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Aus meinem Leben - Zweiter Teil
Author Language Character Set
August Bebel German ISO-8859-1


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Parlament, die Landtage der Einzelstaaten, die Provinzial- und
Gemeindevertretungen wie alle übrigen Vertretungskörper. Den gewählten
Vertretern sind genügende Diäten zu gewähren.

2. Einführung der direkten Gesetzgebung (das heißt Vorschlags- und
Verwerfungsrecht) durch das Volk.

3. Aufhebung aller Vorrechte des Standes, des Besitzes, der Geburt und
Konfession.

4. Errichtung der Volkswehr an Stelle der stehenden Heere.

5. Trennung der Kirche vom Staat und Trennung der Schule von der
Kirche.

6. Obligatorischer Unterricht in Volksschulen und unentgeltlicher
Unterricht in allen öffentlichen Bildungsanstalten.

7. Unabhängigkeit der Gerichte, Einführung der Geschworenen- und
Fachgewerbegerichte, Einführung des öffentlichen und mündlichen
Gerichtsverfahrens und unentgeltliche Rechtspflege.

8. Abschaffung aller Preß-, Vereins- und Koalitionsgesetze; Einführung
des Normalarbeitstags; Einschränkung der Frauen- und Verbot der
Kinderarbeit.

9. Abschaffung aller indirekten Steuern und Einführung einer einzigen
direkten progressiven Einkommensteuer und Erbschaftssteuer.

10. Staatliche Förderung des Genossenschaftswesens und Staatskredit
für freie Produktivgenossenschaften unter demokratischen Garantien.

IV. Jedes Mitglied der Partei hat einen monatlichen Beitrag von 1
Groschen (3-1/2 Kreuzer süddeutsch, 5 Kreuzer österreichisch, 12
Centimes) für Parteizwecke zu entrichten. Die Parteigenossen, welche
auf das Parteiorgan abonnieren und dies glaubhaft nachweisen, sind
während der Dauer des Abonnements ihrer Beitragspflicht enthoben.
Sache des Ausschusses ist es, einzelnen Orten den Beitrag zu
ermäßigen.

V. Der Beitrag ist monatlich franko an den Parteiausschuß abzuliefern.

VI. Wer drei Monate lang seine Pflichten gegen die Partei nicht
erfüllt, wird als Parteimitglied nicht mehr betrachtet.

VII. Mindestens einmal im Jahre findet ein Parteikongreß statt, auf
dem über alle die Partei berührende Fragen beraten und beschlossen,
der Vorort der Partei sowie der Sitz der Kontrollkommission und der
Ort für den nächsten Parteikongreß bestimmt wird.--Die Entschädigung
für den Ausschuß respektive einzelne seiner Mitglieder setzt der
Kongreß fest.

VIII. Außerordentliche Kongresse finden statt, wenn der Ausschuß oder
die Kontrollkommission mit absoluter Majorität dies beschließt oder
wenn ein Sechstel sämtlicher Parteimitglieder darauf anträgt.

IX. Zu jedem Kongreß ist die vorläufige Tagesordnung mindestens sechs
Wochen vorher durch den Ausschuß im Parteiorgan bekanntzumachen. Die
innerhalb der nächsten zehn Tage nach erfolgter Bekanntmachung von
seiten der Parteigenossen einlaufenden Anträge sind alsdann mindestens
vierzehn Tage vor dem Kongreß als definitive Tagesordnung zu
veröffentlichen. Auf dem Kongreß gestellte selbständige Anträge kommen
nur dann zur Verhandlung, wenn sich mindestens ein Drittel der
Delegierten dafür erklärt.

X. Jeder Delegierte hat eine Stimme. Die Parteimitglieder, welche sich
an einem Orte an den Wahlen der Delegierten beteiligen, dürfen nicht
mehr als fünf stimmberechtigte Abgeordnete zum Kongreß senden.
Parteimitglieder, welche nicht Delegierte sind, haben nur beratende
Stimme.

XI. Spätestens drei Wochen nach dem Kongreß muß das Kongreßprotokoll
allen Mitgliedern zum Kostenpreise zugänglich gemacht werden. Alle
Kongreßbeschlüsse, welche eine Abänderung des Statuts, die Grundsätze
und die politische Stellung der Partei oder die Besteuerung derselben
betreffen, müssen innerhalb sechs Wochen nach dem Kongreß der
Urabstimmung aller Parteimitglieder unterbreitet werden. Einfache
Majorität der Abstimmenden entscheidet. Das Resultat der Abstimmung
wird im Parteiorgan veröffentlicht.

XII. Die Leitung der Parteigeschäfte ist einem Ausschuß von fünf
Personen, als einem Vorsitzenden und dessen Stellvertreter, einem
Schriftführer, einem Kassierer, der eine entsprechende Kaution zu
leisten hat, und einem Beisitzer übertragen. Sämtliche
Ausschußmitglieder müssen an _einem_ Orte oder in dessen einmeiligem
Umkreis wohnhaft sein und werden von den am Vorort der Partei
wohnhaften Parteimitgliedern in besonderen Wahlgängen durch
Stimmzettel mit absoluter Majorität gewählt. Weder ein Mitglied der
Redaktion noch der Expedition des Parteiorgans darf im Ausschuß sein.
Treten im Laufe des Jahres im Ausschuß Vakanzen ein, so hat der
Vorort--mit Ausnahme des in § VII erwähnten Falles--nach demselben
Wahlmodus die Ergänzungswahlen vorzunehmen.

XIII. Der Ausschuß muß innerhalb vierzehn Tagen nach stattgehabtem
Kongreß gewählt sein; bis zu dieser Wahl verbleibt dem bisherigen
Ausschuß, falls der Kongreß nicht anders verfügt, die
Geschäftsführung.

XIV. Der Ausschuß faßt alle Beschlüsse gemeinsam und ist nur dann
beschlußfähig, wenn in einer ordentlich einberufenen Sitzung
wenigstens drei Mitglieder anwesend sind; derselbe gibt sich, soweit
nicht der Kongreß darüber bestimmt, selbst eine Geschäftsordnung.

Der Ausschuß ist dem Parteikongreß für alle seine Handlungen
verantwortlich.

XV. Um Eigenmächtigkeiten des Ausschusses möglichst zu vermeiden,
konstituiert die Partei eine Kontrollkommission von elf Personen, an
die alle von dem Ausschuß unberücksichtigt gelassenen Beschwerden zu
richten sind, und die zugleich die Geschäftsführung des Ausschusses zu
kontrollieren hat.

XVI. Die Kontrollkommission wählen die Parteimitglieder desjenigen
Ortes und seines einmeiligen Umkreises, welcher von dem Parteikongreß
als Sitz der Kontrollkommission bestimmt worden ist. Die Wahl erfolgt
durch Stimmzettel und hat spätestens vierzehn Tage nach dem Kongreß
stattzufinden.

XVII. Die Kontrollkommission ist verpflichtet, die Geschäftsführung,
Akten, Bücher, Kasse usw. des Ausschusses mindestens einmal
vierteljährlich zu prüfen und zu untersuchen, und ist berechtigt,
falls sie begründete Ursache hat und der Ausschuß die Abhilfe der
Unregelmäßigkeiten verweigert, einzelne Mitglieder wie den gesamten
Ausschuß zu suspendieren sowie die nötigen Schritte für provisorische
Weiterführung der Geschäfte zu tun. Es müssen solche Beschlüsse mit
Zweidrittelmajorität der Kontrollkommission gefaßt werden und ist,
wenn mehr als die Hälfte der Ausschußmitglieder suspendiert wird,
innerhalb vier Wochen ein Parteikongreß einzuberufen, der endgültig in
der Sache entscheidet.

XVIII. Die Partei gründet eine Zeitung als Organ unter dem Namen "Der
Volksstaat", Organ der sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Das Organ
erscheint in Leipzig und ist Eigentum der Partei. Personen und Gehalt
des Redaktions- und Expeditionspersonals, des Druckers, Preis des
Blattes wird durch den Ausschuß bestimmt. Streitigkeiten hierüber
entscheidet die Kontrollkommission, in letzter Instanz der
Parteikongreß. Die Haltung des Blattes ist streng dem Parteiprogramm
anzupassen. Einsendungen von Parteigenossen, welche demselben
entsprechen, sind--soweit der Raum des Blattes
ausreicht--unentgeltlich aufzunehmen. Beschwerden über Nichtaufnahme
oder tendenziöse Färbung der Einsendungen sind bei dem Ausschuß, in
zweiter Instanz bei der Kontrollkommission anzubringen, welcher die
endgültige Entscheidung zusteht.

XIX. Die Parteimitglieder verpflichten sich, überall auf Grund des
Parteiprogramms die Gründung sozialdemokratischer Arbeitervereine in
die Hand zu nehmen.

Im Laufe der Verhandlungen teilte ich mit, daß mir aus dem
Revolutionsfonds in Zürich von den Verwaltern desselben, Dr. Ladendorf
und Genossen, 900 Taler zur Agitation bewilligt worden seien. Das sei
die Geldquelle, die Tölcke und Genossen soviel Schmerzen verursachte,
und die sie dem Hitzinger, dem König von Hannover, zuschrieben.

Zum Parteiorgan wurde das "Demokratische Wochenblatt" bestimmt, das
nunmehr vom 1. Oktober ab wöchentlich zweimal unter dem Titel "Der
Volksstaat", Organ der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und der
internationalen Gewerkschaftsgenossenschaften, erschien. Als Sitz des
Ausschusses wurde _Braunschweig-Wolfenbüttel_, als Sitz der
Kontrollkommission _Wien_ gewählt. Man hatte anfangs die Absicht,
Leipzig zum Sitze des Ausschusses zu bestimmen. Ich riet entschieden ab.
Unsere Propaganda im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein sei weit
leichter, wenn ein Ort wie Braunschweig Sitz der Parteileitung werde,
woselbst ausschließlich frühere Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins in Frage kämen. Unser Einfluß in der neuen Partei bleibe
uns gesichert, wir würden uns mit dem Ausschuß zu stellen wissen. So
geschah es. Als nächster Kongreßort wurde Stuttgart bestimmt. Die
Vertretung auf dem Kongreß der Internationale, der Anfang September in
Basel stattfand, wurde Liebknecht übertragen, dem sich später
Spier-Wolfenbüttel als Delegierter des Ausschusses anschloß.

Der glänzende Verlauf des Kongresses hatte im Schweitzerschen Lager
einen sehr unangenehmen Eindruck erzeugt. Nachdem wir die nach Eisenach
entsandten Delegierten Schweitzers von unserem Kongreß ausgeschlossen
hatten, tagten diese im "Schiff", woselbst sie eine Reihe Resolutionen
gegen uns faßten. So lautete eine derselben, die sich gegen Liebknecht
und mich persönlich richtete: "In Erwägung der gehörten Tatsachen
beschließt der Kongreß, daß die Herren Liebknecht und Bebel unwürdig
sind, daß der Kongreß sich weiter mit ihnen befaßt." Tölcke
veröffentlichte im "Sozialdemokrat" vom 15. August einen "Aufruf an die
Parteigenossen", der mit den Worten begann: "Der Kongreß zu Eisenach ist
vorüber. Mit Stolz und mit voller Zuversicht auf die Zukunft der Partei
können wir auf den Verlauf und das Resultat desselben zurückblicken."

*       *       *       *       *

Nach dem Schlusse des Kongresses hielt der Verband der deutschen
Arbeitervereine seinen Vereinstag ab. Zum Vorsitzenden wurde ich,
Bürger-Göppingen zum Stellvertreter, Motteler zum Schriftführer gewählt.
Crimmitschau erhielt den Auftrag, die Geschäftsführung des Vorortes zu
prüfen und im Parteiorgan Bericht zu erstatten. Aus dem von mir
erstatteten Bericht ging hervor, daß infolge der Spaltung in Nürnberg
der Verband auf 72 Vereine gesunken war, daß im Laufe des Jahres weitere
5 ausschieden, aber 42 Vereine sich neu anschlossen, so daß schließlich
zum Verband 109 Vereine mit rund 10000 Mitgliedern gehörten. Die
Einnahmen betrugen 470 Taler, die Ausgaben 457 Taler, der
Revolutionsfonds hatte 934 Taler gesteuert, von denen 800 Taler für
Unterstützung des "Demokratischen Wochenblatts" und für Agitation
ausgegeben worden waren. Alsdann beschloß die Versammlung einstimmig die
Auslösung des Verbandes nach sechsjährigem Bestehen und Anschluß an die
Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Der vorhandene Kassenbestand wurde
der letzteren überwiesen, das vorhandene Inventar (Akten, Briefe,
Protokolle) wurde mir zur Aufbewahrung überlassen. Nach einem warmen
Danke an den Vorortsvorstand für dessen Mühewaltung trennte man sich mit
dem Wunsche auf Wiedersehen in Stuttgart.




Nach Eisenach.


Wie man sich leicht vorstellen kann, entbrannte nunmehr heftiger als je
der Kampf zwischen den beiden sozialistischen Fraktionen. Erklärungen
flogen herüber und hinüber, und die Szenen, die sich in zahlreichen
Versammlungen abspielten, spotteten jeder Beschreibung. Insbesondere
waren es die Gewerkschaften, die unter der gegenseitigen Zerfleischung
schwer litten. So kam zum Beispiel in der Metallarbeiterschaft die Wahl
eines Präsidenten nicht zustande, weil eine vollständige Zersplitterung
der Stimmen eintrat, außerdem wurde die Wahl nur bei 23 Abstimmungen
anerkannt, bei 17 wurde sie verworfen.

Von jetzt ab schlug der "Sozialdemokrat" einen Ton an, wie er bisher nur
selten vorkam, und fälschte Tatsachen und Berichte in einer Weise, daß
die Leser derselben ein vollständig falsches Bild von der Bewegung auf
unserer Seite bekommen mußten.

Am 10. September verließ Schweitzer das Gefängnis. Am 12. September
kündigte er in einem längeren Ausruf eine Rundreise durch Deutschland
an, wobei er hinter verschlossenen Türen vor seinen Anhängern erschien,
"um überall Ordnung und strenges Recht zu schaffen".... "Fürchten werden
meine Gegenwart," hieß es in dem Ausruf, "alle diejenigen, welche sich
einer bösen Absicht oder einer Verletzung der Arbeitersache schuldig
wissen; mit Freuden begrüßen werden mich diejenigen, welche als
Bevollmächtigte, Agitatoren oder in sonstiger Eigenschaft treu zur Fahne
gehalten haben."

Glaubt man nicht einen gewissen Jesu zu hören, der ein Gericht über die
Guten und die Bösen ankündigt, wobei die Böcke von den Schafen gesondert
werden sollen?

Auf dieser Tour beobachtete Schweitzer die alte Taktik, daß überall, wo
er über die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen interpelliert wurde, er
entweder schwieg oder mit spöttischen Bemerkungen darüber hinwegging.

Dem "Volksstaat" gegenüber nahm er dieselbe Taktik ein wie gegenüber dem
"Demokratischen Wochenblatt". Niemals wurde der Name des "Volksstaat"
genannt, und von der Partei sprach er nicht anders als von der
Eisenacher Volkspartei.

In Augsburg, wohin er ebenfalls auf seiner Rundreise kam, verlangte er
von den dortigen Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
das Eingehen des von ihnen gegründeten Wochenblatts "Der Proletarier".
Als diese sich weigerten, seinem Verlangen nachzukommen, drohte er, daß
er alles aufbieten werde, das Blatt zugrunde zu richten, sollte darüber
die Bewegung in Bayern um fünf Jahre zurückgeworfen werden. Ein kleines
Blättchen, "Der Agitator", den Schweitzer dann zu Neujahr 1871 ins Leben
rief, das vierteljährlich nur 15 Pfennig kostete, sollte in erster Linie
bestimmt sein, massenhaft in Bayern verbreitet zu werden, um dort die
obstinaten Elemente im Zaume zu halten.

Von seiner Rundreise zurückgekehrt, erklärte er, "daß die Partei niemals
stärker, niemals einiger und zahlreicher gewesen sei als in diesem
Augenblick". Die Unwahrheit dieser Behauptung wurde dadurch bewiesen,
daß zwischen ihm und Mende-Hatzfeldt von neuem der Zank ausbrach. Mende
berief eine Generalversammlung nach Halle, die sich gegen Schweitzer
erklärte, und veröffentlichte eine Broschüre, in der er Schweitzer aller
möglichen Schandtaten zieh. Daß es so kommen würde, war vorauszusehen.
Während aber Schweitzer ankündigte, daß mit dem 1. Januar 1870 der
"Sozialdemokrat" in vergrößertem Format erscheinen werde--es waren die
Anstrengungen eines Schwindsüchtigen, der sich den Anschein von Kraft
gibt--, mußte Mende ankündigen, daß, falls nicht bis zum 15. Januar für
sein Organ, die "Freie Zeitung", 1000 neue Abonnenten herbeigeschafft
würden, er dasselbe werde eingehen lassen. Die größere Macht war also
auf Schweitzers Seite. Die Generalversammlung seines Vereins berief
Schweitzer auf den 5. Januar 1870 und die folgenden Tage nach Berlin.

Vorher, am 7. November, war es in Berlin zu einer großen
Auseinandersetzung zwischen der Fortschrittspartei und den Lassalleanern
gekommen. Der Abgeordnete Professor Virchow hatte im preußischen
Abgeordnetenhaus einen Abrüstungsantrag gestellt, der nachher von der
Mehrheit des Abgeordnetenhauses verworfen worden war. Die
Fortschrittspartei wollte diesen Antrag durch das moralische Gewicht
einer Volksversammlung unterstützen lassen, die auf den erwähnten Tag
einberufen worden war. Eine Verhandlung wurde aber unmöglich gemacht
durch die Lassalleaner, die massenhaft erschienen waren und den Vorsitz
in der Versammlung beanspruchten. Als nun ein großer Tumult ausbrach,
schloß der Abgeordnete Löwe-Galbe die Versammlung. Darauf eröffnete
Tölcke sofort dieselbe aufs neue. Er hatte in der Voraussicht, daß die
fortschrittliche Versammlung gesprengt werde, eine zweite Versammlung in
dasselbe Lokal polizeilich angemeldet, und die Polizei hatte diese
gleichzeitige doppelte Anmeldung zu einer Versammlung in ein und
dasselbe Lokal angenommen. Wider alle bisherige Gepflogenheit waren auch
die Versammlungen polizeilich nicht überwacht. Tölcke präsidierte,
Schweitzer sprach. In der vorgeschlagenen Resolution war kein Wort gegen
die Regierung enthalten, dagegen wurde die Fortschrittspartei als
Gegnerin des allgemeinen, gleichen Wahlrechts und Gegnerin des
Normalarbeitstags verurteilt und die Abschaffung der stehenden Heere und
die Einführung der Volkswehr, gegründet auf militärische
Jugenderziehung, verlangt.

Schweitzer suchte also wieder einmal den Standpunkt vergessen zu machen,
den er in Militärfragen vorher wiederholt eingenommen hatte.

Nebenbei bemerkt: In der sächsischen Zweiten Kammer wurde um jene Zeit
ein Abrüstungsantrag mit 55 gegen 21 Stimmen angenommen.

Auf dem am 9. September begonnenen _Internationalen Arbeiterkongreß in
Basel_ bildete den Hauptpunkt der Verhandlungen die Haltung der
Sozialisten zur Grund- und Bodenfrage. Die Debatte hierüber füllte
mehrere Sitzungen. Schließlich stimmten von 75 Delegierten 54, darunter
Liebknecht und Spier, für folgende Resolution:

"Der Kongreß erklärt, daß die Gesellschaft das Recht hat, das
individuelle Eigentum an Grund und Boden abzuschaffen und _den Grund
und Boden in Gemeineigentum zu verwandeln_."

Ebenso stimmten die beiden dem zweiten Teil der Resolution zu, der
lautete:

"Der Kongreß erklärt auch, daß es _notwendig_ ist, den Grund und Boden
zum Kollektiveigentum zu machen."

Diese Beschlüsse riefen in Deutschland großes Aufsehen hervor,
insbesondere fiel die volksparteilich-demokratische Presse über diese
Beschlüsse her, die sie als eine Ungeheuerlichkeit bezeichnete. Statt
daß nun Liebknecht den Beschluß des Kongresses gegen die Angriffe
verteidigte, erklärte er in der letzten Nummer des "Demokratischen
Wochenblatts", die erschien:

"Man hat gefragt: Welche Stellung nimmt die Sozialdemokratische
Arbeiterpartei zu dem Beschluß über das Grundeigentum?

Antwort: Gar keine! Jedes einzelne Parteimitglied kann und soll
Stellung nehmen, der Partei als solcher steht das nicht zu, weil sie
nach keiner Seite an den Beschluß gebunden ist--ebensowenig _wie die
Internationale Arbeiterassoziation selbst_."

Dieses salomonische Urteil wurde in der Partei mit sehr gemischten
Gefühlen aufgenommen. Es brachte der Partei keine Verbesserung, sondern
eine Verschlimmerung ihrer Lage, denn nunmehr nutzte Schweitzer die
Situation aus, indem er triumphierend auf die Halbheit der Eisenacher
hinwies, die in einer Haupt- und Kardinalfrage des Sozialismus versagten
und von Rücksichten auf die Bourgeois in ihren Reihen sich bestimmen
ließen; das sei der beste Beweis, daß wir keine sozialdemokratische
Partei seien. Unsere Stellung als Partei zu dem Baseler Beschluß wurde
nicht klarer, als es in Nr. 4 des mittlerweile erschienenen
"_Volksstaat_" auf einmal hieß: "Ueber die Zweckmäßigkeit oder
Unzweckmäßigkeit des Baseler Beschlusses, betreffend das Grundeigentum,
mögen innerhalb unserer Partei verschiedene Meinungen obwalten. _Nachdem
er aber einmal gefaßt ist, kann die Partei als solche ihn nicht
verleugnen, ohne ihre Grundprinzipien zu verleugnen._" Diese Erklärung
war korrekter als die erste, sie stand aber im _Widerspruch_ zu jener.
Es war deshalb notwendig, daß die Partei klare Stellung nahm, und so
schlug ich vor, die Frage auf dem nächstjährigen Parteikongreß zu
erörtern, ein Vorschlag, dem auch der Ausschuß zustimmte. Und da ich für
Anfang November eine große Agitationsreise nach Süddeutschland geplant
hatte, nahm ich mir vor, den Baseler Beschluß zu verteidigen, wo die
Gelegenheit dieses notwendig mache. Ich trat meine Reise am 8. November
an und beendete sie am 28. Ich hielt in dieser Zeit achtzehn
Volksversammlungen und an zwei Orten, Erlangen und München, private
Besprechungen ab. Ich besuchte nacheinander: Koburg, Bamberg, Nürnberg,
Fürth, Erlangen, Regensburg, München, Augsburg, Ravensburg, Tuttlingen,
Reutlingen, Metzingen, Stuttgart, Eßlingen, Göppingen, Aalen,
Heidenheim, Giengen, Schwäbisch Hall und Heilbronn. Opposition fand ich
in nur vier Versammlungen. Der Erfolg war in allen Versammlungen ein
sehr zufriedenstellender.

In Stuttgart, woselbst in der Versammlung der ganze Stab der Volkspartei
und der Herausgeber der "Demokratischen Korrespondenz", Julius Freese,
anwesend waren, kam es zwischen mir und dem Mitglied der Volkspartei
Hausmeister zu prinzipiellen Auseinandersetzungen, bei denen
selbstverständlich mein Gegner den kürzeren zog. Den Abend vorher hatte
ich in einer geselligen Zusammenkunft, bei welcher der damalige Führer
der Volkspartei, Karl Maier, mich fragte, wie die Partei zu dem Baseler
Beschluß stehe, erklärt: Die Partei werde auf dem nächsten Kongreß in
Stuttgart Stellung nehmen und zweifellos sich im Sinne der Baseler
Beschlüsse aussprechen. Tröstend hatte ich hinzugesetzt: Aber man
brauche deshalb nicht aus der Haut zu fahren, denn die Ausführung des
Beschlusses sei doch erst möglich, wenn die öffentliche Meinung dafür
gewonnen sei. Mit dieser Verzuckerung schluckte man die Pille. In der
Versammlung am nächsten Tage trat mir auch der Lassalleaner Leickhardt
entgegen, der mich wegen unserer Stellung zu Schweitzer interpellierte,
worauf ich gründlich antwortete. Alles in allem hatte ich an drei
Stunden sprechen müssen.

Freese und einem größeren Teil der Volkspartei waren aber meine
Auseinandersetzungen in die Glieder gefahren, und so sah Freese sich
veranlaßt, in vier Artikeln in der "Demokratischen Korrespondenz" gegen
mich zu polemisieren. Ich beantwortete dieselben durch eine Reihe
Artikel im "Volksstaat", die zusammengestellt als Broschüre unter dem
Titel "Unsere Ziele" bis heute erschienen sind. In diesen Aufsätzen
verteidigte ich natürlich auch den Baseler Beschluß. Freese, dem, wie
wohl allen Schwelgern (Sybariten), es keine allzu großen
Gewissensskrupel bereitete, seine Grundsätze zu opfern, sobald er seine
lebemännischen Bedürfnisse durch die Vertretung seiner Grundsätze nicht
mehr befriedigen konnte, ging später in die Dienste des österreichischen
Reichskanzlers, des Herrn v. Beust.

Nach meiner Rückkehr aus Süddeutschland trat ich meine mittlerweile
rechtskräftig gewordene dreiwöchige Gefängnisstrafe an, die, wie schon
erwähnt, Liebknecht und mir wegen Verbreitung staatsgefährlicher Lehren
aus Anlaß der Adresse "An das spanische Volk" zuerkannt worden war.

*       *       *       *       *

Wir mußten nunmehr dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gegenüber
große Anstrengungen machen, um neue Mitglieder zu gewinnen. Was immer an
Kräften und Mitteln aufgebracht werden konnte, wurde für diesen Zweck
benützt. In erster Linie kam hier York als Agitator in Frage. Der Erfolg
seiner Reisen war nicht immer ein zufriedenstellender. So klagte er mir
Ende 1869 über die Erfolglosigkeit einer Agitationsreise, die er nach
dem Rheinland unternommen hatte. Er war darüber in recht pessimistischer
Stimmung. Agitator zu sein, schrieb er mir, sei eine traurige Existenz,
was um so richtiger war, als die finanzielle Entschädigung, die der
Agitator zu jener Zeit erhielt, eine geradezu erbärmliche genannt
werden mußte. Er denke wieder daran, als Arbeiter bei einem Meister
Stellung zu nehmen. York war Tischler. Hätte er keine Familie, läge die
Sache anders, allein könnte er sich durchschlagen. Indes war sein
Opfermut und seine Hingabe an die Sache doch zu groß, als daß er die
Drohung ausgeführt hätte.

Liebknecht und ich benutzten unsere Anwesenheit während des Reichstags
in Berlin, um dort immer mehr Anhänger zu gewinnen. Wir sprachen
namentlich öfter in einer Reihe Branchenversammlungen mit bestem Erfolg.

Eine beständige Klage des Braunschweiger Ausschusses war der schlechte
Eingang der Mitgliederbeiträge. Diese Klage war vollauf berechtigt. An
eine regelmäßige monatliche Zahlung an den Ausschuß nach Braunschweig
gewöhnten sich namentlich schwer die ehemaligen Mitglieder des
Arbeitervereinsverbandes, die das Hauptgewicht auf die Verwendung ihrer
Mittel für die lokalen Bedürfnisse zu legen gewohnt waren.

Zwischen dem Ausschuß in Braunschweig und uns in Leipzig entwickelte
sich ein außerordentlich lebhafter Briefverkehr, in den auch August Geib
in Hamburg, der dort als Buchhändler etabliert war, hereingezogen wurde,
als die Kontrollkommission durch Beschluß des Stuttgarter Kongresses von
Wien nach Hamburg verlegt worden war. Lebhafte Beschwerde führten Bracke
und der Ausschuß über die Redaktion des "Volksstaat", die zu viel
Politik und zu wenig Sozialismus bringe. Eine Beschwerde, die vielfach
in der Partei laut wurde.

Sehr aufgebracht war ich darüber, daß wir in der Person Rüdts, der seine
Universitätsstudien unterbrochen hatte und in die Partei als Agitator
eingetreten war, durch den Beschluß des Eisenacher Kongresses einen
Redakteur erhalten hatten, der seine Pflichten stark vernachlässigte,
aber mit dem Honorar, das freilich nicht hoch war, beständig im Vorschuß
sich befand. Das ging gegen meine Auffassung von Leistung und
Gegenleistung. Ich habe es allezeit, und zwar bis auf den heutigen Tag,
als schlimmste Schädigung der Partei und als eine unverzeihliche
Gewissenlosigkeit angesehen, die in einer Arbeiterpartei doppelt gerügt
werden müsse, wenn Personen ein Amt übernehmen, aber vergessen, die
damit übernommenen Pflichten gewissenhaft zu erfüllen, das Gehalt
einstreichen, aber nicht entsprechend dafür leisten. Ein Sozialdemokrat,
der eine Brotstellung in der Partei annimmt, hat damit nach meiner
Auffassung eine Art Ideal erreicht. Er kann nach seiner Ueberzeugung
tätig sein, er hat Maßregelung nicht zu fürchten und findet die volle
Anerkennung seiner Parteigenossen, wenn er seine Schuldigkeit tut.

Als ich eines Tages mich bei Bracke bitter über Rüdt beschwerte--der
betreffende Brief spielte nachher im Leipziger Hochverratsprozeß eine
Rolle und ist im Bericht darüber abgedruckt--, antwortete mir Bracke
unter dem 17. Oktober:

"Rüdt ist nicht schlecht, wenigstens glaube ich es nicht. Ich habe
einen intimen Freund, der ebenso ist wie Rüdt, und er ist ein braver
Kerl. Diese Art Menschen sind das Gegenteil eines Philisters, aber in
ihrer Einseitigkeit verfahren sie sich oft, bis sie durch längere,
meist bittere Erfahrungen klug werden. Je weniger ich selbst solchem
Charakter ähnele (ich komme mir oft selbst wie ein Philister vor, wenn
ich meinen 'Lebenswandel' betrachte), um so mehr liebe ich diesen
Charakter bei anderen. Ich will allerdings gestehen, daß ich Rüdt zu
wenig kenne, um behaupten zu können, er sei so wie mein Freund. Aber
ich vermute es. Hast Du die Biographie von Lessing gelesen? Was war
der eine längere Zeit leichtsinnig! Ich habe oft Sehnsucht, auch
einmal leichtsinnig zu sein, aber werde es wohl schwerlich werden. Die
Verhältnisse fesseln mich an mein arbeitsames, ernstes, ja
philiströses Dasein! Von Natur heiteren Temperamentes, bin ich es in
Wirklichkeit so selten."

Ich weiß heute nicht mehr, was ich Bracke auf diesen Brief antwortete,
aber eine Zustimmung zu seinem Urteil über Rüdt war die Antwort sicher
nicht.

Bracke, der einer wohlhabenden Familie angehörte und aus dem höchsten
Idealismus sich der Partei der Enterbten angeschlossen hatte, war damals
in großen Nöten. Er hatte sich durch Fritzsche bestimmen lassen, für die
Produktivgenossenschaft der Tabak- und Zigarrenarbeiter Bürgschaften zu
übernehmen, und kam nach dem Konkurs der Genossenschaft in die höchst
fatale Lage, sehr erhebliche Summen bezahlen zu müssen. Bracke klagte
mir in zahlreichen Briefen sein Leid, wie wir denn beide kurz nach
unserer Bekanntschaft uns eng aneinandergeschlossen und keine
Geheimnisse voreinander hatten. Der Aermste hat viele Jahre zu kämpfen
gehabt, um aus den Verlegenheiten herauszukommen, in die er sich durch
seine Gutherzigkeit und Opferwilligkeit gestürzt hatte. Als ihn der Tod
ereilte--er starb allzu jung im Jahre 1879, kaum 38 Jahre alt--, wurde
sein Verlust in der ganzen Partei als ein unersetzlicher angesehen.

Im Oktober 1869 war Karl Marx mehrere Wochen bei seinem Freunde Dr.
Kugelmann in Hannover auf Besuch. Bracke und Bonhorst, der Sekretär des
Ausschusses, fuhren hinüber nach Hannover, um Marx kennen zu lernen und
zu begrüßen. Bracke war von der Begegnung mit Marx aufs höchste
entzückt; er sei, schrieb er mir, "ein lieber Mensch", sie hätten sich
beide sehr gut verständigt. Ich lernte Marx und zugleich auch Engels
persönlich erst 1880 in London kennen anläßlich eines "Kanossaganges",
den ich mit Bernstein unternahm. Darüber später.

Im Dezember 1869 spielte uns die österreichische Regierung einen
unangenehmen Streich; sie entzog dem "Volksstaat" den Postdebit. Der
"Volksstaat" stand damals so, daß er keinen Abonnenten entbehren konnte.
Der Akt war aber der beste Beweis, was es mit der Verleumdung des
"Sozialdemokrat" auf sich hatte, Liebknecht stehe im Dienste der
österreichischen Regierung.

*       *       *       *       *

Gegen Ende des Jahres brach in Waldenburg in Schlesien ein großer
Bergarbeiterstreik aus, der größte Streik, den Deutschland bis dahin
gesehen hatte. Das Bemerkenswerteste an diesem war, daß er in einem
Gebiet und unter Arbeitern ausbrach, die, soweit sie organisiert waren,
den Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinen angehörten, und zwar verlangten
die Bergherren den Austritt der Arbeiter aus dem Gewerkverein. Die Lehre
der Hirsch-Duncker von der Harmonie der Interessen zwischen Kapital und
Arbeit erhielt damit einen argen Stoß. Beide sozialdemokratische
Fraktionen traten energisch für die Bergarbeiter ein und unterstützten
sie. Ich wollte in Leipzig ein Plakat anschlagen lassen, in dem ich zu
Sammlungen für die Streikenden aufforderte, aber die Polizei verbot den
Anschlag des Plakats und die Sammlung, die die Genehmigung der Polizei
erfordere, weil auf Grund der Armenordnung von 1842 Sammlungen für
"Notleidende" dieser Genehmigung bedürften. Ich appellierte wegen dieser
sonderbaren Auslegung der Armenordnung bis an das Ministerium, aber Herr
v. Nostitz-Wallwitz, der damals bereits Minister des Innern war,
billigte die Entscheidung der Leipziger Polizei.

Mangels genügender Mittel ging der Waldenburger Streik verloren.

*       *       *       *       *

Im Frühjahr 1870 fiel mir eine Aufgabe zu, die zu erfüllen Pflicht eines
Fortschrittsmannes oder bürgerlichen Demokraten gewesen wäre. In Leipzig
starb Rechtsanwalt Tzschirner, der während des Dresdener Maiaufstandes
1849 mit Heubner und Tod Mitglied der provisorischen Regierung gewesen
war. Nach Niederwerfung des Aufstandes floh Tzschirner nach der Schweiz,
kehrte aber infolge der sächsischen Amnestie von 1865 als gebrochener
Mann nach Leipzig zurück. Er mußte unterstützt werden, und ich selbst
veranlagte eine Sammlung zu seinen Gunsten, deren Ertrag ich an
Tzschirners Parteigenossen Rechtsanwalt Schaffrat in Dresden gelangen
ließ.

Als nun Tzschirner im Frühjahr 1870 in Leipzig starb, war kein einziger
seiner alten Parteigenossen, auch Schaffrat nicht, bereit, dem Manne die
Grabrede zu halten; man schämte oder scheute sich offenbar, öffentlich
als ehemaliger Parteigenosse des Revolutionärs zu erscheinen. So mußte
ich die Rede übernehmen, obgleich ich den Mann persönlich nicht gekannt
hatte und von seiner Tätigkeit nur vom Hörensagen wußte. Die deutsche
Demokratie hat frühzeitig aufgehört, Mannesmut zu zeigen.

*       *       *       *       *

Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins für
1870 begann am 5. Januar. Schweitzer war nicht in rosiger Stimmung.
Nachdem man ihn darüber interpelliert, ob er seinerzeit einen geheimen
Vertrag mit Mende bei der sogenannten Vereinigung abgeschlossen habe,
was er bestritt, stellte man ihn wegen der Kassenführung zur Rede. Er
habe Gelder des Vereins für den "Sozialdemokrat" verwendet, wozu er kein
Recht habe, da das Blatt sein Privateigentum sei. Es wurde sogar ein
Beschluß herbeigeführt, wodurch ihm dieses ausdrücklich verboten wurde.
Schweitzer war durch diesen Beschluß und die an der Redaktion des
"Sozialdemokrat" geübte Kritik sehr aufgebracht. Er antwortete: Was das
Vertrauen anlange, _so müsse er nach den in der Generalversammlung
gefallenen Aeußerungen annehmen, daß er das Vertrauen der
Generalversammlung nicht besitze_; jedenfalls habe er großenteils das
Vertrauen auf die Delegierten verloren.... Man scheine nicht zu wissen,
was der "Sozialdemokrat" sei. _Nicht die Partei habe den
"Sozialdemokrat" gemacht, sondern der "Sozialdemokrat" die Partei._...
Zu verlangen, daß ein Redakteur für den Inhalt des Blattes eintreten
müsse, sei leicht, wenn man selbst den Rücken frei habe und nicht einmal
die Strafgelder bewilligte. Er habe es satt, sich in dieser Weise erst
mit den Vereinsgegnern und dann mit den Vereinsmitgliedern
herumzuärgern. Gegenüber dem Verlangen, daß in Geldangelegenheiten der
Vorstand beschließen solle und nicht wie bisher der Präsident, erklärte
er, dann sei es gleich besser, einen Ausschuß zu wählen, aber keinen
Präsidenten. Die Generalversammlung nahm alsdann eine genaue Prüfung der
Kassenausgaben vor. Ein Antrag: Die Generalversammlung erklärt sich mit
der diesjährigen Kassenabrechnung vollständig zufrieden und weist alle
Angriffe der Gegner unserer Partei als ungerechtfertigt zurück und
spricht den Wunsch aus, daß die Kassenangelegenheit für alle Zeiten so
bleiben möge, wurde mit 5097 gegen 3409 Stimmen angenommen.

Eine Aeußerung Schweitzers, daß es die Aristokratie des Vereins sei, die
Agitatoren und Delegierten, von denen immer die Wirren im Verein
ausgingen, führte zu gereizten Auseinandersetzungen. Ein Antrag
Richter-Wandsbeck, dem Präsidenten die _Mißbilligung_ auszusprechen,
weil er auf Antrag von Hamburger Mitgliedern wider alles Recht die
Mitglieder, die gleichzeitig dem Allgemeinen Tabak- und
Zigarrenarbeiterverein angehörten, bis zur Berliner Generalversammlung
ihrer Mitgliedsrechte für verlustig erklärt hatte, wurde mit 24 gegen 12
Stimmen bei zwei Enthaltungen abgelehnt. Diese Vorgänge ließen es
Schweitzer wieder einmal geraten erscheinen, den radikalen Demokraten
hervorzukehren. Am 9. Januar fand eine von 2000 Personen besuchte
öffentliche Sitzung statt, in der das Thema "Der Militarismus" auf der
Tagesordnung stand. Hatte Schweitzer am 17. Oktober 1867 im deutschen
Reichstag sich für die Militärgesetzvorlage einschreiben lassen und
hatte er damals in seiner Rede ausgeführt, daß es ihm fernliege, jene
Eigenschaften an Preußen leugnen und bemäkeln zu wollen, welche im
vorigen Jahre eine feindliche Welt bewundernd anerkennen mußte, so ließ
er jetzt folgende Resolution zur Annahme vorschlagen:

"Die Generalversammlung erklärt: Die stehenden Heere sind die
Hauptstützen der heutigen reaktionären Regierungen und zugleich der
gesellschaftlichen Ausbeutung; das demokratische Prinzip verlangt, daß
überall an Stelle der stehenden Heere die allgemeine Volksbewaffnung
trete."

Also ganz wie in unserem ehemaligen Chemnitzer und jetzt im Eisenacher
Programm. Nach längerer Debatte, an der Schweitzer sich nicht
beteiligte, wurde die Resolution einstimmig angenommen. Im weiteren
erklärte sich die Generalversammlung für den Uebergang des Grund und
Bodens in Gemeineigentum der Gesellschaft. Mit einer sehr radikalen Rede
schloß Schweitzer diese Sitzung.

Im weiteren Verlauf der Verhandlungen wurde ein Antrag, den
"Sozialdemokrat" als Parteieigentum zu erwerben, mit 6492 gegen 2585
Stimmen abgelehnt. Schweitzer hatte im Laufe der Debatte geäußert: Der
"Sozialdemokrat" habe während der sieben Jahre seines Bestehens enorme
Summen verschlungen _und erfordere auch jetzt noch Opfer_. Woher diese
enormen Summen kamen, erfuhr man nicht. Er sei bereit, das
Eigentumsrecht abzutreten, wenn die Partei einen geringen Teil der auf
das Blatt verwendeten Summen zurückzahle. Ein Redner äußerte die
Besorgnis, Schweitzer werde ein neues Blatt gründen, falls es zu
Differenzen komme. Die Mehrheit sah nach dieser Erklärung die Uebernahme
des Blattes als ein Danaergeschenk an. Schweitzer teilte weiter mit, daß
vom 1. Januar ab Hasenclever neben Hasselmann in die Redaktion
eingetreten sei. Eine ganze Reihe Mitgliedschaften beantragte
ausführliche und _wahrheitsgemäße_ Abfassung der Protokolle der
Generalversammlungen.

Eine längere und heftige Debatte entspann sich über verschiedene
Anträge; zum Beispiel der Präsident solle, wie es im Statut stehe, durch
die Generalversammlung gewählt werden, wohingegen namentlich Schweitzer
mit aller Entschiedenheit für die Wahl durch "das Volk" eintrat, das er
durch sein Blatt in der Hand hatte. Er drang mit seiner Ansicht durch.
Das mehrfache Verlangen, die Redaktion durch eine Beschwerdekommission
zu kontrollieren, wurde durch den Beschluß erledigt, daß alle
Beschwerden über die Redaktion des Vereinsorgans an den Präsidenten zu
richten seien. Die oberste Kontrolle über die Wirksamkeit der Redaktion
und die des Präsidenten in seiner Eigenschaft als Kontrolleur habe der
Vorstand zu vollführen und könne derselbe etwa nötige Anordnungen
treffen. In der betreffenden Debatte äußerte Pfannkuch, daß durch die
bisherige Handhabung der Redaktion viele brave Mitglieder aus dem Verein
hinausgestoßen worden seien.

Bei der Wahl zum Präsidenten, die am 12. Februar stattfand, wurde
Schweitzer wieder mit 4744 gegen 249 Stimmen gewählt, eine Stimmenzahl,
die man auch nicht als besonderes Vertrauensvotum gegenüber den 9000
Mitgliedern, die auf der Berliner Generalversammlung vertreten waren,
ansehen kann.

*       *       *       *       *

Zu den drei vorhandenen sozialdemokratischen Organisationen trat Anfang
1870 eine vierte, die allerdings nur unbedeutend war und eine kurze
Lebensdauer hatte. Die hartnäckige Gegnerschaft, die Schweitzer dem in
Augsburg erscheinenden "Proletarier" und seinen Hintermännern erwies,
erregte diese aufs äußerste. Und als nunmehr auch die Berliner
Generalversammlung sich gegen die Bayern erklärte, beschlossen diese
den Austritt aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und beriefen
auf Ende Januar einen sozialdemokratischen Kongreß nach Augsburg. An der
Spitze dieser Separatbildung standen Franz, Neff und Tauscher; alle drei
Schriftsetzer. Franz hat später eine vorzügliche Broschüre geschrieben:
"Herr Böhmert und seine Fälschungen der Wissenschaft. Von einem
Arbeiter. 1873." Franz starb vor wenig Jahren in Amerika. Neff starb
weit früher, Tauscher lebt noch heute als Parteigenosse in Stuttgart.
Von seiten des Braunschweiger Ausschusses wurde ich nach Augsburg
delegiert, um den Anschluß der bayerischen Genossen an unsere Partei
herbeizuführen und die Gründung einer vierten Fraktion zu verhüten. Auf
dem Kongreß waren nur neun Delegierte anwesend. Der Standpunkt, den ich
vertrat, war folgender:

Die Bildung einer neuen Fraktion werde nur den Gegnern der
Arbeitersache nützen. Dieselben würden aufs neue über diese Spaltung
jubeln und darauf hinweisen, daß die Arbeiter zur Leitung ihrer
Angelegenheiten unfähig, als Partei ungefährlich seien, da sie trotz
aller prinzipiellen Uebereinstimmung sich nicht einigen könnten,
sondern rein formeller und persönlicher Bedenken wegen sich
gegenseitig zerfleischten. Ein weiterer zwingender Grund für die
Einigung sei die Verhütung der Zersplitterung der geistigen und
materiellen Kräfte der Arbeiter. An beiden litten die Arbeiter keinen
Ueberfluß. Je mehr Fraktionen, je mehr Verwaltungen müßten geschaffen
werden. Diese kosteten Geld, und so würden die sauer erworbenen
Groschen der Arbeiter allein durch diesen Verwaltungsapparat
aufgezehrt. Statt die Gelder zur Bekämpfung der Bourgeoisie und der
Reaktion zu verwenden, bekämpfe man sich gegenseitig, die nicht im
Ueberfluß vorhandenen geistigen Kräfte würden in diesem selben Kampfe
verbraucht und aufgerieben, ohne Nutzen für die Gesamtheit. Wohl sei
mir bewußt, daß man hauptsächlich zwei Bedenken gegen die
Verschmelzung habe. Das eine sei unser angebliches Bündnis, wohl gar
Verquickung mit der Volkspartei, das andere unsere Organisation, die
man als eine zu wenig einheitliche ansehe. Beide Einwände beruhten auf
Vorurteilen, durch diejenigen geschickt verbreitet und in die Massen
eingepflanzt, welche aus einer Berührung der Arbeiter mit dem
demokratischen Bürgertum für ihre eigene Stellung fürchteten
(Schweitzer, Mende) und unter der Firma: "Kampf gegen die radikale
Bourgeoisie", ihr Einverständnis mit der Reaktion verbergen wollten.
Volkspartei und sozialdemokratische Arbeiterpartei seien zwei
vollständig getrennte Parteien, jede habe ihr eigenes Programm und
ihre eigene Organisation. Was das Programm unserer Partei betreffe, so
brauchte ich es nicht weiter zu entwickeln, da man es ja nahezu
wörtlich auch diesem Kongreß zugrunde gelegt, unser Programm gehe aber
in seinem ersten Teile noch weiter, indem es das internationale
Programm in schärfster Fassung enthalte und klar und scharf seine
Stellung auch zum bestehenden Staate formuliere. Die "Volkspartei" sei
insofern mit uns einverstanden, als sie unsere politischen Forderungen
    
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