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Aus meinem Leben - Zweiter Teil
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August Bebel German ISO-8859-1


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und auch einige unserer sozialen (Normalarbeitstag, Verbot der
Kinderarbeit) in ihrem Programm habe, also ein gewisses Stück Weg
neben uns hergehe. Sie in den Punkten zu bekämpfen, in denen sie
gleicher Meinung mit uns sei, sei Torheit; selbstverständlich würden
wir ihr aber überall da entgegentreten, wo Differenzen zwischen ihr
und uns beständen, also vorzugsweise auf dem sozialen Gebiet. Die
Volkspartei sei, das wüßten wir genauer als jeder andere, eine Partei,
die aus vermiedenen Elementen zusammengesetzt sei. Sie bestehe aus
großdeutschen konstitutionellen Monarchisten, bürgerlichen
Republikanern und einer kleinen Zahl von Leuten, welche im
wesentlichen auch unser soziales Programm anerkennten, letztere seien
indes sehr in der Minderheit. Einig sei die Volkspartei in dem Kampfe
gegen die großpreußischen Tendenzen, den Militarismus und Zäsarismus
und bekämpfe von diesem Standpunkt aus mit uns auch die uns feindlich
gesinnte Fortschritts- und nationalliberale Partei. Wir ständen also
zur Volkspartei in keinem anderen Verhältnis, als es sich aus der
Natur der beiderseitigen Standpunkte von selbst ergebe. Habe doch
Lassalle dasselbe der Arbeiterpartei gegenüber der Fortschrittspartei
im Jahre 1863 angeraten, ja Lassalle habe sogar an mehreren Stellen
seiner Schriften über "Verfassungswesen" sich selbst als Mann der
Volkspartei bezeichnet. Ebenso haltlos wie die beständigen Vorwürfe
über unser Verhalten zur Volkspartei seien die Einwendungen gegen
unsere Organisation. Lebten wir in Deutschland in einem freien Staat,
dann verstünde sich von selbst, daß wir nur praktische Gründe bei
Entwerfung einer Organisation im Auge zu behalten hätten. Deutschland
sei aber kein Freistaat, sondern bestehe aus Staaten, die zum größten
Teil sehr reaktionär seien, und in denen die Macht der Gesetze sich
unliebsamen Volksorganisationen sehr fühlbar mache. Die Auflösung des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in Sachsen, die Schließung der
vielen Gemeinden in Preußen, der Beschluß des preußischen
Obertribunals gegen den schleswig-holsteinischen Wahlverein, der eine
ähnliche Organisation gehabt habe wie der Allgemeine Deutsche
Arbeiterverein, die neuesten Vorgänge in Bayern bewiesen, wie das
Gesetz jederzeit die Organisation vernichten könne. Hätte Schweitzer
die Urteile der Untergerichte über seinen Verein durch alle
Appellinstanzen verfolgt, das Obertribunal hätte zweifellos die
Organisation als ungesetzlich anerkannt und wäre damit das Verbot des
Vereins für Preußen ausgesprochen worden. Schweitzer habe sich davor
gehütet, und wenn sein Verein dennoch existiere, dann habe er dies
einzig und allein der Gunst zu verdanken, deren er sich notorisch von
seiten des Berliner Polizeipräsidiums und der Regierung zu erfreuen
habe. Wir müßten eine Organisation schaffen, die mit der
Einheitlichkeit zugleich die formelle Unabhängigkeit der
Parteimitglieder an den einzelnen Orten vor dem Gesetz möglich mache.
Die Einheitlichkeit der Partei sei gewahrt in dem von der Partei
gewählten und in seinen Machtbefugnissen scharf begrenzten und
zugleich kontrollierbaren Parteiausschuß, wodurch jede "Führerschaft"
beseitigt und der Herrschaft einer einzelnen Person ein für alle Mal
ein Ende gemacht sei; ferner in regelmäßigen Steuern, die monatlich
jedes Parteimitglied leistet; und endlich in dem Parteiorgan, das
Eigentum der Partei sei, zu Privatzwecken also nicht benutzt werden
könne. Durch diese Einrichtungen sei also die Möglichkeit einer
kräftigen Agitation zur Verbreitung der Partei und die Geltendmachung
des Parteiwillens in allen Fragen gegeben. In den Lokalvereinen
könnten die Parteigenossen die Parteiangelegenheiten in der
ungehindertsten Weise besprechen und die lokale Agitation betreiben,
ohne daß das Gesetz eingreifen könne. Daß die von uns angenommene
Organisation wirklich und nicht bloß in der Einbildung gut sei,
beweise, daß trotz aller Verfolgungen, welche die Partei vom ersten
Tage ihres Bestehens zu erdulden gehabt habe, die Organisation noch
nicht angetastet worden sei, weil man es einfach nicht könne. Mit
einer Organisation, wie sie der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein
habe, würden wir längst zugrunde gerichtet worden sein.

Habe die Polizei das Urteil des Obertribunals auf den Allgemeinen
Deutschen Arbeiterverein nicht angewandt, so kennzeichne das mehr als
alles andere das gute Einvernehmen des Chefs des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins mit der preußischen Polizei. Wir hätten uns
einer solchen Gönnerschaft nicht zu erfreuen, wollten sie auch nicht
haben, müßten also unsere Organisation so einrichten, daß sie gegen
polizeiliche Uebergriffe sicher sei. Die Form sei übrigens für uns
Nebensache, die Hauptsache sei das Prinzip und seine Anwendung. Wir
gehörten nicht zu denen, die als Orthodoxe die äußere Form über die
Sache setzten, wir hielten die Organisation keineswegs für
unverbesserlich. Jedes Mitglied der Partei könne seinen Einfluß für
Aenderung derselben geltend machen, und gelänge es ihm, die Majorität
hierfür zu gewinnen, dann sei der Wille derselben entscheidend; die
ganze Verfassung der Partei sei mit einem Worte demokratisch.

Ich hatte mit meinen Ausführungen kein Glück. Die Einberufer stießen
sich an unserer Stellung zur Volkspartei, die man, gerade weil sie ein
radikales Programm habe, als gefährlich am schärfsten bekämpfen müsse.
Auch passe ihnen unsere Organisation nicht.

In dem Bericht, den ich in Nr. 10 des "Volksstaat" von 1870
veröffentlichte, führte ich noch aus:

Ich ergriff wiederholt das Wort und widerlegte die aufgestellten
Bedenken, sah aber sehr bald ein, daß alles Reden unnütz sei, da man
einmal fest entschlossen war, eine vierte Arbeiterfraktion mit dem
ganzen bureaukratischen Apparat einer solchen zu konstituieren. Ich
erklärte darauf, daß ich mein Mandat als erledigt betrachte und an den
öffentlichen Verhandlungen nur insofern noch teilnehmen würde, um eine
Erklärung über meine Stellung zu dem Kongreß abzugeben.

Als kurz darauf die öffentliche Versammlung wieder aufgenommen wurde,
legte ich die Gründe dar, die mich verhinderten, weiter an den
Verhandlungen mich zu beteiligen. Zugleich benutzte ich diese
Gelegenheit, um nochmals öffentlich die Vorurteile entschieden
zurückzuweisen, die noch als Erbstück Schweitzerscher Erziehung gegen
unsere Partei in der Versammlung vorhanden sein möchten. Nachdem ich
geendet, zog ich mein Mandat zurück und verließ mit unseren
Parteigenossen den Saal.

War die mir offiziell übertragene Mission auch als gescheitert zu
betrachten, so habe ich dennoch die moralische Ueberzeugung von
Augsburg mitgenommen, daß die Masse der Arbeiter es müde ist, sich
kleinlicher persönlicher oder formeller Bedenken wegen gegenseitig in
die Haare zu geraten. Die Arbeiter begreifen, daß nur in festem
Zusammenhalten, in der Vereinigung aller Kräfte die Gewähr des Sieges
für sie liegt, und ich müßte mich sehr täuschen, wenn nicht trotz der
jetzt konstituierten vierten sozialdemokratischen Fraktion der
Zeitpunkt sehr nahe herangekommen wäre, wo der vollständige Eintritt
in die sozialdemokratische Arbeiterpartei stattfinden wird.

Die hier ausgesprochene Hoffnung erfüllte sich rasch. Bereits im Juni
fand auf dem Stuttgarter Kongreß eine Verständigung und der Uebertritt
der bayerischen Fraktion in unsere Partei statt. Auf meiner Rückreise
von Augsburg hielt ich in München eine Volksversammlung ab, in der als
Zuhörer der damals zwanzigjährige Georg v. Vollmar anwesend war, wie er
mir gelegentlich erzählte.

Der Monat Januar 1870 war für mich noch insofern von besonderem
Interesse, als der Rat der Stadt Leipzig beschloß, dem
Arbeiterbildungsverein den Rest der städtischen Unterstützung von 200
Taler jährlich zu entziehen, weil der Verein sich für das Eisenacher
Programm erklärt hatte. Die Stadtverordneten beschlossen wenige Tage
darauf nach einer heftigen Debatte mit 27 gegen 16 Stimmen, dem Beschluß
des Rats beizutreten. An demselben Abend wählte mich der Verein wieder
mit 121 gegen 20 Stimmen zu seinem Vorsitzenden.

*       *       *       *       *

Die Agitation zur Ausbreitung der Partei wurde seit Eisenach von uns in
ganz Deutschland mit allen Kräften betrieben. Unter den zahlreichen
Versammlungen, die auch ich abhielt, waren zwei in Plauen im Vogtland
gegen Dr. Max Hirsch dadurch von besonderem Interesse, daß der Inhalt
meiner Reden zu einer neuen Anklage gegen mich wegen Verbreitung
staatsgefährlicher Lehren Veranlassung gab. Als dann noch vor Erledigung
dieser Anklage das Strafgesetzbuch für den Norddeutschen Bund Geltung
erlangte, das diese Bestimmung des sächsischen Strafgesetzes nicht
enthielt, wurde das Material in dem nachher eingeleiteten
Hochverratsprozeß wider mich verwertet. Diese Versammlungen, die an zwei
Abenden hintereinander stattfanden, weil in der ersten die Debatte nicht
zu Ende kam, endeten mit einer vollständigen Niederlage Dr. Max
Hirschs, der damals Vertreter für den Plauener Wahlkreis im
norddeutschen Reichstag war. Zwei Jahre zuvor war ich Dr. Max Hirsch
auch in seiner Vaterstadt Magdeburg entgegengetreten und hatte ihm hier
ebenfalls eine große Niederlage beigebracht. In einer späteren
Magdeburger Versammlung, in der ich Schweitzers Treiben scharf
kritisierte, warf ein fanatischer Zimmerer ein Bierglas nach mir, das
hart an meinem Kopf vorbeiflog und an der Wand zerschellte. Wäre ich
getroffen worden, so würde ich höchst wahrscheinlich einen Schädelbruch
davongetragen haben. Diese Zeilen wären dann wohl nicht geschrieben
worden. Das waren eben Liebenswürdigkeiten, mit denen sich damals die
feindlichen Brüder traktierten.

*       *       *       *       *

Der Stuttgarter Kongreß der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei war von
uns auf den 4. bis 7. Juni einberufen worden. Anwesend waren 74
Delegierte. Unter den Gästen befand sich auch Eduard Vaillant mit seinem
Freunde Dr. Mülberger, deren Bekanntschaft ich damals machte. Nach den
Bestimmungen der norddeutschen Bundesverfassung mußten Ende August 1870
die Neuwahlen zum Reichstag stattfinden--die nachher der Ausbruch des
Deutsch-Französischen Krieges verhinderte--und so war die Frage der
Taktik bei den Wahlen ein Hauptthema in den Verhandlungen. Liebknecht
und ich, die wir über die praktische Beteiligung im Parlament in
Meinungsverschiedenheiten geraten waren, worüber ich noch an anderer
Stelle berichte, hatten uns auf folgende Resolution verständigt:

"Die sozialdemokratische Arbeiterpartei beteiligt sich an den Reichs-
und Zollparlamentswahlen lediglich aus agitatorischen Gründen. Die
Vertreter der Partei im Reichstag und Zollparlament haben, soweit es
möglich, im Interesse der arbeitenden Klasse zu wirken, im großen und
ganzen aber sich negierend zu verhalten und jede Gelegenheit zu
benutzen, die Verhandlungen beider Körperschaften in ihrer ganzen
Nichtigkeit zu zeigen und als Komödienspiel zu entlarven.

Die sozialdemokratische Arbeiterpartei geht mit keiner anderen Partei
Allianzen oder Kompromisse ein, dagegen empfiehlt der Kongreß bei den
Wahlen zum Reichstag und Zollparlament da, wo die Partei einen eigenen
Kandidaten nicht aufstellt, solchen Kandidaten ihre Stimmen zu geben,
die wenigstens in politischer Hinsicht wesentlich unseren Standpunkt
einnehmen. Namentlich empfiehlt der Kongreß in den Bezirken, wo die
Partei von Aufstellung eigener Kandidaten absieht, von anderen
Parteien aufgestellte wirkliche Arbeiterkandidaten zu unterstützen."

Werth-Barmen beantragte, die Nichtbeteiligung an den Wahlen
auszusprechen; die Resolution sei inkonsequent. Dieser Antrag wurde
abgelehnt und unsere Resolution angenommen.

Darauf kam die Grund- und Bodenfrage zur Verhandlung, für die ich
Berichterstatter war. Die von mir vorgeschlagene Resolution lautete:

"In Erwägung, daß die Erfordernisse der Produktion wie die Anwendung
der Gesetze der Agronomie--wissenschaftlichen Bewirtschaftung des
Bodens--den Großbetrieb beim Ackerbau erheischen und, ähnlich wie in
der modernen Industrie, die Einführung von Maschinen und die
Organisation der ländlichen Arbeitskraft notwendig machen, und daß im
allgemeinen die moderne ökonomische Entwicklung den Großbetrieb im
Ackerbau erstrebt;--in Erwägung, daß demgemäß bei dem Ackerbau wie bei
der Großindustrie die allmähliche Verdrängung der kleinen und
mittleren Eigentümer durch die Großbesitzer vor sich geht, das Elend
und das Abhängigkeitsverhältnis der weitaus größten Mehrzahl der
Ackerbaubevölkerung zugunsten einer kleinen Minorität stetig zunimmt
und dies den Gesetzen der Humanität und Gerechtigkeit
zuwiderläuft;--in Erwägung, daß die produktiven Eigenschaften des
Bodens, die keine Arbeit erheischen, das Material aller Produkte und
aller brauchbaren Dinge bilden: spricht der Kongreß die Ansicht aus,
daß die ökonomische Entwicklung der modernen Gesellschaft es zu einer
gesellschaftlichen Notwendigkeit machen wird, das Ackerland in
gemeinschaftliches Eigentum zu verwandeln und den Boden von Staats
wegen an Ackerbaugenossenschaften zu verpachten, welche verpflichtet
sind, das Land in wissenschaftlicher Weise auszubeuten und den Ertrag
der Arbeit nach kontraktlich geregelter Uebereinkunft unter die
Genossenschafter zu verteilen. Um die vernünftige und
wissenschaftliche Ausbeutung des Grund und Bodens zu ermöglichen, hat
der Staat die Pflicht, durch Einrichtung entsprechender
Bildungsanstalten die nötigen Kenntnisse unter der ackerbautreibenden
Bevölkerung zu verbreiten.

Als Uebergangsstadium von der Privatbewirtschaftung des Ackerlandes
zur genossenschaftlichen Bewirtschaftung fordert der Kongreß, mit den
Staatsdomänen, Schatullengütern, Fideikommissen, Kirchengütern,
Gemeindeländereien, Bergwerken, Eisenbahnen usw. zu beginnen, und
erklärt sich deshalb gegen jede Verwandlung des oben angeführten
Staats- und Gemeinbesitzes in Privatbesitz."

Der Schlußsatz der Resolution wurde mehrfach angefochten, man solle
nicht ins Detail gehen. Schließlich aber wurde der Resolution
zugestimmt.

Da um jene Zeit in Wien der Hochverratsprozeß gegen die Führer der
österreichischen Arbeiter, Oberwinder, Andreas Scheu, Johann Most usw.
bevorstand, ferner die österreichische Regierung die Führer der
Arbeiterbewegung mit fanatischem Haß verfolgte und der "Sozialdemokrat"
fortfuhr, Liebknecht als Agenten der österreichischen Regierung
anzugreifen, schlug folgende Resolution vor:

"Der Kongreß erklärt, daß die österreichische Regierung durch ihre
Haltung gegenüber der Arbeiterbewegung und durch die aller
Menschlichkeit hohnsprechende Behandlung der eingekerkerten Arbeiter
sich den Haß und die Verachtung der Arbeiter aller Nationen erworben
hat."

Die Resolution wurde unter stürmischem Beifall des Kongresses
angenommen.

Als Kongreßort für das Jahr 1871 wurde Dresden gewählt.




Schweitzers Ende.


Während die geschilderten Vorgänge sich zutrugen, setzte der
"Sozialdemokrat" seine Angriffe mit ungeschwächten Kräften und ohne
Bedenken über die Wahl der Kampfmittel gegen uns fort. So war es zum
Beispiel jetzt bei ihm Sitte geworden, daß er beständig Artikel aus dem
nationalliberalen _"Frankfurter Journal"_, das ein Organ unserer Partei
sei, abdruckte und gegen uns verwertete. Die Verlogenheit konnte kaum
weitergetrieben werden. Aber es kam noch besser.

Unter dem Datum des 3. Juli veröffentlichte der "Volksstaat" einen
Aufruf des Braunschweiger Ausschusses, worin dieser aufforderte, die
Vorbereitungen zu den Reichstags- und Zollparlamentswahlen zu treffen,
wobei er entsprechend den Beschlüssen des Stuttgarter Kongresses darauf
hinwies, daß in Wahlkreisen, in denen wir selbst keinen Kandidaten
aufstellten, zu erwägen sei, ob nicht dem Kandidaten einer anderen
Arbeiterpartei mit unseren Stimmen zum Siege verholfen werden könne. Der
Braunschweiger Ausschuß ahnte damals nicht, daß schon am Tage vorher,
den 2. Juli, in einer Vorstandssitzung des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins in Hannover Schweitzer Anträge eingebracht hatte, denen
der Vorstand seine Zustimmung erteilt hatte, die folgendermaßen
lauteten:

"1. Bei der engeren Wahl zwischen einem Reaktionär (Konservativen) und
einem Liberalen: Stimmabgabe für den Liberalen.

2. Bei der engeren Wahl zwischen einem Reaktionär und einem
Volksparteiler (Ehrlichen, womit er uns meinte): _Stimmenthaltung_.

3. Bei der engeren Wahl zwischen zwei Liberalen: Stimmabgabe für den
weitergehenden Kandidaten.

4. Bei der engeren Wahl zwischen einem Liberalen und einem
_Volksparteiler (Ehrlichen): Stimmabgabe für den Liberalen_."

Die ersten drei Punkte waren einstimmig, der vierte gegen vier Stimmen
angenommen worden.

Man kann sich die Empörung vorstellen, die uns ergriff, als wir diesen
Beschluß lasen, den wir als eine _Infamie ersten Ranges_ ansahen. Es war
klar, daß Schweitzer und Tölcke den fanatischen Haß der
Vorstandsmitglieder gegen uns benutzt hatten, um diesen infamen
Beschluß, der die der Bismarckschen Politik am feindlichsten
gegenüberstehende Partei traf, durchzusetzen. Richter-Wandsbeck hat
später erklärt, _er habe gegen den Antrag gestimmt, weil er gewußt, daß
Schweitzer ihn im Auftrag der Regierung gestellt habe_. Ich lasse das
dahingestellt sein. Zweifellos entsprach aber dieser Beschluß _den
Wünschen Bismarcks_, und das genügte.

Sobald der Beschluß in unseren Reihen bekannt wurde, erließ der
Braunschweiger Parteiausschuß unterm 11. Juli einen Aufruf, in dem es
hieß: "daß ungeachtet jenes Beschlusses unsere Parteigenossen, wo dies
im Interesse der Arbeitersache liege, _den Kandidaten des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins unterstützen sollten, treu dem Gedanken, daß
die Organisation dazu da sein solle, die Einigung aller
sozialdemokratischen Arbeiter zu ermöglichen"._ Im weiteren hieß es
alsdann:

"Dem Herrn v. Schweitzer aber, der in der gehässigsten und
verwerflichsten Weise Arbeiter gegen Arbeiter, Sozialdemokraten gegen
Sozialdemokraten zu hetzen sucht, sind wir um der Arbeitersache
verpflichtet, mit aller Energie entgegenzutreten. Daher fordern wir
die _Parteigenossen in Barmen-Elberfeld_, dem klassischen Boden für
diesen Kampf, auf, die nötigen Schritte in dieser Richtung ohne Säumen
zu tun; _die Partei ist schuldig und verbunden, die allgemeine
Bewegung von einem Menschen zu säubern, der, unter dem Deckmantel
einer radikalen Gesinnung, bisher im Interesse der preußischen
Staatsregierung alles getan hat, dieser Bewegung zu schaden._ Die
Partei wird den Genossen in Barmen-Elberfeld zur Seite stehen. Nun
kräftig vorwärts!"

Am 13. Juli mußte der "Sozialdemokrat" bekanntmachen, daß sein Format
verkleinert werden müsse, weil die verlangten 500 neuen Abonnenten nicht
gekommen seien. Das war die Antwort auf die prahlerische Ankündigung am
Schlusse des Vorjahres, das Format des Blattes zu vergrößern. Die Zahl
habe sich kaum um 100 vermehrt. Bald darauf mußte aber sowohl der
"Sozialdemokrat" wie der "Volksstaat", der Ende März 1870 2000
Abonnenten hatte, weitere Raumbeschränkungen eintreten lassen. Es brach
plötzlich der Deutsch-Französische Krieg aus, der von beiden Fraktionen
zahlreiche Parteigenossen unter die Waffen rief, andere durch
hereinbrechende Arbeitslosigkeit brotlos machte.

Auf die Ursachen und die Entwicklung dieses Krieges komme ich in anderem
Zusammenhang zu sprechen. Liebknecht und ich betrachteten denselben als
einen solchen, an dem Napoleon und Bismarck gleichmäßig schuldig seien,
und enthielten uns bei der verlangten Kriegsanleihe der Abstimmung, was
wir durch eine Erklärung zu den Akten des Reichstags motivierten. Anders
Schweitzer und Genossen. Nach Schweitzer war der Krieg nicht nur ein
Krieg gegen das deutsche Volk, _sondern gegen den Sozialismus._ Und
jeder Deutsche, der sich dem Friedensbrecher entgegenwerfe, kämpfe nicht
nur fürs Vaterland, _sondern auch gegen den Hauptfeind der Ideen der
Zukunft, für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit._

Den Sozialismus mit dem Kriege in Verbindung zu bringen, war zwar
grandioser Blödsinn, aber in jener aufgeregten Zeit, in der der größte
Unsinn geglaubt wurde, wenn er sich gegen uns richtete, lag Methode in
diesem Verhalten.

Mitten in die Kriegswirren traf die Nachricht aus Wien ein, daß
Oberwinder, Andreas Scheu, Most und Papst wegen Hochverrats, ersterer zu
sechs Jahren, die anderen zu fünf bis drei Jahren Zuchthaus, verschärft
für jeden durch einen Fasttag im Monat, verurteilt worden seien.
Außerdem wurde für Oberwinder und Most die Ausweisung aus den
österreichischen Ländern nach verbüßter Strafe ausgesprochen. Die
übrigen Angeklagten wurden zu geringeren Strafen verurteilt. Ein
Hauptanklagepunkt war die Beteiligung am Eisenacher Kongreß (Oberwinder
und Scheu) und die Anerkennung des Eisenacher Programms, das nur durch
Gewalt durchgesetzt werden könne.

An der Hatz, die jetzt gegen uns seitens fast der gesamten Presse wegen
unseres Verhaltens im Reichstag inszeniert wurde, beteiligte sich der
"Sozialdemokrat" in hervorragendem Maße, der uns "Landesverräter" und
ähnliche schöne Titel anhängte. Damit nicht genug, sandte Schweitzer
verschiedene seiner Agitatoren nach Leipzig, die dort die Massen gegen
uns aufhetzen sollten. Zunächst kam Hasenclever, dessen Versammlung
durch ein Plakat angekündigt wurde, in dem es hieß: "Sämtliche Arbeiter,
Bürger und Bewohner der Stadt werden zu dieser Versammlung freundlichst
eingeladen. Während unsere Truppen im Felde stehen, scheint eine
öffentliche Kundgebung des echt deutschen Sinnes unserer Einwohnerschaft
einzelnen undeutschen Elementen gegenüber, die sich auch hier bemerklich
machen, dringend geboten. Der Bevollmächtigte des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins."

Hasenclever machte aber schlechte Geschäfte; wir hatten die Mehrheit in
der Versammlung, und so wurde die von uns vorgeschlagene Resolution
angenommen. Weit schlimmer ging es in der Versammlung zu, in der nach
ihm Wolf-Hamburg und Armborst-Stettin sprechen sollten. Hier kam es
sofort zu tumultuarischen Szenen, die bald in ein Handgemenge
ausarteten, dem der erschreckte Wirt durch Ausdrehen der Gasflammen ein
Ende bereitete. Als wir nach der Versammlung in unserem Vereinslokal uns
zusammenfanden, kam die Kunde, die Schweitzerianer seien nach
Liebknechts Wohnung gezogen, um diesem die Fenster einzuwerfen. Im
Sturmschritt eilten wir auf dem kürzesten Wege nach Liebknechts Wohnung,
kamen aber leider einige Minuten zu spät. In der Tat waren Liebknecht
eine Anzahl Fensterscheiben eingeworfen worden, und war dadurch Frau
Liebknecht, die ahnungslos in der Stube saß und ihrem ersten Sprößling
die Brust reichte, aufs tiefste erschreckt worden. Voll Zorn eilten wir
den Attentätern nach und erreichten sie in der Nähe der inneren Stadt,
worauf sie regelrecht verprügelt wurden. Kurz darauf meldete der
"Sozialdemokrat" die Heldentat seiner Anhänger mit den Worten:

"Der Volkszorn gegen das landesverräterische Treiben der Volkspartei
hat einen Ausbruch gefunden. Liebknecht sind die Fenster eingeworfen
worden."

Einige Tage später hatten mir eine Anzahl Studenten eine ähnliche
Ovation zugedacht. Zu dem Fenstereinwurf sollte noch eine Katzenmusik
kommen. Zum Glück wohnte ich hinten im Hofe im Hause eines
Großkaufmanns. Sobald der Hauswart erfuhr, was die eines Abends
heranziehenden Studenten beabsichtigten, schloß er rasch das Tor; so
mußten sie unverrichteter Sache abziehen.

Alle diese Hetzereien, die weiter aufzuzählen sich nicht lohnt, erregten
derart meine Wähler, daß diese, meist arme Teufel, sich veranlaßt sahen,
mir einen silbernen Lorbeerkranz, begleitet von einem Uhlandschen
Sinngedicht, zu überreichen. Würde ich von dieser Absicht eine Ahnung
gehabt haben, ich hätte ihre Ausführung verhindert.

Ende August 1870 machte Tölcke im "Iserlohner Kreisblatt" bekannt, daß
er vorläufig die Politik an den Nagel gehangen und sich als Volksanwalt
niedergelassen habe. Damit war eine der festesten Säulen Schweitzers
geborsten. Aber jetzt trat auch im "Sozialdemokrat" plötzlich eine
Schwenkung ein, der Draht nach oben war offenbar zerrissen. Der Krieg
mit seinen ununterbrochenen Siegen der deutschen Waffen führte
Süddeutschland und fast das gesamte Bürgertum Norddeutschlands zu den
Füßen Bismarcks. Selbst in den Kreisen der süddeutschen Volkspartei
feierte der Chauvinismus wahre Orgien. Jetzt konnte ein Schweitzer
Bismarck mehr schaden als nützen; es hatte keinen Zweck mehr, ihn zu
halten.

Am 31. August wendete sich der "Sozialdemokrat" gegen eine gewaltsame
Annexion von Elsaß-Lothringen. Anfang September, nach der Gefangennahme
Napoleons, sprach er sich für Abschluß eines Waffenstillstandes und
gegen den Gedanken einer Wiedereinsetzung Napoleons aus. Genau also wie
wir im "Volksstaat". Am 14. September veröffentlichte der
"Sozialdemokrat" einen Leitartikel, in dem er sich gegen die stehenden
Heere aussprach und sich dabei auf Gneisenau berief.

Als er die Verhaftung August Geibs in Hamburg meldete, der das Schicksal
des Braunschweiger Ausschusses teilte, dessen Mitglieder man mit Ketten
gefesselt nach der Festung Lötzen geschleppt hatte, bemerkte er
ingrimmig: Liebknecht und Bebel, die andere für sich die Kastanien aus
dem Feuer holen ließen, befänden sich als Haupthetzer in Sicherheit. Er
brauchte nicht allzulange zu warten, und seine Sehnsucht nach unserer
Verhaftung wurde gestillt. Als dann auch Johann Jacoby und
Herbig-Königsberg verhaftet und ebenfalls nach Lötzen geschleppt wurden,
wendete sich jetzt der "Sozialdemokrat" gegen diese Verhaftung. Anfang
November 1870 meldete das Blatt, daß Petzold-Leipzig, einer seiner
fanatischsten Anhänger, aus dem Vorstand des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins ausgetreten sei. Er wollte von Schweitzer nichts mehr
wissen.

Für den 24. November war der Reichstag wieder einberufen worden, um
unter anderem über eine neue Geldbewilligung für Fortsetzung des Krieges
zu beschließen. Jetzt kündigte der "Sozialdemokrat" an, daß diesmal die
Abgeordneten der Partei gegen die Geldbewilligung stimmen würden. Der
Krieg, der anfangs ein Verteidigungskrieg gewesen, sei jetzt zu einem
Eroberungskrieg geworden. Er war also nunmehr auch hierin auf unserem
Standpunkt. Bei den außerordentlich heftigen Debatten, die Liebknecht
und ich beständig im Reichstag provozierten, verhielten sich Schweitzer
und Genossen vollkommen schweigsam, sie griffen mit keinem Worte in die
Debatte ein. Nur als Liebknecht in einer Rede sich gegen die
Unterstellung wandte, wir seien mehr die Freunde Frankreichs als
Deutschlands, und bemerkte: Ich will lieber der gute Bruder des
französischen Volkes als der gute Bruder des Schurken Napoleon sein,
rief Schweitzer ein lautes Bravo! Bravo! dazwischen. Das war die einzige
Aeußerung, die er in den Kriegsdebatten machte.

Am 17. Dezember wurden Liebknecht, Hepner (der Mitredakteur des
"Volksstaat") und ich in unseren Wohnungen polizeilich überfallen, und
nachdem eine Durchsuchung unserer Wohnungen stattgefunden hatte, wurden
wir für verhaftet erklärt und in Untersuchungshaft abgeführt. Wir waren
also, da die Untersuchungshaft bis Ende März 1871 dauerte, während des
Wahlkampfes, der nach Neujahr einsetzte, vollständig lahmgelegt, das
verhinderte aber Herrn v. Schweitzer nicht, am 8. Januar im
"Sozialdemokrat" nochmals die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins darauf hinzuweisen, daß der Beschluß des
Vereinsvorstandes vom 2. Juli des verflossenen Jahres betreffend ihr
Verhalten bei engeren Wahlen sich gegen uns, die Eisenacher Ehrlichen,
richte. Das brachte dieser Mensch fertig, während wir in strengster
Einzelhaft hinter Schloß und Riegel saßen und Staatsanwalt und Richter
einen Hochverratsprozeß gegen uns zusammenbrauten.

Aber die Leipziger Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
besaßen zuviel Ehrgefühl und Klassenbewußtsein, um diesem Winke zu
folgen; sie machten mit unseren Parteigenossen gemeinsame Sache, indem
sie mich als Kandidaten für Leipzig aufstellten. Auch weigerte sich eine
Anzahl Kandidaten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, eine
Erklärung zu unterschreiben, worin sie sich in ihrer Taktik bei einer
engeren Wahl gegen uns festlegen sollten. Herr v. Schweitzer hatte
wieder einmal den Bogen überspannt.

Am 3. März 1871, dem Tage des Friedensschlusses, der mit Berechnung als
Wahltag gewählt worden war, veröffentlichte der "Sozialdemokrat" einen
Leitartikel, der die größte Siegeszuversicht atmete. Aber am Abend jenes
Tages wurde gemeldet, daß nirgends ein Sieg erfochten worden war und
Schweitzer in Barmen-Elberfeld mit dem Kandidaten der Konservativen,
Herrn v. Kusserow, in engere Wahl komme. Es war dieses derselbe Herr v.
Kusserow, der im Herbst 1867 an Schweitzer 400 Taler zahlte als
Wahlkostenbeitrag der Konservativen für seine Wahl. In der engeren Wahl
unterlag Schweitzer mit 8477 gegen 9540 Stimmen. _Diese Niederlage
brachte bei ihm den Entschluß zur Reife, sich vom öffentlichen Leben
zurückzuziehen,_ was wohl am deutlichsten für seinen Charakter spricht.
In einer langen Ansprache im "Sozialdemokrat" vom 26. März "An die
Partei" kündigt er an: _er könne die Leitung fortan nicht beibehalten,_
sein Entschluß sei unwiderruflich. Indem er auf das Wahlergebnis
hinweist, bemerkt er, daß dasselbe zwar nicht die Ursache seines
Rücktritts sei, aber es gebe ihm allerdings Gelegenheit, den längst
beabsichtigten Rücktritt zu verwirklichen. Zahlreiche Parteigenossen in
seiner Umgebung könnten bezeugen, daß er schon seit einem Jahre hierzu
entschlossen sei. Er werde sein Amt bis zur nächsten Generalversammlung
beibehalten, und nachdem die Partei ihn von seiner Geschäftsgebarung
entlastet habe, die Gewalt in die Hände der höchsten Behörde der Partei
niederlegen.

Der eigentliche Grund seines Rücktritts sei: er habe lange Jahre
hindurch Zeit, Arbeitskraft, Seelenruhe und Geld für die Arbeiterpartei
geopfert. Niemand könne ihm zumuten, diese Opfer weiter fortzusetzen....
Er habe das Seinige getan, habe lange genug auf dem Posten gestanden, um
verlangen zu dürfen, daß Ablösung stattfinde.

Diese Ankündigung war für den Verein wie für die Gegner Schweitzers eine
Ueberraschung. Bisher hatte sein Gebaren nicht gezeigt, daß er es satt
habe, auf dem Posten weiter zu stehen, auf den der Verein ihn gestellt.
Alle seine Maßnahmen bewiesen das Gegenteil. Es mag zugegeben werden,
daß er sich seit einem Jahre mit dem Gedanken eines eventuellen
Rücktritts trug und ihn auch diesem oder jenem aus seiner Umgebung
gegenüber äußerte. Aber ernsthaft daran geglaubt hat wohl niemand. Was
seinen Entschluß zunächst hervorgerufen haben mochte, waren wohl die
Erfahrungen in Barmen-Elberfeld und der Verlauf der Berliner
Generalversammlung im Januar 1870, die ihm beweisen mußten, daß es ihm
nie gelingen werde, das volle Vertrauen des Vereins zu erwerben, ja daß
im Gegenteil das Mißtrauen und die Unzufriedenheit mit seiner Leitung
und seinem Verhalten wuchs. Er hatte doch zu viel Anklagematerial
geliefert, zu sehr durch zahlreiche Handlungen Kopfschütteln und
Mißfallen erregt, als daß man schließlich es noch fertig brachte, wegen
der glänzenden Eigenschaften, die er als Parteiführer besaß, über das
Vorgekommene hinwegzusehen, wie das bisher geschehen war. Diesen
Eigenschaften zuliebe hatte man ihm vieles verziehen, was der Verein
unter anderen Umständen sich niemals würde haben bieten lassen. Aber
dieses Maß von Nachsicht ging auf die Neige. Andererseits erkannte er,
_daß er auf die Dauer den Krieg gegen uns mit Aussicht auf Erfolg nicht
fortführen konnte_. Trotz aller Mängel, die damals unsere Partei noch
aufwies in ihrer Organisation und im festen Zusammenschluß ihrer
Glieder, die Partei wuchs beständig, und ihr moralisches Ansehen war in
den Augen ihrer Gegner unbestritten. Es konnte also bald der Tag für ihn
kommen, an dem er einen Friedensschluß mit uns suchen mußte, was einer
Verurteilung seines ganzen bisherigen Verhaltens gleichkam. Diesem Gang
unter das kaudinische Joch, als das er ihm erschien, wollte er sich
nicht unterwerfen. Dieser Möglichkeit zog er die Preisgabe seiner
Stellung im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein vor, die auch nach oben
hin haltlos geworden war.

Schweitzer hatte auch bereits die Fühler für die Gewinnung einer
bürgerlichen Stellung ausgestreckt. Im Januar 1871 war ein dreiaktiges
Drama von ihm, betitelt "Kanossa", über eine der Berliner Bühnen
gegangen, wodurch er zeigte, daß bei ihm dramatisches Geschick vorhanden
war. Auf diesem Gebiet arbeitete er nunmehr weiter.

*       *       *       *       *

Am 30. April hatte ein Teil des _Lassalle_schen Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins seine Auflösung und seinen Uebertritt in unsere Partei
beschlossen. Auch August Kühn, damals in Bremen, trat in einem "Offenen
Brief" für eine Einigung der verschiedenen Fraktionen ein, die
namentlich hinsichtlich der gewerkschaftlichen Bewegung eine absolute
Notwendigkeit sei.

Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins war vom
30. April auf den 19. Mai vertagt worden. Aber Ende April ließ
Schweitzer den "Sozialdemokrat" eingehen, so daß nunmehr der Verein ohne
Organ war.

Auf dieser Generalversammlung nahmen namentlich die Verhandlungen über
die Kassenzustände einen sehr weiten Raum ein; sie endeten damit, daß
ein Antrag Frohmes einstimmig angenommen wurde, lautend, "_dem
Präsidenten eine Rüge zu erteilen_ wegen der teilweise höchst
unzweckmäßigen Verwendung der Gelder für die Agitation". Im Laufe der
weiteren Verhandlungen setzte Schweitzer auseinander, daß finanzielle
Gründe ihn gezwungen hätten, den "Sozialdemokrat" Ende April eingehen zu
lassen. Er hob dabei hervor, _daß der "Sozialdemokrat" zu keiner Zeit
seine Kosten gedeckt habe,_ also auch kein Redaktionsgehalt ihm
einbringen konnte. Ein Delegierter gab an, daß vom 1. Oktober 1870 bis
1. Januar 1871 der "Sozialdemokrat" zirka 1700 Abonnenten verlor. Der
"Volksstaat" verlor in der gleichen Zeit 300. Die Generalversammlung
beschloß, den "Sozialdemokrat" in der alten Form wieder erscheinen zu
lassen, und zwar als Vereinseigentum. Das Blatt erschien unter dem Titel
"Neuer Sozialdemokrat" vom 1. Juli ab. Ferner wurde beschlossen, eine
Verwaltungs-und Beschwerdekommission von drei Mitgliedern einzusetzen.
An Stelle Schweitzers wurde Hasenclever zum Vereinspräsidenten gewählt,
Hasselmann wurde erster Redakteur, Derossi Sekretär. Der Präsident wurde
von jetzt ab mit 50 Talern monatlich honoriert.

Schließlich sprach die Generalversammlung _einstimmig Schweitzer ihren
herzlichen Dank aus für seine tatkräftige Leitung der Partei und
bedauerte, ihn nicht länger auf diesem Posten und an ihrer Spitze zu
haben._ Offenbar wollte man ihm eine goldene Brücke bauen und die
Genugtuung verbergen, die sein Rücktritt bei vielen seiner früheren
Anhänger hervorrief.

Zu diesem einstimmigen Vertrauensvotum standen die Verhandlungen im
_grellen Widerspruch_, die im nächsten Jahr auf der Generalversammlung
des Vereins zu Berlin vom 22. bis 25. Mai 1872 gepflogen wurden. Auf
dieser wurde das Protokoll der Vorstandssitzung in Hannover vom 3. März
1872 verlesen, auf der Tölcke, der frühere Vertrauensmann Schweitzers,
ausgeführt hatte:

_"Wenn man die Geschichte des Vereins betrachte, so falle es einem in
die Augen, daß jedesmal, wenn derselbe in die Höhe ging, irgend ein
Experimentchen gemacht wurde, das ihn wieder herunterbrachte."_

Worauf ihm mit Recht geantwortet wurde, daß er diese Experimente
mitgemacht, aber bisher geschwiegen habe. Weiter äußerte Tölcke:

"Schweitzer habe keine Vereinskarten drucken lassen, weil er das
einkommende Geld sofort selbst konsumierte. Er (Tölcke) habe den
Agitatoren das doch nicht schreiben können, dann wären immer neue
Risse in der Partei entstanden. Aurin habe damals gesagt, die
_Verbandskasse_ sei nicht in Ordnung; das sei richtig gewesen, _da
Schweitzer 500 Taler aus der Verbandskasse genommen_ und zu seinem
Bankier getragen habe. Man habe in Rücksicht auf die Partei darüber
geschwiegen."

Weiter erzählte Tölcke:

_"Schweitzer stehe mit dem Polizeipräsidium in Verbindung und
hinterbringe demselben alles, was passiere. Schweitzer habe ihm kurz
vor dem Antritt seiner Haft in Rummelsburg gesagt, daß er (Redner)
sich zu jeder Zeit, wenn etwas passiere, an das Polizeipräsidium
wenden könne; er sei auch mit ihm dorthin gegangen und habe ihn
daselbst vorgestellt, wobei Schweitzer eine große Kenntnis der
Räumlichkeiten dort entwickelte. Nachher sei er mit ihm um den ganzen
Hof herum gegangen, wo sämtliche Hauptleute usw. aufgepflanzt waren
und den Doktor freundlich grüßten. Dann sagte ihm Schweitzer auch, daß
er (Redner) jederzeit zum Minister des Innern kommen könne."_

Hierauf wurde Tölcke abermals mit Recht erwidert, _er_ habe die Partei
immer im Dunkeln tappen lassen, noch auf der vorigen Generalversammlung
habe er Schweitzer verteidigt. Ein anderer Redner meinte: Nach seinen
eigenen Angaben sei Tölcke ein weit _schlimmerer Verräter_ als
Schweitzer. Ein dritter Redner äußerte:

"_Er bemerke die Anwesenheit Doktor Schweitzers und frage an, ob auch
Nichtmitglieder anwesend sein dürfen. Könne sich Schweitzer weder als
Mitglied noch als überwachender Polizeibeamter ausweisen, so habe er
ohne weiteres das Lokal zu verlassen._"

Es wird konstatiert, daß Schweitzer seit seinem Rücktritt vom Präsidium
keine Beiträge mehr bezahlte, also kein Mitglied des Vereins mehr sei.
Schweitzer verließ hierauf das Lokal.

_Lingner beantragte alsdann, einen Beschluß zu fassen, daß Schweitzer
nicht mehr in den Verein aufgenommen werden dürfe, er wolle ihn
ausgeschlossen wissen._

Bei der Abstimmung wurde der Antrag, _daß Schweitzer nicht mehr in den
Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein aufgenommen werden könne, mit 5595
gegen 1177 Stimmen bei 1209 Enthaltungen angenommen._

So endete Schweitzers politische Laufbahn. Er war preisgegeben und
verurteilt selbst von denen, die ihm viele Jahre ein fast unbegrenztes
Vertrauen schenkten oder wie Tölcke seine Helfershelfer waren. Mayer
meint in seinem von mir mehrfach zitierten Buche über Schweitzer, es
wären die literarischen Gefälligkeiten gegen den konservativen
Sozialpolitiker Rudolf Meyer gewesen, die Schweitzers Ausschluß aus dem
Verein herbeigeführt hätten. Das ist ein Irrtum, _so_ empfindlich war
man in jener Zeit im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein nicht. Auch
hätte alsdann _Hasenclever_ ausgeschlossen werden müssen, der, wie
_allbekannt_ war, damals ebenfalls mit Rudolf Meyer im Verkehr stand.
Dieser Verkehr wäre aber auch kein Grund zu einem Ausschluß aus der
Partei gewesen. Haben doch auch Fr. Engels und ich später zu Rudolf
Meyer in persönlichen Beziehungen gestanden, der 1893 in Prag unser
Führer durch die Stadt war. Ich meine, an den gewichtigsten Gründen für
den betreffenden Beschluß gegen Schweitzer mangelte es dem Verein nicht,
man brauchte nicht nach anderen zu suchen.

Mit Schweitzer schied eine Persönlichkeit aus dem politischen Leben,
die, wenn sie zu ihren sonstigen Eigenschaften auch die Eigenschaften
gehabt hätte, _die der Führer einer Arbeiterpartei unbedingt haben muß,_
Selbstlosigkeit, Ehrlichkeit und volle Hingabe an die zu vertretende
Sache, unbestreitbar der erste Führer der Partei bis an sein Lebensende
geblieben wäre, wie ich das schon hervorhob. Man mag diese großen Fehler
seiner Persönlichkeit bedauern, übersehen durfte man sie nicht. Unter
den damaligen Verhältnissen wäre er der gegebene Mann gewesen. Viele
Jahre erbitterter Kämpfe, in denen Zeit, Kraft, Gesundheit und Geld zur
Freude der gemeinsamen Gegner verschwendet und verpufft wurden, was
wieder ungezählte Kräfte abhielt, sich der Bewegung anzuschließen, wären
unmöglich gewesen. Die Saat, die Schweitzer gesät, trug auch weiter ihre
Früchte. Wohl hatte er die Ideen des Sozialismus in seltener Klarheit
und Lebendigkeit den Massen beizubringen verstanden--das war sein
Verdienst, und diese Tätigkeit stand mit der zweideutigen politischen
Rolle, die er spielte, durchaus nicht im Widerspruch--, aber politisch
hatte er Unheil gesät, den Fanatismus großgezogen und durch den Apfel
der Zwietracht eine dauernde Spaltung und damit die Schwächung der
Arbeiterbewegung aufrecht zu erhalten versucht.

Dieses war nach meiner Ueberzeugung seine eigentliche Aufgabe. Die
Richtigkeit derselben wird bestätigt durch die bereits zitierte
Aeußerung Tölckes auf der Berliner Generalversammlung, "daß bei einem
Blick auf die Geschichte des Vereins es in die Augen falle, daß, sobald
derselbe in die Höhe ging, irgend ein Experiment gemacht worden sei, das
ihn wieder herunterbrachte". Dafür liefert die Geschichte des Vereins
zahlreiche Beispiele. Genau so ging es mit den Gewerkschaften. Nachdem
ihre Gründung, weil im Zuge der Zeit liegend, unumgänglich war, mußte
eine möglichst widersinnige Organisation ihre Entwicklung hemmen. Wenn
hier Schweitzer seinen Zweck nicht erreichte, so, weil die Bewegung viel
zu gesund war, um sich in spanische Stiefel schnüren zu lassen, sie
wuchs ihm über den Kopf.

Der eigentliche Zweck seiner Tätigkeit, und in Bismarcks Augen ihr
Hauptzweck, war, _eine der Regierung politisch gefügige Arbeiterbewegung
zu schaffen._ Darum wurde als Grenzlinie für ihre Opposition der
Standpunkt der Fortschrittspartei festgehalten, jener Partei, die nach
Schweitzers Diktum in sozialen Dingen die Partei des Rückschritts war.
Daß Schweitzer nach alledem, was ich hier an Tatsachen zusammengestellt
habe, im Dienste Bismarcks stand, kann nicht dem geringsten Zweifel mehr
unterliegen. Daß man die Summen nicht kennt, die er für seine Rolle
bezog, beweist nichts. Dergleichen wird nicht, wie ich wiederhole, auf
offenem Markte abgemacht, und daß bei einem Manne wie Schweitzer auch
nicht subalterne Beamte damit zu tun hatten, ist sicher. Nach meiner
Ueberzeugung wußte nicht einmal der Berliner Polizeipräsident darüber
Genaueres.

Gegen seine Bestechung spricht auch nicht, daß er beständig und bis an
sein Lebensende sich mit Gläubigern herumschlagen mußte. In der ersten
Zeit des Bismarckschen Preußen waren die Summen nicht allzu hoch, die
man für Dienste zahlte, wie Schweitzer sie leistete. Später stand
    
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