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eröffnet worden war, unterbrochen; es sollte nach den Osterferien das
Zollparlament zusammentreten, das für den 27. April nach Berlin berufen
worden war. Dessen Sitzungen wurden im Sitzungssaal des preußischen
Landtags--damals am Dönhofsplatz--abgehalten, weil für die um rund
hundert größere Abgeordnetenzahl der Saal des Herrenhauses nicht
reichte. Die Arrangeure für die Verteilung der Plätze begingen dabei die
kleine Bosheit, daß sie Rothschild neben Liebknecht placierten. Alles
lachte. Der Frankfurter Weltbankier hielt es aber in der gefährlichen
Nachbarschaft nicht lange aus, er ließ sich einen anderen Platz
anweisen.
Unter den süddeutschen Zollparlamentsmitgliedern befanden sich eine
Anzahl, die bereits eine politische Rolle hinter sich hatten, so Ludwig
Bamberger, der Staatsrechtslehrer Professor Bluntschli, der katholische
Sozialpolitiker Jörg, der Statistiker Dr. Kolb, Fürst zu
Hohenlohe-Schillingsfürst, der spätere Reichskanzler, Professor
Marquardsen, Rechtsanwalt Metz-Darmstadt, Moritz v. Mohl, Rechtsanwalt
Oesterlen-Stuttgart, der gewesene Minister v. Roggenbach, Professor
Schäffle, Professor Sepp, Freiherr v. Stauffenberg, Dr. Tafel-Stuttgart,
Minister v. Varnbühler, Rechtsanwalt Völck--die Frühlingslerche--und
andere.
Da ich bei der Eröffnungssitzung des Zollparlaments zugegen war, wurde
ich neben den Abgeordneten Hans Blum, v. Watzdorf und Tobias
Jugendschriftführer. Damals bestand noch in der Geschäftsordnung des
Reichstags die Bestimmung, daß die bei der Eröffnungssitzung anwesenden
vier jüngsten Mitglieder neben dem Alterspräsidenten das provisorische
Bureau bildeten. Aus Aerger, daß auf diese Weise Sozialdemokraten in
das Bureau kommen konnten, änderte man später die Geschäftsordnung.
Jetzt wählt der Alterspräsident die vier Schriftführer des
provisorischen Bureaus. An Kleinlichkeit der Auffassung der Opposition
gegenüber hat es dem Reichstag nie gefehlt.
Unter den süddeutschen Abgeordneten befanden sich eine Anzahl, mit denen
Liebknecht und ich in nähere Beziehungen traten: Ammermüller,
Freiesleben, Kolb, Oesterlen, Schäffle, Tafel usw. Mehrere derselben,
wie Kolb und Tafel, gehörten zur Demokratie. Der größte Teil der
süddeutschen Abgeordneten fand sich nur sehr schwer in die neue Ordnung
der Dinge. Das Zollparlament war eine der Früchte des zwei Jahre vorher
stattgehabten Bruderkriegs, dessen Wunden in Süddeutschland noch nicht
vernarbt waren. Man fühlte sich immer noch als Besiegte. Zudem war das
Zollparlament eine politische Zangengeburt, ein Verlegenheitsprodukt,
nicht Fisch, noch Fleisch. Die Liberalen, als Vertreter der modernen
kapitalistischen Entwicklung, wollten aus dem Zollparlament ein
Vollparlament machen; dem widerstrebte nicht nur Bismarck, aus
politischen Rücksichten auf Frankreich und die Stimmung in
Süddeutschland, dem widerstrebten auch die Vertreter aller anderen
Parteien in Süddeutschland, die in dem Nordbund, seiner Verfassung und
seinen Einrichtungen kein politisches Ideal sahen. Nimmt man hinzu, daß
zu jener Zeit noch ein besonders scharfer Gegensatz in der
Volksgesinnung zwischen Süd und Nord bestand, auf Grund dessen man in
Süddeutschland besser Wien und Paris als Berlin kannte, das Süddeutsche
zu jener Zeit selten besuchten, so begreift man, daß die Geister scharf
aufeinanderplatzten, wo immer sich eine Gelegenheit dazu bot. Doch
zeigte sich auch hier, daß die Süddeutschen an Zähigkeit hinter den
Norddeutschen zurückstanden. Liebknecht und ich hatten manchmal Mühe,
dem uns näher stehenden Teil der süddeutschen Abgeordneten den Rücken zu
steifen.
Der Versuch der Nationalliberalen, eine Adresse an den König von Preußen
durchzusetzen, fiel nach heftiger Debatte mit 186 gegen 150 Stimmen, ein
Resultat, das die Antragsteller ganz perplex machte. Ich nahm in dieser
Session zu zwei längeren Ausführungen das Wort. Das erstemal sprach ich
gegen den Entwurf eines Gesetzes, wonach der Tabak besteuert werden
sollte, das zweitemal zu dem Zollvertrag zwischen dem Zollverein und
Oesterreich. Ich stieß bei dieser Debatte scharf mit dem Abgeordneten
Lasker zusammen. Derselbe hatte sich wieder einmal allerlei
schulmeisterliche Bemerkungen gegen uns erlaubt und die Zustände in den
Kleinstaaten in übertriebenster Weise angegriffen. Ich wies seine
schulmeisterlichen Bemerkungen energisch zurück und äußerte wegen seiner
Angriffe auf die Kleinstaaten, daß mich diese aus seinem Munde um so
mehr wunderten, da er einem Kleinstaat (Meiningen) sein Mandat verdanke,
eine Bemerkung, durch die ich die Lacher auf meiner Seite hatte.
* * * * *
Auf den 14. Mai war eine Volksversammlung von Berliner Demokraten und
Parteigenossen nach dem Konzerthaus berufen worden, und zwar saßen unter
anderem im Komitee: Buchhändler Jonas, der nachher wegen geschäftlicher
Misere nach den Vereinigten Staaten auswanderte und dort die New Yorker
Volkszeitung mitbegründete, deren Chefredakteur er wurde, Ludwig Löwe,
Paul Singer, Fr. Stephani, Tölde usw. Von den süddeutschen Abgeordneten
waren Freiesleben, Kolb, Oesterlen, Schäffle und Tafel, ferner
Liebknecht, Dr. Reinke, der vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein in
Lennep-Mettmann gewählt worden war, und ich anwesend. Liebknecht griff
die Politik der Fortschrittspartei und speziell Waldeck und Genossen
heftig an, auch sprach er so scharf gegen den Nordbund, daß es einem
Teil der Komiteemitglieder angst und bange wurde. Ich führte aus: Was
jetzt unter den Formen der deutschen Einheit vorgenommen werde, sei nie
und nimmer das einige Deutschland. Wir hegten die Erwartung, daß in
einem Deutschland, das durch den Gesamtwillen der Bevölkerung getragen
werde und an dessen Spitze eine Regierung stehe, die aus dem freien
Willen des Volkes hervorgegangen sei, allein das wirkliche Heil für die
Bevölkerung, insbesondere für die arbeitende Bevölkerung zu erwarten
sei. Ich kritisierte weiter die Zustände im Norddeutschen Bund mit Bezug
auf die Entwicklung des Militarismus: nicht Verminderung, sondern
Vergrößerung der Lasten werde die Folge sein.
Dr. Max Hirsch, der mit seinem Anhang erschienen war, versuchte Lärm
hervorzurufen; das Tischtuch sei zwischen uns zerschnitten. Das war es
längst; sein lärmender Anhang wurde zur Ruhe verwiesen.
* * * * *
An einem Maisonntag waren Liebknecht und ich zu einem Fest des Berliner
Schneidervereins geladen. Wir nahmen auf ihren Wunsch die Abgeordneten
Oesterlen, Schäffle und Tafel zu demselben mit. Bei dem Ball kam es zu
einem sogenannten Damenengagement. Die Damen stürzten sich auf uns fünf.
Jede wollte mit einem von uns tanzen. Die vier Kollegen erklärten aber,
nicht tanzen zu können. Nun fielen die Damen über mich Unglücklichen
her. Vier Engagements hatte ich glücklich hinter mir, beim fünften
versagten mir Kopf und Magen. Mir wurde übel, ich mußte in den Garten
flüchten. Nächsten Vormittag kam eine Damendeputation zu mir in meine
Wohnung, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Ich konnte ihr die
beruhigende Versicherung geben, daß ich die Strapazen glücklich
überwunden hätte. Als wir in jener Nacht nach Hause gingen, äußerte sich
Schäffle höchst überrascht über den guten Ton und die ganze Haltung der
Ballgesellschaft, die nicht besser hätte sein können. Er glaube, in
Süddeutschland sei dergleichen auf einem Ballfest der Arbeiter
unmöglich, dort würde es zu Prügeleien kommen. Ich protestierte gegen
diese Auffassung. Ich sei zwar noch auf keinem Ballfest süddeutscher
Arbeiter gewesen, sei aber fest überzeugt, daß dergleichen auf einem
Fest organisierter Arbeiter nicht vorkomme.
Für den 20. Mai hatte die Berliner Kaufmannschaft die Mitglieder des
Zollparlaments zu einem Festessen geladen, bei dem das Kuvert 25 Taler
kostete. Ich nahm an demselben nicht teil. Kollegen, die daran
teilgenommen hatten, versicherten mir nächsten Tages, die Arrangements
seien so mangelhaft gewesen, daß eine Anzahl Gäste sich nicht einmal
habe satt essen können.
Die meisten Süddeutschen waren froh, als sie nach vierwöchiger
diätenloser Anwesenheit in Berlin wieder zu ihren Penaten zurückkehren
konnten. Im übrigen waren die Sitzungen meist so schlecht besucht, daß
die Berliner den Witz machten: Zollparlament bedeutet Leerparlament. An
den Schlußberatungen der unterbrochenen Reichstagssession beteiligte ich
mich nicht.
* * * * *
Die nächste Session des norddeutschen Reichstags begann den 4. März
1869. Hauptgegenstand seiner Beratung war der Gesetzentwurf für eine
Gewerbeordnung. Ich trat erst in der 10. Sitzung in das Haus und nahm
gleich zur Generaldebatte über den Gesetzentwurf das Wort. Ich
polemisierte unter anderem gegen den Geheimen Regierungsrat Wagener, den
ich wegen seines Auftretens in der Debatte als königlich preußischen
Hofsozialisten bezeichnete. Im weiteren wandte ich mich gegen den
Freiherrn v. Stumm, der uns heftig angegriffen hatte. Ich rechtfertigte
unsere Agitation und Organisation. Organisierten die Arbeiter sich
international, was er ihnen zum Vorwurf gemacht hatte, so sei dieses die
notwendige Konsequenz gegenüber der Internationalität des Kapitalismus.
Gegen den Abgeordneten Miquel trat ich ebenfalls polemisch in die
Schranken, der behauptet hatte, wir in Deutschland seien in sozialen
Dingen weiter als England und Frankreich. Ich antwortete: Jedenfalls
streite man sich in England und Frankreich nicht mehr wochenlang wie wir
um Gewerbefreiheit und Freizügigkeit. Ich führte ferner aus: Der
Abgeordnete Wagener habe dem Abgeordneten Schulze-Delitzsch gegenüber
gesagt: was er (Schulze) fordere, sei ihm (Wagener) insofern angenehm,
als es gelte, die letzten Konsequenzen des Wirtschaftssystems zu ziehen,
das führe dann zur Reaktion. Ich sei der Meinung, er (Wagener) habe sich
in der Schlußfolgerung geirrt, nicht die Reaktion, sondern die
Revolution werde schließlich kommen und kommen müssen.
Ich hatte mich in meiner Rede gegen eine Kommissionsberatung des
Gesetzentwurfes erklärt, da das Haus doch keinen von uns in die
Kommission wähle. Das hatte die Wirkung, daß man mich in die Kommission
schickte.
Ich möchte hier die Bemerkung einschalten, daß die Teilnahme an den
Reichstags- und Zollparlamentsverhandlungen für Liebknecht und mich ein
großes Opfer war. Zwar taten unsere Wahlkreise, und namentlich der
meine, was sie konnten, um uns finanziell zu unterstützen. Es war aber
doch ein peinliches Gefühl für uns beide, von einer Wählerschaft
finanzielle Hilfe annehmen zu sollen, die mit zur ärmsten in Deutschland
gehörte. Eine Parteiunterstützung gab es damals noch nicht, für Diäten
war kein Geld vorhanden. Die Diätenzahlung durch die Partei trat erst
vom Jahre 1874 ab ein, die mager genug ausfiel. Auch mußten wir die
Reisen nach und von Berlin aus eigener Tasche bezahlen. So fehlten wir
häufig in den Sitzungen, manchmal sogar, wenn unser Parteiinteresse
gebot anwesend zu sein. Schweitzer und Genossen hatten es darin besser.
Sie wohnten in Berlin, mit Ausnahme von Reinke, der aber bereits 1868
sein Mandat niederlegte, worauf Fritzsche an seine Stelle trat; sie
konnten ohne Mühe und größere Opfer jeder wichtigen Sitzung beiwohnen.
Doch waren wir bei weitem nicht die einzigen, die schwänzten. Die große
Mehrzahl der Gesetze wurde von beschlußunfähigen Häusern angenommen. So
blieb es bekanntlich bis zur Einführung der Diäten im Frühjahr 1906.
* * * * *
Bei der zweiten Beratung der Gewerbeordnung stellten wir eine Anzahl
Anträge, mit denen wir aber nur vereinzelt Glück hatten. Wir beantragten
Bestimmungen, nach denen die Streitigkeiten betreffend Kündigungsfristen
usw. Gewerbegerichten überwiesen werden sollten; wir forderten ferner
das Verbot des Trucksystems; obligatorische Fabrikordnungen für alle
Betriebe mit mehr als zehn Arbeitern, wobei die Arbeiter gutachtlich zu
hören seien; weiter beantragten wir Bestimmungen über den Lehrvertrag,
Aufhebung der Arbeitsbücher, Verbot der Kinderarbeit für Kinder unter
vierzehn Jahren in Fabriken. Weiter verlangten wir das Verbot der
Sonntagsarbeit, einen zehnstündigen Normalarbeitstag für Betriebe mit
mehr als zehn Lohnarbeitern, volle Vereinigungsfreiheit für die
Gewerkschaftsorganisationen, Einführung von Fabrikinspektoren. Meist
hatten Schweitzer und Genossen dasselbe beantragt.
Einen unerwarteten Erfolg hatte ich mit meinem Antrag, die Arbeitsbücher
abzuschaffen. Das kam so. Das Leipziger Polizeiamt hatte eine
Verordnung erlassen, in der es hieß: Wirte, bei denen einwandernde
Gewerbsgehilfen einkehrten, seien verbunden, ihnen sogleich nach ihrer
Ankunft ihre Wanderlegitimationen abzufordern und solche an das
Fremdenbureau abzugeben. Diejenigen Gesellen aber, welche eine
Wanderlegitimation vorzuzeigen nicht vermöchten, ohne Verzug dem
Fremdenbureau zuzuführen. Ueberdies sollten die Wirte darauf sehen, daß
zugewanderte oder arbeitslos gewordene Gewerbsgehilfen ohne polizeiliche
Erlaubnis nicht über vierundzwanzig Stunden in Leipzig verweilten.
Diese Verordnung stand in schneidendem Widerspruch mit dem Paßgesetz,
das den Legitimationszwang für das Inland aufgehoben hatte. Die
bezüglichen Bestimmungen der sächsischen Gewerbeordnung, die die
Arbeitsbücher vorschrieben, seien, so führte ich aus, durch das
Paßgesetz gegenstandslos geworden. Lasker unterstützte meinen Antrag,
und so wurde derselbe angenommen. Zehn Jahre später wurden bei einer
Revision der Gewerbeordnung von der konservativ-ultramontanen Mehrheit
die Arbeitsbücher für Personen unter 21 Jahren wieder eingeführt.
Die Annahme meines Antrags auf Beseitigung der Arbeitsbücher
verschnupfte in den Kreisen der selbständigen Handwerker. Das ganze
Raffinement, mit dem ich bei Stellung dieses Antrags zu Werke gegangen
sein sollte, beschrieb Dr. C. Roscher, der Sohn des bekannten
verstorbenen Nationalökonomen W. Roscher--dem Marx und Lassalle übel
mitspielten--, in einem Artikel überschrieben: Wie der deutsche
Gewerbsstand die Arbeitsbücher verlor. Fragment aus einem sozialen
Roman. Nach C. Roscher, der heute noch in einem hohen Amt in der
sächsischen Regierung sitzt, hatte ich meinen schlau erdachten Plan
meinem "Freund Tübicke"--der Mann hat wohl nie gelebt--entwickelt, als
er mich eines Abends "in meinem öden Zimmer" aufsucht, wo ich eben
meine--nebenbei bemerkt--sehr kurze Rede zu meinem Antrag entwarf. Ich
lasse mich nun--immer nach Roscher--mit Tübicke in ein Gespräch ein,
wobei ich ihm auseinandersetze, wie ich morgen den Reichstag düpieren
würde, damit er für meinen Antrag stimme. Ich war nicht wenig stolz, zu
lesen, welche Schlauheit mir Roscher zuschrieb, um meine verehrten
Kollegen über den Löffel zu barbieren. Natürlich gelang der Streich
genau so, wie ich den Plan entworfen haben sollte. Als der Präsident
verkündete, der Antrag habe die Mehrheit, hörte man auf der Tribüne ein
unterdrücktes Kichern. Es war mein Freund Tübicke, der sich über das
Gelingen meines Planes diebisch freute. Ich bin überzeugt, mancher, der
diese Schilderung las, nahm sie ernst und sagte sich: Der Bebel ist doch
ein verfluchter Kerl! Aber geschichtliche Wahrheit enthielt die
Schilderung nicht. So wird aber oft Geschichte gemacht.
Ein zweiter, minder wertvoller Antrag, den ich durchsetzte, war, daß
überall, wo es im Gesetz "Muße" hieß, "Pause" gesetzt wurde. Die
Regierung sah selbst ein, daß das Wort "Muße" unpassend sei, und
akzeptierte meinen Vorschlag. Dagegen wurden alle unsere anderen Anträge
abgelehnt.
In derselben Session wurde auch das Wahlgesetz für den Reichstag
festgestellt. Schweitzer und Hasenclever beantragten, statt
fünfundzwanzig Jahre zwanzig zu setzen, und der Wahltag müsse ein
Sonntag sein. Ich beantragte, daß die Wahlen am gleichen Tage im ganzen
Bundesgebiet stattfinden und der Wahltag ein Sonn- oder Feiertag sein
müsse. Ferner verlangte ich, die Bestimmung zu streichen, wonach
Personen das Wahlrecht verlieren sollten, die eine Armenunterstützung
aus öffentlichen oder Gemeindemitteln beziehen oder im letzten Jahre vor
der Wahl bezogen haben.
Es ist überflüssig zu sagen, daß trotz aller unserer Reden diese Anträge
ebenfalls abgelehnt wurden. Auch verloren jetzt die _unter der Fahne
stehenden Militärpersonen das aktive Wahlrecht_. Es waren die
Nationalliberalen, die hierfür eifrig eintraten. Die Regierungen hatten
diese Forderung _nicht_ gestellt.
Bei der Debatte über den Haushaltsetat--24. April--hatte sich der
Abgeordnete v. Hoverbeck für eine Entwaffnung ausgesprochen. Darauf
antwortete ich: Ich sei der Ansicht, daß, wie gegenwärtig die Dinge in
Europa stünden, wo der Zäsarismus hüben und der Zäsarismus drüben das
Ruder führe, ernstlich eine Entwaffnung für möglich zu halten eine
Torheit sei. Ich hielte es für unmöglich, daß unsere Zäsaren, von denen
jeder nach der Gelegenheit hasche, über den anderen herzufallen und ihn
niederzuschlagen, sich einfallen ließen, eine noch so mäßige Entwaffnung
eintreten zu lassen. Es geschehe eben hier, was von den beiden Löwen der
Fabel erzählt werde, sie fielen über sich her und fraßen sich bis auf
die Schwänze auf. Dabei könnten wir nur profitieren.
Am 13. Mai hielt ich eine Rede gegen das Privileg der Portofreiheit der
Fürsten. Ich wurde wiederholt heftig unterbrochen. Meine Ausführungen
hatten die "loyalen Gefühle" eines Teils der Mitglieder verletzt. Dafür
erhielt ich aus der Wählerschaft viele Zustimmungen.
Am 3. Juni wurde das Zollparlament wieder eröffnet, aber bereits am 22.
Juni geschlossen. Ich beteiligte mich nicht an den Debatten, die für
mich keine besondere Bedeutung hatten; außerdem erforderte mein Geschäft
meine Anwesenheit in Leipzig.
* * * * *
In der Frühjahrssession des norddeutschen Reichstags von 1870 war der
Hauptberatungsgegenstand der Strafgesetzentwurf für den Norddeutschen
Bund. Ich nahm bei dessen Beratung nur einmal das Wort, und zwar in
dritter Lesung bei Beratung der Todesstrafe. Der Reichstag, der in der
zweiten Lesung mit erheblicher Mehrheit sich gegen die Todesstrafe
ausgesprochen hatte--das im Jahre 1868 erlassene sächsische
Strafgesetzbuch hatte sie abgeschafft, ebenso war sie in Baden
abgeschafft worden--, stimmte jetzt auf Drängen und Drohen Bismarcks
_für_ dieselbe, und zwar mit 127 gegen 110 Stimmen. Der _einzige_
sächsische Abgeordnete, der _für_ die Todesstrafe eintrat, war Dr. Hans
Blum, der Sohn des im Herbst 1848 in der Brigittenau bei Wien
erschossenen Robert Blum. Als Blum sein Ja für die Todesstrafe abgab,
antworteten wir auf der äußersten Linken mit einem kräftigen Pfui!
Hans Blum gehörte zu den schmutzigsten und perfidesten Gegnern der
Sozialdemokratie; um uns zu bekämpfen, war ihm _jedes_ Mittel recht.
Selbstverständlich war er ein begeisterter Verehrer Bismarcks, und
dieser wollte ihm wohl. Aber er konnte ihn vor schimpflichem Untergang
nicht retten. Blum wurde wegen ehrloser Handlungen die Advokatur
entzogen. Er ging alsdann nach der Schweiz, woselbst er eine
Zigarrenfabrik betrieb. Er starb 1909 als wohlhabender Mann.
In einer zweiten Rede in der Frühjahrssession 1870 trat ich für einen
Antrag Lasker ein, der eine Revision des Militärstrafrechtes verlangte.
Der Antrag wurde mit 117 gegen 73 Stimmen angenommen.
Die Zollparlamentssession von 1870 war wiederum sehr kurz, sie währte
nur gegen drei Wochen. Vor Beginn derselben hatte der Abgeordnete Dr.
Kolb-Bayern sein Mandat für das Zollparlament niedergelegt. Das
Zollparlament sei ein Werk der Täuschung und des Truges, das nur für die
Machtstellung Preußens zu arbeiten habe. Es ist bemerkenswert, wie
kampfunlustig die bürgerliche Demokratie wurde. Damit erhält man aber
keine Partei am Leben, geschweige, daß man sie stärker macht. Die
Klügeren sahen eben schon damals, daß bei der Entwicklung, die die
Sozialdemokratie nahm, die bürgerliche Demokratie keine Zukunft mehr
habe. Die wachsenden Klassengegensätze schieden immer mehr die Geister.
Die Frühjahrssession 1870 war die letzte des Zollparlaments, denn wenige
Monate nachher begann die große Tragödie, die auch die politischen
Verhältnisse Deutschlands sehr wesentlich änderte und das Zollparlament
überflüssig machte.
Taktische Unstimmigkeiten.
Bevor ich auf die Tragödie des Deutsch-Französischen Krieges eingehe,
muß ich in Kürze auf die taktischen Unstimmigkeiten zu sprechen kommen,
die sich zwischen Liebknecht und mir wegen unserer parlamentarischen
Stellung herausgebildet hatten.
Liebknecht hatte schon zur Zeit, als der Bismarcksche Bundesreformantrag
zur Diskussion stand--Frühjahr 1866--, sich gegen das Wählen zu einem
solchen Parlament ausgesprochen, und zwar im Mannheimer "Deutschen
Wochenblatt". Dieses wurde aber in unseren Kreisen fast nicht gelesen,
und da Liebknecht, soweit ich mich dessen entsinne, weder im Leipziger
Arbeiterbildungsverein, noch im Demokratischen Verein, noch in einer
anderen Versammlung seinen negierenden Standpunkt zur Geltung zu
bringen suchte, kam es infolgedessen zu keiner Diskussion. Als wir dann
Weihnachten 1866 auf unserer Landesversammlung zu Glauchau ohne jeden
Widerspruch die Wahlbeteiligung als selbstverständlich beschlossen und
Liebknecht, der damals drei Monate Gefängnis in der Berliner
Stadtpolizei verbüßte, mit als Kandidaten für den 19. sächsischen
Wahlkreis aufstellten, akzeptierte er diese Aufstellung ohne jeden
Vorbehalt. Bei seiner zweiten Kandidatur, Hochsommer 1867, wurde er auch
gewählt. Anfangs stellte er selbst Anträge zu Gesetzentwürfen, aber bald
kam die alte Abneigung gegen den Parlamentarismus wieder bei ihm zum
Durchbruch und äußerte sich in lebhaften Auseinandersetzungen zwischen
uns über die Taktik, die wir im Reichstag einnahmen sollten.
Liebknecht sah in dem Norddeutschen Bunde ein Gebilde, das mit allen
Mitteln bis zur Vernichtung bekämpft werden müsse. An dessen Parlament
sich anders als negierend und protestierend zu beteiligen, war nach
seiner Meinung eine Preisgabe des revolutionären Standpunktes. Daher
kein Paktieren, kein Kompromisseln, das heißt kein Versuch, die
Gesetzgebung in unserem Sinne zu beeinflussen.
Zu dieser Auffassung unseres revolutionären Standpunktes konnte ich mich
nicht bekennen. Protestieren und negieren, wo es am Platze war, also vor
allen Dingen gegen alles Schlechte und Verderbliche, aber zugleich auch
agitieren in positivem Sinne, indem wir überall unsere Anträge zu den
einzelnen Gesetzentwürfen stellten und damit zeigten, wie wir uns die
Gestaltung der Dinge dachten. Indem wir diese Anträge stellten und Reden
zu ihren Gunsten hielten, die, wenn auch noch so verstümmelt, in den
Berichten der Zeitungen von Millionen gelesen wurden, würden wir im
höchsten Grade agitatorisch und propagandistisch wirken.
Diese Meinungsverschiedenheiten kamen zwischen uns am lebhaftesten zum
Ausdruck, als ich zahlreiche Anträge zur Gewerbeordnung und anderen
Gesetzentwürfen stellte, zu denen Liebknecht seine Stimme nur ungern
hergab. Er hielt es schließlich für zweckmäßig, seinen abweichenden
Standpunkt in einem Vortrag darzulegen, den er am 31. Mai 1869 im
Berliner Demokratischen Arbeiterverein hielt. Der Vortrag ist nachher in
einer Broschüre erschienen, betitelt: Die politische Stellung der
Sozialdemokratie, insbesondere mit bezug auf den Reichstag.
Liebknecht äußerte darin: Die soziale Bewegung ist ein revolutionärer
Umgestaltungsprozeß, der sich nicht über Nacht vollziehen kann ... Aber
die neue Gesellschaft steht in unversöhnlichem Gegensatz mit dem alten
Staat ... Was die neue Gesellschaft will, hat daher vor allem auf
Vernichtung des alten Staates hinzuwirken ... Für die soziale Praxis muß
sich die Sozialdemokratie erst den staatlichen Boden schaffen ... Der
Kampf im Reichstag sei bloß ein Scheinkampf, bloß eine Komödie ...
Verhandeln könne man nur, wo eine gemeinsame Grundlage bestehe ...
Prinzipien seien unteilbar, man müsse sie ganz bewahren oder ganz opfern
... Den im Reichstag fast ausschließlich vertretenen herrschenden
Klassen gegenüber sei der Sozialismus keine Frage der Theorie mehr,
sondern einfach eine Machtfrage, die in keinem Parlament, die nur auf
der Straße, auf dem Schlachtfeld zu lösen sei, gleich jeder anderen
Machtfrage ... Alles, was von dem Werte der Reden im Reichstag gesagt
werde, sei hinfällig. Ob man glaube, den Reichstag durch Reden bekehren
zu können? Dieses Reden sei zwecklos, und zwecklos zu reden, sei ein
Vergnügen der Toren.
Er wendete sich dann gegen die Ueberschätzung des Wahlrechts im
absolutistischen Staat; losgelöst von staatsbürgerlicher Freiheit, ohne
Preßfreiheit, ohne Vereinsrecht könne das allgemeine Stimmrecht nur
Spiel und Werkzeug des Absolutismus sein.
Der Reichstag habe auch keine Macht; eine Kompagnie Soldaten jage,
selbst wenn wir die Mehrheit darin hätten, diese Mehrheit zum Tempel
hinaus ... Revolutionen würden nicht mit hoher obrigkeitlicher
Bewilligung gemacht; die sozialistische Idee könne nicht innerhalb des
heutigen Staates verwirklicht werden; sie müsse ihn stürzen, um ins
Leben treten zu können. "Kein Friede mit dem heutigen Staat."
Diese rein negierende Stellung Liebknechts ist für die Partei nie
maßgebend geworden, so oft er auch dafür kämpfte. Als aber in den
achtziger Jahren unter der Herrschaft des Sozialistengesetzes der
Anarchismus in Deutschland hier und da Boden fand, benutzten
selbstverständlich die Anarchisten die Broschüre Liebknechts, um gegen
uns als "parlamentarische Partei" zu kämpfen. Es war ein unhaltbarer
Zustand, daß eine Rede des ersten Führers der Partei ständig gegen die
Wirksamkeit der Partei ausgenutzt wurde. Darauf machte ich ihn in einer
Fraktionssitzung Mitte der achtziger Jahre aufmerksam. Liebknecht gab
die Berechtigung meiner Auffassung ohne weiteres zu, und so erschien die
neue Auflage mit einem Vorwort, in dem er darauf hinwies, daß sein in
der Broschüre vertretener Standpunkt sich nur auf die Periode vor
Gründung des Reiches beziehe. Im weiteren hat dann auch Liebknecht auf
dem St. Galler Kongreß--Oktober 1887--offen und rückhaltlos erklärt, er
sei nunmehr zu der Ansicht gekommen, daß die praktische Tätigkeit in den
Parlamenten eine Notwendigkeit und von großem Vorteil für die Partei
sei. Damit waren die Meinungsverschiedenheiten zwischen uns über die
parlamentarische Taktik beseitigt.
Die Liebknechtsche Rede hatte ein gerichtliches Nachspiel. Das Berliner
Stadtgericht verurteilte ihn in contumaciam, da er auf Vorladung nicht
erschienen war, wegen Schmähung obrigkeitlicher Anordnungen zu drei
Monaten Gefängnis. Das Berliner Stadtgericht forderte darauf die
Auslieferung Liebknechts--man halte fest, daß es damals noch kein
gemeinsames Strafrecht und kein gemeinsames Prozeßverfahren gab--auf
Grund des Gesetzes über die gegenseitige Rechtshilfe. Diese Auslieferung
wurde von den sächsischen Gerichten _verweigert_, weil es nach dem neuen
sächsischen Strafrecht kein Vergehen gab wie jenes, auf das hin
Liebknecht in Berlin verurteilt worden war. Nun verlangte die preußische
Regierung bei der sächsischen die Verfolgung Liebknechts wegen Schmähung
von Bundesinstitutionen. Die sächsische Regierung machte auch Miene, dem
Verlangen stattzugeben. Die Sache zog sich aber in die Länge, und
schließlich erging es Liebknecht mit seiner Berliner wie mir mit meinen
Plauener Reden, sie wanderten als schätzbares Anklagematerial in die
Akten unseres kommenden Hochverratsprozesses.
Der Deutsch-Französische Krieg.
Das Vorspiel zur Kriegserklärung.
Die Haltung, die Liebknecht und ich bei Ausbruch und während der Dauer
jenes Krieges in und außerhalb des Reichstags einnahmen, ist
jahrzehntelang Gegenstand der Erörterung und heftiger Angriffe gewesen.
Anfangs auch in der Partei. Aber nur kurze Zeit, dann gab man uns recht.
Ich bekenne, daß ich unsere damalige Haltung in keiner Weise bedaure und
daß, wenn wir bei Ausbruch des Krieges bereits gewußt hätten, was wir im
Laufe der nächsten Jahre auf Grund amtlicher und außeramtlicher
Veröffentlichungen kennen lernten, unsere Haltung vom ersten Augenblick
an eine noch schroffere gewesen sein würde. Wir hätten uns nicht, wie es
geschah, bei der ersten Geldforderung für den Krieg der Abstimmung
enthalten, wir hätten direkt gegen dieselbe stimmen müssen.
Heute kann es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß der Krieg von 1870
von _Bismarck gewollt_ und durch ihn von langer Hand vorbereitet worden
ist. Wenn er mit seinen Versuchen, anläßlich der Kriege von 1864 und
1866 sich als den Unschuldigen und dazu Gereizten hinzustellen, wenig
Glück hatte, so ist ihm dieses in bezug auf den Krieg von 1870/71
glänzend gelungen. Mit Ausnahme eines kleinen Kreises Eingeweihter, der
wußte, daß Bismarck mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln auf den
Krieg mit Frankreich hinarbeitete--zu dem der damalige König und spätere
Kaiser Wilhelm I. nicht gehörte--, hat Bismarck alle Welt düpiert und
den Glauben zu erwecken verstanden, daß Napoleon den Krieg provozierte
und er, der friedliebende Bismarck, sich mit seiner Politik in der Rolle
des Angegriffenen befand. Und die offizielle und offiziöse
Geschichtschreibung hat diesen Glauben, wonach Frankreich der Angreifer,
Deutschland der Angegriffene war, bis heute in der großen Masse der
Bevölkerung aufrechtzuerhalten verstanden.
Allerdings hat Napoleon formell den Krieg erklärt, aber das
Bewundernswerte in der Bismarckschen Politik lag darin, daß er die
Karten so geschickt gemischt hatte, daß Napoleon mit der Kriegserklärung
austrumpfen _mußte_, er mochte wollen oder nicht, und so als der
Friedensbrecher erschien.
Haben doch kurze Zeit selbst Männer wie Marx und Engels die Anschauung
gehabt und öffentlich zum Ausdruck gebracht, Napoleon sei der
Friedensbrecher gewesen, obgleich die Warte, auf der sie standen, für
die Beurteilung der europäischen Politik eine weit höhere war als die
unsere. Die Vorgänge bis zur Kriegserklärung waren so irreführend und
verblüffend, daß man ganz die Tatsache übersah, daß Frankreich, das den
Krieg erklärte, mit seiner Armee auf keinen Krieg vorbereitet war,
wohingegen in Deutschland, das als der zum Kriege provozierte Teil
erschien, die Kriegsvorbereitungen _bis auf den letzten Lafettennagel
fertig waren_ und die Mobilmachung wie am Schnürchen sich vollzog.
Die öffentliche Anklage, daß Bismarck der Urheber des
Deutsch-Französischen Krieges sei, habe ich meines Erinnerns in der
Partei zuerst in zwei Artikeln des "Volksstaat", und zwar in den Nummern
73 und 74 vom Jahre 1873 erhoben, die die Ueberschrift trugen: "Zum
zweiten September." Liebknecht, dem ich die beiden Artikel vorlegte, hat
nur einige kleine formale Aenderungen daran vorgenommen und hat sie
beide an der Spitze seiner später erschienenen Broschüre: "Die Emser
Depesche oder wie Kriege gemacht werden", abgedruckt.
Der Krieg mit Frankreich lag lange in der Luft. Sobald die Lösung der
deutschen Frage durch die Kabinette und nicht durch die Volksmassen in
die Hand genommen wurde, war bei der Situation in Deutschland und
Europa, die der Wiener Kongreß von 1815 geschaffen hatte, auch die
Einmischung des Auslandes zu befürchten, in erster Linie die
Frankreichs, dessen damaliger Herrscher Napoleon sich eine Art
Schiedsrichterrolle in Europa anzumaßen verstanden hatte. Der
Antagonismus zwischen Oesterreich und Preußen, wie das ganze Gebilde des
damaligen deutschen Bundes, erleichterte ihm diese Rolle. Bismarck trug
dieser Rolle ebenfalls Rechnung, indem er von 1864 bis 1866 sich auf
allerlei bedenkliche Unterhandlungen mit Napoleon einließ, bei denen die
Abtretung gewisser Teile Deutschlands als Kompensation für Annexionen
deutscher Staaten durch Preußen in Frage kam. Ich habe schon im ersten
Teil meiner Arbeit darauf Bezug genommen.
Bismarck war es gelungen, sowohl 1864 wie 1866 Napoleon zu prellen; er
ging bei der Umgestaltung der deutschen Verhältnisse zugunsten Preußens
leer aus. Aber seine Einmischung in die Friedensverhandlungen des
Krieges von 1866 hatte doch genügt, um Preußen die geplante Annexion
Sachsens unmöglich zu machen; auch war Napoleons Einfluß die Bestimmung
des Artikel 4 des Prager Friedensvertrags zu verdanken, wonach eine
Abtretung des dänisch sprechenden Teiles Nordschleswigs an Dänemark in
Aussicht genommen wurde; ferner mußte Preußen auf Annexionen südlich der
Mainlinie verzichten. Napoleons Einfluß war weiter geschuldet die Lösung
der Luxemburger Frage im folgenden Jahre zuungunsten Deutschlands.
Es liegt auf der Hand, daß diese Störung von Bismarcks Zirkeln durch
Napoleon bei Bismarck Rache- und Vergeltungsgedanken aufkommen ließen
und er danach gierte, die überragende Stellung Napoleons und Frankreichs
in Europa zu brechen. Einen Krieg gegen Frankreich zu beginnen, sobald
eine günstige Gelegenheit sich dazu biete, war von 1866 ab das Ziel der
neupreußisch-deutschen Politik. Auf dieses Ziel wurde die militärische
Reorganisation und Armeeerweiterung mit fieberhafter Eile betrieben; es
wurden alle Maßnahmen bis ins kleinste getroffen, um, wenn der Moment
komme, mit Frankreich anbinden zu können.
Daß der nächste Krieg ein Krieg mit Frankreich sein werde, war seit 1866
die Ueberzeugung aller Politiker. Auch in der Armee sah man dieses als
selbstverständlich an und sehnte sich nach demselben. Wir klagten
deshalb die Bismarcksche Politik an, daß sie einen Zustand für
Deutschland geschaffen hatte, wie er seit 1815 nicht vorhanden gewesen
sei. Das gespannte Verhältnis zu Oesterreich, das der Ausgang des
Krieges von 1866 zur Folge hatte, mache die Frage für Deutschland
doppelt gefährlich, weil befürchtet werden müsse, daß Oesterreich zu
einer Revanche für 1866 mit Frankreich im Bunde bereit sein werde.
Tatsächlich wurden auch bezügliche Verhandlungen zwischen Frankreich und
Oesterreich gepflogen, die aber keinen Erfolg hatten, weil der
unerwartet rasche Ausbruch des Krieges und die siegreichen Schläge, mit
der die französische Armee von der deutschen niedergeworfen wurde, es
Oesterreich klüger erscheinen ließen, von einer Einmischung abzusehen.
Aus dieser Situation heraus sah man im Volke einem Kriege zwischen
Deutschland und Frankreich mit großem Unbehagen entgegen, um so mehr, da
man in weiten Volkskreisen noch an eine Unbesiegbarkeit Frankreichs
glaubte. Andererseits stand allerdings fest, daß der Mangel an positivem
Gewinn, den Napoleon aus seiner Einmischungsrolle heimgebracht, sein
Ansehen im eigenen Lande tief heruntergesetzt und der bürgerlichen
Opposition großen Anhang verschafft hatte. Diese Stimmung kam deutlich
zum Ausdruck bei den Wahlen im Mai 1869, bei welchen auf die Kandidaten
der Regierung nur rund 4469000 Stimmen, auf die der Opposition 3259000
Stimmen fielen. Ueber diesen Wahlausfall schrieb man damals der
"Frankfurter Zeitung" aus Paris: "Nicht allein die moralischen, auch die
materiellen Interessen Europas lassen die republikanische Staatsform als
unerläßlich für die Regeneration unserer Verhältnisse erscheinen."
Die Opposition in der Kammer war auf 116 Köpfe gestiegen. Das veranlaßte
Napoleon Anfang Januar 1870, das Mitglied der Opposition, Olivier, zum
Präsidenten eines gemäßigt liberalen Kabinetts zu ernennen und zur
Unterstützung seiner Politik am 8. Mai ein sogenanntes Plebiszit
(allgemeine Volksabstimmung) vorzunehmen, wobei er für sein Regiment
zwar 7350000 Ja gegen 1500000 Nein erzielte, aber was sehr bedenklich
war, die Armee und Marine hatten 50000 Nein in die Urne geworfen.
Außerdem hatten zahlreiche Städte, voran Paris, ein erhebliches Mehr
gegen ihn ergeben.
Die feindselige Stimmung gegen Napoleon war in Paris schon im Januar
zutage getreten bei der Beerdigung des Schriftstellers Victor Noir, den
der Prinz Pierre Napoleon bei einem persönlichen Streit meuchlings
niedergeschossen hatte. Eine ungeheure Menschenmenge begleitete
demonstrativ die Leiche Victor Noirs. Es fehlte nicht viel, und es wäre
dabei zu einem revolutionären Ausbruch gekommen.
Alle diese Vorgänge wirkten niederdrückend auf Napoleon, der damals
schon an einem schmerzhaften Blasensteinleiden litt, dem er schließlich
auch erlag. Dieses Leiden raubte ihm Energie und Tatkraft.
Aber auch die militärischen Verhältnisse Frankreichs waren solche, die
einen Krieg mit einer starken Macht für gefährlich erscheinen ließen.
Wenn Preußen-Deutschland seit 1866 mit aller Kraft und Energie an der
Vermehrung und Ausbildung der Armee arbeitete, so geschah gleiches nicht
in Frankreich. Napoleon harte zwar in dem Oberst Stoffel einen
Militärattaché in Berlin, der offene Augen und Ohren hatte und
fortgesetzt Berichte einschickte, worin er über die gewaltigen
Fortschritte in der militärischen Entwicklung Preußens Bericht
erstattete und zu ähnlichem Vorgehen antrieb, aber alles war vergebens.
Oberst Stoffel predigte tauben Ohren. Einige Urteile Stoffels, weil von
historischer Bedeutung, mögen hier Platz finden. So schrieb er unter dem
22. Juli 1868: "Nach meiner Meinung lebt man in Frankreich in der
tiefsten Unwissenheit von alledem, was Preußen angeht, sowohl die
preußische Nation als die preußische Armee." Am 12. August 1869 schrieb
er prophetisch: "Preußen hat Scharfblick genug, um zu erkennen, daß der
Krieg, den es nicht wünscht, doch ausbrechen wird, und es hat alle
Anstrengungen gemacht, um vorbereitet zu sein für diese Eventualität,
daß irgend ein Zwischenfall den Krieg herbeiführt." Ein andermal bemerkt
er: "Das ist der Hauptgegenstand meiner Befürchtung, dieser schlagende
Kontrast zwischen der Voraussicht Preußens und der Verblendung
Frankreichs." Wütend ist er über Thiers, der 1848 verhindert habe, daß
die allgemeine Wehrpflicht in Frankreich eingeführt wurde. _"Dieser
Mensch war für unser Land ein schlimmeres Verhängnis als zwanzig
Niederlagen."_ Und bei Ausbruch des Kriegs bezeichnet er denselben von
französischer Seite als den Krieg der Voraussehungslosigkeit, der
Unwissenheit und der Albernheit gegenüber der Voraussicht, Bildung und
Intelligenz. Napoleon sei krank, _die Revolution stehe vor der Tür_, und
dazu komme die Dummheit der Kaiserin.
In Paris glaubte kein Mensch an einen Krieg mit Deutschland. _Noch
Anfang Juli 1870, also vierzehn Tage vor Ausbruch des Kriegs, beschloß
die französische Deputiertenkammer die Herabsetzung des
Rekrutenkontingents von 100000 auf 90000 Mann._ Der Kriegsminister
Leboeuf erklärte, daß, _wenn er der Herabsetzung zustimme, es geschehe,
weil er einen Beweis der Friedfertigkeit des Ministeriums geben wolle_.
Und der Ministerpräsident Olivier erklärte auf eine Anfrage des
Abgeordneten Jules Favre, _daß zu keiner Zeit die Erhaltung des Friedens
mehr gesichert sei als gegenwärtig. Nirgends gebe es eine aufregende
Frage._
Und doch kam über Nacht der Krieg.
"Fern im Süd das schöne Spanien" gab ungewollt die Gelegenheit dazu.
Seit Herbst 1868 war Spanien Republik, aber die herrschenden Klassen
sehnten sich nach der Monarchie. So gingen sie auf die Königsuche. Wie
nachträglich bekannt geworden ist, wurde bereits im September 1869 der
Fürst Karl Anton von Hohenzollern davon unterrichtet, daß man seinen
Sohn Leopold, der damals als Leutnant in einem preußischen Garderegiment
stand, zum König von Spanien wünsche. Der preußische Gesandte in
München, Freiherr v. Werthern, hatte dabei seine Hand im Spiele. Ob mit
oder ohne Wissen Bismarcks? Bismarck leugnete, daß er davon etwas gewußt
habe, aber wer glaubt es ihm? Ein Hohenzollernprinz als Kandidat für den
spanischen Königsthron war eine Sache von größter politischer Bedeutung,
sowohl für die Hohenzollern wie für Napoleon. Napoleon und Frankreich
fühlten sich in ihren Interessen aufs stärkste gefährdet, wenn neben dem
Hohenzollern an der Ostgrenze ein Hohenzoller auf der Südgrenze als
Regent eines großen Staates hinzukam. Im Fall eines Kriegs mit
Deutschland mußte alsdann Frankreich sich gegen einen Ueberfall von
Süden schützen, was eine starke militärische Schwächung bedeutete.
König Wilhelm hatte bezeichnenderweise von einem ernsthaften Plan,
einen Hohenzollernprinzen auf den spanischen Königsthron zu erheben,
_keine Ahnung_. Er erhielt die Nachricht darüber erst Ende Februar 1870
und schrieb darauf unter dem 26. an Bismarck:
"Die Einlage fällt mir wie ein Blitz aus heiterer Luft auf den Leib!
Wieder ein hohenzollerischer Thronkandidat, und zwar für Spanien. Ich
ahndete kein Wort und spaßte neulich mit dem Erbprinzen über die
frühere Nennung seines Namens und beide verwarfen die Idee unter
gleichem Spaß! Da Sie vom Fürsten Details erhalten haben, so müssen
wir konferieren, obgleich ich von Haus gegen die Sache bin. Ihr W."
Bismarck ließ sich aber durch diese Ansicht des Königs nicht irre
machen, er verfolgte konsequent seinen Plan und erreichte schließlich
doch, daß in einer Beratung unter dem Vorsitz des Königs, an welcher der
Kronprinz, der Fürst von Hohenzollern, er und Moltke teilnahmen, der
Kandidatur des Prinzen Leopold zugestimmt wurde.
Napoleon soll anfangs die Nachricht von der Kandidatur des
Hohenzollernprinzen ohne besonderen Widerspruch hingenommen haben, was
für seine Apathie und sein Ruhebedürfnis spräche. Als aber Anfang Juli
die provisorische Regierung Spaniens sich für die Kandidatur des
Hohenzollern aussprach und dieser Beschluß in Frankreich bekannt wurde,
begann der größte Teil der französischen Presse zu toben wegen der
Gefahr, die ein Hohenzoller auf dem spanischen Königsthron für
Frankreich bedeute. Jetzt mußte auch Napoleon sich rühren. Er sandte
seinen Botschafter Benedetti um Aufklärung zu Bismarck. Dieser gab zur
Antwort, das _Ministerium_ wisse nichts von der Sache. So stellt er
selbst in "Gedanken und Erinnerungen" die Sache dar. Dort erklärt er im
zweiten Bande auf Seite 80: Politisch habe er der Frage ziemlich
gleichgültig gegenüber gestanden. Auf der folgenden Seite aber äußert er
bereits: "Wenn der Herzog von Gramont (in einer 1872 erschienenen
Broschüre) sich bemüht, den Beweis zu führen, daß ich der spanischen
Anregung gegenüber mich nicht ablehnend verhalten hätte, so finde ich
keinen Grund, dem zu widersprechen."
Einer seiner Verehrer hat recht, wenn er schreibt: "Indem Bismarck
Geschichte schreibt, macht er Geschichte", das heißt er dreht die Dinge
so, wie sie ihm passen.
Dem Lärm in der französischen Presse folgte der Lärm in der deutschen.
Aber zunächst nicht überall. Noch am 12. Juli sprach die "Kölnische
Zeitung" sich sehr entschieden gegen die Hohenzollern-Kandidatur aus im
Interesse der Ruhe Europas. Und wie man in jenen Tagen in Bürgerkreisen
über den Militarismus dachte, darüber legt Zeugnis ab ein Beschluß einer
Vertrauensmännerversammlung der Fortschrittspartei für Rheinpreußen am
10. Juli in Köln. Jene Versammlung resolvierte:
"Wir erwarten und fordern von den zu wählenden Abgeordneten zum
Reichstag, daß sie in der nächsten Session des Reichstags insbesondere
für die Verminderung der Militärlast durch Verminderung der
Friedensarmee und Verkürzung der Dienstzeit eintreten und für den
Fall, _daß diese Forderung abgelehnt wird, in Ausübung ihres
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