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Internationale angeschlossen haben sollten, standen wohl mehr als
fünfzigtausend nicht einmal auf dem Papier, sie waren ein Produkt der
Phantasie. Es war damals die Periode der Uebertreibungen, die namentlich
der Internationale zugute kamen. Hörte man die bürgerlichen Zeitungen,
so besaß die Internationale in Europa Millionen Mitglieder, und
dementsprechend waren ihre Geldmittel ungeheure. Der gute Bürger geriet
in Angst und Schrecken, las er in seiner Zeitung, der Kassierer der
Internationale brauche nur den großen Geldschrank zu öffnen, um für
jeden Streik Millionen zur Verfügung zu haben. Ich selbst war eines
Abends Augen- und Ohrenzeuge, wie Prince Smith, der mir bei einer
geselligen Zusammenkunft im Verein der Berliner Presse gegenübersaß,
seinem Nachbar vertraulich erzählte: er habe heute einen Brief aus
Brüssel erhalten, wonach der Generalrat der Internationale für den
Streik der Kohlengräber in der Borinage (Belgien) zwei Millionen Franken
zur Verfügung gestellt habe. Ich hatte Mühe, das Lachen zu
unterdrücken. Der Generalrat wäre froh gewesen, wenn er zwei Millionen
Centimes gleich zwanzigtausend Franken in der Kasse gehabt hätte. Der
Generalrat hatte einen sehr großen moralischen Einfluß, aber Geld war
immer seine schwächste Seite.
Diesen Uebertreibungen von der Macht der Internationale fiel einige
Jahre später nach dem Aufstand der Kommune auch Bismarck zum Opfer. Er
wollte eine internationale Konferenz zur Bekämpfung der Internationale
veranstalten, wobei ihm der österreichische Kanzler, Herr v. Beust,
bereitwillig an die Hand ging, obwohl nach dessen eigenem Geständnis die
Internationale für Oesterreich nicht in Betracht kam. Die Durchführung
des schönen Planes durchkreuzte die englische Regierung. Und nicht bloß
Bismarck, auch ein so gewandter Diplomat und Unterhändler wie Oberst v.
Bernhardi ließ sich über die Internationale die größten Bären aufbinden.
So teilt er in „Aus dem Leben Theodors v. Bernhardi“ den Bericht eines
seiner Vertrauensleute mit, in dem es heißt:
„Vor allem werden die sozialistischen Wühlereien von London und Genf aus
eifrig fortgesetzt, um ganz Europa zu revolutionieren, und zwar, um
nicht bloß eine politische, sondern auch eine soziale Revolution
hervorzurufen. Sie werden von den beiden Comités internationaux in
London und in Genf geleitet. Das Komitee in London präsidiert Louis
Blanc, das Komitee in Genf Philipp Becker. Die Revolution soll zuerst in
Paris ausbrechen, und wenn sie dort siegreich ist, sich zunächst auf
Italien und dann auf das südliche Deutschland ausdehnen, wo viel
Zündstoff ist; sie soll dann aber auch das nördliche Deutschland
erfassen, wo man ebenfalls zahlreiche Verbindungen hat, und überhaupt
ganz Europa umgestalten. Zunächst ist man überall bemüht, das städtische
Proletariat vermittels des Koalitionsrechts militärisch zu
organisieren.“
Nach Bernhardi waren alle Hauptstädte Deutschlands bereits insurgiert.
Häupter der Bewegung seien namentlich Schweitzer und Bebel. Solcher
Unsinn wurde also von sehr ernst zu nehmenden Leuten verzapft.
Die erwähnte Adresse „An das spanische Volk“, die Liebknecht in einer
Versammlung begründete und ich, als Vorsitzender der Versammlung,
vorgelesen und zur Abstimmung gebracht hatte, führte uns vor den Kadi.
Wir wurden schließlich jeder zu drei Wochen Gefängnis wegen Verbreitung
staatsgefährlicher Lehren verurteilt, die wir gegen Ende 1869 — so lange
hatte der Instanzenzug gedauert — im Leipziger Bezirksgerichtsgefängnis
verbüßten.
Daß die spanische Revolution in ihrem weiteren Verlauf indirekt Anlaß
zum Kriege zwischen Frankreich und Deutschland geben würde, ahnte damals
niemand.
Vor Barmen-Elberfeld.
Die Kämpfe mit den Lassalleanern beider Linien wurden mit dem Jahre 1868
immer heftiger. Daran änderte auch nichts, daß wir für die Wahl
Hasenclevers im Wahlkreis Duisburg — Herbst 1868 — eine Geldsammlung
veranstalteten und die engere Wahl Yorks gegen den nationalliberalen
Professor Planck — der später Hauptmitarbeiter am Bürgerlichen
Gesetzbuch wurde, zu dem er einen Kommentar schrieb — im Wahlkreis Celle
unterstützten. Beide Schritte sollten beweisen, daß wir einen
Unterschied zwischen den Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins und ihrem Präsidenten machten. Für Anfang März 1869
hatten wir einen allgemeinen sächsischen Arbeitertag nach
Hohenstein-Ernstthal ausgeschrieben, mit der Tagesordnung: Reform des
sächsischen Vereinsrechts und Wahlrechts. Die Einladung hatten auch die
sächsischen Führer der beiden Richtungen der Lassalleaner unterzeichnet.
Den Tag vor dem Arbeitertag sollte unsere Partei eine Landesversammlung
abhalten, mit der Tagesordnung: die Gewerksgenossenschaften. Im Rate der
Mende-Hatzfeldt war es anders beschlossen.
Als ich Sonntag früh von einer Versammlung aus Mittweida nach Hohenstein
kam, sah ich, daß viele Arbeiter, die übernächtig und mit Schmutz
bedeckt waren, auf den Bahnhof eilten. Ich erfuhr jetzt, daß diese,
Anhänger der Mende-Hatzfeldt, den Abend zuvor 80 bis 100 Mann stark aus
Chemnitz in das Versammlungslokal gedrungen seien, um die
Landesversammlung zu sprengen. Es war zu einem großen Tumult und
schließlich zu Gewalttätigkeiten gekommen, worauf der Bürgermeister die
Feuerwehr requiriert hatte, weil die Polizei sich als machtlos erwies,
die Ruhe herzustellen. Vahlteich war verhaftet worden, weil er einen
Stockdegen gezogen hatte. Nach wenigen Tagen kam er wieder frei. Die
furchtbare Erregung, die diese Vorgänge in der ganzen Bevölkerung
hervorriefen, hatten weiter dazu geführt, daß man die Landesversammlung
absagte, was ich für einen Fehler hielt. Von verschiedenen Seiten wurde
mir gratuliert, daß ich bei jenem Tumult nicht zugegen gewesen sei; die
Tumultuanten hätten besonders nach mir verlangt und mich
niederzuschlagen gedroht.
Sechs Monate später — der Eisenacher Kongreß war vorüber — hielt ich in
Chemnitz mit durchschlagendem Erfolg eine Riesenversammlung ab. Nach der
Versammlung kamen eine Anzahl Arbeiter zu mir, die sich an jenem Tumult
in Hohenstein beteiligt hatten, und baten mich um Verzeihung; sie
begriffen selbst nicht mehr, wie sie damals der Verhetzung hätten Folge
leisten können.
Liebknechts und mein Wunsch war lange, mit J.B.v. Schweitzer eine
persönliche Begegnung und Auseinandersetzung zu haben. Der Wunsch wurde
rascher erfüllt, als wir hofften. Am 14. Februar beschloß eine von den
Lassalleanern einberufene Versammlung in Leipzig, in der weder
Liebknecht noch ich zugegen waren, Schweitzer und Liebknecht einzuladen,
sich in einer öffentlichen Versammlung gegenüberzutreten und gegenseitig
ihre Anschuldigungen vorzubringen. Liebknecht erklärte sofort im
„Demokratischen Wochenblatt“, daß er diesen Beschluß mit Freuden annehme
und bereit sei, in einer Volksversammlung Schweitzer entgegenzutreten
und zu beweisen, daß Schweitzer — sei es für Geld oder aus Neigung —
seit Ende des Jahres 1864 systematisch die Organisation der
Arbeiterpartei zu hintertreiben suchte und das Spiel des Bismarckschen
Cäsarismus spiele. Sollte Schweitzer, wie er schon einmal getan,
ihm ausweichen wollen, so sei er bereit — allein oder mit
mir —, in Gegenwart von Schweitzers Bevollmächtigten und der
Arbeiterschaftspräsidenten ihm entgegenzutreten, oder — allein oder mit
mir — auf der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins zu erscheinen und seine Anklagen zu begründen. Weiter
machte er den Vorschlag, den Generalrat der Internationale als
Schiedsrichter zwischen Schweitzer und sich anzurufen.
Nachdem der „Sozialdemokrat“ festgestellt, daß Schweitzer auf der
letzten Generalversammlung nahezu einstimmig zum Präsidenten gewählt
worden sei, also das volle Vertrauen des Vereins besitze, erwiderte er:
Nach der Organisation sei der Präsident über sein Tun und Lassen nur der
Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
verantwortlich. Schweitzer sei in Haft; seinen Entschließungen könne er,
der „Sozialdemokrat“, nicht vorgreifen, er glaube aber versichern zu
können, daß er jedem, also auch den Herren Liebknecht und Bebel, auf der
Generalversammlung in Barmen-Elberfeld Rede und Antwort stehen werde.
Liebknecht werde also beim Wort genommen. Auf ein Schiedsgericht in
Sachen seines Präsidenten könne sich der Allgemeine Deutsche
Arbeiterverein nicht einlassen.
Wir waren von dieser Antwort, die offenbar Schweitzer selbst verfaßt
hatte, sehr befriedigt. Bei dem Verlauf, den die Angelegenheit genommen,
und bei dem Aufsehen, das sie in beiden Lagern gemacht hatte, konnte
Schweitzer nicht ausweichen. Daß er sich für unsere Zulassung zur
Generalversammlung entschied, war uns recht, obgleich wir, streng
genommen, dorthin nicht gehörten, da wir nicht Mitglieder des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins waren. Offenbar nahm Schweitzer
an, daß er inmitten der Delegierten zur Generalversammlung am ehesten
Deckung finden würde und eine Verhandlung hinter verschlossenen Türen
ihn am wenigsten kompromittiere.
Merkwürdigerweise erklärte der „Sozialdemokrat“ drei Tage später,
Schweitzer werde sich uns nicht stellen, wir hätten kein Recht, auf der
Generalversammlung zu erscheinen. In der nächsten Nummer des
„Sozialdemokrat“ wurde aber diese Notiz widerrufen. Wir sollten kommen,
Schweitzer werde sogar auf der Generalversammlung seinen Einfluß
ausüben, daß wir zugelassen würden. In Barmen-Elberfeld las man's später
anders.
Nachdem wir die offizielle Einladung zur Generalversammlung erhalten
hatten, dampften wir ab. In Kassel stieg ein Herr in unser Abteil, den
wir für einen Delegierten zur Generalversammlung hielten. Unsere
Vermutung stellte sich als begründet heraus. In der Unterhaltung
erfuhren wir, daß unser Reisegefährte Wilhelm Pfannkuch war, der gleich
geahnt hatte, wer wir waren. Wir fuhren zusammen nach dem Wuppertal.
Die Vorgänge auf der Generalversammlung in Barmen-Elberfeld und was dann
weiter folgte zu schildern, behalte ich mir vor für den nächsten Teil
meiner Erinnerungen; vor allem sollen dann auch die Gründe dargelegt
werden, die J.B.v. Schweitzer und uns zu Gegnern gemacht hatten.
Zum Schluß möchte ich noch bemerken, daß das Jahr 1869 für die deutsche
Arbeiterbewegung von schwerwiegender Bedeutung geworden ist. Während
desselben wurden, wenn auch erst nach heftigen Kämpfen und Beseitigung
mancher Mißverständnisse, die Richtlinien festgelegt, die für die
weitere Entwicklung sich als ausschlaggebend erwiesen. Der Eisenacher
Kongreß, Anfang August, auf dem die sozialdemokratische Arbeiterpartei
Deutschlands gegründet wurde, bildete den Höhepunkt in dieser
Entwicklung. Auch politisch war die Situation eine gänzlich andere gegen
wenige Jahre früher. Die Verfassung des Norddeutschen Bundes war dem
Schöpfer desselben, Bismarck, wie auf den Leib geschnitten, wobei
natürlich die liberalen Forderungen, von demokratischen zu schweigen,
sehr übel gefahren waren. Die Hoffnungen und Erwartungen, die nach
dieser Richtung in den Kreisen der Liberalen vorhanden waren, erwiesen
sich als eitel. Bismarck war nicht der Mann, der eine ihm günstige
Situation ungenutzt vorübergehen ließ. Vorgänge, wie er sie in der
Konfliktszeit erlebte, suchte er jetzt ein für allemal unmöglich zu
machen. Und der größte Teil der Liberalen kam ihm darin entgegen. Es war
ihnen vor ihrer eigenen Gottähnlichkeit, als Männer der starren
Opposition, bange geworden. Das preußische Militärsystem wurde in Bausch
und Bogen und unter entsprechender Erweiterung auf den Norddeutschen
Bund übertragen. Für die Marine wurden die ersten Keime gelegt.
Ministerverantwortlichkeit und Diäten für die Abgeordneten flogen ins
alte Eisen. Bismarck war unumschränkter Beherrscher der inneren
Situation.
Dafür, daß die liberale Bourgeoisie in allen wichtigen politischen
Fragen Bismarck das weiteste Entgegenkommen zeigte, ein Entgegenkommen,
das bis zur Entmannung ging, erlangte sie die volle Befriedigung ihrer
wirtschaftlichen Forderungen, die nach ihrer Natur auch eine Anzahl
Forderungen der Arbeiterklasse erfüllten. Freizügigkeit, Aufhebung der
Paßbeschränkungen, Erleichterung der Eheschließung und Niederlassung,
denen im Jahre 1869 der Entwurf einer Gewerbeordnung folgte, hatten
mittlerweile Gesetzeskraft erlangt. Mit der Schaffung des Zollparlaments
war unter Teilnahme der süddeutschen Staaten die Zoll-, Handels- und
indirekte Steuergesetzgebung ebenfalls in den Kreis der
parlamentarischen Beratungen gezogen. Damit war ein Tätigkeitsfeld
eröffnet, das ich nach meinen Kräften beackern half. Wie und mit welchem
Erfolg, soll mit Gegenstand der Darlegung im zweiten Teile werden.
END OF BOOK
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