Vahlteich, dagegen Geib, der Abstimmung
enthielten sich Most und Motteler. Hasenclever, Hasselmann und Reimer
hatten den Antrag gestellt, 540000 Mann für zwei Monate und 18000 Mann
für die weiteren zehn Monate zu bewilligen, ferner sollte die
militärische Jugenderziehung vom 14. bis 20. Jahre eingeführt werden.
Für diesen Antrag stimmten nur die Antragsteller. Diese Abstimmungen
gaben kein erhebendes Bild von der Tätigkeit der sozialdemokratischen
Abgeordneten.
Eine zweite für die Arbeiterklasse wichtige Vorlage war eine Novelle zur
Gewerbeordnung, die in etwas abgeänderter Form die Vorlage aus der
vorigen Session wiederbrachte. Man begnügte sich diesmal, den § 153
dahin zu verschärfen, daß Verletzung desselben statt wie bisher mit
höchstens drei Monaten künftig mit bis zu sechs Monaten Gefängnis
bestraft werden sollte. Dagegen hatte man in einem neuen § 153a die
Bestrafung des Kontraktbruchs vorgeschlagen, dieser sollte mit
Geldstrafe bis zu 150 Mk. oder Haft geahndet werden. Die Streiks,
die in den Gründerjahren häufig unter Kontraktbruch vorkamen
und nach ausgebrochener Krise wegen Lohnherabsetzungen und
Arbeitszeitverlängerungen Abwehrstreiks unter Nichtbeachtung der
Kündigungsfristen hervorriefen, hatten das Unternehmertum in die höchste
Aufregung versetzt. Es inszenierte einen Petitionssturm an die
verbündeten Regierungen und den Reichstag, um die kriminelle Bestrafung
des Kontraktbruchs zu erlangen. Diesem Verlangen waren die verbündeten
Regierungen durch den Vorschlag des § 153a nachgekommen. Im weiteren
wurden die früher schon vorgeschlagenen Bestimmungen betreffend die
gewerblichen Schiedsgerichte wieder in Vorschlag gebracht mit der
kleinen Abänderung, daß die höhere Verwaltungsbehörde bestimmen könne,
ob eine Wahl der Beisitzer durch die beteiligten Arbeiter und
Arbeitgeber erfolgen solle. Zu dem Gesetzentwurf hielt Hasselmann eine
gute Rede. In die Kommission wurde von unserer Seite Motteler gesandt,
der sich aber an den Verhandlungen nicht beteiligte, sondern stummer
Zuhörer blieb, was ihm von verschiedenen Seiten verdacht wurde. Die
Kommission strich den Kontraktbruchparagraphen, ebenso wurde die
Verschärfung des § 153 abgelehnt; sie beschloß ferner, daß die Wahl der
Beisitzer in den Gewerbegerichten nur durch allgemeine Wahlen der
Interessenten zu erfolgen habe. Der Entwurf wurde indes im Plenum nicht
zu Ende beraten. Man war vorläufig seitens der Mehrheit des Reichstags
zu Ausnahmebestimmungen oder Verschärfung der bestehenden Gesetze noch
nicht geneigt.
Die dritte wichtige Vorlage war der Entwurf eines Preßgesetzes. In
diesem hatte der vorjährige § 20 folgenden Wortlaut erhalten:
"Wer mittels der Presse den Ungehorsam gegen die Gesetze oder die
Verletzung von Gesetzen als etwas Erlaubtes oder Verdienstliches
darstellt, wird mit Gefängnis oder Festungshaft bis zu zwei Jahren
bestraft. Wer die im § 166 des Strafgesetzbuchs für das Deutsche Reich
vorgesehenen Handlungen mittels der Presse verübt, wird mit Gefängnis
nicht unter drei Monaten und bis zu vier Jahren bestraft."
Auch zu diesem Gesetzentwurf hielt _Hasselmann_ eine gute Rede, außer
ihm sprach _Geib_. Der § 20 fiel in der Kommission und im Plenum. Im
übrigen beseitigte das Gesetz die Kautionen und verbot die
Zeitungsstempel und die Inseratenabgaben, wo solche noch bestanden.
Wirkliche Verbesserungen gegen den bisherigen Zustand brachte das Gesetz
nur Preußen, Braunschweig und den beiden Mecklenburg, für Sachsen, die
mitteldeutschen und süddeutschen Staaten schuf es hingegen verschiedene
zum Teil erhebliche Verschlechterungen, so daß seine Annahme anfangs
zweifelhaft war. Es ging hier wie bei allen wichtigen Gesetzen des
Reichs, den Verbesserungen standen _stets_ Verschlechterungen gegenüber;
zu einem politischen Gesetz, das für alle eine wesentliche Besserung
bedeutete, konnte sich der Reichstag nicht erheben, stets gab er dem
Druck der Regierungen, das heißt Preußen nach, dem Stimmführer für alles
Rückschrittliche.
Erwähnt sei, daß bei Beginn der Session auch wieder der Antrag auf
meine Freilassung für die Dauer der Session gestellt worden war, jedoch
mit demselben negativen Erfolg wie früher. Redner für den Antrag waren
Vahlteich und Hasenclever. Die Fortschrittspartei verweigerte die
Unterstützung des Antrags, weil es zwecklos sei, ihn zu stellen.
* * * * *
Die Tatsache, daß die Vertreter der beiden sozialdemokratischen
Fraktionen im Reichstag genötigt wurden, öfter gemeinsame Sache bei den
Beratungen zu machen, war für alle jene, die eine Vereinigung wünschten,
ein neuer Anstoß zum Handeln. Der erste Schritt hierzu wurde auf der
Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
unternommen, die vom 26. Mai bis 5. Juni 1874 in Hannover tagte. F.W.
Fritzsche, Hartmann-Hamburg, Meister-Hannover und andere stellten den
Antrag, zu erklären: Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins hält die Vereinigung aller sozialdemokratischen Arbeiter
Deutschlands für erforderlich, um die Endziele der Sozialdemokratie zu
erreichen, und empfiehlt, um eine solche Vereinigung anzubahnen, daß
dieselben in allen öffentlichen Versammlungen sowie in der Parteipresse
sich nicht mehr bekämpfen und anfeinden. Bestimmte Vorschläge zur
Vereinigung können nicht eher gemacht und diskutiert werden, bevor der
Kongreß der Eisenacher konstatiert, daß auch er eine Einigung aufrichtig
anstrebt.
Der Antrag wurde zwar nach längerer Debatte mit 50 gegen 19 Stimmen
_abgelehnt_, aber die Debatte wurde in einem merklich anderen Tone als
bei früheren ähnlichen Gelegenheiten geführt.
Die Sozialdemokratie Arbeiterpartei hielt ihren Kongreß im folgenden
Monat, vom 18. bis 21. Juli, in Koburg ab, auf dem seit 1871 zum
erstenmal Liebknecht wieder auf einem Parteikongreß erschien. Die
Vereinigungsfrage kam hier ebenfalls zur Verhandlung, zu der
verschiedene Anträge gestellt worden waren. In dem Bericht, den _Geib_
im Namen des Ausschusses erstattete, hatte dieser bereits ausgeführt:
"Wenn wir schließlich noch unsere Stellung zum Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein erwähnen, so geschieht es nur, um zu konstatieren, daß
seit der Reichstagswahl der alte Hader im Wanken begriffen ist. Viel
trägt dazu die Tatsache bei, daß der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein
jetzt von oben herab mit gleichem Maße gemessen wird wie unsere Partei.
Daß die Stellung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins tatsächlich
doch noch eine zurückhaltende ist, geht aus der Abstimmung über den auf
der Generalversammlung dieses Vereins gestellten Einigungsantrag, für
welchen unter 69 Delegierten nur 19 stimmten, deutlich hervor. Wir haben
uns demgemäß zu reservieren und vor allem auf die prinzipielle Haltung
des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins zu achten, da hierin ein
wesentliches, wenn nicht das wesentlichste Moment zur Richtschnur
unserer Einigungstaktik zu suchen ist." In der später folgenden Debatte
über die Einigungsanträge nahm auch _Auer_ das Wort, der noch immer der
Frage kühl gegenüberstand und pessimistisch äußerte: Im großen und
ganzen sind wir alle mit der Einigung einverstanden, aber solange auf
beiden Seiten die prinzipiellen Unterschiede ins Gewicht fallen, kann an
eine wirkliche Einigung nicht gedacht werden. Die Aussichten, die uns in
dieser Hinsicht der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein eröffnet, sind
gering, dies zeigt schon sein neuester Entschluß, sich sektenmäßig
"_Lassalleaner_" zu nennen. Unser Versöhnungsdusel hat bis jetzt wenig
geholfen. Das einzige Mittel zur Einigung heißt: die Lassalleaner unsere
Macht fühlen lassen und uns stärken. Stellen wir uns auf den Standpunkt
der Einigungsvorschläge, die vor zwei Jahren im "Volksstaat"
veröffentlicht wurden. (Siehe Seite 289 und 290.) Mag ein allgemeiner
Kongreß zur Beratung der Einigungsfrage berufen werden. _Bernstein_
stand der Frage optimistischer gegenüber als Auer. Im Allgemeinen
Deutschen Arbeiterverein seien bereits viele Mitglieder für eine
Vereinigung. Der Verlauf der Generalversammlung des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins bestätige seine Auffassung. Er erklärte sich
ebenfalls für einen Kongreß behufs Verständigung. _Liebknecht_ sprach
sich in längerer Rede dafür aus, daß, wenn zunächst die Vereinigung
nicht möglich sei, die Einigung erstrebt werden müsse, die Vereinigung
werde nachher von selbst kommen, dafür sorge Herr Tessendorf und die
Logik der Tatsachen, wenn nicht mit, dann den Führern zum Trotz.
_Motteler_ berichtete über Besprechungen, die in Berlin zwischen
Hasenclever und Hasselmann auf der einen und unseren Vertretern auf der
anderen Seite stattgefunden hatten. Hasenclever und Hasselmann hätten
erklärt: _an eine Vereinigung sei nicht zu denken_, da der Allgemeine
Deutsche Arbeiterverein unbedingt die bessere Organisation habe. Ein
friedliches Nebeneinandergehen in Presse und Versammlungen sei ja
vereinbart. Zum Schlusse wurde mit großer Mehrheit ein Antrag Geibs
angenommen, lautend:
"Der Kongreß erklärt, der Einigung der beiden deutschen
Arbeiterfraktionen geneigt zu sein. Ueber den Modus einer solchen
Einigung werden zum nächsten Kongreß seitens des Ausschusses und den
der Partei angehörigen Reichstagsmitgliedern Vorschläge erwartet. Im
übrigen geht der Kongreß zur Tagesordnung über."
* * * * *
Auf dem Koburger Kongreß kam es auch zu lebhaften Debatten über den oft
unzeitigen Eifer der Parteigenossen, in den größeren Orten Lokalblätter
zu gründen, die ungenügend finanziell fundiert, alsdann der Partei große
Verlegenheiten bereiteten, weil sie nunmehr um jeden Preis am Leben
erhalten werden sollten. Klagen, die sich bekanntlich bis in die Neuzeit
wiederholten. Nicht wenige dieser Blätter führten eine prekäre Existenz
und machten der Parteileitung schwere Sorge. Es war fast für das eine
und das andere eine Wohltat, unter dem Sozialistengesetz totgeschlagen
zu werden; sie starben wenigstens auf dem Felde der Ehre, im Kampfe mit
einem übermächtigen Gegner.
Auch die Frage der Programmänderung beschäftigte den Koburger Kongreß.
Es lagen für dieselbe, unter anderen auch von Bracke, eine Anzahl
Anträge vor. Nach längerer Debatte fand alsdann ein Antrag
Kokosky-Grillenberger und Genossen Annahme, wonach der Kongreß die
Reformbedürftigkeit des Programms anerkannte, jedoch in der Erwägung,
daß die Frage im Augenblick noch nicht spruchreif sei, die Aenderung
des Programms bis zum nächsten Kongreß vertage. Die Programmänderung
solle in der Presse zur Diskussion gestellt werden.
Des weiteren wurden öffentliche Vorträge veranstaltet, wobei Liebknecht
und Motteler über die politische Stellung der Sozialdemokratie, York und
Grillenberger über die industrielle und ländliche Arbeiterfrage
sprachen. Grillenberger, der über das letztere Thema sprach, hielt zu
dieser Frage eine gute instruktive Rede.
Tessendorf als Bahnbrecher der Einigung.
Einigungsverhandlungen.
Geib und Liebknecht hatten recht, als sie ausführten, die Neigung zu
einer Vereinigung mit uns werde im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
gefördert werden durch die Behandlung, die ihm jetzt gleich uns von oben
zuteil wurde. Als vornehmster Träger dieser Verfolgungen erwies sich
Staatsanwalt Tessendorf, der im Sommer 1873 von Magdeburg an das
Berliner Stadtgericht berufen wurde. Er fand in der siebenten Deputation
des Berliner Stadtgerichtes in den Herren Reich als Vorsitzender, v.
Ossowsky und Giersch als Beisitzer drei kongeniale Geister, die seinen
staatsretterischen Eifer nach jeder Richtung unterstützten und in einer
längeren Reihe von Jahren in den Prozessen gegen eine große Anzahl
Parteigenossen als wahre Blutrichter sich erwiesen.
Tessendorf hatte sich seinen Ruf als Sozialistentöter schon in Magdeburg
erworben, allerdings mit der Wirkung, daß die von ihm verfolgte und
gehaßte Partei nach jedem Schlage, den er gegen sie führte, immer
stärker und kräftiger wurde. Er war einer der schlimmsten Streber in
unserer an Strebern so reichen Zeit. Tessendorf zeigte schon im Jahre
1871, wie unglücklich er darüber war, daß er in unseren
Hochverratsprozeß nichts hineinzureden hatte. Dafür zeugt folgender
Vorfall, den ich etwas ausführlicher erwähne, weil er diesen
fanatischsten aller Sozialistenfresser im rechten Lichte zeigt. Die
"Magdeburger Zeitung" hatte damals wiederholt in Leipziger
Korrespondenzen uns, die wir hinter Schloß und Riegel saßen und uns
nicht wehren konnten, in unqualifizierbarer Weise beschimpft. Als es
dann in Zürich im März 1871 zu einem großen Krawall gekommen war
anläßlich einer Siegesfeier, welche die in Zürich lebenden Deutschen in
der dortigen Tonhalle veranstaltet hatten, sollten wir nach der
Leipziger Korrespondenz in der "Magdeburger Zeitung" die Urheber jenes
Krawalls sein und unsere Züricher Parteigenossen die Täter. Nebenbei
bemerkt, wurde später gerichtlich festgestellt, daß unsere Züricher
Parteigenossen zu jenem Krawall in gar keiner Beziehung standen. Unser
Anwalt Otto Freytag sah sich darauf veranlaßt, bei dem Magdeburger
Stadt- und Kreisgericht einen Strafantrag gegen die "Magdeburger
Zeitung" zu stellen. Zu seiner nicht geringen Verwunderung meldete sich
in einem langen Schreiben der Staatsanwalt Tessendorf, der es ablehnte,
gegen die "Magdeburger Zeitung" vom Amts wegen einzuschreiten. Dabei
erging er sich in langen und gehässigen politischen Betrachtungen über
unser Tun und Lassen. Freytag antwortete: es sei ihm nicht eingefallen,
die Hilfe einer königlich preußischen Staatsanwaltschaft für uns
anzurufen, wie der Wortlaut seines Strafantrags beweise. Im übrigen
müsse er seine, Tessendorfs, Einmischung in politische Angelegenheiten,
_die ihn nichts angingen_, als eine Anmaßung zurückweisen. Nach Verlauf
eines Monats kam Tessendorf abermals in einem Schreiben an Freytag auf
den Vorgang zurück, worin er das taktlose Geständnis machte, _daß er bis
jetzt vergeblich auf die Veröffentlichung seines Schreibens im
"Volksstaat" gewartet habe. Sollte die Veröffentlichung in Rücksicht auf
seine Person unterblieben sein, so wolle er mitteilen, daß man diese
Rücksicht nicht zu nehmen brauche._ Freytag erteilte ihm unter dem 28.
April eine gepfefferte Antwort, deren Schlußsätze lauteten:
"Ihr ganzes Verhalten in der vorliegenden Sache gibt mir den Beweis,
daß _Sie Ihre Karriere als königlich preußischer Staatsanwalt und
Polizeimann machen werden, auch wenn Ihr strammes Auftreten gegen die
Herren Bebel und Liebknecht nicht an die Glocke der Oeffentlichkeit
gehängt wird. Vielleicht finden Sie noch einen anderen Weg, Ihre
Zufertigung gedruckt zu sehen._"
Und Tessendorf machte Karriere. Er wurde schließlich Oberreichsanwalt
bei dem Reichsgericht zu Leipzig. Er starb aber, ohne seine Hoffnung und
seine Sehnsucht, preußischer Justizminister zu werden, erfüllt zu sehen.
Ein anderer streberischer Staatsanwalt lebte zu jener Zeit in Bielefeld,
der unter dem 26. April 1871 sogar eine öffentliche Warnung an die
Bevölkerung ergehen ließ, auf den "Volksstaat" zu abonnieren. Eine
Unverschämtheit sondergleichen.
Tessendorf entsprach in vollem Maße den Erwartungen, die seine
Vorgesetzten und speziell Bismarck auf ihn gesetzt hatten. Die Zahl der
Verurteilungen, die in den nächsten Jahren in Berlin auf seinen Antrag
durch die berüchtigte siebente Deputation vorkamen, ist Legion, und die
Urteile wurden immer härter und grausamer. Aber mit der Verfolgung wuchs
auch der Widerstand der Parteigenossen, und wenn Tessendorf und die
Richter der siebenten Deputation am Ende ihres Lebens sich ehrlich
Rechenschaft über ihr Tun und Treiben abgelegt haben, mußten sie sich
sagen: _wir arbeiteten ohne Erfolg;_ wir haben viele Existenzen
vernichtet, viel Familienglück zerstört und manchen durch harte
Verurteilung in ein frühzeitiges Grab gebracht, aber die Bewegung, die
wir meistern wollten, meisterte uns. Wir sind die Unterlegenen. Die wir
vernichten wollten, blieben Sieger.
Im Jahre 1874 wurde von der erwähnten Deputation Most in Berlin wegen
einer Rede über die Pariser Kommune mit anderthalb Jahren Gefängnis
bedacht. Der Schriftsetzer Genosse Heinsch, einer der besten
Organisatoren Berlins, wurde wegen Abdrucks eines Gedichtes zu einem
Jahre Gefängnis verurteilt. A. Kapell vom Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein erhielt neun Monate, die das Kammergericht auf drei
Monate reduzierte, Frohme erhielt ebenfalls neun Monate, die das
Kammergericht auf sechs herabsetzte. Eine ganze Reihe anderer
Parteigenossen wurde mit gleich hohen und zum Teil noch höheren Strafen
belegt, und in fast allen diesen Prozessen handelte es sich um
Nichtigkeiten, die vor einem anderen Gericht mit wenigen Wochen
Gefängnis oder einer Geldstrafe bedacht worden wären. Die Nervosität
nahm in gewissen Kreisen immer mehr zu. In ganz Preußen wurden im Jahre
1874 in 104 Prozessen 87 Lassalleaner zu 211 Monaten und 3 Wochen
Gefängnis verurteilt. Aehnlich war es in Sachsen, in dem ebenfalls die
Urteile immer härter wurden. Wo sonst Monate genügten, wurden jetzt
Jahre verhängt. Das Hauptkontingent der Verurteilten stellte unsere
Partei.
Mit den gerichtlichen Verurteilungen gingen die polizeilichen
Maßregelungen und Auflösungen Hand in Hand. In Berlin wurde Ende Juni
der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein polizeilich geschlossen. Als dann
Hasenclever, als Präsident des Vereins, den Sitz desselben nach Bremen
verlegte, wurde er wegen Verletzung des Vereinsgesetzes zu zwei Monaten
Gefängnis verurteilt. Weiter verfielen in Berlin der Auslösung die
Mitgliedschaft der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, der
Arbeitermädchen- und -frauenverein, der Allgemeine Deutsche
Schuhmacherverein, der Allgemeine Deutsche Tischlerverein und der
Allgemeine Deutsche Maurerverein. In Frankfurt a.M. folgte die Polizei
ihrer Berliner Kollegin und löste gleichfalls die meisten der dort
bestehenden Arbeiterorganisationen auf. Auch in Hannover, Königsberg i.
Pr. und an anderen Orten verfielen sowohl der Allgemeine Deutsche
Arbeiterverein wie die Mitgliedschaften der Sozialdemokratischen
Arbeiterpartei der polizeilichen Auflösung. Sachsen und Bayern blieben
hinter dem preußischen Beispiel nicht zurück. So fielen die
Arbeiterorganisationen in München, Nürnberg, Erlangen, Hof. In München
wurde gleichzeitig eine Reihe gewerkschaftlicher Organisationen
aufgelöst, so der Allgemeine Deutsche Schneiderverein, die Gewerkschaft
der Maler, Lackierer und Vergolder, der Allgemeine Deutsche
Metallarbeiter- und der Allgemeine Deutsche Holzarbeiterverein.
Alle diese Vorgänge trugen sehr wesentlich dazu bei, selbst den
widerstrebendsten Elementen klarzumachen, daß diesen Gewaltmaßregeln
gegenüber, die beide Fraktionen ohne Unterschied trafen, erhöhter
Widerstand nur in der Vereinigung gefunden werden könne.
Da, am 11. Oktober 1874, schrieb mir Liebknecht nach dem Zwickauer
Landesgefängnis einen Brief, in dem es hieß:
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