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Aus meinem Leben - Zweiter Teil
Author Language Character Set
August Bebel German ISO-8859-1


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Spier-Wolfenbüttel, York-Harburg, Liebknecht und ich--in einem Gasthaus
dritter Güte in Magdeburg. Die Verhandlungen zogen sich in die Länge.
Bracke und Bremer waren für sofortiges Losschlagen gegen Schweitzer und
Austritt aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein. Spier und York
hatten große Bedenken. Man müsse versuchen, den Verein von "innen
heraus" zu reformieren, meinten sie; worauf wir antworteten, daß gerade
die Vorgänge von Barmen-Elberfeld zeigten, wie es mit einer Reformierung
von innen heraus aussehe. Solange Schweitzer Präsident sei und den
"Sozialdemokrat" in der Hand habe, sei es unmöglich. Schließlich wurden
wir einig. Es war Mitternacht, als der prächtige Bracke sich über das in
der Wirtsstube stehende Billard streckte, um auf demselben den Aufruf
niederzuschreiben, für den alsdann Unterschriften für die Einberufung
eines Kongresses gesammelt werden sollten. Nachdem wir den Aufruf
nochmals gründlich durchberaten, gingen wir gegen 3 Uhr zu Bette. Aber,
o weh! Wir waren in ein Wanzennest geraten. Keiner von uns konnte
schlafen. Bereits um 4 Uhr erhoben wir uns und fuhren mit den ersten
Frühzügen nach unseren Heimatorten zurück. Beschlossen war worden, einen
Kongreß nach einer mitteldeutschen Stadt--Gotha oder Eisenach--zu
berufen und zur Beschickung desselben auch die deutsch-österreichischen
und die deutschen Arbeitervereine der Schweiz einzuladen, ebenso die
deutsche Abteilung der Internationale um eine Vertretung zu ersuchen.

Wegen seiner historischen Bedeutung bringe ich den Aufruf von Bracke
und Genossen wörtlich zum Abdruck:

_An die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins._

Parteigenossen! Unter einer Menge von heuchlerischen Redensarten hat
der Präsident unseres Vereins eine Maßregel getroffen, welche jedes
denkende Mitglied mit Entrüstung erfüllen muß. In derjenigen Eile,
welche diese Vorgänge geboten--weshalb denn auch niemand sich über
Zurücksetzung beklagen wolle--, sind die Unterzeichneten
zusammengetreten und haben sich über einen Schritt geeinigt, der von
den weittragendsten Folgen für die Partei sein wird. Wir bitten Euch,
Parteigenossen, aufmerksam und vorurteilsfrei unsere Meinung zu
prüfen.

Während noch vor kurzem die Herren Schweitzer und Mende, die sich in
der heftigsten Weise gegenseitig beschuldigten, Söldlinge der Reaktion
zu sein, von einer Verschmelzung der verschiedenen Fraktionen der
Arbeiterpartei nichts wissen wollten, treten sie plötzlich heute (im
Einverständnis mit der Gräfin Hatzfeldt) mit rührenden Worten vor die
Mitglieder ihrer Vereine, um dieselben aufzufordern, eine Einheit
lediglich dieser beiden Fraktionen der Partei herbeizuführen--wobei
denn von der Einigung der gesamten sozialdemokratischen Partei keine
Rede ist--, und dies alles unter Bedingungen, welche ein Hohn sind auf
die Rechte des sogenannten "souveränen Volkes". Nicht allein ist die
Frist der Abstimmung so kurz, daß es unmöglich erscheinen muß, daß die
Mitglieder sich über die Frage wirklich ein Urteil bilden können, so
daß alles wie die reinste Ueberrumpelung erscheint; nicht allein ist
die Form der Abstimmung, bei der man den Mitgliedern einfach die
Pistole auf die Brust setzt mit der Aufforderung, ja oder nein zu
sagen, also entweder sich in die schmachvollsten Bedingungen zu fügen
oder auf die sehnlichst gewünschte, wenn auch nur stückweise Einigung
zu verzichten; nicht allein ist diese Form der Abstimmung eine
demokratisch gesinnter Männer unwürdige, sondern es ist auch der
Präsident so eigenmächtig bei dem allen vorgegangen, wie es fast ohne
Beispiel ist. Nie ist über amerikanische Sklaven in willkürlicherer
Weise verfügt worden, als hier über die Mitglieder des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins. Wozu auch vorher, ehe man solche im
höchsten Grade wichtige Schritte tut, die Mitglieder oder den Vorstand
um ihre Meinung fragen?! Wenn die Tatsachen fertig sind, wird die
"freie" Zustimmung der Mitglieder durch einige Redensarten erpreßt.
Wenn Herr v. Schweitzer diktiert, haben die Mitglieder einfach zu
gehorchen, und dann nennt man dieselben noch das "souveräne Volk". Ein
größerer Hohn war nie einem Menschen geboten. Wenn Herr v. Schweitzer
es für gut hält, wird den Mitgliedern zugemutet, mit eigener Hand und
mit einem Schlage das mühsam in einer Reihe von Jahren aufgebaute
Reformwerk zu vernichten und ohne weiteres ein Statut anzunehmen, das
früher zu dem erbittertsten Zwiespalt Veranlassung gegeben hat; ein
Statut, nach welchem der Präsident die unumschränkteste Gewalt in
seinen Händen und der Vorstand nicht den allergeringsten Einfluß hat,
und das zu alledem dahin ausgelegt werden kann, daß auf volle drei
Jahre hinaus jede Aenderung an demselben unmöglich ist! Das Vorgehen
des Präsidenten in diesem Falle--ein Staatsstreich im kleinen--erhebt
den schon seit langer Zeit von vielen Mitgliedern des Vereins gehegten
Argwohn zur Gewißheit, daß Herr v. Schweitzer den Verein lediglich zur
Befriedigung seines Ehrgeizes benutzt und ihn zum Werkzeug einer
arbeiterfeindlichen reaktionären Politik herabwürdigen will; sonst
würde derselbe jetzt die Einigung der gesamten sozialdemokratischen
Arbeiter Deutschlands suchen. Wer die Einigung eines Teils der
sozialdemokratischen Arbeiter empfiehlt, ohne dabei mit aller Energie
auf die Einigung der gesamten Partei zu wirken, welche ihr allein
Macht und Einfluß verschaffen kann, wer durch Einigung eines Teiles in
diesen Formen die Einigung aller Teile unmöglich macht, und wer dies
tut mit rührenden, von Bruderliebe überfließenden Worten, der ist ein
elender Heuchler; und wer dann diejenigen, welche sich den gestellten
schmachvollen Bedingungen nicht fügen, sondern etwas Größeres, etwas
Erhabeneres erstreben, als Gegner der Einigung überhaupt brandmarken
will, ist ein Jesuit ohnegleichen.

Die Einigung der gesamten sozialdemokratischen Arbeiter Deutschlands
herbeizuführen, muß das Streben jedes ehrlichen Sozialdemokraten sein.
Angesichts der immer mächtiger sich ausbreitenden Wogen der Bewegung,
angesichts der Vorzeichen, welche in allen Kulturstaaten der Welt auf
eine baldige mächtige Umgestaltung der politischen und sozialen
Verhältnisse hindeuten, ist ein Verschleppen dieser Einigung Verrat.

Diese Einigung kann aber nur das Werk sein des wirklich souveränen
Volkes selbst, und Ihr, Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins, werdet Euch nicht verschachern lassen nach der Laune
einiger Führer wie eine Herde Schafe, sondern Ihr werdet wie Männer
Eures eigenen Geschickes Schmiede sein!

Wir haben eingesehen, daß eine Organisation, in welcher der Wille
eines Einzelnen sich hinwegsetzen kann über alle Errungenschaften des
Vereins, ja den Verein selber in jedem Augenblicke in Frage stellen,
denselben jeden Augenblick auflösen und in anderer ihm passenderer
Form wieder ins Leben rufen kann, in welcher dieser Einzelne die
Pfennige der Arbeiter gebraucht, um elende Lumpen zu bestechen, daß
eine solche Organisation keine Faser von demokratischem Geiste in sich
hat. In einer solchen Organisation ferner zu wirken, wäre schmähliche
Verschwendung unserer besten Kräfte; wir verzichten darauf!

Geleitet von dem Gedanken, daß nur von der Partei selbst über ihre
Organisation beschlossen werden kann, und ferner geleitet von dem
Gedanken, die Einigung der sozialdemokratischen Arbeiter Deutschlands,
auch was die Gewerkschaften betrifft, herbeizuführen, haben wir den
Entschluß gefaßt, in kürzester Zeit einen allgemeinen Kongreß der
gesamten sozialdemokratischen Arbeiter Deutschlands zu berufen, auf
welchem der Grund einer wirklich demokratischen Organisation der
Partei, im Anschluß an die internationale Bewegung, gelegt werden
kann. Parteigenossen, wir rechnen auf Eure Unterstützung! Die
sozialdemokratischen Arbeiter, welche nie anders als von einem
künstlich erregten Haß gegeneinander erfüllt gewesen sind, werden sich
zu einigen und sich eine Organisation zu geben wissen, welche den
Geist ihrer Prinzipien mit der Zusammenfassung aller ihrer Kräfte
vereint.

Parteigenossen, Ihr werdet Euch nicht verblenden lassen von den
heuchlerischen Redensarten von Leuten, denen die Einigung der Partei
nie am Herzen gelegen hat; Ihr werdet Euch eine Behandlung nicht
gefallen lassen, welche man nur ehrlosen oder gedankenlosen Menschen
zu bieten wagen kann; Ihr werdet Euch als das zeigen, was Ihr
seid--nicht als die willenlosen Sklaven eines launischen Herrschers--,
sondern als das wirklich und wahrhaft souveräne Volk, das allein über
die Gestaltung seiner Geschicke zu entscheiden hat. Wagt einmal im
Interesse unserer Prinzipien, im Interesse der Demokratie und des
Sozialismus eine kühne Tat! Laßt uns die Fahne, auf welcher die
Einigung der gesamten Partei geschrieben steht, nicht vergebens
erhoben haben! Einig nur sind die Arbeiter eine Macht! Zersplittert
sind wir ewig das Gespött unserer Gegner, aber einheitlich und
wahrhaft demokratisch organisiert sind wir unüberwindlich.

Wenn Ihr uns zustimmt--und wir hoffen sehr, daß Ihr dies tun
werdet--, so sendet Eure Zustimmung an einen der Unterzeichneten ein,
damit wir gemeinsam die Einberufung des Kongreß betreiben können.

Aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein werden wir --es ist uns
schwer geworden, den Entschluß zu fassen--austreten. Der Allgemeine
Deutsche Arbeiterverein war uns ans Herz gewachsen, aber im Interesse
der Sache muß man das schwerste Opfer zu bringen verstehen; und anders
ist keine Rettung!

Vorwärts denn, Parteigenossen, auf der neuen Bahn in heiligem Kampfe
für unsere große und erhabene Sache! Begeisterung und Ausdauer
verbürgen den Sieg.

Den 22. Juni 1869.

I. Bremer in Magdeburg. Hoffmann in Neustadt-Magdeburg. W. Klees in
Buckau bei Magdeburg. Th. Borck in Harburg. C. Müller, S. Spier und A.
Viewieg in Wolfenbüttel. W. Bracke junior, H. Ehlers, E. Lüdecke und
A. Schrader in Braunschweig. Friedrich Ellner in Frankfurt a.M.

In derselben Nummer des "Demokratischen Wochenblatts" vom 26. Juni, in
der wir den vorstehenden Ausruf veröffentlichten, erschien auch eine
Erklärung von uns an die Parteigenossen, in der die Beschuldigung
Schweitzers, wir hätten die mit ihm getroffenen Abmachungen gebrochen,
zurückgewiesen wurde. Alsdann unterzogen wir die Einigungskomödie der
Mende-Hatzfeldt-Schweitzer einer scharfen Kritik. Wir erklärten: "Wir
werden den Kampf aufnehmen und mit aller Kraft und Zuversicht ihn
führen, Hand in Hand mit den klarblickenden Mitgliedern des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins." Wir schlossen:

"Es wird sich zeigen, ob die Korruption, die Gemeinheit, die
Bestechlichkeit auf jener Seite, oder die Ehrlichkeit und die Reinheit
der Absichten auf unserer den Sieg davonträgt.

Unsere Losung sei: Nieder mit der Sektiererei! Nieder mit dem
Personenkultus! Nieder mit den Jesuiten, die unser Prinzip in Worten
anerkennen, in Handlungen es verraten! Hoch lebe die Sozialdemokratie,
hoch die Internationale Arbeiterassoziation!"

Daß wir in dieser Erklärung und später wiederholt die Ehrlichkeit
unserer Absichten gegen die unehrlichen Schweitzers ins Feld führten,
brachte nachher der neu gegründeten Partei von der Gegenseite den
Spitznamen "Die Ehrlichen" ein.

Auf meinen Antrag beschloß der Vorortsvorstand einstimmig, sich dem
Aufruf von Bracke und Genossen zur Einberufung eines allgemeinen
deutschen sozialdemokratischen Arbeiterkongresses anzuschließen und die
Vorstände der Arbeitervereine aufzufordern, ein gleiches zu tun. Ein am
28. Juni von mir hinausgesandtes Zirkular verlangte Antwort bis
spätestens den 1. Juli mittags, eventuell telegraphisch. Auch schrieb
ich an Joh. Phil. Becker in Genf, der Zentralrat der deutschen Sektion
der Internationale möge ebenfalls eine zustimmende Erklärung zu dem
Einigungswerk einsenden. Ich hoffte, diesesmal gelinge uns ein
Hauptschlag. Am 26. Juni hatten auch Geib, Praast und Ockelmann-Hamburg
ihren Austritt aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein erklärt und
sich Bracke und Genossen angeschlossen.

Der "Sozialdemokrat" beobachtete jetzt die Taktik, ständig zu verkünden,
unser Anhang bestehe nicht aus Arbeitern, sondern aus Literaten,
Schulmeistern und sonstigen Bourgeois.

Schweitzer suchte weiter mit dem Geschick, das er besaß, die Mitglieder
des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins an der von ihm systematisch
gepflegten schwachen Seite zu fassen. In einem Artikel schrieb er mit
Bezug auf die Opposition:

"Ein einziger Punkt entscheidet alles. Seid ihr Demokraten oder nicht?
Ihr behauptet: Ja? Wißt ihr oder wißt ihr nicht, daß der Demokrat sich
der Mehrheit zu fügen hat--doppelt zu fügen hat, wenn diese Mehrheit
an Einstimmigkeit grenzt? Nun denn! Der Allgemeine Deutsche
Arbeiterverein-beide bisherigen Vereine--habe nahezu einstimmig mit Ja
gestimmt. Unterwerft ihr euch jetzt dem Volkswillen? O nein! In eurer
Eitelkeit, ihr 'Demokraten', erklärt ihr das Volk für eine Herde
Schafe und eure Meinung für unfehlbar. Geht doch, ihr aufgeblasenen
Heuchler, _die ihr euch weiser dünkt als das ganze Volk und als
Ferdinand Lassalle!_

Weiser als Ferdinand Lassalle, euer riesenhafter Lehrer und
Meister--ja ja. Denn der Stein des Anstoßes liegt euch darin, daß die
Lassallesche Organisation in ihrem ganzen Umfang wieder hergestellt
wurde ..."

Das Spiel mit der Lassalleschen Organisation ging spaltenlang und fast
Nummer um Nummer weiter.

Auf der anderen Seite brachte das "Demokratische Wochenblatt" Nummer für
Nummer Erklärungen gegen Schweitzer aus der Mitte des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins. So aus Gotha, Hamburg, Hildesheim, Erfurt,
Hannover, Solingen, Wiesbaden, Elberfeld, Chemnitz (letztere gegen
Mende). Auch H. Roller, der bisherige Sekretär des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins, erklärte sich ebenfalls gegen Schweitzer.

Von den Gewerkschaftsführern sagten sich Fritzsche, Präsident des
Zigarren- und Tabakarbeitervereins, L. Schumann, Präsident des
Allgemeinen Deutschen Schuhmachervereins, Th. Bork, Präsident des
Gewerkvereins deutscher Holzarbeiter, und Schob, Präsident des
Allgemeinen Deutschen Schneidervereins, von Schweitzer los.

Unter dem 5. Juli teilte Mende im "Sozialdemokrat" mit, daß Schweitzer
mit absoluter Mehrheit zum Präsidenten gewählt sei. Eine starke
Minorität sei auf ihn (Mende) gefallen, trotzdem er wiederholt erklärt
habe, er nehme eine Wahl nicht an. Zahlen wurden nicht mitgeteilt. Die
Beteiligung an der Wahl war weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben.
In der schwülstigen Ansprache, mit der Mende die Wahl Schweitzers zum
Präsidenten verkündete, hieß es:

"Wie Marat, der größte Revolutionär seiner Zeit, es so treffend
bezeichnet: Als Diktator mit der Kugel am Bein soll der Präsident den
Verein leiten, und diese Kugel soll sein: _Prinzip und Organisation_."

Bekanntlich erwies sich diese Kugel als Attrappe. Und wiederum zitierte
Mende:

"Haltet treu und fest an der Organisation, sie muß uns zum Siege
führen", und schloß: "Es lebe Ferdinand Lassalle! Es lebe der von ihm
gestiftete Allgemeine Deutsche Arbeiterverein! Es lebe die
Organisation!"

Schweitzer dankte für seine Wahl in einer Ansprache, die ebenso
schwülstig und emphatisch war wie jene Mendes. Der Schluß lautet:

"Wohlan denn! Namens des hingegangenen Meisters, der euch alle, ihr
Arbeiter, aus dem Schlummer geweckt--namens des _souveränen Volkes
unserer Partei_, das mich zum Führer erkoren--_namens_ eurer leidenden
_Brüder auf der ganzen Erde, entfalte ich die Fahne und trage sie
voran_. Festgeschlossen in Reih' und Glied, ihr Arbeiterbataillone,
folget dem erwählten Führer.

Hoch die Manen Lassalles! Hoch die sozialdemokratische Agitation!"

So die beiden Auguren, beide, wie sich nachher sehr bald herausstellte,
betrogene Betrüger. Darauf ordnete unter dem 10. Juli Schweitzer die
Wahl der vierundzwanzig Vorstandsmitglieder an, für die er die
Kandidatenliste vorschlug. Der Vorstand wurde wieder in früherer Weise,
über Deutschland verteilt wohnend, gewählt.

Im "Sozialdemokrat" vom 14. Juli machte Schweitzer bekannt, der
Allgemeine Deutsche Arbeiterverein werde sich auf dem von uns berufenen
sozialdemokratischen Kongreß vertreten lassen und veröffentlichte eine
Reihe von Resolutionen, die seine Anhänger auf dem Kongreß zur Annahme
vorschlagen sollten. Hinter unserem Kongreß, hieß es in der betreffenden
Nummer, stehe die ganze liberale Bourgeoisie in allen ihren
Schattierungen. Von straffer, einheitlicher Organisation könne natürlich
bei uns unter einem Regiment von Literaten, Schulmeistern, Kaufleuten
usw. keine Rede sein. Jeder dieser Leute müsse Gelegenheit haben, sich
recht wichtig zu machen. Die gesamte Bourgeoispresse stehe uns zu Gebot,
log er weiter. Er werde dafür sorgen, daß eine entsprechende Anzahl
Delegierter auf den Eisenacher Kongreß komme, aber keine Literaten und
Bourgeois, sondern wirkliche Arbeiter.

Von den Literaten, Schulmeistern, Kaufleuten usw., aus denen allein
unsere Partei bestehen sollte, sprach er von jetzt ab nicht anders als
von Achtels- und Viertelsintelligenzen.

Unter dem 17. Juli forderte das _"Demokratische Wochenblatt" Schweitzer
auf, nicht nur seine Werkzeuge nach Eisenach zu schicken, sondern selbst
zu kommen_. Ein Wort bei der Berliner Polizei, und der Urlaub werde ihm
bewilligt, falls Herr v. Schweitzer sich überhaupt noch anstandshalber
sollte einsperren lassen.

Das letztere zog Schweitzer vor. Er veröffentlichte, datiert vom 17.
Juli, einen langen Aufruf "An die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins", worin er noch einmal einen Ueberblick über die
vorhandenen Wirren gab und eine Anzahl Versprechungen machte, die er
nach seiner Freilassung aus der Haft erfüllen wolle. Er schloß den
Aufruf mit den Worten:

"Behaltet mich in gutem Andenken, wie auch ich _inmitten meiner
Kerkermauern eurer gern gedenken werde_. Ich scheide von euch mit dem
Rufe: Auf frohes Wiedersehen bei der alten Fahne! Es lebe der Allgemeine
Deutsche Arbeiterverein!"

Der Rest der Haft, den er jetzt "hinter Kerkermauern" verbüßen sollte,
betrug noch acht Wochen, die er in Rummelsburg mit Kahnfahrten auf dem
See und anderen Annehmlichkeiten verbrachte.

Man vergegenwärtige sich jetzt folgendes. Ende November ging Schweitzer
zur Verbüßung einer dreimonatigen Haft ins Gefängnis. Gegen Ende
Dezember wird er wegen Ordnung von Familienverhältnissen infolge seines
Vaters Tod auf acht Tage beurlaubt; er bleibt aber _sieben Wochen frei,
betreibt in dieser Zeit unter den Augen der Polizei und der Behörden
eine intensive politische Agitation und tritt erst am 18. Februar wieder
die Haft an_. Am 4. März erweist ihm die Regierung abermals den Dienst,
ihn wegen Eröffnung der Reichstagssession aus der Haft zu beurlauben.
Die Session wird am 22. Juni geschlossen, aber Schweitzer bleibt wieder
frei und betreibt abermals bis zum 19. Juli unter den Augen von Polizei
und Behörden eine intensive politische Agitation. Alsdann beliebt es
ihm, die Haft wieder anzutreten.

Dergleichen war weder vor noch nach Schweitzer in Preußen je möglich.
Als zum Beispiel 1868 Dr. _Guido Weiß_ wegen Preßvergehen zu 14 Tagen
Gefängnis verurteilt wurde, überfielen ihn einige Polizisten morgens 6
Uhr im Bett und transportierten ihn ins Gefängnis. Diese brutale
Methode, politisch Verurteilte in frühester Stunde aus dem Bette zu
holen und ins Gefängnis zu schleppen, war _jahrzehntelang Sitte bei der
Berliner Polizei_. Es sind noch nicht viele Jahre her, daß diese Sitte
verlassen wurde. Schweitzer hatte sich _nie_ über solche oder ähnliche
Mißhandlungen zu beklagen. Er ging ins Gefängnis und verließ dasselbe,
als wenn er ins Hotel ging und dasselbe verließ. Und jeden gewünschten
Besuch konnte er empfangen. Das Mißtrauen gegen ihn war also zehnfach
gerechtfertigt.

*       *       *       *       *

Kurz vor dem Eisenacher Kongreß glaubte Tölcke mir eine Stinkbombe an
den Kopf werfen zu müssen, in der Hoffnung, mir politisch zu schaden. Er
erklärte in Nummer 87 des "Sozialdemokrat" vom 28. Juli, ich beziehe vom
Exkönig von Hannover eine jährliche Besoldung von 600 Talern. Die
Beschuldigung war blöde, aber es gab Leute im Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein, die daran glaubten. So beschloß ich, Tölcke wegen
verleumderischer Beleidigung zu verklagen. Ich bat den Parteigenossen
Wilhelm Eichhoff in Berlin, mit Rechtsanwalt Hirsemenzel, damals der
erste Rechtsanwalt Berlins, zu reden und ihn zu fragen, ob er den Prozeß
annehmen werde. Hirsemenzel lehnte ab, und zwar weil bei dem Prozeß
nichts herauskomme. Der Richter werde in der Behauptung, daß ich im
Solde eines Fürsten stehen solle, nichts Ehrenkränkendes finden und eine
Beweiserhebung darüber ablehnen. Tölcke würde also höchstens wegen
Beleidigung verurteilt, womit mir nicht gedient sein könne. Weiter
machte Hirsemenzel geltend, ließe ich den Grafen Platen, den
Hausminister des Exkönigs von Hannover, als Zeugen darüber vernehmen, ob
die Behauptung Tölckes wahr sei, so werde dieser _schon der Konsequenzen
halber_ das Zeugnis verweigern und dadurch erhalte die Behauptung
Tölckes einen Schein von Berechtigung. Eichhoff richtete darauf zweimal
ein Schreiben an Tölcke mit der Aufforderung, im "Sozialdemokrat" die
Beweise zu veröffentlichen, da er behauptete, ich stünde
"erwiesenermaßen" im Dienste des Exkönigs. Tölcke schwieg; ich richtete
darauf ebenfalls eine Aufforderung an ihn, die Beweise zu
veröffentlichen. Statt dessen wiederholte er seine Beschuldigung und
forderte mich auf, ihn zu verklagen. Ich nannte ihn darauf einen
gemeinen Verleumder und ersuchte ihn, mich vor dem Leipziger Gericht zu
belangen, da der Ausgang des Prozesses in Berlin kein Resultat
verspreche. Die Sache ging aus wie das Hornberger Schießen. Bracke
gegenüber erklärte Tölcke, er selbst habe keine Beweise für seine
Behauptung, aber ein Regierungsrat(!) habe die Behauptung aufgestellt
und den könne er nur bei einer gerichtlichen Klage meinerseits als
Zeugen zum Beweis seiner Angaben zwingen.--




Der Eisenacher Kongreß.




Die Gründung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und die Auflösung
des Verbandes der deutschen Arbeitervereine.


Nachdem wir uns verständigt hatten, den Kongreß auf den 7. August nach
Eisenach einzuberufen, erschien im "Demokratischen Wochenblatt" vom 17.
Juli der Ausruf, der unterzeichnet war von 66 ehemaligen Mitgliedern des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins aus verschiedenen Orten, 114
Mitgliedern des Verbandes der deutschen Arbeitervereine--worunter
ebenfalls eine Anzahl ehemaliger Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins waren--, einer Anzahl ehemaliger Mitglieder des
Lassalleschen Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, vom Zentralkomitee
der deutschen Arbeitervereine der Schweiz, vom Deutsch-Republikanischen
Verein in Zürich; für die Arbeiter Oesterreichs von H. Oberwinder, H.
Hartung, B. Beschan, A. Macher, A. Straßer-Graz, und für die deutsche
Abteilung der Internationale in Genf von Joh. Phil. Becker. Der Ausruf
lautete:

_An die deutschen Sozialdemokraten!_

Parteigenossen! In der jüngsten Zeit haben sich im Schoße unserer
Partei Ereignisse vollzogen, die jeden ehrlichen Sozialdemokraten mit
Freude erfüllen müssen. Der Bann, welcher bisher auf der
sozialdemokratischen Arbeiterbewegung lastete, ist gebrochen; die
Selbstsucht einzelner, welche sich wie ein spaltender Keil in das
Mark, in das Herz unserer Partei geschoben, ist entlarvt und
niedergeschmettert, und es gilt nun, rasch zu handeln, damit die
Früchte des Sieges uns nicht wieder entrissen werden und damit aus der
heilsamen Revolution, welche sich soeben vollzogen hat, die
Prinzipienreinheit und die einheitliche Organisation hervorgehen
mögen, ohne die unsere Partei den ihr gebührenden Einfluß nicht
ausüben, die ihr innewohnende Kraft nicht entfalten kann.

Lange, leider zu lange, war es dem Egoismus und der Bosheit einzelner
möglich, die Partei in sich zu verfeinden. Doch eine neue Zeit ist
angebrochen; mit ehernem Finger zeigt sie uns auf die Notwendigkeit
hin, die Partei der gesamten sozialdemokratischen Arbeiter
Deutschlands in sich zu einigen und dieselbe in die richtige, einzig
zum Siege führende Bahn der auf internationaler Grundlage beruhenden,
großen Arbeiterbewegung hinüberzuleiten.

Wer, der ein aufrichtig denkender Sozialdemokrat ist, sollte sich
dieser Notwendigkeit verschließen können? Wer sollte die
unberechenbaren Vorteile für unsere Partei nicht ahnen, die sich aus
einer derartigen Einigung auf Grund einer gemeinsamen Organisation,
eines gemeinsamen Programms, eines gemeinsamen Auftretens in der
politisch-sozialen Welt ergeben?--Wir zweifeln keinen Augenblick
daran, daß die große, die überwältigende Mehrheit unserer
Parteigenossen der besseren Erkenntnis huldigt, daß sie gern und
freudig die Hand zu dem stolzen Werke bietet, das endlich unsere
Partei zur großartigen und wirksamen Machtentfaltung befähigt!

Von dieser Ueberzeugung durchdrungen, haben wir uns auf einer in
Braunschweig am 6. Juli dieses Jahres stattgehabten Konferenz über die
hierzu zunächst erforderlichen Schritte völlig verständigt und berufen
hiermit in Gemäßheit des dort gefaßten Beschlusses einen _allgemeinen
deutschen sozialdemokratischen Arbeiterkongreß_ auf Sonnabend den 7.
August, Sonntag den 8. August und Montag den 9. August nach Eisenach.

Auf die Tagesordnung des Kongresses sind, unbeschadet weiterer
Anträge, folgende Punkte gesetzt: l. Die Organisation der Partei. 2.
Das Parteiprogramm. 3. Das Verhältnis zur Internationalen
Arbeiterassoziation. 4. Das Parteiorgan (Blatt). 5. Die Vereinigung
der Gewerkschaften (Gewerksgenossenschaften).

Die auf diese fünf Punkte der Tagesordnung sich beziehenden
spezielleren Anträge, zum Beispiel Vorlage betreffs der
Parteiorganisation usw., werden ihrem Wortlaut nach spätestens Ende
dieses Monats gedruckt versandt werden.

Die Delegierten (Abgeordneten) zum Arbeiterkongreß haben sich durch
ein Mandat (Vollmacht), worin der Ort, für den sie abgeordnet sind,
sowie die Zahl ihrer Wähler, die sie vertreten, angegeben sein muß, zu
legitimieren. Es kann solche Legitimation erfolgen entweder durch
Mandate, welche im Namen von Vereinen oder deren Mitgliedschaften,
oder welche auch im Auftrag von zum Zwecke der Beschickung des
Kongresses stattgehabten Volksversammlungen ausgestellt sind, oder
endlich auch Mandate, welche mit den Unterschriften der an einem Orte
anwesenden Parteigenossen versehen sind. Mehrere Orte, denen es zu
schwer wird, je einen Delegierten zu senden, mögen zusammentreten, um
mindestens gemeinsam einen Delegierten abzuordnen.

Es ist dringend notwendig, daß der Kongreß schon am Sonnabend den 7.
August, abends 8 Uhr, eröffnet wird, damit die Wahl des Bureaus und
die Feststellung der Geschäftsordnung erfolgen kann, weshalb denn auch
die Delegierten noch an diesem Tage (7. August) in Eisenach eintreffen
wollen.

Wir geben uns der frohen Hoffnung hin, daß von allen Orten des großen
Gesamtdeutschlands, wo die Arbeit im Kampfe mit der Kapitalmacht, wo
der Volkswille gegen die staatliche Reaktion tagtäglich im Ringen nach
Freiheit begriffen ist, Vertreter zum Kongreß abgeordnet werden--wir
hoffen es zum Wohle und Wachstum der Partei, welche die politischen
und sozialen Rechte des gedrückten Volkes mit Flammenschrift auf ihre
Fahne schrieb.

Auf, Parteigenossen, zu wirken für den allgemeinen deutschen
Arbeiterkongreß, zu wirken durch ihn für die Größe und Einheit der
Partei!

Im weiteren berief ich im Auftrag des Vorortsvorstandes als Vorsitzender
desselben für Montag den 9. August einen Vereinstag der deutschen
Arbeitervereine nach Eisenach mit der Tagesordnung: 1. Bericht des
Vorstandes. 2. Beratung über die Frage: Welche Stellung soll der Verband
zu der neuen Organisation der sozialdemokratischen Partei einnehmen?
Eventuell Auflösung des Verbandes.

Von den Einberufern des Kongresses erhielt ich den Auftrag, die nötigen
Vorkehrungen für den Kongreß in Eisenach zu treffen, ferner einen
Programm- und einen Organisationsentwurf auszuarbeiten und zur
gemeinsamen Beratung vorzulegen. Bracke und Geib meinten, es sei an uns,
die für passend erachteten Vorschläge zu machen. Liebknecht war mit der
Redaktion des "Demokratischen Wochenblattes" und der Polemik gegen den
"Sozialdemokrat" beschäftigt, so fiel mir die erwähnte Arbeit zu.

Ich betrachte noch heute mit einiger Heiterkeit die Schriftstücke, worin
sowohl die königlich sächsische Staatsbahnverwaltung wie das Direktorium
der damals privaten Thüringischen Eisenbahngesellschaft auf meine
Gesuche mir anzeigten, daß sie die üblichen Fahrpreisermäßigungen für
Besucher von Kongressen auch den Besuchern des in Eisenach
stattfindenden sozialdemokratischen Kongresses gewährten. Heute geschähe
dergleichen nicht mehr.

*       *       *       *       *

In eine kleine Verlegenheit brachte mich ein Artikel, in dem Joh. Phil.
Becker im "Vorboten" seine Ansichten über die Organisation der neuen
Partei entwickelte. Der alte Jean Philipp war ein prächtiger Kerl,
opferbereit, hingebend, unermüdlich bei Tag und Nacht, ein Haudegen, der
wie 1848 und 1849 in der badischen Revolution als Oberst eines
Freischarenregiments jetzt wieder bereit gewesen wäre, zu Pferde zu
steigen. Auch wußte er aus seinem sehr bewegten Leben eine Menge
Geschichten, Schnurren und Anekdoten zu erzählen, die er in äußerst
lebendiger Weise zum Vortrag brachte. Ich habe mich öfter stundenlang
über seine Erzählungen amüsiert. Aber von einer Parteiorganisation
verstand er nicht allzuviel, und seine lange Abwesenheit aus Deutschland
hatten ihn den deutschen Verhältnissen entfremdet. Statt einer
geschlossenen, möglichst zentralisierten, aber demokratisch
organisierten Partei, die fähig zu kräftigem Handeln war, wollte Becker
eine Verbindung, die wohl die Propagierung der sozialdemokratischen
Grundsätze betreibe, aber keine feste Parteiorganisation habe; sie müsse
sich, wie er es nannte, einen stets wandelbaren und entwicklungsfähigen
Charakter bewahren, und diese Verbindung sollte von Genf abhängen. Einen
bezüglichen Entwurf hatte er im "Vorboten" veröffentlicht und hoffte,
daß der Eisenacher Kongreß ihm zustimmen werde. Dieser Artikel Beckers
veranlaßte Marx, mir zu schreiben, daß sie mit demselben nichts zu tun
hätten und die Ansichten desselben nicht teilten. Darauf antwortete ich
Marx unter dem 30. Juli:

"Ihr werter Brief, den ich soeben empfangen, hat mir viel Freude
gemacht. Ich habe die Vorschläge Beckers im 'Vorboten' ebenfalls
gelesen und muß gestehen, daß sie mich etwas unbehaglich stimmten,
weil ich daraus zu ersehen glaubte, daß es Becker darum zu tun sei,
die Leitung für Deutschland in bezug auf die Internationale in die
Hände zu bekommen. Mein Entschluß war denn auch, auf dem Kongreß das
unpraktische, ja unausführbare, Zeit und Geld kostende Projekt zu
bekämpfen. Es freut mich nun, an dem Generalrat der Internationale
selbst eine Stütze gefunden zu haben. Fürchten Sie deshalb nicht, daß
ich Sie oder den Generalrat irgendwie nutzloser Weise in die Debatte
hereinziehen werde; ich werde sogar versuchen, wenn Becker selbst oder
ein anderer Vertreter aus Genf kommt, ihm privatim die Gründe
auseinanderzusetzen. Auch können Sie im voraus versichert sein, daß
Beckers Vorschlag weder von unserer Seite, noch von seiten der
Opposition des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, noch von den
schweizer oder österreichischen Vertretern unterstützt wird, ich müßte
denn die Stimmung sehr schlecht kennen. Wie wir uns unser Verhältnis
zur Internationale gedacht, werden Sie aus dem von mir entworfenen und
von Braunschweig und Hamburg mitberatenen Organisationsentwurf, den
das "Demokratische Wochenblatt" diese Woche bringt, ersehen. Ich
glaube, es ist die einzig richtige und mögliche Form."

An I. Ph. Becker schrieb ich einen Brief im gleichen Sinne, in dem ich
unter anderem auch ein Urteil über Schweitzer abgab, und zwar schrieb
ich Becker mit Bezugnahme auf Schweitzers Plan, Delegierte zum
Eisenacher Kongreß senden zu wollen:

"Es ist bei aller Pfiffigkeit Schweitzers doch eine große Dummheit,
daß er seinen Coup selber verrät. Ich habe überhaupt im Zusammensein
mit ihm, sowohl in Barmen-Elberfeld wie in Berlin, die Beobachtung
gemacht, daß er, namentlich wenn man ihm persönlich gegenübertritt,
sehr leicht den Kopf verliert und Dummheiten macht. Das böse Gewissen
ist's, das ihm jederzeit die Besinnung raubt, sobald ihn einer an der
Kehle packt."

Ich möchte hier auch einige Worte über Schweitzers Aeußere verlieren.
Schweitzer war von hoher, schlanker Gestalt und hatte bleiche, verlebte
Gesichtszüge. Das braune Haar war dünn, ebenso die Bartkoteletten und
der verzwirbelte Schnurrbart. Die Nase war ziemlich lang und gegen ihr
Ende gebogen und spitz; hinter der Brille sahen ein paar kalte,
glitzernde Augen hervor. Wenn er stand oder ging, legte er stets die
Hände auf den Rücken und zog den Kopf zwischen die Schultern. Er mußte
sehr blutarm sein, denn als ich ihm nach der Barmen-Elberfelder Affäre
einmal in Berlin die Hand reichte, schauerte ich ein wenig zusammen. Es
war, als hätte ich die kalte, feuchte Hand einer Leiche erfaßt.

*       *       *       *       *

Der Kongreß war von einer stattlichen Zahl von Delegierten besucht. Es
waren 262 Abgeordnete anwesend, die 193 Orte vertraten. Darunter Johann
Philipp Becker-Genf, Greulich und Dr. Ladendorf-Zürich, Oberwinder und
Andreas Scheu-Wien, Hofstetten-Berlin. Sonnemann-Frankfurt war ebenfalls
zugegen, er beteiligte sich auch einigemal an der Debatte. Von jetzt ab
besuchte er aber keinen Arbeiterkongreß mehr; seine Hoffnungen, es könne
noch zwischen der Arbeiterpartei und der Volkspartei zu einer
Verständigung kommen, erfüllten sich nicht. Der Klassencharakter der
Partei stieß ihn ab. Die "Schweitzerianer", wie wir die Delegierten des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins jetzt nannten, waren ganz
bedeutend schwächer vertreten, nicht halb so stark. Dieselben
versammelten sich im "Schiff", unsere Delegierten im "Goldenen Bären".
Da von den verschiedensten Seiten Mitteilungen gemacht wurden, daß die
Schweitzerianer den Kongreß mit Gewalt sprengen wollten, begab ich mich
zum Oberbürgermeister und zur Polizei, um zu hören, wie diese die
Situation betrachteten, denn es lag uns selbstverständlich alles daran,
den Kongreß abhalten zu können, sollten nicht die enormen Opfer umsonst
gebracht worden sein. Die Erklärung lautete, daß wir die Versammlungen
ganz nach Belieben wo und wie abhalten könnten. In Sachsen-Weimar gebe
es kein Vereins- und Versammlungsgesetz, die Versammlungsfreiheit war
also eine absolute. Weiter wurde mir versichert, daß die Polizei, falls
die von uns getroffenen Anordnungen mit Gewalt gestört werden sollten,
bereit sei, einzugreifen. Eine Aufforderung an die Schweitzerianer im
"Schiff", ihre Mandate abzugeben und dieselben gegen rote
Legitimationskarten einzutauschen, verweigerten sie. Abends gegen 7 Uhr
rückten sie dann über hundert Mann stark, unter Führung des Riesen
Tölcke, in den "Goldenen Bären". Ueber seine damalige Mission schrieb
Tölcke später in seiner Schrift "Zweck, Mittel und Organisation des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins":

"Es war überhaupt eine beliebte Manier des Herrn v. Schweitzer,
_überallhin, wo es galt, in heißem Kampfe einen Strauß anzufechten,
andere zu senden_ und diesen die Verantwortlichkeit der Partei
gegenüber für ein etwaiges Mißlingen aufzubürden."

Das war vollkommen zutreffend; Tapferkeit war nicht die Stärke
Schweitzers, dagegen ließ sich damals Tölcke zu allem gebrauchen, wozu
Schweitzer ihn benutzen wollte.

Als die Schweitzerianer in den "Goldenen Bären" einrückten, fanden sie
die Treppe von uns so stark besetzt, daß sie es vorzogen, ihre Mandate
abzugeben. Am Nachmittag waren in einer Vorversammlung Geib und ich zu
Vorsitzenden, Oberwinder und Quick-Genf zu Stellvertretern in Aussicht
genommen worden. Es war weiter auf meinen Vorschlag zwischen uns
vereinbart worden, daß, falls die Versammlung am Abend tumultuarisch
verlaufe, Geib den Kongreß schließen solle. Alsdann solle ein neuer
Kongreß auf Sonntag vormittag einberufen werden, zu dem nur Delegierte
mit gelben Eintrittskarten Zutritt hätten.

Wie vorausgesehen, so kam es. Bei der Bureauwahl entstanden bereits die
stürmischsten Szenen. Wir hatten, da die Beleuchtung eine elende war, am
Bureautisch ein halbes Dutzend Flaschen, in deren Hälse wir
Stearinlichter gesteckt, aufgestellt. Diese waren in beständiger Gefahr,
umzufallen, und mußten mit den Händen gehalten werden. Schließlich nahm
der Tumult so zu, daß Geib den Kongreß schloß und anzeigte, daß er einen
neuen Kongreß für nächsten Vormittag 10 Uhr in den "Mohren" berufe, an
dem nur Delegierte mit gelben Legitimationskarten teilnehmen könnten.

Unser Coup war gelungen. Während der Nacht sichteten wir (Bracke, Geib
und ich) die Mandate, suchten die der Schweitzerianer heraus, und Geib
übersandte sie am frühen Morgen an Tölcke mit dem Ersuchen, er möge sie
den betreffenden Delegierten aushändigen. Der Kongreß verlief alsdann
ohne jede Störung.

Zu Berichterstattern über Programm und Organisation waren ich und Bracke
bestimmt. J.Ph. Becker hatte es sich trotz all meiner Gegengründe nicht
nehmen lassen, einen langen Antrag einzubringen, wonach die Partei sich
"Allgemeiner deutscher sozialistisch-demokratischer Arbeiterverein,
Bestandteil der internationalen Arbeiterassoziation" nennen solle. Der
Antrag fand keine Zustimmung. Programm und Organisation wurden mit
geringen Aenderungen in der von den Einberufern vorgeschlagenen Fassung
angenommen. Die neue Partei erhielt den Namen "_Sozialdemokratische
Arbeiterpartei_". Das angenommene Programm lautete:

_Programm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei._

I. Die sozialdemokratische Arbeiterpartei erstrebt die Errichtung des
freien Volksstaats.

II. Jedes Mitglied der sozialdemokratischen Arbeiterpartei
verpflichtet sich, mit ganzer Kraft einzutreten für folgende
Grundsätze:

1. Die heutigen politischen und sozialen Zustände sind im höchsten
Grade ungerecht und daher mit der größten Energie zu bekämpfen.

2. Der Kampf für die Befreiung der arbeitenden Klassen ist nicht ein
Kampf für Klassenprivilegien und Vorrechte, sondern für gleiche Rechte
und gleiche Pflichten und für die Abschaffung aller Klassenherrschaft.

3. Die ökonomische Abhängigkeit des Arbeiters von dem Kapitalisten
bildet die Grundlage der Knechtschaft in jeder Form, und es erstrebt
deshalb die sozialdemokratische Partei unter Abschaffung der jetzigen
Produktionsweise (Lohnsystem) durch genossenschaftliche Arbeit den
vollen Arbeitsertrag für jeden Arbeiter.

4. Die politische Freiheit ist die unentbehrliche Vorbedingung zur
ökonomischen Befreiung der arbeitenden Klassen. Die soziale Frage ist
mithin untrennbar von der politischen, ihre Lösung durch diese bedingt
und nur möglich im demokratischen Staat.

5. In Erwägung, daß die politische und ökonomische Befreiung der
Arbeiterklasse nur möglich ist, wenn diese gemeinsam und einheitlich
den Kampf führt, gibt sich die sozialdemokratische Arbeiterpartei eine
einheitliche Organisation, welche es aber auch jedem einzelnen
ermöglicht, seinen Einfluß für das Wohl der Gesamtheit geltend zu
machen.

6. In Erwägung, daß die Befreiung der Arbeit weder eine lokale noch
nationale, sondern eine soziale Aufgabe ist, welche alle Länder, in
denen es moderne Gesellschaft gibt, umfaßt, betrachtet sich die
sozialdemokratische Arbeiterpartei, soweit es die Vereinsgesetze
gestatten, als Zweig der Internationalen Arbeiterassoziation, sich
deren Bestrebungen anschließend.

III. Als die nächsten Forderungen in der Agitation der
sozialdemokratischen Arbeiterpartei sind geltend zu machen:

1. Erteilung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen
Wahlrechtes an alle Männer vom 20. Lebensjahr an zur Wahl für das
    
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