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kleinliche und lächerliche Kampfesweise, aber er übte sie.
* * * * *
Eine merkwürdige Wandlung stellte sich bei Schweitzer wieder im Frühjahr
1868 ein. Gleich dem "Demokratischen Wochenblatt" druckte jetzt der
"Sozialdemokrat", wenn er vom norddeutschen Reichstag sprach, diese
Worte in Gänsefüßchen ab. Auch hielt er im Reichstag--Mitte Juni
1868--eine Rede, in der er in einer Polemik gegen v. Kirchmann eine ganz
andere Auffassung als bisher vom Wert des allgemeinen Wahlrechts
entwickelte. Bisher hatte er damit eine Art Kultus getrieben und die
Wahl Bismarcks durch seine Anhänger in Barmen-Elberfeld bekanntlich
damit zu rechtfertigen gesucht, daß sie dem Geber des allgemeinen
Stimmrechts ihre Dankbarkeit beweisen wollten, als sie ihn wählten.
Jetzt erklärte er:
"Ich muß im Interesse derjenigen, die mich gewählt haben, und im
Interesse der demokratischen Sache konstatieren, daß dieses Haus nur
scheinbar und nicht in Wirklichkeit aus allgemeinen Wahlen
hervorgegangen ist."
Er motivierte dieses damit, daß Preßfreiheit und volle Vereins-und
Versammlungsfreiheit fehlten. Diese fehlten aber von Anfang an, und doch
klang damals sein Urteil anders. Das Urteil, das er jetzt über das
geltende Wahlrecht fällte, deckte sich mit dem, das das "Demokratische
Wochenblatt" längst und wiederholt abgegeben hatte. Diese plötzliche
auffällige Meinungsänderung wurde offenbar wieder durch die zunehmende
Opposition in seinem Verein verursacht.
In Nr. 80 des "Sozialdemokrat" vom 19. Juli kündigt Schweitzer an, daß
er eine _dreiwöchige_ Haft in der Stadtvogtei antrete, die ihm wegen
eines Flugblattes vom Landgericht Elberfeld zuerkannt worden war. Er
ernannte W. Real in Düsseldorf zum Vizepräsidenten und Hasselmann zum
Leiter des Vereinsorgans, mit dessen Eintritt die Rüpelhaftigkeit im Ton
des Blattes einkehrte. Der pathetische Schluß der Ansprache lautete:
"Indem ich meine Haft antrete, richte ich an alle Parteigenossen meinen
herzlichsten Abschiedsgruß. Ich hoffe, den Verein in derselben Blüte, in
der ich ihn verlasse, oder in noch gesteigertem Maße (nach ganzen _drei_
Wochen) wiederzufinden."
Im Sommer 1868 hatte Johann Jacoby eine Rede über "Die soziale Frage"
gehalten, in der er stark nach links und weit ab von der
Fortschrittspartei rückte. Auf einem großen Volksfest, das auf der Asse
bei Braunschweig abgehalten wurde, hatte sich Bracke über dieses
Auftreten Jacobys sehr günstig ausgesprochen und es begrüßt. Bracke
stellte hier über die Rede folgende Thesen auf: Erstens, das
demokratische Programm von Johann Jacoby verdient im höchsten Maße die
Beachtung des deutschen Volkes; zweitens, nach demselben gibt es in den
Zielen keinen prinzipiellen Unterschied zwischen der entschiedenen
demokratischen Partei und der eigentlichen Arbeiterpartei; drittens,
beide Parteien müssen in dem von Jacoby aufgestellten Ziel: Umgestaltung
der bestehenden staatlichen und gesellschaftlichen Zustände im Sinne der
Freiheit, gegründet auf Gleichheit alles dessen was Menschengesicht
trägt, übereinstimmen. Darauf antwortete der "Sozialdemokrat" in einem
"Verwirrung" überschriebenen Artikel:
"Der von Jacoby aufgestellte Satz einer gerechten Verteilung des
Arbeitslohnes zwischen Kapital und Arbeit, die zu erstreben wäre, ist
eine über alle Maßen verfehlte, alberne und hohle Phrase; es ist
traurig, daß es Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
gibt, die an diesen elenden Brocken herumkauen. ... Wenn einer
behauptet, es seien beachtenswerte Gedanken in Jacobys Rede, wird es
hoffentlich von allen Seiten tönen: Nein! es ist albernes, hohles
Geschwätz eines wichtigtuenden Bourgeois."
Diese erregte, grobe Sprache zeigte, welche Aufregung es Schweitzer
verursachte, sobald Mitglieder des Vereins den Anschein erweckten, als
wollten sie mit Vertretern nahestehender Parteien Fühlung nehmen. Der
Verein mußte nach außen mit einer Art chinesischer Mauer umgeben sein,
damit er ihn absolut beherrschen und nach seinem Willen lenken konnte.
Die nächste Generalversammlung des Vereins war auf den 22. bis 26.
August nach Hamburg einberufen. Waren auf der Braunschweiger
Generalversammlung nur 2508 Mitglieder vertreten, auf der Berliner 3102,
so jetzt 8192 durch 36 Delegierte. Der Verein war also wesentlich
stärker geworden. Man hat diese Entwicklung ausschließlich der Tätigkeit
und der Leitung Schweitzers zugeschrieben. Mit Unrecht. Der Druck der
Krise, die sich als Folge des sechsundsechziger Krieges eingestellt
hatte, war gewichen, an deren Stelle brachte das Jahr 1868 eine
Prosperitätsperiode. Damit hatte die Hoffnungsfreudigkeit und das
politische Leben in den Arbeiterkreisen von neuem eingesetzt, wovon
nicht nur der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein, sondern auch der
Verband der Arbeitervereine profitierte, an dessen Spitze ich stand und
der damals über 13000 Mitglieder zählte, die freilich keine
programmatische Geschlossenheit wie der Allgemeine Deutsche
Arbeiterverein besaßen. Schweitzer suchte jetzt Karl Marx für sich zu
gewinnen. Er hatte Marx den Dank des Vorstandes für sein Werk "Das
Kapital" votieren lassen, auch hatte er ihn zur Generalversammlung nach
Hamburg eingeladen, eine Einladung, die Marx wegen Ueberbürdung mit
Arbeit ablehnte. Auch erlaubte er, daß Geib folgenden Antrag stellte:
"Die Generalversammlung erklärt, da der Druck des Kapitals und der
Reaktion in allen Kulturländern aus im wesentlichen gleichen Ursachen
auf der Arbeiterklasse lastet und da die Bestrebungen der Arbeiter nur
dann erfolgreich sein können, wenn sie einheitlich zusammenhängend in
allen Kulturländern auftreten, ist es die Pflicht der deutschen
Arbeiterpartei und der Arbeiterparteien aller Kulturländer, die von
denselben Prinzipien geleitet werden, gemeinsam vorzugehen."
Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. Aber wie radikal sich
Schweitzer auch gebärdete, die Unzufriedenheit mit seiner Diktatur nahm
zu. So beantragten die Erfurter Mitglieder: Schweitzer solle
spezifizierte Rechnung ablegen über die Gelder, die er seit dem 1.
Januar 1868 der Kasse entnommen habe. Der Vorstand solle die Abrechnung
prüfen. Düsseldorf verlangte, daß Präsidium und Redaktion des
Vereinsorgans getrennt würden, die Einrichtung könne leicht zu
Despotismus führen; sie hätte bereits dazu geführt. Weiter waren
lebhafte Klagen auf den vermiedenen Generalversammlungen laut geworden,
daß die Redaktion des "Sozialdemokrat" ihr mißfallende Korrespondenzen
unterdrücke, andere willkürlich ändere, ja fälsche. Ein Antrag, das
Organ von seiten des Vereins zu übernehmen, wurde auf der
Generalversammlung für untunlich, die Trennung der Redaktion vom
Präsidium als unzweckmäßig erklärt. Dagegen wurde beschlossen, daß der
vierundzwanzigköpfige Vorstand des Vereins, der in vielen Orten verteilt
wohnte, konzentriert werden solle. Er wurde nach Hamburg verlegt. Das
war der erste harte Schlag, der die Diktatur Schweitzers traf. Bei den
Erörterungen hierüber machte er eine Mitteilung, durch die er sich wider
Willen denunzierte. Er äußerte: _"Dies wird unsere letzte
Generalversammlung sein. Die Feindseligkeit der preußischen Regierung
wird immer mehr hervortreten. Der Verein wird aufgelöst werden."_ Und
siehe da, kaum drei Wochen später löste die Leipziger Polizeibehörde, da
der Verein in Leipzig seinen Sitz hatte, den Verein wegen der örtlichen
Kassenverwaltungen auf, einer Einrichtung, die von Anfang an im Verein
bestanden hatte.
_Es ist ganz zweifellos, daß Schweitzer vorher von dieser Auflösung
wußte, ja daß sie zwischen ihm und dem Berliner Polizeipräsidium
verabredet war und die Leipziger Polizei auf Wunsch von Berlin den
Verein auflöste._ Natürlich unterließ unter so bewandten Umständen
Schweitzer jede Beschwerde gegen das Vorgehen der Leipziger Polizei bei
Kreishauptmannschaft und Ministerium. Schweitzer schloß seinen
bezüglichen Artikel, worin er die Auflösung besprach, mit den Worten:
"Wir fügen uns einfach darum, weil es nach Lage der Dinge das
Vernünftigste ist, was wir tun können. Daher erkläre auch ich andurch:
'Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein hat sich aufzulösen...'
Arbeiter in ganz Deutschland! Wir stehen heute am Grabe des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins.
Aber der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein lebt unter uns fort.
_So stehen wir auch am Grabe Lassalles; er selbst aber weilt noch
unter uns._
Daß unser Verein aufgelöst wurde, gereicht ihm, gereicht uns zur Ehre.
Der Verein hat seine Schuldigkeit getan für die Arbeitersache--darum
wurde er aufgelöst.
Die alte Form ist gefallen--wir werden neue Formen für die Betätigung
unseres Strebens zu finden wissen."
Dann dankt er für das ihm geschenkte Vertrauen.
"Wir haben gemeinsam gekämpft und gelitten--wir werden auch in Zukunft
gemeinsam kämpfen und leiden."
So auf die Rührseligkeit spekulierend, rührte er die Mitglieder zu
Tränen, und sie vertrauten ihm weiter.
Wäre es die Feindseligkeit der preußischen Regierung gegen den Verein
gewesen, wie Schweitzer _wider besseres Wissen_ schrieb, dann war es
jetzt seine Pflicht und Schuldigkeit, den Verein dem Einfluß der
preußischen Regierung nach Möglichkeit zu entziehen, zum Beispiel dessen
Sitz nach Hamburg zu verlegen, dessen Vereins- und Versammlungsgesetz
kein Verbindungsverbot kannte. Außerdem hatte der Verein in
Hamburg-Altona seine stärkste Mitgliedschaft, die für die Finanzen des
Vereins wie für das Blatt das eigentliche Rückgrat bildete. Auch fehlte
es in Hamburg nicht an geistigen Kräften. Statt dessen gründete
Schweitzer den neuen Verein _unter den Augen der Berliner Polizei_, und
_Berlin wurde dessen Sitz. In Preußen bestand aber das Verbindungsverbot
so gut wie in Sachsen, und außerdem verlangte das damalige preußische
Vereins- und Versammlungsgesetz, daß die Mitgliederlisten des Vereins
aus ganz Deutschland bei dem Polizeipräsidium eingereicht werden
mußten._ Und wiederum verriet er seine Beziehungen zum Berliner
Polizeipräsidium und sein Einverständnis mit der Auflösung, indem er in
Nr. 119 des "Sozialdemokrat" sagte:
_"Man habe Berlin als Sitz der Partei gewählt, damit die Polizei
fortwährend Gelegenheit habe, sich davon zu überzeugen, daß die Partei
ihre Agitation auf Grund und in Gemäßheit der bestehenden Gesetze
betreibe."_
Wie rührend folgsam gegen die liebe Polizei von der Leitung einer
demokratischen Partei!
_Wenn je die innige Verbindung zwischen Schweitzer und dem Berliner
Polizeipräsidium nachgewiesen werden konnte, so jetzt._ Aber nicht
allein, daß der Verein nunmehr unter die Kontrolle des Berliner
Polizeipräsidiums kam, Schweitzer benutzte auch die Neugründung, _um die
ihm unbequemen Beschlüsse der Hamburger Generalversammlung aus der Welt
zu schaffen und durch die neue Organisation seine Diktatur
unumschränkter denn je zuvor zu befestigen._ Er verkündete den neuen
Plan mit den Worten:
"Jedenfalls wird dafür gesorgt werden, daß die Einheitlichkeit der
Partei durch ganz Deutschland gewahrt werde. Denn diese
Einheitlichkeit ist unser bestes Kleinod--sie ist der Grundgedanke der
Lassalleschen Organisation, und von dieser werden wir niemals
abgehen."
So mußte also die beständige Berufung auf Lassalle dazu dienen, seine
Autorität aufrecht zu erhalten und den Mitgliedern Sand in die Augen zu
streuen.
Die neue Vereinsgründung fand _unter Ausschluß der Öffentlichkeit_ statt
in einem kleinen Kreise Auserwählter, die mit ihm durch dick und dünn
gingen. Das neue Statut enthielt geradezu _ungeheuerliche_ Bestimmungen.
So sollte der Präsident _sechs Wochen vor der ordentlichen
Generalversammlung in Urabstimmung durch die Mitglieder des Vereins
gewählt werden_, also ehe noch die Generalversammlung gesprochen und
dessen Geschäftsführung geprüft hatte. Ein Mißtrauensvotum auf der
Generalversammlung war dann wirkungslos, ebenso eine unliebsame Kritik
seiner Tätigkeit. Ferner besagte §5 der Statuten:
_"Wenn der Präsident es für dringlich hält, so kann er, vorbehaltlich
der in drei Monaten einzuholenden Genehmigung des Vorstandes, alle
Anordnungen treffen."_
Der Vorstand selbst sollte, im Gegensatz zu den Beschlüssen der
Hamburger Generalversammlung, wieder über ganz Deutschland verteilt
wohnen. Die Generalversammlung sollte eine Statutenänderung nur dann
vornehmen können (§7), wenn ein solcher Antrag von 60 Mitgliedern
unterzeichnet _und drei Monate vor der Generalversammlung beim Vorstand
eingereicht worden war_. Wo und wie der Verein aufs neue gegründet
wurde, darüber hat man nie Sicheres erfahren. Aber die Polizei mußte
davon unterrichtet sein, sonst hätte sie den Verein nicht anerkannt. Der
organisierte Arbeiter unserer Zeit wird sich bei dem Lesen solcher
Vorgänge fragen, wie denn dergleichen möglich gewesen sei und ob denn
nicht die ungeheure Mehrheit der Mitglieder des Vereins sich wie ein
Mann erhob und gegen solche Ungeheuerlichkeiten protestierte, den
Urheber derselben aber sofort von seinem Posten entfernte? Von alledem
keine Spur. Mit seinem Blatte beherrschte Schweitzer absolut den Verein;
jeder, der wagte aufzumucken, dessen Beschwerde flog in den Papierkorb,
und wer in einer Versammlung austrat, der wurde als Verräter an dem
Kleinod der Lassalleschen Organisation gebrandmarkt und mit dem Bann
belegt. Im Verein war er tot. Ließ aber jemand sich merken, daß er mit
Liebknecht und mir sympathisiere, so galt dieses selbst in den Augen der
meisten Mitglieder als ein Verbrechen, womöglich größer als Blutschande
oder Mord. Das war die Folge der systematisch von ihm betriebenen
Verhetzung.
Doch die Umwandlung in den Anschauungen vollzog sich bei einem Teil der
Vereinsmitglieder rascher, als wir damals selbst für wahrscheinlich
hielten.
Unter dem 26. November 1868 veröffentlichte Schweitzer einen langen
Aufruf in dem mittlerweile seit dem 10. Oktober vergrößerten
"Sozialdemokrat", der damals 3400 Abonnenten hatte, in welchem er seine
Ansicht über die Finanzlage des Vereins darlegte, die durch das Wachstum
desselben eine wesentlich günstigere geworden war. Zum Schluß kündigte
er an, daß er auf drei Monate "in die Einsamkeit des Gefängnisses
wandere", die er wegen Veröffentlichung einer Broschüre, "Der
Arbeitslohn und der Kapitalgewinn", anzutreten hatte. Er schließt den
Artikel mit den Worten:
"Lassalle sagt in betreff der Organisation, daß alle Einzelkräfte
zusammengeschmiedet werden müßten zu einem einzigen Hammer. Die Partei
war, als sie mich zu ihrem Führer erkor, der Meinung, daß mein Arm
kräftig genug sei, diesen Hammer zu schwingen. Ich will hoffen, daß
mir diese Kraft niemals erlahmt."
An Selbstgefühl ließen diese Ausführungen nichts zu wünschen übrig.
Anfang Dezember trat er seine Haft an, er wurde aber bereits gegen Ende
Dezember wieder aus dieser entlassen, weil sein Vater schwer erkrankte,
der noch vor Ende des Jahres starb. Schweitzer erhielt darauf eine Woche
Urlaub zur Ordnung von Familienangelegenheiten. Jetzt spielte sich aber
dasselbe ab, was sich 1866 abgespielt hatte, als er auf Urlaub
entlassen wurde. Aus der einen Woche wurden viele Wochen Urlaub, und nun
begann _Schweitzer abermals eine umfassende politische Tätigkeit, als
sei der Urlaub ihm nur zu diesem Zweck gewährt worden_.
Am 1. Januar 1869 kündigte der "Sozialdemokrat" an, _der Präsident sei
noch auf Tage den Geschäften der Parteileitung entzogen. Am 14. Januar
veröffentlichte Schweitzer unter den Augen der Polizei im
"Sozialdemokrat" eine lange Ansprache an die Mitglieder des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins und berief die Generalversammlung des Vereins
auf den 27. bis 30. März nach Barmen-Elberfeld._
Nach normalem Gang hätte Schweitzer dieser Generalversammlung gar nicht
beiwohnen können, da um diese Zeit seine Haft noch nicht zu Ende war.
_Aber er wußte bereits, daß er die Freiheit dazu haben würde._ Weiter
ordnete er an, daß die Präsidentenwahl sechs Wochen vor der
Generalversammlung, zwischen dem 24. Januar und dem 7. Februar
stattzufinden habe, wie es die neue, von ihm oktroyierte Organisation
vorschrieb.
Ferner kündigte er die Einberufung einer Konferenz des Vorstandes in
einer Stadt Mitteldeutschlands an, in der über die Agitation in
Süddeutschland und Sachsen beschlossen werden sollte. Gegen uns nahm der
"Sozialdemokrat" jetzt eine noch schärfere Stellung ein, da wir bewußt
oder unbewußt im Schlepptau der österreichischen Politik uns befänden.
Bemerkt sei hier, daß um diese Zeit Liebknecht wiederholt im
"Demokratischen Wochenblatt" Oesterreich gegenüber eine Taktik
eingeschlagen hatte, die ich für durchaus verfehlt hielt, was wiederholt
zwischen uns zu Meinungsverschiedenheiten führte. Liebknecht war eben
ein Mann des Extrems. Wie sein Haß gegen Bismarck und den Nordbund oft
die Grenze überschritt, so auch wieder seine Zuneigung zu Oesterreich,
dessen liberalem Bürgerministerium er übermäßige Leistungen zutraute. Es
war nur natürlich, daß Schweitzer diese Schwäche Liebknechts ausnutzte,
wobei ich bemerken will, daß es im Jahre 1867 auch für Schweitzer eine
Periode gab, in der er dem Bürgerministerium seine Unterstützung in
Aussicht stellte. Er wollte offenbar Hofstetten die Wege in Wien ebnen.
Im Januar 1869 setzten wir unseren schon früher gegen Schweitzer im
"Demokratischen Wochenblatt" und in Volksversammlungen aufgenommenen
Kampf mit aller Vehemenz und mit schwerstem Geschütz fort, dessen
vorläufiger Abschluß war, daß wir zur Generalversammlung des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins nach Elberfeld-Barmen eingeladen wurden, um
unsere Anklagen gegen Schweitzer zu erheben. Ich habe das Vorspiel zu
diesem Ereignis bereits im ersten Teil dieser Arbeit ausführlicher
geschildert.
* * * * *
Sozusagen zwischenaktlich sei hier erwähnt, daß Hasenclever infolge
einer Stichwahl in Duisburg Anfang 1869 ebenfalls in den Reichstag
gewählt worden war. Da ich glaubte annehmen zu dürfen, daß Hasenclever
das Treiben Schweitzers mißbillige und ehrlich eine Vereinigung wolle,
hatte ich 12 Taler gesammelt, die ich ihm zur Unterstützung seiner Wahl
schickte. Damals rechneten wir hüben und drüben bei Wahlen noch nicht
mit Tausenden und Zehntausenden Mark wie heute. Jeder Taler galt als
namhafter Beitrag. Ich machte darauf unter dem 13. Februar 1869 im
"Demokratischen Wochenblatt" bekannt, daß Hasenclever seine große Freude
und Genugtuung über die Sympathie und Unterstützung, die ihm zuteil
geworden, ausspreche. Er bedauere die Spaltung, die unter den
verschiedenen Fraktionen der Arbeiterpartei ausgebrochen sei, und hoffe,
daß die Differenzen, die wir mit anderen Führern seiner eigenen Partei
hätten oder gehabt hätten, und die doch nur persönlichen Ursprunges
seien, bald verschwinden würden. Er lebe der vollsten Ueberzeugung, daß
die Zeit nicht fern sei, wo sämtliche Sozialdemokraten Deutschlands in
festgeschlossenen Reihen unter einem Banner kämpften.
An dieser Erklärung Hasenclevers ist bemerkenswert, daß er von uns als
Sozialdemokraten spricht, ein Zugeständnis, das Schweitzer und der
"Sozialdemokrat" bis ans Ende der Wirksamkeit Schweitzers uns
versagten. Freilich hat es nachher, als Hasenclever Nachfolger
Schweitzers im Präsidium wurde, auch noch Jahre gedauert, ehe die
Einigung sich vollzog. Es scheint, daß auch sozialdemokratische
Kronprinzen, wo solche vorhanden, liberaler sind, denn später als
regierende Herren.
* * * * *
Am 14. Februar verkündete Schweitzer das Wahlresultat; er war wieder mit
rund 5000 Stimmen gegen 54 zum Präsidenten gewählt. Die Wahl war ein
moralisches Mißtrauensvotum, wenn man bedenkt, daß einige Wochen später
auf der Generalversammlung in Barmen-Elberfeld 12000 Mitglieder
vertreten waren; 40 Orte hatten gar keine Stimme abgegeben. Nachdem so
der politische Urlaub Schweitzers seinen Zweck erreicht hatte, ging er
am 18. Februar wieder ins Gefängnis, er wurde aber bereits am 4. März,
_dem Tage vor dem Zusammentritt des Reichstags, aus der Haft entlassen._
_Diese Haftentlassung bewies aufs neue die intimen Beziehungen
Schweitzers zur Regierung._ Solange ein Reichstag besteht, also von 1867
bis heute, ist es nie vorgekommen, daß ein Reichstagsabgeordneter, _auch
kein bürgerlicher, während des Reichstags aus der Strafhaft entlassen
wurde_, um an den Verhandlungen desselben teilzunehmen. Sogar mitten in
der Session von 1909 bis 1910 mußte ein elsässischer Abgeordneter seine
zweimonatige Strafhaft antreten. Die Regierungen, die preußische voran,
wie die Mehrheit des Reichstags, haben stets die Ansicht vertreten, daß
der Artikel 31 der Verfassung, der von der Immunität der Abgeordneten
handelt, die _Strafhaft nicht umfaßt_. Im Gegensatz zu dieser
jahrzehntelangen Uebung, die Preußen auch schon früher handhabte, _wurde
jetzt Schweitzer aus der Strafhaft beurlaubt, was nicht ohne
Einwilligung des zuständigen Ministers geschehen konnte, der dieses
nicht ohne die Zustimmung Bismarcks gewagt hätte._
Wie letzterer im übrigen in diesen Dingen dachte, zeigte plastisch die
Verhandlung, die der Reichstag am 28. April--also wenige Wochen nach
Schweitzers Beurlaubung aus der Strafhaft--hatte. Mende hatte in
München-Gladbach eine Versammlung abgehalten, nach der es zu
tumultuarischen Auftritten gekommen war, wobei er verhaftet wurde, weil
er angeblich diese Auftritte verursacht habe, was nicht der Fall war.
_Schweitzer_ stellte einen Antrag auf Haftentlassung Mendes. In der
Debatte nahm auch Bismarck das Wort und erklärte sich in seiner
peremptorischen Art _gegen_ die Haftentlassung. Der Reichstag mußte aber
auf Grund der vorliegenden Tatsachen gegen Bismarck entscheiden. Darauf
rächte sich dieser dadurch, daß er den Beamten, die die Verhaftung
Mendes angeordnet und vorgenommen hatten, Ordensauszeichnungen
zustellte. Und im Falle Mende handelte es sich um keine rechtskräftig
gewordene Strafhaft wie im Falle Schweitzer, sondern um eine
Untersuchungshaft.
Kurze Zeit vor jenem Vorgang war ich unfreiwilliger Zeuge einer
Begegnung zwischen Schweitzer und dem Prinzen Albrecht, Bruder des
Königs, der Mitglied des Reichstags war. Ich kam einen Korridor entlang
und sah am Ende desselben den Prinzen Albrecht in Gesellschaft einiger
konservativer Abgeordneter stehen. Aus einem Seitenkorridor trat
Schweitzer. Sobald der Prinz seiner ansichtig wurde, winkte er
Schweitzer heran, reichte ihm die Hand, die er kräftig schüttelte und
fragte sehr leutselig: Mein lieber Schweitzer, wie geht es Ihnen?
Schweitzer: Danke, Königliche Hoheit! Der Prinz: Warum waren Sie gestern
nicht in der Sitzung? Schweitzer: Doch, Königliche Hoheit, ich war
zugegen! Der Prinz: Warum haben Sie denn nicht das Wort ergriffen? Man
hatte dieses erwartet.... Ich trat rasch in den Sitzungssaal, um nicht
als Horcher zu erscheinen. Die Unterhaltung zeigte, daß Schweitzer mit
dem Prinzen schon öfter verkehrt hatte, und sie zeigte weiter, daß "man"
auf der rechten Seite des Reichstags genau wußte, was selbst die
radikalsten Reden Schweitzers bedeuteten.
Die Generalversammlung in Barmen-Elberfeld.
Als wir am 27. März gegen Abend in Barmen-Elberfeld ankamen, empfingen
uns eine Anzahl Gesinnungsgenossen, die sämtlich der Internationale
angehörten. Ueber unsere Verhandlungen an jenem Abend schrieb ich noch
in der Nacht an Marx:
"Liebknecht und ich sitzen eben hier in Elberfeld in einem kleinen
Kreise von Gesinnungsgenossen, um den Feldzugsplan für die morgige
Schlacht vorzubereiten. Wir haben hier eine solche Fülle von
Schuftereien Schweitzers zu hören bekommen, daß uns die Haare zu Berge
stehen. Ebenso stellt sich zur Evidenz heraus, daß Schweitzer das
Programm der Internationale nur zu dem Zwecke vorschlägt, um einen
Hauptcoup gegen uns zu führen und ein gut Teil oppositioneller
Elemente niederzuschlagen respektive zu sich herüberzuziehen. Ich
bitte Sie deshalb, zugleich im Namen Liebknechts und sämtlicher
hiesiger Freunde, eine etwaige Ratifikation des betreffenden
Beschlusses der Generalversammlung durch Schweitzer vorläufig
unberücksichtigt zu lassen oder wenigstens nur sehr vorsichtig zu
beantworten.
Nähere Mitteilungen folgen bald nach.
Ueber den Ausgang der morgigen Disputation läßt sich noch gar nichts
sagen, nur das eine kann ich mitteilen, daß Schweitzer mit allen
Mitteln der Perfidie und Intrige gegen uns wühlt, auf einen
durchschlagenden Erfolg hoffen wir auf keinen Fall. Die Organisation,
um jede Opposition aus der Mitte seines eigenen Vereins totzuschlagen,
ist hier schon seit Wochen mit großem Geschick getroffen worden.
Gestern abend beispielsweise hat Schweitzer bei seiner Ankunft einen
wahren Triumphzug durch Elberfeld-Barmen gehabt. (In einer mit
Schimmeln bespannten Equipage.) Damit schließe ich für heute."
Schweitzer hatte im "Sozialdemokrat" angekündigt, daß die Feinde schon
bis in die Nähe des Präsidenten (also der allerhöchsten Person)
gedrungen seien und die Generalversammlung wohl strenger und
entschiedener als bisher alle Angriffe auf die Organisation, das heißt
auf die von ihm oktroyierte, zurückweisen müsse.
In der Vorversammlung war gegen die Ansicht Schweitzers--der die
Begegnung mit uns hinausschieben, wenn nicht ganz verhindern wollte--mit
30 gegen 27 Stimmen unsere sofortige Zulassung beschlossen worden. Am
nächsten Nachmittag traten wir in den überfüllten Saal, von wütenden
Blicken der fanatisierten Anhänger Schweitzers empfangen. Liebknecht
sprach zuerst, etwa anderthalb Stunden, ich folgte und sprach wesentlich
kürzer. Unsere Anklagen enthielten zusammengedrängt, was ich bisher
hier gegen Schweitzer vorgebracht habe. Mehrere Male erfolgten heftige
Unterbrechungen, namentlich als ich Schweitzer als Regierungsagent
bezeichnete. Ich solle das Wort zurücknehmen. Dessen weigerte ich mich.
Ich glaubte, das Recht zu haben, meine Meinung frei aussprechen zu
dürfen, sie, die Zuhörer, brauchten mir ja nicht zu glauben.
Der "Sozialdemokrat" brachte einen sehr verstümmelten, zum Teil
gefälschten Bericht unserer Reden, der irreführend wirkte. Liebknecht
übertrieb die Loyalität. Er unterließ jede Berichterstattung und
begnügte sich, im "Demokratischen Wochenblatt" mitzuteilen, daß wir auf
der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gewesen
und unsere Anklagen gegen Schweitzer vorgebracht hätten. Schweitzer habe
mit 6500 Stimmen gegen 4500, deren Vertreter sich der Abstimmung
enthalten hätten, ein Vertrauensvotum erhalten. Doch da wir begründete
Aussicht auf Verständigung, wenn auch nicht auf Vereinigung der
vermiedenen sozialdemokratischen Fraktionen hätten, werde das
"Demokratische Wochenblatt" keine Angriffe auf Schweitzer mehr
veröffentlichen, wobei wir voraussetzten, daß von der Gegenseite
dieselbe Taktik innegehalten werde. Das geschah aber nicht, vielmehr
setzte der "Sozialdemokrat" seine Angriffe auf uns fort.
Schweitzer, der während unserer Reden auf dem Podium hinter uns saß,
erwiderte kein Wort. So verließen wir den Saal, wobei einige Delegierte
vor und hinter uns gingen, um uns vor Tätlichkeiten der fanatisierten
Anhänger Schweitzers zu schützen. Aber Schmeichelworte wie Schufte,
Verräter, Lumpe, euch sollte man die Knochen im Leibe zerschlagen usw.,
bekamen wir bei dem Gange durch das lebende Spalier in Menge zu hören.
Auch machte einer der Anwesenden den Versuch, mich beim Heruntersteigen
vom Podium durch einen Stoß in die Kniekehle zu Fall zu bringen. Vor der
Tür nahmen uns unsere Freunde in Empfang, um uns als Schutzgarde nach
unserem Hotel zu geleiten.
Schweitzer verlangte von den Delegierten ein Vertrauensvotum. Nach
erregter Debatte wurde ihm dasselbe mit der oben mitgeteilten
Stimmenzahl erteilt. Die Delegierten, die sich der Abstimmung
enthielten, waren: Bracke, Bräuer, Rudolph-Hannover, v. Daake, Geib,
Hirsch, Perl, Raspe-Essen, Schrader, Louis Schumann-Berlin, Spier,
Heinrich Vogel, Wilke und York.
Die Genannten mußten schwer büßen, daß sie das Vertrauensvotum
verweigert hatten; im "Sozialdemokrat" fielen die Angriffe hageldicht
auf sie nieder. Das beschlossene Vertrauensvotum lautete:
"In Erwägung, daß in den Ausführungen der Herren Bebel und Liebknecht
nichts Neues und Erhebliches enthalten ist, erklärt die
Generalversammlung, daß der Vereinspräsident nach wie vor das volle
Vertrauen der deutschen Arbeiterpartei besitzt."
Die Elberfelder Generalversammlung bedeutete für Schweitzer eine Reihe
schwarzer Tage. Was er im Herbste nach der Auflösung des Vereins durch
die Leipziger Polizei an diktatorischen Bestimmungen in die neue
Organisation gebracht hatte, fiel jetzt den Beschlüssen der
Generalversammlung zum Opfer. Zunächst wurde beschlossen, daß die
Leitung des Vereins aus einem Vorstand von 15 Personen statt wie bisher
von 25 bestehen solle. Außer dem Präsidenten, Kassierer und Sekretär
mußten die übrigen 12 Mitglieder an einem Orte wohnen, damit sie in
beständiger Fühlung miteinander waren und jeden Augenblick eine Sitzung
einberufen konnten. Die Sitzungen des Vorstandes sollte dessen
Vorsitzender berufen, nicht wie bisher der Präsident. Der letztere
sollte auch nicht sechs Wochen _vor_ der Generalversammlung, sondern
erst _nach_ derselben durch direkte Wahl seitens der Vereinsmitglieder
gewählt werden, nachdem das Protokoll veröffentlicht worden sei, damit
die Mitglieder wußten, was auf der Generalversammlung geschehen sei. Die
Befugnis des Präsidenten, für von ihm getroffene Anordnungen erst binnen
drei Monaten die Genehmigung des Vorstandes einzuholen, wurde auf acht
Tage beschränkt, machte also die Befugnis gegenstandslos. Außerdem
sollte der Vorstand mit einfacher Mehrheit über die innere Organisation,
den Geschäftsgang, die Förderungsmittel des Vereins, das Schreib- und
Kassenwesen beschließen. Ferner sollte der Vorstand auch das Recht
haben, in Fällen einer _politischen Unredlichkeit oder grober
Kassenvergehen ihn vom Amte zu suspendieren und die endgültige
Entscheidung durch eine sofort zu berufende Generalversammlung oder
durch Urabstimmung herbeiführen._ Durch diese und noch eine Reihe
anderer Bestimmungen wurden die Machtbefugnisse Schweitzers sehr
bedeutend eingeschränkt. Die Beschlüsse legten Zeugnis ab _von einem
sehr intensiven Mißtrauen, das gegen ihn herrschte,_ und bemerkenswert
ist, daß die wichtigsten Bestimmungen angenommen wurden, obgleich er
opponierte. Weiter wurde eine Ueberwachungs- und Beschwerdekommission
von drei Berliner Mitgliedern eingesetzt, die alle Beschwerden gegen die
Redaktion entgegennehmen und darüber entscheiden sollte. Durch diese
Beschlüsse war der Verein auf eine durchaus _demokratische Basis_
gestellt. Schweitzer war durch die Einschränkung seiner Allmacht so
deprimiert, daß er, nach Berlin zurückgekehrt, Annäherungsversuche an
uns machte. Unter dem 8. April sandte ich meiner Frau einen Brief, in
dem es hieß:
"Schweitzer hatte, obgleich ich ihn anfangs ignorierte, sich an mich
herangeschlängelt, als ich mit einem anderen Kollegen eine Unterhaltung
hatte. Beim Schluß der Sitzung hat er mich eingeladen, mit ihm,
Fritzsche und Hasenclever zu speisen. Diese Einladung auszuschlagen war
unmöglich, ohne grob zu erscheinen. Schweitzer ließ darauf seine
elegante Equipage mit Livreebedienten vorfahren und fuhr mit uns nach
dem Lokal, in dem wir speisten. (Wir aßen bei Olbrich, damals ein
bayerisches Bierlokal, auf der Leipzigerstraße in der Nähe der Linden.)
Nach dem Essen ließ er es sich nicht nehmen, mich mit der Equipage nach
dem Anhalter Bahnhof zu fahren, woselbst ich Liebknecht abholen wollte."
Nebenbei bemerkt, sein Essen zahlte jeder selbst.
Während des Essens wurde über Waffenstillstandsbedingungen verhandelt.
Ich erklärte mich zu solchen bereit, könnte mich aber auf nichts
Bestimmtes einlassen, bevor nicht Liebknecht mit dabei sei. Mit dreien
gegen mich allein zu verhandeln, war mir bedenklich. Die folgenden Tage
setzten wir die Verhandlungen im Reichstag fort. Schweitzer verlangte,
daß nicht nur die gegenseitigen Angriffe in den Blättern und
Versammlungen eingestellt würden, sondern daß auch die Mitglieder der
beiden Parteien nicht miteinander politisch verkehren oder gemeinsame
Aktionen unternehmen dürften. Das letztere lehnten wir ab, wie wir denn
überhaupt wiederholt sehr heftig aneinander gerieten und Schweitzer
nichts schenkten. Es sei eine Beleidigung für uns und auch eine solche
für die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, sich
gegenseitig wie Feinde anzusehen. Daß weder die Personen noch die
Organisationen gegenseitig angegriffen werden dürften, sei
selbstverständlich. Auch kamen wir überein, künftig im Reichstag die von
der einen oder anderen Partei gestellten Anträge gegenseitig zu
unterstützen. Darauf veröffentlichte der "Sozialdemokrat" in der Nummer
45 vom 16. April die Ankündigung, wonach er von jetzt ab weder Angriffe
gegen Liebknecht und mich, noch gegen unsere Partei bringen würde, und
forderte die Vereinsmitglieder auf, im gleichen Sinne zu handeln.
Umgekehrt veröffentlichten wir im "Demokratischen Wochenblatt" eine
ähnlich lautende Erklärung.
So schien alles in schönster Harmonie zu sein. Aber Schweitzer konnte
sich der neuen Ordnung nicht fügen; eine demokratische Organisation, wie
sie die Barmen-Elberfelder Generalversammlung geschaffen hatte, war für
ihn der politische Tod. Dieselbe legte ihm in einer Weise Fesseln an,
daß die bisher geübte politische Zweideutigkeit für künftig unmöglich
wurde. Außerordentlich bezeichnend für sein damaliges Verhalten ist
auch, daß er das ausführliche Protokoll, das über die Elberfelder
Verhandlungen erschienen war, unterschlug und verschwinden ließ, wie er
das gleichfalls mit dem Protokoll der Hamburger Generalversammlung aus
dem vorhergehenden Sommer getan hatte. Es sollte nichts, was ihn
kompromittierte, den Vereinsmitgliedern bekannt werden und in die
Oeffentlichkeit dringen.
Da erschien wie ein Blitz aus heiterem Himmel eine Proklamation in
Nummer 70 des "Sozialdemokrat" vom 18. Juni, überschrieben:
_Wiederherstellung der Einheit der Lassalleschen Partei_, und
unterzeichnet von Schweitzer und Mende. Wiederholt sei hier, daß seit
Anfang 1867 sich ein Teil der Mitglieder vom Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein unter dem Einfluß der Gräfin Hatzfeldt losgelöst und
unter dem Namen "Lassallescher Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein"
organisiert hatte, dessen Präsident Mende war. Das Organ des letzteren
Vereins war die "Freie Zeitung". Die beiden Vereine lagen sich seitdem
gegenseitig in den Haaren. Jetzt hatten sich die feindlichen Brüder,
soweit ihre Präsidenten und die Gräfin Hatzfeldt in Frage kamen, auf
einmal gefunden und traten Hand in Hand vor ihre Anhänger.
Der veröffentlichte Aufruf war ein ungemein phrasenreiches Schriftstück,
das mit einer Verherrlichung Lassalles begann. Wieder wurde das Wort
Lassalles: "Ihr sollt die Organisation aufrechterhalten, sie wird euch
zum Siege führen", zitiert. Weiter hieß es in hochtrabenden Worten:
"Die erwählten Führer der beiden Vereine sind von dieser Erkenntnis
durchdrungen; mit gehobenem Gefühl treten sie heute vor die Mitglieder
der beiden Vereine und fordern sie auf, ein stolzes Werk ihnen bauen
zu helfen, ... einen wahrhaft Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein,
mächtig über ganz Deutschland.... Unseren Vorschlag unterbreiten wir
den gesamten Mitgliedschaften beider Vereine, das heißt dem
_souveränen Volk selbst unmittelbar zur sofortigen Entscheidung_.
(Auch im Original gesperrt.)
_Das alte Lassallesche Statut ist es_, unter dem wir dereinst einig
waren und zu dem wir zurückkehren müssen, _um diesmal in einheitlicher
Entwicklung_, von diesem Boden aus gemeinsam voranzuschreiten...."
Dann wurde gefordert, daß bis zum 22. ds. Mts.--der Ausruf, vom 16.
datiert, erschien am 18. Juni im "Sozialdemokrat" und gelangte erst am
19. oder 20. in die Hände der meisten Mitglieder--über ihren Vorschlag
abgestimmt werden solle und am 23. _das Abstimmungsresultat in Berlin
angelangt sein müsse_.
Des weiteren wurde erklärt, daß, wenn die Abstimmung zugunsten des
Mende-Schweitzerschen Vorschlags ausfalle--in berechnender
Bescheidenheit trat Schweitzer hinter den stupiden Mende zurück--,
sollten am 24. Juni beide Vereine _aufgelöst_ werden, worauf noch _an
demselben Tage einige Parteifreunde zusammentreten und die
Wiederherstellung des ursprünglichen Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins unter dem alten Lassalleschen Statut beschließen
sollten_. Die Präsidentenwahl sollte am 30. Juni stattfinden und am 3.
Juli das Resultat verkündet werden. Bis zur Wahl des Präsidenten sollte
Mende als Präsident, Tölcke als Sekretär, Bracke als Kassierer
fungieren. Der Aufruf schloß:
"Macht es möglich, Parteigenossen, daß, wenn der Todestag Lassalles
wiederkehrt, wir alle, alle über seinem Grabe uns die Hände reichen
und uns sagen können: _Wir haben uns des Meisters würdig gezeigt._"
Dieses Vorgehen der beiden Präsidenten war der _Staatsstreich_. Damit
war die demokratische Organisation, welche die Elberfelder
Generalversammlung dem Schweitzerschen Verein gegeben hatte, mit einem
Schlage vernichtet. Schweitzer hatte die ihm angelegten Fesseln mit
einem Ruck zerrissen und war wieder unumschränkter Herr und Diktator. Um
den befürchteten Widerstand des in Hamburg domizilierten Vorstandes zu
brechen, schickte Schweitzer seinen Vertrauensmann Tölcke nach dort, dem
die Ueberredung des Vorstandes gelang. Geib telegraphierte: "Vorstand
befürwortet einstimmig nach Erwägung der ihm von Tölcke vorgetragenen
Gründe Wiedervereinigung. Mitgliederversammlung stimmte zu."
Aber nun galt es auch die zwischen Schweitzer, Fritzsche, Hasenclever
und uns getroffenen Vereinbarungen aufzuheben. Zu diesem Zwecke erklärte
Schweitzer in der Nummer 72 des "Sozialdemokrat" vom 22. Juni: Wir
hätten diese Abmachungen gebrochen, _indem wir erneut wissentlich und in
böswilliger Weise einen Eingriff in die von uns gehaßte Organisation des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins versuchten_. Damit hätten wir die
getroffenen Vereinbarungen gelöst, und nun hielten auch sie sich nicht
mehr daran gebunden.
Das begangene "Verbrechen" fiel zunächst auf mein Haupt. Ich hatte im
Laufe des Juni in zwölf thüringischen Städten Versammlungen abgehalten,
darunter auch in Apolda, Erfurt und Gotha. Hier hatten die Mitglieder
des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, indem sie mich dazu einluden,
Versammlungen einberufen, und deren Bevollmächtigte führten darin den
Vorsitz. Alle Versammlungen waren überfüllt und verliefen ausgezeichnet.
In jenen Versammlungen war eine Resolution angenommen worden, dahin
lautend, daß nur die sozialdemokratischen Prinzipien es seien, welche
die Lage der arbeitenden Klassen verbessern könnten, und daß eine
Einigung der sozialdemokratischen Arbeiterfraktionen herbeigeführt
werden müsse.
Den Schluß meiner Agitationsreise bildete eine Konferenz in Eisenach, an
der außer unseren Anhängern auch Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins und Mitglieder der Demokratischen Partei teilnahmen. Es
sei hier erläuternd bemerkt, daß zu jener Zeit eine Anzahl bürgerlicher
Demokraten in Thüringen vorhanden waren, die sämtlich auf dem Standpunkt
Jacobys standen, so Professor Abbe und sein Schwiegervater Professor
Snell, weiter Dr. Sy in Jena, der später der Partei sich anschloß,
Rechtsanwalt Creuznacher in Eisenach usw. Ferner zählte diese Partei
Anhänger in Weimar, Gotha und Altenburg. In Eisenach war in einer
Resolution erklärt worden:
"Zur gemeinsamen Arbeit für die Lösung der sozialen Frage ist es nicht
nur erforderlich, daß die Spaltung unter den verschiedenen Fraktionen
der Demokratischen Arbeiterpartei aufhört, sondern auch, daß die
demokratischen Arbeitervereine mit der gesamten demokratischen Partei
geeint seien, daß namentlich bei gemeinsamen politischen
Angelegenheiten, insbesondere bei Wahlen, die demokratische Partei und
die sozialdemokratischen Arbeitervereine zusammengehen."
Das war also das Verbrechen, das Schweitzer zu seinem Vorgehen gegen uns
veranlaßte.
Das Agitieren machte mir übrigens trotz aller Erfolge und
Beifallsbezeigungen wenig Vergnügen. Am 7. Juni hatte ich meiner Frau
von Ronneburg aus geschrieben: "Bei aller Liebe und Freundschaft, die
einem die Leute erweisen, ist das Agitieren kein angenehmes Geschäft."
Und wie lange habe ich es nachher noch betrieben. Die Pflicht gebot es,
das genügte.
Die Rebellion im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein.
Schweitzers und Mendes Staatsstreich machte in weiten Kreisen des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins böses Blut. Ein Teil der
intelligenteren Mitglieder sah ein, daß es kein Auskommen mehr mit
Schweitzer gebe und er das Hindernis einer Einigung sei. Bracke ließ
durch Vermittlung von Bremer-Magdeburg Liebknecht und mich wissen: sie
wünschten eine Zusammenkunft mit uns. Auf diesen Wunsch gingen wir
bereitwillig ein. Am 22. Juni abends trafen wir uns--Bracke, Bremer,
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