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Aus meinem Leben - Zweiter Teil
Author Language Character Set
August Bebel German ISO-8859-1


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angefügt. Die Broschüre, die anonym erscheinen mußte, wurde von der
Partei mit großer Genugtuung begrüßt. Zwei Jahrzehnte später machte mir
sogar der Abgeordnete Eugen Richter ein Kompliment darüber, als wir uns
eines Tages auf einer Reise nach Hamburg in einem Wagenabteil
begegneten. Wir hatten bis dahin, obgleich wir damals bereits über
fünfundzwanzig Jahre Kollegen im Reichstag gewesen waren, nie
miteinander eine Privatunterhaltung gepflogen. Diese kam jetzt in Fluß.
Im Laufe der Unterhaltung erzählte mir Richter, er habe in den siebziger
Jahren in einer thüringischen Stadt einen Vortrag in einer
Volksversammlung gehalten, wobei in der darauf stattgefundenen Debatte
ihm ein Parteigenosse von mir eine Reihe Sünden vorgehalten, die er zum
Teil längst vergessen gehabt habe. Da er bemerkte, daß der Redner die
Vorwürfe aus einer Broschüre zitierte, habe er einen seiner
Parteigenossen gebeten, sich an den Redner heranzuschlängeln, um
festzustellen, was für eine Broschüre es sei, aus der er zitiere. Er
habe alsdann sich dieselbe beschafft und aus dem Inhalt ersehen, daß die
der Broschüre zugrunde liegende Idee eine sehr gute sei. Darauf habe er
sich entschlossen, den Gedanken, wenn auch in anderer Form, ebenfalls
für seine Partei zur Durchführung zu bringen. So sei sein bekanntes
politisches Abcbuch entstanden. Ich war in diesem Augenblick ein wenig
stolz, meinem vielgerühmten politischen Gegner als Lehrmeister gegenüber
zusitzen. Später haben bekanntlich auch die anderen Parteien, unserem
Beispiel folgend, derartige politische Leitfäden herausgegeben.

Eine andere Wirkung meiner Broschüre war, daß ein Kaplan Hohoff aus
Hüffe in Westfalen sich veranlaßt sah, in mehreren Artikeln, die der
"Volksstaat" veröffentlichte, gegen meine Auffassung des Christentums
und des Kulturkampfes zu polemisieren. Ich antwortete in einer Reihe
Artikel, die nachher als Broschüre unter dem Titel "Christentum und
Sozialismus" erschienen sind und bis heute eine größere Zahl Auflagen
erlebten.

Die Wahlen waren auf den 10. Januar 1874 angesetzt worden. Das
Wahlresultat war für uns sehr befriedigend. Wir hatten auf den
ersten Hieb sechs Abgeordnete durchgebracht--Seib-Freiberg,
Liebknecht-Stollberg-Schneeberg, Most-Chemnitz,
Vahlteich-Mittweida-Burgstädt, Motteler-Crimmitschau-Zwickau und mich in
meinem alten Kreise Glauchau-Meerane. Im 13. Wahlkreis Leipzig-Land war
Johann Jacoby in Stichwahl gekommen. Der Allgemeine Deutsche
Arbeiterverein hatte zwei seiner Kandidaten durchgebracht. Hasenclever
in Altona und Reimer im schleswig-holsteinschen Wahlkreis Seegeberg.
Hasselmann kam in Barmen-Elberfeld zur Stichwahl und siegte. Auch Johann
Jacoby siegte mit 7577 gegen 6674 Stimmen, aber zur allgemeinen und
unangenehmen Ueberraschung der Partei lehnte er das Mandat ab. Es war
richtig, er hatte bei der Befragung, ob er eine Kandidatur annehme,
nicht auch die Zusage gemacht, daß er eine Wahl annehmen werde. Er hatte
in seinem Briefe ausgeführt: Den Parteigenossen sei seine Ansicht über
das preußisch-deutsche Kaisertum bekannt; sie möchten hiernach
ermessen, wie wenig Verlangen er trage, an den unersprießlichen
Reichstagsverhandlungen sich zu beteiligen. Sollte--aus taktischen
Gründen--die Partei für gut befinden, ihn als Kandidaten aufzustellen,
so habe er nichts dagegen, er müsse jedoch im voraus bemerken, daß
er--im Falle der Wahl--die freie Entscheidung über Annahme oder
Ablehnung des Mandats sich vorbehalte. In dem Ablehnungsbrief bemerkte
er, er habe seine Kandidatur nur als Protestkandidatur aufgefaßt, denn
wie er über die neue Ordnung der Dinge in Deutschland denke, habe er
schon am 6. Mai 1867 im preußischen Abgeordnetenhaus ausgesprochen. Er
glaube nicht daran, daß man auf parlamentarischem Wege einen
Militärstaat in einen Volksstaat verwandeln könne.

Der Fehler lag beim Wahlkomitee, das auf seinen ersten Brief keine klipp
und klare Antwort verlangte. Die Aufregung über den Schritt Jacobys
wurde in der Partei noch größer, als bei der Nachwahl unser Kandidat
Wilhelm Bracke mit 5676 gegen nahe an 8000 Stimmen, die auf den Gegner
fielen, unterlag. Ich selbst war über den Vorgang so aufgebracht, daß
ich einen heftigen Brief an Dr. Guido Weiß, den Freund Jacobys, schrieb,
worin ich die Ablehnung der Wahl tadelte.

Die beiden Fraktionen der Sozialdemokratie waren also nunmehr durch 9
Abgeordnete im Reichstag vertreten. Die Stimmenzahl, die auf ihre
Kandidaten fiel, betrug 351670, davon kamen auf die Kandidaten des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins 180319, auf die Kandidaten der
Sozialdemokratischen Arbeiterpartei 171351. Beide Fraktionen musterten
also eine fast gleich starke Anhängerzahl; die Gesamtstimmenzahl war
gegen 1871 um 200 Prozent, im ganzen um 236000 Stimmen gestiegen.

Dieser glänzende Wahlausfall hatte in den höheren Regionen wie in den
bürgerlichen Kreisen stark verschnupft. Ein solches Resultat hatte man
nicht erwartet. Es zeigte sich, daß allen Verfolgungen und Schikanen zum
Trotz die Partei ständig wuchs, und so verdichteten sich die schon
vorhandenen Gedanken in den maßgebenden Kreisen mehr und mehr, der
Partei mit Ausnahmemaßregeln auf den Leib zu rücken.

*       *       *       *       *

Das tägliche Einerlei unserer Haft wurde Ende Februar 1874 durch einen
Besuch von Gustav Rasch in amüsanter Weise unterbrochen. Rasch war ein
wenig Sensationsschriftsteller, er liebte es, in seinen Arbeiten die
Farben etwas dick aufzutragen. Er hatte sich dadurch einen Namen
gemacht, daß er Ende der fünfziger und in der ersten Hälfte der
sechziger Jahre in der "Gartenlaube" und mehreren großen liberalen
Zeitungen zahlreiche Artikel veröffentlichte über die Schandwirtschaft
der Oesterreicher in Venetien und die "Tyrannenherrschaft" der Dänen in
Schleswig-Holstein, die großes Aufsehen erregten. Liebknecht und ich
hatten ihn in Berlin kennen gelernt. Jetzt kam er hauptsächlich wohl zu
einem Besuch, weil er hoffte, Material für einen Artikel zu erhalten.
Solche Besuche fanden auf dem Bureau in Gegenwart eines Beamten statt
und sollten nicht über eine Stunde währen. Das paßte aber Rasch nicht.
Er verlangte vom Direktor, mit uns unter vier Augen sprechen zu dürfen,
auch wünschte er unsere Zellen zu sehen. Der Direktor lehnte dieses
Ansinnen mit den Worten ab: Er (Rasch) solle sich doch in seine Lage
denken, um einzusehen, daß das nicht gehe; wäre er (Rasch) Direktor,
könnte er auch nicht anders handeln, worauf Rasch mit seiner göttlichen
Unverfrorenheit antwortete: O, wenn er Direktor wäre, er erlaubte es
sicher! Eine Antwort, die uns alle zu schallendem Gelächter veranlaßte.


FUSSNOTEN:

[1] Die Stelle wurde durch den Kontrollbeamten gestrichen.

[2] Vahlteich. Most beschuldigte Vahlteich, daß er seine Kandidatur für
den Reichstag unmöglich zu machen suche und die Veröffentlichung
verschiedener Mitteilungen für die "Chemnitzer Freie Presse"
unterdrückte.




Königstein.


Im Laufe des März wurde uns offiziell mitgeteilt, wir würden am 1. April
nach der Festung Königstein überführt werden. Die Nachricht war uns
nicht angenehm. Liebknechts Haft ging Mitte April, die meine Mitte Mai
zu Ende und da kam uns ein Umzug mit unseren Büchern und Skripturen und
verschiedenen Möbelstücken sehr ungelegen. Im letzten Moment wurde aber
die Uebersiedlung verschoben, und so konnte Liebknecht am 15. April von
Hubertusburg nach Leipzig reisen. Ich aber mußte am 23. April 1874 die
Reise nach dem Königstein in Begleitung eines Beamten in Zivil
unternehmen. Als ich mich am Tage vor der Abreise vom Direktor
verabschiedete und ihm für sein Entgegenkommen in so mancher
Angelegenheit dankte, war er sehr gerührt. Er drückte mir zum Abschied
warm die Hand und entließ mich mit den Worten: Gehen Sie mit Gott! Der
beste Wunsch, den er von seinem Standpunkt aus wohl glaubte mir mitgeben
zu können. Als ich dann am nächsten Morgen 5 Uhr die Reise antrat, war
auch die ganze Familie des Aufsehers versammelt, um sich von mir zu
verabschieden. Dieser wurde nunmehr nach dem Waldheimer Zuchthaus
versetzt; ich glaube, die Zeit, in der er uns unter seiner Obhut hatte,
war die schönste seines Lebens. Er starb bald nachher.

Der 23. April war ein herrlicher Tag, das ganze Elbtal grünte und blühte
in voller Frühlingspracht. Beim Aufstieg auf die Festung begegneten wir
dem Gouverneur der Festung, Generalleutnant v. Leonhardti, dem ich durch
meinen Begleiter vorgestellt wurde. Während wir nun selbander den Weg
nach oben zurücklegten, ließ sich der General in eine Unterhaltung mit
mir ein. Er wünschte zu wissen, wie die Tagesordnung und die Behandlung
in Hubertusburg gewesen sei. Nachdem ich ihm die gewünschte Auskunft
gegeben, meinte er: Na, schlechter sollen Sie es bei mir nicht haben.

Als Aufenthalt wurde mir ein altes, nach früheren Begriffen bombenfestes
Gebäude angewiesen, das vordem Zeughaus war. Auf dem Korridor standen
zur Stütze des Daches Balken von einer Dicke, wie man sie nur noch auf
den Böden alter Kirchendächer sieht. Die Stube war geräumig und hatte
zwei schießschartenartige Fenster, die mit dicken Eisenstäben versehen
waren, als gelte es, Mörder und Mordbrenner in Gewahrsam zu halten. An
der einen Wand stand ein riesiger Kachelofen, in dem die fünf Pfund
Kohlen, die mir als tägliches Deputat der Staat gewährte--denn es war
trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit und dem prächtigen Frühlingswetter
in dem Raum bitter kalt--, verschwanden. Ich mußte mir auf eigene Kosten
noch Feuerungsmaterial beschaffen, wollte ich nicht frieren. Hätten wir
unsere ganze Haft dort oben verbringen müssen, wir hätten ein kleines
Vermögen für Feuerungsmaterial zugesetzt.

Eine interessante Persönlichkeit war mein Wärter. Dieser, ein
siebzigjähriger Mann, leistete schon seit 36 Jahren auf der Festung
Dienst und hatte 1849 zwei Mitglieder der provisorischen Regierung
Sachsens, Tod und Heubner, ferner August Röckel und einen der Leiter des
Dresdener Maiaufstandes, Michael Bakunin, den später nach den einen
berühmt, nach den anderen berüchtigt gewordenen Führer der Anarchisten,
in seiner Obhut. Die Genannten befanden sich auf der Festung in
Untersuchungshaft.

Sehr beschränkt war der Raum für meinen Spaziergang, der sich auf einen
einzigen kurzen Weg in dem kleinen Park der Festung erstreckte und bei
dem regelmäßig ein Posten Wache stand, um die zahlreichen Besucher des
Königsteins mir fern zu halten. Das einzig Zufriedenstellende war die
Kost, die ich aus einer kleinen Wirtschaft auf der Festung bezog. Der
Wirt schien mich in sein Herz geschlossen zu haben; das Essen war nicht
nur sehr gut und billig, sondern auch sehr reichlich. Ich war
verwundert, als ich am ersten Tage die für mich bestimmte Portion sah,
war aber höchlich überrascht, als ich sie ganz verzehrte. Die Höhenluft
tat ihre Wirkung. Die Soldaten der kleinen Besatzung klagten, daß sie
hier oben nie satt würden und froh seien, wenn sie abgelöst würden, was
alle drei Monate geschah.

Endlich kam der 14. Mai, der Tag der vorläufigen Befreiung. Unter denen,
die mich zu Hause begrüßten, befand sich auch Eduard Bernstein, der
extra zu diesem Zweck von Berlin nach Leipzig gekommen war. Ich hatte
Bernstein bereits 1871 in Berlin kennen gelernt. Durch Vermittlung
meines Rechtsanwalts Otto Freytag hatte sich das Ministerium
herbeigelassen, mir bis zum Antritt der neunmonatigen Haft im
Landesgefängnis in Zwickau eine sechswöchige Frist zu gewähren. Da in
diese Pause Pfingsten fiel, machte ich mit meiner Frau und Tochter und
einigen Freunden einen Ausflug nach der sächsischen Schweiz und dem
Königstein. Hier machte es mir großes Vergnügen, daß die Zelle, in der
ich drei Wochen kampiert hatte, mittlerweile zu den Sehenswürdigkeiten
der Festung avanciert war. Der Fremdenführer machte auf die Fenster der
Zelle, die mich damals beherbergte, aufmerksam. Später ist ihm das
verboten worden. Für die Dresdener Parteigenossen hieß der Königstein
längere Zeit scherzweise die Bebelburg.




Zwickau.


Nachdem ich vor meinem Haftantritt dem Direktor des Landesgefängnisses
einen Besuch abgestattet, um zu erfahren, welche Erleichterungen er mir
als politischer Gefangener während der Haft gewähren wollte, rückte ich
am 1. Juli 1874 dort ein. Die Einrichtungen des Gefängnisses und die
Erleichterungen, die den meisten politischen Gefangenen gewährt wurden,
sind bereits in dem Mostschen Brief an mich erwähnt. Ich kann hier
darauf Bezug nehmen. Den Besuch der Familie sollte ich monatlich einmal
auf eine Stunde unter Aufsicht eines Beamten genießen können. Nachdem
meine Frau einen solchen im dritten Monat meiner Haft gemacht hatte,
verzichteten wir beiderseitig darauf, den Besuch zu erneuern. Zu den
Kosten der Reise auch noch die Beamtenkontrolle über jedes Wort, das man
miteinander sprach, in den Kauf nehmen zu sollen, das war ein zu großes
Opfer. Anderweite Besuche empfing ich auch nur vereinzelt, ich sehnte
mich nicht danach.

Ich stürzte mich nunmehr wieder mit allem Eifer in die Arbeit. Sehr
aufregend wirkte auf mich, als von meiner Frau Berichte einliefen über
den schweren Stand, den wir geschäftlich hatten, denn mittlerweile war
die große Industriekrise mit aller Wucht hereingebrochen und machte sich
obendrein für uns die ruinöse Konkurrenz eines neu errichteten
Fabrikbetriebs geltend. Wer eine solche Situation nie durchgemacht hat,
ahnt nicht, wie niederdrückend das Bewußtsein vollständiger
Hilflosigkeit auf den Gefangenen wirkt. Meine Hauptgefängnisarbeit war
die schon erwähnte Geschichte des deutschen Bauernkriegs--die längst
vergriffen ist--, die aber schon aus dem Grunde kein Meisterwerk werden
konnte, weil mir die nötigen Hilfsmittel fehlten. Ich schrieb das Buch,
weil mir der große deutsche Bauernkrieg von 1525 und die ihm unmittelbar
vorhergehenden revolutionären Bauernaufstände mit das wichtigste
Ereignis der neueren deutschen Geschichte zu sein dünkt, das die
offizielle Geschichtschreibung zu schildern schmählich vernachlässigte.

Am 1. Januar 1875 erhielt ich durch Motteler eine Depesche, daß am
Vorabend York gestorben sei. York war ein knorriger und eigenwilliger
Charakter, aber auch ein Mann von unermüdlicher Tätigkeit und höchster
Opferwilligkeit. Dabei war er äußerst bescheiden. Er begnügte sich in
den ersten Jahren als Parteisekretär mit einem Gehalt, das ihm nicht
einmal erlaubte, wie er mir mal schrieb, sich eine neue Hose
anzuschaffen. Er starb arm wie eine Kirchenmaus, die Partei dankte ihm
dadurch, daß sie die Sorge für seine Frau und Kinder übernahm. An Yorks
Stelle war schon den Herbst zuvor Auer als Parteisekretär eingetreten.

Endlich waren auch die neun Monate Zwickau überstanden. Am 1. April
1875--dem 60. Geburtstag Bismarcks--wurde ich entlassen. Der Abschied
zwischen dem Direktor und mir war auch hier ein warmer. Ich habe
allezeit den Grundsatz befolgt, sich in Unvermeidliches, das man nicht
zu ändern vermag, nach Möglichkeit zu fügen und den Dingen die beste
Seite abzugewinnen. Von diesem Gesichtspunkt ausgehend, bin ich, ohne
mir dabei das geringste zu vergeben, den Gefängnisbeamten bei Ausübung
ihres schweren Amtes möglichst entgegengekommen, indem ich mich in die
vorgeschriebene Ordnung fügte. Dafür waren sie stets dankbar. In den
größeren Gefängnissen haben es die Beamten mit so viel sozial
bedenklichen und verkommenen Elementen zu tun--den traurigen Produkten
unserer famosen sozialen Ordnung--, daß ihr Dienst einer der schwersten
ist, den es gibt; sie sind glücklich, wenn sie Leute unter ihre Obhut
bekommen, mit denen sie menschlich verkehren können.

Die Zwickauer Genossen hatten sich am Tage meiner Entlassung zu einer
Ovation vereinigt; sie überreichten mir und meiner Frau ein paar feine,
mit einer Widmung versehene Kaffeetassen. Wir sollten das sächsische
Nationalgetränk künftig noch recht lange in voller Ruhe und Muße und
ungetrennt genießen. Der Wunsch war gut gemeint, aber in Erfüllung ging
er nicht.

Unter den zahlreichen Gratulanten, die mir ihre Glückwünsche zu meiner
Befreiung übermittelten, befand sich auch die damals noch demokratische
"Frankfurter Zeitung", die unter anderem mit Hinweis auf Bismarcks
Geburtstag schrieb:

"... Unser Glückwunsch sucht an einem anderen Orte einen anderen Mann.
Er gilt dem schlichten Bürger und Arbeiter, der morgen nach fast
ununterbrochener dreijähriger Haft das Gefängnis verläßt mit demselben
fleckenlosen Rufe, mit dem er es nach einem Richterspruch, über den,
soweit es von der Mitwelt noch nicht geschehen ist, die Nachwelt
richten wird, betreten hat, geliebt von seinen Parteigenossen,
gefürchtet und geachtet von seinen Gegnern. Wir zählen nicht zu diesen
noch zu jenen, aber wir schätzen, wo wir sie finden,
Ueberzeugungstreue und ehrliches, uneigennütziges Streben, und es
erfüllt uns die stärkste Sympathie für jeden, der um ihrer willen
leiden muß.... Gruß und Glückwunsch darum dem Reichstagsabgeordneten
August Bebel."

Einige Monate zuvor hatte mir der Hauptbesitzer der "Frankfurter
Zeitung", Leopold Sonnemann, zwanzig Flaschen Wein ins Gefängnis
geschickt; ich ließ sie nach Hause wandern, da im Gefängnis solche
Genüsse nicht gestattet werden. Ich trank sie nachher in Gemeinschaft
mit meiner Frau und Freunden. Zu meiner Freilassung am 1. April sandte
mir dann Sonnemann noch einen brieflichen Glückwunsch, worin er
bemerkte: "Ich hoffe, daß nunmehr Dein Martyrium auf längere Zeit ein
Ende hat." Wir duzten uns seit 1866.

*       *       *       *       *

Kurze Zeit nach meiner Entladung aus Zwickau erhielt ich einen Brief von
Professor Schäffle aus Stuttgart. Schäffle hatte nach seinem Rücktritt
aus dem Ministerium Hohenwart in Wien sich nach Stuttgart zurückgezogen,
woselbst er seinen Studien lebte. 1874 war von ihm eine Broschüre,
betitelt "Die Quintessenz des Sozialismus", erschienen, die durch die
objektive Beurteilung, die er darin dem Sozialismus zuteil werden ließ,
großes Aufsehen machte. Jetzt sandte er mir den ersten Band seines
dreibändigen Werkes "Bau und Leben des sozialen Körpers" nebst einem
Brief mit folgendem Inhalt:

Er wisse nicht, ob ich mich seiner noch vom Zollparlament her erinnere.
Gesehen hätten wir uns seitdem nicht mehr, aber wohl öfter voneinander
gehört. Gingen wir auch in vielem in unseren Lebensauffassungen
auseinander, so sei doch wohl das Interesse an den sozialen Fragen bei
uns gleich stark geblieben. Er sei daher so frei, mir ein Exemplar
seines neuen Buches, in dem mich wohl manche Ausführung interessieren
dürfte, zu übersenden. Es würde ihn freuen, wenn ich das Buch, das ihm
viel Gedankenarbeit verursacht habe, als ein Zeichen der Erinnerung
entgegennehmen wolle.

Ich antwortete entsprechend und dankte ihm nachträglich noch besonders
dafür, daß er bei seinem Eintritt ins Ministerium Hohenwart die Amnestie
für die verurteilten "Hochverräter" Scheu, Most, Oberwinder usw. erlangt
habe.

Im Sommer 1877 besuchte mich Schäffle in Leipzig. Wir unterhielten uns
längere Zeit. Hauptthema unserer Unterhaltung bildete die Entwicklung
der sozialdemokratischen Partei und der Zeitpunkt, wann der Sozialismus
zum Siege kommen werde. Ich als Optimist sah diesen Zeitpunkt sehr nahe,
er dagegen meinte, das werde mindestens noch zweihundert Jahre dauern.
Darüber stritten wir uns. 1880 machte ich ihm einen Gegenbesuch in
Stuttgart, wo wir ebenfalls wieder eine längere Unterhaltung hatten, die
zeigte, daß er uns nach wie vor freundlich gegenüberstand. In den
nächsten Jahren vollzog sich aber bei ihm eine vollständige Wandlung.
Nachdem Bismarck die soziale Versicherungsgesetzgebung inaugurierte, von
der, wie er meinte, seine Geheimräte zu wenig verständen, wurde seine
Aufmerksamkeit auf Schäffle gelenkt. Schäffle war geneigt, eine Stellung
im deutschen Reichsdienst anzunehmen. Damit aber keinerlei ungünstiges
Vorurteil gegen ihn bestehen bleibe, verfaßte er jetzt eine Schrift,
betitelt "Die Aussichtslosigkeit der Sozialdemokratie", die das
Gegenteil von seinen früheren Auffassungen bekundete. Hermann Bahr, der
in seinen jungen Jahren ebenfalls sozialistische Hosen trug wie so viele
unserer Intellektuellen, verfaßte darauf eine Broschüre, betitelt "Die
Einsichtslosigkeit des Herrn Schäffle", in der er in geschickter und
humoristischer Weise Schäffle und seine Schrift verspottete. Meine
Beziehungen zu Schäffle hörten mit dem Jahre achtzig auf. Bekanntlich
erfüllte sich seine Hoffnung, in den Reichsdienst gezogen zu werden,
nicht.




Von 1871 bis zum Vereinigungskongreß zu Gotha.




Die Regierungen und die Sozialdemokratie.


Die Pariser Kommune hatte in den regierenden Kreisen große Besorgnisse
vor der sozialistischen Bewegung hervorgerufen. Die Sympathien, die die
Kommune in allen Ländern mit sozialistischer Bewegung bei den Arbeitern
fand, wurden auf das unangenehmste vermerkt und steigerten das
Mißbehagen. Dazu kamen die übertriebenen, um nicht zu sagen lächerlichen
Vorstellungen, die sich Bourgeoisie und Regierungen von der Macht der
Internationale machten. So sollte zum Beispiel die Internationale der
Pariser Kommune zwei Millionen Franken, viele tausend Gewehre, Munition
usw. geliefert haben, obgleich der Kommune sowohl die Mittel der Bank
von Frankreich zur Verfügung standen wie die Arsenale von Paris mit
ihren Munitions- und Waffenvorräten. Ueberdies war die allgemeine
Volksbewaffnung bereits seit Beginn September, seit der drohenden
Einschließung von Paris durch die Deutschen, also noch unter der
bürgerlichen Regierung, durchgeführt worden. In Deutschland wurden
ebenfalls zahlreiche Stimmen laut, die ein scharfes Vorgehen gegen die
sozialistische Bewegung forderten, ein Verlangen, dem Polizei,
Staatsanwälte und Gerichte bereitwillig entgegenkamen. In dieser
Situation benahm sich Garibaldi sehr anständig, der in einem Briefe an
den Redakteur der "Romagnole"--Caprera, August 1871--schrieb: Die
Internationale vertrete einen zahlreichen Teil der Gesellschaft, welcher
um weniger Privilegierter willen leide. Folglich müßten sie für die
Internationale sein, und wenn in ihren Einrichtungen Fehler seien, müßte
man sie verbessern.

Obgleich um diese Zeit die sozialistische Bewegung in Oesterreich von
geringer Bedeutung war und das Ministerium Hohenwart-Schäffle nicht die
geringste Neigung zu Verfolgungsmaßregeln zeigte, folgte dennoch der
Reichskanzler Graf v. Beust einer Einladung Bismarcks zu einer Konferenz
der beiden Kaiser und ihrer Kanzler in Gastein, um dort über Maßregeln
gegen die Internationale zu beraten. Schäffle hatte von dieser Konferenz
abgeraten, aber er und Beust standen auf gespanntem Fuße, auch mochte es
Beust darum zu tun sein, mit seinem langjährigen intimen Feinde einmal
zusammenzukommen, wohingegen Bismarck von einer Zusammenkunft mit seinem
Gegner von 1866 eine Annäherung erhoffte für seine spätere äußere
Politik. Soweit bekannt wurde, kam man bezüglich der Internationale
überein, zunächst die soziale Lage zu "studieren".

Dagegen sah sich Anfang Februar 1872 die _spanische_ Regierung
veranlaßt--Spanien hatte mittlerweile in der Person des Prinzen Amadeo
von Italien einen König erhalten--, in einer Zirkulardepesche an die
Mächte einen Notschrei über die Internationale auszustoßen, die mit
ihren Bestrebungen allen Ueberlieferungen der Menschheit ins Gesicht
schlage, Gott aus dem Geiste auslösche, Familie und Erbnachfolge aus dem
Leben streiche und durch ihre furchtbare Organisation eine Gefahr bilde,
deren Größe nicht überschätzt werden könne. Die spanische Regierung
wünsche deshalb, daß eine der Großmächte die Angelegenheit gegen die
Internationale in die Hand nehme. Mit diesem Verlangen kam sie bei der
englischen Regierung übel an. Der Leiter der englischen auswärtigen
Politik, Lord Granville, antwortete ihr in einer Note, die ihr jedes
weitere Vorgehen verleidete. Er erklärte: obgleich die Internationale
ein Mittelpunkt für die Verbindung von Arbeitern und Gewerkschaften in
den verschiedenen Teilen der Welt geworden sei, beschränke sie sich in
Großbritannien darauf, hauptsächlich Ratschläge in Sachen von
Arbeitseinstellungen zu geben. _Auch habe sie sehr wenig Geld_. Nach den
bestehenden Gesetzen Großbritanniens hätten alle Ausländer das
unumschränkte Recht, dieses Land zu betreten und sich hier aufzuhalten,
und während sie in diesem Lande seien, _ständen sie im gleichen Grade
wie die britischen Untertanen unter dem Schutz der Gesetze. Auch könnten
sie nicht anders bestraft werden als für einen Verstoß gegen das Gesetz
und kraft des Urteilsspruchs der ordentlichen Gerichtstribunale nach
einer öffentlichen Prozedur und nach einem Erkenntnis, das sich auf die
in offenem Gerichtsverfahren beigebrachten Beweise stütze._ Kein
Ausländer könne als solcher des Landes verwiesen werden, mit Ausnahme
derer, die auf Verträge mit anderen Staaten hin behufs wechselseitiger
Auslieferung von Kriminalverbrechern weggeschafft würden. Schließlich
äußerte Granville, es liege bis jetzt kein Grund vor, Aenderungen der
bestehenden Gesetzgebung über den Aufenthalt von Ausländern in
Großbritannien vorzunehmen.

Durch diese Haltung der englischen Regierung war jede Möglichkeit zu
internationalen Vereinbarungen gegen die Internationale ausgeschlossen.
Endlich zeigte auch der Ausgang des Kongresses der Internationale im
Haag im September 1872, der mit einer Spaltung zwischen Sozialisten und
Anarchisten--dort Marx, hier Bakunin--endete, auch der ängstlichsten
Regierung, daß vorläufig die befürchteten Gefahren nicht eintreten
würden. Und indem die Internationale den Sitz des Generalrats von London
nach Newyork verlegte, war der Beweis geliefert, daß sie selbst ihre
Reorganisation für eine Notwendigkeit hielt.

War so die Aussicht auf eine internationale Verfolgung der Sozialisten
geschwunden, so hielt Bismarck um so nachdrücklicher an der Verfolgung
der Arbeiterbewegung durch Ausnahmemaßregeln in Deutschland fest. Dieses
zeigte seine Rede, die er Ende April 1873 im Herrenhaus hielt, worin er
die Notwendigkeit scharfer Gesetze gegen die Partei der
Internationale--wie er uns nannte--für ebenso notwendig erklärte wie
gegen die Partei der weltlichen Priesterherrschaft, das Zentrum.

Dieser Ankündigung folgte die Tat auf dem Fuße. Anfang Juni 1873 ließ er
dem Reichstag einen Preßgesetzentwurf zugehen, in dem der § 20 also
lautete: Wer in einer Druckschrift die Familie, das Eigentum, die
allgemeine Wehrpflicht oder sonstige Grundlagen der staatlichen Ordnung
in einer die Sittlichkeit, den Rechtssinn oder die Vaterlandsliebe
_untergrabenden_ Weise angreift, oder Handlungen, welche das Gesetz als
strafbar bezeichnet, als nachahmungswert, verdienstlich oder
pflichtmäßig darstellt, oder Verhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft
in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise erörtert, wird mit
Gefängnis oder Festungshaft bis zu zwei Jahren bestraft. Wer die im §
166 des Strafgesetzbuchs für das Deutsche Reich (Vergehen wider die
Religion) vorgesehenen Handlungen mittels der Presse verübt, wird mit
Gefängnis nicht unter drei Monaten _bis vier Jahren_ bestraft. Nach § 21
sollte der verantwortliche Redakteur einer periodischen Druckschrift mit
der Strafe des Täters belegt werden.

Diese diabolischen Bestimmungen, die eine Aenderung des Strafgesetzes in
wichtigen Materien enthielten, die jede wissenschaftliche Erörterung der
mit Strafe bedrohten Fragen unmöglich machten und außerdem gegen alle
Parteien Anwendung finden konnten, waren denn doch nebst anderen
Bestimmungen der Mehrheit des Reichstags zu bedenklich. Der Entwurf
fiel.

Mit seinem Preßgesetzentwurf hatte aber Bismarck nicht genug. Er
beantragte in derselben Session auch eine Abänderung und Verschärfung
des § 153 der Gewerbeordnung, wonach unter Umständen statt der
bisherigen Maximalstrafe von drei Monaten Gefängnis eine solche bis zu
sechs Monaten, eventuell bis zu einem Jahre erkannt werden konnte.
Ferner schlug er eine Aenderung des § 108 der Gewerbeordnung vor, wonach
die Streitigkeiten zwischen Unternehmern und den von ihnen beschäftigten
Arbeitern durch Gewerbegerichte entschieden werden sollten, deren
Vorsitzender von der obersten Justizaufsichtsbehörde des betreffenden
Bundesstaats, deren Beisitzer durch die _Gemeindevertretungen_ gewählt
werden sollten. Wegen Schluß der Session blieben die Gesetzentwürfe
unerledigt.

Im folgenden Jahre folgte der Entwurf eines Kontraktbruchgesetzes und
ein neuer Preßgesetzentwurf, und in der Session von 1875/76 ein Entwurf
für die Abänderung des Strafgesetzbuches, und endlich nach den
Attentaten des Frühjahres 1878 das Ausnahmegesetz gegen die
Sozialdemokratie. Da vom Jahre 1874 ab die Sozialdemokratie wieder durch
ihre Vertreter im Reichstag zum Worte kam, komme ich noch auf die
Behandlung dieser Vorlagen ausführlicher zu sprechen.




Die Einigungsfrage vor den beiden Fraktionen.


Der Charakter, den die Verfolgungen seit 1872 gegen beide Fraktionen der
Sozialdemokratie annahmen, hätte bei ihnen das Bedürfnis nach festem
Zusammenhalten und nach Vereinigung hervorrufen sollen. Davon war aber
vorläufig wenig zu merken. In den Jahren 1872 und 1873 waren sogar die
gegenseitigen Angriffe in der Presse der beiden Fraktionen heftiger als
je zuvor, und der Ton in der Presse übertrug sich auf die Versammlungen.
Da um jene Zeit _Auer_ neben York unser eifrigster und sehr wirksamer
Agitator war, bekamen sie die Folgen dieser Kampfmethode besonders zu
genießen, _Auer_ noch speziell in seiner Agitation in Berlin, worüber
sich beide öfter in Briefen, die sie an mich nach Hubertusburg
richteten, beschwerten. Auer sprach nur noch von den Schülern Tölckes
und von Tölckianern. Aus diesen Vorgängen erklärt sich der bittere Ton,
den Auer einige Male auf den Parteikongressen anschlug, sobald die
Einigungsfrage zur Erörterung kam, und sein Verhalten auf dem
Einigungskongreß in Gotha. Das schloß aber nicht aus, daß er ehrlich die
Vereinigung wollte, und als sie endlich unter seiner Mithilfe kam,
keiner mehr als er bemüht war, die mancherlei persönlichen Gegensätze,
deren Vorhandensein nach jahrelanger erbitterter Bekämpfung nur
natürlich war, auszugleichen.

Die Frage der Vereinigung wurde zum ersten Male offiziell auf der
Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins zu Berlin
(22. bis 25. Mai 1872) erörtert, auf der das Mitglied Harm, der sich
schon auf dem allgemeinen deutschen Webertag sehr versöhnlich gezeigt
hatte, im Namen seiner Elberfelder Genossen den Antrag stellte: "Die
Generalversammlung möge Mittel und Wege suchen, um die verschiedenen
Fraktionen der deutschen Arbeiterpartei zu vereinigen." Dieser Antrag
wurde heftig bekämpft unter starken Ausfällen gegen unsere Partei und
schließlich Uebergang zur Tagesordnung beschlossen.

*       *       *       *       *

Vom 7. bis 11. September 1872 hielt die sozialdemokratische
Arbeiterpartei ihren vierten Kongreß in Mainz ab. Den Vorsitz führten
Motteler und Vahlteich. Unter den Gästen befand sich Hartung-Wien, der
jetzt die schweizer Gewerkschaften vertrat. Hartung war es 1869
gelungen, sich der Verhaftung zur Einleitung des Wiener
Hochverratsprozesses auch wider ihn durch die Flucht zu entziehen. Er
war eine Reihe von Jahren in Zürich und der schweizer Bewegung tätig,
zog sich aber dann zurück und wurde als Inhaber einer großen Schreinerei
in Zürich ein wohlhabender Mann. Der mit Hartung eng befreundete
Oberwinder verblieb in Oesterreich und war Redakteur des "Volkswille".
Die gegen ihn ausgesprochene Ausweisung war zurückgenommen worden. Die
Rolle, die er aber jetzt in der österreichischen Arbeiterbewegung
spielte, wurde immer mehr eine zweideutige und führte schließlich zur
Spaltung. Aber auch seines Bleibens war auf die Dauer nicht in
Oesterreich. In der Zeit des Sozialistengesetzes lebte er in Paris und
kam hier bei unseren Parteigenossen in den Verdacht, im Dienste der
preußischen Polizei zu stehen. Der Partei hatte er Valet gesagt. Später
kehrte er nach Deutschland zurück und übernahm die Chefredaktion des
"Dresdener Anzeigers", eines magistratlichen Amtsblattes. Oberwinder
setzte sich im Jahre 1911 in seiner Heimat Weilburg an der Lahn zur
Ruhe.

Ich erwähne dieses hier im Anschluß an meine Bemerkungen über Hartung,
nachdem ich in dieser meiner Arbeit Oberwinders wiederholt gedachte.
Andreas Scheu, auch einer der Führer der damaligen österreichischen
Bewegung, der mit Oberwinder in Konflikt geriet, ging nach schweren
Verfolgungen außer Landes, und zwar nach England.

Unter den 51 Delegierten auf dem Mainzer Kongreß befand sich zum ersten
Male der junge Karl Grillenberger, der sich um jene Zeit die ersten
Sporen in der Nürnberger Arbeiterbewegung erworben hatte und deshalb in
der Cramer-Klettschen Fabrik, in der er als Schlosser arbeitete,
gemaßregelt worden war.

In den Verhandlungen des Kongresses kam auch die Vereinigungsfrage zur
Erörterung. Es lag zunächst ein langer Antrag von Bruno Geiser vor, der
die Redaktion des "Volksstaat" scharf tadelte wegen ihrer Polemik gegen
den "Neuen Sozialdemokrat". Er verlangte, daß die Redaktion des
"Volksstaat" unverzüglich die Polemik einstelle und eine solche nur
dann aufnehme, wenn der Parteiausschuß eine solche billige. Dieser
Antrag wurde abgelehnt. Es standen dann weiter drei Anträge zur
Verhandlung, die sämtlich die Vereinigung befürworteten. Schließlich
fand folgender Antrag Annahme, wodurch die anderen Anträge erledigt
waren:

"Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein ist seinen sozialistischen
Prinzipien gemäß der einzige natürliche Bundesgenosse der
sozialdemokratischen Arbeiterpartei; der Kongreß beauftragt demgemäß
den Ausschuß, ein prinzipielles Zusammengehen mit dem Allgemeinen
Deutschen Arbeiterverein immer von neuem zu versuchen; ferner dafür
Sorge zu tragen, daß die Haltung aller dem Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein abgeneigten Mitgliedschaften eine versöhnliche werde
und die Redaktion des 'Volksstaat' unverzüglich jede Polemik gegen den
Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und seine Leiter einzustellen,
sowie etwa neu eintretenden Anfeindungen von seiten des letzteren mit
Schweigen zu beantworten, falls der Ausschuß nicht ausnahmsweise eine
sachgemäße Erwiderung für unbedingt geboten erachtet."

Kurze Zeit darauf, am 20. September 1872, veröffentlichte der "Neue
Sozialdemokrat" einen Artikel mit der Ueberschrift: "Ein ernstes Wort an
die Arbeiter der Eisenacher Partei", eine Anrede, in der er seiner
ständigen Taktik uns gegenüber den Namen der Partei verschwieg und einen
Gegensatz zwischen den Arbeitern und Nichtarbeitern in der Partei
konstruierte. In dieser Ansprache, die der "Volksstaat" wörtlich
abdruckte, führte er bittere Beschwerde über angebliche Angriffe, die
der "Volksstaat" und einzelne Mitglieder der Partei trotz jener in Mainz
beschlossenen Resolution gegen den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
richteten. Auf seiner Seite habe man stets nur in der Verteidigung
gestanden, wohingegen der "Volksstaat" der Angreifer gewesen sei.
Daraufhin erwiderte der "Volksstaat" unter dem 28. September in einem
Artikel mit der Ueberschrift "Eine Antwort" und unterzeichnet "Die
Redaktion", in der jene Angriffe zurückgewiesen wurden. Am Schlusse des
Artikels, den Liebknecht und ich auf Hubertusburg verfaßt und der
Redaktion zugesandt hatten, hieß es: "Wir wollen von nun an alle Polemik
gegen den 'Neuen Sozialdemokrat' einstellen unter der Bedingung, daß er
1. unsere Partei ausdrücklich und unzweideutig als eine
sozialdemokratische anerkennt und sie, wenn er von ihr spricht, stets
bei ihrem richtigen Namen nennt, und 2. daß er die Angriffe gegen die
Internationale Arbeiterassoziation unterläßt.

Wir unsererseits erklären, wie wir das schon des öfteren getan haben, 1.
daß wir die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins als
unsere Parteigenossen ansehen, was nicht ausschließt, daß wir gegen
gewisse Persönlichkeiten im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein so
lange ein entschiedenes Mißtrauen hegen werden, bis die von unserer
Seite geltend gemachten Verdachtsgründe konklusiv widerlegt sind; 2.
erklären wir uns bereit, einen Vorschlag zu unterstützen, der dahin
ginge, einen gemeinschaftlichen Kongreß der beiden Fraktionen
einzuberufen, auf welchem die Differenzpunkte behufs einer Einigung
besprochen werden. Sollte eine Einigung respektive Verschmelzung nicht
möglich sein, dann müßte wenigstens ein gemeinsames Programm aufgestellt
und die Formen festgesetzt werden, innerhalb denen eine gemeinsame
Aktion (bei Wahlen, der Agitation usw.) sich zu bewegen hätte. Ein von
beiden Teilen gleichmäßig zu wählender Ausschuß hätte die Ausführung der
vereinbarten Punkte zu überwachen. Ferner möchten wir noch die
Niedersetzung eines aus beiden Fraktionen gleichmäßig zu wählenden
Schiedsgerichts befürworten, das die gegen verschiedene Mitglieder einer
der beiden Fraktionen von der anderen Seite erhobenen Anklagen zu
untersuchen und zu richten hat. Bemerken wollen wir, daß ähnliche
Vorschläge, wie die soeben angedeuteten, privatim schon wiederholentlich
Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins von uns
unterbreitet und von diesen auch gebilligt worden sind."

Auf dem Mainzer Kongreß habe die sozialdemokratische Arbeiterpartei
offiziell in feierlichster Form ihrer versöhnlichen Stimmung Ausdruck
gegeben; am Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein sei es jetzt, die
dargebotene Hand zu ergreifen und der deutschen Arbeiterwelt den Frieden
zu geben.

Auf diesen Vorschlag antwortete der "Neue Sozialdemokrat" durch
nichtssagende Ausflüchte. Als dann kurze Zeit darauf die Lassalleaner
eine Versammlung unserer Parteigenossen in Berlin gewaltsam sprengten,
veröffentlichte der "Volksstaat" eine Art Kriegserklärung gegen den
"Neuen Sozialdemokrat", die mit den Worten schloß: "Die offenbaren
Verräter der Arbeitersache müssen unschädlich gemacht werden."

Damit war der Kampf zwischen den beiden Fraktionen aufs neue entbrannt,
man schoß in den beiden führenden Blättern herüber und hinüber und
klagte sich gegenseitig mit einer Heftigkeit an, daß es schien, als
stehe eine Vereinigung weiter denn je im Felde. Schließlich mußte es als
ein Fortschritt in der Stellung der beiden Fraktionen zueinander
angesehen werden, als der "Neue Sozialdemokrat" anläßlich der Wahl am
20. Januar 1873 im 17. sächsischen Wahlkreis seine Parteigenossen dort
aufforderte, nichts gegen meine Wiederwahl zu unternehmen.

Einen sehr unangenehmen Eindruck machte es auf unserer Seite, daß F.W.
Fritzsche, der 1869 die sozialdemokratische Arbeiterpartei in Eisenach
mit gegründet hatte, jetzt plötzlich wieder auf die andere Seite
schwenkte und Stellung gegen uns nahm.

In diesem gegenseitigen Kampfe glaubte die Kontrollkommission, die in
Breslau ihren Sitz hatte, unter Führung Geisers einen Rüffel der
Redaktion des "Volksstaat" erteilen zu sollen, daß sie auf eigene Faust
Versöhnungsvorschläge gemacht und dabei den Kampf wider den "Neuen
Sozialdemokrat" abermals aufgenommen habe.

Die Antwort gab der Kontrollkommission die nächste Generalversammlung
des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins.

*       *       *       *       *

Bei den polizeilichen Verfolgungen, die in jener Zeit in Betracht kamen,
suchte der Leipziger Polizeidirektor seine Kollegen im übrigen
Deutschland in den Schatten zu stellen. Der Auflösungs- und
Ausweisungswut fügte er ein Verbot des Besuchs des Internationalen
Arbeiterkongresses im Haag hinzu mit Androhung von vier Wochen Gefängnis
im Falle der Zuwiderhandlung. Ebenso verbot er die Mitgliedschaft, die
Anwerbung von Mitgliedern und die Geldsammlung für die Internationale.
Als dann Hepner trotz des Erlasses eines Verbots den Haager Kongreß
besuchte, erreichte ihn das angedrohte Geschick. Er bekam seine vier
Wochen Gefängnis und wurde im nächsten Frühjahr auf Grund dieser
Bestrafung aus Leipzig ausgewiesen, eine Maßregelung, die ihm nachher in
der Umgebung Leipzigs wiederholt widerfuhr. Da er aber auch mit dem
Parteiausschuß in Konflikt gekommen war, entschloß er sich, nach Breslau
zu übersiedeln und dort einen Buchverlag zu gründen.

Die Animosität, die Hepner gegen den Parteiausschuß und speziell gegen
York als Parteisekretär empfand, in dem er nur den verbissenen
Lassalleaner, den bösen Geist in der Partei sah, veranlaßten ihn, an
Marx und Engels Mitteilungen gelangen zu lassen, wonach es in der Partei
sehr trübe aussehen sollte. Bei dem übertriebenen Mißtrauen, das Marx
und Engels gegen alles Lassallesche empfanden, genügten diese
Hepnerschen Schilderungen, um Engels zugleich im Namen von Marx zu einem
Warnungsbrief an Liebknecht zu veranlassen. Da mir Liebknecht den Inhalt
dieses Briefes mitteilte, nahm ich Veranlassung, an Marx folgendes zu
schreiben:

"Hubertusburg, den 19. Mai 1873.

Geehrter Freund!

... Es sind mehr als 5 Jahre, daß ich Ihnen zum letztenmal geschrieben
und jener Brief betraf Schweitzer. Dieser ist nun glücklich gestürzt
und vieles andere seit jener Zeit ebenfalls. Unsere Partei hingegen
hat einen mächtigen Aufschwung genommen und ich hoffe in weiteren 5
Jahren ist sie so weit, daß sie ein ernsthaftes Wörtchen mitreden
kann. Hepner hat allem Anschein nach Ihnen und Freund Engels unsere
Parteiverhältnisse sehr düster gemalt, sehr mit Unrecht. Ich habe
darüber Freund Engels ausführlicher geschrieben, der Ihnen Mitteilung
davon machen wird. Im großen und ganzen halte ich die
Parteiverhältnisse für durchaus zufriedenstellend; was noch mangelhaft
ist, wird in nicht allzulanger Zeit sich beseitigen lassen, allerdings
ist da auch notwendig, daß man sich leidlich verträglich hält und
nicht mit Gewalt Krakeel haben will. Was mich zu dieser
Verträglichkeit bestimmt, ist, daß ich genau weiß, daß der beste und
ehrlichste Wille für das Wohl der Partei auch bei den Andersmeinenden
    
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