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Kämpfen entgegengehen.
Leipzig, Bezirksgerichtsgefängnis, den 13. März 1871.
Mit sozialdemokratischem Gruß
Euer A. Bebel."
Ich habe in meinem Leben oft das Glück gehabt, angesungen zu werden, und
zwar im guten wie im schlimmen Sinne. Auch in dem jetzt verflossenen
Wahlkampf spielte die Poesie eine, wenn auch zweifelhafte Rolle. So
veröffentlichte der Bürgermeister Hohensteins, natürlich anonym,
folgendes Gedicht:
_Napoleon und Bebel._
Er sitzt auf Wilhelmshöhe,
Er im Bezirksgericht.
Er hat sie in der Zehe
Und er im Kopf die Gicht.
Im "Meeraner Wochenblatt" höhnte ein anderer Anonymus über mich:
"_Der Wilhelmshöher an Bebel_.
Mein lieber Bebel!
Lassen Sie uns ein vernünftiges Wort miteinander reden! Sehen Sie, ich
bin ein alter Praktikus und habe das alles schon durchgemacht, was Sie
noch vor sich haben. Ach, Bebel, wenn mir auch der Schlummerkopf vom
"New-York-Herald" neulich wieder einige Hoffnung gemacht hat--ich
fürcht', ich fürchte doch sehr, es wird mit mir nichts mehr werden.
Mir fehlen die Mittel, noch einmal von vorn wieder anzufangen.
Aber Sie, Bebel, Sie haben ohne Frage eine Zukunft. Sie sind noch
jung, haben ein gewinnendes Aeußeres, einen guten Appetit, eine edle
Dreistigkeit, eine formidable Sprache und ein harmloses Wesen. Kommt
dazu noch die Gunst der Weiber und die Freundschaft der Kirche, so
haben wir alle Eigenschaften beisammen, deren ein junger Mann bedarf,
um en gros sein Glück zu machen.
Jetzt, Bebel, will ich Ihnen ein wichtiges Wort über die Republik
sagen. Die Republik ist eine sehr gute Einrichtung, wenn
man--Präsident derselben ist. Ist man es nicht, so ist die Republik
eine ebenso mangelhafte Staatsform wie alle anderen, das Papsttum mit
einbegriffen. Wie man Präsident wird, Bebel, das will ich Ihnen einmal
unter vier Augen sagen. Das aber kann ich Ihnen gleich ganz offen
sagen, daß von der Präsidentschaft bis zur Kaiserkrone nur ein Schritt
ist." Und so weiter.
In Leipzig hatte man, und das ist von einem gewissen kulturhistorischen
Interesse, die Verhöhnung unserer Personen während unserer Haft noch
weiter getrieben. So wurde in einem Tingeltangel eine Posse aufgeführt,
betitelt: "Nebel und Piepknecht"; in einem anderen größeren Lokal der
Stadt wurde eine Posse aufgeführt, betitelt: "Bebel oder der erleuchtete
Schuster mit seinem Jungen." In dieser Weise machten die "Patrioten"
ihrem Zorn wider uns Luft.
Ein Teil der liberalen Presse war über meine Wahl höchlich aufgebracht
und agitierte dafür, daß der Reichstag bei seinem Zusammentritt sich
gegen meine Freilassung aus der Untersuchungshaft aussprechen sollte.
Die "Magdeburger Zeitung" war von Leipzig aus im gleichen Sinne
inspiriert worden. Darauf veröffentlichte unser Anwalt Otto Freytag eine
Erklärung, in der er ausführte, die Behauptung, wir würden wegen
Landesverrat oder Vorbereitung zum Landesverrat angeklagt, sei eine
Unwahrheit. Wir würden wegen _Vorbereitung zum Hochverrat_, begangen
durch unsere Agitation, angeklagt. _Liebknechts und mein Verhalten in
der Kriegsfrage spiele auch nicht einmal nebensächlich eine Rolle._ Es
sei auch eine dreiste Unwahrheit, wenn behauptet werde, Staatsanwalt und
Untersuchungsrichter würden sich einer Haftentlassung widersetzen. Im
Gegenteil, ihm habe der Untersuchungsrichter erklärt, daß gegen eine
Haftentlassung, nachdem die Untersuchung beendet sei, nicht das
geringste Bedenken vorliege. Ebenso werde der Staatsanwalt _keine_
Bedenken gegen die Freilassung erheben.
Am 27. März stellte Schraps, unterstützt von den Mitgliedern der
Fortschrittspartei, im Reichstag den Antrag auf meine Freilassung. Im
Gegensatz hierzu beantragten die Abgeordneten Dr. Stephani-Leipzig und
Professor Biedermann, den Reichskanzler um Auskunft über den Stand der
Sache zu ersuchen. In ihrem blinden Haß fühlten sie nicht das Kleinliche
und Verächtliche ihrer Handlungsweise. Am 29. März wollte der Präsident
die beiden Anträge auf die Tagesordnung der Sitzung vom 30. März setzen.
Darauf erklärte der Abgeordnete Schraps zur Geschäftsordnung: _Er habe
die Nachricht erhalten, daß wir am gestrigen Tage aus der Haft entlassen
worden seien._
So war es in der Tat. Die sächsische Regierung wollte die Debatte im
Reichstag umgehen, so ordnete sie unsere Freilassung an. Am Nachmittag
des 28. März gegen 4 Uhr wurden plötzlich mit besonderer Hast Schloß und
Riegel an meiner Tür geöffnet, und herein stürzte der Aufseher mit dem
Ruf: Ich glaube, Sie kommen frei! Als ich aus der Zelle trat, standen
Liebknecht und Hepner bereits auf dem Korridor. Ohne ein Wort zu sagen,
stürzten wir uns alle drei in die Arme. Wir hatten uns seit jener
ominösen Versammlung am 15. Dezember mit keinem Auge gesehen. Vor den
Untersuchungsrichter geführt, erklärte dieser, wir seien aus der Haft
entlassen, doch müßten wir durch Handschlag versichern, keinen
Fluchtversuch zu unternehmen und den Bezirk, Stadt- und
Amtshauptmannschaft Leipzig, nicht ohne seine Zustimmung zu
überschreiten. Nachdem wir unsere Siebensachen zur Abholung bereit
gestellt, eilten wir fort nach Hause, wo es ein frohes Wiedersehen gab.
Mein Töchterchen sprang mir mit einem Freudenschrei an den Hals.
Zwei Tage danach, am 30. März, wurde auch der Braunschweiger Ausschuß
aus der Haft entlassen. Das Obergericht zu Wolfenbüttel hatte die
Erhebung einer Anklage wegen _Hoch-und Landesverrat abgelehnt_. Die
Braunschweiger hatten 200, wir 101 Tage in der Haft zugebracht.
Optimisten nahmen an, daß nunmehr auch wider uns die Anklage auf
Hochverrat fallen würde.
Der Braunschweiger Ausschuß wurde darauf im Herbst 1871 von dem
Kreisgericht in Braunschweig wegen einer Reihe Verstöße wider
verschiedene Paragraphen des Strafgesetzes verurteilt, und zwar Bracke
und Bonhorst zu 16 Monaten, Spier zu 14 Monaten, Kühn zu 5 Monaten
Gefängnis. Auf erhobene Nichtigkeitsbeschwerde hob das Obergericht zu
Wolfenbüttel das erste Urteil auf und verurteilte die Genannten wegen
Verstoßes gegen das Vereinsgesetz: Bracke und Bonhorst zu 3 Monaten,
Spier zu 2 Monaten Gefängnis und Kühn zu einer 6wöchigen Haft. Die
Strafen wurden durch die Untersuchungshaft als verbüßt erachtet.
Meine weitere parlamentarische Tätigkeit, der Leipziger
Hochverratsprozeß und anderes.
Die erste Session des deutschen Reichstags.
Am 2. April 1871 fuhr ich zur Ausübung meines Mandats nach Berlin. Der
Reichstag, der diesmal in besonders feierlicher Weise durch den Kaiser
unter Anwesenheit der gesamten deutschen Fürsten und Vertreter der
freien Städte am 23. März eröffnet worden war, tagte im preußischen
Abgeordnetenhaus am Dönhofplatz.
Zunächst besuchte ich meine frühere Wirtin, um zu hören, ob ich wieder
Wohnung bei ihr bekommen könne. Sie erklärte, daß sie zu ihrem großen
Bedauern mich nicht in Wohnung nehmen dürfe. Nachdem Liebknecht und ich
im Dezember abgereist seien, _sei die Polizei zu ihr gekommen und habe
ihr heftige Vorwürfe gemacht, daß sie uns Wohnung gegeben habe_. Wir
waren in jener Session auf Schritt und Tritt durch Geheimpolizisten
überwacht worden, als seien wir Verbrecher. Wie uns erging es den Polen.
Kleinlichkeit und Gehässigkeit, mit einem Wort Unanständigkeit ist das
Charakteristikum der politischen Polizei, sobald es sich um die
Verfolgung von Gegnern der Staatsgewalt handelt. Das lernten wir später
auch als sächsische Landtagsabgeordnete in Dresden kennen.
Als ich in den Reichstag trat, waren die Plätze auf der Linken besetzt,
nur auf der äußersten Rechten waren noch solche frei. Dorthin begab ich
mich, obgleich mir die Nachbarschaft der ehrenwerten Herren der
äußersten Rechten nicht sehr sympathisch war. Aber sie begriffen mein
Unglück und ließen mich nicht entgelten, daß ich als Saul unter die
Propheten geraten war. Sie benahmen sich durchaus als Gentlemen,
obgleich auch ihnen meine Nachbarschaft sicher unangenehm war. Manchmal
entstand im Hause Heiterkeit, wenn die Linke gegen die Rechte stimmte
und ich auf der äußersten Rechten mich mit der Linken erhob. Unter
Larven die einzig fühlende Brust.
Die Generaldebatte über die Reichsverfassung, die nunmehr nach den
nötigen redaktionellen Aenderungen auch der deutsche Reichstag
gutzuheißen hatte, wurde bereits zu einer Kulturkampfdebatte. Die
Unfehlbarkeitserklärung des Papstes auf dem vatikanischen Konzil zum Rom
im Jahre 1870 hatte die Geister wach gerufen, und namentlich brannten
die Liberalen darauf, das, was sie an bürgerlicher Freiheit preiszugeben
bereit waren, durch hochtönende Kulturkampfpauken (die Bezeichnung
Kulturkampf hatte der Abgeordnete Professor Virchow erfunden) vergessen
zu machen. Die katholische Partei hatte sich als Zentrum konstituiert
unter Führung von Windthorst und Malinckrodt. Unter den Kulturkämpfern
ragte namentlich Kiefer-Baden hervor, der eine hohe Richterstelle
bekleidete. Als ich am 3. April zum Wort kam, sprach ich meine
Verwunderung aus über den religiösen Charakter, den die Debatten
angenommen hätten. Es scheine, daß im neuen Deutschen Reich die
religiösen Debatten alles andere verdrängen sollten. Jemanden, der wie
ich in den zwei Sitzungen, denen ich bis jetzt beigewohnt, außer
Religion kaum etwas anderes zu hören bekommen und mit den religiösen
Dogmen vollständig gebrochen habe, koste es eine gewisse
Selbstüberwindung, diesen Verhandlungen länger zuzuhören. (Heiterkeit.)
Ich griff darauf die Nationalliberalen an, deren Redner, Professor v.
Treitschke, erklärt hatte, Grundrechte für eine Verfassung zu fordern,
gehöre in die Zeit der politischen Kinderjahre. Ich stimmte ihm zu, denn
politische Kinderei sei es gewesen, wenn man 1849 dem König von Preußen
zugemutet habe, eine Verfassung anzunehmen, die volle Preßfreiheit,
volle Vereins- und Versammlungsfreiheit, Trennung der Kirche vom Staate,
Gewährleistung der persönlichen Freiheit und andere schöne Dinge
verlangte. Es sei allerdings kindlich, das einem Hohenzollern zuzumuten.
Ich kritisierte weiter die Liberalen, die lieber alle Freiheiten
preisgäben, als sich mit einer Partei, die als revolutionär gelte,
einzulassen. Indessen hoffte ich, daß, ehe das neunzehnte Jahrhundert zu
Ende gegangen sei, wir alle unsere Forderungen verwirklicht hätten.
(Große Unruhe.) Diese Ansicht war, wie sich inzwischen gezeigt hat, sehr
optimistisch.
Nach mir sprach Miguel, der meinte, er werde nicht mit mir diskutieren,
vorläufig sei mein Partei noch keine Gefahr. Das sei anders mit den
Herren vor ihm (dem Zentrum), gegen die er losdonnerte. Zum Schluß der
Sitzung nahm ich das Wort zu einer persönlichen Bemerkung gegen Miguel.
Er habe sich etwas wegwerfend über meine Partei ausgelassen. Ich
wunderte mich darüber nicht, ich wolle aber doch konstatieren, daß der
Abgeordnete Miguel--allerdings zu einer Zeit, wo er weder Bankdirektor
noch Oberbürgermeister gewesen sei--zu derselben Partei gehört hätte,
die er heute bekämpfte, _nämlich zur kommunistischen_. Das Haus war über
diese Enthüllung verdutzt. Miguel schwieg. Nach der Sitzung traten eine
ganze Anzahl Abgeordnete an mich heran, um zu hören, inwiefern der
erhobene Vorwurf wahr sei! Der Abgeordnete Miguel behandelte mich von
jetzt ab mit einer gewissen Hochachtung.
Kaum hatte man die Verfassungsberatung hinter sich, so kamen
Schulze-Delitzsch und Genossen und beantragten die Aenderung des
Artikels 32 der Verfassung zwecks Einführung der Diäten. Bei der
Verfassungsberatung hatte man diesen Antrag nicht gestellt, obgleich er
dort am Platze war. In einer Rede, die ich dazu hielt, führte ich aus,
daß nur die Angst vor der Sozialdemokratie die Herren abhielt, die
Diäten durchzusetzen, die in allen anderen Vertretungskörpern eingeführt
seien. Bismarck verhöhnte die Antragsteller. Er wolle nicht mit voller
Sicherheit entscheiden, ob die Versammlung in ihrer Zusammensetzung nach
der Einführung der Diäten noch dieselbe sei. Aber er wolle den Versuch
nicht machen, es wäre ihm zu schmerzlich, wenn er sich vergeblich nach
der liebgewonnenen Versammlung zurücksehnen solle. (Große Heiterkeit.)
Das Herrenhaus, das keine Diäten erhalte, habe immer die Neigung, die
Sitzungen abzukürzen, bei dem Abgeordnetenhaus, das Diäten erhalte, sei
das Gegenteil der Fall.
Am 24. April stand die Beschaffung weiterer Geldmittel zur Bestreitung
der durch den Krieg veranlaßten außerordentlichen Ausgaben auf der
Tagesordnung. Die französische Nationalversammlung hatte zwar am 26.
Februar dem Präliminar-Friedensvertrag ihre Zustimmung gegeben, aber die
Frage der Kriegskostenzahlung war noch nicht endgültig erledigt. Man
brauchte für die große Armee in Frankreich weiter Geld. Bismarck nahm
zunächst das Wort, um die Notwendigkeit der Vorlage zu begründen. Bis
jetzt habe Frankreich seine Zahlungsverpflichtungen nicht einhalten
können. Man könne ja in die inneren Verhältnisse Frankreichs eingreifen,
aber das wolle man nicht, es sei daher wünschbar, Frankreich Zeit zu
lassen, sich zu rangieren. Ich nahm nach Bismarck das Wort. Seine
Erklärung zeige, daß er mit seiner Politik in der Klemme sei. Ich legte
dann noch einmal unseren Standpunkt in der Kriegsfrage dar. Hätte man
nicht auf der Annexion bestanden, so wäre der Friede schon seit vielen
Monaten geschlossen worden. Ungeheure Verluste an Menschen und Geld
wären uns erspart geblieben, und die Lage Deutschlands wäre eine viel
günstigere geworden, als sie jetzt sei. Zwei Milliarden damals seien
mehr wert gewesen, als heute fünf. Außerdem werde keine Regierung in
Frankreich, heiße sie wie sie wolle, den Verlust von Elsaß-Lothringen
vergessen dürfen. Frankreich werde nach Bündnissen suchen, und Rußland
werde künftig anders zu der Frage stehen. Daß es dem Reichskanzler
gelingen werde, Rußland ebenso über den Löffel zu barbieren, wie ihm das
mit Napoleon gelungen sei, bezweifelte ich sehr. (Stürmische
Heiterkeit.) _Sicher sei, daß wir künftig ein viel höheres Militärbudget
aufzubringen haben würden, als dieses bei einer vernünftigen
Verständigung mit Frankreich unter Verzicht auf die Annexionen der Fall
wäre._ Wie Napoleon in Frankreich, so werde der Reichskanzler in
Deutschland in seiner Politik durch die Bourgeoisie unterstützt. Es
seien nur die Arbeiter hüben und drüben gewesen, die allein für den
Frieden eingetreten seien. Man sehe jetzt wieder, wie die so viel
angegriffene und verleumdete Kommune mit der größten Mäßigung vorgehe.
(Große, anhaltende Heiterkeit.)--Die Kommune war seit dem 18. März in
Paris proklamiert worden.--Ich sei durchaus nicht mit allen Maßregeln,
die die Kommune ergriffen, einverstanden, aber sie sei zum Beispiel der
großen Finanz gegenüber mit einer Mäßigung verfahren, die wir vielleicht
in einem ähnlichen Falle in Deutschland schwerlich anwenden würden.
(Heiterkeit.) Herr v. Kardorff nahm mir gegenüber das Wort, um
festzustellen, daß ganz Deutschland _ohne_ Annexion den Frieden nicht
gewollt habe, was ich durch heftigen Widerspruch bestritt.
In dieser Session wurde auch der Gesetzentwurf betreffend die
Verpflichtung zum Schadenersatz (Haftpflichtgesetzentwurf) bei Unfällen
beraten. Ich nahm bei der dritten Lesung das Wort und hob hervor, daß
die Hoffnungen, die man in Arbeiterkreisen an das Gesetz geknüpft,
einmal schon durch den Regierungsentwurf, nachher aber noch mehr durch
die Beschlüsse des Reichstags zunichte gemacht worden seien. Ich wies
dieses in längeren Ausführungen nach. Insbesondere kritisierte ich
scharf den §4, den Lasker in den Entwurf gebracht hatte, wonach der
ganze Betrag der Leitungen aus Versicherungsanstalten, Knappschafts-,
Unterstützungs-, Kranken-oder ähnlichen Kassen, wenn zu der
Versicherungssumme der Unternehmer mindestens ein Drittel zahle, auf die
Gesamtentschädigung einzurechnen sei. Der Unternehmer, der den Nutzen
aus der Arbeit des Arbeiters ziehe, sei auch allein verpflichtet, ihn im
Falle des Unfalls voll zu entschädigen.
Schließlich verlangte ich, daß bei Feststellung der Entschädigungen aus
den Kreisen der beiden beteiligten Parteien Sachverständige in der Form
von Geschworenen oder Schöffen hinzugezogen würden, und zwar Unternehmer
und Arbeiter in gleicher Stärke. So wie der Gesetzentwurf jetzt
vorliege, vermöchte ich nicht für denselben zu stimmen.
Da ich im Reichstag allein stand, Schraps zählte ernsthaft nicht mit,
war ich gezwungen, häufiger als sonst in Berlin zu sein, um den
Sitzungen beizuwohnen. Nun verlangte aber auch mein Geschäft dringend
meine Anwesenheit. Das Unbehagliche dieser Zwitterstellung lastete
schwer auf mir und kam in einem Briefe vom 10. Mai an meine Frau zum
Ausdruck, der ich schrieb:
"Es ist eine unsäglich langweilige Wirtschaft hier und meine Stellung
mir deshalb im höchsten Grade unangenehm. Dieser Widerspruch zwischen
meiner Stellung und der Notwendigkeit, im Geschäft auf dem Platze sein
zu müssen und zu wollen, ist es, was die schlimme Stimmung erzeugt,
die Du und andere an mir bemerkt haben."
Diejenigen, die mich damals wegen meiner Tätigkeit im Reichstag
bejubelten, ahnten nicht, wie mir zumute war.
Am 25. Mai mußte ich wieder ins Feuer. Auf der Tagesordnung stand der
Gesetzentwurf betreffend die Vereinigung von Elsaß-Lothringen mit dem
Reiche; zugleich sollte, zunächst bis zum 1. Januar 1873, die Diktatur
in Elsaß-Lothringen aufrechterhalten werden. Wiederum ging ich auf den
Verlauf des Krieges ein und auf die Versicherung des Königs von Preußen,
daß der Krieg ein Verteidigungskrieg sei. Die Annexion widerspreche
dieser Versicherung. Die Annexion bedeute nur eine Stärkung der
Hohenzollernschen Hausmacht. In Elsaß-Lothringen werde nur so regiert
werden, wie der Kaiser es wolle. Was aber die Diktatur bedeute, hätten
wir seinerzeit nach der Annexion von Hannover erlebt, wie ich an
Beispielen nachwies. Man habe hier von der französischen
Präfektenwirtschaft gesprochen, von der angeblich die Elsaß-Lothringer
erlöst werden sollten; die preußische Landratswirtschaft sei aber um
kein Haar besser, eher schlimmer. Habe man doch kürzlich einem in
Solingen zum Bürgermeister Gewählten die Betätigung versagt, weil er als
Beamter die Aktenschwänze nicht in Ordnung gehalten habe. (Große
Heiterkeit.) Der Reichskanzler habe neulich in einer Sitzung, der ich
nicht beiwohnen konnte, davon gesprochen, man müsse Elsaß-Lothringen die
preußische Städtefreiheit bringen. Ja, er habe sogar gesagt, daß die
Bestrebungen der Kommune im Grunde darauf hinausliefen, die preußische
Städteordnung in Paris einzuführen. Dafür aber zu kämpfen, lohnte nicht
die Mühe, denn diese sei keinen Schuß Pulver wert. Habe aber der
Reichskanzler recht, dann begriffe ich nicht, wie er in dem
Friedensvertrag--der am 10. Mai in Frankfurt beiderseitig ratifiziert
worden war--die Bestimmung aufnehmen konnte, wonach der französischen
Regierung die gefangenen Armeen zur Niederwerfung der Kommune zur
Verfügung gestellt werden sollten. Auch habe er in demselben
Friedensvertrag festgesetzt, daß dreißig Tage nach dem Falle der Kommune
Frankreich die ersten 500 Millionen Franken Kriegsentschädigung zu
zahlen habe. Das sei doch eine seltsame Art, wie er die Kämpfer für die
preußische Städteordnung in Paris behandle. Werde aber so von deutscher
Seite die Kommune bekämpft, so wolle ich meinerseits erklären, daß das
europäische Proletariat hoffnungsvoll auf Paris sehe. Der Kampf in Paris
sei nur ein kleines Vorpostengefecht, und ehe wenige Jahrzehnte ins Land
gegangen seien, werde der Schlachtruf des Pariser Proletariats: Krieg
den Palästen, Friede den Hütten, Tod der Not und dem Müßiggang! der
Schlachtruf des europäischen Proletariats sein. Ich schloß meine Rede,
indem ich der Hoffnung Ausdruck gab, die elsaß-lothringische Bevölkerung
werde, ihrer freiheitlichen Mission bewußt, den freiheitlichen Kampf mit
uns in Deutschland aufnehmen, damit endlich die Zeit komme, wo die
europäischen Bevölkerungen ihr volles Selbstbestimmungsrecht erlangten,
das sie aber nur erreichen könnten, wenn die Völker Europas in der
republikanischen Staatsform das Ziel ihrer Begebungen erblicken würden.
(Unruhe.)
Fürst Bismarck äußerte im Herbst 1878 bei der Beratung des
Sozialistengesetzes, es sei diese meine Rede gewesen, die ihm die
Gefährlichkeit des Sozialismus vor Augen führte. Davon war an jenem
Tage, an dem ich diese Rede hielt, nichts zu bemerken. Fürst Bismarck
nahm unmittelbar nach mir das Wort und begann: Befürchten Sie nicht, daß
ich dem Herrn Vorredner antworte; Sie werden alle mit mir das Gefühl
teilen, daß seine Rede in diesem Saale einer Antwort nicht bedarf.
(Zustimmung.) Das war alles, was er gegen mich äußerte. Auch die
folgenden Redner machten es sehr gnädig mit mir, sie erwähnten mich
kaum. Dafür ging draußen in der Presse der Lärm um so ärger gegen mich
los. Darauf erklärte Liebknecht im "Volksstaat" kategorisch: Was Bebel
gesagt, hat er sagen müssen; es war seine Pflicht, für die Kommune
einzutreten! Mitten in dem Toben gegen mich erschien eine
Sonntagsplauderei in der "Berliner Börsen-Zeitung", die in einem ganz
anderen, und zwar viel harmloseren Ton gehalten war. Offenbar rührte sie
von Stettenheim her, der damals Redakteur der "Berliner Wespen" war. Ich
hatte Stettenheim im Verein "Berliner Presse" kennen gelernt, den ich
manchmal auf Einladung von Robert Schweichel besuchte. Dieses ist auch
der Verein, von dem Stettenheim in der Plauderei spricht. Darin hieß es,
soweit sie sich auf mich bezieht:
"Berlin ist ruhig!
Die Schüsse, welche man dann und wann hört, bedeuten nicht die
Hinrichtung von Insurgenten, es sind Aeußerungen des artilleristischen
Examens in Tegel, und der Qualm, welcher den Horizont einhüllt, ist
nicht der Rauch flammender Paläste, es ist der Kongreß der
verschiedenen Sorten Staubes, welcher aus allen Ecken unserer
geliebten Stadt aufsteigt und die Luft von Tauben, Spatzen und anderem
Gefieder reinigt.
Wir teilen dies in aller Eile und aus bester Quelle mit, um ängstliche
Gemüter, deren Berlin sehr viele zählt, zu beruhigen....
... In der 'Kreuzzeitung' taucht sogar eine Mutter von acht Söhnen
auf, welche alle Mitmütter Berlins auffordert, den Kaiser zu bitten,
zur Verhütung eines gleich schrecklichen Strafgerichts wie des Pariser
alles vernichten und zerstören zu lassen, was Berlin an Anstalten,
Aufführungen, Bildern, Büchern usw. besitzt, welche der Moralität
unserer Kinder schädlich sein könnten....
... So hat die Rede Bebels gewirkt!
Wir halten es für unsere Pflicht, Oel in die aufgeregten Wogen der
Phantasie zu gießen, welche eine Mutter von acht Söhnen an die
Inseratengestade der 'Kreuzzeitung' schleudert.
Die Rede Bebels war allerdings etwas heftiger Art. Sie unterscheidet
sich von gewöhnlichen Tischreden durch Drohungen und Betrachtungen,
welche furchtsame Ohren erzittern machen. 'Krieg den Palästen!' klingt
etwas ungewöhnlich. Bei einem solchen Ausruf wird bekanntlich
vorzugsweise jeder unruhig, der kein Palais besitzt, sondern zur Miete
wohnt. Der Palastbewohner von Berlin pflegt sich auf seinen Portier zu
verlassen, der sich im Falle mit verdächtigen Besuchern herumbalgt,
bis der Schutzmann erscheint und die Uebelwollenden zur Wache führt.
Bebel rief: Krieg den Palästen! Er setzte allerdings hinzu: Friede den
Hütten! Das aber ist kein Balsam für das blutende Herz einer Mutter
von acht Söhnen.... Friede den Hütten! Was will das sagen?
Es gibt vor allen Dingen gar keine Hütten mehr. Man baut nur noch
drei-, vierstöckige Häuser. Wo steht in Berlin eine Hütte? Mit
Hüttenfrieden ist wenigen gedient, und Bebel kann ihn versprechen,
wie er auch allen, welche Sandalen tragen, Steuerfreiheit versprechen
könnte. Steuerfreiheit ist nicht übel, aber wer trägt heute Sandalen?
Mittags hatte Bebel seine Brandfackel zu Protokoll gegeben, abends
trafen wir ihn in einem Verein.
Dieser Verein treibt keine Politik, sondern anderen Unsinn. Man kürzt
sich die Zeit mit allerlei Gesprächen und Bieren.
Man denke sich einen robusten Mann mit rötlichem Haar und
energieträchtiger Nase--das ist Bebel nicht!
Bebel ist eine zierliche Erscheinung. Aus einem hübschen Gesicht
strahlen Augen, welche gewiß schon viele Frauenherzen auf dem Gewissen
haben. Aber Bebel ist kein Don Juan. Er ist solide, sogar philiströs,
am allerwenigsten kokett, hauptsächlich bescheiden. Wir haben bemerkt,
daß er das Feuerzeug weit wegschob, weil ihn der Schwefelgeruch
augenscheinlich belästigte.
Und nun fragen wir jede Mutter, ohne von jeder acht Söhne zu
beanspruchen, wir fragen jeden Berliner Junggesellen, Verlobte, Väter,
Großväter: Sieht Bebel, welchen man nach seiner Rede für den deutschen
Haus- und Gebäude-Nero halten möchte, wie seine Rede aus? Wir boten
Bebel eine Zigarre an.
Ich rauche nicht! sagte Bebel elegant abwehrend.
Sollen wir noch etwas zur Beruhigung der Haupt- und Residenzstadt
anführen? Bebel raucht nicht. Bebel zündet keine Zigarre an--und er
sollte Paläste anzünden?
Wir haben leider vergessen, ihn zu fragen, ob er abends Oel oder Gas
brennt. Wir sind überzeugt davon, daß Bebel kein Petroleum im Hause
hat. Und ein solcher Mann sollte----?
Nein! Bebels Seele ist frei von Petroleum!
Zum Ueberfluß verwickelten wir ihn noch in ein Gespräch über die
Paläste und ähnliche Gebäude in Berlin, die er nicht einmal alle
kannte, und wiesen vorsichtshalber darauf hin, daß Berlin recht arm an
Palästen sei, so daß es gar nicht die Mühe lohnte, einen Krieg gegen
sie zu unternehmen. Bebel fiel es augenscheinlich nicht einmal ein,
daß wir mit Bezug auf seine Rede also sprachen, das 'Krieg den
Palästen' war ihm ohne Zweifel nur so herausgefahren. 'Was nun die
Berliner Hütten betrifft,' fuhren wir fort, 'so ist in erster Linie
der Eisbock zu nennen, hinter welchem reichlich unschönen Bauwerk alle
anderen Hütten zurückstehen. Würde er verschwinden, so dürfte Berlin
kaum bestürzt sein.' Bebel hatte höflich zugehört, aber er begriff
kaum unsere Andeutung, daß ein 'Krieg den Hütten' uns am Ende, und
zwar auf eine einzige beschränkt, viel willkommener wäre als irgend
eine andere Demolierung, worin er uns recht zu geben schien, denn ihm
gefiel der Eisbock ebensowenig wie irgend einem anderen Sterblichen.
So haben wir also Bebel von seiner Rede zu trennen. In unseren
Parlamenten wird manches gesprochen, was sich besser, respektive
schrecklicher liest, als es sich einfach ausgeführt denken läßt.
Erinnern sich unsere geehrten Leser gefälligst der Dreizackrede des
Abgeordneten Ziegler: 'Der Kultusminister muß fort von seinem Platz!'
Herr v. Mühler saß dabei und zuckte die Achsel. Heute noch sitzt er
'aufrecht auf der Matte'.
Bebel ist der Ziegler der Paläste!
Ziegler ist der Bebel des Kultusministers."
Die Ausführungen, die ich in den hier von mir zitierten Reden über die
Pariser Kommune machte, werden einem sehr erheblichen Teile meiner Leser
unverständlich sein. Ein Teil derselben weiß überhaupt nicht, was die
Kommune war, ein anderer Teil ist in Vorurteilen befangen durch das, was
er gegen die Kommune las, nur der kleinste Teil kennt die Geschichte der
Kommune. Unsere Stellung zu derselben spielte aber in den
Kämpfen--insbesondere in den Wahlkämpfen der siebziger und achtziger
Jahre--eine große Rolle. Ich mußte sogar noch in den neunziger Jahren
unsere Stellung zur Kommune im Reichstag verteidigen.
Im März 1876 hatte ich in Leipzig eine große Disputation mit dem
Hauptagitator der Leipziger Nationalliberalen Bruno Sparig, auf die ich
an geeigneter Stelle zurückkommen und meine damaligen Ausführungen über
die Kommune zum Abdruck bringen werde.
* * * * *
Der Reichstag wurde gegen Ende Mai 1871 geschlossen. Zu Hause
angekommen, machte ich die Bekanntschaft von _Johann Most_, der nach
seiner Amnestierung aus Oesterreich ausgewiesen worden und nach Leipzig
gekommen war. Nach seiner Haftentlassung wurde sein Brief bekannt, den
er an seinen Vater geschrieben hatte, der in Augsburg, irre ich nicht,
Beamter bei einer Kirchenstiftung war. Der Vater hatte versucht, den
Sohn von seinen "Irrwegen" abzubringen.
Most hatte darauf am 13. Januar 1871 unter anderem geantwortet:
"Ich versichere es Ihnen: Wenn Sie mir eine Stelle mit einem
Monatsgehalt von 1000 Gulden offerierten und ich einer mir
gesinnungsfeindlichen Partei dienen sollte, und wenn mir andererseits
von seiten meiner Parteigenossen nur trockenes Brot entgegengehalten
würde, so würde ich, ohne mich zu besinnen, nach dem trockenen Brote
greifen."
Dieser Brief spricht sehr zugunsten von Mosts Charakter. Was er schrieb,
war seine ehrliche Ueberzeugung, denn Most war im Grunde eine
vortrefflich angelegte Natur. Wenn er später unter dem Sozialistengesetz
immer mehr auf Abwege geriet, Anarchist und Vertreter der Propaganda der
Tat wurde, ja schließlich sogar, er, der immer ein Muster von
Enthaltsamkeit war, als Trunkenbold in den Vereinigten Staaten
endete, so legte den Grund zu dieser schlimmen Entwicklung das
Sozialistengesetz, das ihn wie so viele andere außer Landes trieb. Wäre
Most unter dem Einfluß von Männern geblieben, die ihn zu leiten und
seine Leidenschaftlichkeit zu zügeln verbanden, die Partei hätte in ihm
einen ihrer eifrigsten, opferwilligsten und unermüdlichen Kämpfer
behalten. Er hat später als Redakteur der von ihm gegründeten
"Freiheit"--die erst in London, nachher in New York erschien--mich oft
heftig angegriffen. Noch schlimmer als mich behandelte er Ignaz Auer und
Liebknecht. Aber dennoch ist mir leid, daß er, der gut Veranlagte, so
elend zugrunde ging.
Most wurde in Leipzig nach wenigen Tagen seiner Anwesenheit ebenfalls
ausgewiesen. Er ging nach Chemnitz, woselbst er Redakteur der
"Chemnitzer Freie Presse" wurde und den großen Metallarbeiterstreik
leitete, der im Hochsommer 1871 zum Ausbruch kam.
* * * * *
Die Partei hatte sich von den Wirkungen der Kriegszeit rasch erholt. Die
glänzende industrielle Prosperitätsperiode, die jetzt begann, kam der
Bewegung zustatten. Daß die deutsche Frage einen Abschluß erlangt hatte,
der, wenn er auch uns nicht gefiel, zunächst keine Aussicht auf
Aenderung bot, beseitigte verschiedene Differenzpunkte, die bisher
zwischen den streitenden Arbeiterparteien bestanden. Das Schlachtfeld
wurde übersichtlicher und vereinfachter. In der Eisenacher Partei, wie
unsere Partei kurz genannt wurde, erschienen in Bälde eine Anzahl
Parteiorgane. So neben den Blättern in Crimmitschau und Chemnitz solche
in Braunschweig, wo der unermüdliche, immer opferbereite Bracke den
"Volksfreund" ins Leben rief und eine eigene Druckerei gründete, ferner
in Hamburg-Altona, Dresden, Nürnberg, Hof, später in München und Mainz.
Dagegen ging der "Proletarier" in Augsburg Mitte Juni ein.
Der erste deutsche Webertag.
Die Prosperitätsepoche, die nach dem Deutsch-Französischen Krieg
einsetzte, stimulierte die Arbeiterkreise zur Gründung neuer und
Ausdehnung der vorhandenen gewerkschaftlichen Organisationen. Ein
solches Bedürfnis machte sich auch unter der Weberbevölkerung geltend,
deren Lage eine besonders gedrückte war. Aus meinem Wahlkreis wurde die
Anregung zu einem deutschen Webertag gegeben, der vom 28. bis 30. Mai
1871 in Glauchau tagte. Derselbe war von 147 Delegierten besucht, die
134 Mandate aus 85 Orten zu vertreten hatten. Unter den Delegierten
befand sich auch der spätere Reichstagsabgeordnete Harm-Elberfeld, der
damals im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein stand. An Stelle von
Motteler, der eine notwendige Geschäftsreise zu unternehmen hatte, war
mir das Referat über die drei Fragen übertragen worden: 1. Wie ist es
gekommen, daß in der Weberei die Löhne so gedrückt sind? 2. Wie sind sie
zu heben? 3. Wie sind sie den Zeitverhältnissen entsprechend zu
erhalten? Im Laufe des Vortrags wies ich darauf hin, daß durch die
Annexion von Elsaß-Lothringen mit seiner hochentwickelten
Baumwollspinnerei und -weberei den gleichen deutschen Industriezweigen
eine gewaltige Konkurrenz erwachsen dürfte, die zweifellos auch eine
revolutionierende Wirkung auf die Art der bisherigen Produktionsweise in
Deutschland (weite Verbreitung der Hausweberei) ausüben werde.
Glauchauer Kaufleute, die als Zuhörer anwesend waren und damals durch
ihre Faktoren in der Hausweberei arbeiten ließen, hörten diese
Ausführungen mit Kopfschütteln an. Als ich aber nach langer Haft im
Jahre 1875 in meinen Wahlkreis zurückkehrte, wurde mir allseitig die
Richtigkeit meiner Ausführungen bestätigt. Davon überzeugte mich auch
der Anblick der Städte in meinem Wahlkreis, in denen in wenig Jahren die
Fabriken wie Pilze aus dem Boden gewachsen waren. Ich empfahl, mit den
elsaß-lothringischen Webereiarbeitern Fühlung zu nehmen. Weiter
beantragte ich Resolutionen, die ein Verbot der Kinderarbeit in den
Fabriken und die gesetzliche Einführung eines zehnstündigen
Normalarbeitstags verlangten, die einstimmig angenommen wurden. Ferner
wurde gegen zwei Stimmen die Abschaffung der Sonntagsarbeit zu fordern
beschlossen. Eine andere von mir eingebrachte Resolution, die nach
lebhaften Erörterungen ebenfalls Zustimmung fand, betraf die
Arbeitseinstellungen, und lautete:
"Der allgemeine deutsche Webertag empfiehlt allen Fachgenossen, bei
Organisierung von Streiks mit der größten Vorsicht vorzugehen und
unter keinen Umständen eine Arbeitseinstellung vorzunehmen, wenn nicht
die Gewißheit vorhanden ist, daß durch genügende Mittel und
Unterstützung der Erfolg gesichert ist."
Bezüglich der Schiedsgerichte schlug ich folgende Resolution vor:
"Der erste allgemeine deutsche Webertag erachtet es für wünschenswert,
daß sich Schiedsgerichte bilden, die zu gleichen Teilen aus Arbeitern
und Arbeitgebern bestehen, um Differenzen, durch die ein Streik droht,
auf gütlichem Wege auszugleichen."
Schließlich wurde ein Komitee von fünf Personen niedergesetzt (Sitz
Glauchau), das die Agitation und Organisation der Fachgenossen in die
Hand nehmen und regelmäßig Zirkulare herausgeben sollte mit
fachgenössischen Mitteilungen. Es fand auch ein zweiter Webertag in
Berlin statt, und eine Anzahl Zirkulare wurden ebenfalls herausgegeben,
dann aber brach die Bewegung wieder zusammen.
Weiteres aus Sachsen.
Zum 14. Juni 1871 hatten wir in Leipzig eine Volksversammlung einberufen
mit der Tagesordnung: "Die hohen Kommunalsteuern und die städtische
Verwaltung". Leipzig hatte seit 1848 keine solche Beteiligung gesehen
wie bei dieser Versammlung. Eine wahre Völkerwanderung begann nach dem
Versammlungslokal, das, obgleich es 5000 Köpfe faßte, kaum den dritten
Teil der Besucher aufnehmen konnte. Die Versammlung war eine Antwort auf
die heftigen Angriffe, welche die Leipziger Presse gegen unsere Partei
und speziell gegen mich wegen meines Auftretens im Reichstag inszeniert
hatte. Ich ging mit der Stadtverwaltung streng ins Gericht. Die von mir
vorgeschlagenen Resolutionen tadelten das _Steuersystem_, das die
kleinen Leute zugunsten der Wohlhabenden ungerecht belaste, sie tadelten
ferner die _Verwendung_ der Gemeindesteuern, die hauptsächlich im
Interesse der besitzenden Klasse erfolge, und forderten, da diese
Wirtschaftsweise nur durch das begehende Klassenwahlgesetz möglich sei,
die Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten
Wahlrechts. Die Versammlung nahm unter stürmischem Beifall meine
Vorschläge gegen drei Stimmen an. Die liberale Presse tobte.
Jetzt begann auch die Aera der Verfolgungen in Sachsen. Im Juli wurde
Vahlteich, der als Stellvertreter für Hirsch am "Crimmitschauer Bürger-
und Bauernfreund" eingetreten war, als letzterer die Redaktion des
"Volksstaat" übernahm, wegen Majestätsbeleidigung durch die Presse zu
drei Monaten Festungshaft verurteilt. Kurz darauf erhielt Karl Hirsch
wegen desselben Deliktes vier Monate Festungshaft.
Den 3. August eröffnete die Staatsanwaltschaft Liebknecht, Hepner und
mir, daß sie gegen uns die Anklage auf Vorbereitung zum Hochverrat
erheben werde, außerdem gegen Liebknecht wegen Majestätsbeleidigung. Am
27. September beschloß die Anklagekammer, dem Antrag der
Staatsanwaltschaft stattzugeben. Die von uns hiergegen eingelegte
Nichtigkeitsbeschwerde bei dem Oberappellationsgericht in Dresden wurde
am 10. November _verworfen_.
Der Dresdener Parteikongreß.
Derselbe war auf den 12. bis 14. August 1871 berufen worden. Er war von
56 Delegierten besucht, die 6220 Parteigenossen aus 75 Orten zu
vertreten hatten. Ich wurde erster, Bracke zweiter Vorsitzender. Die
Tagesordnung war interessant und die Verhandlungen wurden sehr lebhafte.
In der Eröffnungsrede konstatierte ich mit Genugtuung, daß der Kongreß
in der Hauptstadt desjenigen Landes tage, in dem die Sozialdemokratie am
heftigsten verfolgt würde, was ihr keinen Schaden tun werde. Die
"Berliner Volkszeitung", die zu jener Zeit unter ihrem Redakteur
Bernstein der Partei besonders feindlich gesinnt war, führte Klage
darüber, daß der Leipziger Untersuchungsrichter uns (Liebknecht, Hepner
und mir) die Beteiligung am Kongreß nicht verboten habe, was er nicht
konnte. Bork war Referent über den gesetzlichen Normalarbeitstag. Er
hielt eine gute Rede und befürwortete eine Resolution, in der ein
gesetzlicher Normalarbeitstag von höchstens zehn Stunden gefordert
wurde. Ich referierte über die Forderung der Einführung des allgemeinen,
gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für die Landtags- und
Gemeindewahlen, Bracke über das neue Haftpflichtgesetz. Er schlug eine
Resolution vor, durch die der Reichstag getadelt wurde, der das Gesetz
in durchaus unbefriedigender Weise verabschiedet habe. Ueber die
politische Stellung der Sozialdemokratie referierte an Liebknechts
Stelle, der vorläufig abgehalten war zu kommen, Most. Die Verhandlungen
hierüber führten zu heftigen Szenen. Der überwachende Polizeikommissar
verlangte im Namen seiner vorgesetzten Behörde, ich solle dem Referenten
mitteilen, daß er sich aller und jeder Abschweifung auf die Pariser
Kommune zu enthalten habe. Das lehnte ich ab. Für Most war dieser
Zwischenfall Wasser auf die Mühle. Er sprach zwar kurz, dafür aber um so
schärfer. Man mache den Versuch, äußerte er, ihm einen moralischen
Maulkorb vorzuhängen. Dinge, die in der ganzen Welt, selbst bei den
Chinesen, diskutiert würden, wolle man uns verbieten zu erörtern. Dabei
seien wir fortgesetzt wegen unserer Haltung Gegenstand der heftigsten
Angriffe und der niedrigsten Verleumdungen. Und nachdem wir so von allen
Seiten mit Schmutz besudelt und mit Steinen beworfen würden, wolle man
uns verwehren, unseren Standpunkt darzulegen. (Stürmischer Beifall.) Der
Kommissar suchte geltend zu machen, daß sich das Verbot nur auf
Aeußerungen über die Kommune beziehe. Das war aber für uns der Punkt,
auf den es uns ankam, wir wollten unseren Standpunkt gegenüber der
Kommune darlegen.
Nach Most nahm ich das Wort. Mir scheine, daß die Art, wie die Behörden
sich in unsere Verhandlungen einmischten und sie zu beeinflussen
suchten, eines sozialdemokratischen Kongresses unwürdig sei.
(Stürmischer, minutenlanger Beifall.) Mir sei nicht bewußt, daß Urteile
über die Pariser Kommune abzugeben ungesetzlich sein sollte. Indes
wüßten ja die Anwesenden alle, wie wir zur Kommune stünden. Wir seien
leider dem Vorgehen der Behörden gegenüber machtlos, wir könnten nur
dagegen protestieren. Ich schlage vor, da es unserer unwürdig sei, unter
den uns auferlegten Beschränkungen zu debattieren, daß der Referent auf
das Wort verzichte und wir ohne Debatte über die vorgelegte Resolution
abstimmten. Es sei ein trauriges Zeichen der Zeit, daß jetzt, nachdem
die offiziellen Aktenstücke über die Kommune bekannt geworden und
festgestellt sei, daß das seit Monaten gegen die Kommune Gesagte Lüge,
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