|
|
Aus meinem Leben
Von August Bebel
Zweiter Teil
Stuttgart 1911
Verlag von J.H.W. Dietz Nachf. G.m.b.H.
Inhaltsverzeichnis.
Geleitwort
Die Periode des Herrn v. Schweitzer in der proletarischen Arbeiterbewegung
Jean Baptist v. Schweitzer
"Der Sozialdemokrat"
Schweitzer und die Konservativen
Schweitzer im norddeutschen Reichstag
Schweitzers Diktatur
Die Generalversammlung in Barmen-Elberfeld
Die Rebellion im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
Der Eisenacher Kongreß
Die Gründung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und die Auflösung
des Verbandes der deutschen Arbeitervereine
Nach Eisenach
Schweitzers Ende
Beginn meiner parlamentarischen Tätigkeit
Im konstituierenden norddeutschen Reichstag
Im norddeutschen Reichstag und dem Zollparlament
Taktische Unstimmigkeiten
Der Deutsch-Französische Krieg
Das Vorspiel zur Kriegserklärung
Meinungsdifferenzen
Erklärungen und Proklamationen
Die Verhaftung des Braunschweiger Ausschusses
Annexionen und Kaiserkrone
Unsere Verhaftung
Meine weitere parlamentarische Tätigkeit, der Leipziger Hochverratsprozeß
und anderes
Die erste Session des deutschen Reichstags
Der erste deutsche Webertag
Weiteres aus Sachsen
Der Dresdener Parteikongreß
Die zweite Session des deutschen Reichstags
Der Leipziger Hochverratsprozeß
Die dritte Session des ersten deutschen Reichstags
Mein Majestätsbeleidigungsprozeß
Unsere Festungshaft und was zwischendurch passierte
Hubertusburg
Königstein
Zwickau
Von 1871 bis zum Vereinigungskongreß zu Gotha
Die Regierungen und die Sozialdemokratie
Die Einigungsfrage vor den beiden Fraktionen
Der Parteikongreß zu Eisenach 1873
Die erste Session des neuen Reichstags 1874
Tessendorf als Bahnbrecher der Einigung. Einigungsverhandlungen
Vom Vereinigungskongreß zu Gotha bis zum Vorabend des Sozialistengesetzes
Das Einigungswerk
Nachwehen
Reichstagsarbeit
Meine Stellung zur Kommune
Neue Verfolgungen
Der Parteikongreß zu Gotha 1876
Der Wahlkampf 1876 bis 1877
Der Reichstag 1877
Der Kongreß zu Gotha 1877
Landtagswahl in Sachsen. "Die Zukunft"
Wieder reif fürs Gefängnis
Innere Vorgänge
Der Reichstag Frühjahr 1878
Im Leipziger Gefängnis und was währenddem geschah
Das Hödel-Attentat und seine Folgen
Das erste Ausnahmegesetz
Das Nobiling-Attentat und seine Wirkung
Die Reichstagswahl von 1878
Geleitwort.
Früher, als ich selbst gehofft, ist es mir ermöglicht worden, den
vorliegenden zweiten Band "Aus meinem Leben" fertigzustellen. Mein
Gesundheitszustand hat sich in den letzten anderthalb Jahren erheblich
gebessert und damit ist meine Leistungsfähigkeit gehoben worden. Leider
fiel in diese Zeit die lange, schwere Erkrankung meiner teuren,
unvergeßlichen Frau, mit deren Hinscheiden Ende November 1910 ihr Leiden
seinen Abschluß fand.
Der zweite Band ist weit stärker geworden, als ich anfangs geahnt; er
wuchs mir unter den Händen zu einer Art Geschichte der Partei, was
erklärlich ist bei der Stellung, die ich in der Partei erlangte. Auch
kamen mir noch Briefe und Aktenmaterial in die Hände, das ich verloren
glaubte. Während dem ruhelosen, überarbeiteten Leben, das ich länger als
ein Menschenalter führte, war vorsichtshalber manches beseitigt und
vergeben worden, das sich bei gründlichem Nachforschen wieder fand.
Außerdem gelangten, da ich als Miterbe des Friedrich Engelsschen
literarischen Nachlasses testamentarisch eingesetzt worden war, die
meisten meiner Briefe wieder in meinen Besitz, die ich im Laufe mehrerer
Jahrzehnte mit Friedrich Engels und Karl Marx gewechselt hatte. Den
Hauptinhalt dieser Briefe, die wesentlich in die Zeit des
Sozialistengesetzes fielen, werde ich im dritten Bande benutzen.
Dieser letztere wird, vorausgesetzt, daß mir überhaupt das Leben und die
nötigen Kräfte verbleiben, erst nach längerer Zeit erscheinen. Die
Vorarbeiten befinden sich noch in den Anfängen. Möglicherweise muß ich
diesen dritten Band in zwei Teile zerlegen. Sein Inhalt wird die zwölf
Jahre Sozialistengesetz, die "Heroenzeit" der Partei, wie diese Periode
gern genannt wird, umfassen. Damit gedenke ich meine Veröffentlichungen
größeren Umfangs abzuschließen.
Dem Schlußband wird ein Namen- und Sachregister beigegeben werden.
Zürich, den 2. September 1911.
A. Bebel
Die Periode des Herrn v. Schweitzer in der proletarischen
Arbeiterbewegung.
Jean Baptist v. Schweitzer
Unter den Persönlichkeiten, die nach dem Tode Lassalles nacheinander die
Führung des von ihm gegründeten Vereins übernahmen, steht J.B. v.
Schweitzer allen weit voran. In Schweitzer erhielt der Verein einen
Führer, der in hohem Grade eine Reihe Eigenschaften besaß, die für seine
Stellung von großem Werte waren. Er besaß die nötige theoretische
Vorbildung, einen weiten politischen Blick und eine kühle Ueberlegung.
Als Journalist und Agitator hatte er die Fähigkeit, die schwierigsten
Fragen und Themen dem einfachsten Arbeiter klar zu machen; er verstand
es wie wenige, die Massen zu fanatisieren, ja zu faszinieren. Er
veröffentlichte im Laufe seiner journalistischen Tätigkeit in seinem
Blatte, dem "Sozialdemokrat", eine Reihe populärwissenschaftlicher
Abhandlungen, die mit zu dem Besten gehören, was die sozialistische
Literatur besitzt. So beispielsweise seine Kritik des Marxschen
"Kapital" und die später als Broschüre veröffentlichte Abhandlung "Der
tote Schulze gegen den lebenden Lassalle", Arbeiten, die noch heute
ihren vollen Wert haben. Auch als Parlamentarier erwies er sich als sehr
geschickt und gewandt. Er erfaßte rasch eine gegebene Situation und
verstand sie auszunutzen. Endlich war er auch ein guter Redner von
großer Berechnung, der Eindruck auf die Massen und die Gegner machte.
Aber neben diesen guten, zum Teil glänzenden Eigenschaften besaß
Schweitzer eine Reihe Untugenden, die ihn als Führer einer
_Arbeiterpartei_, die in den ersten Anfängen ihrer Entwicklung begriffen
war, dieser gefährlich machten. Für ihn war die Bewegung, der er sich
nach mancherlei Irrfahrten anschloß, nicht Selbstzweck, sondern Mittel
zum Zweck. Er trat in die Bewegung ein, sobald er sah, daß ihm innerhalb
des Bürgertums keine Zukunft blühte, daß für ihn, den durch seine
Lebensweise früh Deklassierten, nur die Hoffnung bestand, in der
Arbeiterbewegung die Rolle zu spielen, zu der sein Ehrgeiz wie seine
Fähigkeiten ihn sozusagen prädestinierten. Er wollte auch nicht bloß der
Führer der Bewegung, sondern ihr Beherrscher sein, und trachtete sie für
seine egoistischen Zwecke auszunutzen. Während einer Reihe von Jahren in
einem von Jesuiten geleiteten Institut in Aschaffenburg erzogen, später
sich dem Studium der Jurisprudenz widmend, gewann er in der jesuitischen
Kasuistik und juristischen Rabulistik das geistige Rüstzeug, das ihn,
der von Natur schon listig und verschlagen war, zu einem Politiker
machte, der skrupellos seinen Zweck zu erreichen suchte, Befriedigung
seines Ehrgeizes um jeden Preis und Befriedigung seiner großen,
lebemännischen Bedürfnisse, was ohne auskömmliche materielle Mittel, die
er nicht besaß, nicht möglich war. Es ist aber eine alte geschichtliche
Erfahrung, die in allen Volksbewegungen sich bestätigt hat, daß führende
Persönlichkeiten, die sybaritische Gewohnheiten haben, aber wegen Mangel
an Mitteln sie nicht zu befriedigen vermögen, leicht an sie
herantretenden Versuchungen unterliegen, namentlich wenn sie dabei auch
glauben, außer der Befriedigung ihres Ehrgeizes Scheinerfolge erringen
zu können.
Die diktatorische Stellung, welche die Organisation des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins dem Leiter des Vereins einräumte, begünstigte
die Schweitzerschen Bestrebungen ungemein. Es war aber auch ebenso
natürlich, daß gegen die Gelüste des Diktators ein ständiger Kampf der
selbständiger denkenden Mitglieder im Verein entstand. Die Opposition,
zeitweilig durch seine brutale Rücksichtslosigkeit scheinbar
niedergeworfen und aus dem Verein hinausgedrängt, erhob sich in Kürze in
anderen Personen und an anderen Orten wieder, und es begann der Kampf
von neuem gegen ihn. Seine Herrschaftsbestrebungen wurden noch dadurch
ungemein begünstigt, daß das einzige Blatt, das der Verein besaß--und
ein zweites neben diesem duldete er nicht--, "Der Sozialdemokrat", in
seinen Händen war und von ihm geleitet wurde. Damit hatte er das Mittel
in der Hand und wandte es ohne Skrupel an, die geistige Beherrschung
der Mitglieder zu einer absoluten zu machen, wobei er jeden Widerspruch
und jede ihm unbequeme Meinungsäußerung gewaltsam niederhielt. Die Art,
wie dabei wieder Schweitzer den Massen zu schmeicheln verstand, obgleich
er innerlich sie verachtete, ist mir nie mehr in ähnlichem Maße
begegnet. Sich selbst stellte er als ihr Werkzeug hin, das nur dem
Willen des "souveränen Volkes" gehorche, dieses souveränen Volkes, das
nur seine Zeitung las und dem er seinen Willen suggerierte. Wer aber
wieder ihn zu lecken wagte, der wurde der niedersten Motive geziehen,
als eine Viertels- oder Achtelsintelligenz gebrandmarkt, die sich über
die braven, ehrlichen Arbeiter erheben wolle, um sie im Interesse ihrer
Gegner zu mißbrauchen.
Eine Rolle, wie Schweitzer sie allmählich spielte, war allerdings nur in
den Jugendjahren der Bewegung möglich, und darin liegt die
Entschuldigung für seine fanatisierten Anhänger. Wer heute die Rolle
eines Schweitzer in der Bewegung spielen wollte, wäre in kurzer Zeit
unmöglich, sei er wer er wolle.
Schweitzer war ein Demagog großen Stils, der an der Spitze eines Staates
sich als ein würdiger Schüler Machiavellis--für dessen grundsatzlose
Theorien er schwärmte--erwiesen haben würde. Die absolute Herrschaft,
die er durch die erwähnten Mittel sich auf Jahre in seinem Verein zu
sichern wußte, läßt sich nur vergleichen mit gewissen Erscheinungen in
der katholischen Kirche. Er hatte eben nicht umsonst bei den Jesuiten
Unterricht genommen.
Wessen wir--Liebknecht und ich--Schweitzer beschuldigten, war, daß er
den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein--natürlich wider Wissen und
Wollen des weitaus größten Teiles seiner Mitglieder--im Interesse der
Bismarckschen Politik leite, _die wir nicht als eine deutsche, sondern
als eine großpreußische Politik betrachteten,_ eine Politik, betrieben
im Interesse der Hohenzollernschen Hausmacht, die bestrebt war, die
Herrschaft über ganz Deutschland zu gewinnen und Deutschland mit
preußischem Geist und preußischen Regierungsgrundsätzen--_die der
Todfeind aller Demokratie sind_--zu erfüllen.
Wie damals die Dinge im allgemeinen lagen und bei dem schweren Kampfe,
in dem sich Bismarck mit der liberalen Bourgeoisie befand, benutzte er
jedes Mittel, auch das unscheinbarste, das seinen Zwecken dienen konnte.
Ich habe bereits im ersten Teil dieser Arbeit dargelegt, wie Bismarck
noch vor dem Auftreten Lassalles in dem Lackierer Eichler einen
gewandten Agenten besaß, der für seine Politik in den Arbeiterkreisen
Propaganda machte. Lassalle, der nicht als Dienender, sondern als
Gleichberechtigter, als Macht zu Macht mit Bismarck in Unterhandlungen
sich einließ, unterstützte mehr als er wohl selbst wollte diese
Bismarckschen Bestrebungen. Seine Verhandlungen mit Bismarck wurden zwar
offenbar mit dem Februar 1864 abgebrochen und bis zu seinem (Lassalles)
Tode nicht wieder aufgenommen, aber das Streben, die Arbeiterbewegung
der Bismarckschen Politik dienstbar zu machen, blieb bestehen und hatte
einen gewissen Erfolg, woran die scharfe Absage, die Karl Marx dem alter
ego Bismarcks, Lothar Bucher, gab, als dieser ihn zur Mitarbeit am
preußischen "Staatsanzeiger" einlud, nichts änderte.
Helene v. Rakowicza (Helene v. Dönniges), die ehemalige Geliebte
Lassalles, wegen der er in das Duell, das ihn das Leben kostete,
verwickelt wurde, erzählt in ihrem Buche: "Von anderen und mir", Berlin
1909, daß sie in einer Nachtunterhaltung Lassalle die Frage vorgelegt:
Ist's nun wahr? Hast du mit Bismarck allerlei Geheimes zu tun? Worauf
dieser geantwortet habe: "Was Bismarck anbelangt und was er von mir
gewollt hat und ich von ihm?--laß dir's genügen, daß es nicht zustande
kam, nicht zustande kommen konnte. Wir waren beide zu schlau--wir sahen
unsere beiderseitige Schlauheit und hätten nur damit enden können, uns
(immer politisch gesprochen) ins Gesicht zu lachen. Dazu sind wir zu gut
erzogen--also blieb es bei den Besuchen und geistreichen Gesprächen."
Diese Darstellung klingt wahrscheinlich. Es hieße Lassalles Scharfsinn
und seine Einsicht beleidigen, sollte er anders gedacht haben, als hier
seine ehemalige Geliebte erzählt. Ueberhaupt konnte kein scharfsinniger
und einsichtiger Mensch, und das war auch Schweitzer, sich täuschen
über das, was ein Sozialdemokrat von Bismarck erlangen konnte, was
nicht, und daß, wenn Bismarck auf irgendwelche Beziehungen mit
Sozialdemokraten sich einließ, es nur geschah, um sie in seinem
Interesse zu verwenden und nachher wie ausgepreßte Zitronen beiseite zu
werfen. Oder ein anderes, daß sie sich an ihn verkauften und ihm Dienste
leisteten, was bei Lassalle nicht in Frage kommen konnte.
Für meine Auffassung spricht zunächst die Tatsache, daß, als an des
Präsidenten Bernhardt Beckers Stelle F.W. Fritzsche Vizepräsident des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins wurde, Dr. Dammer, der frühere
Vizepräsident des Vereins, Fritzsche empfahl, _er solle bei seinen
Agitationen im Königreich Sachsen neben den sozialistischen Forderungen
für die preußische Spitze eintreten und die über diese Versammlungen
veröffentlichten Zeitungsberichte direkt an Bismarck senden, auch diesem
über die abgehaltenen Versammlungen direkt berichten._ Fritzsche selbst
hat mir diese Mitteilungen gemacht, als es sich im Herbst 1878 um die
Bekämpfung des Entwurfs des Sozialistengesetzes handelte. Diese
Mitteilungen habe ich damals im Reichstag in einer Rede gegen Bismarck
auch verwendet.
Die Versuche, den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein für die
Bismarcksche großpreußische Politik nutzbar zu machen, waren also sehr
frühzeitig vorhanden und dauernde. Es wird Sache meiner
Auseinandersetzungen sein, zu beweisen, daß Schweitzer diesen
Bestrebungen Bismarcks bewußt diente.
Wäre Schweitzer ein Mann gewesen, der der Sache, die er äußerlich
verfocht, innerlich ehrlich zugetan war, wäre er ein Mann gewesen, von
dem jeder Parteigenosse überzeugt sein mußte, daß nur die Begeisterung
und das reinste Streben, der Arbeiterklasse zu dienen, bei ihm vorhanden
war, hätte er die sehr bedenklichen Zweideutigkeiten, die in seinem
politischen Leben auftauchten, zu vermeiden gewußt, wäre mit einem Worte
sein ganzes Tun Vertrauen fordernd gewesen, er wäre bis an sein
Lebensende unbestritten der Führer der Partei geblieben. Jeder Versuch,
ihn zu diskreditieren, wäre an ihm abgeprallt, mochten solche Angriffe
ausgehen von welcher Seite immer. Statt dessen mußte er sein stetig
sinkendes Ansehen verteidigen und erlebte schließlich, daß nach der
Niederlegung seiner Präsidentschaft, als jeder wagen durfte, frei zu
sprechen, ohne Gefahr, von einem Bannstrahl getroffen zu werden, gerade
diejenigen die ehrenrührigsten Anklagen gegen ihn erhoben, die ihn
einstmals gegen die Angriffe von unserer Seite fanatisch verteidigt
hatten. So kam es, daß die Nachricht von seinem Tode jene kalt und
gleichgültig ließ, die im anderen Falle ihn bis zur letzten Stunde als
ihren Führer anerkannt und seinem Andenken alle Ehren erwiesen haben
würden.
* * * * *
Jean Baptist v. Schweitzer wurde am 12. Juli 1834 zu Frankfurt am Main
geboren. Das Blut, das in seinen Adern floß, war, nach seinen Vorfahren
zu urteilen, eine Mischung von italienisch-französischem mit deutschem
Blute. Seine Familie, die im Jahre 1814 vom damaligen König von Bayern
geadelt wurde, gehörte zu den sogenannten Patrizierfamilien
Altfrankfurts.
Was der junge Schweitzer in seiner Familie sah und hörte, war nicht sehr
erhebend und von zweifelhaft erzieherischem Einfluß. Der Vater, einst
Kammerjunker bei dem berüchtigten Herzog Karl von Braunschweig, der 1830
eilig sein Land verlassen mußte, wollte er nicht der Volkswut zum Opfer
fallen, war ein Lüdrian, der als Verschwender lebte. Die Mutter, die
getrennt von ihrem Manne ein besonderes Haus führte, trieb es in der
gleichen Weise. Kein Wunder, daß der junge Jean Baptist bei solcher
Abstammung und bei solchem Vorbild in die elterlichen Fußtapfen trat,
nur daß ihm die Mittel fehlten, welche die Eltern verjubelt hatten,
worauf denn für ihn das Schuldenmachen die notwendige Konsequenz war.
Gegen die Mitte der fünfziger Jahre führte ihn sein Studium auch nach
Berlin, wo er unter anderem im Hause Krummachers, dessen Frau eine
Verwandte seiner Großmutter war, verkehrte, und die führenden Männer der
preußischen Reaktion, so zum Beispiel Friedrich Julius Stahl, kennen
lernte. Die später in seinen Schriften hervortretende scharfe und
treffende Kritik der Natur des preußischen Staates dürfte er bei seinem
Aufenthalt in Berlin und im Verkehr mit den maßgebenden
Gesellschaftskreisen gewonnen haben. Sein großdeutsch-österreichischer
Standpunkt, der nicht nur der herrschende in seiner Familie, sondern
auch in den Bürgerkreisen Altfrankfurts war, mochte seine
Beobachtungsgabe besonders schärfen. Er lernte jetzt den Staat in seinem
innersten Wesen kennen, der der Todfeind Oesterreichs war. Dieser sein
großdeutsch-österreichischer Standpunkt kam auch in den politischen
Schriften zum Ausdruck, deren erste Schweitzer 1859 veröffentlichte, und
zwar in Frankfurt, wo er sich 1857 als Rechtsanwalt niedergelassen
hatte, dem aber die Praxis fehlte. Diese Schrift, die während des
österreichisch-italienisch-französischen Krieges veröffentlicht wurde,
führte den bezeichnenden Titel "Oesterreichs Sache ist Deutschlands
Sache" und forderte das Eintreten von Gesamtdeutschland für Oesterreich.
Die zweite Schrift mit gleicher Tendenz führte den Titel: "Widerlegung
von Karl Vogts Studien zur gegenwärtigen Lage Europas". Dieselbe
schließt: Oesterreichs Sache ist die Sache des europäischen Rechtes und
der europäischen Ordnung, die Sache der Kultur und Humanität und vor
allem die _nationale Sache deutscher Ehre und deutscher Unabhängigkeit_.
In einer dritten Schrift, die 1860 erschien, betitelt "Der einzige Weg
zur nationalen Einheit", rückt er erheblich nach links. Er bekennt sich
als Republikaner und sieht nur in einer demokratischen Einheit
Deutschlands, die durch eine Revolution von unten herbeizuführen sei,
das Heil Deutschlands. Indes verfiel er später wieder in seine
großdeutsch-österreichischen Sympathien, bis er endlich nach seiner
persönlichen Bekanntschaft mit Lassalle ins kleindeutsche Lager
abschwenkte und in der Politik eines Bismarck die einzige Möglichkeit
zur Lösung der deutschen Frage sah.
Der Beginn der Volksbewegung und die Gründung des Nationalvereins im
Jahre 1859 mit seinen kleindeutschen Bestrebungen konnten Schweitzer
nicht gleichgültig lassen. Er trat, entsprechend seinem damaligen
Standpunkt, gegen den Nationalverein auf. Er meinte (Januar 1861), nur
wenn der Nationalverein sich für die Republik, das hieß also für die
Revolution erkläre, könne er auf die Hilfe der _Arbeiter_ rechnen.
Preußen sei nicht besser als Oesterreich; _beide müßten zertrümmert
werden_, sollte die deutsche Einheit möglich sein.
Als dann im November 1861 in Frankfurt a.M. mit seiner Hilfe ein
Arbeiterbildungsverein gegründet wurde, wählte man Schweitzer zu dessen
Vorsitzenden. Hier vertrat er die gleichen radikalen Ideen. Anfang 1862
erschien wiederum eine Schrift von ihm, "Zur deutschen Frage", in der er
sich abermals als unerbittlichen Gegner der hohenzollernschen
Hauspolitik und der preußischen Führerschaft in Deutschland bekannte und
die Jämmerlichkeit der Mittelparteien brandmarkte. Er trat jetzt als
Vielgeschäftiger in der Politik hervor. So wurde er auch Vorsitzender
des Frankfurter Turnvereins; Vereine, die damals samt und sonders eine
eifrige politische Tätigkeit entfalteten, obgleich sie angeblich
unpolitische Vereine sein sollten. Das gleiche war mit der
Schützenvereinsbewegung der Fall. Auch in dieser trat Schweitzer aktiv
hervor und wurde, als der deutsche Schützenbund gegründet wurde,
Mitglied des engeren Ausschusses desselben. Als dann Juli 1862 das erste
deutsche Schützenfest in Frankfurt abgehalten wurde, war Schweitzer
Schriftführer des Zentralausschusses und Redakteur der Festzeitung. Der
intime Umgang, den er damals mit dem Herzog von Koburg, dem
"Schützenherzog", pflog, an dessen Seite er sich häufig auf dem
Festplatze zeigte, stand freilich in Widerspruch zu seinem bisherigen
radikalen Verhalten und auch zu der radikalen Rede, die er am 22. Mai
1862 auf dem Arbeitertag des Maingaus in durchaus sozialistischem Sinne
gehalten hatte, wie ich das bereits im ersten Teil dieser meiner Arbeit
erwähnte.
Schweitzer hatte um diese Zeit gleichzeitig mehrere Eisen im Feuer. Aber
da brach das Verhängnis über ihn herein. Er wurde kurz nach dem
Frankfurter Schützenfest zweier Verfehlungen öffentlich beschuldigt, die
einen schwarzen Schatten auf sein späteres Leben warfen und als Merkmale
seines Charakters von Bedeutung sind.
Zunächst wurde er beschuldigt, 2600 Gulden für die Kasse des
Frankfurter Schützenfestes unterschlagen zu haben. Klage wurde von
seiten des Ausschusses nicht erhoben, und das gab wohl Veranlassung, daß
die Tat überhaupt bestritten wurde. Demgegenüber möchte ich feststellen,
daß der Justizrat Sterzing in Gotha, der im Zentralausschuß des
Schützenfestes saß, mit seiner Namensunterschrift eine Erklärung in der
"Allgemeinen Deutschen Arbeiterzeitung" in Koburg erließ, worin er die
Unterschlagung als Tatsache bestätigte. Als dann einige Jahre später im
Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein die Opposition gegen Schweitzer
losbrach, schickte die Gothaer Mitgliedschaft einen ihrer Angehörigen zu
Justizrat Sterzing, um ihn zu fragen, ob die gegen Schweitzer erhobene
Beschuldigung der Unterschlagung wahr sei. Sterzing betätigte das.
Darauf wandte sich die Gothaer Mitgliedschaft an Schweitzer, teilte ihm
die Aeußerung Sterzings mit und ersuchte ihn, Sterzing zu verklagen.
Schweitzer lehnte ab. Er erklärte: das falle ihm nicht ein, da habe er
viel zu tun.
Ein anderer noch unliebsamerer Vorgang trug sich im August 1862 im
Schloßgarten zu Mannheim zu. Schweitzer wurde beschuldigt, am Vormittag
des betreffenden Tages ein Sittenvergehen an einem Knaben begangen zu
haben. Er wurde mit vierzehn Tagen Gefängnis bestraft. Die Handlung wäre
viel schwerer bestraft worden, hätte man den betreffenden Knaben
feststellen können. Dieses gelang nicht. Wohl aber wurden andere Knaben
gefunden, denen Schweitzer das gleiche Ansinnen gemacht hatte. Daraufhin
fand seine Verurteilung statt. Im Eifer, Schweitzer reinzuwaschen, hat
man die Unschuld Schweitzers, die er natürlich selbst behauptete, zu
beweisen versucht. Im Interesse der historischen Wahrheit sollten solche
Versuche unterbleiben. Man mag über die gleichgeschlechtliche Liebe noch
so frei denken, so war es unter allen Umständen eine Ehrlosigkeit, die
Befriedigung derselben am hellen Tage in einem öffentlichen Park und an
einem schulpflichtigen Knaben zu versuchen. Bemerkt sei auch, daß
Schweitzer sich hütete, gegen das erstinstanzliche Urteil Berufung
einzulegen, was sicher geschehen wäre, wenn er sich unschuldig gefühlt
hätte.
Diese beiden Vorkommnisse zwangen Schweitzer, auf einige Zeit Frankfurt
zu verlassen. In den Arbeiterkreisen erweckten sie natürlich eine starke
Animosität gegen ihn. Als daher im nächsten Jahre, nach Gründung des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, Schweitzer die persönliche
Bekanntschaft Lassalles gemacht hatte und Mitglied des Vereins geworden
war, stellten die Frankfurter Mitglieder an Lassalle das Ersuchen, er
solle Schweitzer angehen, den Versammlungen des Vereins nicht mehr
beizuwohnen. Lassalle lehnte dieses Ersuchen als philiströs ab, das
Schweitzer zugeschriebene Vergehen habe mit seinem politischen Charakter
nichts zu tun. Die Knabenliebe sei in Griechenland allgemein
herrschender Brauch gewesen, dem der Staatsmann und der Dichter
gehuldigt habe. Im übrigen zollte er den Fähigkeiten Schweitzers hohes
Lob. An Schweitzer selbst schrieb er, daß die gerügten Neigungen nicht
nach seinem Geschmack seien. Einen Zweifel, daß Schweitzer diese nicht
besitze, drückte er nicht aus; er wußte wohl warum.
Anfang 1863 veröffentlichte Schweitzer eine neue Schrift bei Otto Wigand
in Leipzig, betitelt "Die österreichische Spitze". Die Schrift widmete
er seinem Freunde Herrn v. Hofstetten, einem ehemaligen bayerischen
Offizier, "in Verehrung und Freundschaft"; die Vorrede ist von einer
schwülen Ueberschwenglichkeit, als rede Alkibiades zu einem seiner
Lieblinge. Der Inhalt der Schrift ist in mehr als einer Beziehung
interessant. Er schildert darin den Charakter des preußischen Staates
durchaus richtig und erklärt Preußen für eine Einigung Deutschlands
durchaus _ungeeignet_. Im weiteren tritt er trotz aller demokratischen
Vorbehalte wieder für die _österreichische_ Spitze ein. Der preußische
Staat stehe der Gesamtheit Deutschlands gegenüber, so führt er aus, auf
Grund seiner historischen Entwicklung ..., die ihn zwinge, sich weiter
in demselben Lande und durch dieselbe Bereicherungsart zu vergrößern,
also auf Annexionen auszugehen. _Diese Mission Preußens sei aber keine
deutsche, sondern eine preußische._ Preußen müsse nach seiner inneren
Natur darauf sehen, _daß der alles einzelne mehr oder weniger
durchdringende Geist, der althistorische, spezifisch preußische,
wesentlich hohenzollernsche Charakter des Staates nicht verloren gehe_.
Gegen dieses Preußen macht er energisch Front, das mit einem _wirklichen
Gesamtdeutschland unverträglich sei_. Er spricht sich dabei in folgender
programmatischer Weise aus, eine Auffassung, der wir später in einer
anderen Situation wieder begegnen werden. Er sagt: "Wenn dem künftigen
Deutschen Reiche--sei es eine Republick oder ein Kaisertum--auch nur ein
einziges Dorf des jetzigen deutschen Bundesgebiets fehlt, _so ist dies
ein nationaler Skandal_. Die kleinste Hütte im fernsten Dorfe, wo
deutsche Zunge klingt, hat das heilige Recht auf den Schutz der
Gesamtheit."
Diese feierliche Erklärung hielt ihn aber bald darauf nicht ab, die
Politik zu unterstützen, die den _nationalen Skandal_ herbeiführte und
herbeiführen wollte, und nach seiner eigenen Auffassung herbeiführen
mußte. Und es handelte sich dabei nicht bloß um ein einzelnes Dorf oder
eine Hütte, sondern um Ländergebiete mit zehn Millionen Deutscher, die
Jahrhundertelang früher zum Reiche gehörten als die Provinz Preußen,
deren Namen die Hohenzollern ihrem Königreich gaben. Schließlich
forderte er die _österreichische Spitze_ und den Eintritt
_Gesamtösterreichs_ in den Bund, wenn nicht anders, _so durch die
Zertrümmerung Preußens_. Demgemäß verlangte er, daß die großdeutsche
Partei _energisch für die österreichische Spitze_ eintrete und nicht der
kleindeutschen Partei das Feld in der Agitation für die preußische
Spitze überlasse.
So Schweitzer als schwarzgelber Großdeutscher noch Anfang 1863. In
wenigen Monaten war er ein anderer. Mittlerweile hatte er die
persönliche Bekanntschaft Lassalles gemacht. Er begriff rasch, daß sich
hier eine Gelegenheit zu einer Stellung für seine Zukunft bot, die
seinem Ehrgeiz entsprach, die ihm in der bürgerlichen Welt nach den oben
geschilderten Vorgängen für alle Zeit abgeschnitten war. In diesen
Kreisen galt er als ein Mensch, vor dem man die Tür schließen müsse.
Als im Frühjahr 1863 Lassalle nach Frankfurt kam, verständigten sich
beide offenbar sehr bald. Gelegenheit dazu bot auch ein gemeinsamer
Ausflug in die Rheinpfalz, auf dem sich ein amüsanter Vorgang mit
Lassalle zutrug. Außer Lassalle und Schweitzer nahmen an der Partie die
Gräfin Hatzfeldt, Hans v. Bülow und unser verstorbener Parteigenosse,
der damals jugendliche Wendelin _Weißheimer_ teil. Die Reise ging nach
Osthofen am Rhein, von wo aus der Ebernburg, bekanntlich einst der Sitz
Sickingens, ein Besuch gemacht werden sollte. Auf Betreiben Weißheimers
hatte sein Vater, der in Osthofen wohnte, die Gesellschaft zum
Mittagstisch geladen. Lassalle saß an der Tafel neben Frau Weißheimer.
Als diese im Laufe des Gesprächs, wißbegierig wie Frauen nun einmal
sind, die Frage an Lassalle richtete: ob er glaube, daß seine Pläne
durchführbar seien, umarmte Lassalle sie und drückte ihr mit den Worten:
"Sie sind eine köstliche Frau" einen Kuß auf die Lippen. Er schloß ihr
also buchstäblich den Mund. Ueber diese Verhöhnung aller
gesellschaftlichen Etikette geriet der alte Weißheimer dermaßen in
Aufregung, daß er einige Sekunden nach Atem schnappte, wohingegen die
übrige Gesellschaft aus vollem Halse lachte.
Die Wandlung in der Gesinnung Schweitzers unter dem Einfluß Lassalles
zeigte sich sofort deutlich in der Rede, die er am 13. Oktober 1863 in
Leipzig unter dem Titel hielt: "Die Partei des Fortschritts als Trägerin
des Stillstandes". Diese Rede bezeichnet eine vollständige Umwandlung
seiner bisherigen Stellung zu Preußen, zugleich war sie eine
Rechtfertigung der Politik Lassalles und eine klare Stellungnahme gegen
den Liberalismus, _was zu jener Zeit hieß_ eine Parteinahme für Bismarck
und die Feudalen. In jener Rede führt er unter anderem aus:
"Allein, meine Herren, wenn Sie meinem Vortrag gefolgt sind, so werden
Sie erkannt haben, daß zwar der moderne Absolutismus samt seinen
Adels- und Priesterkoterien uns feindlich gegenübersteht, da er
überhaupt von Neuerung nichts wissen will; allein, Sie werden zugleich
erkannt haben, _daß unser eigentlicher, hartnäckiger und erbitterter
Feind wo ganz anders steckt--nämlich in der Bourgeoispartei und ihren
Vertretern_. Es muß durchaus einmal _offen und bestimmt ausgesprochen
werden,_ daß in der weitaus höchsten und wichtigsten Frage der Zeit
_der wahre Sitz des Stillstandes in der sogenannten liberalen Partei
liegt, daß also unser, der sozialdemokratischen Partei Kampf in erster
Linie gegen sie gerichtet sein muß_. Wenn Sie dies aber festhalten,
meine Herren, dann werden Sie sich selbst sagen: _Warum hätte Lassalle
sich nicht an Bismarck wenden sollen?"_
Nach dieser Theorie waren also nicht die Feudalen, denen jeder
politische und soziale Fortschritt ein Greuel war, die, um modern zu
reden, die heftigsten Verteidiger der gottgewollten Abhängigkeiten sind,
der Hauptfeind der Arbeiter, das waren vielmehr die Liberalen, von denen
selbst der am weitesten rechtsstehende Anhänger doch immer noch ein
Vertreter der modernen Entwicklung, ein Anhänger eines gewissen
Kulturfortschrittes ist, ohne den die kapitalistische Ordnung nicht
bestehen kann, die dem Proletarier erst die Möglichkeit schafft, sich
zum freien Menschen emporzuarbeiten, die Unterdrückung des Menschen
durch den Menschen zu beseitigen. Schweitzer _wußte_, daß die von ihm
gepredigte Auffassung eine _grundreaktionäre_ war, ein Verrat an den
Interessen des Arbeiters, aber er propagandierte sie, weil er glaubte,
sich dadurch nach oben zu empfehlen.
Es verstand sich von selbst, daß Bismarck und die Feudalen eine solche
Hilfe von der äußersten Linken mit Vergnügen sich gefallen ließen und
den Vertreter einer solchen Auffassung eventuell auch unterstützten. War
doch dieses Spielen mit Sozialismus und Kommunismus--und kein
vernünftiger Mensch konnte annehmen, daß es sich um mehr als um ein
Spielen handle--ein vortreffliches Mittel, die liberale Bourgeoisie, die
nie an einem Uebermaß von Mut und Einsicht litt, ins Bockshorn zu jagen
und _sie dem Bismarckschen Zäsarismus ins Garn zu treiben_. Je radikaler
dieser Sozialismus sich gegen die Bourgeoisie aufspielte, je mehr
erfüllte er seinen Zweck. Daher auch die Aufforderung Buchers an
Marx--man muß dieses immer wiederholen--, im "Staatsanzeiger" selbst
kommunistisch zu schreiben.
Diese Politik war aber das gerade Gegenteil von Demokratie und
Sozialismus, was ich nicht erst zu beweisen nötig habe.
"Der Sozialdemokrat."
Schweitzer siedelte im Juli 1864 nach Berlin über und ließ sich dort
naturalisieren. Sein Zweck war, die Herausgabe eines Parteiorgans "Der
Sozialdemokrat" zu betreiben, wozu sein Freund v. Hofstetten, der mit
einer Gräfin Strachwitz verheiratet war und einiges Vermögen besaß, die
Mittel hergab. Auffallend ist, daß Lassalle in seinem Testament keinen
Pfennig für das von ihm gebilligte Unternehmen anwies.
Schweitzer war es gelungen, trotz des Mißtrauens, das ein Teil der hier
Genannten gegen ihn hegte, außer Liebknecht Karl Marx, Friedrich Engels,
Oberst Rüstow, Georg Herwegh, Jean Philipp Becker, Fr. Reusche, Moritz
Heß und Professor Wuttke als Mitarbeiter zu gewinnen, selbstverständlich
auf ein radikales Programm, das Schweitzer entworfen hatte, das sich
durch Klarheit, Bestimmtheit und Kürze auszeichnete. Dasselbe erschien
an der Spitze der Probenummer des "Sozialdemokrat" vom 15. Dezember 1864
und lautete:
_Unser Programm._
Drei große Gesichtspunkte sind es, welche das Streben und die
Tätigkeit unserer Partei bestimmen:
Wir bekämpfen jene Gestaltungen des europäischen Staatensystems,
welche, unnatürlich die Völker trennend und verbindend, aus dem
feudalen Mittelalter in das neunzehnte Jahrhundert sich
herübergeschleppt haben--wir wollen fördern die Solidarität der
Völkerinteressen und der Volkssache durch die ganze Welt.
Wir wollen nicht ein ohnmächtiges und zerrissenes Vaterland, machtlos
nach außen und voll Willkür im Innern--_das ganze, gewaltige
Deutschland wollen wir, den einen, freien Volksstaat_.
Wir verwerfen die bisherige Beherrschung der Gesellschaft durch das
Kapital--wir hoffen zu erkämpfen, daß die Arbeit den Staat regiere.
Diese drei großen auf gemeinsamer Grundlage beruhenden Gesichtspunkte
_weisen uns in jeder möglichen Frage mit zwingender Notwendigkeit auf
die Bahnen, die wir zu wandeln haben_.
Unsere Prinzipien sind einfach und klar--_ihre Konsequenzen zu ziehen
werden wir uns niemals scheuen_.
Kein Zweifel, wäre dieses durchaus unanfechtbare, von allen maßgebenden
Personen in der Partei gebilligte Programm fortan die Richtschnur des
Blattes geblieben, eine Spaltung wäre unmöglich gewesen, eine Aera
gesunder Fortentwicklung wäre eingetreten und hätte eine ungeahnte
Ausbreitung der Partei schon in jungen Jahren höchst wahrscheinlich
gemacht.
Aber Schweitzer wollte es anders. Von Herrn v. Hofstetten, seinem
Associé und Miteigentümer des "Sozialdemokrat", rede ich nicht.
Hofstetten war ein schwacher Mann ohne tiefere Einsicht in das Wesen der
Dinge, der sich von Schweitzer treiben und mißbrauchen ließ, und den
dann Schweitzer wie eine ausgequetschte Zitrone nach einigen Jahren
beiseite warf, nachdem Hofstetten sein Vermögen bis zum letzten Rest für
den "Sozialdemokrat" und für Schweitzer, der über Jahr und Tag auch an
seinem Tische saß, geopfert hatte.
Die korrekte Haltung des "Sozialdemokrat" währte nicht lange.
Bereits in Nr. 6 des "Sozialdemokrat" waren in dem Artikel "Das
Ministerium Bismarck und die Regierungen der Mittel- und Kleinstaaten"
Wendungen enthalten, in denen Schweitzers Sympathie mit der Politik
Bismarcks, wenn auch noch sehr vorsichtig, zum Ausdruck kam. Mit der Nr.
14 des "Sozialdemokrat" vom 27. Januar 1865 beginnt dann jene Serie
Artikel "Das Ministerium Bismarck", in denen er die demokratische Maske
fallen läßt, was die öffentliche Absage der meisten der eben erst
gewonnenen Mitarbeiter zur Folge hatte.
In dem ersten dieser Artikel wurde ausgeführt:
"Parlamentarismus heißt Regiment der _Mittelmäßigkeit_, heißt
_machtloses Gerede_, während _Zäsarismus_ doch wenigstens _kühne
Initiative, doch wenigstens bewältigende Tat heißt_. 'Schmach den
Renegaten, die jetzt der Reaktion dienen', rufe man. Sonderbar aber
doch, daß diese radikalen Renegaten (deren rasche Abwirtschaftung wir
erlebt haben. A.B.) nicht bei Pfordten und Beust (selbstverständlich
nicht. A.B.), daß diese radikalen Renegaten gerade bei Bismarck sind."
Die Renegaten, die er meinte, waren eben alles Leute, die keinen Beruf
zu einem revolutionären Vorgehen in sich verspürten, die sich mit der
kapitalistischen Ordnung der Dinge--vorausgesetzt, daß sie überhaupt je
deren Gegner waren--abgefunden hatten und sich sagten, daß der
Kapitalismus unter der Aegide des märkischen Junkers nicht zu kurz
kommen werde, worin sie sich nicht täuschten.
Im zweiten Artikel Schweitzers hieß es in Betrachtung der Entwicklung
Preußens:
"Von dieser Grundlage aus (dem Kurfürstentum) hat sich sodann der
vergleichungsweise junge Staat, vorzugsweise durch _das mächtige Genie
eines großen Königs und gewaltigen Kriegshelden, eines in jeder
Beziehung bewunderungswürdigen Mannes_, zu einem ausgedehnten und
mächtigen Königreich erweitert."
Nach dieser Verherrlichung Friedrichs des Großen, die ein Sybel oder
Treitschke tönender nicht betreiben konnte, spendet er auch der
Volkserhebung von 1813 ein Lob, die eine glänzende Ausnahme von der
Regel preußischer Geschichte sei. "Der Hauptsache nach und alles in
allem genommen, ist Preußen das, was es ist, durch die an seiner Spitze
stehende Dynastie geworden."
Alsdann charakterisiert er das Wesen des preußischen Royalismus.
"Während ein solcher Geist in den einen deutschen Staaten zwar nicht
ohne alle Begründung sein mag, jedenfalls aber alles höheren
politischen Ernstes und der tieferen Würde entbehrt, in den anderen
Staaten aber geradezu als Karikatur dessen erscheint, was man
Royalismus nennt, ist _der königliche Geist in Preußen eine
wohlbegründete politische Anschauungsweise und Richtung_. Denn die
Dynastie und in ihr _der jedesmalige Regent können mit innerer
Berechtigung als der Kulminationspunkt der aufsteigenden Skala_ der
herkömmlichen Elemente, als der Schwerpunkt der in hergebrachten
Bahnen rotierenden Kräfte, als Herz und Gehirn des Organismus
innerhalb eines Staatsganzen betrachtet werden, welches nur so und
unter solcher Voraussetzung seine eigentümliche Wesenheit und seine
dermalige Stellung erlangte und erlangen konnte."
|