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Des weiteren meinte er noch, daß der preußische Staat in seinem
dermaligen Zustand das offenbare Gepräge des Unfertigen, einer noch
nicht abgeschlossenen geschichtlichen Entwicklung auf sich trage. Ein
Zustand also, _der nach Annexionen schreie_. Diese Mission, die Preußen
in Deutschland habe, sei aber keine deutsche, wie man uns glauben machen
wolle, sondern eine _preußische_.
Schweitzer kannte also die Natur des preußischen Staates, wie keiner sie
besser kennen konnte, seine Schlüsse waren durchaus logisch. Aber um so
mehr drängt sich die Frage auf, wie konnte er dann eine Politik
unterstützen, die nach seinem eigenen Geständnis _undeutsch_, weil nur
_großpreußisch_ war, und wenn siegreich, die _Niederlage der Demokratie
bedeutete_? Eine solche Politik durfte vom demokratischen Standpunkt aus
nicht unterstützt, _sie mußte vielmehr auf Leben und Tod bekämpft
werden, denn es war der Todfeind der Demokratie, der diese Politik
betrieb._
Schweitzer schließt seinen zweiten Artikel also:
"Ein _wahrhaft preußisches_ Ministerium, ein solches, welches die aus
der Geschichte des preußischen Staates hervorgegangene Wesenheit
desselben zu befestigen und weiterzuentwickeln strebt, kann weder in
Gemäßheit bloßen Schablonenkonservatismus _lediglich die stupide
Aufrechterhaltung des gerade Vorhandenen beabsichtigen_, wie dies
konservative Ministerien in Preußen lange getan, noch auch kann es die
dem Staate von seiner Geschichte indizierte äußere Politik _unter
Aufhebung des inneren Charakters des Staates anstreben, wie dies die
liberale Partei unter Verleugnung des Machtschwerpunktes von der Krone
hinweg in das Abgeordnetenhaus beabsichtigte_."
Das heißt also in klares Deutsch übersetzt: Die Eigenart des preußischen
Staates verbietet einer preußischen Regierung die Einführung eines
parlamentarischen Regimes, und wenn ihr Liberalen dennoch danach strebt,
so verlangt ihr etwas, was der Natur des preußischen Staates entgegen
ist. Begnügt euch also, ein Ornament am Staatswagen zu sein. In der
Situation, in der damals die Kammer sich der Regierung gegenüber befand,
bedeuteten solche Auslassungen einfach ein _In-den-Rücken-fallen_ der
Volksvertretung und eine _Unterstützung_ der Pläne Bismarcks.
In seinem dritten Artikel führt er zunächst aus: Die Schlußfolgerungen
seines zweiten Artikels und die Untersuchungen, die zu denselben
führten, seien _mehrfach mißverstanden_ (!) worden. Er wird also jetzt
noch deutlicher. Er sagt:
"Indem Preußen eine Politik verfolge, die zur Annexion der Herzogtümer
(Schleswig-Holstein) führen müsse, setze es, _die glorreichen
Traditionen preußischer Geschichte aus langem Schlummer weckend, an
den innersten Kern des preußischen Staatsgeistes seine Hebel an._
Es ist eine bedeutende Politik, die jetzt in Preußen gemacht wird! ...
Wer Annexion anfängt, muß sie durchsetzen. Mehr noch.
Eine preußische Regierung, die in der zweiten Hälfte des neunzehnten
Jahrhunderts deutsches Land zu annektieren beginnt, eine preußische
Regierung, die _angesichts der offenkundigen, von Kaiser, Königen und
Fürsten feierlich proklamierten Unhaltbarkeit der politischen
Verfassung Deutschlands die 'friedericianische Politik'_ (wie ein
großdeutsches Blatt sich ausdrückte) _wieder aufnimmt, kann nicht
stille stehen nach kleinem Sieg--weiter muß sie auf der betretenen
Bahn--vorwärts, wenn nötig mit 'Blut und Eisen'._
Denn anknüpfen an die stolzesten Traditionen eines historisch
erwachsenen Staates und dann feige zurückbeben vor entscheidender Tat,
hieße den innersten Lebensnerv eines solchen Staates ertöten.
Man kann solche Traditionen ruhen lassen--_aber man kann sie nicht
aufnehmen, um sie zu ruinieren!_
Ein preußischer Minister, der _solche_ Politik für Preußen machte--er
verfiele unrettbar _den zürnenden Manen des großen Friedrich und dem
Gelächter seiner Zeitgenossen._"
Wie mußte bei dem Lesen solcher Artikel das Herz jedes guten Preußen
schlagen; war doch danach Preußen quasi von der Vorsehung vorher
bestimmt, der Beherrscher Deutschlands zu werden. Und wie mußten die
Herzen der Feudalen einem Manne zugetan sein, der besser als sie alle
die "historische Mission" des preußischen Staates darzulegen und zu
verherrlichen verstand. Und das sollte unbeachtet und unbelohnt bleiben?
Was Schweitzer hier schrieb, war aber auch eine Verherrlichung der
weiteren Bismarckschen Politik, es war eine förmliche Anpeitschung
Bismarcks, auf dem betretenen Wege weiter zu gehen, wäre eine solche
noch notwendig gewesen.
Im vierten Artikel kam Schweitzer auf den Bundestag und Oesterreich zu
sprechen. Hier hatte er mit seiner Kritik leichtes Spiel, denn dümmer
und dem Zeitbedürfnis widersprechender konnte nicht gehandelt werden,
als diese beiden Faktoren in der deutschen Frage gehandelt hatten. Im
übrigen war die Haltung, die in diesem Artikel Schweitzer Oesterreich
gegenüber einnahm, wie in seiner ganzen späteren Politik, das direkte
Gegenteil von dem, was er noch im Jahre 1863--also anderthalb Jahre
zuvor--in seiner Broschüre "Die österreichische Spitze" zur
Verherrlichung Oesterreichs gesagt hatte, und was das Programm besagte,
das angeblich der "Sozialdemokrat" vertreten sollte.
Der fünfte Artikel beschäftigte sich mit der Stellung der Nation und der
deutschen Frage. Er kommt zu dem Resultat:
"_Aktionsfähig in Deutschland sind nur noch zwei Faktoren: Preußen und
die Nation, preußische Bajonette oder deutsche Proletarierfäuste_--wir
sehen kein drittes.
... _Das Preußentum ist der Feind des Deutschtums, aber es ist auch
der Feind der bestehenden Gewalten Deutschlands._
Die Nation steht fest auf ewigem Fundament--die Fürstenstühle
Deutschlands aber müssen wanken, _wenn Preußen sich erinnert, daß
Friedrich der Große sein König war._"
Und wie stand's mit dem preußischen Thron?
Der Leser wird zugeben, daß raffinierter, demagogischer nicht zu
schreiben war. Wie ein Aal windet er sich vor einer klaren
Stellungnahme. Er läßt nur ahnen, spricht aber nicht aus, was er will.
Klar ist, daß das Lesepublikum, an das Schweitzer sich wandte, von
seinem Plädoyer für Preußen gefangen genommen wurde, und das war sein
Zweck. Dazu kam, daß der ganze politische Inhalt des "Sozialdemokrat"
von der Tendenz durchtränkt war, welche die fünf Artikel erfüllte.
Bismarck hatte in der ganzen deutschen Presse keine Feder, die
geschickter für seine Politik Propaganda machte.
Kein Zweifel, diese Bismarckartikel standen mit dem Programm des
"Sozialdemokrat" in seiner ersten Nummer im schneidendsten Widerspruch.
Es ist auch ausgeschlossen, daß der äußerst scharfsinnige Schweitzer
nicht vorausgesehen habe, daß er mit diesen Artikeln der großen Mehrzahl
der eben erst gewonnenen Mitarbeiter in gröblichster Weise vor den Kopf
schlug. Es war eine Brüskierung sondergleichen. Es war also
selbstverständlich, daß darauf Karl Marx, Friedrich Engels, W.
Liebknecht, Herwegh, Joh. Ph. Becker und Friedrich Reusche von dem
Blatte sich lossagten.
Schweitzer quittierte in einem Artikel in der Nr. 31 seines Blattes über
die Rücktritte mit den Worten: Einige bornierte Köpfe hatten sich an
unseren Leitartikeln "Das Ministerium Bismarck" gestoßen. Mit Genugtuung
konstatiere er, daß zwei Hauptorgane des österreichischen Liberalismus,
die "Presse" und die "Ostdeutsche Post", sich auf seine Seite gestellt
hätten und brachte längere Auszüge aus denselben. Weiter zitierte er die
"Neue Frankfurter Zeitung", das Blatt Sonnemanns, die ausgeführt hatte,
daß die von Schweitzer befolgte Politik nichts als die Fortsetzung der
Lassalleschen Politik sei.
Das war richtig! Ohne Lassalles Verhalten wäre es Schweitzer sehr schwer
geworden, die von ihm beliebte Politik im Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein zur Geltung zu bringen. Aber doch war zwischen Lassalle
und ihm ein Unterschied. Lassalle, ökonomisch vollständig unabhängig,
stand zu Bismarck wie Macht zu Macht, davon konnte bei Schweitzer, der
tief in Schulden steckte und nach seiner sonstigen Qualität in alle Wege
keine Rede sein. Er erschien in seinem Auftreten als ein Werkzeug der
Bismarckschen Politik, als ein Mann, der den Vorteil des Lassalleschen
Scheins für sich hatte und ihn geschickt ausnutzte.
Im weiteren erklärte Schweitzer gegen Marx und Engels, daß sie sich vom
"Sozialdemokrat" zurückgezogen, sobald sie eingesehen hätten, daß sie
nicht die erste Rolle bei der Partei spielen konnten. Im Gegensatz zu
ihnen sei Lassalle nicht der Mann der unfruchtbaren Abstraktion,
sondern ein Politiker im strengen Sinne des Wortes, nicht ein
schriftstellerischer Doktrinär, sondern ein Mann der praktischen Tat
gewesen.
Wobei wieder nicht vergessen werden darf, daß später Schweitzer den
Mann der "unfruchtbaren Abstraktion", den "schriftstellerischen
Doktrinär" Karl Marx, umschmeichelte und für sich zu gewinnen suchte.
Marx und Engels blieben die Antwort nicht schuldig. Unter dem 24.
Februar 1865 veröffentlichten sie folgende Erklärung:
"Die Unterzeichneten versprachen ihre Mitarbeit am 'Sozialdemokrat'
und gestatteten ihre Nennung als Mitarbeiter unter dem ausdrücklichen
Vorbehalt, daß das Blatt im Geiste des ihnen _mitgeteilten_ kurzen
Programms redigiert werde. Sie verkannten keinen Augenblick die
schwierige Stellung des 'Sozialdemokrat' und machten daher keine für
den Meridian Berlin unpassenden Ansprüche. Sie forderten aber
wiederholt, _daß dem Ministerium und der feudalabsolutistischen Partei
gegenüber eine wenigstens ebenso kühne Sprache geführt werde wie
gegenüber den Fortschrittlern._ Die von dem 'Sozialdemokrat' befolgte
Taktik schließt unsere weitere Beteiligung an demselben aus. Die
Ansicht der Unterzeichneten _vom königlich preußischen
Regierungssozialismus_ und von der richtigen Stellung der
Arbeiterpartei zu solchem Blendwerk findet sich bereits ausführlich
entwickelt in Nr. 73 der 'Deutschen Brüsseler Zeitung' vom 12.
September 1847, in Antwort auf Nr. 206 des damals in Köln
erscheinenden 'Rheinischen Beobachters', worin die Allianz des
Proletariats und der Regierung gegen die liberale Bourgeosie
vorgeschlagen war. Jedes Wort unserer damaligen Erklärung
unterschreiben wir noch heute."
Die Erklärung in der "Deutschen Brüsseler Zeitung", auf die hier Marx
und Engels sich bezogen, lautete:
"Wenn eine gewisse Fraktion deutscher Sozialisten fortwährend gegen
die liberale Bourgeoisie gepoltert hat, und zwar in einer Weise, die
niemandem Vorteil brachte als den deutschen _Regierungen_, wenn jetzt
Regierungsblätter wie der 'Rheinische Beobachter', auf die Phrasen
dieser Leute gestützt, behaupten, _nicht die liberale Bourgeoisie,
sondern die Regierung repräsentiere die Interessen des Proletariats,
so haben die Kommunisten weder mit der ersteren noch mit der letzteren
etwas gemein...._
Das Volk oder, um an die Stelle dieses weitsichtigen, schwankenden
Ausdrucks den bestimmten zu setzen, das Proletariat räsoniert ganz
anders, als man im geistlichen Ministerium sich träumen läßt. Das
Proletariat fragt nicht, ob den Bourgeois das Volkswohl Nebensache
oder Hauptsache sei, ob sie die Proletarier als Kanonenfutter
gebrauchen werden oder nicht. Das Proletariat fragt nicht, was die
Bourgeois bloß _wollen, sondern was sie müssen_. Es fragt, ob der
jetzige politische Zustand, die Herrschaft der Bureaukratie, _oder der
von den Liberalen erstrebte, die Herrschaft der Bourgeoisie, ihm mehr
Mittel bieten wird, seine eigenen Zwecke zu erreichen._ Dazu hat es
nur nötig, die politische Stellung des Proletariats in England,
Frankreich und Amerika mit der in Deutschland zu vergleichen, um zu
sehen, _daß die Herrschaft der Bourgeoisie dem Proletariat nicht nur
ganz neue Waffen zum Kampfe gegen die Bourgeoisie in die Hand gibt,
sondern ihm auch eine ganz andere Stellung, eine Stellung als
anerkannte Partei verschafft._"
Es heißt weiter: "Das Volk kann sich nicht für die _ständischen
Rechte_ interessieren. Aber ein Landtag, der Geschworenengerichte,
Gleichheit vor dem Gesetz, Aufhebung der Frondienste, Preßfreiheit,
Assoziationsfreiheit und eine wirkliche Repräsentation verlangt, _ein
Landtag, der ein für allemal mit der Vergangenheit gebrochen und seine
Forderungen nach den Bedürfnissen der Zeit eingerichtet hat statt nach
alten Gesetzen, solch ein Landtag kann auf die kräftigste
Unterstützung des Proletariats rechnen._"
Am 4. März schlossen sich Georg Herwegh und Wilhelm Rüstow der Erklärung
von Marx und Engels ausdrücklich an. Am 5. März erklärte Fr. Reusche in
der "Rheinischen Zeitung" seinen Rücktritt von der Mitarbeiterschaft am
"Sozialdemokrat", wobei er unter anderem bemerkte, er habe wiederholt
die Redaktion aufgefordert, das Junkertum rücksichtslos zu bekämpfen.
Rüstow habe Anfang Februar eine eingehende Kritik der Militärfrage an
die Redaktion gesandt; aber trotz der wiederholten Anfragen von Rüstow
und ihm erschienen weder diese noch ein von ihm eingesandter Artikel
gegen den königlich preußischen Regierungssozialismus. Bald habe es
geheißen, es sei kein Raum vorhanden, bald, man wolle warten, bis die
Zeit geeignet wäre. Am 11. März erklärte Jean Philipp Becker in Genf im
Hamburger "Nordstern", dem Vorgehen von Marx und Engels sich
anzuschließen. Liebknecht hatte sich gleichzeitig mit den letzteren von
Schweitzer und dem "Sozialdemokrat" losgesagt. Professor Wuttke in
Leipzig gab zwar keine öffentliche Erklärung ab, stellte aber seine
Mitarbeiterschaft am "Sozialdemokrat" ein. Der einzige, der von dem
ganzen Mitarbeiterstab einstweilen noch dem "Sozialdemokrat" verblieb,
war Moritz Heß in Paris. Er schied Ende 1866 aus. Eine zweite Erklärung
von Marx und Engels, datiert London den 15. März und abgedruckt in der
Berliner "Reform" vom 19. März 1865, richtete sich gegen einen Artikel,
den Schweitzer aus der "Neuen Frankfurter Zeitung" im "Sozialdemokrat"
abgedruckt hatte, in dem nachgewiesen werden sollte, "wie inkonsequent
und innerlich haltlos das Verfahren der Herren Marx und Engels dem
'Sozialdemokrat' gegenüber ist". Marx konstatiert: Schweitzer habe am
11. November 1864 ihm das Erscheinen des "Sozialdemokrat" angezeigt und
habe bei dieser Gelegenheit geschrieben:
"Wir haben uns an etwa sechs bis acht bewährte Mitglieder der Partei
oder derselben wenigstens nahestehende Männer gewandt, um sie für die
Mitarbeiterschaft zu gewinnen.... Allein für ungleich wichtiger halten
wir es, daß _Sie, der Begründer der deutschen Arbeiterpartei und ihr
erster Verfechter_, uns Ihre Mitwirkung angedeihen lassen. Wir hegen
die Hoffnung, daß Sie einem Verein, der, wenn auch nur indirekt, auf
Ihre eigene Wirksamkeit zurückzuführen ist, nach dem großen Verlust,
der ihn betroffen, in seinem schweren Kampfe zur Seite stehen werden."
In dem Prospekt habe der Name Lassalle nirgends gestanden. Der Prospekt
habe nur drei Punkte enthalten: "Solidarität der Völkerinteressen", "Das
ganze gewaltige Deutschland--ein freier Volksstaat", "Abschaffung der
Kapitalherrschaft". Daraufhin hätten er und Engels ihre Mitarbeit
zugesagt.... Am 28. November habe Schweitzer ihm geschrieben, daß seine
und Engels' Zusage in der Partei, soweit sie überhaupt eingeweiht sei,
die freudigste Sensation hervorgerufen.... Marx erzählt weiter, wie er
im Laufe des Januar gegen die Taktik Schweitzers im "Sozialdemokrat"
protestierte und daß, als trotz Schweitzers Beruhigungsschreiben die
Taktik im Blatte dieselbe geblieben, er aufs neue protestiert habe,
worauf Schweitzer ihm am 15. Februar folgendes geschrieben:
"Wenn Sie mir wie im letzten Schreiben über theoretische Fragen
Aufklärung geben wollen, so würde ich solche Belehrung von Ihrer Seite
dankbar entgegennehmen. Was aber die praktischen Fragen momentaner
Taktik betrifft, so bitte ich Sie, zu bedenken, daß, um diese Dinge zu
beurteilen, man im Mittelpunkt der Bewegung stehen muß. Sie tun uns
daher unrecht, _wenn Sie irgendwo und irgendwie Ihre Unzufriedenheit
mit unserer Taktik aussprechen_. Dies dürfen Sie nur dann tun, wenn
Sie die Verhältnisse genau kennen. Auch vergessen Sie nicht, daß der
Allgemeine Deutsche Arbeiterverein ein konsolidierter Körper ist und
bis zu einem gewissen Grade an seine Tradition gebunden bleibt. (Der
Verein war damals kaum 22 Monate alt und hatte nur einige tausend
Mitglieder. A.B.) Die Dinge in concreto schleppen eben immer irgend
ein Fußgewicht mit sich herum."
Es war also selbstverständlich, daß Marx, Engels und Genossen handeln
mußten, wie sie gehandelt haben. Schweitzer scheint geglaubt zu haben,
daß er seinen Mitarbeitern eine ähnliche Rolle zumuten dürfe, wie sie
Lothar Bucher im Einverständnis mit Bismarck Marx im "Staatsanzeiger"
zugemutet hatte. Sie sollten Mitarbeiter sein, aber kein Recht haben,
über die Taktik mitzusprechen, die mit dem Programm, auf Grund dessen
sie ihre Mitarbeiterschaft zugesagt hatten, im _schneidendsten
Widerspruch stand_. Schreibt so radikal wie möglich für Sozialismus und
Kommunismus, je radikaler, desto besser; ihr seid dann die Flagge, unter
der ich meine Konterbande decke. So ungefähr mochte Schweitzer
räsonnieren. Es war daher eine Unverschämtheit, wenn er auf die
Beschwerde von Marx und Engels über die Haltung des Blattes erklärte:
sie im Ausland könnten die Dinge in Deutschland nicht beurteilen. Diese
konnten aber selbst Personen durchaus richtig beurteilen, die den Marx
und Engels nicht das Wasser reichten. Eines konnte man damals Bismarck
nicht vorwerfen, daß er seine Politik verschleierte und mit verdeckten
Karten spielte.
Bucher hat später, im Herbst 1878, als anläßlich des bevorstehenden
Sozialistengesetzes seine Einladung von Marx, für den "Staatsanzeiger"
zu schreiben, Gegenstand der öffentlichen Erörterung wurde, die Marxsche
Darlegung dieser Einladung bestritten. Darauf antwortete Marx in der
"Daily News" unter anderem:
Der Brief, worin mich Herr Bucher für den "Staatsanzeiger" zu kirren
suchte, datiert vom _8. Oktober 1865_. Es heißt darin unter anderem:
"In betreff des Inhaltes versteht es sich von selbst, daß Sie nur
Ihrer wissenschaftlichen Ueberzeugung folgen; jedoch wird die
Rücksicht auf den Leserkreis--haute finance--, nicht auf die
Redaktion, es ratsam machen, daß Sie den innersten Kern nur eben für
den Sachverständigen durchscheinen lassen." Dagegen besagt die
"Berichtigung" des Herrn Bucher, daß er bei "Herrn Marx anfrug, ob er
die gewünschten Artikel liefern wolle, indem es auf eine objektive
Behandlung ankäme. Von des Herrn Marx 'eigenem wissenschaftlichen
Standpunkt' steht nichts in meinem Briefe."
Ferner heißt's in dem Briefe Buchers:
"Der 'Staatsanzeiger' wünscht monatlich einen Bericht über die
Bewegungen des Geldmarktes (und natürlich auch des Warenmarktes,
soweit beide nicht zu trennen). Ich wurde gefragt, ob ich nicht
jemanden empfehlen könnte, und erwiderte, niemand würde das besser
machen als Sie. Ich bin infolgedessen ersucht worden, mich an Sie zu
wenden."
Klassisch ist der Schluß der Bucherschen Einladung, die Marx in jener
Erklärung ebenfalls abdruckt:
"Der Fortschritt (er meinte die liberale oder Fortschrittsbourgeoisie)
wird sich noch oft häuten, ehe er stirbt; wer also während seines
Lebens noch innerhalb des Staates wirken will, der muß sich ralliieren
um die Regierung."
Das war also der Grund, der Bucher Bismarck in die Arme trieb und der
ihn veranlaßte, bei anderen das gleiche zu versuchen.
Nach einer Erklärung, die Liebknecht am 24. März in der "Rheinischen
Zeitung" veröffentlichte, habe Schweitzer nach dem Tode Lassalles Marx
zum Präsidenten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins vorgeschlagen.
Marx habe abgelehnt, sich mit einer Bewegung zu identifizieren, deren
Taktik er für grundverkehrt hielt, auch habe er keine Neigung gehabt,
unter den obwaltenden politischen Zuständen nach Deutschland
überzusiedeln. Schweitzer habe sich verpflichtet, daß das neue Blatt die
Lassallesche Taktik nicht befolgen, jedes Kokettieren mit der Reaktion
vermeiden sollte, unter dieser Bedingung, und nur unter dieser, habe er
sich zur Mitarbeiterschaft bereit erklärt, vorausgesetzt, daß auch Marx
und Engels sich beteiligen würden. Beide hätten sich schließlich nur mit
dem größten Widerstreben dazu verstanden, und nur auf seine wiederholte
Versicherung, daß er an die Loyalität Schweitzers--von dem er sehr
schlimme Dinge gehört--glaube.
Die Politik des "Sozialdemokrat" trug rasch die gewünschten Früchte.
Bereits Anfang Februar 1865 hielt ein Mitglied des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins, Peter Rex, in Köln eine Rede, worin er sagte: _ihm sei
die jetzige Regierung lieber als ein Fortschrittsministerium_. Der
"Sozialdemokrat" druckte ohne ein Wort der Kritik diese Aeußerungen ab.
Am 12. März erklärte der Rheinisch-Westfälische Arbeitertag zu Barmen
sich mit der Haltung des "Sozialdemokrat" einverstanden, auch sei es
durchaus zu billigen, die Vorschläge der preußischen Regierung, die bei
verschiedenen Gelegenheiten die Verbesserung der Lage der arbeitenden
Klassen durch die Gesetzgebung _versprochen_ habe, abzuwarten, bevor man
über dieselbe aburteile, indem es keineswegs unmöglich sei, _daß
dieselbe das Dreiklassenwahlgesetz aufhebe und statt desselben das
allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht_, wie es das von
Lassalle, dem Begründer der deutschen Arbeiterpartei, vorgezeichnete
nächste Ziel der jetzigen deutschen Arbeiterbewegung sei, _einführe_.
Form und Inhalt dieser Resolution sprachen dafür, daß Schweitzer sie
verfaßt hatte, auch empfahl der "Sozialdemokrat", überall dieselbe zur
Abstimmung zu bringen, ein Akt, der einem Vertrauensvotum für die
preußische Regierung gleichkam.
Bereits begann aber auch die Opposition im Verein sich bemerkbar zu
machen. In seiner Nr. 38 polemisierte der "Sozialdemokrat" gegen die
offenen Feinde und falschen Freunde, die Zwietracht in die Partei zu
säen suchten. Und da die Opposition auch begann, gegen die
diktatorischen Organisationsbestimmungen im Vereinsstatut zu
polemisieren, so mußte die Organisation als das ureigenste Werk
Lassalles mit einer Art _Glorienschein_ umgeben werden. Der
Lassallekultus wurde von jetzt ab systematisch gefördert und jeder als
eine Art Schänder des Heiligsten gebrandmarkt, der andere Ansichten zu
hegen wagte. Es waren namentlich die Worte im Lassalleschen Testament:
"Dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein empfehle ich, den Frankfurter
Bevollmächtigten, Bernhard Becker, zu meinem Nachfolger zu wählen. _Er
soll an der Organisation festhalten; sie wird den Arbeiterstand zum
Siege führen_", die das Schibolet wurden, das den echten von dem
falschen Lassalleaner unterschied. Und Schweitzer unterstützte diese
allmählich ans Idiotenhafte grenzenden Anschauungen, die schließlich
eine Art religiöser Glaubenssätze wurden. Kam es doch im Laufe der Jahre
dahin, daß das Thema "Christus und Lassalle" das Thema für die
Tagesordnung zahlreicher Volksversammlungen wurde. F.W. Fritzsche
erhielt sogar 1868 in Berlin eine Anklage wegen eines Vortrags über
dieses Thema, in dem der Staatsanwalt eine Gotteslästerung erblickte.
Fritzsche wurde nur freigesprochen, weil ihm der Dolus nicht
nachgewiesen werden konnte.
Wie Schweitzer innerlich über dieses von ihm geförderte Treiben dachte,
bedarf keiner Auseinandersetzung.
In einem merkwürdigen Gegensatz zu den Bismarckartikeln veröffentlichte
der "Sozialdemokrat" in seiner Nr. 43 vom 5. April 1865 eine
Schlußbetrachtung über die österreichischen Staatsverhältnisse, worin es
hieß:
"Die Deutsche Volkspartei ist, wie in allem, so auch in der deutschen
Einheitssache radikal, das heißt sie will die ganze und ausnahmslose
Verwirklichung der als gut und richtig erkannten Idee.
Die Deutsche Volkspartei also will das _ganze_ Deutschland zum freien
Volksstaat vereinen.
Das _ganze_ Deutschland! sagen wir. Nicht ein Dorf, nicht ein
Meierhof, nicht die kleinste Hütte im fernsten Winkel darf uns fehlen!
Der kleindeutsche Gedanke eines 'einigen Deutschland' ohne die
deutsch-österreichischen Provinzen ist _ein Hochverrat an der Nation
und ihrer Zukunft_. (Auch im Text gesperrt gedruckt.)
Ein einiges Deutschland--_bedingungslos, ausnahmslos!_"
Das war eine der Doppelzüngigkeiten, womit Schweitzer bezweckte, die
Opposition zum Schweigen zu bringen, die sich anläßlich der
Bismarckartikel innerhalb und außerhalb des Vereins geltend machte. Er
sah, daß er sich zu weit vorgewagt hatte. Ein solches Manöver
wiederholte er _regelmäßig_, sobald er wegen seines Verhaltens
öffentlich Angriffen ausgesetzt war. Alsdann warf er sich wieder auf die
linke Seite und schrieb mit einem Radikalismus, der nichts zu wünschen
übrig ließ. Er konnte so, aber auch anders.
Und er nicht allein, auch der eine und der andere seiner Anhänger. In
derselben Nummer des "Sozialdemokrat", in der der oben zitierte Artikel
über Oesterreich stand, veröffentlichte Tölcke einen spaltenlangen
Bericht über eine _Königsgeburtstagsfeier, welche die Mitglieder des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in Iserlohn veranstaltet hatten
und in der Tölcke ein Hoch auf den König von Preußen ausgebracht hatte_.
In diesem Toast führte Tölcke aus, der Wille, den Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein vernichten zu wollen--wie das der Iserlohner
Bürgermeister durch maßlos brutale Unterdrückungsmaßregeln versucht
hatte--sei vergeblich.
"Das gelingt nimmermehr, weil das preußische Ministerium den
Bestrebungen des Vereins, mehr aus volkswirtschaftlichen als aus
politischen Beweggründen, augenscheinlich die große Aufmerksamkeit
schenkt--es gelingt endlich nimmermehr, weil Seine Majestät unser
allverehrter König der Freund der Arbeiter ist."
Auf Tölckes Betreiben hatte man sogar den König durch eine
telegraphische Depesche zum Geburtstag beglückwünscht, worauf folgende
Antwort eingegangen war:
"Dem Arbeiterverein Iserlohn. Seine Majestät dankt bestens für Ihre
Glückwünsche. Im allerhöchsten Auftrag: Strubberg, Oberstleutnant und
Flügeladjutant."
Die Verlesung dieser Depesche wurde, wie Tölcke weiter berichtete, mit
einem gewaltigen Hoch auf Seine Majestät aufgenommen. Im Festsaal war
ein Transparent angebracht: der preußische Adler stehend auf
verschlungenen Eichen- und Lorbeerzweigen, und darüber die Inschrift:
Heil dem Könige, dem Beschützer der Bedrängten!... Weithin schallten
patriotische Lieder. Ein Kriegerverein konnte nicht patriotischer
handeln.
Schweitzer druckte den spaltenlangen Bericht Tölckes im "Sozialdemokrat"
ab, ohne ein Wort des Tadels oder der Unzufriedenheit hinzuzufügen.
Tölcke handelte eben in den Intentionen Schweitzers. Das hinderte ihn
aber nicht, im "Sozialdemokrat" vom 20. September 1865 bei Besprechung
einer Depesche Lord Russells, worin dieser den Gasteiner Vertrag
zwischen Preußen und Oesterreich aufs schärfste verurteilte, zu sagen:
Was geht uns der Gasteiner Vertrag an?... Es ist nur eine Angelegenheit
der preußischen Regierung, deren Politik im offensten und
entschiedensten Widerspruch zum Willen des Volkes in Preußen steht. Und
gegen die "Kreuzzeitung" gewendet, die dem Volke mit dem Ausland drohte,
das sich in deutsche Angelegenheiten mischen werde, antwortete er: Nicht
in Frankreich, in Deutschland sitzen die Erbfeinde deutscher Nation. Wen
er darunter meinte, das überließ er dem Leser, sich zurechtzulegen. Wie
konnte der Arbeiter von damals in dieser Zweideutigkeit und
Doppelzüngigkeit sich zurechtfinden? Er hatte nur das eine Gefühl, daß
der Mann, der alles das schrieb, geistig turmhoch über ihm stand und er
darum ihm folgen müsse.
Die Verbreitung, die damals der "Sozialdemokrat" besaß, war eine sehr
geringe. Er hatte nur _einige hundert Abonnenten_. Das Blatt erforderte
also _sehr erhebliche_ Zuschüsse, und es konnte gar keine Rede davon
sein, daß es seinen Redakteuren auch nur einen Pfennig Gehalt abwarf,
obgleich beide darauf angewiesen waren. Um so mehr mußte auffallen, daß
bei einem solch elenden finanziellen Stand dasselbe vom 1. Juli 1865 ab
sogar _täglich_ erschien, also sein Defizit fast verdoppelte, ohne jede
Aussicht, in absehbarer Zeit einen Abonnentenzuwachs zu erlangen, der
auch nur einen nennenswerten Teil der Kosten deckte. Die Frage war also
sehr natürlich: wo kommt das Geld her? denn ohne daß erhebliche
Zuschüsse von irgend einer Seite in Aussicht standen, war der Plan, das
Blatt täglich erscheinen zu lassen, der Plan von Irrenhäuslern.
Der Verein hatte kein Bedürfnis nach einer solchen Vergrößerung des
Blattes, wohl aber die _konservative Presse_, welche die scharfen
Angriffe, die der "Sozialdemokrat" unausgesetzt gegen die
Fortschrittspartei und ihre Politik führte, mit Behagen weiter
verbreitete und die liberale Presse zwang, dem "Sozialdemokrat"
ebenfalls größere Beachtung zu schenken. Auf diese Weise erlangte das
Blatt eine Bedeutung, die ganz außer Verhältnis zu seiner Verbreitung
stand. Die Frage: woher kommt das Geld? wurde auch für die liberale
Presse aktuell, und so sahen sich Schweitzer und Hofstetten genötigt, in
der Nr. 77 des "Sozialdemokrat" vom 28. Juni 1865 eine Erklärung gegen
die "Rheinische Zeitung" zu veröffentlichen, die in ihrer Nr. 139
erklärt hatte: _Der "Sozialdemokrat" stehe in nahen Beziehungen zu
Bismarck, und in ihrer Nr. 139 weiter die Beschuldigung aussprach, dem
"Sozialdemokrat" flössen aus hochkonservativen Kreisen die Mittel zu, um
statt dreimal wöchentlich täglich zu erscheinen_. Die Erklärung
Schweitzers und Hofstettens gegen die "Rheinische Zeitung" lautete:
"In diesen beiden Stellen hat die Redaktion der 'Rheinischen Zeitung',
obwohl mit einiger Vorsicht (? A.B.) und in etwas gewundenen Phrasen
(? A.B.), so doch im ganzen ziemlich unzweideutig uns, die Redakteure
des 'Sozialdemokrat', der schmählichsten und erbärmlichsten Haltung
beschuldigt, die überhaupt in der Politik möglich ist: daß nämlich
wir, die berufen sind, die sozialdemokratische Partei in der Presse zu
vertreten, uns an eine entgegenstehende Partei oder politische Macht
verkauft hätten.
Wenn die Redaktion der 'Rheinischen Zeitung' nicht _sofort nach
Kenntnisnahme dieser Erklärung ihre Verleumdung widerruft, werden wir
gegen dieselbe, weiteres uns übrigens vorbehaltend, bei dem
zuständigen Gericht Klage erheben._"
Darauf antwortete die Redaktion der "Rheinischen Zeitung" bereits am
folgenden Tage, den 29. Juni:
_"An die Redaktion des 'Sozialdemokrat', zu Händen des Herrn v.
Schweitzer, Berlin.
Die Redaktion der 'Rheinischen Zeitung' sieht sich angesichts der ihr
zugesandten Erklärung nicht veranlaßt, irgend etwas zu widerrufen, und
überläßt es der Redaktion des 'Sozialdemokrat', die angedrohte Klage
zu erheben."_
Darauf antwortete Schweitzer:
_"Demgemäß wird also die in Aussicht gestellte Klage stattfinden."_
Diese Klage fand aber nicht statt, Schweitzer ließ die schweren
Beschuldigungen gleich anderen, die ihm schon gemacht worden waren, auf
sich sitzen. Das besagt genug.
Um diese Zeit und noch Jahre nachher machte sich ein Individuum in den
Berliner Arbeiterkreisen sehr bemerklich, das im Verdacht stand, im
Dienste der Regierung zu stehen. Es war dies der angebliche Arbeiter
Preuß. Tatsächlich war dieser für ein Gehalt von 50 Taler monatlich
angestellt, und zwar stand er im direkten Dienst des _Geheimen
Regierungsrats Wagener_. Nebenher lieferte Preuß für eine Anzahl Blätter
die Polizeinachrichten, die ihm eine Extraeinnahme brachten. Preuß war
es auch, der Liebknechts Anwesenheit in Berlin, Herbst 1866, wegen
Bannbruchs der Polizei denunzierte, worauf dieser, wie ich schon im
ersten Teil dieser Arbeit erzählte, zu drei Monaten Gefängnis verurteilt
wurde. Preuß besuchte mit Vorliebe die Versammlungen des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins, in denen er auch öfter sprach. Liebknecht und
andere unserer damaligen Berliner Parteifreunde behaupteten mit
Bestimmtheit, daß er den Mittelsmann zwischen Schweitzer und Wagener
abgebe, doch hatte Schweitzer wohl direktere Beziehungen zu Wagener.
Letzterer, der Geriebene, mit allen Wassern Gewaschene, war, wie
allbekannt, die rechte Hand Bismarcks in allen sozialpolitischen
Angelegenheiten, zugleich war er vortragender Rat und stand so in
engster täglicher Beziehung zu Bismarck und dem König. Die Kette
Schweitzer-Wagener-Bismarck war also ohne ein weiteres Verbindungsglied
geschlossen, was für alle Teile sehr wichtig war. Daß Schweitzer je mit
Bismarck persönlich verkehrte, betrachte ich als vollkommen
ausgeschlossen. Schweitzer war kein Lassalle. Unvergeßlich bleibt mir,
wie Bismarck eines Tages im Reichstag den Neugierigen spielte und mit
der Lorgnette vor den Augen den auf die Tribüne zuschreitenden
Schweitzer vom Scheitel bis zu den Zehen maß, als wollte er sagen: also
du bist der, der mir an den Rockschößen hängt?
Am Molkenmarkt mußte man die Beziehungen Schweitzers zu Wagener und
höher hinauf kennen. Daher kam es wohl, daß, wenn der "Doktor", wie
Schweitzer dort kurz und vertraulich genannt wurde, seine öfteren
Besuche auf dem Präsidium machte, die Beamten und Offiziere ihn sehr
entgegenkommend behandelten, wie das der undankbare Tölcke nach einer
Reihe Jahre, als er mit Schweitzer gebrochen hatte, zugestand. Das
Berliner Polizeipräsidium hatte offenbar ein lebhaftes Interesse, auf
Grund seiner wenig sagenden Akten Schweitzer zu rehabilitieren und damit
auch Wagener und Bismarck weiß zu waschen. Aus diesem Grunde geschah es
wohl, daß, als Dr. Gustav Mayer sein Werk "Johann Baptist v. Schweitzer
und die Sozialdemokratie" schrieb (bei Gustav Fischer in Jena
erschienen), ihm das Berliner Polizeipräsidium bereitwilligst Einsicht
in seine Geheimakten über Schweitzer nehmen ließ. Schon fünfzehn Jahre
früher wurde Genosse Franz Mehring, als er seine Geschichte der
deutschen Sozialdemokratie verfaßte, vom Polizeipräsidium dieselbe
Offerte gemacht, die Mehring aber ablehnte.
* * * * *
Die Gräfin Hatzfeldt, der die Unterstützung der Bismarckschen Politik
durch Schweitzer noch nicht weit genug ging, hatte eine Rechtfertigung
dieser Politik schon gegen Ende 1864 in einem Briefe an die Frau
Herweghs versucht, in dem sie schrieb:
"Es liegt ein förmlicher Abîme (Abgrund) zwischen folgenden zwei
Sachen: sich an einen Gegner zu verkaufen, für ihn arbeiten, verdeckt
oder unverdeckt, oder wie ein großer Politiker den Augenblick zu
erfassen, um von den Fehlern des Gegners zu profitieren, einen Feind
durch den anderen aufreiben zu lassen, ihn auf eine abschüssige Bahn
zu drängen und die dem Zwecke günstige Konjunktur, sie möge
hervorgebracht werden von wem sie wolle, zu benutzen. Die _bloßen_
ehrlichen Gesinnungen, diejenigen, die sich immer nur auf den idealen,
in der Luft schwebenden Standpunkt der zukünftigen Dinge stellen und
darauf nur das momentane Handeln bestimmen, mögen privatim als recht
brave Menschen gelten, aber sie sind zu nichts zu brauchen, zu
Handlungen, die auf die Ereignisse wirklich einwirken, ganz unfähig,
kurz, sie können nur in der großen Masse dem Führer folgen, der besser
weiß."
Die Frau Gräfin hatte sich hier ein Programm zurechtgelegt, das selbst
einen Lassalle zum Scheitern gebracht hätte, weil vor allen Dingen die
Macht, die dazu gehörte, in der von ihr geschilderten Weise zu
politisieren, fehlte. Lassalle wäre, das ist meine Ueberzeugung, wenn es
zum Kirschenessen mit Bismarck gekommen wäre, gehörig hereingefallen;
sein Spiel hätte mit einer gewaltigen Blamage geendet. Zu glauben, ein
Bismarck konnte oder wollte der Sozialdemokratie, also dem Todfeind der
bürgerlichen Gesellschaft, ernsthafte Konzessionen machen, er, dem doch
allein daran liegen mußte, mit der modernen Macht des Kapitalismus sich
zu verständigen und der zu diesem Zwecke die Sozialdemokratie allenfalls
als _Mittel_ benutzte, hätte von einer Verblendung gezeugt, die alles
andere, nur nicht Realpolitik gewesen wäre. Auch ist die
Sozialdemokratie keine Schafherde, die gedankenlos hinter dem Führer
trottet und sich beliebig führen und nasführen läßt. Das mochte die
Gräfin Hatzfeldt zu ihrer Zeit und in der Atmosphäre, in der sie lebte,
noch glauben, aber eine sozialdemokratische Politik ist auf die Dauer
nicht ohne die bewußte Mitwirkung der Massen und das Betreten ehrlicher,
gerader Wege möglich. Die Massen lassen sich auf diplomatische Finessen
nicht ein; der Führer, der anders rechnet, wird bald erkennen, daß er
sich verrechnet hat.
Der Sommer 1865 bot Schweitzer Gelegenheit, sich wieder als Radikaler
aufzuspielen, womit er die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen in den
Hintergrund zu drängen hoffen durfte. Es war das ebenfalls schon von mir
im ersten Bande erwähnte Abgeordnetenfest in Köln, dem gegenüber
Bismarck den Gewaltmenschen spielte. Schweitzer mit seinem gewohnten
großen Geschick wendete sich in einer Reihe Artikel im "Sozialdemokrat"
gegen die Regierung. Und wenn er darin der Fortschrittspartei wegen
ihres feigen Verhaltens in der Kölner Angelegenheit übel mitspielte, so
forderte er auch mit Nachdruck ein völlig freies Vereins- und
Versammlungsrecht für Preußen. Trotz seiner eminenten journalistischen
Gewandtheit schrieb er jetzt mit einer Schärfe, daß der "Sozialdemokrat"
eine längere Reihe von Tagen _täglich konfisziert_ wurde. Diese
oppositionelle Haltung übertrug er auch auf die Kritik an der
auswärtigen Politik, als Bismarck im Oktober zu Napoleon nach Biarritz
reiste, um dessen Zustimmung zu seiner "nationalen" Politik zu erlangen,
Verhandlungen, bei denen, wie sich nach 1866 erwies, Napoleon der
Geprellte war. Gegen Schweitzer erhob die Staatsanwaltschaft Anklage
wegen verschiedener Preßvergehen. Auch reizte die Opposition des
"Sozialdemokrat" die Staatsanwaltschaft noch zu weiterer Verfolgung. So
wurden durch Gerichtsbeschluß in Berlin und Magdeburg die
Mitgliedschaften des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins unterdrückt,
weil sie als selbständige politische Vereine anzusehen seien, die nach
dem § 8 des preußischen Vereins- und Versammlungsgesetzes nicht
miteinander in Verbindung stehen durften.
Diese Verfolgungen verhinderten aber nicht, daß im Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein Schweitzer mit einer starken Opposition zu kämpfen hatte,
wobei die Gräfin Hatzfeldt tapfer schürte, weil er dieser nicht den
verlangten Einfluß auf den Verein und seine Politik einräumte. Es begann
ein wahres Tohuwabohu im Verein, es war der Kampf um die Macht. Lassalle
hatte kurz vor seinem Tode Schweitzer zum Vorstandsmitglied des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins ernannt. Die Generalversammlung in
Düsseldorf ließ ihn aber für diesen Posten durchfallen. Bernhard Becker
war ebenfalls mit Schweitzer zerfallen und versuchte einen Haupttrumpf
gegen ihn auszuspielen, indem er die Generalversammlung des Vereins nach
Frankfurt a.M. einberief, den Ort, der Schweitzer nach seiner
Vergangenheit der allerunangenehmste sein mußte. Indes war die
Opposition auch gegen den unfähigen Becker so stark, daß dieser kurz
vor der Frankfurter Generalversammlung sein Amt niederlegte, worauf
Tölcke als sein Nachfolger gewählt wurde. Bis aber dessen Wahl durch die
Urabstimmung in den Mitgliedschaften bestätigt war, sollte
Hillmann-Elberfeld, der wieder Fritzsche als Vizepräsident ersetzt
hatte, die Leitung des Vereins übernehmen. Hillmann, der zu den
entschiedensten Gegnern Schweitzers gehörte, benutzte jetzt seine
Stellung, um den zwischen Becker und Schweitzer abgeschlossenen Vertrag,
wonach der "Sozialdemokrat" offizielles Vereinsorgan war, für null und
nichtig zu erklären und ihm das Recht, sich Vereinsorgan zu nennen, zu
entziehen. Schweitzer und Hofstetten bezeichneten von da ab das Blatt
als "Organ der sozialdemokratischen Partei".
Mittlerweile war Schweitzer ins Gefängnis gewandert. Er war am 24.
November wegen verschiedener Preßvergehen, darunter Majestätsbeleidigung
und Schmähung obrigkeitlicher Anordnungen, zu einem Jahre Gefängnis
verurteilt worden. Später bekam er noch vier Monate dazu, auch wurden
ihm jetzt die Ehrenrechte aberkannt. Seine Verhaftung erfolgte kurz nach
seiner ersten Verurteilung. Schweitzers journalistische Tätigkeit wurde
aber durch die Haft in keiner Weise unterbrochen, wie er denn im
Gefängnis ein Maß von Freiheiten genoß, das weder bis dahin noch später
einem in Berlin zu Gefängnis verurteilten politischen Gefangenen zuteil
wurde. Er traf alle Anordnungen sowohl als Redakteur wie später als
Präsident des Vereins aus dem Gefängnis. Seine Korrespondenz war
unbeschränkt, Besuche empfing er häufig. Als er 1869 eine mehrmonatige
Gefängnisstrafe in Rummelsburg verbüßte, konnte er sich sogar dem
Vergnügen des Kahnfahrens auf dem Rummelsburger See widmen.
Selbstbeköstigung war ihm ebenfalls gestattet, die in den Berliner
Gefängnissen für politische Gefangene erst in sehr viel späterer Zeit,
zu Ende des vorigen Jahrhunderts, erlangt wurde.
Man hat geltend gemacht, daß die verschiedenen Gefängnisstrafen ein
Beweis gegen die Anklage seien, Schweitzer wäre Bismarckscher Agent
gewesen. Diese Auffassung ist durchaus _falsch_. Die Beziehungen, die
eine Regierung zu ihren politischen Agenten zu haben pflegt, bindet sie
nicht den Staatsanwälten und Richtern auf die Nase. Eine zeitweilige
Verurteilung eines politischen Agenten wegen oppositioneller Handlungen
ist auch sehr geeignet, Mißtrauen gegen den Betreffenden zu beseitigen
und das Vertrauen in ihn zu stärken. Bekanntlich haben auch die Berliner
Gerichte zu derselben Zeit, in der Lassalle mit Bismarck seine
stundenlangen politischen Unterhaltungen als "angenehmer Gutsnachbar"
hatte, sich nicht gescheut, ihn zu einer Reihe harter Gefängnisstrafen
zu verurteilen, obgleich man damals in weiten Kreisen wußte, wie
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