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Bismarck und Lassalle zueinander standen. Lastete doch der Gedanke
schwer auf Lassalle, wie er bei seinem Gesundheitszustand die langen
Haftstrafen überstehen werde.
In den Monaten, welche der Kriegsentscheidung im Juni 1866 vorausgingen,
arbeitete der "Sozialdemokrat" weiter zugunsten der Bismarckschen
Politik, und zwar wie auch früher mit raffiniertem Geschick. Es mußten
schon geübte Augen und ein scharfer Verstand sein, um aus all den
Verklausulierungen und Widersprüchen herauszuschälen, daß er eine
unehrliche Politik betrieb.
Gegen Ende März 1866, also während er im Gefängnis sitzt, wird er im
"Sozialdemokrat" deutlicher: "Die Zerstörung der Bundesleiche zu
Frankfurt sollte die Auflösung der Nation bedeuten. Die Geburt der
Nation würde von diesem Tage an datieren." Einer seiner Hamburger
Anhänger, Schallmeier, erklärte im "Sozialdemokrat", die Arbeiter würden
für den Krieg sein, gebe man denselben das allgemeine Wahlrecht.
Gleichzeitig erhebt der "Sozialdemokrat" unausgesetzt heftige
Angriffe gegen die Fortschrittspartei, den Nationalverein, den
Sechsunddreißiger-Ausschuß. Daneben erschienen wieder einige Artikel,
worin ein Buch Rüstows über das Milizsystem günstig besprochen und das
Milizheer als eine Einrichtung gepriesen wird, die am billigten die
meisten Streiter liefere.
Im März noch hatte der "Sozialdemokrat" den preußischen
Bundesreformentwurf mit Geringschätzung behandelt, er werde "schätzbares
Material" bleiben. In der zweiten Hälfte April tritt er entschieden für
die preußische Bundesreform ein. Jetzt war keine Rede mehr von den
früheren Versicherungen, dem neuen Deutschen Reiche dürfe kein Dorf,
nicht der letzte Weiler fehlen. Er hatte auch vergessen, daß er noch in
der zweiten Hälfte September 1865 geschrieben: Unser köstliches Kleinod
ist, daß wir kein Oesterreich und kein Preußen, kein Bayern und kein
Hessen-Homburg, daß wir nur ein Deutschland kennen, ein deutsches Volk
und eine deutsche Sprache.
In einer Artikelserie: Habsburg, Hohenzollern und die deutsche
Demokratie, die Ende April erschien, spricht er sich schließlich für die
Vernichtung Oesterreichs aus; es müsse reduziert werden auf die 12900000
Einwohner, die zum Bunde gehörten. Dann sei Deutschland konstituiert,
das heißt dann hat Preußen das Feld.
Auf ein wiederholtes Gesuch wurde Schweitzer am 9. Mai 1866 angeblich
wegen gefährdeter Gesundheit aus dem Gefängnis beurlaubt. Dagegen wäre
nichts einzuwenden gewesen, entsprach der Grund des Urlaubs der
_Wahrheit_. Dieser Grund erwies sich aber als eine Lüge. _Kaum aus dem
Gefängnis beurlaubt, entwickelte Schweitzer eine umfassende politische
Tätigkeit_, die nicht nur bewies, daß die Ruhe des Gefängnisses ihm
wieder eine gute Gesundheit verschafft hatte, _sondern daß auch die
maßgebenden Behörden gegen seine politische Tätigkeit nichts einzuwenden
hatten, obgleich sonst die Behörden bei Beurlaubungen politischer
Gefangener die selbstverständliche Forderung stellen, daß der Beurlaubte
nicht eine Tätigkeit betreibe, wegen der er in Strafe genommen worden
ist_.
Am 21. Mai erscheint Schweitzer in Hamburg, um dort "Ordnung zu
schaffen", am 11. Juni in Erfurt und am 18. Juni in Leipzig, woselbst er
in einer Rede für die Bismarcksche Bundesreform eintritt. Dieses
Eintreten hatte aber nicht verhindert, daß am 18. Mai der
"Sozialdemokrat" in einem Leitartikel sagte: Von einem liberalen Preußen
sprechen die Gothaer, das an die Spitze Deutschlands zu treten habe,
aber das hieße in Wahrheit sprechen: _von einem Preußen, das nicht
existiert und nicht existieren kann_.
Und dieser positiven durchaus richtigen Auffassung über das Wesen
Preußens gegenüber sagt Schweitzer am 16. Juni in Leipzig in einem
Vortrag "Ueber die gegenwärtigen Aufgaben der sozialdemokratischen
Partei Deutschlands" am Schlusse:
"Wenn es aber gelingt, die preußische Regierung weiterzutreiben auf
dem _Wege der Konzessionen an uns_ (sic! A.B.)..., dann werden wir
soviel wir können das _Unsere tun_, daß der Sieg nicht bei den Fahnen
Oesterreichs, sondern bei den Fahnen Preußens, nicht bei den Fahnen
Benedeks, sondern bei den Fahnen Bismarcks und Garibaldis sei."
Kann man widerspruchsvoller handeln?
Diese Auslassungen sind als Programmsätze Schweitzers sehr
bemerkenswert, und sie fanden wohl an hoher Stelle in Berlin ihr Echo.
Was aber das Antreiben der preußischen Regierung zu Konzessionen an uns
(also an den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein) betraf, so war, ganz
abgesehen von dem Utopismus, auf Bismarcksche Konzessionen zu
hoffen--woran Schweitzer auch selbstverständlich nicht glaubte--das
ganze Gerede eine _Aufschneiderei_, denn Schweitzer selbst hatte zuletzt
noch am 3. Juni, vierzehn Tage vor seiner Leipziger Rede, im
"Sozialdemokrat" geschrieben: _daß die Wirren im Verein bis auf weiteres
denselben unfähig machten, in sozialpolitischen Dingen irgend etwas zu
leisten_.
Diesem Gedanken hatte er auch schon wiederholt vor dem 3. Juni im
"Sozialdemokrat" Ausdruck gegeben, wie denn in der Tat die Wirren im
Verein, an denen Schweitzer sein vollgerüttelt Maß der Schuld trug, bis
in das Jahr 1867 hinein denselben in Zerrüttung hielten.
In seltsamem Widerspruch zu diesen wiederholten Erklärungen Schweitzers
steht es, wenn noch in unseren Tagen die Behauptung aufgestellt wurde,
der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein habe zu jener Zeit einen
merkbaren Einfluß auf die Neugestaltung der Dinge ausgeübt, zum Beispiel
bei Erlangung des allgemeinen Wahlrechts. Bei dem Widerstand, den das
Bismarcksche Reformprojekt in den weitesten Kreisen fand, mußte Bismarck
allerdings jede Unterstützung, war sie auch noch so unbedeutend, für
sein Projekt willkommen sein. Daß er das allgemeine Wahlrecht gewährte,
geschah, weil er es gewähren mußte. Das war so selbstverständlich, daß
es dazu keiner Einflüsterungen und Anfeuerungen bedurfte. Hatte er doch
bereits Sommer 1863, also zu einer Zeit, in der der Allgemeine Deutsche
Arbeiterverein eben erst gegründet worden war, gegenüber dem
österreichischen Reformentwurf, der das deutsche Parlament aus
Delegationen der einzelstaatlichen Landtage zusammensetzen wollte, ein
Parlament gefordert, das auf Grund des in der Paulskirche 1849
beschlossenen allgemeinen Wahlrechtes gewählt werden sollte. Bismarck
hat die Gründe, weshalb er zu demselben griff und greifen mußte, nicht
bloß später im norddeutschen Reichstag auseinandergesetzt; er schrieb
auch in einer Zirkulardepesche am 24. März 1866, also drei Monate vor
dem Krieg:
"Direkte Wahlen und allgemeines Stimmrecht halte ich für größere
Bürgschaften einer konservativen Haltung als irgend ein künstliches,
auf Erzielung gemachter Majoritäten berechnetes Wahlgesetz. Nach
unseren Erfahrungen sind die Massen ehrlicher bei der Erhaltung
staatlicher Ordnung interessiert als die Führer derjenigen Massen, die
man durch die Einführung irgendeines Zensus in der aktiven
Wahlberechtigung privilegieren möchte."
Und an den Grafen Bernsdorf in London schrieb Bismarck unter dem 19.
April 1866:
"Ich darf es wohl als eine auf langer Erfahrung begründete
Ueberzeugung aussprechen, daß das künstliche System indirekter und
Klassenwahlen ein viel gefährlicheres ist, indem es die Berührung der
höchsten Gewalt mit den gesunden Elementen, die den Kern und die Masse
des Volkes bilden, verhindert.... Die Träger der Revolution sind die
Wahlmännerkollegien, die der Umsturzpartei ein über das Land
verbreitetes und leicht zu handhabendes Netz gewähren, wie dies 1789
die Pariser Elekteurs gezeigt haben. Ich stehe nicht an, indirekte
Wahlen für eines der wesentlichsten Hilfsmittel der Revolution zu
erklären, und ich glaube, in diesen Dingen praktisch einige
Erfahrungen gesammelt zu haben."
Zu diesen Gründen, die deutlich das Unbehagen verraten, das die
bisherigen Resultate der Wahlen nach dem Dreiklassenwahlsystem in
Preußen bei ihm erzeugten, kommen noch als besonders _entscheidende_,
daß in dem Staatenkonglomerat, das der später neugebackene Norddeutsche
Bund bildete, es keine gemeinsame Grundlage gab, auf der ein anderes
Wahlrecht als das allgemeine möglich war. Ferner gebot die Rücksicht auf
die Traditionen des ersten deutschen Parlaments in Frankfurt 1848/49,
daß er das allgemeine Wahlrecht einführte, das allein die starken
Antipathien, die gegen die Gründung des Norddeutschen Bundes selbst in
weiten Kreisen der norddeutschen Bevölkerung vorhanden waren,
einigermaßen überwinden konnte. Es muß weiter hinzugefügt und
_wiederholt_ daran erinnert werden, daß in jenen Jahren der Gedanke, das
allgemeine Wahlrecht einzuführen, selbst in konservativen Kreisen im
Hinblick auf die Resultate des Dreiklassenwahlsystems sympathisch
aufgenommen wurde und der Geheime Regierungsrat Wagener schon im
Spätsommer 1862, also _ehe_ noch Lassalle öffentlich diese Forderung
erhoben hatte, die Einführung des allgemeinen Wahlrechts befürwortete.
Auch hatten schon zu Anfang 1862 die radikalen Leipziger Arbeiter diese
Forderung gestellt, und seit 1865 war es eine Programmforderung _der
gesamten deutschen Arbeiterklasse ohne Unterschied der Partei_. Im
Winter 1865/66 wurde diese Forderung in unzähligen Volksversammlungen
propagiert, noch ehe jemand an den Bismarckschen Reformentwurf denken
konnte, weil er für die Oeffentlichkeit noch nicht existierte. Es war
also nach Lage der Dinge unmöglich, daß der Allgemeine Deutsche
Arbeiterverein als solcher merkbaren Einfluß auf die Gewährung des
allgemeinen Stimmrechts ausgeübt hat.
Bismarck hatte am 9. Mai den Landtag nach Hause geschickt, weil er
fürchtete, daß er ihm, wie bei Gelegenheit der Schleswig-Holsteinschen
Frage, die Mittel zum Kriegführen verweigern werde. Bismarck brauchte
aber Geld, und so gab er auf dem Verordnungswege, also ohne alles
gesetzliche Recht, 40 Millionen Taler Kassenscheine aus und ordnete die
Errichtung von Darlehenskassen an. Die gesamte liberale und
demokratische Presse spie mit Recht Feuer und Flamme über diese
gesetzwidrige Handlung, aber _Schweitzer brachte es fertig, unter sehr
deplacierten Angriffen auf die Fortschrittspartei die Handlung
Bismarcks zu verteidigen_. Als dann Bismarck nach dem Kriege die
Gründung eines Staatsschatzes, der mit 20 Millionen Taler dotiert werden
sollte, verlangte, um ausgesprochenermaßen im Kriegsfall zunächst von
einer Geldbewilligung der Kammer unabhängig zu sein, _führte Schweitzer
wieder eine Menge Gründe zugunsten desselben an, wagte aber nicht_, sich
rückhaltlos für den Plan auszusprechen.
Der "Sozialdemokrat" mußte mit dem 1. April 1866 sein sechsmaliges
Erscheinen einstellen; er erschien wieder nur dreimal wöchentlich. Es
mochte niemand mehr ein Bedürfnis haben, angesichts der kommenden
kriegerischen Ereignisse weiter schwere Opfer für ein sechsmaliges
Erscheinen zu tragen. _Denn er besaß noch keine 500 Abonnenten_. Am 17.
Juni fand eine Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins in Leipzig statt, die nur von 12 Delegierten besucht
war, was zeigt, wie gering damals die Leistungsfähigkeit des Vereins
war. Angeblich sollten diese 12 Delegierten, unter denen sich auch
Schweitzer befand, 9400 Mitglieder vertreten. Bei der Präsidentenwahl
unterlag Hillmann-Elberfeld gegenüber Perl-Hamburg, das war ein
indirekter Sieg Schweitzers. Im "Sozialdemokrat" wiederholte sich jetzt
das Spiel, das man nach seiner Leipziger Rede erwarten mußte. Als
Oesterreich während der Waffenstillstandsverhandlungen Venetien an
Napoleon übergab, um es nicht an das verhaßte Italien abtreten zu
müssen, entdeckte Schweitzer hierin, gleich der liberalen Presse, einen
_Verrat_ Oesterreichs an Deutschland, und ging nun, diesen Vorwand
benutzend, mit fliegenden Fahnen in das Lager Preußens, dessen
"staunenswerte organisatorische Kraft" gezeigt, daß Deutschland zu ihm
zu stehen habe. Von diesem seinem Standpunkt aus war es ihm
außerordentlich peinlich, als Ende August Johann Jacoby anläßlich der
Beratung einer Adresse an den König eine vorzügliche Rede im preußischen
Landtag hielt, in der er sich entschieden gegen das neue Gebilde,
den Norddeutschen Bund, aussprach, der die Ausschließung
Deutsch-Oesterreichs und der süddeutschen Staaten zur Voraussetzung
gehabt habe. Im weiteren erklärte sich Jacoby gegen die Indemnität, die
jetzt die Regierung für ihre gesetzwidrigen Maßnahmen vor und während
des Krieges von dem Landtag forderte. Schweitzer zollte zwar dem Mute
und dem Idealismus Jacobys volles Lob, rechtfertigte aber durch
gewundene Ausführungen den neuen Stand der Dinge. Als dann am 20.
September die allgemeine Amnestie erschien, war niemand vorhanden, der
dieselbe mehr verdient hätte als er für die Dienste, die er vom 9. Mai
ab für die Regierung geleistet hatte; sie brachte ihm den Nachlaß von
zehn Monaten seiner Haft.
Ende August 1866 machte der "Sozialdemokrat" in der Anwandlung einer
melancholischen Stimmung das Geständnis: "So habe sich das deutsche Volk
die deutsche Einheit nicht vorgestellt." Was damals über den Entwurf zur
künftigen Nordbundsverfassung verlautete, war allerdings zum
Melancholischwerden. Bismarck, der wirkliche Realpolitiker, der jetzt im
Zenith seiner Macht stand, schmiedete das Eisen, solange es warm war,
und schuf einen Verfassungsentwurf, der noch ein gut Stück hinter der
preußischen Verfassung an konstitutionellen Rechten zurückstand. Es
hieße den Scharfsinn Schweitzers beleidigen, wollte man annehmen, daß er
ernstlich darüber enttäuscht war. Wer wie er das Wesen des jetzt alles
beherrschenden preußischen Staates und auch das Wesen und den Charakter
Bismarcks kannte, konnte nichts anderes erwarten. Aber wie wollte er
seine großpreußische Politik dem Verein gegenüber rechtfertigen und
mundgerecht machen? Jetzt zeigte sich, was es mit seiner Behauptung, der
Verein sei eine Macht, so "daß er ihm (Bismarck) Konzessionen abnötigen
könne", auf sich hatte.
Wir waren nicht enttäuscht, denn wir hatten uns keinen Illusionen
hingegeben. Indes spann Schweitzer den alten Faden weiter. Vor allem
setzte er auf der Generalversammlung in Erfurt, die für den 27. Dezember
einberufen worden war, ein Wahlprogramm durch, dessen erster Punkt in
Berlin an maßgebender Stelle notwendig freundlich aufgenommen werden
mußte. Dieser Punkt lautete: "Gänzliche Beseitigung jeder Föderation,
jedes Staatenbundes, unter welcher Form es auch sei. Vereinigung aller
deutschen Stämme zu einer innerlich und organisch durchaus
verschmolzenen Staatseinheit, durch welche allein das deutsche Volk
einer glorreichen nationalen Zukunft fähig werden kann: durch Einheit
zur Freiheit." Also auf dem Wege der Bismarckschen Politik zur Freiheit.
Das war die _gleiche_ Parole, welche die nationalliberale Partei
aufgestellt hatte, und bedeutete weitere Annexionen, die nicht ohne
einen neuen Krieg ausführbar waren. Der zweite Punkt des Programms
handelte von der Forderung des allgemeinen, gleichen Wahlrechtes mit
Diätenzahlung für Reichstag und Landtage. Sicherung der Volksrechte. Die
Forderung nach allgemeiner Volksbewaffnung, die in dem von der Gräfin
Hatzfeldt herrührenden Programmentwurf stand, strich Schweitzer, denn
nach dem "Sozialdemokrat" hatte Preußen bewiesen, "daß es allein durch
seine staunenerregende organisatorische Kraft zur Führung der deutschen
Wehrkraft berufen sei", und dem durfte man doch jetzt nicht mit der
allgemeinen Volksbewaffnung kommen. Der vierte Punkt verlangte Anbahnung
der Lösung der Arbeiterfrage durch freie Assoziationen mit Staatshilfe
nach den Prinzipien Ferdinand Lassalles. Also von Bismarcks Gnaden. Für
Moritz Heß gab das Erfurter Programm endlich den Anstoß, um als letzter
von den ersten Mitarbeitern dem "Sozialdemokrat" die Mitarbeiterschaft
aufzusagen.
Man vergleiche dieses Verhalten Schweitzers mit seinem Verhalten im
Frühjahr 1865, als er, durch die Opposition in seinem Verein bedrängt,
im "Sozialdemokrat" vom 5. April 1865 erklärte:
"Die Deutsche Volkspartei _also will das ganze_ Deutschland zum freien
Volksstaat vereinen. Das ganze Deutschland sagen wir. Nicht ein Dorf,
nicht ein Meierhof, nicht die kleinste Hütte im entferntesten Winkel
darf uns fehlen. Der kleindeutsche Gedanke eines einigen Deutschland
_ohne die deutsch-österreichischen Provinzen ist ein Hochverrat an der
Zukunft der Nation_."
So hatte der Schweitzer von 1865 dem Schweitzer von 1866 das Urteil
gesprochen. Aber was er 1865 geschrieben und beteuert hatte, hatten
seine Anhänger vergessen. Blieb nach einer anderen seiner früheren
Ausführungen nur die Wahl zwischen deutschen Proletarierfäusten und
Preußen für die Lösung der deutschen Frage, und waren damals die
deutschen Proletarierfäuste zu schwach, die deutsche Frage im
demokratischen Sinne zu lösen, so war dies für den Führer einer
Arbeiterpartei kein Grund, sich zum Werkzeug der Lösung im cäsarischen
Sinne herzugeben. Einmal die Ehrlichkeit Schweitzers für einen
Augenblick vorausgesetzt, so wäre selbst dann seine Taktik ein Verrat an
der Demokratie gewesen, weil er die Politik ihres gewalttätigsten und
grimmigsten Feindes unterstützte.
Schweitzer und die Konservativen.
Mit der Agitation für die Wahlen zum konstituierenden norddeutschen
Reichstag, die auf den 12. Februar 1867 angesetzt waren, beginnt die
zweite Periode der Tätigkeit Schweitzers. Die Haltung des
"Sozialdemokrat" ließ keinen Zweifel, daß Schweitzer es mit den
_Konservativen_ nicht verderben wollte. Er rechnete offenbar auf
Schachergeschäfte mit diesen gegen die Liberalen, was auch im Wunsche
Bismarcks liegen mußte. Schweitzer ging also wieder gegen die
Fortschrittspartei aufs schärfste ins Feuer, eine Taktik, die ihm der
alte Moritz Heß als Verrat anrechnete. Dieser meinte, es handle sich vor
allen Dingen doch darum, die _linke_ Seite des Parlamentes nach Kräften
zu stärken, um eine leidliche Verfassung zustande zu bringen, was ein
durchaus richtiger Standpunkt, aber nicht der Schweitzers war.
Schweitzer hatte unter den verschiedenen Kandidaturen, die ihm von
seinen Anhängern angeboten worden waren, sich für Barmen-Elberfeld
entschieden, ein Wahlkreis, der ihm die meiste Aussicht auf Sieg bot.
Die Leipziger Lassalleaner wollten in Leipzig Liebknecht aufstellen, den
wir im neunzehnten sächsischen Wahlkreis aufgestellt hatten, wo wir
hofften, ihn durchzubringen, was leider nicht gelang. Wir hatten in
Leipzig, nachdem Professor Roßmäßler abgelehnt hatte, Professor Wuttke
als Kandidat proklamiert. Schweitzer eiferte gegen Liebknechts
Kandidatur. Dieselbe gehe von einer Seite aus, der das Werk Lassalles
stets ein Dorn im Auge gewesen sei. Die Leute, die im Hintergrund von
Liebknechts Kandidatur stünden, seien im Zusammenhang mit
österreichischen reaktionären Kreisen. Liebknecht habe noch vor zwei
Jahren Lassalle in öffentlichen Blättern geschmäht. Wer Liebknecht
wähle, sage sich offen von Lassalle und seinem Werke los. So spekulierte
er auf die blinde Voreingenommenheit seiner Anhänger für Lassalles Werk.
Liebknecht zu wählen, war also ein Verbrechen an Lassalle. Wie
Schweitzer überhaupt die Dinge ansah, zeigt ein Ausruf "An meine Freunde
und Parteigenossen in Schlesien und im Rheinland", in dem es pathetisch
hieß: "_Eine mildere Zeit, eine weisere Regierung ist gekommen!_" In
Barmen-Elberfeld, woselbst Schweitzer Ende Januar wieder eine seiner
geschickten Reden hielt, sprach er _mit keinem Worte über seine Stellung
in der Politik und gegebenenfalls im Parlament_. Im "Sozialdemokrat"
wurden ungeschickterweise maßlose Hoffnungen über den Ausfall der Wahlen
genährt. So wurde zum Beispiel in der Nr. 15 vom 3. Februar angekündigt,
die gewählten Vertreter würden in Berlin einen gemeinsamen Haushalt
führen. Man sprach von Diätenkommunismus usw. Schweitzer wurde sogar im
"Sozialdemokrat" als Sieger angesungen, noch ehe er gewählt war. Er
hatte als Gegenkandidaten in Barmen-Elberfeld von konservativer Seite
Bismarck, von liberaler Herrn v. Forckenbeck. Der Wahltag brachte eine
schwere Enttäuschung. Bismarck erhielt 6523, Forckenbeck 6123,
Schweitzer nur 4688 Stimmen. Er war nicht einmal in die engere Wahl
gekommen. Auch im übrigen Deutschland war der Wahlausfall für den
Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein eine Enttäuschung. In der engeren
Wahl in Barmen-Elberfeld hatten also die Sozialdemokraten den Ausschlag
zu geben. In einer großen Wählerversammlung am 26. Februar nimmt
Schweitzer zunächst das Wort, erklärt aber, keine Parole für die engere
Wahl auszugeben, bevor er nicht die Meinung der Versammlung gehört.
Schließlich ergreift er wieder das Wort, wobei er äußerte:
"Das vielfache Rufen des Namens Bismarck aus der Versammlung hätte ihn
erkennen lassen, _nach welcher Seite sich die Stimmung im allgemeinen
gelenkt habe. Er könne dem einzelnen keine Vorschriften machen, für
wessen Wahl sich derselbe entscheiden solle, ein jeder solle dem Zuge
seines Herzens folgen._"
Damit wußte jeder, woran er war. Um aber das Komödienspiel zu vollenden,
ließ er im Widerspruch mit seiner eigenen Rede eine Resolution annehmen,
in der sich die Versammlung für _Stimmenthaltung_ aussprach. In der Tat
erhielt Bismarck bei der engeren Wahl _fast die gesamten Schweitzerschen
Stimmen. Er wurde mit 10196 gegen 6944, die Forckenbeck erhielt,
gewählt._
Schweitzer suchte in einer Erklärung diese Abstimmung damit zu
rechtfertigen, daß er ausführte:
Man habe der liberalen Bourgeoisie eine Lehre geben wollen für die
gemeine Kampfweise, die sie im Wahlkampf geübt habe. "_Vielleicht
auch, Arbeiter_," fuhr er fort, "_war eure Abstimmung eine Huldigung
nicht zwar für den Kandidaten der konservativen Partei, wohl aber für
den Minister, der aus eigenem Antrieb ein Volksrecht euch
zurückgegeben, welch es die liberale Opposition für euch zu fordern so
hartnäckig vergessen hatte._"
Der gute, volksfreundliche Bismarck!
Wenige Tage nach jener Elberfelder Bismarckwahl stand ich in engerer
Wahl im 17. sächsischen Wahlkreis (Glauchau, Meerane usw.) gegen einen
nationalliberalen Kandidaten. Hier erklärte der Führer der
Lassalleaner--den Bericht veröffentlichte der "Sozialdemokrat"--, _ein
reiner Lassalleaner dürfe Bebel nicht wählen, der nach dem Standpunkte,
den sie, die Lassalleaner, einnähmen, ein Verräter an der Sache sei_.
_Bismarck der Wohltäter der Arbeiter, Liebknecht und Bebel ihre
Verräter._ Das war das Resultat der Schweitzerschen Erziehungsmethode.
Wie schon früher gemeldet, wurde ich trotzdem gewählt, die wenigen
hundert Stimmen der Lassalleaner gaben nicht den Ausschlag.
In Barmen-Elberfeld mußte kurz darauf eine Neuwahl stattfinden, da
Bismarck, der doppelt gewählt worden war, das Mandat für
Barmen-Elberfeld niederlegte. Bei der darauf folgenden Neuwahl erhielt
Schweitzer 4919, der liberale Professor Gneist 4291, der konservative
von der Heidt 2594, Oberbürgermeister Bredt 1497 Stimmen. Es mußte also
wieder engere Wahl stattfinden, und zwar diesmal zwischen Schweitzer und
Gneist. Der "Sozialdemokrat" buhlte jetzt offen um die Stimmen der
konservativen--Arbeiter. _Noch charakterloser und würdeloser trieb
Schweitzer die Buhlerei in einer Versammlung am 17. März, in der er die
Konservativen aufforderte, von zwei Uebeln das kleinere oder entferntere
zu wählen, und das sei er. Auf dem sozialen Boden könnte sich die
Arbeiterpartei mit den Konservativen über manches die Hände reichen._ Er
bezieht sich dafür auf _Reden des Geheimen Oberregierungsrats Wagener,_
auf Bischof Kettelers Buch, _auf Aeußerungen Bismarcks_.
_"Die Konservativen möchten mitwirken, damit die Arbeiter durch ihn im
Parlament zum Wort kämen. Als die Konservativen die Arbeiter
riefen--einerlei aus welchem Grunde--, kamen diese mit ihrer ganzen
Armee. Jetzt rufen die Arbeiter, und die Konservativen würden eine
moralische Verpflichtung nicht lösen, wenn nicht auch sie nun dem Rufe
folgten. Sie müßten kommen, wenn sie nicht die gerechtere Entrüstung
über sich heraufbeschwören wollten."_
Dann stößt er Drohungen gegen die Fortschrittspartei aus.
Aber für diese Charakterlosigkeit und Würdelosigkeit sondergleichen
blieb dennoch der Lohn aus. Schweitzer unterlag abermals, und zwar mit
7923 gegen 8019 Stimmen, die auf Gneist fielen.
Schweitzer im norddeutschen Reichstag.
Nachdem der konstituierende norddeutsche Reichstag die Verfassung des
Norddeutschen Bundes beraten hatte und diese verkündet worden war,
wurden die Wahlen für die erste Legislaturperiode auf Ende August 1867
angesetzt. Schweitzer kandidierte wieder in Barmen-Elberfeld, diesmal
mit Erfolg. Schweitzer erhielt im ersten Wahlgang 6110, Dr. Löwe-Calbe
(Fortschritt) 3588, Professor v. Sybel-Düsseldorf 3478 Stimmen, es war
also engere Wahl zwischen Schweitzer und Löwe-Calbe nötig, in der
Schweitzer mit 8915 Stimmen gegen 6690 Stimmen, die auf Löwe-Calbe
fielen, siegte. _Diesmal hatte wieder der größte Teil der Konservativen
für Schweitzer gestimmt._ Wie er in seiner Danksagung glaubte
hervorheben zu müssen, waren es die konservativen Arbeiter, die in
richtiger Erkenntnis der Sachlage dem Arbeiterkandidaten ihre Stimme
gegeben hätten. Inwieweit das richtig war, zeigt die später bekannt
gewordene Tatsache, _daß der Führer der Konservativen, Herr v. Kusserow,
Schweitzer für seine Wahl 400 Taler eingehändigt hatte._ Auf der
Berliner Generalversammlung stellte man, als diese Tatsache bekannt
wurde, das grausame Verlangen, Schweitzer solle das Geld zurückgeben.
Wie konnte man nur so naiv sein.
Aber Schweitzer glaubte noch ein übriges tun zu müssen und den
Konservativen Zusicherungen für sein Wohlverhalten im Reichstag geben zu
sollen, und so äußerte er in seiner Erklärung vom 11. September weiter:
"Mein sozialer Standpunkt wird von niemand in Zweifel gezogen; ich
brauche daher in dieser Beziehung nichts zu sagen. In politischer
Beziehung bemerke ich, daß ich gemäß den Grundsätzen der Partei, der
ich angehöre und die mich zu ihrem Führer erkoren, in Fragen der
Freiheit und _des Volkswohls_ unwandelbar mit der äußersten Linken
(der Fortschrittspartei) stimmen werde. Sollten ernstliche Gefahren
vom Ausland her das deutsche Vaterland bedrohen, so werde ich den
König von Preußen, in dem jetzt die nationale Machtstellung
Deutschlands gipfelt, und seine Regierung mit aller Kraft, die einem
einzelnen zu Gebote stehen kann, in dem Parlament wie außerhalb
desselben zu unterstützen bestrebt sein."
Schweitzers Wahl hatte begreiflicherweise unter seinen Anhängern große
Begeisterung hervorgerufen, und er nutzte diese nun aus, indem er in
einem mit vier Schimmeln bespannten Wagen einen Triumphzug durch die
beiden Städte Barmen-Elberfeld unternahm. Solche Triumphzüge, die,
wollte sie heute ein Arbeiterführer arrangieren, ihn zum toten Manne
machten, liebte er. Solche Triumphzüge, wobei stets die Schimmel eine
Rolle spielten, kamen wiederholt auch später vor, so zum Beispiel in
Hamburg-Altona, nochmals in Barmen-Elberfeld und in Kassel. Damit aber
auch das nötige Volk auf der Straße war, unterbrach zum Beispiel
Schweitzer seine Reise von Berlin nach Kassel in Minden und fuhr von
dort mit einem Zug, der erst abends nach 7 Uhr in Kassel eintraf. Hier
benutzte er die mit Schimmeln bespannte Equipage auch während der
mehrtägigen Dauer der Generalversammlung des Arbeiterverbandes,
verlangte aber, daß seine Anhänger die hohen Kosten dafür tragen
sollten. Dessen weigerten sie sich. Die Kosten des Triumphzugs vom
Bahnhof nach der Stadt wollten sie bezahlen, das andere müsse Schweitzer
tragen. Dabei blieb es.
Mit Schweitzers Eintritt in den norddeutschen Reichstag, dem außer mir
nunmehr auch Liebknecht angehörte, kam es zeitweilig zwischen uns und
Schweitzer zu Auseinandersetzungen. Eine solche von besonderem Interesse
spielte sich in der Sitzung vom 17. Oktober 1867 ab, in der der
Gesetzentwurf betreffend die Verpflichtung zum Kriegsdienst auf der
Tagesordnung stand. Liebknecht sprach zunächst, und zwar in
außerordentlich scharfer Form unter häufigen heftigen Unterbrechungen
der Mehrheit und des Präsidenten. Namentlich griff er die Politik
Bismarcks schonungslos an und schloß seine Rede mit den Worten: "Die
Weltgeschichte wird hinwegschreiten über diesen norddeutschen Reichstag,
der nichts ist als das Feigenblatt des Absolutismus." Nachher kam ich
zum Wort. Ich begründete in aller Ruhe unseren Standpunkt als Vertreter
des Milizsystems. Mittlerweile hatte sich auch Schweitzer gemeldet, um
seinen entgegengesetzten Standpunkt zu markieren. Bei Einbringung eines
Schlußantrags verlas der Präsident, wie es damals Vorschrift war, die
Namen der eingeschriebenen Redner für und wider den Gesetzentwurf,
darunter Schweitzer als Gegner. _Dieser erklärte darauf zur
Geschäftsordnung, er habe sich nicht wider, sondern für den
Gesetzentwurf einschreiben lassen._
Schweitzer ergriff alsdann bei der Spezialdebatte das Wort und führte
aus: Nach dem Standpunkt, den Herr Liebknecht einnehme, müßte auch die
allgemeine Wehrpflicht verworfen werden. Dabei hatten wir beide eine
Resolution einzubringen versucht, für die wir aber nicht die nötigen
Unterschriften erhielten, in der die Einführung des Milizsystems, also
die Verwirklichung der allgemeinen Wehrpflicht nach dem Muster
Scharnhorsts und Gneisenaus gefordert wurde. Liebknecht wünsche, daß der
Norddeutsche Bund überhaupt nicht existiere. Er und seine Freunde
wollten den Norddeutschen Bund freiheitlich gestalten, darin ständen sie
mit der _Fortschrittspartei_ auf einem Boden. Er berief sich also wieder
auf dieselbe Partei, die er seit 1863 als Trägerin des Rückschritts
bekämpft und fortgesetzt angegriffen hatte. Er, Schweitzer, wolle nicht
mit Herrn Liebknecht und seinen Freunden, den depossedierten Fürsten und
dem Ausland, dahin trachten, Preußen und den Norddeutschen Bund zu
ruinieren und zu zerstören:
"Wir haben erkannt, daß der preußische Machtkern unser deutsches
Vaterland, das so lange mißachtet war, dem Ausland gegenüber endlich
zur Geltung und zu Ehren gebracht hat und dies auch künftig tun wird,
und es liegt uns fern, mit jenen selbst diejenigen Eigenschaften an
Preußen leugnen und bemäkeln zu wollen, die im vorigen Jahre eine
feindliche Welt bewundernd anerkennen mußte."
Sie stünden innerhalb, wir außerhalb des neu sich bildenden Vaterlandes,
wollten außerhalb desselben stehen.
Liebknecht antwortete in einer persönlichen Bemerkung:
"Der Abgeordnete v. Schweitzer hat mir einen großen Gefallen getan,
denn er hat mir die Gelegenheit gegeben, die ich bis jetzt vergebens
gesucht habe, zu erklären, _daß ich allerdings mit dem Doppelgänger
des Herrn Wagener nichts zu tun habe_."
Schweitzer schwieg und Wagener schwieg. Vor der Abstimmung über den
entscheidenden § 1 verließ Schweitzer den Saal. Er wagte nicht dafür zu
stimmen und wollte nicht dagegen stimmen.
Diese Vorgänge im Reichstag beschäftigten kurz darauf zwei Versammlungen
der Berliner Mitgliedschaft des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins.
Schweitzer beantragte hier folgende Resolution:
"Die Versammlung erkennt an, daß die von Preußen geschaffene Macht die
Möglichkeit der Herstellung der deutschen Einheit in sich trägt;
zweitens ist sie _mit der Fortschrittspartei damit einverstanden_
(weiter nach links wagte Schweitzer nicht mehr zu gehen. A.B.), daß
mit äußerstem Nachdruck und ohne daß man sich um Drohungen der
preußischen Regierung kümmere, auf eine freiheitliche Gestaltung
Preußens und des Norddeutschen Bundes gedrungen werden muß, da nur
hierdurch eine ersprießliche endgültige Lösung der deutschen Sache
möglich ist; drittens erklärt sie es für verfehlt, in Gemeinschaft mit
der Auffassung des mißgünstigen Auslandes das Vorgehen Preußens im
vorigen Jahre zu beurteilen und demgemäß eine Zertrümmerung Preußens
und des Norddeutschen Bundes zu erstreben und zu erhoffen."
Rückhaltloser konnte man für die Bismarcksche Schöpfung nicht eintreten.
Dieser Resolution gegenüber beantragten nun _Theodor Metzner_ und
_Reimann_, zwei Opponenten von Schweitzer:
"Die Versammlung beschließt, daß Herr v. Schweitzer sowohl im
Reichstag als durch seine Verdächtigung der radikalen Partei in der
heutigen Versammlung _das wenige Vertrauen, das derselbe bisher bei
den Berliner Arbeitern genossen, vollständig verloren hat_."
Eine dritte Resolution brachte der fortschrittliche Maschinenbauer
Andreack ein, die forderte:
_"Die Versammlung möge beschließen, daß sie in der deutschen Frage
sich nur mit dem Standpunkt der Deutschen Fortschrittspartei
einverstanden erklären kann."_
Und was geschah jetzt? Als Schweitzer merkte, daß die scharfe
Opposition, die er fand, seine Resolution zu Fall bringen könnte, zog
er, feig wie er immer war, wenn ihm eine Niederlage drohte, _dieselbe
zurück und erklärte sich für die fortschrittliche Resolution, die
dasselbe besage wie die seine_. Hofstetten, der den Vorsitz hatte, tat
Schweitzer den Gefallen, über die Andreacksche Resolution zuerst
abzustimmen und sie für angenommen zu erklären, was seitens der
Opposition einen Sturm der Entrüstung hervorrief.
Schweitzers Diktatur.
Schweitzer hatte das dringendste Interesse, den Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein ganz in die Hand zu bekommen, also dessen Präsident zu
werden. Dieses Sehnen verwirklichte sich, als Perl-Hamburg, der
Präsidentschaft müde, erklärte, dieselbe niederlegen zu wollen. Es wurde
eine außerordentliche Generalversammlung auf den 19. und 20. Mai 1867
nach Braunschweig einberufen, die von 18 Delegierten, die 2500 Stimmen
hinter sich hatten, besucht war. Schweitzer vertrat Apolda mit 22 und
Limbach in Sachsen mit 30 Stimmen. Der Verein war sehr heruntergekommen.
Die beständigen Zerwürfnisse, das Mißtrauen gegen Schweitzer wegen
seiner Politik, der ungünstige Ausfall der Wahlen zum norddeutschen
Reichstag, trotz aller großsprecherischen Worte Schweitzers, die Krise
waren die Hauptursachen dieser Erscheinung. Die Eröffnungsrede Perls war
der Ausdruck der vorhandenen Mutlosigkeit. Die Hoffnung, die man noch in
Leipzig gehegt, Ordnung in den Verein zu bringen, hätte sich nicht
erfüllt; die finanziellen Verhältnisse des Vereins seien sehr ungünstig,
nur wenige Orte zahlten Beiträge usw. Im weiteren Verlauf der
Verhandlungen bat Perl, von seiner Wiederwahl als Präsident abzustehen;
er könne die Opfer nicht mehr tragen, die ihm diese Stellung auferlege.
Schweitzer kritisierte Perls Geschäftsführung, doch wolle er, wie er
sagte, ihm nicht persönlich zu nahe treten. Er erklärte, die
Generalversammlung sei entscheidend für den Verein, nach Tölcke sollte
er sogar die Präsidentschaft _gefordert_ und gedroht haben, falls er
nicht gewählt werde, ließe er mit der nächsten Nummer den
"Sozialdemokrat" eingehen. Er versprach Garantien zu geben, daß die
_Verwaltungsgeschäfte_ korrekt erledigt würden, da er wisse, daß man ihm
mißtraue. Die Versammlung war unschlüssig, was sie tun sollte; so ließ
man auf Vorschlag Brackes eine Pause eintreten, um sich zu verständigen.
Nach dieser schlug Tölcke Schweitzer als Präsidenten vor. Es wurde
darauf mehrseitig wieder geltend gemacht, daß gegen Schweitzer Mißtrauen
vorhanden sei; auch sei es ein Unding, daß der Präsident des Vereins und
der Redakteur des Vereinsorgans ein und dieselbe Person sei. Tölcke
suchte die Bedenken zu beschwichtigen. Schweitzer erklärte, er wisse,
daß man Mißtrauen gegen ihn habe; er werde das Amt nur annehmen, wenn
man ihm Vertrauen entgegenbringe. Er beantragte eine zweite Pause zur
Verständigung. Nach dieser erklärten mehrere Delegierte, ihr Mißtrauen
gegen Schweitzer fallen zu lassen. Er wurde alsdann, nachdem er auf
einen Vorhalt Tölckes noch mitgeteilt, _er werde sich selber wählen_,
mit 2385 gegen 97 Stimmen und 41 Enthaltungen Präsident des Vereins. Er
hatte, um sich Vertrauen zu erwerben, auf dieser Generalversammlung ein
radikales Programm vorgelegt und annehmen lassen. Jetzt gab er auch die
sogenannten Garantien für sein ferneres Wohlverhalten, indem er durch
Handschlag sämtlichen Delegierten gegenüber sich feierlich
verpflichtete, alles zu tun, was in seinen Kräften stehe, den Verein
vorwärtszubringen. Umgekehrt verpflichteten sich die Delegierten
ebenfalls durch Handschlag Schweitzer gegenüber, treu zur Organisation
und zum Präsidenten zu stehen. Also eine Art Ballhausschwur, wie ihn die
französische Nationalversammlung 1789 leistete, nur mit dem Unterschied,
daß der Regisseur der Schwurszene in Braunschweig, Schweitzer, wußte,
daß es sich um eine Posse handelte.--
Auf der Generalversammlung des Vereins in Berlin--23. bis 25. September
1867--wiederholte Schweitzer: _daß in politischen Fragen der Verein mit
der Fortschrittspartei gehen könne_. Das verhinderte allerdings nicht,
daß, als um dieselbe Zeit in Düsseldorf eine Nachwahl für den Reichstag
stattzufinden hatte, bei der in der engeren Wahl der fortschrittliche
Kandidat, Redakteur der "Rheinischen Zeitung", Bürgers, und ein
konservativ-nationalliberaler Kandidat sich gegenüberstanden, Schweitzer
im "Sozialdemokrat" die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins aufforderte, für den letzteren zu stimmen, worauf
Bürgers durchfiel. Neben dem, daß er damit Bismarck einen Gefallen
erwies, kühlte er seine Rache wegen der Anklage der "Rheinischen
Zeitung", er habe aus hochkonservativen Kreisen Geld für den
"Sozialdemokrat" genommen.
Ein anderer für Schweitzer wenig ehrenvoller und seinen Charakter
beleuchtender Vorgang war die Auseinandersetzung mit seinem bisherigen
Freunde Hofstetten. Hofstetten hatte seine Mittel für die Gründung des
"Sozialdemokrat" hergegeben. Diese Mittel waren Mitte 1867 verbraucht
und Hofstetten ein armer Mann. Anfang 1868 versuchte Schweitzer
Hofstetten nach Wien zu schieben, woselbst er ein sozialdemokratisches
Blatt gründen sollte. Hofstetten kam aber in Wien übel an und eilte nach
Berlin zurück. Jetzt verschloß Schweitzer ihm den Wiedereintritt in die
Redaktion des Blattes, er bestritt auch, daß Hofstetten noch
irgendwelche Ansprüche habe, und setzte ihn vor die Tür, wobei er sich
auf einen Vertrag stützte, den er dem gutmütigen und nicht gerade
scharfsinnigen Hofstetten abgedrungen hatte. Als Hofstetten im Frühjahr
1869 auf der Generalversammlung des Vereins in Barmen-Elberfeld eine
lange Anklagerede gegen Schweitzers Verhalten ihm gegenüber hielt,
entrüsteten die mitgeteilten Tatsachen den Delegierten Heinrich
Vogel--der gegenwärtig noch in Charlottenburg lebt--so, daß er erklärte,
Schweitzer habe Hofstetten gegenüber wie ein ordinärer Bourgeois
gehandelt, eine Charakterisierung, die bei Schweitzers Anhängern einen
Sturm der Entrüstung hervorrief und nachher Vogels Ausschluß aus dem
Verein zur Folge hatte. Hofstetten klagte auch Schweitzer an, daß er das
Geld mit vollen Händen zum Fenster hinausgeworfen habe; woher er es
erhielt, wisse er nicht. Als er Schweitzer wegen seiner
verschwenderischen Lebensweise Vorhalt gemacht, habe dieser geantwortet:
Darüber sei er ihm keine Rechenschaft schuldig, er habe seine Schulden
nicht zu bezahlen. Darin hatte Schweitzer sicher recht, aber die
Tatsache an sich ist sehr beachtlich. Ende 1867 hatte das Blatt erst
1200 Abonnenten, deckte also bei weitem noch immer nicht seine Kosten;
es war also die Frage sehr wohl gerechtfertigt: Woher kommt das Geld für
das Blatt und die verschwenderische Lebensweise Schweitzers? Das ewige
Schuldenmachen hatte doch seine Grenze. Auch wollten die Gläubiger ab
und zu Geld sehen. Eine Erbschaft, die er nach dem Tode seines Vaters
Ende 1868 machte, war so geringfügig, daß sie einen Tropfen auf einen
heißen Stein bedeutete. Dabei hielt Schweitzer sich während des
Reichstags eine Equipage mit galonierten Dienern.
Gustav Mayer, dessen Buch über Schweitzer ich oben erwähnte, hielt es
für zweckdienlich, sich bei Paul Lindau, der nach Schweitzers Rücktritt
häufigen Verkehr mit ihm hatte, zu befragen, ob er Extravaganzen
Schweitzers wahrgenommen habe. Lindau habe das verneint. Mir ist Paul
Lindaus Urteil nicht maßgebend. Die lebemännischen Gewohnheiten des
alten, heute noch lebenden Herrn waren immer große und da legt er wohl
einen anderen Maßstab an "Extravaganzen" als andere Menschenkinder. Auch
war Schweitzer, als er zu Lindau in Beziehungen trat, bereits krank und
hatte geheiratet, zwei Umstände, die Extravaganzen erschwerten. Die
Informationen, die wir seinerzeit in Berlin über Schweitzers Lebensweise
einzogen, lauteten anders. Danach war er ein Lebemann ersten Ranges, der
namentlich auch häufig bei Kroll und in den Berliner Nachtlokalen mit
der Demimonde verkehrte, womit er wahrscheinlich die "Treue" gegen seine
langjährige Braut betätigte, die man ihm als Tugend nachrühmte. Auch
veranstaltete er zeitweilig Champagnergelage mit seinen intimsten
Anhängern. Schweitzer gehörte zu den Naturen, die stets mindestens
doppelt so viel Geld verbrauchen als sie einnehmen, deren Parole ist:
Die Bedürfnisse haben sich nicht nach den Einnahmen, sondern die
Einnahmen haben sich nach den Bedürfnissen zu richten, was bedingt, daß
sie dann skrupellos das Geld nehmen, wo sie es finden. Hatte Schweitzer
1862 2600 Gulden aus der Schützenfestkasse entnommen, so unterschlug er
später, als er Präsident des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins war
und als solcher über die Kassengelder verfügte, von schlecht gelohnten
Arbeitern gesammelte Groschen, um seine Gelüste zu befriedigen. Es
handelte sich hier nicht um große Summen, aber das lag nicht an
Schweitzer, sondern an dem mageren Inhalt der Kasse. Diese Mißwirtschaft
ist ihm auf verschiedenen Generalversammlungen des Vereins vorgeworfen
und nachgewiesen worden, und _Bracke_, der jahrelang Kassierer des
Vereins war und auf Schweitzers Anweisung die Gelder auszahlen mußte,
hat ihn öffentlich dieser Schandtat bezichtigt, ohne daß Schweitzer ein
Wort der Verteidigung wagte. Wer aber dergleichen fähig ist, von dem
soll man nicht behaupten, daß er unfähig gewesen sei, sich politisch zu
verkaufen, was doch das einzige halbwegs lukrative Geschäft für ihn sein
konnte. Den Nachweis, wieviel gezahlt wurde, kann niemand erbringen,
denn dergleichen Geschäfte werden nicht auf offenem Markte
abgeschlossen. Es kann sich hier nur um den Nachweis durch Indizien und
zahlreiche Tatsachen handeln, die sich anders nicht erklären lassen.
Hervorheben möchte ich hier, daß Bismarck nach 1866 die Zinsen aus dem
48 Millionen Mark betragenden Privatvermögen des Königs von Hannover zur
Verfügung standen, die er skrupellos für ihm gutdünkende politische
Zwecke benutzte. Diesen Fonds, der unter dem Namen "Reptilienfonds"
berüchtigt geworden ist, konnte Bismarck verwenden, ohne jemand darüber
Rechenschaft abzulegen. Da ist's nun charakteristisch, daß, während die
ganze Oppositionspresse gegen diesen Korruptionsfonds ankämpfte, der
"Sozialdemokrat" den Fonds niemals erwähnte.
Charakteristisch für den Mann ist ferner, daß, als wir Anfang 1868 das
"Demokratische Wochenblatt" herausgaben, er systematisch den Namen
desselben totschwieg und, wenn er nicht umhin konnte, gegen dasselbe zu
polemisieren, er immer nur von dem Blatte des Herrn Liebknecht sprach.
Er wollte mit dieser Taktik verhindern, daß einer seiner Anhänger durch
Nennung des Namens des Blattes auf den Gedanken kommen könnte, das
"Demokratische Wochenblatt" zu abonnieren, wodurch der Leser vieles
erfahren konnte, was ihm, Schweitzer, unangenehm war. Das war eine
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