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verfassungsmäßigen Rechtes jedwede Bewilligung von Geldmitteln für das
Militär dem Bundespräsidium verweigern_."
Wer denkt in den bürgerlichen Parteien heute noch an dergleichen
Schritte, obgleich mittlerweile die militärischen Rüstungen zu Wasser
und zu Lande einen Umfang angenommen haben, den zu jener Zeit _niemand
für möglich_ hielt.
Da kam der 13. Juli, der die Entscheidung brachte. Nach der offiziellen
und offiziösen Darstellung der Begegnung des Grafen Benedetti mit König
Wilhelm in Ems sollte Benedetti in brüsker Weise vom König gefordert
haben, zu erklären, daß er nie wieder eine Hohenzollernkandidatur für
den spanischen Thron zulassen werde, nachdem an demselben Tage auf
Betreiben des Königs Wilhelm der Hohenzollernprinz seine Kandidatur
_zurückgezogen_ hatte. Der König hatte durch einen Adjutanten an
Benedetti diesem mitgeteilt, daß er die Verzichtleistung approbiert
habe. Auf einen nochmaligen Wunsch Benedettis, den König zu sprechen,
ließ dieser, wie sein Generaladjutant Prinz Radziwill nachher in einer
Erklärung mitteilte, "dem Grafen Benedetti durch mich zum dritten Male
nach Tisch, etwa um 6 Uhr, erwidern, Seine Majestät müsse es entschieden
ablehnen, in betreff der bindenden Erklärungen für die Zukunft sich in
weitere Diskussionen einzulassen. Was er heute morgen gesagt, wäre sein
letztes Wort in dieser Sache, und er könne sich lediglich darauf
berufen. Hierauf erklärte Benedetti, sich seinerseits bei dieser
Erklärung beruhigen zu wollen." Damit war tatsächlich der Zwischenfall
erledigt. Aber nicht für Bismarck, dessen Pläne auf einen Konflikt mit
Frankreich durch die Erklärung des Königs durchkreuzt waren. Er erzählt
selbst in "Gedanken und Erinnerungen", daß, als er an jenem Tage mit
Moltke und Roon gemeinsam speiste, diese über die Nachricht von der
Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron
im höchsten Grade deprimiert waren. Bismarck selbst war so aufgebracht,
daß er seine Demission geben wollte. Bald darauf lief aus Ems eine lange
Depesche ein, in der Abeken im Auftrag des Königs den Verlauf der
letzten Zusammenkunft desselben mit Benedetti schilderte, deren Inhalt
die letzte Hoffnung auf einen Konflikt mit Frankreich zerstörte. Roon
und Moltke legten tief betroffen Gabel und Messer hin, erzählt Bismarck;
daß die Aussicht auf Krieg geschwunden war, hatte ihnen den Appetit
verdorben. Darauf setzte sich Bismarck--immer nach seiner eigenen
Darstellung--an einen Nebentisch, nahm den Stift und strich die Depesche
so zusammen, daß dieselbe einen völlig veränderten Charakter bekam. Als
er sie in seiner Fassung Moltke und Roon vorlas, leuchteten beider
Augen, und Moltke, der Schweiger, rief: "So, das hat einen anderen
Klang, vorher war es eine Schamade, jetzt ist es eine Fanfare." Alsdann
setzten sich alle drei fröhlich zu Tisch und aßen mit bestem Appetit
weiter. Der Krieg war gesichert.
Die Depesche ging in die Welt und wurde offiziell an alle fremden
Kabinette mit Ausnahme des Pariser verschickt, was die schwerste
Beleidigung für die französische Regierung war. In der redigierten
Fassung lautete die Depesche:
"Ems, 13. Juli 1870. Nachdem die Nachrichten von der Entsagung des
Erbprinzen von Hohenzollern der kaiserlich französischen Regierung von
der königlich spanischen amtlich mitgeteilt worden sind, hat der
französische Botschafter in Ems an Seine Majestät noch die Forderung
gestellt, ihn zu autorisieren, daß Seine Majestät der König für alle
Zukunft verpflichte, niemals wieder seine Zustimmung zu geben, wenn
die Hohenzollern auf ihre Kandidatur wieder zurückkommen sollten.
_Seine Majestät der König hat es darauf abgelehnt, den französischen
Botschafter zu empfangen und demselben durch den Adjutanten vom Dienst
sagen lassen, daß Seine Majestät dem Botschafter nichts weiter
mitzuteilen habe."_
Diese Bismarcksche Depesche hatte die gewünschte Wirkung. Sobald sie
bekannt wurde, war die Aufregung in Frankreich und Deutschland und weit
über diese Länder hinaus eine ungeheure. Ich bekam Kenntnis von
derselben, als ich am Nachmittag des 14. Juli im Vorderhause bei meinem
Friseur war und die damals von Professor Dr. Karl Biedermann redigierte
"Allgemeine Deutsche Zeitung" hereingebracht wurde, die jene Depesche
enthielt. Als ich sie gelesen, warf ich das Blatt mit den Worten auf den
Tisch: Da haben wir den Krieg! Der Friseur erschrak über diese Aeußerung
aufs höchste, ich mußte ihm auseinandersetzen, warum die Depesche diese
Bedeutung habe.
Wie vorauszusehen, erfolgte am 19. Juli die Kriegserklärung Frankreichs
an Deutschland, nachdem die französische Kammer bereits am 15. Juli eine
Kriegsanleihe in Höhe von 700 Millionen Franken gegen eine kleine
Minorität bewilligt hatte.
Meinungsdifferenzen.
Die geschilderten Vorgänge hatten zwischen Liebknecht und mir abermals
eine Meinungsverschiedenheit hervorgerufen. Liebknecht hatte die
Ansicht, Napoleon wolle den Krieg, Bismarck habe aber nicht den Mut, den
hingeworfenen Fehdehandschuh aufzunehmen. So schrieb er am 13. Juli im
"Volksstaat": "Das Frankreich des Bonaparte hat dem Preußen des Bismarck
die Kriegsfrage gestellt, und wenn letzteres sich nicht zu einem
schimpflichen Rückzug entschließt, ist der Krieg unvermeidlich." Am 16.
Juli schrieb er: "Der Mutige weicht zurück--vor dem Stärkeren. Die
Hohenzollernkandidatur ist gegenüber der drohenden Haltung Bonapartes
zurückgezogen worden; es bleibt Friede, und der großmächtige
Norddeutsche Bund, der Deutschland Achtung im Ausland verschaffen
sollte, hat mit derselben Demut, wie weiland in der Luxemburger Affäre,
vor dem französischen Kaiserreich die Segel gestrichen."
Ich vertrat den entgegengesetzten Standpunkt. Wohl habe Napoleon den
Krieg erklärt, aber er sei nach meinem Gefühl in eine Falle getappt, die
Bismarck ihm gestellt; _letzterer_ wolle den Krieg, und er habe sein
Ziel erreicht. Ich war über die Auffassung des "Volksstaat" im höchsten
Grade erregt, es kam zu lebhaften Erörterungen zwischen Liebknecht und
mir, und erst auf eine Intervention Geibs kam es zu einer Verständigung
zwischen uns. Vom 20. Juli ab vertrat der "Volksstaat" eine Auffassung,
die auch ich durchaus teilte.
Ohne Ahnung, daß ein Krieg ausbrechen werde, hatten wir zum 17. Juli
eine Landesversammlung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei nach
Chemnitz einberufen. Natürlich mußten wir nunmehr zur Kriegsfrage
Stellung nehmen. Dieses geschah durch folgende Resolution, die
Liebknecht und ich vorschlugen und die einstimmig angenommen wurde.
"Die Landesversammlung protestiert gegen jeden nicht im Interesse der
Freiheit und Humanität geführten Krieg, als einen Hohn auf die moderne
Kultur. Die Landesversammlung protestiert gegen einen Krieg, der nur
im dynastischen Interesse geführt wird und das Leben von
Hunderttausenden, den Wohlstand von Millionen auf das Spiel setzt, um
den Ehrgeiz einiger Machthaber zu befriedigen. Die Versammlung begrüßt
mit Freuden die Haltung der französischen Demokratie und insbesondere
der sozialistischen Arbeiter, sie erklärt sich mit deren Bestrebungen
gegen den Krieg vollständig einverstanden und erwartet, daß auch die
deutsche Demokratie und die deutschen Arbeiter in diesem Sinne ihre
Stimme erheben."
Die Pariser Arbeiter hatten schon vor uns sich gegen den Krieg
ausgesprochen. In ähnlichem Sinne wie wir erklärten sich die Arbeiter
vieler Städte in öffentlichen Versammlungen, so unter anderen in Barmen,
Berlin, Nürnberg, München, Königsberg, Fürth, Krefeld.
Anders dachte der Braunschweiger Parteiausschuß, der zum 16. Juli eine
Volksversammlung einberufen hatte, in der er eine Resolution annehmen
ließ, in der die Versammelten sich auf den Standpunkt stellten, daß
Napoleon und die Majorität der Volksvertreter Frankreichs die frivolen
Friedensbrecher und Ruhestörer Europas seien. Die deutsche Nation
dagegen sei die beschimpfte, die angegriffene, deshalb müsse die
Versammlung den Verteidigungskrieg als unvermeidliches Uebel anerkennen,
sie fordere jedoch das gesamte Volk auf, mit allen Mitteln dahin zu
wirken, daß dem Volke selbst die Entscheidung zwischen Krieg und
Frieden, wie überhaupt die vollste Selbstbestimmung werde. Dieser
Auffassung des Parteiausschusses schlossen sich eine große Zahl
Parteiorte, namentlich in Norddeutschland, an. Es war also eine starke
Meinungsverschiedenheit in der Partei vorhanden.
* * * * *
Der Reichstag war zum 19. Juli einberufen worden. Als Liebknecht und ich
am 18. von Chemnitz abreisten, waren bereits die Bahnen durch die
Militärtransporte so in Anspruch genommen, daß wir auf dem Gößnitzer
Bahnhof mehrere Stunden warten mußten, ehe wir weiterfahren konnten.
Hier besprachen wir unsere im Reichstag zu beobachtende Taktik.
Liebknecht war der Ansicht, wir müßten die Geldforderung strikte
ablehnen, da beide Teile am Kriege schuld seien und wir für keinen Teil
Partei ergreifen dürften. Ich erklärte dieses für einen Fehler. Nach
Lage der Sache könnten wir allerdings für keinen der streitenden Teile
Partei ergreifen. Dieser Eindruck würde aber gerade dann, und zwar
zugunsten Napoleons, hervorgerufen, wenn wir gegen die Anleihe stimmten;
es bliebe uns kein anderer Weg, als uns der Abstimmung zu enthalten.
Schließlich ersuchte mich Liebknecht, den Entwurf einer Erklärung
auszuarbeiten und am nächsten Tage mit nach Berlin zu bringen. Dies
geschah. Nach einigen kleinen Aenderungen stimmte Liebknecht meinem
Entwurf zu, auch sollte ich die Erklärung im Reichstag abgeben. In der
Sitzung vom 21. Juli nahm ich das Wort: "Da, wie wir vernommen, es der
Wunsch ist, die Tagesordnung ohne Debatte zu erledigen, so sind wir
übereingekommen, keine Debatte zu provozieren, obgleich wir mit der
Ansicht des Hauses in keiner Weise einverstanden sind. Wir sind
entschlossen, in der vorliegenden Frage uns der Abstimmung zu
enthalten, und werden unsere Motive in einer schriftlichen Erklärung zu
den Akten des Hauses niederlegen."
Simson als Präsident meinte: Das zu tun, könne er uns nicht hindern. Die
Motivierung unseres Standpunktes lautete:
"Der gegenwärtige Krieg ist ein dynastischer Krieg, unternommen im
Interesse der Dynastie Bonaparte, wie der Krieg von 1866 im Interesse
der Dynastie Hohenzollern.
Die zur Führung des Krieges dem Reichstag abverlangten Geldmittel
können wir nicht bewilligen, weil dies ein Vertrauensvotum für die
preußische Regierung wäre, die durch ihr Vorgehen im Jahre 1866 den
gegenwärtigen Krieg vorbereitet hat.
Ebensowenig können wir die geforderten Geldmittel verweigern; denn es
könnte dies als Billigung der frevelhaften und verbrecherischen
Politik Bonapartes aufgefaßt werden.
Als prinzipielle Gegner jedes dynastischen Krieges, als
Sozialrepublikaner und Mitglieder der Internationalen
Arbeiterassoziation, die ohne Unterschied der Nationalität alle
Unterdrücker bekämpft, alle Unterdrückten zu einem großen Bruderbund
zu vereinigen sucht, können wir uns weder direkt noch indirekt für den
gegenwärtigen Krieg erklären und enthalten uns daher der Abstimmung,
indem wir die zuversichtliche Hoffnung aussprechen, daß die Völker
Europas, durch die jetzigen unheilvollen Ereignisse belehrt, alles
aufbieten werden, um sich ihr Selbstbestimmungsrecht zu erobern und
die heutige Säbel- und Klassenherrschaft, als die Ursache aller
staatlichen und gesellschaftlichen Uebel, zu beseitigen."
Die geforderten 120 Millionen Taler Kriegsanleihe wurden vom Reichstag
bewilligt. Fritzsche, Hasenclever, Mende und Schweitzer stimmten dafür,
Försterling hatte im Frühjahr sein Mandat für Chemnitz niedergelegt. In
der Nachwahl war der Kreis den Hatzfeldtianern verloren gegangen. Als
aber die Anleihe zur Zeichnung aufgelegt wurde, gab die deutsche
Kapitalistenklasse der Welt ein trauriges Schauspiel. Obgleich das Geld
mit 5 Prozent verzinst werden sollte und der Gläubiger für 100 Taler nur
88 zu geben brauchte, für die er aber nachher 100 Taler erhielt, wurden
nur 68 Millionen Taler gezeichnet. Das war eine ungeheure Blamage.
Anders in Frankreich. Dort wurden die geforderten 700 Millionen Franken
voll gezeichnet, und zwar zu dem gleichen Zins, den Deutschland bot.
* * * * *
Unser Verhalten im Reichstag hatte die Differenzen zwischen uns und dem
Parteiausschuß erweitert. Es kam zu sehr gereizten brieflichen
Auseinandersetzungen, namentlich zwischen Liebknecht und dem Ausschuß,
da Liebknecht nicht im Sinne des Ausschusses den "Volksstaat" redigieren
wollte. Vergebens mahnte Liebknecht zur Vernunft. Unter dem 26. Juli
schrieb er an Bracke unter anderem: "Ich nehme Euch Euren patriotischen
Eifer nicht übel. Aber seid auch Eurerseits tolerant. Wenn Ihr mit
Bebels und meinem Verhalten auf dem Reichstag nicht einverstanden seid,
so muß dieser Zwist jetzt um jeden Preis beigelegt oder wenigstens ein
offener Ausbruch vermieden werden. Es darf in einem Moment, wie dem
jetzigen, in der Partei nichts vorkommen, was wie Uneinigkeit aussähe,
und ich beschwöre Euch, alles zu unterlassen, was die Differenzen
verschärfen könnte."
Diese Bitte war vergeblich. Schließlich war Liebknecht so verärgert, daß
er drohte auszuwandern, die Wirtschaft und der nationale Paroxismus ekle
ihn an. Auch mir wurden die Nörgeleien der Braunschweiger zu arg. Am 13.
August schrieb ich nach dort: "Wenn der Ausschuß gegen Liebknecht
vorgeht, verzichten wir auf jede fernere Mitarbeit am 'Volksstaat'. Nach
Eurem Briefe (der an Liebknecht gerichtet war und Drohungen gegen ihn
enthielt) scheint Ihr in eine Art von nationalem Paroxismus verfallen zu
sein, scheint Ihr den Skandal und den Bruch in der Partei um jeden Preis
zu wollen. Einen Verstoß gegen die Parteiprinzipien könnt Ihr in unserem
Verhalten auf dem Reichstag nicht nachweisen. Statt Euch damit zu
begnügen, daß keine Verschärfung des Konflikts eintritt, verlangt Ihr
von Leuten, die eine feste Meinung haben, die Aenderung, die Verleugnung
dieser Ansicht. Der 'Volksstaat' hat sich gerade in den letzten Wochen
streng als Parteiorgan gezeigt. Beweis: das einstimmige Wutgeheul
unserer Gegner. Wollt Ihr auch in dieses nationalliberale Geheul mit
einstimmen? Ihr sprecht von sächsischem Partikularismus. Und doch sind
wir gerade in Sachsen gut _sozialrepublikanisch_, und wir betrachten
alle den Krieg als einen dynastischen. Marx hat sich auch für uns
erklärt."
Am 1. September schrieb Liebknecht auf einen Brief von Bracke: "Nicht
aus Furcht vor den Strebern habe ich Lust, wegzugehen, sondern aus Ekel
vor dem patriotischen Dusel. Diese Krankheit muß ihren Verlauf nehmen,
und während derselben bin ich hier sehr überflüssig, kann aber
anderwärts sehr nützlich sein, zum Beispiel in Amerika. Doch es wird
nicht so schlimm kommen, und ich werde nicht zu gehen brauchen."
August Geib-Hamburg suchte abermals zu vermitteln. Aber erfolgreicher
als alle Vermittlung wirkte der Gang der Ereignisse, der uns bald wieder
in die gleiche Schlachtlinie trieb.
Erklärungen und Proklamationen.
Am 17. Juli fand in Berlin ein großer Kriegsrat statt. Wie es mit den
Kriegsaussichten für Preußen-Deutschland stand, zeigt eine Erklärung
Moltkes, die dieser zugleich im Namen Roons abgab: "_Preußen sei noch
nie in der Lage gewesen, hinsichtlich seiner Heeresverfassung,
Ausrüstung, Hilfsmittel usw. mit solchen Aussichten auf Erfolg einen
Krieg anzunehmen wie gegenwärtig_. Er sei _sehr genau_ über den
Fortschritt (er hätte sagen können die Zurückgebliebenheit. A.B.) der
französischen Rüstungen informiert, und _danach sei eine militärische
Ueberrumpelung seitens Frankreichs nicht zu fürchten_." Die Richtigkeit
dieser Ansicht bestätigte sich sofort. In Deutschland glaubte man
allgemein, der Kriegserklärung Napoleons werde ohne Verzug ein Einbruch
der französischen Armee in deutsches Gebiet folgen. Man wartete
vergebens. In Frankreich hatte die Kriegserklärung ein vollständiges
Durcheinander hervorgerufen, kein einziges Armeekorps war auf Kriegsfuß,
die Kopflosigkeit herrschte von oben bis unten. Anfang August standen
bereits 380000 Deutsche 250000 Franzosen gegenüber. Und wie man in
deutschliberalen Kreisen die Situation ansah, bewies ein Toast des
Professor Biedermann in Leipzig auf einem studentischen Fest, in dem er
bereits _Ende Juli_ ausführte: Wir werden die französische Nation
daniederwerfen, daß sie in einem Menschenalter nicht mehr an Krieg
denken kann. Wir werden das tun, indem wir dafür Sorge tragen, _daß der
Leib Frankreichs etwas schmäler wird_.
Hier wurde also bereits auf eine Annexion angespielt, noch ehe eine
Schlacht geschlagen war. Man rechnete also absolut sicher mit dem Siege.
In den offiziellen Aktenstücken lautete es um diese Zeit ganz anders! So
wurde in der Thronrede, mit der der Reichstag am 19. Juli eröffnet
worden war, gesagt, "daß man die Volkskraft zum Schutze unserer
Unabhängigkeit aufrufe", "Deutschland trage in sich selbst den Willen
und die Kraft der Abwehr erneuter französischer Gewalttat", man wende
sich getrosten Mutes "an die Vaterlandsliebe und Opferfreudigkeit des
deutschen Volkes mit dem Aufruf _zur Verteidigung seiner Ehre und seiner
Unabhängigkeit_". "Wir werden nach dem Beispiel unserer Väter"--so
lautete der Schluß--"_für unsere Freiheit und für unser Recht gegen die
Gewalttat fremder Eroberer kämpfen_, und in diesem Kampfe, _in dem wir
kein anderes Ziel verfolgen, als den Frieden Europas dauernd zu sichern,
wird Gott mit uns sein, wie er mit unseren Vätern war_."
Nach dieser feierlichen Erklärung--deren Verfasser Lothar Bucher
war--handelte es sich also um einen _Verteidigungs-_, nicht um einen
_Eroberungskrieg_, mit dem Zweck, für künftig den Frieden zu sichern.
Einen interessanten Satz enthielt aber noch die Thronrede; der Satz
lautete:
"Das deutsche wie das französische Volk, beide die Segnungen
christlicher Gesittung und steigenden Wohlstandes genießend und
begehrend, sind zu einem heilsameren Wettkampf berufen als zu dem
blutigen der Waffen."
Bezeichnend für die Stimmung in den offiziellen Kreisen war auch die
Proklamation des Königs von Preußen vom 11. August 1870, worin er
anzeigte, daß er in Frankreich eingerückt sei und den Oberbefehl
übernommen habe: "Ich führe Krieg mit den französischen _Soldaten_ und
nicht mit den _Bürgern Frankreichs_."
Eine sehr günstige Beurteilung in unseren Kreisen fand die Proklamation
des Prinzen Friedrich Karl:
"An die Soldaten der zweiten Armee!
Ihr betretet französischen Boden. Der Kaiser Napoleon hat ohne allen
Grund an Deutschland den Krieg erklärt, er und seine Armee sind unsere
Feinde. Das französische Volk ist nicht gefragt worden, ob es mit
seinen deutschen Nachbarn einen blutigen Krieg führen wolle, ein Grund
zur Feindschaft ist nicht vorhanden. Seid dessen eingedenk den
friedlichen Bewohnern Frankreichs gegenüber, zeigt ihnen, daß in
unserem Jahrhundert zwei Kulturvölker selbst im Kriege untereinander
die Gebote der Menschlichkeit nicht vergessen, denkt stets daran, wie
eure Eltern in der Heimat es empfinden würden, wenn ein Feind, was
Gott verhüte, unsere Provinzen überschwemmte. Zeigt den Franzosen, daß
das deutsche Volk nicht nur groß und tapfer, sondern auch gesittet und
edelmütig dem Feinde gegenübersteht."
Und bereits am 25. Juli hatte der König auf die laut gewordenen
Kundgebungen ein Dankschreiben veröffentlicht, in dem es hieß:
"Die Liebe zu dem gemeinsamen Vaterlande, die einmütige Erhebung der
deutschen Stämme und ihrer Fürsten hat alle Unterschiede und
Gegensätze in sich beschlossen und versöhnt, und einig, wie kaum
jemals zuvor, darf Deutschland in seiner Einmütigkeit, in seinem Recht
die Bürgschaft finden, daß der Krieg ihm den dauernden Frieden bringen
und daß aus der blutigen Saat eine von Gott gesegnete Ernte deutscher
Freiheit und Einheit sprießen werde."
Es ist zu beachten, wie in diesem Dankschreiben am Schluß die Freiheit
vor die Einheit gesetzt ist. Das sollte mir später verhängnisvoll
werden, als ich an dieses Versprechen in mehreren öffentlichen
Versammlungen erinnerte.
Die Verhaftung des Braunschweiger Ausschusses.
Im "Volksstaat" vom 30. Juli veröffentlichte der Parteiausschuß einen
Aufruf, in dem der abweichende Standpunkt, der ihn damals von uns noch
trennte, zum Ausdruck kam. Nachdem er die Partei zu energischer
Tätigkeit aufgefordert, fuhr er fort: "Unsere Aufgabe ist es, bei der
Geburt dieses, wie wir hoffen, ganz Deutschland umfassenden Staates
_bestimmend mitzuwirken_, damit, wenn es möglich ist, _nicht der
dynastische Staat_, sondern der _sozialdemokratische Volksstaat_ (!!!
A.B.) ins Dasein tritt; unsere Aufgabe ist es--mag der gewordene neue
Staat bei der Geburt noch dynastische Färbung tragen--, ihm in ernstem,
schwerem Kampfe den Stempel _unserer_ Ideen aufzudrücken." Er hoffe, daß
unsere Brüder mit Begeisterung und Mut uns bald zum Siege in Frankreich
führten, doch solle man sich nicht vom Siegestaumel beherrschen lassen.
Man müsse den Bruderkampf zwischen zwei Völkern bedauern, aber
Deutschland sei unschuldig an dem Kriege; den Schuldigen werde die
Strafe ereilen, dann aber gelte es, uns kräftig zu erhalten für den
glorreicheren gemeinsamen Kampf aller Unterdrückten der Erde. Sei
Napoleon besiegt, werde das französische Volk freier aufatmen, und wir
hätten alsdann unsere Machthaber daran zu erinnern, was dem Volke von
Gottes und Rechts wegen gebühre und was zu fordern die unendlichen Opfer
und Qualen des Krieges es doppelt und dreifach berechtigten.
Der Ausschuß ahnte in seinem Optimismus damals nicht, daß er das erste
Opfer sein werde, das die Herrlichkeit des Sieges zu kosten bekommen
werde. Die Armeen des Kaiserreichs wurden in rasch aufeinanderfolgenden
Schlägen zu Boden geworfen, Deutschland sah ganze Armeen französischer
Gefangener in seinen Gauen, deren Unterbringung und Verpflegung bald
eine unbequeme Last wurde. Es kam die Schlacht bei Sedan, die Napoleon
unter Umständen annahm, daß man fast glauben sollte, er habe absichtlich
so manövriert, um als Gefangener nach Deutschland, nicht als
geschlagener Kaiser nach Frankreich zu kommen. Als die Nachricht von
seiner Gefangenschaft nach Deutschland kam, jubelte alles, wir mit. Alle
Welt erhoffte das Ende des Krieges, dessen Schlachten mit ihren
ungeheuren Verlusten an Menschenleben schon den Ueberdruß am Kriege
erzeugt hatten. "Ich scheue mich, nach den Verlusten zu fragen", schrieb
der König von Preußen nach den Schlachten um Metz an die Königin. An den
König von Württemberg telegraphierte er: "Die Verluste der letzten
Schlacht (am 19. August) wie der vorhergehenden sind so bedeutend, daß
die Siegesfreude sehr getrübt wird." Und die von Guido Weiß redigierte
Berliner "Zukunft" schrieb: "Vor dem bleichen Purpur des Todes beugen
sich auch die im Purpur Geborenen. Eine Furcht überkommt selbst die
Furchtlosen: Zu weit ausgegriffen hat die Sichel, zu reichlich gedüngt
ist das Blachfeld."
Doch der Krieg wütete weiter. Die Gefangennahme Napoleons bei Sedan
beantwortete Paris mit der Erklärung der Republik, ein Ereignis, das
namentlich im deutschen Hauptquartier sehr unangenehm berührte. Um
Frankreich zu einer Republik zu machen, dafür hatte man den Krieg nicht
begonnen. Man fürchtete das böse Beispiel, wie sich gezeigt hat, ohne
Grund. Als die Nachricht von der Verkündung der Republik nach
Deutschland kam, stürzte Liebknecht in größter Aufregung und mit Tränen
in den Augen zu mir in meine Werkstatt, um mir das Ereignis zu
verkünden. Er war frappiert über die Kühle, mit der ich die Nachricht
aufnahm. Aber auch im Braunschweiger Ausschuß hatte die Nachricht wie
eine Bombe eingeschlagen und einen starken Gesinnungswechsel
hervorgerufen. Jetzt waren mit einem Schlage alle Differenzen zwischen
uns beseitigt. Sofortiger Friedensschluß mit der französischen Republik,
Ersatz aller Kriegskosten, aber Verzicht auf jede Annexion waren die
Forderungen, die wir jetzt gemeinsam erhoben. Aus dem Verteidigungskrieg
war mittlerweile der Eroberungskrieg geworden. Was Biedermann schon Ende
Juli angedeutet, wurde nach den vielen und raschen Siegen allgemeine
Forderung der liberalen und konservativen Presse.
In einem Manifest, das der Generalrat der Internationalen
Arbeiterassoziation mit Bezug auf den Krieg erließ und der "Volksstaat"
am 7. August veröffentlichte, hieß es: "Das Kriegskomplott vom Juli 1870
ist nur eine verbesserte Auflage des Staatsstreichs vom Dezember 1851."
Der Krieg habe so aberwitzig geschienen, daß Frankreich nicht daran
glauben wollte, selbst die bürgerliche Opposition habe die Geldmittel
verweigert. Die der Internationale angehörenden französischen Arbeiter
hätten den Krieg als einen _dynastischen_ Krieg verurteilt. "Welchen
Verlauf auch immer der Krieg Louis Bonapartes mit Preußen nimmt, die
Totenglocke des zweiten Kaiserreichs hat bereits in Paris geläutet. Es
wird enden, wie es begonnen, mit einer Parodie." Auf deutscher Seite
sei der Krieg ein Verteidigungskrieg, "aber welche Politik habe
verschuldet, daß Deutschland in diese Lage komme?" Die Kritik der
Bismarckschen Politik, die hier folgte, mußte der "Volksstaat"
unterdrücken. "Wenn die deutschen Arbeiter es erlauben, daß der
gegenwärtige Krieg seinen streng defensiven Charakter verliert und in
einen Krieg gegen das französische Volk ausartet, wird Sieg oder
Niederlage sich gleich verhängnisvoll erweisen." Der Generalrat weist
alsdann darauf hin, daß in einem solchen Falle Rußland den Vorteil habe.
Im Sinne des Manifestes des Generalrats handelte jetzt der
Braunschweiger Ausschuß, als er, datiert vom 5. September, einen Aufruf
"An alle deutschen Arbeiter" erließ. Mit Hinweis auf die neuesten
Ereignisse in Frankreich erwarte er, daß die neue republikanische
Regierung den Frieden mit Deutschland zu erreichen suche. Darin müßten
die deutschen Arbeiter die Absichten der republikanischen Regierung
unterstützen und einen ehrenvollen Frieden mit dem französischen Volke
fordern, für den sie in Masse ihre Stimmen erheben sollten.
Der Ausschuß zitiert dann aus einem Briefe von Karl Marx--dessen Name
aber nicht genannt wurde--, was folgen werde und folgen müsse, wenn man
auf der Annexion von Elsaß-Lothringen bestehen bleibe. Das Zitat lautet:
"Wer nicht ganz vom Geschrei des Augenblicks übertäubt ist oder ein
Interesse daran hat, das deutsche Volk zu übertäuben, muß einsehen,
daß der Krieg von 1870 ganz so notwendig einen Krieg zwischen
Deutschland und Rußland im Schoße trägt, wie der Krieg von 1866 den
von 1870.... Durch den Verlauf des jetzigen Krieges _sei der
Schwerpunkt der kontinentalen Arbeiterbewegung von Frankreich nach
Deutschland verlegt_. Damit hafte größere Verantwortlichkeit auf der
deutschen Arbeiterklasse."
Der Ausschuß akzeptierte diese Auffassung, forderte zu Kundgebungen auf
gegen die Annexion von Elsaß-Lothringen und für einen ehrenvollen
Frieden mit der französischen Republik. Der Aufruf schloß:
"Wenn wir jetzt sehen, wie wieder ein großes Volk seine Geschicke in
seine Hände genommen, wenn wir heute die Republik nicht allein mehr
sehen in der Schweiz und jenseits der Meere, sondern auch faktisch
Republik in Spanien, Republik in Frankreich, so lasset uns ausbrechen
in den Ruf, der, wenn es auch heute noch nicht sein kann, auch für
Deutschland einst die Morgenröte der Freiheit verkünden wird, in den
Jubelruf: Es lebe die Republik!"
Am 11. September hatte der "Volksstaat" den hier erwähnten Ausruf
abgedruckt, in der nächsten Nummer am 14. mußten bereits Liebknecht und
ich eine Ansprache an die Parteigenossen veröffentlichen, in der wir
anzeigten, daß der General Vogel v. Falckenstein in Hannover--wie sich
herausstellte wider Recht und Gesetz--Befehl gegeben hatte, den
Parteiausschuß, und zwar Bracke, Bonhorst, Spier, Kühn und den
Buchdruckereibesitzer Sievers, mit Ketten gefesselt und unter starker
militärischer Bedeckung nach der Festung Lötzen in Ostpreußen zu
transportieren und dort zu internieren. Die den Verhafteten widerfahrene
Behandlung war eine höchst brutale, um nicht zu sagen grausame; sie
brauchten allein 36 Stunden, um nach Königsberg zu gelangen. Auf der
Reise hielt man sie überall von seiten des Publikums für gefangene
Landesverräter und behandelte sie danach. Wir forderten auf, daß bis auf
weitere Anordnung der Kontrollkommission Briefe und Gelder an
Geib-Hamburg gesandt werden sollten. Der Schluß lautete:
"Parteigenossen! Es ist ein schwerer Schlag, der die Partei getroffen,
und es werden ihm vielleicht andere folgen.
Steht fest und unverzagt; in der Gefahr zeigt sich die echte
Ueberzeugung, bewährt sich der rechte Mann.
Arbeitet kräftig für die Ausbreitung der Partei und unserer
Prinzipien, aber seid vorsichtig im Reden, vorsichtig auch im
Schreiben--die uns feindliche Gewalt sucht alles gegen uns zu
benutzen.
Wirkt kräftig für Verbreitung des Parteiorgans, denn in ihm liegt in
diesem Moment des geistigen Kampfes unsere Macht und unsere Stärke.
Es lebe der internationale Kampf des Proletariats! Hoch die
sozialdemokratische Organisation!"
Die Nennung von Geibs Namen in unserer Ansprache genügte für Vogel v.
Falckenstein, um auch diesen nach Lötzen schaffen zu lassen. Dasselbe
Schicksal traf Johann Jacoby wegen einer Rede in Königsberg gegen die
Annexion, und Gutsbesitzer Herbig, der Vorsitzender jener Versammlung
gewesen war. Vogel v. Falckenstein handelte als Oberstkommandierender in
Norddeutschland, das er gegen eine eventuelle Landung der Franzosen an
den Nordküsten verteidigen sollte. In Ermanglung kriegerischer Taten
verfiel er auf Polizeimaßregeln.
Die Verhaftung Jacobys und Herbigs machte in der liberalen Presse einen
unangenehmen Eindruck. Ein linksliberales Blatt meinte: "Diese
Handlungen paßten schlecht zu den großen Siegen und veranlaßten die
Frage aufzuwerfen: _ob nicht dem deutschen Volk an innerer Freiheit
verloren gehe, was es an äußerem Ruhm gewonnen."_
Wir sahen das Tun und Treiben der Machthaber als selbstverständlich an.
Es war eben eine Illusion des Parteiausschusses, daß er an eine
freiheitliche Gestaltung in der neuen Ordnung glaubte, die derselbe Mann
gewähren sollte, der sich bis dahin als der größte Feind jeder
freiheitlichen, ich sage nicht einmal demokratischen Entwicklung gezeigt
hatte, und der jetzt als Sieger dem neuen Reich den Kürassierstiefel in
den Nacken setzte.
In Harburg wurden auch Bock und mehrere Genossen und in Halberstadt
Naters verhaftet und ins Gefängnis gesetzt, um ihnen einen Prozeß wegen
Verbreitung des Manifestes des Parteiausschusses zu machen. In Sachsen
erließ das Generalgouvernement für das 12. Armeekorps Ende September
eine Verordnung, wonach alle Volksversammlungen mit Rücksicht auf die
Endziele des Kriegs verboten wurden. Ein Lichtblick in dieser Zeit war,
daß in Kirchberg und in Mittweida (beide in Sachsen) die
Stadtverordnetenwahlen für unsere Partei glänzend ausfielen. Auch war
trotz des Krieges am 1. August in Crimmitschau ein täglich erscheinendes
Parteiblatt, "Der Bürger- und Bauernfreund", den Karl Hirsch redigierte,
erschienen, und am nächsten 1. Februar folgte die "Chemnitzer Freie
Presse", die ebenfalls täglich herauskam. Der Unterschied zwischen uns
und dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein bestand auch darin, daß wir
Neugründungen von Parteiblättern kein Hindernis in den Weg legten.
Anfang Oktober bedauerte die offiziöse "Norddeutsche Allgemeine
Zeitung", daß man Liebknecht und mich nicht ebenfalls in Haft genommen
habe wie den Braunschweiger Ausschuß, Johann Jacoby usw. Ihr Wunsch fand
bald Erfüllung.
Die Kontrollkommission hatte den provisorischen neuen Ausschuß nach
Dresden verlegt. Er wurde von den Genossen Knieling, Köhler und Otto
Walster gebildet. Da wir wußten, daß bei der Verhaftung des
Braunschweiger Ausschusses eine große Menge Briefschaften beschlagnahmt
worden waren, schrieb ich an Walster, der Sekretär im neuen Ausschuß
war, er möge sich den Braunschweiger Vorgang als Warnung dienen lassen
und keinen der Briefe aufheben. Aber wer diesen guten Rat _nicht_
befolgte, war Walster. Als später--wie vorauszusehen war--auch bei ihm
Durchsuchung stattfand, fiel sogar mein Warnungsbrief der Polizei in die
Hände, der dann in die Akten des bevorstehenden Hochverratsprozesses
wanderte.
* * * * *
Ein eigenartiges Intermezzo erlebten Liebknecht und ich Ende Oktober.
Der 31. Oktober, der Reformationstag, an dem Luther seine 95 Thesen an
die Tür der Wittenberger Schloßkirche schlug, ist in Sachsen ein
Feiertag. Zwei Tage vor demselben erhielt ich einen eingeschriebenen
Brief, worin Liebknecht und ich dringend ersucht wurden, in einer
hochwichtigen Sache am 31. Oktober nach Mittweida zu kommen. Wir folgten
der Einladung. Am Bahnhof wurden wir geheimnisvoll in Empfang genommen
und um die halbe Stadt nach einer Restauration geführt, woselbst wir zu
unserer Ueberraschung die gesamten Vertrauensmänner des oberen und
unteren Erzgebirges versammelt fanden. Darauf wurde von einem Redner an
uns die Frage gestellt, warum wir die Hände in den Schoß legten und
nicht zum Losschlagen aufforderten, die Armee sei doch außerhalb des
Landes, was im Lande sei, könne leicht überwältigt werden. Wir
schüttelten über diese Naivität den Kopf. Ich nahm zunächst das Wort und
bewies dem Redner das Unsinnige seines Verlangens. Liebknecht sprach
sich selbstverständlich im gleichen Sinne aus. Es kostete uns keine
Mühe, den Anwesenden die Richtigkeit unseres Standpunktes zu machen.
Die Anwesenden waren gleich uns auf Einladung von zwei Parteigenossen
nach Mittweida gekommen ohne Ahnung dessen, was man hier wollte.
Um dieselbe Zeit hielten die Züricher Parteigenossen eine öffentliche
Versammlung ab, in der der damalige _Staatsanwalt_ Parteigenosse
_Forrer_ eine Rede hielt, in der er folgende Resolutionen begründete:
"1. Unsere Sympathien gehören der französischen Republik! Möge es
derselben gelingen, durch energischen Widerstand die Militärmacht
Hohenzollern so zu schwächen, daß ihr ein baldiger Friede angeboten
werden muß.
2. Wir sprechen unseren Parteigenossen in Deutschland und England
(Marx und Engels) die wärmste Anerkennung aus.
Namentlich seid Ihr, Brüder in Deutschland, trotz Verfolgung und
Unterdrückung, trotz Kerker und Ketten als Männer für Eure Prinzipien
eingestanden, und wir haben das feste Vertrauen auf Euch, Ihr werdet
Eure Schuldigkeit tun und Euch der weltgeschichtlichen Aufgabe der
Sozialdemokratie würdig erzeigen."
Uns bereitete damals diese Anerkennung unserer Züricher Genossen eine
große Genugtuung, und ich empfinde sie noch heute. Gegenwärtig ist der
damalige Redner und Parteigenosse _Forrer_ Mitglied des schweizerischen
Bundesrats in Bern und war zeitweilig dessen Präsident.
Selbstverständlich konnte er zu dieser Würde nicht als Sozialdemokrat
gelangen. So weit ist man auch in der Schweiz noch nicht. Er rückte eben
mit der Zeit, wie so mancher andere, von links nach rechts und kam
dadurch zu Würden und Ehren.
Annexionen und Kaiserkrone.
Der Krieg mit Frankreich wurde nach Sedan mit ungeschwächten Kräften
weitergeführt. Die kaiserliche Armee war zwar vernichtet oder gefangen,
aber jetzt hatte die Regierung der nationalen Verteidigung, an deren
Spitze Gambetta und Freycinet standen, die Organisation neuer Armeen in
die Hand genommen. Diese wurden mitten im Kriege sozusagen aus dem Boden
gestampft. Ein interessantes Buch über diese großartige Leistung ist
"Léon Gambetta und seine Armee" von Freiherrn von der Goltz, Berlin
1877. Das Hauptverdienst fiel aber nicht Gambetta, sondern Freycinet,
dem ehemaligen Ingenieur, zu. Hatte der Krieg gegen das Kaiserreich
keine sechs Wochen gedauert, so jetzt gegen die Republik noch nahezu
sechs Monate. Die neue Regierung hatte zwar Versuche gemacht, Frieden zu
schließen, allein diese scheiterten an dem Verlangen Bismarcks nach
Annexionen. Auch erklärte Bismarck, der immer noch an die
Wiedereinsetzung Napoleons dachte, die Regierung der Landesverteidigung
sei keine stabile Regierung, mit der man unterhandeln könne. Schließlich
mußte man aber dennoch mit dieser Frieden schließen.
Ende Oktober übergab Bazaine Metz mit 150000 Mann Besatzung und enormen
Kriegsvorräten, was ein Glück für die deutsche Armeeleitung war, die
alle Kräfte gegen die neugebildete französische Loire- und Nordarmee
brauchte.
Am 26. Oktober wurden Jacoby, Bonhorst und Herbig aus Lötzen entlassen.
Es standen die preußischen Landtagswahlen bevor, und da konnte man die
wider Recht und Gesetz verhafteten Landesangehörigen nicht in Haft
behalten. Einige Wochen später, am 14. November, wurden die Mitglieder
des Braunschweiger Ausschusses wiederum in Ketten gefesselt von Lötzen
nach Braunschweig zurücktransportiert. Es sollte hier ein
Hochverratsprozeß gegen sie inszeniert werden. Endlich wurde Anfang
Dezember auch Geib aus Lötzen entlassen, und zwar auf Betreiben des
Hamburger Senats. Anklagematerial lag gegen ihn nicht vor.
* * * * *
Auf den 24. November war der norddeutsche Reichstag zu einer
außerordentlichen Session einberufen worden, die zwar kurz, aber sehr
erregt war. Es handelte sich um eine weitere Bewilligung von Geldmitteln
für die Fortführung des Krieges und um die Beratung der Versailler
Verträge mit den süddeutschen Staaten und die neue Reichsverfassung.
Was bis dahin über die Versailler Verträge bekannt geworden war, hatte
in den liberalen Kreisen große Verstimmung hervorgerufen. Danach waren
den süddeutschen Staaten, insbesondere Bayern, sogenannte Reservatrechte
eingeräumt worden, die die Reichseinheit nur komplizierten. Die
norddeutsche Bundesverfassung sollte mit den unumgänglich nötigen
Aenderungen, die die Versailler Verträge bedingten, Reichsverfassung
werden. Die Freiheit, die Ende Juli in seinem Dankschreiben der König in
Aussicht gestellt hatte, blieb wo sie war, in der Kaserne. Nicht einmal
die Diäten wurden bewilligt. War schon durch diese Vorgänge die Stimmung
eine gedrückte, so noch mehr durch die Tatsache, daß der Krieg sich in
die Länge zog, ungeheure Opfer aller Art kostete und sich ein Ende nicht
absehen ließ. Anfang September hatte Moltke an seinen Bruder
geschrieben, er hoffe Ende Oktober in Creisau (seinem Gute in Schlesien)
zu sein und Hasen zu schießen. Diese blieben aber unbehelligt von der
Moltkeschen Flinte.
Im Reichstag herrschte über die Nachrichten vom Kriegsschauplatz eine
sehr gedrückte Stimmung. So hatte man sich den Gang der Dinge nicht
vorgestellt. Der Kriegsberichterstatter der "Kölnischen Zeitung", ein
Herr v. Wickede, schrieb noch Ende Dezember:
"Dieser entsetzliche Krieg, der mit Streitermassen geführt wird, wie
solche die Geschichte aller Zeiten und Völker noch niemals in dem
Umfang gehabt hat, spottet in der Tat aller und jeglicher Berechnung.
Man glaubte endlich am Ende desselben zu sein, und nun stellt sich
heraus, daß man am Ende des Monats genau so weit ist wie am Anfang
desselben. Wir schlagen fort und fort die Franzosen, töten und
verwunden ihnen Tausende von Soldaten ... und immer von neuem und
wieder von neuem sammeln sich ihre geschlagenen Scharen ... und werfen
sich uns sehr häufig mit dem wilden Mut der äußersten Verzweiflung
entgegen.... Es herrscht jetzt schon in manchen von unseren Gruppen
besonders ausgesogenen Gegenden eine entsetzliche Hungersnot, die
Leute fallen wie die Fliegen im Hochsommer zu Dutzenden um, und dieser
Zustand wird sich im Laufe des strengen Winters in noch furchtbarerer
Weise steigern."
Die Thronrede, mit welcher der Reichstag eröffnet wurde, verlas der
Präsident des Bundeskanzleramts, Delbrück; es hieß darin, die jetzigen
Machthaber Frankreichs zögen es vor, die Kräfte einer edlen Nation einem
aussichtslosen Kampfe zu opfern. In einem gewissen Widerspruch hiermit
wurde bemerkt: Frankreich habe keine Regierung, mit der man
unterhandeln könne; es seien auch durch die Haltung der Bevölkerung die
Hoffnungen auf dauernden Frieden vernichtet worden. Sobald Frankreich
sich erholt oder durch Bündnisse sich stark genug fühle, sei eine
Wiederaufnahme des Krieges zu erwarten. Man sah also ein, wohin das
Verlangen nach Annexionen die künftige Entwicklung treiben werde.
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