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wurde.
Kurz nach Schluß des Prozesses befiel mich eine sehr schmerzhafte
Brustfellentzündung, die mich mehrere Wochen ans Bett fesselte. Auch
hatten Agitation, parlamentarische Tätigkeit, Untersuchungshaft und
Prozeß, wozu noch angestrengte Tätigkeit in meinem Geschäft kam, das
meine Kräfte ebenfalls in hohem Grade in Anspruch nahm und mich zu
Erweiterungen meines kleinen Betriebs nötigte, meine Nerven zerrüttet.
Ich litt neben heftigen Schmerzen an großer Schlaflosigkeit. In den
Nächten, in denen ich mich schlaflos im Bette wälzte, dachte ich öfter
an Bismarck, der damals insofern mein Leidensgefährte war, als er nach
den Berichten der Zeitungen ebenfalls an Schlaflosigkeit und
neuralgischen Schmerzen litt. Geteilter Schmerz ist halber Schmerz.
Die dritte Generation des ersten deutschen Reichstags.
Ende April 1872 war der Reichstag wieder zusammengetreten. Eben genesen,
reiste ich nach Berlin und hielt am 1. Mai eine Rede zu dem Antrag
Hoverbeck und Genossen, betreffend die Abschaffung der Salzsteuer. Ich
wendete mich in der Rede gegen die gesamten indirekten Steuern auf
notwendige Lebensbedürfnisse. Die besitzenden Klassen suchten in ihrem
Klasseninteresse dieses System aufrechtzuerhalten und weiter auszubauen;
sie suchten sich den Staatslasten, wo sie könnten, zu entziehen, aber
sie machten die direkten Steuern zum Maßstab der politischen Rechte. Ob
das Haus glaube, daß solche Zustände die Versöhnung der verschiedenen
Klassen herbeiführten? Das Gegenteil werde erreicht; da dürfe sich die
Bourgeoisie nicht wundern, wenn ihr alsdann von uns gesagt werde, was
Tell über Geßler sagte: Mach' deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt, fort
mußt du, deine Uhr ist abgelaufen. (Stürmisches Gelächter.) Eugen
Richter erklärte: Er wolle mir nicht antworten, das hieße meiner Person
und meiner Doktrin eine Bedeutung beimessen, die sie nicht habe. Ich
polemisierte darauf gegen Richter in einer persönlichen Bemerkung; seine
geringschätzende Bemerkung gegen mich solle nur verdecken, daß ihm die
Gründe zu meiner Widerlegung fehlten. Richter antwortete: Er hielt mich
durchaus nicht für so unbedeutend, daß es sich nicht lohne, mir zu
antworten, aber er hielt mich, wenigstens zurzeit noch nicht, für so
bedeutend wie den Reichskanzler (Heiterkeit), darum habe er keine Zeit
gehabt, mir zu antworten.--
Im Jahre 1872 ging der "Kulturkampf" seinem Höhepunkt entgegen, jener
"Kulturkampf", der der größte politische Fehler war, den Bismarck in der
inneren Politik machte, und der der innerpolitischen Entwicklung
Deutschlands eine höchst verderbliche Richtung gab. Bismarck hatte das
Jesuitenausweisungsgesetz dem Reichstag vorgelegt, um das ein heftiger
Kampf entbrannte. Bei der dritten Lesung am 19. Juni kam ich zum Worte.
Ich führte aus: Der englische Kulturhistoriker Buckle bemesse den
Kulturgrad eines Volkes nach der Bedeutung, die religiöse Streitigkeiten
bei demselben fänden. An diesem Maßstab gemessen, müßten wir in
Deutschland auf einem tiefen Kulturgrad stehen. Keiner Frage werde seit
längerer Zeit so viel Aufmerksamkeit geschenkt als der religiösen Frage.
Freilich, die religiösen Auffassungen stünden in inniger Verbindung mit
dem sozialen und politischen Zustand eines Volkes. Sei das Zentrum im
Hause so stark vertreten, so nicht etwa bloß seiner religiösen
Anschauungen wegen, sondern namentlich auch wegen der sozialen und
politischen Interessen, die es vertrete. Die rückständigen ökonomischen
Schichten im katholischen Volke schlössen sich mit Vorliebe dem Zentrum
an, die anderen kapitalistischen Schichten den Liberalen. Der
Protestantismus, einfach, schlicht, hausbacken, gewissermaßen die
Religion in Schlafrock und Pantoffeln, sei die Religion des modernen
Bürgertums. Der ganze Kampf sei, soweit die Religion in Frage komme, nur
ein Scheinkampf, in Wahrheit bedeute er den Kampf um die Herrschaft im
Staate. Wolle die liberale Bourgeoisie ehrlich den Fortschritt, müsse
sie mit der Kirche brechen, denn die Bourgeoisie habe in Wahrheit keine
Religion. Für sie sei die Religion nur Mittel zum Zweck, um die
Autorität zu stützen, die sie brauche, und um in den Arbeitern willige
Ausbeutungsobjekte zu erziehen.
Man sage, der Jesuitismus habe mit dem Katholizismus nichts zu tun. Das
sei falsch. Der Jesuitismus sei die festeste Stütze des Katholizismus,
und insofern habe das Zentrum recht, wenn es sage, der Kampf gegen den
Jesuitismus sei ein Kampf gegen den Katholizismus. Die Verteidiger der
Vorlage behaupteten, sie wollten durch dieselbe den Frieden herstellen;
das Gegenteil werde erreicht; sie würden nicht den Frieden bekommen,
sondern den Krieg.
Man sage ferner, das Dogma von der Unfehlbarkeit sei staatsgefährlich.
Das könnte ich nicht einsehen. Schließlich ständen alle Dogmen mit der
Wissenschaft und der gesunden Vernunft in Widerspruch und seien von
diesem Gesichtspunkt aus ebenfalls staatsgefährlich. (Heiterkeit.) Je
ungeheuerlicher ein Dogma ist, und das sei das von der Unfehlbarkeit des
Papstes, um so mehr Widerspruch finde es bei allen Denkenden. Man
behaupte auch, der Jesuitismus sei unmoralisch. Der Staat habe aber
allezeit verdammt wenig nach der Moral gefragt, und der Reichskanzler
sei der letzte, dem diese Sorge mache. Was den Reichskanzler ärgere,
sei, daß man ihn in seiner Politik nicht für unfehlbar halte.
(Heiterkeit.) Würden die Jesuiten und die Herren im Zentrum sich bereit
erklären, seine Politik zu unterstützen, so könnten sie auf kirchlichem
Gebiete tun, was sie wollten. (Sehr richtig.) Je reaktionärer dann der
Jesuitismus sei, um so lieber würde es dem Reichskanzler sein. Er wolle
nichts weiter, als daß die ultramontane Partei sein Werkzeug werde. Daß
man es wage, dem Reichstag einen solchen Gesetzentwurf vorzulegen, sei
ein Zeichen dafür, wie tief man ihn einschätze. (Unruhe.) Die Liberalen
suchten durch den Kampf gegen den Jesuitismus nur wieder zu gewinnen,
was sie an Kredit bei dem Volk durch Preisgabe aller Volksrechte
eingebüßt hätten. Man bekämpfe den Jesuitismus mit einem Ausnahmegesetz,
_und die Folge werde sein, daß sein Anhang größer werde, als er je
gewesen._ Die Masse der Menschen sympathisiere mit dem Verfolgten. Es
gehe nicht an, ein Gesetz zu erlassen, wonach man einen Menschen
heimatlos machen und wie ein wildes Tier von einem Orte zum andern jagen
könne. Wir hätten Unterdrückungsgesetze in Deutschland genug, wofür ich
Beispiele anführte; wir brauchten keine neuen. Wer habe denn den
Jesuitismus gezüchtet? Der Staat. Statt jährlich viele hundert Millionen
für Mordwerkzeuge auszugeben, verwende man diese Mittel _auf die Bildung
des Volkes,_ das werde dem Jesuitismus mehr schaden als alle
Ausnahmegesetze. Man errichte ein auf der Höhe der Zeit stehendes
Bildungssystem, man trenne den Staat von der Kirche, man verweise die
Kirche aus der Schule, und ehe zehn Jahre vergingen, würde es mit den
pfäffischen Wühlereien zu Ende sein. Die Herren könnten dann in Gottes
Namen in der Kirche predigen, hin gehe niemand mehr. (Heiterkeit.) Doch
das wolle man nicht, sie alle brauchten Autoritäten, deren Hauptstütze
die Kirche sei. Man wisse, höre die himmlische Autorität auf, dann falle
auch die irdische. Man fürchte, es würde alsdann auf dem politischen
Gebiet die Republik, auf dem sozialen der Sozialismus und auf dem
religiösen der Atheismus zur Geltung kommen. Ich würde gegen das Gesetz
stimmen, müßte aber die Behauptung, Ultramontanismus und Sozialismus
seien Verbündete, als eine infame Verleumdung zurückweisen. Es würde dem
Ultramontanismus und dem Liberalismus gleich schlecht gehen, wenn wir am
Ruder wären. (Unruhe.)
Im Verlauf der Debatte sprach auch Graf Ballestrem, der spätere
Präsident des Reichstags. Mit Hinweis auf meine Ausführungen meinte er,
wohin man mit Annahme des Gesetzentwurfes steuere, habe meine Rede
gezeigt. Verliere das Volk erst den Glauben an das Paradies im Himmel,
dann werde es das Paradies auf der Erde verlangen, und das verspreche
ihm die Internationale. Ich unterstrich diese Worte, indem ich kräftig
"sehr richtig" rief.
Kurze Zeit danach erzählte man sich im Reichstag einen amüsanten
Vorgang. Einige Herren vom Zentrum unterhielten sich in einer
Restauration über den katholischen Kirchengelehrten Döllinger und das
neue Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes. Döllinger war heftiger
Gegner der Unfehlbarkeitserklärung. Darauf äußerte ein geistlicher Herr,
Abgeordneter für München: Glaubt der alte Esel an so viel Unsinn, konnte
er auch an diesen glauben. Diese Aeußerung wurde im Reichstag bekannt
und viel belacht.
Mein Majestätsbeleidigungsprozeß.
Die Anklage gegen Liebknecht auf Majestätsbeleidigung war auf Beschluß
der Anklagekammer von der Anklage wegen Vorbereitung auf Hochverrat
getrennt und vor das Leipziger Bezirksgericht verwiesen worden. Hier
wurde Liebknecht Anfang April freigesprochen. Ende Mai 1872 verwarf das
Oberappellationsgericht in Dresden unsere Nichtigkeitsbeschwerde, es war
somit das Urteil des Schwurgerichtes rechtskräftig geworden. Liebknecht
trat Mitte Juni seine Haft in Hubertusburg an. Ich hatte nach Schluß des
Reichstags auch noch eine Anklage zu erledigen. Ich war ebenfalls auf
Majestätsbeleidigung, begangen durch Reden in zwei Volksversammlungen im
Bezirk der Leipziger Amtshauptmannschaft, angeklagt worden. Ich hatte
anknüpfend an das Dankschreiben des Königs von Preußen vom 25. Juli
1870, das mit den Worten schloß: er hoffe, daß die _Freiheit_ und
Einheit Deutschlands das Ergebnis des Krieges sein werde, allerlei
kritische Bemerkungen gemacht. Ich hatte ausgeführt, daß wir zwar die
Einheit bekommen hätten, die Freiheit sei aber ausgeblieben; es sei in
dieser Beziehung sogar schlimmer als früher, was ich durch Tatsachen
bewies. Es sei eben die alte Geschichte. Seien die Könige in der
Verlegenheit, so fehle es nicht an schönen Versprechungen, habe aber das
Volk die Opfer gebracht und die Könige gerettet, dann würden die
gemachten Versprechen vergessen und nicht eingelöst. In diesen
Ausführungen sah die Staatsanwaltschaft eine Majestätsbeleidigung, und
der Gerichtshof schloß sich ihr in der Verhandlung am 6. Juli 1872 an,
in der ich mich selbst verteidigte. Der Staatsanwalt hatte eine
Zusatzstrafe zu der bereits erkannten Festungshaft beantragt. Das
Gericht ging über diesen Antrag hinaus und verurteilte mich zu _neun
Monaten Gefängnis_. Da es sich um eine andere Strafart als die mir
bereits zuerkannte handelte, fiel die Zusatzstrafe; sonst würden, wenn
es bei neun Monaten Festung geblieben wäre, diese mit der schon
erkannten Festungshaft wahrscheinlich auf achtundzwanzig Monate
zusammengezogen worden sein. Außerdem ging der Gerichtshof noch in einem
zweiten Punkte über den Antrag des Staatsanwaltes hinaus, _er erkannte
mir das Reichstagsmandat ab_.
Dieser letztere Beschluß war ein großer politischer Fehler von seiner
Seite, denn da er mir nicht auch die Wählbarkeit aberkennen konnte,
mußte er sich sagen, sein Beschluß werde wirkungslos bleiben, indem
meine Parteigenossen mich in meinem bisherigen Wahlkreis wieder
aufstellen und mich sicher wählen würden. So geschah es. Meine
Wiederwahl wurde für den Gerichtshof eine schallende Ohrfeige. Darüber
später.
Unsere Festungshaft und was zwischenzeitlich passierte.
Hubertusburg.
Am 1. Juli 1872 schrieb mir Bracke einen Abschiedsbrief, dem er äußerte:
"Wenn Eure Familien nicht wären, könnte ich fast triumphieren über die
Einfalt unserer Feinde! Du zum Beispiel wirst Dich körperlich erholen
und viel lernen; dann bist Du ein verdammt gefährlicher Kerl, und
schließlich wird Deine liebe Frau auch, trotz des harten Loses der
Trennung, zufrieden sein, wenn Du auf diese Weise eine Kurzeit
durchmachst, die Dich wieder kräftigt fürs ganze Leben." Am 8. Juli, dem
Tage meines Haftantritts, veröffentlichte ich folgende Erklärung:
"_An meine Wähler im 17. sächsischen Wahlkreis!_
Freunde und Gesinnungsgenossen! Das Königliche Bezirksgericht zu
Leipzig hat die Gewogenheit gehabt, mir wegen 'Majestätsbeleidigung'
neben einer neunmonatigen Gefängnisstrafe auch 'den Verlust der
bekleideten öffentlichen Aemter sowie der aus Wahlen hervorgegangenen
Rechte' abzuerkennen.
Durch dieses Erkenntnis bin ich des mir von euch verliehenen Mandats
_verlustig_ geworden.
Freunde und Gesinnungsgenossen! Der Schlag soll nicht nur mich, er
soll auch euch, deren _Vertreter_ ich bisher war, er soll die _Partei_
treffen, der wir angehören. _Zeigen wir, daß der geführte Schlag ein
Schlag ins Wasser ist_. Ihr seid vor die Alternative einer Neuwahl
gestellt. _Ich biete mich euch für dieselbe aufs neue als Kandidat
an_. Habe ich nach eurer Meinung das in mich gesetzte Vertrauen
gerechtfertigt, _dann wählt mich wieder_.
Seid versichert, die erhaltenen 'Strafen' machen mich nicht mürbe.
Festung und Gefängnis sind nicht die Mittel, mir bessere Begriffe über
unsere faulen Gesellschaftszustände beizubringen. Die Gesellschaft,
die zu solchen Mitteln der Belehrung greifen muß, verdient, daß sie
aufhört zu existieren.
Führen wir also den Krieg fort mit aller uns zu Gebote stehenden
Kraft und mit aller Fähigkeit; gebt mir durch die _Neuwahl_ das Mittel
in die Hand, daß ich auch für die nächsten Jahre mich an diesem Kampfe
beteiligen kann. Der Tag kommt, wo auch _unsere_ Stunde schlägt.
Lebt wohl! Auf Wiedersehen zu neuem Kampf und Sieg!"
Am Nachmittag desselben Tages reiste ich nach Hubertusburg. Am Bahnhof
hatten sich eine große Zahl Männer und Frauen eingefunden, um sich von
mir zu verabschieden. Meine Frau hatte ich gebeten, mit unserem
Töchterchen zu Hause zu bleiben. Unter dem Gepäck, das ich mitnahm,
befand sich auch ein großer Vogelbauer mit einem prächtigen
Kanarienhahn, den mir ein Dresdener Freund als Gesellschafter für meine
Zelle geschickt hatte. Er wurde, nachdem ich ihm zu einem Weibchen
verholfen, der Stammvater einer Kinder- und Enkelschar, die ich in
Hubertusburg züchtete. An der Station Dahlen, an der ich ansteigen
mußte, um von dort zu Wagen nach Hubertusburg zu fahren, brachte man mir
eine eigenartige Ovation. Als ich ausstieg, standen sämtliche Schaffner
an dem langen Personenzug vor ihren Wagen und salutierten, indem sie die
Hand an die Mütze legten. Der Lokomotivführer schwenkte die Mütze,
ebenso schwenkte ein großer Teil der Passagiere, der in den Fenstern
lag, Hüte und Mützen und rief mir Lebewohl zu. Ich war sehr gerührt über
diese Zeichen der Sympathie.
Als ich in Hubertusburg ankam und mit Liebknecht zusammentraf, lachte er
mich aus, daß ich mir noch neun Monate Gefängnis geholt. Da sei er doch
klüger gewesen. Er hatte gut lachen. Er hat nachher für die Artikel, die
er heimlich aus Hubertusburg an den "Volksstaat" schrieb, weit mehr als
neun Monate Gefängnis den verantwortlichen Redakteuren aufbrummen
helfen. Und wie vorsichtig glaubte er zu sein. Hatte er einen solchen
Artikel auf der Pfanne und hegte er Bedenken gegen seine Fassung, so zog
er mich zu Rate. Er las mir alsdann die betreffende Stelle vor. Warnte
ich ihn, eine mir bedenklich scheinende Stelle im Artikel zu lassen, so
versuchte er mir nachzuweisen, daß und warum sie nicht gefährlich sei.
Er erhielt alsdann regelmäßig von mir die Antwort: Du würdest recht
haben, dächten Staatsanwalt und Richter so wie du. Er kaute alsdann an
einem Fingernagel und überlegte sich die neue Fassung. Manchmal war
diese aber noch schärfer als die frühere. Er trennte sich sehr ungern
von einem Gedanken, mit dessen Veröffentlichung er den Gegner ärgern
konnte.
Außer Liebknecht war noch Karl Hirsch und ein Chemnitzer Parteigenosse
in der Festungshaft. Vahlteichs Haft war bereits zu Ende, doch sorgten
die Gerichte stets für Ersatz. Wir waren meist fünf bis sechs Genossen,
darunter zeitweilig auch irgend ein Student, der wegen Duellgeschichten
zu kurzer Festungshaft verurteilt worden war. Erst als meine Haft zu
Ende ging, war ich der letzte der Mohikaner, den Hubertusburg beherbergt
hatte.
Es fiel uns auf, daß wir unsere Haft auf Hubertusburg statt auf der
sächsischen Festung Königstein zu verbüßen hatten. Der Grund war, daß
auf Königstein sich keine Räume für Zivilgefangene befanden, diese
mußten erst erstellt werden.
Hubertusburg ist weiteren Kreisen bekannt geworden durch den 1763 hier
abgeschlossenen Friedensvertrag, der den siebenjährigen Krieg beendete.
Das Schloß ist ein stattlicher Bau im Zopfstil. Vor demselben dehnt sich
ein großer Hof aus, der durch pavillonartige ein- und zweistockige
Gebäude eingeschlossen ist, die früher den Hofbeamten und Bediensteten
zur Wohnung dienten. Zu unserer Zeit wohnten dort die Beamten der in
Hubertusburg vereinigten Anstalten und hatten daselbst ihre Bureaus.
Längere Zeit waren Teile der Gebäude als Landesgefängnis benutzt worden.
Für uns Festungsgefangene war ein Flügel dieser Bauten reserviert, in
dem man sieben oder acht Zellen eingerichtet hatte. Mit Hubertusburg
verbunden war ein Siechenhaus und eine Irrenanstalt für Frauen, und eine
Pflegeanstalt für blinde und blödsinnige Kinder. Die Insassen dieser
Anstalten bekamen wir aber nicht zu sehen. Unsere Zellen besaßen hohe
Fenster, die mit Eisenstäben versehen waren. Wir blickten aus den
Fenstern in den großen Wirtschaftsgarten, in dem wir unsere Spaziergänge
zu machen hatten, und über dessen Mauern hinaus auf Wald und Flur und
das in der Ferne liegende kleine Städtchen Mutzschen.
Die Reinigung unserer Zellen besorgte ein sogenannter Kalfakter. Für
deren Reinigung und Miete--der Staat gibt auch den Gefängnisraum nicht
umsonst--hatten wir monatlich fünf Taler zu zahlen. Unser Essen bezogen
wir aus einem Gasthaus des an Hubertusburg grenzenden Wermsdorf. Unsere
Tagesordnung war folgende: Morgens 7 Uhr mußten wir angekleidet sein,
alsdann wurden die Zellen zwecks der Reinigung geöffnet. Während dieser
Zeit frühstückten wir auf dem breiten Korridor, der vor den Zellen
hinlief. Diese Pause benutzte Karl Hirsch, um mit einem Zivilgefangenen
eine Partie Schach zu spielen, wobei sich die beiden zu unserem größten
Ergötzen regelmäßig in die Haare gerieten. Um 8 Uhr wurden wir wieder
eingeschlossen bis 10 Uhr, zu welcher Zeit wir unseren Spaziermarsch im
Garten unternahmen. Um 12 Uhr wieder Einschließung bis 3 Uhr im Winter,
4 Uhr im Sommer, dann zweiter Spaziergang, von 5 beziehungsweise 6 Uhr
ab wieder Einschließung bis nächsten Morgen. Da wir das Recht hatten,
bis 10 Uhr abends Licht brennen zu dürfen, waren diese Stunden meine
Hauptarbeitszeit. Nach einigen Monaten erlangte ich, daß Liebknecht den
Vormittag von 8 bis 10 Uhr in meine Zelle mit eingeschlossen wurde, um
mir englischen und französischen Unterricht zu geben. Bei dieser
Gelegenheit wurden dann auch die Interna der Partei und die politischen
Vorgänge erörtert. Die Korrespondenz für mein Geschäft erledigte ich auf
Grund der Unterlagen, die mir täglich meine Frau sandte.
Liebknecht und ich waren passionierte Teetrinker. Tee konnten wir aber
nicht erhalten, und das Selbstkochen war der Feuersgefahr wegen
verboten. Aber Verbote sind da, um übertreten zu werden. Ich verschaffte
mir also heimlich eine Teemaschine und die nötigen Ingredienzien. Sobald
am Abend der Aufseher die Zelle abgeschlossen und sich entfernt hatte,
begann ich Tee zu brauen. Um aber auch Liebknecht den Genuß desselben zu
ermöglichen, hatte ich mir im Garten einen etwa zwei Meter langen Stock
zurechtgeschnitten. An dessen Ende befestigte ich eine Schnur, die mit
einem von mir geflochtenen Netz versehen war, in das ich das gefüllte
Glas stellen konnte. War der Tee fertig, klopfte ich Liebknecht, dessen
Zelle neben der meinen lag, damit er ans Fenster trete. Alsdann
streckte ich den Stock mit dem Teeglas zum Fenster hinaus, beschrieb mit
demselben einen Bogen nach Liebknechts Fenster, worauf dieser, sobald er
das Glas in Händen hatte, mit einem: "Ich hab's, danke!" den Empfang
anzeigte. Aehnlich machten wir's mit dem Austausch der Zeitungen, die
jeder sobald als möglich lesen wollte. Wir hatten vor den Fenstern der
Zellen, längs der Eisenstäbe, eine Schnur ohne Ende angebracht. Wer mit
dem Lesen seiner Zeitung fertig war, befestigte diese mit einem Haken an
die Schnur, darauf klopfte er dem Nachbar, der alsdann ans Fenster trat
und das Zeitungspäckchen zu sich heranlotste.
Kaum hatte ich mich in meiner Zelle häuslich eingerichtet, als ich wie
ein Taschenmesser zusammenklappte. Die großen Anstrengungen und
Aufregungen der letzten Jahre hatten mir nicht zum Bewußtsein kommen
lassen, wie sehr meine Kräfte heruntergekommen waren. Jetzt, wo ich
gewaltsam zur Ruhe verwiesen worden war und die Spannung nachließ, brach
ich zusammen. Die Erschöpfung war so groß, daß ich wochenlang keine
ernste Arbeit vornehmen konnte. Aber absolute Ruhe und frische Luft
brachten mich allmählich wieder auf die Füße. Mein Hausarzt hatte recht,
als er meine Frau tröstete, ein Jahr Festung werde meiner Gesundheit
nützlich sein. Später stellte sich bei einer genauen ärztlichen
Untersuchung auch heraus, daß mein linker Lungenflügel stark tuberkulös
angegriffen war und eine Kaverne aufwies, die auf der Festung ausheilte.
Freunde, die das erfuhren, meinten lachend, da sei ich ja dem Staate
Dank schuldig, daß er mich auf die Festung geschickt. Ich antwortete:
Dank würde ich ihm schulden, hätte er mich zu meiner Gesundung zu
Festung verurteilen lassen. Ich hatte wieder einmal, wie so oft im
Leben, "Schwein" gehabt. Was mein Verderben sein konnte, schlug zum
Guten aus.
Nachdem unabänderlich feststand, daß ich für einunddreißig Monate meine
Freiheit eingebüßt hatte, entschloß ich mich, diese Zeit mit aller Kraft
zu verwenden, um die Lücken meines Wissens einigermaßen auszufüllen.
Sobald ich also wieder arbeitsfähig war, stürzte ich mich mit aller
Energie in die Arbeit, das beste Mittel, über eine unangenehme Situation
hinwegzukommen. Ich studierte hauptsächlich Nationalökonomie und
Geschichte. Zum zweitenmal studierte ich Marx' "Kapital", dessen erster
Band damals nur vorlag, Engels' "Lage der arbeitenden Klassen in
England", Lassalles "System der erworbenen Rechte", Stuart Mills
"Politische Oekonomie", Dührings und Careys Werke, Lavelayes
"Ureigentum", Lorenz Steins "Geschichte des französischen Sozialismus
und Kommunismus", Platos "Staat", Aristoteles' "Politik", Machiavellis
"Der Fürst", Thomas Morus' "Utopia", v. Thünens "Der isolierte Staat".
Von den Geschichtswerken, die ich las, fesselten mich besonders Buckles
"Geschichte der englischen Zivilisation" und Wilhelm Zimmermanns
"Geschichte des Deutschen Bauernkriegs". Letztere gab mir die Anregung,
eine populäre Abhandlung zu schreiben unter dem Titel "Der Deutsche
Bauernkrieg mit Berücksichtigung der hauptsächlichsten sozialen
Bewegungen des Mittelalters". Das Buch erschien bei W. Bracke in
Braunschweig; später, unter dem Sozialistengesetz, wurde seine
Verbreitung verboten. Eine zweite Auflage, die eine Neubearbeitung
erforderte, gab ich wegen Zeitmangel nicht mehr heraus. Auch die
Naturwissenschaften vernachlässigte ich nicht. Ich las Darwins "Die
Entstehung der Arten", Häckels "Natürliche Schöpfungsgeschichte", L.
Büchners "Kraft und Stoff" und "Die Stellung des Menschen in der Natur",
Liebigs "Chemische Briefe" usw. Ebenso widmete ich dem Lesen der
Klassiker einen Teil meiner Zeit. Ich war von einer wahren Lern- und
Arbeitsgier befallen.
Ferner übersetzte ich während der Haft _"Etude sur le doctrines sociales
du Christianisme"_ von Ives Guyot und Sigismond Lacroix, eine
Uebersetzung, die unter dem Titel "Die wahre Gestalt des Christentums"
bis heute erscheint. Dazu verfaßte ich eine Gegenschrift unter dem Titel
"Glossen zu Ives Guyots und Sigismond Lacroix' Die wahre Gestalt des
Christentums, nebst einem Anhang über die gegenwärtige und zukünftige
Stellung der Frau". Der letztere Aufsatz war, glaube ich, die erste
parteigenössische Abhandlung über die Stellung der Frau vom
sozialistischen Standpunkt aus. Die Anregung zu dieser Abhandlung hatte
mir das Studium der französischen sozialistischen und kommunistischen
Utopisten gegeben. Auch machte ich während dieser Haft die Vorstudien zu
meinem Buche "Die Frau", das zuerst im Jahre 1879 unter dem Titel "Die
Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft" erschien und trotz des
Verbreitungsverbots unter dem Sozialistengesetz acht Auflagen erlebte.
Im Jahre 1910 erschien die 50. und 51. Auflage.
Es war schön und nützlich, daß ich die Zeit meiner Gefangenschaft zu
meinem eigenen Besten verwenden konnte, nichtsdestoweniger atmete ich
auf und begrüßte den Tag, an dem ich meine Freiheit wieder erlangte. Da
aber jeder Gefangene, der seiner baldigen Befreiung entgegensieht, von
großer Unruhe und Ungeduld gepackt wird und Tage und Stunden zählt,
suchte ich dieselbe dadurch zu meistern, daß ich mir vornahm, noch ein
Pensum Arbeit zu erledigen, das nur unter äußerster Aufbietung der
Kräfte bewältigt werden konnte. Nach dieser Methode verfuhr ich auch bei
späteren Freiheitsentziehungen; ich fand sie probat.
Unsere Familien besuchten uns alle drei bis vier Wochen einmal.
Wir setzten schließlich durch, daß sie die Gültigkeit der
Rückfahrkarten--drei Tage--ausnutzen durften. Sie wohnten während der
Zeit im Dorfe. Jede der Frauen brachte ein Kind mit; Frau Liebknecht
ihren Aeltesten, der etwas jünger war als meine Tochter. Die Reise war
beschwerlich, namentlich in der ungünstigen Jahreszeit. Die Frauen und
Kinder mußten schon früh vor 7 Uhr von Hause fort; Geld für eine
Droschke auszugeben, hätte jede der Frauen als ein Verbrechen angesehen.
Von vormittags ½10 bis abends 7 Uhr durften sie in unserer Zelle
bleiben, auch den Spaziergang im Garten mitmachen. Das war für uns eine
große Erleichterung der Haft.
Ich hatte ein großes Bedürfnis zu körperlicher Arbeit. So kam ich auch
auf den Gedanken, wir sollten uns zu diesem Zweck im Garten einige Beete
anlegen. Unser Gesuch, uns dazu ein Stückchen Land zu überweisen, wurde
abgelehnt, wir könnten aber von dem mehrere Meter breiten Rain, der sich
längs der Gartenmauer hinziehe, in Betrieb nehmen, so viel wir wollten.
So geschah es. Mit dem nötigen Werkzeug ausgerüstet, gingen wir an die
Arbeit. Liebknecht, der damals seine Abhandlung über die Grund- und
Bodenfrage schrieb, betrachtete sich als agrarischen Sachverständigen.
Er versicherte, wir hätten an dem Rain einen vorzüglichen Humusboden zu
bearbeiten. Als wir aber die Spaten in den Boden stießen, antwortete ein
Mark und Bein durchdringendes Aechzen. Wir stießen bei jedem Spatenstich
auf Steine. Liebknecht machte bei diesem Resultat ein langes Gesicht,
wir lachten unbändig. Statt aus Humus bestand der Boden aus magerem
Lehm, den wir, wie unser Aufseher versicherte, düngen müßten, wenn wir
ernten wollten. Liebknecht und ich nahmen also einen großen Korb und
zogen nach einem Komposthaufen, der in einer Ecke des Gartens angelegt
war. Wer einen solchen Komposthaufen kennt, weiß, daß, wenn man ihn
ansticht, ihm Düfte entströmen, die alle Wohlgerüche Indiens und
Arabiens nicht überwinden können. Aber wir gingen mit wahrer
Todesverachtung ans Werk, und nachdem wir den Korb gefüllt, steckten wir
durch die Henkel zwei Stangen und trabten, Liebknecht vorn, ich hinten,
nach unserem Beet. Die im Garten arbeitenden Frauen lachten aus vollem
Halse, als sie unser Tun sahen. Ich habe damals und später öfter
geäußert: Mutete der Staat uns eine solche Arbeit zu, wir hätten sie mit
höchster Empörung zurückgewiesen. Das ist der Unterschied zwischen Zwang
und freiem Willen.
Wir hatten unser Beet mit Radieschensamen bestellt und warteten
sehnsüchtig auf die Ernte. Der Same ging prachtvoll auf, das Kraut schoß
mächtig in die Höhe, aber die ersehnten Radieschen zeigten sich nicht.
Jeden Vormittag, sobald wir unseren Spaziergang antraten, veranstalteten
wir ein Wettrennen nach dem Radieschenbeet, denn jeder wollte die ersten
Früchte ernten. Vergebens. Als wir nun eines Tages kopfschüttelnd um
unser Beet standen und tiefsinnige Betrachtungen über die
fehlgeschlagene Ernte anstellten, lachte unser Aufseher, der in einiger
Entfernung unserer Unterhaltung zugehört hatte, und sagte: "Warum Sie
keine Radieschen bekommen, meine Herren, das will ich Ihnen sagen, Sie
haben zu fett gedüngt." Tableau! So war also alle unsere Mühe vergeblich
gewesen.
* * * * *
In den ersten Monaten des Jahres 1873 sollte wieder der Reichstag
zusammentreten, und so mußte die sächsische Regierung wohl oder übel
eine Neuwahl für den von mir innegehabten Wahlkreis anordnen. Der
Wahltag wurde auf den 20. Januar festgesetzt. Die ganze Partei
betrachtete es als eine Ehrensache, nicht bloß das Mandat für mich
wiederzuerobern, sondern auch mit höherer Stimmenzahl. Was an
agitatorischen Kräften zur Verfügung stand, eilte in den Wahlkreis.
Auer, Motteler, Vahlteich, Wilhelm Stolle, Walster, York usw.
gingen an die Arbeit. Als Gegenkandidat hatten die Gegner den
Bezirksgerichtsdirektor Petzoldt in Glauchau aufgestellt, ein wegen
seines leutseligen Wesens im Wahlkreis sehr beliebter Herr. Aber das
half ihnen nichts. Am Abend des Wahltags wurden für mich 10740, für
meinen Gegner 4240 Stimmen gezählt. Ich brauche nicht zu versichern, daß
dieses Wahlresultat im Wahlkreis wie in der ganzen Partei stürmischen
Jubel hervorrief. Das Resultat war eine klatschende Ohrfeige für den
Gerichtshof, der mir das Mandat aberkannt hatte. Ich hatte fast 4000
Stimmen mehr erhalten als am 3. März 1871. Und damit nicht genug. Einige
Tage nach der Wahl veröffentlichte mein besiegter Gegner in der Presse
des Wahlkreises seinen Dank an die Partei, die den Wahlkampf gegen ihn
in so anständiger Weise geführt habe.
Auer und York kamen nach der Wahl, nachdem sie zuvor meine Frau in
Leipzig besucht und sie beglückwünscht hatten, zu mir nach Hubertusburg,
um mir ebenfalls zu gratulieren. Es war ein fröhliches Wiedersehen.
Als dann die Session des Reichstags begann, machte ich den Versuch, von
der sächsischen Regierung für die Teilnahme an dessen Sitzungen Urlaub
zu erhalten. Wie ich vorausgesehen, ohne Erfolg. Nunmehr stellte
Schraps, unterstützt von einer Anzahl liberaler Abgeordneter, den
Antrag, mich für die Dauer der Session aus der Strafhaft zu entlassen.
Dieser Antrag wurde mit großer Mehrheit abgelehnt. Der Abgeordnete v.
Mallinckrodt erklärte, er bedauere, daß ich an den Sitzungen des
Reichstags nicht teilnehmen könne, aber der § 31 der Reichsverfassung
erstrecke die Immunität der Abgeordneten nicht auf die Strafhaft.
Ich bekenne, daß ich diesen Beschluß nicht bedauerte. Wäre ich
freigekommen, so mußte ich um die Urlaubszeit länger im Gefängnis
zubringen. Und da mich dieses Schicksal während drei bis vier Sessionen
getroffen haben würde, wäre statt im Frühjahr 1875 frühestens Sommer
1876 meine Haft zu Ende gewesen.
In einem konstitutionellen Staate sollte es eine selbstverständliche
Sache sein, daß ein Abgeordneter, der in Strafhaft sich befindet, bei
Beginn einer Session sofort aus der Haft entlassen wird, um seine
Pflichten als Abgeordneter erfüllen zu können. Davon will man in
Deutschland nichts wissen. Und doch ist für einen Abgeordneten, der wie
ich mehrere Jahre Strafhaft zu verbüßen hatte, die regelmäßige
Beurlaubung während einer Session keineswegs eine Annehmlichkeit, wie
irrtümlicherweise allgemein angenommen wird. Ich wenigstens würde sie
als eine _Verschärfung_ meiner Haft angesehen haben, weil sie vor allem
meine wirtschaftliche Existenz noch schwerer geschädigt haben würde.
Liebknecht und ich hatten selbstverständlich das Bedürfnis, wenigstens
mit den führenden Genossen draußen in möglichster Fühlung zu bleiben.
Das war allerdings nur in beschränktem Maße möglich. Konnten wir auch
öfter Briefe heimlich hinausbringen, die Gefahr bestand, daß durch eine
ungeschickte Antwort dieser Verkehr dem Anstaltsdirektor verraten wurde,
und das hätte für uns unangenehme Folgen gehabt. Es galt also,
vorsichtig zu sein. So schrieben wir nach Möglichkeit direkt, obgleich
diese Korrespondenz der amtlichen Kontrolle unterlag. Ab und zu nahm
dieselbe auch einen humoristischen Charakter an. Einen Brief, den ich
von Most als Antwort auf einen solchen von mir aus dem Zwickauer
Landesgefängnis erhielt, woselbst er wegen verschiedener Preß- und
Redevergehen über ein Jahr zu verbüßen hatte, bringe ich hier zum
Abdruck, weil er zugleich die Persönlichkeit Mosts am besten
charakterisiert. Most antwortete mir:
Zwickau, den 21.4.73.
Mein lieber Bebel!
Aus Deinem Schreiben, das wie ein lichter Blitzstrahl aus düsterem
Himmel in meine Einsiedelei fuhr, ersehe ich und freue mich darüber,
daß es Euch ruchlosen Bösewichtern, die Ihr mittels Stahlfedern und
Tintentöpfen den Staat in Gefahr gebracht hattet, ganz vortrefflich
ergeht.--Ihr wollt nun auch wissen, wie es mit mir steht; glaub's
gern, da ich mir denken kann, daß es Euch gerade so ergehen wird, wie
es mir erging, ehe ich hier meinen Einzug hielt, daß Ihr nämlich bei
dem Namen Zwickau stets an ein Zwicken denkt und ein "Au"schreien zu
vernehmen wähnt. Ich muß gestehen, daß es mir trotz meiner zähen
Katzennatur und meines Galgenhumors--ohne mich gerade einer
Angstmichelei hinzugeben--nicht ganz so wohl war, wie den bekannten
500 Säuen, wenn ich vor meiner Hieherkunft an dieselbe dachte, jetzt
aber, wo ich da bin, hat die Sache ein ganz anderes
Gesicht.--Natürlich solch ein Jagdschloßleben wie Ihr führe ich nicht,
sondern eher ein Karthäusermönchsdasein, allein Langeweile habe ich
desungeachtet auch nicht, da ich ja noch gar vieles nachzuholen habe
und jetzt daher die Gelegenheit zu fleißigem Studieren benütze. Zur
Zerstreuung dienen mir die Zeitungen, welche ich erhalte, und alle
meine leiblichen Bedürfnisse befriedige ich _in gewohnheitsmäßiger
Weise_ (Kost, Kleidung usw.). Ueberhaupt erdulde ich nur eine
Freiheits-, nicht aber auch eine Leibesstrafe, wofür ich alles halte,
was dem Gefangenen außer der Entziehung seiner Freiheit angetan wird.
Bequemlichkeiten habe ich, von einem zu schriftlichen Arbeiten
geeigneten Tische abgesehen, nicht. Nach einem eigenen Bette empfinde
ich kein Bedürfnis, während ich aber mein eigenes Kopfkissen benütze.
Die Zelle ist eben eine solche, wie sie Vahlteich schilderte (der
ebenfalls längere Zeit im Landesgefängnis zu Zwickau war); andere gibt
es hier nicht; man gewöhnt sich indes bald daran, zumal diese Zellen
trotz des hochgelegenen Fensters sehr hell sind. Spazieren gehe ich
pro Tag 2 Stunden in einem Raume, welcher ein Mittelding zwischen Hof
und Garten ist, und zwar allein. Besuche macht mir niemand, weshalb
ich natürlich auch keine annehmen kann. Dir wird es seinerzeit nicht
verwehrt werden, daß Du mit Deinen Familiengliedern verkehrst. Ebenso
wird man Dir so wenig wie mir den Bart abnehmen wollen. Licht brenne
ich bis 10 Uhr. So, das wäre das Wesentlichste, was ich Dir von meiner
Sozialistenklause aus berichten kann. Betreffs der Studien seid Ihr
freilich schön heraus, da Ihr gleich Euren Professor bei Euch habt.
Ich fühle es besonders bei Sprachstudien, wie sehr da ein Lehrer
mangelt, zumal ja die Konversation ohne einen solchen gar nicht
gepflogen werden kann. Apropos! Was für ein Lehrbuch benütztest Du
fürs Französische? Mir hat Vahlteich auf meinen Wunsch nach einer
französischen Grammatik einen ganz antiken, unbrauchbaren,
unausstehlich-umständlichen und verkehrten Schunken (Hirzel)
übermittelt, den ich schon manchmal vor Zorn am liebsten mitten
entzwei gerissen hätte.--Was Du von Thiers schreibst, ist klar. Dieser
Knirps ist der größte Intrigant Frankreichs, der lebendig gewordene
Geldsack und zugleich die einzige Person, welche die Sache der
Monarchie zu fördern verstand, freilich ohne Erfolg, allein der Plan
war wenigstens nicht schlecht angelegt: den Status quo so lange wie
möglich aufrecht zu erhalten und so schön langsam, gleichsam
unmerklich die Republik erblassen und die Monarchie erscheinen zu
lassen. Jeder andere Monarchist würde an seiner Stelle längst einen
Staatsstreich gemacht haben und--dabei das Genick gebrochen, wie
überhaupt der Monarchie den letzten Rest gegeben haben. In
Spanien--ist man zu glauben versucht--haben die regierenden
Tratschweiber vor lauter Schwätzen ihr bißchen Verstand verloren,
sonst könnte es doch wahrhaftig nicht möglich sein, daß sie mit der
Handvoll karlistischer Mordbrenner nicht fertig werden. Nun,
hoffentlich wird da, wie in Frankreich, bald energisch
ausgemistet.--Du staunst über die Fortschritte, die unsere Sache in
der jüngsten Zeit gemacht hat; nun, die Ursachen sind zahlreich genug,
um solche Wirkungen zu erzeugen. Ich sage Dir: nur 1000 Mann wie Du,
oder selbst nur wie ich (ohne Selbstüberhebung)--und Europa, nicht
bloß Deutschland, ist binnen 5 Jahren sozialistisch. Es erstehen zwar
neue Kräfte genug, und wenn die Feigheit nicht so groß wäre, zeigte
sich noch mancher, aber es sind viel zu wenig. Man sollte glauben, die
meisten Menschen fallen bei der Geburt auf den Kopf oder gar auf den
Mund, weil sie nicht imstande sind, den letzteren ordentlich
aufzumachen. Und wir brauchen weiter nichts, als bloß Leute, die Mund
und Herz am rechten Flecke haben.--Wenn ich mich schon in keinen
großen Hoffnungen wiege, so freue ich mich immerhin gewaltig auf die
nächste Wahlkampagne. Wenigstens wird agitatorisch gefletscht werden,
daß die Funken sprühen. Die Situation ist für uns wie geschaffen.
Fortschritts-Bankrott, Siegestaumel-Katzenjammer, Invalidenfrage,
Wohnungsfrage, Schulfrage, Milliardenfrage, Friedensfrage,
Gründerfrage, "Kulturkampf"-Angelegenheit, Fabrikantenbünde,
Maßregelungen, Verfolgungen, Schubsereien usw. werden ihr Schärflein
zu unsern Gunsten beitragen. Somit konserviere ich meine Lungenflügel
und wetze meinen Schnabel, um dereinst mit wahrer Wollust, wenn die
Wahlschlacht tobt, so manchen politischen Sumpfpiraten in den Grund
bohren zu können.--In Sachsen freilich werde ich direkt nicht
lospauken können, allein es gibt anderwärts auch viele Leute, denen
man die Bretter loslösen muß, welche vor ihre Hirnkästen genagelt
sind. Aus Sachsen wurde ich nämlich polizeilich ausgewiesen, wiewohl
sich die höheren Instanzen noch nicht darüber ausgelassen haben, ob
dieses Ding der gesetzlichen Unmöglichkeit auch durchgeführt werden
soll, allein ich erwarte nichts Gutes, es ist mir aber auch ganz
"schnuppe", wie die Sache abläuft. Weniger "schnuppe", ja geradezu
unbegreiflich ist es mir, daß zu diesem Akt ...[1] der sanfte
Julius[2] bisher nicht zu bewegen war, einen Kommentar zu liefern.
Richtig, das Schönste hätte ich bald vergeben: im Falle ich trotz
Ausweisung wieder in Sachsen mich zeigen sollte, wurde mir aktenmäßig
bedeutet, _steckt man mich in ein Korrektionshaus!!_--Und auch darüber
wird geschwiegen.--Nun, wenn ich wieder frei bin, ist auch noch
Gelegenheit zum------.
Im allgemeinen befinde ich mich sehr wohl und bin bei ausgezeichnetem
Humor. Jetzt lebe wohl, grüße alle Insassen des Sozialistenseminars
und sei auch Du bestens gegrüßt von Deinem
Joh. Most.
Einen anderen Charakter wie der Mostsche Brief hatte ein solcher von
Kokosky an uns. Dieser, der 1871 in Königsberg die "Demokratischen
Blätter" herausgab, mußte diese bald eingehen lassen und trat Ende 1872
auf Einladung von Bracke in die Redaktion des "Braunschweiger
Volksfreund". Kokosky hatte eine sehr humoristische Ader, wovon die
Kneipabende der damaligen Parteitage zu erzählen wissen. Auch er verfiel
dem Schicksal der Parteiredakteure jener Zeit. Es währte nicht lange,
und er hatte so und so viele Monate Haft auf dem Rücken. Diese verdarben
ihm aber nicht den Humor, wie folgender Brief zeigt:
Braunschweig, den 14. Mai 1873
Werte Freunde! Sie haben es gut; vorsorglich hat der väterliche Staat
Sie in sein Gewahrsam genommen, damit Sie in beschaulicher Stille die
Segnungen einer guten Regierung kennen lernen. Haben die drei Männer
im feurigen Ofen Loblieder singen können, warum sollt Ihr es nicht,
wenn es anders die Festungsordnung nicht verbietet, hinter den Mauern
von Hubertusburg können?
Auch mir hat eine gütige Vorsehung drei Monate Festungshaft gewährt,
damit ich wenigstens für einige Zeit den Schreckruf nicht zu hören
brauche: Herr Kokosky, es fehlt Manuskript! Schon der Gedanke hat
etwas Beruhigendes, daß etwaige Briefe, die man empfängt, erst vorher
die Zensur passieren müssen, so daß unangenehme und aufregende
Mitteilungen fern gehalten werden. So enthalte ich mich auch aller
revolutionären Mitteilungen, so gern ich Euch auch über den Stand der
Rüstungen, über die äußerst gelungene Anfertigung der Handgranaten und
Nitroglyzerinbomben, die wahrhaft Wunder verrichten, aufklären möchte.
Nur das eine:
Hamburg, 27. Mai. Petroleum fester; loco R.-M. 16,20-80, per Mai
16,20, Aug.-Dez. 17 B., 16,90 G.
Die Bourgeoisie fängt bereits an, Sie zu beneiden. Als neulich in
einer Bourgeois-Gesellschaft auf die Sozialdemokraten losgezogen
wurde, meinte ein für sehr fein, ja für oberfein gehaltener Börsier:
"Bei den heutigen Börsennachrichten geht mir der Kopf so mit Grundeis,
daß ich Bebel beneiden möchte, daß er ruhig kann sitzen in
Hubertusburg und braucht sich nicht zu kümmern um die Schwankungen der
Kurse. Man gebe so einem Sozialdemokraten so für 30000 Taler
Wechslerbank zu 130 und lasse sie dann fallen auf 85, oder Louise
Tiefbau mit 15 Prozent über Pari, und ich kann Ihnen sagen, sie sind
gestraft genug." So, von dieser Seite müßt Ihr die Sache betrachten
lernen, dann wird das gärende Drachengift sich wieder in die Milch der
frommen Denkungsart verwandeln, mit welcher und mit den herzlichsten
Grüßen--ich schließe, da der Brief zur Post gebracht werden soll--ich
bleibe
Euer treuer Freund und Parteigenosse
S. Kokosky.
* * * * *
Am 29. Oktober 1873 starb der König Johann von Sachsen, und sein Sohn
Albert trat an seine Stelle. Da in der Regel ein solcher Thronwechsel
mit einer Amnestie verbunden ist, hofften auch unsere Frauen auf eine
solche. Man konnte ihnen das nicht verargen, denn sie litten am
härtesten unter unserer Verurteilung und Haft, die wir als eine nicht zu
vermeidende Konsequenz unserer Tätigkeit ansahen. Sobald wir aber von
den erweckten Hoffnungen erfuhren, schrieben wir ihnen, sie möchten
sich nicht mit falschen Hoffnungen tragen. Eine Amnestie werde kommen,
aber nicht für uns. In dem Briefe an meine Frau bemerkte ich: der neue
König werde eher alle Zuchthäusler Sachsens begnadigen als uns. Die
Amnestie fiel sehr mäßig aus, von den zahlreichen gefangenen
Parteigenossen in den verschiedenen sächsischen Gefängnissen wurde nach
meiner Erinnerung nicht einer getroffen. Und das war gut so. Die
allgemeinen Reichstagswahlen, die Anfang 1874 stattfanden, weil damals
der Reichstag nur eine dreijährige Legislaturperiode hatte, zeigten eine
Stimmung, die durch Amnestien nicht hätte verdorben werden dürfen.
Mir kam der Gedanke, daß ich mich auch als Gefangener in sehr nützlicher
Weise an der Wahlagitation beteiligen könnte durch Abfassung einer
Broschüre über die bisherige Tätigkeit des Reichstags, die den
Kandidaten und Agitatoren der Partei das nötige Material liefere.
Gedacht, getan. Die Broschüre erschien rechtzeitig unter dem Titel: Die
parlamentarische Tätigkeit des Reichstags und der Landtage und die
Sozialdemokratie von 1871 bis 1873. Als Anhang hatte ich derselben
die wichtigsten Bestimmungen des Reichswahlgesetzes, der
Wahlgesetzverordnung, der einschlägigen Bestimmungen des
Reichsstrafgesetzbuchs, der Vereinsgesetze und Winke für die Agitation
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