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Bismarck der Reptilienfonds zur absoluten Verfügung. Ueber diesen, der
von der ganzen Oppositionspresse angegriffen wurde, schrieb und sprach
bezeichnenderweise Schweitzer nie ein Wort. Er gehörte andererseits mit
seinen sybaritischen Neigungen zu den Leuten, die selbst mit einem
Bankdirektoreneinkommen leicht fertig werden. Möglich ist auch, daß er
hoffte, und sein Ehrgeiz sprach dafür, zu gelegener Zeit mit einer
entsprechenden Stellung in einem der Ministerien oder Reichsämter etwa
als Geheimrat für Sozialpolitik angestellt zu werden, von der nach
Bismarcks Geständnis seine damaligen Geheimräte nichts verstanden.
Für die Rolle, die Schweitzer spielte, war aber auch unumgänglich
notwendig, daß er frei und unabhängig nach eigenem Gutdünken mit dem
Verein schalten und walten konnte, an dessen Spitze er stand. _Dazu
gehörte die Diktatur._ Die Diktatur, die ihn jeder Kontrolle entzog, die
ihm erlaubte, ganz nach eigenem Gutdünken zu handeln, ohne daß er nötig
hatte, andere in seine Machenschaften einzuweihen oder gar ihre
Zustimmung einholen zu müssen. Das wäre der Tod der Diktatur gewesen und
hätte ihm seine Rolle _unmöglich_ gemacht. Daher die beständigen kleinen
und großen Staatsstreiche, durch die er die Fesseln wieder abstreifte,
die eben eine Generalversammlung ihm angelegt hatte. Und da Lassalle
infolge seines eigenen Diktatorengelüstes eine Organisation geschaffen
hatte, die dem Führer eine diktatorische Gewalt einräumte, mußte _diese
Organisation zu einer Pflanze Rührmichnichtan gemacht und Angriffe auf
sie zu einer Art Staatsverbrechen gestempelt werden. Die absolute Gewalt
des Präsidenten mußte unangetastet bleiben._ Dazu mußte weiter der
beständige Kultus mit Lassalle und der von ihm geschaffenen Organisation
dienen, ein Kultus, über den der Zyniker heimlich lachte und seine
Verachtung gegen diejenigen steigerte, die sich von ihm führen ließen.
Schweitzer hat wie an anderer Stelle so auch Rudolf Meyer gegenüber
geklagt über die "Undankbarkeit" der Arbeiter. Diese Klage paßt ganz zu
dem Bilde, das er uns zeigt. Er kam eben mit einer ganz falschen
Auffassung von seiner Stellung in die Bewegung. Der Führer einer Partei
wird wirklicher Führer nur durch das, was er nach seinen Kräften und
Fähigkeiten der Partei als ehrlicher Mann leistet. Das Höchste zu
leisten, was er vermag, ist die Pflicht und Schuldigkeit eines jeden,
der in einer demokratischen Bewegung steht und zu ihr gehört. Durch
seine Leistung erwirbt er sich das Vertrauen der Masse, und diese stellt
ihn deshalb als Führer an ihre Spitze. Aber nur _als ihren ersten
Vertrauensmann, nicht als ihren Herrn, dem sie blindlings zu gehorchen
habe. Er ist der erwählte Verfechter ihrer Forderungen, der Dolmetsch
ihrer Sehnsucht, ihrer Hoffnungen und Wünsche. Solange der Führer dieser
Aufgabe gerecht wird, ist er der Vertrauensmann einer Partei; sieht
diese aber, daß getäuscht und betrogen und auf Irrwege geführt werden
soll, dann ist es nicht nur ihr Recht, sondern ihre Pflicht, dem Führer
die Führerschaft zu entreißen und ihm ihr Vertrauen zu nehmen._ Eine
Partei ist nicht der Führer wegen da, sondern die Führer der Partei
wegen. _Und da jede Machtstellung in sich die Gefahr des Mißbrauchs
enthält, hat die Partei die Pflicht, die Handlungen ihrer Führer unter
scharfe Kontrolle zu nehmen._
_Schweitzer sah aber die Dinge umgekehrt an, als er sie ansehen mußte._
Er fühlte sich als eine Art _Wohltäter_, er sah in der Partei nur das
Fußgestell, auf dem er emporstieg, das Mittel, seinen Ehrgeiz, und die
Möglichkeit, seine Genußsucht zu befriedigen. Und als ihm dieses Spiel
mißlang, klagte er über Undankbarkeit. Die Massen sind aber nie
undankbar, vorausgesetzt, solange sie an die Ehrlichkeit ihrer Führer
glauben. Und sie sind schwer zu überzeugen, daß sie betrogen werden,
wenn sie erst jemand ihr Vertrauen schenkten. Dafür gibt es eine Menge
Beispiele. Wer über Undankbarkeit der Massen klagt, klage sich selber
an. Die Schuld liegt an ihm.
Nachdem Schweitzer das Spiel verloren geben mußte, glaubte er auf einmal
seinen Anhängern empfehlen zu sollen, was er, solange er im Besitz
seiner Stellung war, aus Leibeskräften verhindert hatte. In einem
Flugblatt, betitelt: "An meine persönlichen Freunde im Allgemeinen
Deutschen Arbeiterverein", das er unter dem 2. November 1872
veröffentlichte, trat er mit aller Entschiedenheit _für eine Vereinigung
der beiden Parteien_ ein. Natürlich konnte er dieses nicht, ohne zuvor
zu versuchen, sein früheres Verhalten gegen uns zu rechtfertigen. Nach
ihm war jetzt gar kein Zweifel mehr, daß wir eine sozialdemokratische
Partei seien, wozu uns aber erst der Uebertritt zahlreicher rühriger
Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gemacht, die er
aber vordem mit uns in einen Topf geworfen und als Literaten,
Schulmeister, Kaufleute, Viertels- und Achtelsintelligenzen bezeichnet
hatte. Weiter wandte er sich gegen den Beschluß der letzten
Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, wonach er
nicht mehr Mitglied des Vereins werden dürfe, dessen gefeierter
Präsident er jahrelang gewesen sei. Er sah in diesem Beschluß einen
unlösbaren Widerspruch zu dem das Jahr vorher ihm von der
Generalversammlung erteilten Vertrauensvotum. Er versicherte pathetisch
seinen redlichen Willen, mit dem er der Partei gedient habe. Er setzte
dann die Nachteile auseinander, die für beide Teile die Spaltung und
gegenseitige Bekämpfung mit sich bringe, und forderte zu einem
gemeinsamen Kongreß auf, der eine zentralistische Organisation, die nach
seiner jetzigen Auffassung das eigentliche Wesen der Lassalleschen
Organisation sei, zu schaffen habe. Er fordert, die Einigung zu schaffen
"mit den Führern, wenn diese wollen, _ohne sie,_ wenn sie untätig
bleiben, _trotz_ ihnen, wenn sie widerstreben". Man sieht, er konnte
auch so.
Schweitzer hatte anfangs den Versuch gemacht, sein Flugblatt im
"Volksstaat" zu veröffentlichen. Dieses wurde abgelehnt, nicht weil der
Gedanke der Einigung unseren Widerspruch fand, sondern weil namentlich
Liebknecht Schweitzer nicht traute. Er sah in dem Flugblatt eine Falle.
Mir machte der Vorschlag den Eindruck, daß Schweitzer seine Nachfolger
damit ärgern und in Verlegenheit bringen wollte. Im Allgemeinen
Deutschen Arbeiterverein versagte die Schweitzersche Aufforderung zur
Vereinigung vollständig. Er bekam jetzt in gewissem Sinne am eigenen
Leibe zu spüren, was er durch jahrelange Verhetzung gegen uns gesät. Es
mußten erst weitere Jahre ins Land gehen, bis unter dem Zwange innerer
und äußerer Umstände die Einigung der deutschen Sozialdemokratie
verwirklicht wurde.
Schließlich muß ich noch einige Handlungen Schweitzers erwähnen, die
weiter dazu dienen, seinen Charakter in das richtige Licht zu stellen.
Die Vorgänge, die sich auf der Generalversammlung des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins zugetragen, wurden natürlich auch der
bürgerlichen Presse bekannt, und diese erging sich nunmehr in allerlei
Glossen über die Schweitzer bewiesene Undankbarkeit. Darauf
veröffentlichte er in der "Berliner Börsenzeitung" eine Erklärung, an
deren Schluß es hieß:
"Ich stimme Ihnen daher vollständig zu, wenn Sie sagen, daß der
Vorgang bezeichnend sei. Die Formfrage war diesen versammelten
'Führern' und 'Agitatoren' nur Vorwand. Derartige immer wiederkehrende
Beweise von Undankbarkeit sind jedoch sehr erklärlich bei Leuten, von
denen leider nur ein sehr kleiner Teil durch die Begeisterung für eine
neue Idee bewegt wird, _während weitaus die meisten, wie ich zu meiner
Betrübnis beobachten mußte, nur durch den Neid gegen die höheren
Gesellschaftsklassen_ (den niemand heftiger als er geschürt hatte.
A.B.) _oder durch andere unschöne Motive angetrieben werden. Nimmt man
dazu den beschränkten Horizont und man wird sich über Erscheinungen
des Undankes oder des Blödsinnes nicht weiter wundern."_
Der "Berliner Volkszeitung" schrieb er auf einen Artikel hin, daß er
sich seit seinem Rücktritt von der Präsidentur des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins in keiner Weise aktiv um sozialdemokratische
Angelegenheiten gekümmert habe und auch in Zukunft nichts damit zu
schaffen haben wolle. Er habe es gründlich satt bekommen. Gründlicher
konnte sich Schweitzer selbst nicht bloßstellen, als es durch solche
Erklärungen geschah.
Damit hatte er aber seiner Feindseligkeit gegen die Träger der von ihm
so viele Jahre geleiteten Bewegung noch nicht genug getan. Fast zu der
gleichen Zeit, in der er sein Flugblatt "An meine Freunde im Allgemeinen
Deutschen Arbeiterverein" veröffentlichte, erschien auf einer Berliner
Bühne ein von ihm verfaßtes Stück, betitelt "Unser großer Mitbürger",
Originalposse mit Gesang in drei Akten und sieben Bildern. In diesem
verhöhnte und verspottete er aufs blutigste die Agitatoren des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, deren Erzieher doch er war.
Selbst in der bürgerlichen Presse wurde diese Handlung als
Charakterlosigkeit gerügt und verurteilt.
Schweitzer litt jahrelang an Tuberkulose, schließlich suchte er in der
Schweiz Heilung seines Leidens. Vergeblich. Am 28. Juli 1875 verschied
er an einer Lungenentzündung im zweiundvierzigsten Lebensjahr. Am 7.
Oktober desselben Jahres wurde seine Leiche, wie Gustav Mayer erzählt,
in der Familiengruft in Frankfurt a.M. beigesetzt. Das Geleite bildeten
ausschließlich seine Familienangehörigen und ein katholischer
Geistlicher. Von seinen einstigen Anhängern und Bewunderern im
Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein folgte keiner dem Sarge. Für die
Sozialdemokratie war er tot, noch ehe er gestorben war. Eine Grabrede
von ihrer Seite hätte keine Lobrede sein können. Auch war dazu die
Leichengruft der Familie nicht der Ort. Auch kein Nachruf zeugt davon,
daß man des ehemaligen Führers gedachte. So endete einer der
bedeutendsten Führer der deutschen Arbeiterbewegung, der sein Schicksal
selbst verschuldet hatte.
Beginn meiner parlamentarischen Tätigkeit.
Im konstituierenden norddeutschen Reichstag.
Sobald ich die offizielle Anzeige meiner Wahl zum Reichstag in der
Tasche hatte, reiste ich mit einigem Herzklopfen am 5. März 1867 nach
Berlin. Der Reichstag war bereits am 24. Februar eröffnet worden. Ich
ging einer ganz neuen politischen Tätigkeit entgegen. Bis jetzt war mir
das parlamentarische Leben noch gänzlich fremd; jemand, der mich hätte
über dasselbe unterrichten können, kannte ich nicht. Rechtsanwalt
Schraps, der mit mir von der gleichen Partei gewählt worden war, wußte
davon so viel wie ich. Doch hinein ins Wasser. Als ich eben die Tür zum
alten Herrenhaus in der Leipzigerstraße, in dem der Reichstag tagte,
öffnen wollte, wurde dieselbe von innen geöffnet und heraus trat der
Prinz Friedrich Karl, der ebenfalls Mitglied des Reichstags war. Da
begegnet der auf der sozialen Stufenleiter Höchste dem Niedersten,
dachte ich. Nachdem ich mich auf dem Bureau angemeldet hatte, begab ich
mich in die Wohnung von Rechtsanwalt Schaffrath und Professor Wigard, an
die ich ein Empfehlungsschreiben Professor Roßmäßlers hatte, die ich
aber beide persönlich noch nicht kannte, um zu hören, wie es im
Reichstag stehe. Beide klagten über ihre preußischen Gesinnungsgenossen,
die Fortschrittler, unter denen auch der Beste sich nicht auf einen
wirklich freien, demokratischen Standpunkt erheben könne. Auch die
partikularistischen Sachsen, Geheimrat v. Wächter und Genossen, hätten
sich bereits durch Bismarck ins Bockshorn jagen lassen und wagten nicht
mehr ihren konstitutionellen Standpunkt zu vertreten.
Bemerken will ich, daß _damals_ die konservativen Sachsen, Hannoveraner
usw., die schon ein weit längeres Verfassungsleben hinter sich hatten
als die Preußen, konstitutionellen Anschauungen huldigten und in ihrem
Lande verwirklicht hatten, die selbst liberale Preußen nicht zu
vertreten wagten.
Ich war der ersten Abteilung zugewiesen worden. Für Laien sei bemerkt,
daß die Mitglieder des Reichstags durch das Los sieben Abteilungen
zugewiesen werden, welche damals noch die Wahlprüfungen endgültig
vorzunehmen hatten und wie heute die Fachkommissionen wählen. Aus diesem
Grunde muß die Zahl der Kommissionsmitglieder stets durch sieben teilbar
sein.
Meiner Frau schrieb ich unter dem 8. März: Schraps und ich bildeten die
äußerste Linke und wir säßen dementsprechend. Weiter nach links zu
rücken, verhindere uns die Wand, die wollten wir aber doch nicht mit dem
Kopfe einrennen.
Unter den Abgeordneten befand sich damals die Elite der
norddeutschen Politiker und parlamentarischen Koryphäen. Da sah ich
wieder v. Bennigsen, der im Vorjahr dem Abgeordnetentag in
Frankfurt a.M. präsidiert hatte; weiter Dr. Karl Braun-Wiesbaden, der
Parlamentsspaßmacher wurde und die beste Weinzunge im Reichstag gehabt
haben soll; den roten Becker, dessen Bekanntschaft aus dem Jahre 1863
ich erneuerte; Max Duncker, der auf seine Löwenmähne stolz war; v.
Forckenbeck, der später Nachfolger Simsons und der parteiischste
Präsident wurde, den den Reichstag je hatte; Gustav Freytag, der
bekannte Romanschriftsteller; Rudolf Gneist, dem nachher eines Tages der
Kriegsminister v. Roon vor dem ganzen Hause das Kompliment machte, er
sei ein Mann, der alles beweisen könnte; den kleinen Lasker, der mit
seinen kurzen Beinchen wie ein Wiesel lief, wenn er zur Tribüne eilte,
was häufig vorkam; das ehemalige Mitglied des Kommunistenbundes Miguel,
ein feiner Kopf und Redner; Dr. Planck, nachmals Hauptmitarbeiter am
Bürgerlichen Gesetzbuch und Kommentator desselben; Eugen Richter, der
noch ebenso frostig dreinsah wie 1863, als ich ihn in Frankfurt a.M.
kennen lernte; Dr. Simson, einst einer der Präsidenten des Frankfurter
Parlaments, dem man jetzt dieses Amt im Reichstag übertragen hatte;
wegen der würdevollen Art, mit der er präsidierte und die Glocke
schwang, wurde er scherzweise Jupiter Tonans genannt; Schwerin-Putzar,
früher Minister in der "liberalen Aera", setzte später durch, daß der
Reichstag für die Beratung der Initiativanträge seiner Mitglieder einen
bestimmten Tag in der Woche, in der Regel den Mittwoch, bestimmte;
daher werden diese Tage noch heute im Parlamentsjargon Schwerinstage
genannt. Schulze-Delitzsch, Twesten, besonders bekannt geworden durch
sein Duell mit Herrn v. Manteuffel; v. Unruh, ein liberaler Reaktionär;
Waldeck, der eigentliche Führer der Fortschrittspartei; die beiden
Mecklenburger Gebrüder Wiggers, beide ehemalige Revolutionäre, von denen
der eine zu den Nationalliberalen, der andere zur Fortschrittspartei
gehörte. In der bundesstaatlich-konstitutionellen Fraktion ragte vor
allen neben Windthorst Malinckrodt hervor, der mit der feinste Kopf des
späteren Zentrums war. In der Fraktion des Zentrums, das damals aus
Altliberalen bestand, saß Georg v. Vincke, der Schrecken der
Stenographen. Er war der schnellste Redner des Reichstags. Endlich
befand sich auf der äußersten Rechten und als ihr eigentlicher Führer
der Geheime Oberregierungsrat Hermann Wagener, eine hohe, hagere
Bureaukratengestalt, mit einem knochigen, unsympathischen Gesicht und
einem unangenehmen Organ.
Eine gewichtige Person war Karl Mayer v. Rothschild, den das annektierte
Frankfurt mit Unterstützung der "Frankfurter Zeitung" in den Reichstag
geschickt hatte. Rothschild war eine untersetzte, breitschulterige
Persönlichkeit mit wohlgepflegtem pechschwarzen Haar und Bart; er trug
eine schwere goldene Kette über dem ziemlich stattlichen Bauch und war
immer höchst elegant gekleidet. Ich erkannte ihn auf den ersten Blick,
ohne je ein Bild von ihm gesehen zu haben. Aehnlich erging es mir im
nächsten Reichstag mit Schweitzer. Auch gehörten dem Reichstag die
Generale Vogel v. Falckenstein und v. Steinmetz an; sie waren gewählt
worden wegen ihrer Kriegstaten im vorhergehenden Jahre.
Mehr aber als alle die Genannten interessierte mich Bismarck, den ich
vordem noch nicht gesehen hatte. Er erschien damals im Reichstag fast
immer im schwarzen Gehrock, schwarzer Weste und hoher schwarzer
Geheimratskrawatte, aus der die weißen Spitzen der Vatermörder
hervorfahen. Das Haar, soweit er solches noch besaß, war dunkel, ebenso
der kurzgeschnittene Schnurrbart. Nach den drei Haaren, die nach Angabe
aller seiner Karikaturenzeichner auf dem im übrigen kahlen Schädel
stehen sollten, wie drei Pappeln auf weiter Flur, hielt ich vergebens
Ausschau. Entweder waren sie nur in der Phantasie der Zeichner vorhanden
gewesen, oder er hatte sie im Verfassungskampf als Trophäe in den Händen
seiner Gegner lassen müssen. Ich war sehr begierig, ihn sprechen zu
hören, aber nicht wenig enttäuscht, als der Hüne sich erhob und, statt
mit einer Löwen- oder Stentorstimme, mit einer Diskantstimme zum Hause
sprach. Er prägte lange, sehr verwickelte Sätze, stockte auch zeitweilig
ein wenig, sprach aber stets interessant. Was er sagte, hatte Hand und
Fuß.
Bismarck hatte sich zwar mit der großen Mehrheit der Liberalen,
namentlich den Nationalliberalen ausgesöhnt, aber er war immer noch
mißtrauisch gegen sie und fürchtete, daß sie in die alten Fehler der
Sucht nach parlamentarischer Macht verfallen und ihm das Leben wieder
sauer machen möchten. Den Verfassungsentwurf hatte er deshalb auf seinen
eigenen Leib zugeschnitten, aber diesen Entwurf konnten die Liberalen,
so sehr sie auch sich zu bescheiden bereit waren, doch nicht ohne einige
nicht unerhebliche Aenderungen akzeptieren. Schließlich machte er ihnen
eine Anzahl Konzessionen, aber in zwei Hauptpunkten, dem eisernen
Militäretat und der Verweigerung der Diäten, gaben sie ihm nach.
Letztere hätte er sicher auch gewährt, wie er später einmal zugestand,
wären die Liberalen, die in der ersten Abstimmung mit erheblichem Mehr
die Diäten durchgesetzt hatten, festgeblieben. Aber schon damals wurde
das Umfallen, namentlich den Nationalliberalen, zur süßen Gewohnheit. Es
wäre undenkbar gewesen, daß Bismarck, wie er drohte, die Verfassung ins
Wasser fallen ließ, falls die Diäten in derselben blieben. Diese Blamage
konnte er sich vor der Welt nicht zufügen. Im konstituierenden Reichstag
bezogen übrigens die Abgeordneten sämtlicher Staaten, mit Ausnahme jener
von Preußen, Mecklenburg und Reuß jüngerer Linie, Diäten, so zum
Beispiel wir sächsischen Abgeordneten vier Taler pro Tag, die aus der
Landesstaatskasse gezahlt wurden.
Dagegen mußte Bismarck in der Sitzung am 28. März, in der der Artikel
über das künftige Wahlrecht für den Reichstag zur Beratung stand,
dieses verteidigen. Die rechtsnationalliberalen Abgeordneten v. Sybel,
Grumbrecht-Harburg und Dr. Meier-Thorn und verschiedene Redner der
Rechten hatten Bedenken gegen dasselbe geäußert. Sybel sah in ihm "die
Diktatur der Demokratie". Darauf erklärte Bismarck: Das allgemeine
Wahlrecht ist uns gewissermaßen als ein Erbteil der deutschen
Einheitsbestrebungen überkommen; wir haben es in der Reichsverfassung
gehabt, wie sie in Frankfurt entworfen wurde; wir haben es im Jahre 1863
den damaligen Bestrebungen Oesterreichs in Frankfurt entgegengesetzt,
und ich kann nur sagen: _Ich kenne wenigstens kein besseres Wahlgesetz._
Er setzte dann auseinander, wie es ganz unmöglich gewesen sei, in dem zu
gründenden Bunde von einundzwanzig Staaten eine andere gemeinsame
Basis für ein Wahlrecht zu finden. Oder wolle man etwa das
Dreiklassenwahlsystem? "Ja, wer dessen Wirkung und Konstellationen, die
es im Lande schafft, etwas in der Nähe beobachtet hat, muß sagen, _ein
elenderes, ein widersinnigeres Wahlgesetz ist nicht in irgend einem
Staate ausgedacht worden_." Er warf diesem Gesetz Willkür und Härte vor.
Der Erfinder desselben würde es nie gemacht haben, hätte er sich die
praktische Wirkung desselben vergegenwärtigt. Er finde es natürlich,
_daß jeder sich als Helot, als politisch tot ansehe, der durch dieses
Gesetz in eine untere Wählerklasse gestellt werde._
Meine erste parlamentarische Handlung bestand darin, daß ich den
Reichstag zu einer Ungesetzlichkeit verleitete. Da diese Tat noch nicht
in die Tafeln der Geschichte eingegraben worden ist, sei sie hier in
Kürze erzählt. Als ich der ersten Abteilungssitzung beiwohnte, stand
zufällig die Wahl des Abgeordneten Professor v. Wächter für Leipzig auf
der Tagesordnung. Wächter war in engerer Wahl mit 5434 gegen 4403
Stimmen gewählt worden. Der Leipziger Magistrat hatte aber den groben
Fehler begangen, daß er nicht, wie §7 des Wahlreglements vorschreibt,
den Wahlkreis in Wahlbezirke, von denen keiner über 3500 Einwohner haben
darf, einteilte, sondern daß er die Namen der gesamten Wählerschaft der
Stadt, nach dem _Alphabet geordnet_, auf acht Wahlorte verteilte, die
im Mittelpunkt der Stadt lagen. Es entschied also nicht der Wahlbezirk,
sondern die alphabetische Ordnung der Namen der Wähler, wo ein solcher
zu wählen hatte. Der Berichterstatter Graf Bethusy-Hue trug den Fall
vor, der nach seinem eigenen Geständnis sehr kritisch lag. In der
Debatte, die über die Gültigkeit der Wahl entstand, ergriff auch ich das
Wort und führte aus: Ich wohnte seit sechs Jahren in Leipzig, wäre mit
den politischen Verhältnissen der Stadt genau bekannt und könnte danach
bestimmt behaupten, wenn der Wahlkreis nach der gesetzlichen Vorschrift
eingeteilt worden wäre, würde das Wahlresultat auch kein anderes gewesen
sein. Diese Auffassung, nach der ich die gesetzliche Vorschrift
vollständig ignorierte, schlug durch. Die Kommission beschloß mit 14
gegen 11 Stimmen die Gültigkeit der Wahl, und das Plenum schloß sich dem
Antrag _ohne Debatte_ einstimmig an.
Ich hatte also den Leipziger Magistrat vor einer großen Blamage bewahrt,
der er verfallen wäre, wenn die Wahl für ungültig erklärt worden wäre.
Ich hatte aber auch der Stadt die Vertretung gerettet, denn da der
Reichstag bereits am 17. April geschlossen wurde, hätte eine Nachwahl,
für die eine neue Wählerliste aufgestellt werden mußte, nicht mehr
rechtzeitig stattfinden können. Daß so beschlossen wurde, war allerdings
nur in ungefestigten Verhältnissen möglich, wie sie in der ersten
Session dieses neuen Reichstags vorhanden waren.
Ich habe oben den Namen des Grafen Bethusy-Hue genannt. Dieser Herr war
einer der oberflächlichen Vielredner jener Zeit und liebte es besonders,
in gewagten Bildern zu sprechen. So äußerte er zum Beispiel eines Tages:
"man müsse den Strom der Zeit an der Stirnlocke fassen"; ein andermal
sagte er mit Beziehung auf die Abgeordneten: "sie seien von der
Sehnsucht erfüllt, heimzukommen zu ihren väterlichen Ochsen", ein Satz,
der die stürmische Heiterkeit des ganzen Hauses hervorrief.
Einmal Mitglied des Reichstags, hatte ich das Bedürfnis, eine größere
Rede im Plenum zu halten. In meinem Wahlkreis wartete man sehnlichst
darauf und richtete dementsprechende Anfragen an mich. Aber die
Schlußanträge waren sehr häufig, und in der Generaldebatte über den
Verfassungsentwurf war mir das Wort abgeschnitten worden. Endlich
gelangte ich bei Artikel 14, Verhältnis der süddeutschen Staaten zum
Norddeutschen Bund, zum Worte. Ich führte aus:
Ich sei überzeugt, daß es Preußen bei der Gründung des Norddeutschen
Bundes keineswegs um eine Einigung Deutschlands zu tun gewesen sei
(lebhafter Widerspruch rechts), man habe im Gegenteil ein spezifisch
preußisches Interesse, die Stärkung der hohenzollernschen Hausmacht,
im Auge gehabt. (Lebhafter Widerspruch rechts. Der Präsident forderte
zur Ruhe auf, man solle mich nachher widerlegen.) Betrachte man den
Bund näher, so ergebe sich ein ganz abnormes Verhältnis der übrigen
Staaten zu Preußen. Der Bund sei nur ein Groß-Preußen, umgeben von
Vasallenstaaten, deren Regierungen nichts weiter als
Generalgouverneure der Krone Preußen seien. (Lebhafter Widerspruch
rechts.)
Ich führte weiter aus:
Wenn Preußen die süddeutschen Staaten in das Bundesbündnis hätte mit
aufnehmen wollen, hätte es das gekonnt. Die Behauptung, daß Frankreich
dem entgegengetreten sein würde, ließe ich nicht gelten, denn durch
die Militärkonventionen mit den süddeutschen Staaten sei die
militärische Macht Deutschlands im Falle eines Krieges in der Hand
Preußens vereinigt. Frankreich würde sich also gehütet haben, sich
gegen die Aufnahme Süddeutschlands in den Nordbund zu erklären. Eine
Einmischung von seiner Seite in die inneren Angelegenheiten
Deutschlands würde zur Folge gehabt haben, daß ganz Deutschland sich
wie Ein Mann gegen Frankreich erhoben hätte.
Wenn der Prager Friedensvertrag nur eine _international_ geregelte
Einigung zwischen Nord- und Süddeutschland zulasse, dann sei damit
bewiesen, wie Preußen in der Frage denke, denn Preußen habe den Prager
Friedensvertrag diktiert, und würde die preußische Regierung finden,
daß dieser Vertrag ihr schädlich sei, so werde sie nicht anstehen,
denselben zu zerreißen. (Oh! Oh! rechts.) Ich sei auch überzeugt, daß
Oesterreich dasselbe tun werde, sobald es die Niederlage und Blamage
des vorigen Jahres auswetzen könne. Die preußische Regierung wolle die
süddeutschen Staaten nicht in den Nordbund aufnehmen, weil alsdann
Preußen eine Majorisierung fürchten müsse. Preußen werde sich also
begnügen, daß es durch die Militärkonventionen die militärische
Gewalt in die Hände bekommen habe, im übrigen werde man durch
Zollverträge die vorhandene Kluft zu überbrücken trachten, aber
ausfüllen werde man sie nicht. Eine solche Politik unterstützten wir
nicht. Ich protestierte dagegen, daß man eine solche Politik eine
deutsche nenne, und ich protestierte gegen einen Bund, der nicht die
Einheit, sondern die _Zerreißung_ Deutschlands proklamiere, gegen
einen Bund, der Deutschland _zu einer großen Kaserne mache_ (lebhafter
Widerspruch) und den letzten Rest von Freiheit und Volksrecht
vernichte.
Der nationalliberale Abgeordnete Weber-Stade fand, daß durch meine Rede
ein Mißton in die Versammlung geworfen worden sei, er hoffe aber, daß
mit dem Aussprechen solcher Mißtöne die Gelegenheit zur Auflösung
derselben in Harmonie gegeben sei.
Der Abgeordnete _Miquel_ polemisierte ebenfalls gegen mich. Ich hätte
bedauert, daß der Norddeutsche Bund den Rechten der kleinen Fürsten
einen _so_ gewaltigen Abbruch tue, daß sie sich in der beklagenswerten
Stellung von Generalgouverneuren befänden. Das war eine Verdrehung
meiner Worte, da ich mit dem Gleichnis nur dartun wollte, was für ein
sonderbares Gebilde dieser Norddeutsche Bund sei. Wären damals sämtliche
Klein- und Mittelstaaten annektiert worden, ich hätte keinen Finger
dagegen gerührt. Ein weiteres Diktum von Miquel war: Der preußische
Staat ist _kein_ Militärstaat, sondern ein Staat der Kultur.... Es sei
wunderbar, welche Koalition von Gegnern dem neuen Staatsgebilde
entgegentrete. Auf der einen Seite die _entschiedensten Demokraten,_
deren Tendenzen doch nicht darauf hinausliefen, sich besonders für die
Machtvollkommenheit der kleinen Fürsten zu interessieren, und verbunden
mit ihnen sei die ultramontane Partei, die, wenn man offen sein wolle,
unser Vaterland nirgends anderswo als in Rom sehe.
Man sieht, daß vom ersten Augenblick unseres parlamentarischen Lebens
bereits die Denunziation auftauchte, wir seien Verbündete der
ultramontanen Partei, die damals im norddeutschen Reichstag noch keine
organisierte Vertretung hatte. Miquel ist also der Vater dieser
Denunziation, die bis heute von seinen Gesinnungsgenossen uns gegenüber
praktiziert wird. Im weiteren sprach er die Hoffnung aus, der König von
Preußen werde mit Gegnern wie Bebel fertig werden. Bis heute hat sich
diese Hoffnung nicht erfüllt, so wenig wie die andere, die drei
Jahrzehnte später geäußert wurde: die Sozialdemokratie sei nur eine
vorübergehende Erscheinung.
Natürlich konnte auch Lasker, die parlamentarische Anstandsdame, auf
meine Rede nicht schweigen. Er sei nicht wenig erstaunt gewesen, daß der
erste Redner (ich) mit so heftigen Angriffen gegen den Leiter unserer
Politik auftrat. So viel er wüßte, gehörte ich zu einer Partei, die in
Elberfeld-Barmen die Wahl des Herrn Ministerpräsidenten sehr kräftig
unterstützt habe. (Er meinte die Wahl Bismarcks.) Im übrigen müsse er
mir allerdings das Zugeständnis machen, daß ich die Gespräche, die man
in Bierstuben zu führen pflege, hier klar abgespiegelt habe. Hier
unterbrach ihn der Präsident mit dem Bemerken, daß es ihm (Lasker) nicht
zustehe, eine solche Kritik an der Rede eines Kollegen zu üben. In einer
persönlichen Bemerkung antwortete ich Lasker: Es sei mir sehr angenehm,
durch seine Angriffe auf meine Parteistellung eine Erklärung abgeben zu
können. Ich gehörte nicht zu der Partei, die in Barmen-Elberfeld
geholfen habe, den Grafen v. Bismarck durchzubringen, das heiße der
Lassalleschen Partei. Er (Lasker) hätte dies schon aus der Tatsache
entnehmen können, daß ich hier gegen die Politik des Grafen v. Bismarck
aufgetreten sei. Ich gehörte nicht der Lassalleschen, sondern der
radikaldemokratischen, oder wenn man wolle, der Volkspartei an. Auf
seine persönlichen Angriffe hätte ich keine Veranlassung mehr
zurückzukommen, nachdem der Präsident ihm eine Rüge erteilt habe.
Meine Rede hatte erhebliches Aufsehen auch außerhalb des Hauses und
namentlich bei meinen Wählern große Befriedigung hervorgerufen. Dagegen
gab das liberale "Glauchauer Tageblatt" seinem Aerger dadurch Ausdruck,
daß es schrieb: "Der jugendliche Drechslermeister Bebel aus Leipzig hat
seine wohleinstudierte Jungfernrede glücklich vom Stapel gelassen,
infolgedessen schlägt das Schweinefleisch um drei Pfennig ab." Darauf
antwortete nächsten Tages eine Annonce im "Schönburger Anzeiger", der
ebenfalls in Glauchau erschien: "Der erwartete Abschlag des
Schweinefleisches ist nicht erfolgt, wohl aber steht infolge großen
Andranges von ostpreußischem Rindvieh (Anspielung auf den Verfasser) ein
bedeutender Abschlag des Ochsenfleisches bevor."
Meine Jungfernrede hatte noch zwei weitere Nachspiele. Die "Gartenlaube"
veröffentlichte zu jener Zeit eine Reihe Artikel, in der das Auftreten
markanter Persönlichkeiten im Reichstag besprochen wurde. Mir wurde die
Ehre zuteil, ebenfalls in diesen Artikeln genannt zu werden. Der
Verfasser führte aus, als ich meine Rede gehalten, sei es gewesen, als
rausche der Sturmvogel der Revolution durch das Haus. Das schien dem
Verleger der "Gartenlaube", Ernst Keil, mit dem ich früher persönlich
wiederholt wegen politischer Dinge Verkehr gehabt hatte, ein zu großes
Lob zu sein. Der Druck der betreffenden Nummer wurde unterbrochen und
der Satz geändert.
Einige Wochen später, als ich wieder zu Hause war, traten eines Tages
zwei aristokratisch aussehende Herren in meine Werkstatt, in der ich
eben am Schraubstock stand und Büffelhörner zersägte. Der eine der
Herren fragte nach dem Drechslermeister Bebel. Der bin ich, gab ich zur
Antwort. Darauf sah mich der Frager etwas betroffen an und äußerte: Ich
meine den Reichstagsabgeordneten Bebel. Etwas pikiert antwortete ich: Ja
ja, der bin ich! Erstaunt sah er an mir vom Kopf bis zu den Füßen
herunter und stellte sich als Freiherr v. Friesen auf Rötha vor. Er war
der Bruder des Ministers. Er habe meine Reichstagsrede gelesen und sich
über eine Anzahl Stellen in derselben gefreut. Ich verneigte mich für
das Kompliment. Dann fragte er, wer der Dr. Johann Jacoby sei, der im
preußischen Landtag eine so gute Rede gegen die Annexionen und die von
Bismarck geforderte Indemnität gehalten habe. Ich gab ihm die gewünschte
Aufklärung. Dann entfernten sich die beiden.
Unsere Partikularisten waren zu jener Zeit von einem unbändigen Haß
gegen Bismarck beseelt; sie hätten mit dem Teufel ein Bündnis
geschlossen, um ihn zu vernichten. Während des Reichstags saß der größte
Teil der sächsischen Abgeordneten im Leipziger Garten, der vis-à-vis dem
Herrenhaus sich befand. Wir hatten mit dem Wirt ein Abkommen getroffen,
wonach er für uns jeden Tag nach Schluß der Sitzung ein gemeinsames
Mittagessen bereit hielt. Eines Tages saß ich neben dem Abgeordneten
Haberkorn, der Bürgermeister von Zittau und Präsident der Zweiten
sächsischen Kammer war. Im Laufe der Unterhaltung kam das Gespräch auch
auf Bismarck, der in der Sitzung am Vormittag wieder eine seiner
heftigen Reden gehalten hatte. Haberkorn war darüber so erregt, daß er
sich in den denkbar stärksten Ausdrücken wider ihn erging.
Gegen Ende der Session hatte der König den gesamten Reichstag zu Tisch
ins Schloß geladen. Ich und einige andere Abgeordnete nahmen an diesem
Essen nicht teil. Am nächsten Vormittag nach jenem Tage stieß ich im
Reichstag auf den roten Becker, mit dem ich gut Freund geworden war.
Becker war noch in weinseliger Stimmung und trug auf dem breit
ausgelegten Chemisette Spuren des genossenen Weines. Becker war damals
Junggeselle. "Nun Becker," fragte ich ihn, "wie war es denn gestern bei
Wilhelms?" Darauf stellte er sich breit vor mich hin, legte beide Hände
auf meine Schultern, schüttelte mich ein wenig und antwortete:
"Bebelchen, es war großartig, Wilhelm hat deliziöse Weinchen," dabei
schnalzte er mit der Zunge, "und hinter mir stand so'n Kerl, der immer
einschenkte, wenn mein Glas leer war." Ich lachte und fragte: "Da werden
Sie wohl auch künftigen Einladungen ins Schloß folgen?" worauf er
ebenfalls lachend erwiderte: "Mein Lieber, das können Sie sich denken."
In Becker und Miquel besaß der norddeutsche Reichstag zwei Mitglieder
des ehemaligen Kommunistenbundes, von denen jeder in seiner Art Karriere
machte. Becker wurde Oberbürgermeister von Dortmund und später von Köln,
in welcher Eigenschaft er auch Mitglied des Herrenhauses wurde. Miquel
stieg noch einige Stufen höher. Er wurde zunächst Oberbürgermeister von
Osnabrück, dann von Frankfurt a.M. und starb bekanntlich als geadelter
pensionierter preußischer Finanzminister und Liebling der Agrarier.
Eine Anzahl Mitglieder des ehemaligen Kommunistenbundes hatte überhaupt
eine besondere Entwicklung genommen. So neben Becker und Miquel der
ehemalige Schriftsetzer Wallau, der als Oberbürgermeister von Mainz
starb, ferner Bürgers, der längere Zeit Chefredakteur der "Rheinischen
Zeitung" war und während einer Legislaturperiode Mitglied des Deutschen
Reichstags wurde. Er gehörte wie damals Becker zur Fortschrittspartei.
Am 16. April fand die namentliche Abstimmung über die Verfassung des
Norddeutschen Bundes statt. Von 283 anwesenden Mitgliedern--der
Reichstag zählte 297--stimmten 230 dafür und 53 dagegen. Außer Schraps
und mir _die gesamte Fortschrittspartei,_ die Polen, Windthorst,
Wächter, Haberkorn und mehrere Hannoveraner. Nach Ansicht der damaligen
Fortschrittspartei war die norddeutsche Bundesverfassung ein Werk, das
nicht die Rechte enthielt, auf deren Gewährung eine konstitutionelle
Volksvertretung bestehen mußte. Keine Grundrechte, kein
Steuerbewilligungsrecht, keine Ministerverantwortlichkeit, keine Diäten.
Dafür den eisernen Militäretat und eine große Machtstellung des
Bundeskanzlers. Reichskanzler heißt er von 1871 ab. Am 17. April wurde
der Reichstag geschlossen; er hatte fünfunddreißig Sitzungen abgehalten.
* * * * *
Ich hatte gegen Schluß der Session meine Frau nach Berlin kommen lassen,
um ihr die Stadt zu zeigen. Das damalige Berlin kann sich mit dem
heutigen in nichts vergleichen. Die schmucklosen Fassaden der Häuser an
den langen geraden Straßen ließen es langweilig und eintönig erscheinen.
Die Häuser standen gleichmäßig nebeneinander wie ein Regiment Soldaten,
aber ohne anregende Farbe. Der Verkehr war im Vergleich zu heute gering.
Ab und zu humpelte ein Omnibus mit zwei müden Gäulen über das Pflaster.
Droschken sah man selten, deren Benutzung war dem Berliner jener Zeit zu
teuer. Das einzige moderne Verkehrsmittel war die Pferdebahn, die vom
Kupfergraben nach Charlottenburg führte. Mit den hygienischen Zuständen
war es übel bestellt. Eine Kanalisation war noch nicht vorhanden. In den
Rinnsteinen, die längs der Bürgersteige hinliefen, sammelten sich die
Abwässer der Häuser und verbreiteten an warmen Tagen mephitische
Gerüche. Bedürfnisanstalten auf den Straßen oder Plätzen gab es nicht.
Fremde und namentlich Frauen gerieten in Verzweiflung, bedurften sie
einer solchen. In den Häusern selbst waren diese Einrichtungen meist
unglaublich primitiv. Eines Abends besuchte ich mit meiner Frau das
Königliche Schauspielhaus. Ich war entsetzt, als ich in einem
Zwischenakt in den Raum trat, der für die Befriedigung kleiner
Bedürfnisse der Männer bestimmt war. Mitten in dem Raum stand ein
Riesenbottich, längs den Wänden standen einige Dutzend Pots de Chambre,
von denen man den benutzten höchst eigenhändig in den großen
Kommunebottich zu entleeren hatte. Es war recht gemütlich und ganz
demokratisch. Berlin als Großstadt ist wirklich erst nach dem Jahre 1870
aus dem Zustand der Barbarei in den der Zivilisation getreten.
* * * * *
Ich hatte die Gewohnheit angenommen, nach jeder Session des Reichstags
in meinen Wahlkreis zu reisen und in den Hauptorten eine Anzahl
Wählerversammlungen abzuhalten, in denen ich über die Verhandlungen des
Reichstags und meine Tätigkeit Bericht erstattete. Da wir überall große
Säle zur Verfügung hatten, konnte ich auf Massenbesuch rechnen, und es
war mir besonders interessant, daß von Anfang meiner Agitation an die
Frauen ein nicht unerhebliches Kontingent zu den Versammlungsbesuchern
stellten, die nachher eifrige Agitatorinnen für uns wurden. Da wir keine
Presse besaßen und die paar im Kreise verbreiteten Parteiblätter nur von
wenigen gelesen wurden, die gegnerische Presse aber unausgesetzt sich
namentlich mit mir beschäftigte, waren diese Versammlungen nötig. Es
bildete sich allmählich zwischen mir und meinen Wählern ein
Vertrauensverhältnis heraus, das nichts zu wünschen übrig ließ. Die
Gegner machten bei den verschiedenen Wahlen vergebliche Anstrengungen,
mich aus dem Sattel zu heben. Es fiel mir sehr schwer, als ich nach zehn
Jahren (1877) doppelt gewählt wurde, den Wahlkreis aufzugeben;
andernfalls wäre der neugewonnene Wahlkreis (Altstadt-Dresden) der
Partei wieder verloren gegangen.
Im norddeutschen Reichstag und dem Zollparlament.
Die erste Session der ersten Legislaturperiode des norddeutschen
Reichstags wurde am 10. September 1867 eröffnet. Unter den
Abgeordneten, die neugewählt waren, ragten besonders hervor Freiherr
v. Hoverbeck, Franz Ziegler und v. Kirchmann. Alle drei gehörten zur
Fortschrittspartei! Kirchmann hatte wie Ziegler eine längere
demokratische Vergangenheit hinter sich. So gehörte er in der
preußischen Nationalversammlung im Jahre 1848 zu den Steuerverweigerern.
Er war aber auch einer der am meisten verfolgten preußischen Richter,
gegen den sich die Reaktion die nichtswürdigsten Mittel erlaubte.
Schließlich wurde er seines Amtes als Vizepräsident des
Appellationsgerichts in Ratibor ohne Pension entsetzt, weil er einen
Vortrag gehalten hatte über den Kommunismus in der Natur, in dem er für
eine Einschränkung der Bevölkerungsvermehrung eintrat, und zwar im
Interesse einer höheren Kulturentwicklung und der Beseitigung der
wirtschaftlichen Ungleichheit. Er hatte darin vor seinen Zuhörern
ausgeführt: "Das Ideal einer fortschreitenden Gleichheit aller Menschen
im Glück und Wohlbefinden liegt so tief in der Brust eines jeden, daß
man nicht zu verzagen braucht. Die Bewegung, die Annäherung zu diesem
Ziele wird vorschreiten, des seien Sie gewiß. Wenn viertausend Jahre
dazu gehörten, um nur die Gleichheit des Rechts in einem hohen Grade zu
gewinnen, so dürfen wir nicht den Mut verlieren, weil die Gleichheit der
Glücksgüter, diese viel schwerere Aufgabe, innerhalb zweier Generationen
nicht hat erreicht werden können." Dieser Vortrag sollte "unsittlich"
sein und einen so unsittlichen höheren Richter konnte der allezeit so
fromme und sittliche preußische Staat nicht gebrauchen. Kirchmann war
wohl der philosophisch gebildetste Kopf im Reichstag, jedenfalls stand
er an Bildung und Wissen hoch über den Mitgliedern des Gerichtshofs, die
ihm seine Stellung aberkannten. Außer den drei Genannten war auch
Feldmarschall v. Moltke Mitglied des Hauses geworden. Ferner gehörte dem
Hause der später berüchtigt gewordene Strousberg an, der es meisterhaft
verstand, zahlreiche Vertreter des preußischen Hochadels als Lockvögel
für seine Gründungen zu gewinnen, deren Unterschriften denn auch unter
seinen Prospekten prangten. Das schien um so unbegreiflicher, als
Strousbergs Aeußeres schon den Eindruck eines höchst unsympathischen
Emporkömmlings machte. Sein Auftreten war protzenhaft. Die Feste, die er
veranstaltete, machten in dem Berlin jener Zeit großes Aufsehen. Die
Berliner Presse veröffentlichte lange Berichte über dieselben. So
verschwenderisch wie er hatte bis dahin in Berlin kein Privatmann
gewirtschaftet. Es war die Aera des Großkapitalismus, die Strousberg
einläutete. Aristokratie und Plutokratie verschwägerten sich.
Meine erste Rede in der neuen Session hielt ich anläßlich einer
Adreßdebatte am 24. September. Ich legte Verwahrung dagegen ein, daß in
der Adresse an das Bundesoberhaupt--den König von Preußen--sich der
Reichstag als die Vertretung der deutschen Nation bezeichne. Der
Präsident unterbrach mich, es gebe keine andere Vertretung der Nation.
Darauf antwortete ich, der Reichstag vertrete nur einen Teil der Nation.
Man habe 18 Millionen Deutsche preisgegeben--10 Millionen
Deutsch-Oesterreicher, 8 Millionen Süddeutsche--und Luxemburg, das
ebenfalls aus dem Bunde geschieden sei. Außerdem bestehe auf Grund
Artikel 4 des Prager Friedensvertrags die Gefahr, daß wir eines Tages
die nordschleswigschen Distrikte an Dänemark abtreten müßten. Das sei
keine nationale Politik.
Darauf nahm Bismarck das Wort. Er wolle mir nicht persönlich
entgegnen--bemerkte er etwas maliziös--, sondern weil ich mich zum
Mundstück eines weitverbreiteten Irrtums gemacht hätte. Luxemburg sei
nicht preisgegeben, was er durch eine Reihe Sophismen zu beweisen
versuchte. Oder ob ich etwa wünschte, daß man wegen Luxemburg habe einen
Krieg machen sollen? Das fiel mir selbstverständlich nicht ein, ich
wollte nur konstatieren, daß die alten Beziehungen des Landes zu
Deutschland infolge Bismarcks "nationaler" Politik gelöst werden mußten,
und zwar auf Verlangen _Napoleons_. Luxemburg war vordem deutscher
Bundesstaat, es hatte Sitz und Stimme im Bundestag in Frankfurt, und die
Stadt Luxemburg war deutsche Bundesfestung, und da der Großherzog von
Luxemburg der König von Holland war, so waren Hollands Interessen in
hohem Grade an die Deutschlands gekettet, was bei internationalen
Verwicklungen ein Vorteil war.
Am 17. Oktober hielt ich meine zweite Rede bei der Beratung des
Entwurfes betreffend die Wehrpflicht. Der Gesetzentwurf fordere nur
scheinbar die allgemeine Wehrpflicht, denn alle Wehrfähigen
wehrpflichtig zu machen, sei bei der langen Dienstzeit unmöglich. Alle
Wehrfähigen militärisch auszubilden, sei aber ein Akt der Gerechtigkeit
und eine Wohltat für das Land. Das sei nur bei einem Wehrsystem möglich,
wie es infolge der Militärreorganisation von Scharnhorst und Gneisenau
in Preußen von 1809 bis 1813 bestanden habe. Daß man mit kürzerer
Dienstzeit ebenfalls kriegstüchtige Mannschaften liefern könne, habe
1866 auch Sachsen gezeigt, dessen weitaus größte Zahl der Mannschaften
nicht über neun Monate bei den Fahnen gewesen sei. Auch das in Preußen
bestehende Einjährig-Freiwilligensystem beweise es.
In großer Erregung trat mir Hans Blum entgegen, der sehr ausfallend
gegen mich wurde. Woher ich die Stirne zu einer solchen Rede nehme?
(Rüge des Präsidenten.) In persönlicher Bemerkung antwortete ich Blum,
ich hätte die Stirne hergenommen, wo sein Vater sie 1848 hergenommen
habe, als er für ähnliche Forderungen wie ich im Frankfurter Parlament
eintrat. Liebknechts und meine Reden bei diesem Gesetzentwurf
hatten nach außen Aufsehen erregt. Wir erhielten über dreißig
Zustimmungsadressen, fast alle aus preußischen Städten. Die Leipziger
Parteigenossen schickten uns als Anerkennung einen neun Pfund schweren
Schinken, der uns als diätenlosen Abgeordneten, die wir jetzt waren,
willkommen war.
Bei der Beratung des Paßgesetzes stellten Liebknecht und ich einen
Antrag, wonach die Polizei kein Recht zu Ausweisungen haben solle. Zum
Freizügigkeitsgesetz stellten wir Anträge, wonach die Polizei niemand
Aufenthaltsbeschränkungen unterwerfen dürfe, solche sollten nur infolge
eines richterlichen Urteils ausgesprochen werden können. Alle bisher
erfolgten Ausweisungen sollten mit Inkrafttreten des Gesetzes aufgehoben
sein. In der Rede, mit der Liebknecht den Antrag begründete, kam er auf
die Vorgänge zu sprechen, die 1865 zu seiner Ausweisung aus Preußen und
Herbst 1866 zu seiner Verurteilung wegen Bannbruch führten. Natürlich
wurden die Anträge abgelehnt.
Die Session ging bereits am 26. November zu Ende.
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Im Frühjahr 1868 wurde die Session des Reichstags, die am 23. März
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