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Aus meinem Leben - Zweiter Teil
Author Language Character Set
August Bebel German ISO-8859-1


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Am 26. November stand die Forderung der weiteren Geldbewilligung (100

Millionen Taler) auf der Tagesordnung. Ich nahm zu dieser Forderung das
Wort. Vor mir hatte der Abgeordnete Reichensperger sich für die
Bewilligung ausgesprochen. Meine Rede war nicht lang, aber sie erweckte
einen Sturm, wie ich ihn seitdem nie wieder mit einer Rede hervorrief.
Ich führte aus: Ich glaubte ein so guter Deutscher zu sein wie der
Vorredner, trotzdem käme ich bei Prüfung der Sache zu dem
entgegengesetzten Resultat. Ich gab eine kurze historische Uebersicht
bis zum Sturze des Kaiserreichs und wies nach, daß mit der Gefangennahme
Napoleons die eigentliche Kriegsursache beseitigt sei. Dabei stützte ich
mich auf die Thronrede vom 19. Juli und die Proklamation des Königs von
Preußen vom 11. August. Meine Ausführungen riefen große Unruhe und
heftigen Widerspruch hervor. Die Behauptung, Frankreich besitze keine
Regierung, mit der man unterhandeln könne, sei falsch. Ich wies dieses
in meinen Ausführungen nach. Was den Friedensschluß unmöglich mache, sei
die Forderung der Annexionen. Ich verurteilte dann scharf, daß man uns
verbiete, in öffentlichen Versammlungen unseren Standpunkt über die
Annexionen darzulegen. Diesen unseren Standpunkt begründete ich näher.
Wiederum regnete es Unterbrechungen. Als ich dann auf die traurige Rolle
hinwies, die die deutsche Kapitalistenklasse bei der ersten
Kriegsanleihe gespielt und wie ganz anders sich dagegen die französische
Bourgeoisie im gleichen Falle benommen habe, brach vollends der Sturm
los. Ein großer Teil des Hauses hatte einen förmlichen Tobsuchtsanfall;
man überschüttete uns mit Schimpfworten der gröbsten Art, Dutzende von
Mitgliedern drangen mit erhobenen Fäusten auf uns ein und drohten uns
hinauszuwerfen. Viele Minuten lang konnte ich nicht zum Worte kommen;
zum Schluß empfahl ich die Annahme des Antrags, den Liebknecht und ich
gestellt hatten. Dieser Antrag lautete:

"Der Reichstag wolle beschließen:

Den Gesetzentwurf betreffend _den ferneren Geldbedarf für die
Kriegführung abzulehnen_ und folgendem Antrag seine Zustimmung zu
geben:

In Erwägung, daß der am 19. Juli von Louis Bonaparte, damals Kaiser
der Franzosen, erklärte Krieg durch die Gefangennahme Louis Bonapartes
und die Niederwerfung des französischen Kaiserreichs tatsächlich sein
Ende erreicht hat;

in Erwägung, daß nach den eigenen Erklärungen des Königs von Preußen
in der Thronrede am 19. Juli und der Proklamation an das französische
Volk vom 11. August der Krieg deutscherseits nur ein
Verteidigungskrieg und kein Krieg gegen das französische Volk sei;

in Erwägung, daß der Krieg, welcher trotzdem seit dem 4. September
geführt wird, in schroffstem Widerspruch mit dem königlichen Wort,
nicht ein Krieg gegen die kaiserliche Regierung und die kaiserliche
Armee, welche nicht mehr existieren, sondern ein Krieg gegen das
französische Volk ist, nicht ein Verteidigungskrieg, sondern ein
Eroberungskrieg, nicht ein Krieg für die Unabhängigkeit Deutschlands,
sondern ein Krieg für die Unterdrückung der edlen französischen
Nation, die nach den Worten der Thronrede vom 19. Juli berufen ist,
'die Segnungen christlicher Gesittung und steigenden Wohlstandes
gleichmäßig zu genießen und zu begehren und zu einem heilsameren
Wettkampf als zu dem blutigen der Waffen',

beschließt der Reichstag, die verlangte Geldbewilligung für die
Kriegführung _abzulehnen,_ und fordert den Bundeskanzler auf, dahin zu
wirken, _daß unter Verzichtleistung auf jede Annexion französischen
Gebiets mit der französischen Republik schleunigst Frieden geschlossen
werde_."

Nach mir kam der Abgeordnete Lasker zum Wort, der sich in den Tönen
höchster sittlicher Entrüstung über uns und das französische Volk
erging. Köstlich war, wie er die Finanzwelt gegen meine Vorwürfe in
Schutz nahm. "Es ist wahr," führte er aus, "daß die große Finanzwelt
sich nicht erheblich beteiligt hat; es stand kein Gewinn in Aussicht (im
Falle des Sieges sogar ein recht großer. A.B.), und es ist die Weise
der Geschäftsleute, wie dies in der Natur des Geschäftslebens liegt,
sich nicht als Geschäftsleute zu beteiligen, wenn eben ein Gewinn nicht
sichtbar ist. Nun, auch dort die Männer--auf uns zeigend--, die über den
Gewinn und die Belohnung lachen, üben doch ihre ideale Tätigkeit gegen
Entgelt aus (Heiterkeit), und ihre Leitungen, welche sie als
apostolische bezeichnen, erfolgen gegen Diäten. (Heiterkeit. Sehr gut!)
Welche Verwirrung der Begriffe, wenn diese Herren, welche nach der Natur
ihrer Leistungen vielleicht mit geringeren Summen sich begnügen müssen
(das Haus schüttelt sich vor Lachen), über die Lust am Gewinn die Nase
rümpfen. Also, die höhere Finanzwelt hat die Gelegenheit nicht für
geeignet gehalten, gewinnbringende Geschäfte zu machen."

Oeder und widerspruchsvoller konnte wirklich nicht die deutsche
Kapitalistenklasse zu rechtfertigen versucht werden. (In einer zweiten
Rede antwortete ich gebührend Lasker.) Nach Lasker folgte
Braun-Wiesbaden, diesem Liebknecht. Dieser ging den liberalen Vorrednern
kräftigst zu Leibe. Wiederum heftige Unterbrechungen, Ordnungsruf des
Präsidenten.

Liebknecht führte unter anderem aus:

"Die Regierung, die im Juli den Krieg erklärt hat, ist beseitigt und
ihr Führer sitzt auf Wilhelmshöhe und ist der gute Bruder des Königs
von Preußen; er schwelgt in kaiserlichem Luxus, während die deutschen
Krieger draußen ihr Blut vergießen und die furchtbarsten Strapazen
erdulden müssen im Kampfe gegen das französische Volk, welches unser
Brudervolk trotz alledem und alledem ist, und welches den Frieden mit
uns will. (Unruhe, Zurufe) Es ist wahrlich ehrenhafter, der Bruder des
französischen Volkes und der französischen Arbeiter zu sein, als der
liebe Bruder des Schurken auf Wilhelmshöhe. (Abgeordneter Dr. v.
Schweitzer: Bravo, bravo!)"

Liebknecht schloß:

"Die Anleihe, die man von uns fordert, ist für die Durchführung der
Annexion bestimmt, wie das ja auch aus dem Wortlaut der Thronrede
hervorgeht. Die Annexion aber bringt uns nicht den Frieden, sondern
den Krieg. Indem sie auch nach dem Frieden eine beständige
Kriegsgefahr schafft, befestigt sie in Deutschland die
Militärdiktatur.... Aus diesen Gründen bin ich natürlich gegen die
Kriegsbeile und habe mit meinem Freunde Bebel den Antrag auf
Verweigerung derselben gestellt."

Dieser Antrag wurde gegen fünf Stimmen abgelehnt.

In der Sitzung vom 28. November, in der die dritte Lesung der
Kriegsanleihe auf der Tagesordnung stand, nahm der von unserer Partei
gewählte Dr. Götz-Lindenau, der im März desselben Jahres noch die
Kandidatur Johann Jacobys für den Reichstag befürwortet hatte, das Wort,
um sich für die Kriegsanleihe auszusprechen, obgleich ihm dieses, wie er
versicherte, "blutessigsauer" werde, und obgleich er aus der Thronrede
entnommen, daß der Krieg nicht den Frieden bringe und auch keine
Verminderung der Militärlasten zu hoffen sei. Die Rede war ungemein
konfus. Bezeichnend war, daß, als wir in dieser Sitzung gegen Angriffe
durch Zwischenrufe uns wehrten, Lasker die Frage an den Präsidenten
richtete, ob nicht durch sofortige Aenderung der Geschäftsordnung diesem
"Unfug" ein Ende gemacht werden könne. Liebknecht antwortete, indem er
auf die beleidigenden Zurufe und Reden hinwies, die wir in der Sitzung
am 26. November zu hören bekommen hatten. Als Liebknecht dann bei dem §1
des Gesetzentwurfes über die Kriegsanleihe auf die gehörten Angriffe
antworten wollte, unterbrach ihn der Präsident, er könne nicht auf die
allgemeine Debatte zurückgreifen. Als Liebknecht mit vollem Recht diesen
Standpunkt nicht anerkannte, denn der §1 enthielt die Geldforderung für
Fortsetzung des Krieges, entzog ihm das Haus auf Anfrage des Präsidenten
das Wort. Gegen die Kriegsanleihe stimmten in dritter Lesung Dr. Ewald
(Hannoveraner), Fritzsche, Hasenclever, Liebknecht, Mende, Schraps,
Schweitzer und ich.

Einige Tage später stand eine Interpellation des Abgeordneten Duncker
und Genossen, betreffend die Handhabung der Verfassungsbestimmungen
während des Kriegszustandes, auf der Tagesordnung. Dieselbe richtete
sich gegen die Maßnahmen des Generals Vogel v. Falckenstein. Uns war
eine solche Interpellation einzubringen nicht möglich, weil wir nicht
die nötigen dreißig Unterschriften bekamen. Wenn man in bürgerlichen
Kreisen den Gewaltakt gegen unseren Parteiausschuß sich gefallen ließ,
so hatte die Verhaftung Johann Jacobys viel böses Blut gemacht; sie
paßte schlecht zu dem, was man von der neuen Reichsgründung erwartete.
Jacoby harte sich nach seiner Verhaftung direkt beschwerdeführend an
Bismarck im Versailler Hauptquartier gewandt und dessen Intervention für
seine Freilassung verlangt, da seine Verhaftung ungesetzlicherweise
erfolgt sei. Bismarck gab in seiner Antwort an Jacoby indirekt diesem
recht, er tat aber nichts zu seiner Freilassung, offenbar wollte er es
mit den Militärs im Hauptquartier, mit denen er auf sehr gespanntem Fuße
stand, nicht noch mehr verderben. Aber nach der Niederschrift
seines Leibjournalisten Moritz Busch, der über die Herd- und
Tischunterhaltungen Bismarcks getreulich Bericht erstattete, äußerte er
am 20. Oktober, als das Gespräch auf die Verhaftung Jacobys kam: "Ich
freue mich darüber ganz und gar nicht; der Parteimann mag das tun, weil
seine Rachegefühle dadurch befriedigt werden; der politische Mann, die
Politik kennt solche Gefühle nicht; die fragt nur, ob es nützt, wenn
politische Gegner mißhandelt werden." Und als am 24. November, also
wenige Tage vor der Interpellation im Reichstag, das Gespräch wieder auf
das Thema kam, äußerte Bismarck--nach derselben Quelle--, die Militärs
befragten ihn zu selten um seine Meinung. "So war's auch mit der
Ernennung Vogel v. Falckensteins, der jetzt den Jacoby gemaßregelt hat.
Wenn ich mich vor dem Reichstag darüber aussprechen müßte, würde ich
meine Hände in Unschuld waschen; man hätte mir nichts Unangenehmeres
einbrocken können. Ich bin militärfromm in den Krieg gekommen, künftig
gehe ich mit den Parlamentarischen, und wenn sie mich weiter ärgern,
lasse ich mir einen Stuhl auf die äußerste Linke stellen."

Schade, daß er diese Drohung nicht wahr machte, ich würde mich sehr
gefreut haben, wenn ich ihn in der nächsten Session, in der ich allein
die äußerste Linke markierte, als Kampfgenossen an meiner Seite gehabt
hätte.

Die Verhandlung, die am 3. Dezember stattfand, war sehr erregt. Duncker
wies nach, daß Jacoby und Herbig zu unrecht verhaftet worden seien,
dasselbe gestand er auch unseren nach Lötzen geschleppten
Braunschweiger Genossen zu. Er verlangte--da mittlerweile, wie schon
bemerkt, die gefangenen preußischen Staatsangehörigen in Rücksicht auf
die bevorstehenden preußischen Landtagswahlen freigekommen waren--, daß
Aehnliches künftig unterbleibe. Der Präsident des Bundeskanzleramtes,
Delbrück, nahm als Vertreter Bismarcks das Wort und versuchte die
Maßregeln zu rechtfertigen. Ihm antwortete Windthorst, der ihm scharf zu
Leibe ging und unter anderem bissig bemerkte, daß nach dem, was er heute
vom Präsidenten des Bundeskanzleramtes gehört, er nicht recht daran
glaube, daß es nunmehr gelingen werde, was zu Anfang des Krieges
versprochen worden war, "daß der deutsche Staat ein Staat der
Gottesfurcht, der guten Sitten und der wahren Freiheit werde". Er
empfahl höhnisch, in die Friedensbedingungen mit Frankreich die
Bestimmung aufzunehmen, daß es uns auch Cayenne und Lambessa abtrete,
damit man geeignete Orte habe, um unbequeme Persönlichkeiten
unterzubringen. Im weiteren beschwerte sich Windthorst bitter über die
Mißhandlungen, die Vogel v. Falckenstein gefangen gesetzten
Hannoveranern habe zuteil werden lassen. Im Laufe der Debatte nahm auch
ich das Wort, um die Behandlung zu schildern, die unseren gefangen
gesetzten Genossen auf der Reise nach und von Lötzen und während ihrer
Haft in Lötzen widerfahren sei. Auch beschwerte ich mich über das
generelle Versammlungsverbot in Sachsen. Die Maßregeln seien ein Hohn
auf Recht und Gesetz. Miquel billigte, wie nicht anders von ihm zu
erwarten war, nicht nur die Maßregeln Vogel v. Falckensteins, er
behauptete sogar, daß durch unsere Haltung in Deutschland Frankreich in
seinem Widerstand bestärkt worden sei, eine Behauptung, deren Unwahrheit
ich ihm sofort nachwies. Bekanntlich gehen in der Regel Interpellationen
aus wie das berühmte Hornberger Schießen, so auch diesmal.

In einer der folgenden Sitzungen standen die Verträge mit Baden, Hessen,
Württemberg und Bayern zur Beratung. Ich erklärte mich sowohl gegen
diese wie gegen die neue Verfassung überhaupt. Das Volk werde in Bälde
zur Einsicht darüber kommen, wie es mit der deutschen Freiheit und
Einheit aussehe. Die drei Kriege, die Deutschland seit zehn Jahren
durchzuführen gehabt habe, hätten es in freiheitlicher Beziehung nur
zurückgebracht. Doch das Volk werde einst sein Selbstbestimmungsrecht
fordern und erlangen und dann eine Verfassung sich selber schaffen, die
nur die Republik zum Ziele haben könne.

Nach mir nahm der Geheime Regierungsrat Wagener das Wort und erzählte zu
Liebknechts und meiner großen Ueberraschung, daß wir, wie er aus der ihm
soeben übermittelten "Börsenzeitung" ersehen habe, von dem
_französischen Konsul_ in Wien, Lefaivre, den Dank der französischen
Republik für unser Auftreten im Reichstag empfangen hätten. (Lebhafte
Zurufe: Hört! Hört! und Pfui!) Ich konnte darauf in einer persönlichen
Bemerkung nur antworten, daß bis zu diesem Augenblick weder Liebknecht
noch mir ein solcher Brief zugegangen sei, was mir um so unbegreiflicher
wäre, da, wie ich eben gehört, auch die "Norddeutsche Allgemeine
Zeitung" den Brief abgedruckt habe. Ich sei der Meinung, daß der Brief
eine elende Modifikation sei, die vom preußischen Pressebureau ausgehe,
um mich und Liebknecht zu diskreditieren. In der folgenden Sitzung hielt
Wagener seine Behauptung aufrecht. Der Brief, der an meine Adresse
geschickt worden, sei echt. Ich antwortete am Schlusse der Sitzung, daß
ich bis zu diesem Augenblick den fraglichen Brief nicht erhalten habe,
also bei meiner ersten _Erklärung verbleiben_ müsse. Schließlich erhielt
ich ihn aber dennoch; er war an Liebknecht und mich gerichtet. Der Brief
existierte also, er war vom 2. Dezember datiert und hatte sechs Tage
gebraucht, bis er in meine Hände gelangte. Er lautete:

"Meine Herren! Im Namen der französischen Republik, deren Regierung
mich zu ihrem speziellen Vertreter bei der Demokratie Deutschlands
bestellt hat, erachte ich es für meine Pflicht, Ihnen für die edlen
Worte, die Sie im Berliner Parlament inmitten einer durch den Geist
der Eroberung und der Trunkenheit des Militarismus fanatisierten
Versammlung gesprochen haben, meinen Dank auszudrucken. Der Mut, den
Sie bei dieser Gelegenheit bewiesen, hat die Aufmerksamkeit von ganz
Europa auf Sie gelenkt und Ihnen einen ruhmvollen Platz in der Reihe
der Streiter für Freiheit erobert. Der freisinnige und humanitäre
Geist Deutschlands erleidet in diesem Augenblick, wie Sie, meine
Herren, es so beredt dargetan haben, eine jener Verfinsterungen, die
wir selbst während der Periode unseres ersten Kaiserreichs
durchgemacht haben, und geht denselben Enttäuschungen entgegen. Eine
Sucht nach brutaler Herrschaft hat sich der erleuchteten Geister
bemächtigt. Jene Denker, die noch vor kurzem solche Lichtstrahlen über
die Welt aussandten, sind heute unter der Eingebung des Herrn v.
Bismarck zu Aposteln des Mordes und der Vernichtung einer ganzen
Nation geworden. Sie, meine Herren, sind es und Ihre Partei, welche
bei diesem allgemeinen Abfall die große deutsche Tradition aufrecht
erhalten.--In unseren Augen sind Sie die großen Vertreter einer
deutschen Nation, die wir mit einer wahrhaft brüderlichen Liebe
umfassen und die wir zu lieben nicht aufgehört haben. Frankreich
begrüßt Sie, meine Herren, und dankt Ihnen, denn es erblickt in Ihnen
die Zukunft Deutschlands und die Hoffnung auf eine Versöhnung zwischen
den beiden Völkern."

Der Brief mochte gut gemeint sein, aber in jenem Augenblick bedeutete er
eine große Taktlosigkeit. Wer ihn veröffentlichte, haben wir nie
erfahren. Ich vermute, der Konsul wurde zu dem Briefe von einer Seite
animiert, die ein Interesse daran hatte, uns zu schaden.--

Während der Verfassungsberatung kam es zu einer heiteren Szene. Es war
bekannt geworden, daß der König Ludwig II. von Bayern nach langem
Drängen und Unterhandeln sich bereit erklärt hatte, die deutschen
Bundesfürsten und freien Städte zu ersuchen, dem König von Preußen die
deutsche Kaiserkrone anzutragen. Die Mitteilung dieses Ereignisses
sollte mit einer gewissen feierlichen Ueberraschung im Reichstag
erfolgen. In der betreffenden Sitzung erhob sich der Abgeordnete
Friedenthal und stellte eine diesbezügliche Anfrage. Darauf erhob sich
feierlich der Präsident des Bundeskanzleramtes, Delbrück, um das
betreffende Schriftstück vorzulesen. Aber er wußte nicht, in welche
Tasche er es gesteckt hatte. In höchster Aufregung durchsuchte er
krampfhaft alle Taschen, ein Schauspiel, das im Hause ungeheure
Heiterkeit hervorrief. Schließlich fand er den Brief, aber die Wirkung
war verpufft. Delbrück war ein sehr tüchtiger Beamter, aber die
trockenste Bureaukratennatur, die man sich vorstellen konnte. Eine
feierliche Manifestation zu inszenieren, dazu war er ganz und gar nicht
der Mann. Bismarck brauste auf, als er in Versailles von der
mißlungenen Manifestation hörte.

In dieser Debatte erregte eine Rede Liebknechts über die neue Verfassung
und das neue Kaisertum Stürme der Entrüstung. Er warf einen Rückblick
auf die deutschen Einheitsbestrebungen, die eine ganz andere Einheit
Deutschlands als Ziel gehabt hätten, als jene, die jetzt geschaffen
werde. Diese sei ein Gewaltwerk von oben, über die sich die Fürsten
verständigt hätten und zu dem der Reichstag einfach Ja sagen solle und
müsse. Die Verfassung zeige, daß sie im Heerlager zu Versailles ihren
Ursprung habe. Die dort abgeschlossenen Verträge mit den süddeutschen
Staaten zeigten aber auch, daß es sich nicht einmal um eine äußere
Einheit handle. Das Hindernis einer wirklichen Einheit Deutschlands
bilde das Haus Hohenzollern, dessen Interessen im Gegensatz zu denen des
deutschen Volkes stünden. Die Krönung des neuen Kaisers solle man auf
dem (Berliner) Gendarmenmarkt vornehmen, der das geeignete Symbol
hierfür sei. Denn dieses Kaisertum könne nur durch den Gendarmen
aufrecht erhalten werden. Mehrere Ordnungsrufe und eine Reihe von
Zurechtweisungen durch den Präsidenten gaben der Rede die Weihe.

Am 10. Dezember wurde eine Deputation gewählt, die dem König die
beschlossene Adresse mit den Glückwünschen des Reichstags zur
Kaiserwürde nach Versailles überbringen sollte. Die Fortschrittspartei,
die mit uns zum größeren Teil gegen das Verfassungswerk stimmte, hatte
dem Bureau mitgeteilt, daß sie auf Beteiligung an der Deputation
verzichte. Die Mitglieder sollten durch das Los bestimmt werden. Wir
schwiegen und ließen es darauf ankommen, ob einer von uns durch das Los
für die Deputation bestimmt würde. Selbstverständlich hätte er nicht
angenommen. Aber das Glück blieb uns fern. Als der Name Rothschilds aus
der Urne gezogen wurde, ging Windthorst feierlich auf diesen zu,
schüttelte ihm kräftig die Hand und gratulierte ihm zur Wahl. Das ganze
Haus brach in stürmische Heiterkeit aus.

Die Deputation war von ihrer von vielen Hindernissen begleiteten Reise
und von dem Empfang im Versailler Hauptquartier nicht entzückt. Der
Empfang stand so gar nicht im Einklang mit den Vorstellungen, die sich
die Deputation von ihrer "hehren Mission" gemacht hatte. Der König
selbst stand der Kaisermache so gleichgültig gegenüber, daß er ganz
überrascht war, als der Kronprinz ihm mitteilte, die anwesenden Fürsten
und Generale hätten den Wunsch, bei Ueberreichung der Reichstagsadresse
durch die Deputation anwesend zu sein. Die trockene Antwort des Königs
lautete: Wenn wirklich jemand von den Genannten dabei zu sein Lust habe,
habe er nichts dawider. Seine Stimmung wäre wohl eine der neuen Würde
günstigere gewesen, hätte die Deputation ihm in Aussicht stellen können,
daß im Falle der Annexion von Elsaß-Lothringen dieses Preußen
angegliedert werden solle. Es war der erste große Krieg, den ein
Hohenzoller siegreich führte, der ohne Landeserwerb für Preußen endete.
Das konnte ein Hohenzoller nur schwer verwinden.

Es ist also wie so vieles andere eine Geschichtslegende, zu behaupten,
der damalige König habe die deutsche Kaiserwürde als das Ziel seines
Sehnens angesehen. Daher entspricht auch die Darstellung, die der Kaiser
Wilhelm II. am 26. Februar 1894 in einer Rede bei dem Festessen des
Provinziallandtags der Provinz Brandenburg gab, nicht den gerichtlichen
Tatsachen. Damals führte Wilhelm II. mit Hinweis auf die Einigung
Deutschlands aus:

"Das alte Deutsche Reich wurde verfolgt von außen, von seinen
Nachbarn, und von innen, durch seine Parteiungen. Der einzige, dem es
gelang, gewissermaßen das Land einmal zusammenzufassen, das war der
Kaiser Friedrich Barbarossa. Ihm dankt das deutsche Volk noch heute
dafür. Seit der Zeit verfiel unser Vaterland, und es schien, als ob
niemals der Mann kommen sollte, der imstande wäre, dasselbe wieder
zusammenzufügen. Die Vorsehung schuf sich dieses Instrument und suchte
sich aus den Herrn, den wir als den ersten großen Kaiser des neuen
Deutschen Reiches begrüßen konnten. Wir können ihn verfolgen, wie er
langsam heranreifte von der schweren Zeit der Prüfung bis zu dem
Zeitpunkt, wo er als fertiger Mann, dem Greisenalter nahe, zur Arbeit
berufen wurde, sich jahrelang auf seinen Beruf vorbereitend, die
großen Gedanken bereits in seinem Haupte fertig, die es ihm
ermöglichen sollten, das Reich wieder erstehen zu lassen. Wir sehen,
wie er zuerst sein Heer stellt und aus dinghaften Bauernsöhnen seiner
Provinzen sie zusammenreiht zu einer kräftigen, waffenglänzenden
Schar; wir sehen, wie es ihm gelingt, mit dem Heer allmählich eine
Vormacht in Deutschland zu werden und Brandenburg-Preußen an die
führende Stelle zu setzen. Und als dies erreicht war, kam der Moment,
wo er das gesamte Vaterland aufrief und auf dem Schlachtfeld der
Gegner Einigung herbeiführte."

In Wahrheit lagen die Dinge so, daß nicht der alte Wilhelm, sondern sein
Sohn, der Kronprinz--der spätere Kaiser Friedrich--, Sehnsucht nach der
Kaiserwürde empfand und damals in Versailles alles aufbot, um dieselbe
durchzusetzen. Sein Freund, der bekannte Schriftsteller Gustav Freitag,
behauptete sogar, daß dem Kronprinzen allein die Erlangung der
Kaiserwürde für die Hohenzollern zu danken sei. Sicher ist, daß neben
dem Kronprinzen auch Bismarck alles aufbot, um die Kaiserwürde für die
Hohenzollern zu erlangen. Bismarck, der sicher hier der kompetenteste
Beurteiler ist, schreibt über die Stellung des Königs zur Kaiserwürde in
seinen "Gedanken und Erinnerungen":

Die Kaiserkrone erschien ihm im Lichte eines übertragenen modernen
Amtes, dessen Autorität von Friedrich dem Großen bekämpft war, den
großen Kurfürsten bedrückt hatte. Bei den ersten Erörterungen sagte
er: "Was soll mir der Charakter-Major?" worauf ich unter anderem
erwiderte: "Euer Majestät wollen doch nicht ewig ein Neutrum
bleiben,'das Präsidium'? In dem Ausdruck 'Präsidium' liegt eine
Abstraktion, in dem Worte 'Kaiser' eine große Schwungkraft."

Ausführlich und sehr lehrreich wird die Kaiserfrage in des Kronprinzen
Friedrich Tagebuch erörtert, das der Geheimrat Geffken nach dem Tode
Friedrichs in der "Deutschen Rundschau", Oktoberheft 1888, zum größten
Aerger Bismarcks veröffentlichte. Dort schreibt Friedrich unter dem 30.
September 1870:

"Ich rede Seine Majestät auf die Kaiserfrage an, die im Anrücken
begriffen; er betrachtet sie als gar nicht in Aussicht stehend; beruft
sich auf du Bois-Reymonds Aeußerung, der Imperialismus liege zu Boden,
so daß es in Deutschland künftig nur einen König von Preußen, Herzog
der Deutschen, geben könne. Ich zeige dagegen, daß die drei Könige
uns nötigen, den Supremat durch den Kaiser zu ergreifen, daß die
tausendjährige Kaiser- oder Königskrone nichts mit dem modernen
Imperialismus zu tun habe, schließlich wird sein Widerspruch
schwächer."

Und am 17. Januar, dem Tage vor der Ausrufung des Königs zum deutschen
Kaiser, schreibt Friedrich:

"Die Reichsfarben machen wenig Bedenken, _die, wie der König sagt,
sind nicht aus dem Straßenschmutz gestiegen; doch werde er die Kokarde
nur neben der preußischen dulden, er verbat sich die Zumutung, von
einem kaiserlichen Heere zu hören,_ die Marine aber möge kaiserlich
genannt werden; _man sah, wie schwer es ihm wurde, morgen von dem
alten Preußen, an dem er so festhält, Abschied nehmen zu müssen._ Als
ich auf die Hausgeschichte hinwies, wie wir vom Burggrafen zum
Kurfürsten und dann zum König gestiegen seien, wie auch Friedrich I.
ein Scheinkönigtum geübt und dasselbe doch so mächtig geworden, daß
uns jetzt die Kaiserwürde zufalle, erwiderte er: Mein Sohn ist mit
ganzer Seele bei dem neuen Stand der Dinge, während ich mir nicht ein
Haar breit daraus mache und nur zu Preußen halte."

Am 11. Dezember, nach Schluß des Reichstags, reisten Liebknecht und ich
nach Leipzig zurück. Am 15. referierten wir in einer öffentlichen
Versammlung des sozialdemokratischen Arbeitervereins über die
Verhandlungen des Reichstags. Die Versammlung war so massenhaft besucht,
daß sie zur Volksversammlung wurde. Unter den Zuhörern befanden sich
eine Menge französischer Offiziere in Zivil, die als Kriegsgefangene in
Leipzig interniert waren. Die Versammlung verlief ausgezeichnet;
dieselbe nahm mit großer Begeisterung eine Resolution an, in der uns für
unsere Haltung im Reichstag gedankt wurde. Zustimmungen zu unserer
Haltung waren uns auch aus einer Reihe anderer Orte zugegangen. Es war
auf längere Zeit die letzte Versammlung, die wir abhalten sollten. Am
17. traf uns der Schlag, den wir längst erwartet hatten. Ich hatte
bereits in einem Briefe vom 1. Dezember an den Parteigenossen F.A. Sorge
in Hoboken geschrieben: Die Wut der "patriotischen" Kreise gegen uns ist
grenzenlos; wenn man uns nächstens packen kann, dann geschieht's sicher
und fest.




Unsere Verhaftung.


An der Spitze des "Volksstaat" vom 7. September hatten wir mitgeteilt,
wir hätten aus sicherster Quelle in Erfahrung gebracht, daß auf
entschiedenes Verlangen im deutschen Hauptquartier, speziell des Grafen
v. Bismarck, die sächsische Regierung entschlossen sei, gegen unsere
Partei mit allem Nachdruck vorzugehen. Haussuchungen und Verhaftungen
sollten bevorstehen. Wie auf Kommando ging fast die gesamte Presse, die
liberale voran, in Hetzartikeln gegen uns los. Man trieb die
Unverschämtheit so weit, daß man uns des Landesverrats zugunsten
Frankreichs bezichtigte. Als dann im Dezember die damals erscheinende
offiziöse "Zeidlersche Korrespondenz" aus den bei dem Braunschweiger
Parteiausschuß beschlagnahmten Briefen von Liebknecht und mir tendenziös
herausgerissene Bruchstücke veröffentlichte, um ihre Denunziationen
gegen uns gerechtfertigt erscheinen zu lassen, schickte ich der Berliner
"Zukunft" folgende Erklärung zur Veröffentlichung:

"Die unter der Mitwirkung des Herrn Wagener auf Dummerwitz
erscheinende 'Zeidlersche Korrespondenz' hat, wie ich aus hiesigen
Lokalblättern ersehe, Bruchstücke aus Briefen von Liebknecht und mir,
die bei Verhaftung des Braunschweiger Ausschusses gefunden wurden,
abgedruckt, um ihre Denunziantenmission daran zu üben. Obgleich ich
der Meinung bin, daß nur _durch Bruch des Amtseids eines Beamten_ die
'Zeidlersche Korrespondenz' in der Lage ist, jene Bruchstücke zu
veröffentlichen, muß ich dennoch den Wunsch aussprechen, daß sie statt
der Bruchstücke den ganzen Inhalt meiner Briefe der Öffentlichkeit
übergebe.

Ich habe alle Ursache zu glauben, daß durch eine _solche_
Veröffentlichung klar und zweifellos festgestellt wird, wie Herr
Zeidler und Konsorten die bruchstückweise Veröffentlichung von
Privatbriefen, die ihnen nur _von einem gewissenlosen Beamten_
zugesteckt sein können, deshalb betreiben, weil sie dadurch ihr
schwarzes Handwerk mit größerer Wirkung auf das leichtgläubige
Publikum ausüben können.

Mich wundert dieses Treiben nicht. Die offiziöse Preßmeute tut eben,
was Natur und Amt ihr vorschreiben.

Leipzig, den 16. Dezember 1870. A. Bebel."

Am 17. Dezember morgens arbeitete ich in meiner Werkstatt, als
plötzlich meine Frau totenbleich hereinstürzte und mir mitteilte, daß
oben in unserer Wohnung ein Polizeibeamter sei, der mich zu sprechen
wünsche. Ich wußte woran ich war. Ich eile die Hintertreppe hinauf und
treffe in unserer Wohnstube den mir bekannten Beamten, zugleich aber
auch einen Soldaten in kriegsmäßiger Ausrüstung. Auf meine Frage, was
das bedeute, antwortete mir meine Frau, der Mann sei soeben als
Einquartierung eingetroffen. Alsdann teilte mir der Beamte mit, er habe
Auftrag, meine Papiere zu beschlagnahmen. Das war rasch geschehen, ich
hatte für reinen Tisch gesorgt. Der Beamte erklärte weiter, er habe auch
Auftrag, mich zu verhaften. Ich kleidete mich rasch um, nahm Abschied
von Frau und Kind, mit der Vertröstung, ich würde bald zurückkommen, und
stieg in die vor dem Hause wartende Droschke, die mich zunächst nach dem
Polizeiamt, von dort nach dem Bezirksgericht führte. Hier wurde mir im
Bezirksgerichtsgefängnis eine Zelle angewiesen. Ich mache kein Hehl
daraus, daß, nachdem der Beamte das große Schloß und die beiden eisernen
Riegel, womit nach alter Väter Weise die Tür versehen war, hinter mir
abgeschlossen hatte, ich wütend in der Zelle auf und ab lief und meinen
Feinden fluchte. Aber was half es? Der Kluge gibt nach. Am
nächsten Morgen (Sonntag) traten der Staatsanwalt und der
Bezirksgerichtsdirektor, der die Oberaufsicht über das Gefängnis hatte,
herein und fragten: ob ich Wünsche hätte. Ich bat, daß ich mir Bücher
dürfe kommen lassen und um Licht bis abends 10 Uhr. Der Direktor sagte
beides zu, Licht aber nur bis abends 8 Uhr. Der Staatsanwalt teilte mir
mit, daß es sich bei der Untersuchung um meine gesamte agitatorische
Tätigkeit handeln werde, die man als staatsgefährlich und
hochverräterisch ansehe. Die Untersuchung werde längere Zeit währen, da
auch Recherchen nach auswärts nötig seien. Ich würde morgen vor dem
Untersuchungsrichter mein erstes Verhör haben. Meine Spannung war groß.
Der Untersuchungsrichter, Landgerichtsrat Ahnert, dem ich vorgeführt
wurde, empfing mich mit strenger Miene und großer Zurückhaltung. Es
werde gegen mich, Liebknecht und Hepner, die beide ebenfalls verhaftet
seien, was ich erst jetzt erfuhr, die Anklage auf Versuch und
Vorbereitung zum Hochverrat erhoben werden. Daß Liebknecht mit mir
gepackt war, fand ich natürlich, aber auch der Unglückswurm Hepner, der
erst kurze Zeit zweiter Redakteur am "Volksstaat" war? Der war doch so
unschuldig wie ein neugeborenes Kind. Weiter teilte mir zu meiner nicht
geringen Ueberraschung und Enttäuschung der Richter mit, daß er die
Untersuchung noch nicht weiter führen könne, _weil der Hauptteil des
Untersuchungsmaterials noch in Braunschweig sei_. Er hoffe aber, daß
dasselbe noch vor Neujahr eintreffe, worauf er alsdann mit allem Fleiß
an die Arbeit gehen werde. Man hatte uns also, streng genommen, ohne
gesetzlichen Grund verhaftet, denn weder der Richter noch der
Staatsanwalt kannten das Anklagematerial, auf Grund dessen wir angeklagt
werden sollten. Es war also offenbar der Wunsch des Hauptquartiers, uns
möglichst rasch unschädlich zu machen, für unsere Verhaftung maßgebend
gewesen.

Ich war sehr ärgerlich, als ich in meine Zelle zurückkehrte; ich hatte
jetzt reichlich Zeit, mich zunächst mit dieser zu beschäftigen. Die
Zelle hatte genügend Raum, denn sie war fast leer. In einer Ecke an der
Tür stand ein großer, verdeckter hölzerner Kübel, über dessen Zweck ich
kein Wort zu verlieren nötig habe. An der einen Wand war ein kleines
Regal angebracht, auf dem ein Wasserkrug stand und ein Gesangbuch und
das Neue Testament lagen. An der anderen Wand war eine drei Fuß lange
schmale Bank befestigt, so daß man sie nicht wegrücken konnte, und vor
derselben hatte man mir, als besondere Vergünstigung, ein kleines
Tischchen aufgestellt, so groß, daß wenn ich einen Band Gartenlaube
darauf ausbreitete, die Tischplatte bedeckt war; ein Bett war nicht
vorhanden, die Matratze, die abends auf den Fußboden gelegt wurde,
wanderte am nächsten Morgen auf den Korridor auf einen Berg anderer
Matratzen. Unten vor meinem Fenster, das fest vergittert war und nur
durch Besteigen des Tischchens erreicht werden konnte, hörte ich Tag und
Nacht ein eigentümliches Geräusch. Als ich an das Fenster stieg, sah
ich, daß unten in einem Garten sechs große Kaffeeröstmaschinen
aufgestellt waren, in denen große Quantitäten Kaffee für die im Felde
stehenden Truppen geröstet wurden. Der Winter 1870/71 war wohl der
strengste, den wir in vielen Jahrzehnten hatten. Die armen Teufel im
Felde--Deutsche wie Franzosen--litten fürchterlich unter Kälte, Eis und
Schnee. Das Unwetter hatte früh eingesetzt und hörte erst spät auf. Aber
auch in meiner Zelle war es scheußlich kalt. Der alte vorsintflutliche
eiserne Ofen, der morgens um 5 Uhr mit einer Handvoll Kohlen geheizt
wurde, gab keine besondere Wärme ab. Außerdem mußte ich doch frische
Luft haben. Oeffnete ich also morgens die Fensterklappe, so war das
bißchen Wärme im Nu verflogen. Ich fror hundemäßig. Um mich zu erwärmen,
setzte ich mich auf das Tischchen, stützte die Füße auf die Bank und
umwickelte die Beine mit einer weißen wollenen Decke, die ich als
Bettdecke erhalten hatte. Trotzdem bekam ich einen Blasenkatarrh. Zum
Unglück lag meine Zelle auch noch nach Norden. Liebknecht, als dem
ältesten unter uns, hatte man ein Zimmer, das damals für sogenannte
Wechselgefangene reserviert war, eingeräumt. Dies erfuhr ich bei einem
Besuche meiner Frau, die wöchentlich einmal in Gegenwart des
Untersuchungsrichters mich kurze Zeit sprechen durfte. Auch wurde mir
die Korrespondenz mit ihr unter Kontrolle des Richters gestattet.

Sehr rasch entdeckte ich aber zu meinem großen Unbehagen, daß ich die
Zelle nicht allein bewohnte; dieselbe wimmelte von Ungeziefer. Nun, ich
hatte Zeit zur Jagd, und ich war dabei erfolgreicher als Moltke mit
seiner Hoffnung auf die Greisauer Hasen. Die weiße Wolldecke wurde zur
Falle. Ich hatte bald eine Rekordziffer erreicht. Ich tötete an einem
Tage, meine Leserinnen mögen nicht erschrecken, einundachtzig der
braunen Kerle, die man Flöhe nennt. Allmählich brachte ich die Zelle
rein, auch ohne Insektenpulver, das mir meine Frau auf mein Verlangen
ein paarmal sandte, das ich aber nie erhielt, weil es die Aufseher für
sich verbrauchten. Ich hatte auch durchgesetzt, daß meine Matratze in
der Zelle blieb, die vordem jedesmal am Abend voll Ungeziefer wieder zu
mir hereingebracht wurde. Kaum hatte ich aber mein "Heim" rein, so wurde
ich auf Anordnung des Arztes nach der Westseite umquartiert. Ich erhielt
jetzt eine Zelle, in der vor mir eine Kindsmörderin zugebracht hatte,
wie mir mein Aufseher in liebenswürdiger Weise mitteilte. Nun hatte ich
die Arbeit des Reinigens von neuem vorzunehmen.

Eine Untersuchungshaft wie die unsere ist die scheußlichste aller
Haftarten. In strenger Einzelhaft hinter Schloß und Riegel sitzen
müssen, ohne zu wissen, wie lange die Haft währt und welches
Anklagematerial vorliegt, wirkt ungemein aufregend und nervenzerrüttend.
Endlich wurde ich Anfang Januar wieder dem Untersuchungsrichter
vorgeführt. Als ich in das Zimmer des Richters trat, fiel mein Blick auf
ein stattliches Bündel blauer Papiere, die auf der breiten Fensterbank
lagen. Es waren meine Briefe an den Parteiausschuß, die dieser mit den
Briefen von Liebknecht, Marx und Engels ganz besonders sorgfältig und
liebevoll aufbewahrt hatte. Ich weiß nicht, was ich getan, hätte ich in
diesem Augenblick unseren Parteisekretär Bonhorst zwischen den Fingern
gehabt. Bald ergab sich aber, daß ich keine Ursache hatte, mich über die
beschlagnahmten Briefe zu ärgern. Der Untersuchungsrichter teilte mir
mit, daß er erst vor ein paar Tagen das Anklagematerial erhalten habe,
daß er aber gewillt sei, nach Möglichkeit die Untersuchung zu
beschleunigen. Und er hielt Wort. Mit jedem neuen Verhör wurde der
Richter zugänglicher. Selbstverständlich waren unsere Briefe das erste
Material, was er durchstudierte. Und da nun diese fast alle streng
vertraulicher Natur waren, so hatten wir darin uns gegenseitig nicht nur
unsere Parteischmerzen, sondern auch unsere großen und kleinen
Privatschmerzen mitgeteilt, und dabei stellte sich heraus, daß keiner
von uns auf Rosen gebettet war. Wohl zu seiner eigenen Ueberraschung
entdeckte der Untersuchungsrichter, daß wir keine Landesverräter und
Königsmörder seien, sondern Menschen, die von den besten Absichten
beseelt waren und warmes Herzblut in den Adern hatten. Ende Februar
hatte der Untersuchungsrichter das Riesenmaterial, das quantativ sehr
groß war--es waren allein gegen 2000 Briefe vorhanden--, durchgearbeitet
und die Untersuchung geschlossen. Der Untersuchungsrichter hatte, und er
war ein sehr intelligenter und gewissenhafter Mann, wie wir später durch
unseren Rechtsanwalt Otto Freytag erfuhren, die Ueberzeugung gewonnen,
daß wir nicht nur nicht wegen Versuchs, sondern auch nicht wegen
Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt werden könnten. Er stellte
demgemäß den Antrag auf unsere Haftentlassung, dem aber die
Staatsanwaltschaft widersprach.

Als Ende Februar 1871 in Oesterreich das Ministerium Graf
Hohenwart-Schäffle ans Ruder kam und durch eine Amnestie die Wiener
Hochverräter Oberwinder, A. Scheu, Most usw. aus dem Zuchthaus entlassen
wurden, legte mir eines Abends gelegentlich eines Verhörs der
Untersuchungsrichter schweigend die "Leipziger Zeitung" vor, in der die
Depesche über die Amnestie enthalten war. Ich konnte mich nicht
enthalten zu bemerken, dergleichen würde uns nicht blühen; und ich
behielt recht. Ich hatte die feste Ueberzeugung, daß wir verurteilt
würden, nicht weil ich mich schuldig fühlte, sondern weil ich wegen der
Hatz, die namentlich auch während unserer Haft gegen uns fortgesetzt
betrieben wurde, der Stimmung der Geschworenen nicht traute. Außerdem
sagte ich mir auch, daß die Regierung alles aufbieten werde, unsere
Verurteilung herbeizuführen. Andernfalls wäre der Prozeß eine Blamage
für sie geworden. Ich hatte sogar in einem Brief an einen Freund, den
ich meiner Frau zur Uebermittlung schickte, ausgesprochen, wir würden
wohl mit zwei Jahren Festung hängen bleiben. Darüber war namentlich Frau
Liebknecht, der meine Frau meine Ansicht mitgeteilt hatte, ganz
entsetzt. Aber meine Prophezeiung traf wieder einmal ein.

*       *       *       *       *

Nachdem wir in Haft genommen waren, beriefen die Leipziger
Parteigenossen Karl Hirsch, der damals Redakteur am "Crimmitschauer
Bürger- und Bauernfreund" war, nach Leipzig, um die Redaktion des
"Volksstaat" zu übernehmen. Karl Hirsch sprang bereitwillig ein und
verdiente sich durch die Art, wie er das Blatt in schwerster Zeit
redigierte, den Dank der Partei. In der Nummer 102 des "Volksstaat" vom
21. Dezember kündigte er an, daß er die Redaktion auf unseren Wunsch
übernommen habe, und fuhr dann fort:

"Die gegen unsere Freunde eingeleitete Untersuchung wird, wie ich
hoffe, nicht von langer Dauer sein und, wie ich überzeugt bin, die
Schuldlosigkeit derselben zum Ergebnis haben. _Einstweilen werde ich
mir die edle, kühne und nicht 'landesverräterische', sondern im
Gegenteil wahrhaft patriotische Haltung, die der 'Volksstaat' unter
seiner bisherigen Leitung eingenommen hat, bei meiner Redaktion zum
Vorbild nehmen._

An der Tendenz und am Erscheinen des Blattes wird nichts geändert, die
gegnerischerseits gehegte Hoffnung, der Schlag, der unser Organ
betroffen, werde die Partei mundtot machen, wird zuschanden werden."

Kaum war Hirsch in die Redaktion des "Volksstaat" eingetreten, so begann
Professor Biedermann in der "Deutschen Allgemeinen Zeitung" auch gegen
ihn zu denunzieren. Im gleichen Sinne arbeitete die "Zeidlersche
Korrespondenz", die, wie sie von uns Briefe tendenziös stückweise
veröffentlichte, dasselbe mit Briefen von Hirsch machte, die in
Braunschweig beschlagnahmt worden waren. Hirsch schüttelte die
Denunzianten kräftig ab. Weiter antwortete Hirsch damit, daß er an der
Spitze des "Volksstaat" vom 1. Januar 1871 Freiligraths Gedicht "Die
Schlacht am Birkenbaum" zum Abdruck brachte.

Im Januar wurden die Wahlen zum Reichstag ausgeschrieben; sie sollten am
3. März vorgenommen werden. Eine Landesversammlung der Partei hatte uns
wieder in unseren alten Wahlkreisen aufgestellt. In Leipzig vereinigten
sich die Lassalleaner mit unseren Genossen auf meine Kandidatur. Ich
ließ das Komitee wissen, daß ich im Interesse der Konzentration der
Mittel und Kräfte auf die aussichtsreichen Wahlkreise eine Kandidatur
für Leipzig nicht annehmen könne. Es blieb aber dabei. In bürgerlichen
Kreisen veranstaltete man Geldsammlungen, um Liebknechts und meine Wahl
zu verhindern. In meinem Wahlkreis--Glauchau-Meerane-Hohenstein--hatten
die Gegner sich auf die Kandidatur von _Schulze-Delitzsch_ gegen mich
vereinigt. Schulze nahm die Kandidatur an, er weigerte sich aber,
Wählerversammlungen abzuhalten, da ich an der Abhaltung solcher
verhindert sei; dieselben wären ihm wahrscheinlich schlecht bekommen.
Ende Januar legte der provisorische Parteiausschuß in Dresden sein
Mandat nieder; es galt, die Kräfte zu konzentrieren, und so wurde auf
Anordnung der Kontrollkommission in Hamburg Leipzig Sitz des
provisorischen Ausschusses. Die Geldmittel waren natürlich sehr knapp.
Die Parteigenossen von heute ahnen nicht, mit wie wenig Geld damals die
Wahlen betrieben wurden. Ueber 500 bis 600 Mark gingen die Wahlkosten
kaum irgendwo hinaus.

Die Wahlen verliefen ungünstig; sie fanden statt unter Glockengeläute
und Kanonendonner, da am 3. März der Präliminarfriede in Versailles
unterzeichnet wurde. Die einzigen Sieger waren Schraps und ich im 17.
und 18. sächsischen Wahlkreis. Ich hatte mit 7344 Stimmen gegen
Schulze-Delitzsch mit 4679 Stimmen gesiegt. Schraps, der streng genommen
nicht mehr zur Partei gehörte und an dessen Stelle von Rechts wegen
Julius Motteler hätte aufgestellt werden sollen, siegte mit 5875 gegen
5706 Stimmen. Liebknecht unterlag im 19. sächsischen Wahlkreis mit 3981
gegen 5134 Stimmen. Spier war in Mittweida-Frankenberg in engere Wahl
gekommen, er unterlag aber mit 4017 gegen 5430 Stimmen, die auf
Professor Biedermann fielen. In Leipzig hatte ich 2576, mein
Gegenkandidat Bürgermeister Dr. Stephani 7312 Stimmen erhalten. Das
Resultat galt als sehr günstig; im Herbst 1867 erhielten wir nur 900
Stimmen. In Leipzig-Land war Johann Jacoby aufgestellt worden, der mit
2877 gegen 5718 Stimmen seinem Gegner unterlag. Bracke wurde in Chemnitz
und im 22. sächsischen Wahlkreis aufgestellt und erhielt 2972 bezw. 3477
Stimmen. Wir hatten in Sachsen über 39000 Stimmen auf unsere Kandidaten
vereinigt. In manchen Wahlkreisen, wie Bielefeld, hatten unsere
Parteigenossen den Kandidaten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
(Pfannkuch) unterstützt, in Mittel- und Süddeutschland hatten sie fast
überall von der Aufstellung eigener Kandidaten abgesehen. Der Allgemeine
Deutsche Arbeiterverein hatte im ganzen 63000 Stimmen auf seine
Kandidaten vereinigt.

Wie die angeführten Zahlen zeigen, war die Beteiligung an der Wahl eine
schwache, nirgends herrschte Begeisterung für das neue Reich. Der
schwere Druck, der auf Handel und Wandel lastete, die Arbeitslosigkeit,
alles Folgen des Krieges, dazu der lange und harte Winter, der den
Massen ebenfalls schwere Opfer auferlegte, schufen eine sehr gedrückte
Stimmung.

Sobald ich die offizielle Nachricht von meiner Wahl erhalten hatte,
schickte ich aus dem Gefängnis meinem Wahlkomitee folgende Danksagung
zur Veröffentlichung:

"An meine Wähler! Parteigenossen! Ihr habt mir aufs neue einen
glänzenden Beweis Eures Vertrauens gegeben, indem Ihr mich nunmehr zum
dritten Male zum Vertreter des 17. Wahlkreises in den Reichstag
erwähltet.

Ihr habt mir Euer Vertrauen erhalten, obgleich ich nicht in Eurer
Mitte erscheinen konnte, um meinen Standpunkt gegenüber der neuen
Sachlage der Dinge darzutun. Ebensowenig habt Ihr Euch auch beirren
lassen durch die heftige und niedrige Kampfweise, womit die Gegner den
Wahlkampf führten.

Dies, verbunden mit der Tatsache, daß der unterlegene Gegner als die
gefeiertste Größe des Liberalismus und Kapitalismus gilt, macht die
diesmalige Wahl für mich doppelt ehrenvoll. Nehmt dafür meinen
wärmsten und innigsten Dank entgegen und das Versprechen, daß ich tun
werde, was in meinen Kräften steht, Euer Vertrauen zu rechtfertigen.

Es lebe die Sozialdemokratie! Das sei der Ruf, mit dem wir neuen
    
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