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vorschlugen und einstimmig angenommen wurde, lautete:
„In Erwägung, daß das Anheimgeben der Verwaltung einer allgemeinen
Altersversorgungskasse für Arbeiter an den bestehenden Staat den
Arbeiter unbewußt zu einem konservativen Interesse an den bestehenden
Staatsformen bringt, denen er keineswegs Vertrauen schenken kann;[8]
In Erwägung, daß Kranken- und Sterbeunterstützungs- sowie
Altersversorgungskassen erfahrungsgemäß am besten durch
_Gewerksgenossenschaften_ ins Leben gerufen und erhalten werden können,
beschließt der fünfte Vereinstag, den Mitgliedern des Verbandes und
speziell dem Vorort aufzugeben, für _Vereinigung der Arbeiter in
zentralisierten Gewerksgenossenschaften tatkräftig zu wirken_.“
Germann-Leipzig sprach über Krankenunterstützungskassen; sein Referat
faßte er in folgender Resolution zusammen: Der Vereinstag wolle den
Verbandsangehörigen empfehlen, durch Deputierte des Orts ein Kollegium
zu bilden, das erstens eine gute Organisation der Kassen, volle
Selbstverwaltung, _Vereinigung derselben nach Gewerken in Verbände und
Besprechung der Kasseninteressen in einem geeigneten Organ_; zweitens
_Freizügigkeit innerhalb der Gewerkskassen_ und bankmäßige
Bewirtschaftung des Krankenkassenkapitals anstrebt, außerdem aber auch
drittens die Gründung solcher Kassen veranlaßt, an denen bis jetzt noch
Mangel ist, für _Dienstboten und Arbeiterinnen_.
Im weiteren Verlauf der Verhandlungen referierte Schweichel über die
indirekten Steuern, Liebknecht über die Wehrfrage. Die Kommission, die
zur Prüfung der Geschäftsführung des Vororts niedergesetzt worden war,
zollte demselben hohes Lob. Bücher und Akten befanden sich in schönster
Ordnung, obgleich die Arbeitslast ganz bedeutend gestiegen sei, dem
Vorort gebühre wärmste Anerkennung. Die materielle Entschädigung für die
geleistete Arbeit betrug für das Geschäftsjahr 57 Taler 4 Neugroschen.
Bei der Wahl zum Vorsitzenden erhielt ich von 59 abgegebenen Stimmen 57.
Damit hatte Leipzig wieder die Leitung für das nächste Jahr in der Hand.
Als Vertrauensmänner wurden gewählt: Bürger-Göppingen, Notz-Stuttgart,
Eichelsdörfer-Mannheim, Günzel-Speier, Sonnemann-Frankfurt a.M.,
Stuttmann-Rüsselsheim, Dr. Kirchner-Hildesheim, Heymann-Koburg,
Motteler-Crimmitschau, Krause-Mülsen (St. Jakob), Bremer-Magdeburg,
Vahlteich-Maxen (bei Dresden), Kobitzsch-Dresden, Oberwinder-Wien,
Löwenstein-Fürth. Die geringe Vertretung Norddeutschlands unter den
Vertrauensmännern war dadurch verursacht, daß die Vertreter der
norddeutschen Vereine mit wenigen Ausnahmen zur Opposition gehörten und
den Austritt ihrer Vereine aus dem Verband erklärt hatten.
Der Arbeiterbund veröffentlichte nach seiner Konstituierung einen
Aufruf, worin er heftige Anklagen gegen den Nürnberger Vereinstag erhob
und es auch an Unwahrheiten und Entstellungen nicht fehlen ließ. Darauf
antwortete ich in Nr. 46 des „Demokratischen Wochenblatts“ unter dem 23.
September 1868 in einer langen Erklärung, in der ich die Angriffe
zurückwies. Unter anderem war in dem gegnerischen Aufruf gesagt worden,
wir wollten die Arbeiter auf einen „sozial-kommunistischen Standpunkt“
locken. Darauf bemerkte ich: Ein sonderbarer Standpunkt der
„sozial-kommunistische“; es sind nur zwei Worte, und doch enthalten
diese erstens eine Dummheit, zweitens eine Lüge, drittens eine
Denunziation. Die letztere sah ich darin, daß man durch das Wort
Kommunismus nicht bloß die Besitzenden, sondern auch die Arbeiter vor
uns kopfscheu machen wolle. Die Worte „Sozialist“ und „Sozialismus“
reichten nicht mehr aus, daran seien Arbeiter und Arbeitgeber bereits
gewöhnt. Diese fänden immer mehr, daß der Sozialismus gar nichts so
Schreckliches sei, da müsse das Wort Kommunismus herhalten, um dem
Philister Angst in die Glieder zu jagen.
Die Beschlüsse des Nürnberger Vereinstags schufen für die Bewegung eine
neue Lage. Jetzt konnte nicht mehr, wie das bisher Schweitzer in seinem
Moniteur, dem „Sozialdemokrat“, den Mitgliedern des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins immer wieder verkündet hatte, von einer
kleinbürgerlichen Bourgeoispartei, als die er namentlich die sächsische
Volkspartei zu bezeichnen beliebte, die Rede sein, obgleich er genau
wußte, daß die bürgerlichen Elemente in derselben in verschwindender
Minderheit waren. Jedenfalls waren sie nicht stärker als im Allgemeinen
Deutschen Arbeiterverein, wie Liebknecht ihm im nächsten Frühjahr auf
der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in
Elberfeld ins Gesicht sagte, was er durch zustimmendes Kopfnicken
bejahte. Das erfuhren auch die Agitatoren, die er uns einige Monate
später zu unserer Bekämpfung nach Sachsen schickte. Einer derselben — L.
Sch., der später zu den Zünftlern überging und heute wohlbestallter
Obermeister einer Schuhmacherinnung ist — äußerte nachher: „Schweitzer
hat uns bös hereingelegt, in den überfüllten Versammlungen, die wir
abhielten, haben wir nichts als Arbeiter und wieder Arbeiter gesehen.“
Er hätte hinzufügen können: und unser Erfolg war Null. Liebknecht und
ich folgten ihnen fast in alle Versammlungen, die sie abhielten, und
brachten ihnen eine Niederlage nach der anderen bei.
Nun konnte auch nicht mehr bestritten werden, daß in der sächsischen
Volkspartei und dem Verband der Arbeitervereine jetzt eine
sozialistische Partei vorhanden war, die auf dem Boden der
Internationale stand. Die Nürnberger Tagung und ihre Resultate machten
deshalb auch im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein Eindruck, in dem
bereits gegen Schweitzer ein tiefes Mißtrauen vorhanden war. Die Wirkung
zeigte sich im Laufe des folgenden Jahres. Hätte damals an der Spitze
des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins der rechte Mann gestanden, die
Einigung der sozialistisch denkenden Arbeiter wäre jetzt eine Tatsache
geworden. Sieben Jahre schädigender gegenseitiger Bekämpfung wären der
Bewegung erspart geblieben.
Kurz nach dem Nürnberger Vereinstag kam es im Berliner Arbeiterverein,
dessen Vorsitzender Krebs in dem ganzen Streit im Verband
eine zweideutige Haltung eingenommen hatte, zu lebhaften
Auseinandersetzungen, die damit endeten, daß eine starke Minderheit aus
dem Verein austrat und einen demokratischen Arbeiterverein ins Leben
rief, der sich für das Nürnberger Programm erklärte. Unter den Gründern
des neuen Vereins befanden sich unter anderen G. Boas, Havenith, Karl
Hirsch, Jonas, Paul Singer, O. Wenzel. Später traten demselben Th.
Metzner, Milke und Heinrich Vogel bei, die aus dem Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein ausgetreten oder wie Vogel ausgeschlossen worden waren.
Der Verein hatte in Berlin gegen die Lassalleaner einen schweren Stand;
sie höhnten, es sei ein Verein von Offizieren ohne Armee, was nicht so
ganz falsch war. Aber die Offiziere leisteten etwas und schafften sich
allmählich die fehlende Armee.
Die Achillesferse des Arbeitervereinsverbandes waren die schwachen
Finanzen. Mit dem jährlichen Groschenbeitrag ließ sich nicht viel
anfangen, obgleich der Verband 10000 Mitglieder hatte. Neben den Steuern
für lokale Zwecke vergaß man, größere Opfer für den Verband zu bringen.
Hier war uns der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein weit über. Wir im
Vorort dachten daher ernstlich auf Abhilfe durch Aenderung der
Organisation. Die Lage wurde für uns noch unangenehmer, als Schweitzer
große Agitationstouren durch Sachsen und Süddeutschland ankündigte, für
die er eine Anzahl Agitatoren bestimmt hatte. Die Abwehr erforderte
unsererseits vor allem Geld, das wir nicht hatten. Erhebliche
Geldzuschüsse erforderte auch das „Demokratische Wochenblatt“, das vom
Dezember 1868 ab Verbandsorgan wurde. Wir hatten dasselbe mit ganzen 10
Talern in der Tasche gegründet, zu denen noch weitere kleine Beträge
kamen. Auf ähnlicher „finanzieller Grundlage“ wurden später öfter
Parteiorgane gegründet. Rechnerisch waren sie schon mit der ersten
Nummer bankrott. Aber die Opferwilligkeit und Begeisterung für ein Blatt
kannte kaum Grenzen. Die leitenden Persönlichkeiten mußten sich freilich
mit lächerlich geringen Summen für ihre Arbeitsleistung begnügen, und
sie taten es. Die heutige Generation in der Partei hat keine Vorstellung
von der Armseligkeit der damaligen Zustände und von den Ansprüchen an
Unentgeltlichkeit der Leistungen. So erhielt zum Beispiel Liebknecht als
Redakteur des „Demokratischen Wochenblatts“ monatlich nur 40 Taler,
später als Redakteur des „Volksstaat“ monatlich 65 Taler. Hepner wurde
1869 mit monatlich 25 Taler angestellt; den Arbeiterteil im
„Demokratischen Wochenblatt“ schrieb ich unentgeltlich, für die Leitung
der Expedition erhielt ich monatlich 12 Taler, dafür mußte ich auch die
Räume hergeben. Als 1870 der Krieg ausbrach, verzichtete ich auf dieses
horrende Gehalt. Gehaltserhöhungen kannte man damals nicht. Als zum
Beispiel 1878 der „Vorwärts“, der Nachfolger des „Volksstaat“, auf Grund
des Sozialistengesetzes totgeschlagen wurde, hatte Liebknecht noch
dasselbe Gehalt wie neun Jahre zuvor. Aber mittlerweile hatte er aus der
zweiten Ehe fünf Kinder mehr, von denen damals das älteste keine zehn
Jahre zählte. In finanzieller Beziehung sind wir im Vergleich zu früher
— denn was ich hier vom Verband der Arbeitervereine sage, galt auch für
den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein — eine Bourgeoispartei
geworden.
Doch die Partei hat immer „Schwein“ gehabt. Ich habe deshalb manchmal zu
meinen Freunden scherzhaft gesagt: Gibt es einen Gott, so muß er die
Sozialdemokratie sehr lieb haben, denn wenn die Not am größten, ist die
Hilfe am nächsten. Im vorliegenden Falle kam die Hilfe von einer Seite,
von der wir sie nicht erwarten konnten. Eben klagte ich einem unserer
auswärtigen Vertrauensmänner, der mich besuchte, unsere Verlegenheit,
als der Briefträger einen eingeschriebenen Brief brachte. Absender war
Dr. Ladendorf in Zürich, den ich 1866 in Frankfurt kennen gelernt und
mit dem ich auf dem Nürnberger Parteitag die Bekanntschaft erneuert
hatte. Er schrieb, daß er mir aus einem ihm und seinen Freunden zur
Verwaltung anvertrauten Fonds, dem sogenannten Revolutionsfonds, 3000
Franken zur Verfügung stelle, die ich in drei Raten in Empfang nehmen
und über deren Verwendung ich ihm Rechnung ablegen solle. Wer war
glücklicher als ich? Ich machte vor Freude einen Luftsprung und teilte
meinem verdutzt dreinschauenden Freunde die gute Botschaft mit. Der
Revolutionsfonds, der später auch im Leipziger Hochverratsprozeß eine
Rolle spielte, über dessen Entstehung in den Verhandlungen jenes
Prozesses das Nötige nachgelesen werden kann, half uns noch mehrmals aus
der Patsche. Aber als wir infolge unserer Stellungnahme zu den
Beschlüssen des Baseler internationalen Arbeiterkongresses über die
Grund- und Bodenfrage und zu den kriegerischen Ereignissen des Jahres
1870 mit Ladendorf und Genossen in Konflikt kamen, versiegte diese
Quelle.
Die von Schweitzer angeordnete Agitation gegen uns in Sachsen war
erfolglos; in Süddeutschland war sie nur von geringem Erfolg begleitet
gewesen. Wider Erwarten hatten sich auch in Süddeutschland aus unseren
Vereinen Kräfte gefunden, die seinen Agitatoren die Spitze boten. Es lag
aber auf der Hand, daß durch diese gegenseitige Bekämpfung die Stimmung
in beiden Parteien immer erbitterter wurde.
FUSSNOTEN:
[7] Mein Einladungsschreiben an den Generalrat lautete:
An den Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation zu London.
Geehrte Herren! Ein wichtiger Vorgang, der in einem großen Teil der
deutschen Arbeitervereine bevorsteht, veranlaßt mich, diese Zeilen an
Sie zu richten.
Am 5., 6. und 7. September hält der Verband Deutscher Arbeitervereine in
Nürnberg seinen Vereinstag ab. Unter den wichtigen Fragen, welche die
Tagesordnung enthält, steht als die wichtigste „Die Programmfrage“
obenan, das heißt, es soll sich entscheiden, ob der Verband noch ferner
in dem jetzigen prinzip- und planlosen Arbeiten beharren oder nach
festen Grundsätzen und bestimmter Richtung wirken soll.
Wir haben uns für das letztere entschieden und sind gesonnen, das
Programm der Internationalen Arbeiterassoziation, wie es die erste
Nummer des „Vorboten“ enthält, zur Annahme vorzuschlagen, respektive den
Anschluß an die Internationale Arbeiterassoziation zu beantragen. Die
Majorität für diesen Antrag ist bereits gesichert, der Erfolg also
zweifellos. Wir glauben aber, daß es einen sehr guten Eindruck machen
würde, wenn bei diesen Ihr Interesse auf das lebhafteste in Anspruch
nehmenden Verhandlungen die Internationale Arbeiterassoziation durch
einen Deputierten vertreten wäre, und beehren uns deshalb, an Sie den
Wunsch und die dringende Einladung auszusprechen, zum Vereinstag in
Nürnberg einen oder mehrere Deputierte als Vertreter der Internationalen
Arbeiterassoziation zu entsenden.
Wir geben uns der angenehmen Hoffnung hin, daß Sie unsere Bitte erfüllen
und uns bald geneigte Antwort zukommen lassen werden. Einer freundlichen
Aufnahme können Ihre Herren Deputierte sich versichert halten.
Mit Gruß und Handschlag
Der Vorort des Verbandes Deutscher Arbeitervereine. Aug. Bebel,
Vorsitzender.
Leipzig, den 23. Juli 1868.
[8] Viel später erklärte auch Bismarck, daß kleine Pensionen auch für
den Arbeiter das beste Mittel seien, ihn für die bestehende
Staatsordnung günstig zu stimmen, daher der Gedanke der Invaliden- und
Altersversicherung.
Die Gewerkschaftsbewegung.
Ich beschäftige mich mit der Gewerkschaftsbewegung nur insoweit, als ich
glaube, mich zu ihren Geburtshelfern zählen zu dürfen. Man könnte das
Jahr 1868 das Geburtsjahr der deutschen Gewerkschaften nennen, aber nur
mit Einschränkung. Ich habe schon oben mitgeteilt, daß das
Prosperitätsjahr 1865 eine große Anzahl Arbeitseinstellungen in den
verschiedensten Städten sah, die zu einem guten Teil versagten, weil die
Arbeiter nicht organisiert waren und keine Fonds besaßen. Daß beides
notwendig vorhanden sein müsse, darauf wurden sie jetzt sozusagen mit
der Nase gestoßen. Es wurden nunmehr eine Menge zumeist lokaler
Fachvereine gebildet, aber daß diese auch nicht genügten, erkannte man
sehr bald. Wie zu Weihnachten 1865 auf Fritzsches Anregung der
Allgemeine Deutsche Zigarrenarbeiterverein gegründet wurde, so folgten
im Jahre 1866 die Buchdrucker, die von vornherein sich den politischen
Arbeiterparteien gegenüber streng neutral verhielten, was indes Richard
Härtel im Oktober 1873 nicht abhielt, in einer Versammlung der Berliner
Buchdrucker zu erklären: In seiner Eigenschaft als Verbandspräsident
halte er es für das beste, sich formell keiner Partei anzuschließen, „im
Geiste gehören wir jedoch der sozialdemokratischen Arbeiterpartei
Eisenacher Programms an“. Streng genommen konnte er das nicht für alle
Buchdrucker erklären, viele gehörten auch dem Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein an. Weiter bestand schon vor 1868 der Goldarbeiterverband
mit einem eigenen Organ und der Allgemeine Deutsche Schneiderverein. Im
großen und ganzen war von den Führern der politischen Bewegung bis dahin
für die Organisation von Gewerkschaften sehr wenig geschehen. Es war
hauptsächlich Liebknecht, der durch seine Vorträge im Leipziger
Arbeiterbildungsverein und in Leipziger und auswärtigen
Volksversammlungen über den englischen Trades Unionismus für
gewerkschaftliche Organisation Verständnis schaffte. Im Mai 1868 hatten
wir auch bereits im Vorortsvorstand die Gründung von Gewerkschaften
erörtert, aber die Menge der laufenden Arbeiten und vor allen Dingen die
Notwendigkeit, erst einmal im Verband durch ein Programm Klarheit zu
schaffen, verhinderten, daß wir uns sofort mit der Ausführung des Planes
beschäftigten. Im Sommer 1868 war Max Hirsch nach England gereist zwecks
Studien über die dortigen Trades Unions, worüber er in der Berliner
„Volkszeitung“ berichtete. Dieses mochte Schweitzer und Fritzsche
veranlassen, Hirsch, der durch die Gründung von Gewerkvereinen die
Arbeiter an die Fortschrittspartei zu fesseln hoffte, zuvorzukommen.
Beide schritten jetzt rasch zur Tat, wie ich glaube annehmen zu sollen,
auf Anregung Fritzsches, der die Bedeutung der Gewerkschaften voll
erkannte, aber auch die Organisation der neuen Gründung wohl anders
gestaltet haben würde, hätte er Schweitzer gegenüber freie Hand gehabt.
Die Braunschweiger Mitglieder beantragten durch Fritzsche, der den
Antrag im Einverständnis mit Schweitzer angeregt hatte und auch Brackes
Zustimmung fand, auf der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins zu Hamburg am 25. August 1868:
Die Generalversammlung erklärt: 1. Die Streiks sind kein Mittel, die
Grundlagen der heutigen Produktion zu ändern und somit die Lage der
Arbeiterklasse durchgreifend zu verbessern; allein sie sind ein Mittel,
das Klassenbewußtsein der Arbeiter zu fördern, die Polizeibevormundung
zu durchbrechen und unter Voraussetzung richtiger Organisation einzelne
Mißstände drückender Art, wie zum Beispiel übermäßig lange Arbeitszeit,
Kinderarbeit und dergleichen, aus der heutigen Gesellschaft zu
entfernen. 2. Die Generalversammlung beauftragt den Vereinspräsidenten,
einen allgemeinen deutschen Arbeiterkongreß zur Begründung von
allgemeinen Gewerkschaften zu berufen, die in diesem Sinne wirken.
Der erste Teil der Resolution wurde angenommen, der zweite
abgelehnt. Dagegen beschloß, wie bekannt, wenige Tage nachher der
Arbeitervereinstag zu Nürnberg ohne große Debatte, den Vorort mit der
Gründung von Gewerkschaften zu beauftragen. Das war die gegenteilige
Auffassung von jener, die bei der Mehrheit im Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein herrschte. Nach jener Abstimmung in Hamburg erklärten
Schweitzer und Fritzsche, sie würden als Reichstagsabgeordnete einen
Arbeiterkongreß für Gründung von Gewerkschaften einberufen. Als aber
auch hiergegen Opposition laut wurde, drohte Schweitzer, daß, wenn man
ihm dieses verbiete, er sofort sein Amt niederlegen und aus dem Verein
ausscheiden würde. Diese Drohung hatte die gewünschte Wirkung. Der
Kongreß fand denn auch am 27. September und folgende Tage in Berlin
statt. Es waren nicht weniger als 206 Delegierte anwesend, die meist in
Arbeiterversammlungen gewählt worden waren und 140000 Arbeiter
vertraten. Bemerkenswert sind folgende Aeußerungen Schweitzers aus der
Rede, mit der er den Kongreß eröffnete:
„England ist weitaus das kapitalreichste Land der Erde, und wenn dennoch
die ausländische Industrie über die englische Herr geworden ist, so ist
das geschehen, weil die englischen Arbeiter den dortigen Kapitalisten so
viel Schwierigkeiten machten. Dasselbe kann in Deutschland geschehen,
und leichter. _Die deutschen Arbeiter können geradezu die deutsche
Industrie ruinieren, wenn sie wollen, und sie haben kein Interesse
daran, sie zu halten, solange ihnen diese den erbärmlichsten Lohn
zukommen läßt...._ Die Arbeiter können, wenn sie fest organisiert sind,
_die deutsche Industrie konkurrenzunfähig_ machen, und wenn die Herren
Kapitalisten das nicht wollen, so mögen sie höhere Arbeitslöhne zahlen.“
Geschickt war diese Begründung nicht, aber vielleicht sollte sie es
nicht sein.
Der Kongreß gründete sogenannte Arbeiterschaften, die unter einer
Zentralleitung standen, die Schweitzer, Fritzsche und Karl
Klein-Elberfeld, Präsident und zwei Vizepräsidenten, bildeten. Die
Organisationsform war nicht besonders glücklich gewählt und nur
Schweitzer zu danken, der unter keinen Umständen auch nur einem Teile
der Bewegung, auf den er Einfluß hatte, Unabhängigkeit einräumen wollte.
Schweitzer hatte, da es ihm sehr darum zu tun war, von Marx eine
günstige Antwort für sein Unternehmen zu bekommen, diesem am 13.
September einen Brief geschrieben und seinen Statutenentwurf beigefügt.
Marx, der den Brief mißverstanden hatte, gab erst auf einen zweiten
Brief Schweitzers eine Antwort, in der die auf die Schweitzersche
Organisation bezüglichen Stellen lauten:
* * * * *
„Was den Berliner Kongreß betrifft, so war d'abord (zunächst) die Zeit
nicht drängend, da das Koalitionsgesetz noch nicht votiert ist. Sie
mußten sich also mit den Führern außerhalb des Lassalleschen Kreises
verständigen, gemeinsam mit ihnen den Plan ausarbeiten und den Kongreß
berufen. Statt dessen ließen Sie nur die Alternative, sich Ihnen
anzuschließen oder Front gegen Sie zu machen. Der Kongreß erschien
selbst nur als erweiterte Auflage des Hamburger Kongresses (der
Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins). Was den
Statutenentwurf betrifft, so halte ich ihn für prinzipiell verfehlt, und
ich glaube so viel Erfahrung als irgend ein Zeitgenosse auf dem Gebiet
der Trades Unions zu haben. Ohne hier weiter auf Details einzugehen,
bemerke ich nur, daß die Organisation, so sehr sie für geheime
Gesellschaften und Sektenbewegungen taugt, dem Wesen der Trades Unions
widerspricht. Wäre sie möglich — ich erkläre sie tout bonnement
(aufrichtig gestanden) für unmöglich —, so wäre sie nicht
wünschenswert, am wenigsten in Deutschland. Hier, wo der Arbeiter von
Kindesbeinen an bureaukratisch gemaßregelt wird und an die Autorität, an
die vorgesetzte Behörde glaubt, gilt es vor allem, ihn _selbständig
gehen zu lehren_.
Ihr Plan ist auch sonst unpraktisch. Im Verband drei unabhängige Mächte
verschiedenen Ursprungs: 1. der Ausschuß, gewählt von den Gewerken; 2.
der Präsident — eine ganz überflüssige Person —, gewählt durch
allgemeines Stimmrecht;[9] 3. Kongreß, gewählt durch die Lokalitäten.
Also überall Kollisionen, und das soll rasche Aktion befördern.
Lassalle beging großen Mißgriff, als er den élu du suffrage universel
(den Gewählten des allgemeinen Stimmrechts) der französischen
Konstitution von 1852 entlehnte. Nun gar in einer Trades Unionsbewegung!
Diese dreht sich großenteils um Geldfragen, und Sie werden bald
entdecken, daß hier alles Diktatorentum aufhört.
Indes, welches immer die Fehler der Organisation, sie können vielleicht
durch rationelle Praxis mehr oder minder ausgemerzt werden. Ich bin
bereit, als Sekretär der Internationale den Vermittler zwischen Ihnen
und der Nürnberger Majorität, die sich direkt der Internationale
angeschlossen hat, zu spielen — auf rationeller Grundlage versteht sich.
Ich habe deshalb nach Leipzig geschrieben. Ich verkenne die
Schwierigkeiten Ihrer Stellung nicht und vergesse nie, daß jeder von uns
mehr von den Umständen als seinem Willen abhängt.
Ich verspreche Ihnen unter allen Umständen die Unparteilichkeit, die
meine Pflicht ist. Andererseits kann ich aber nicht versprechen, daß ich
eines Tages als Privatschriftsteller — sobald ich es für absolut durch
das Interesse der Arbeiterbewegung diktiert halte — offene Kritik an dem
Lassalleschen Aberglauben üben werde, wie ich es seinerzeit an dem
Proudhonschen getan habe.
Indem ich Sie persönlich meines besten Willens für Sie versichere
Ihr ergebener K. Marx.“
Die geschaffene Organisation paßte aber Schweitzer nicht
lange. Wie vorauszusehen war, machten sich bald gewisse
Selbständigkeitsbestrebungen in den Arbeiterfragen bemerkbar. Diesen
trat Schweitzer im „Sozialdemokrat“ vom 15. September 1869 entschieden
entgegen: man strebe den Arbeiterschaftsverband vom Allgemeinen
Deutschen Arbeiterverein zu trennen und unter eine selbständige Leitung
zu stellen; davor warne er. Drei Monate später ging er weiter. In Nr.
152 des „Sozialdemokrat“ kündigte er unter dem 29. Dezember an, daß von
den verschiedensten Seiten Wünsche laut geworden seien, die
verschiedenen Gewerkschaften in eine einzige allgemeine Gewerkschaft zu
verschmelzen. Er habe dementsprechend einen Entwurf ausgearbeitet, den
er in derselben Nummer veröffentlichte. Vorher schon hatte
Fritzsche sich vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und vom
Arbeiterschaftsverband losgesagt und sein Amt als erster Vizepräsident
niedergelegt. Ebenso hatten sich von Schweitzer losgesagt Louis
Schumann, Präsident des Allgemeinen Deutschen Schuhmachervereins, Bork,
Präsident des Allgemeinen Deutschen Holzarbeitervereins, und Schob,
Präsident des Allgemeinen Deutschen Schneidervereins.
Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, die
Anfang Januar 1870 in Berlin tagte, kam Schweitzers Wunsch entgegen und
beschloß, daß die Gewerkschaften bis zum 1. Juli zu verschmelzen seien
und ein neuer Verein gegründet werden solle unter dem Namen Allgemeiner
Deutscher Gewerkverein. Unmittelbar hinter der Generalversammlung des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins fand die des Allgemeinen Deutschen
Arbeiterschaftsverbandes statt. Die Mehrzahl der Delegierten erklärte
sich ebenfalls für Schweitzers Vorschlag. Lübkert, Präsident des
Allgemeinen Deutschen Zimmerervereins, meinte, die Gewerkschaften seien
doch im Grunde nichts weiter als eine Vorschule für die politische
Heranziehung der Arbeiter. Zilowsky war ebenfalls für die Verschmelzung,
damit werde der Präsidentenkitzel aus der Welt geschafft, der zumeist an
der Zersplitterung in viele Gewerkschaften schuld sei. Hartmann,
Schallmeyer und Vater aus Hamburg sprachen ebenfalls für die
Verschmelzung, aus ähnlichen Gründen wie die der vorhergehenden Redner.
Für die Verschmelzung stimmten Delegierte, die 12500 Stimmen, gegen
solche, die 9000 Stimmen hinter sich hatten. Obgleich damit die
statutenmäßige Zweidrittelmehrheit für die Auflösung des Verbandes nicht
vorhanden war, wurde dennoch beschlossen, einen neuen Verein, der den
Namen Allgemeiner Deutscher Arbeiterunterstützungsverband erhalten
sollte, am 1. Juli an Stelle der Arbeiterschaften ins Leben treten zu
lassen.
Diesem Beschluß wurde von einer Anzahl Arbeiterschaften keine Folge
geleistet. Immerhin blieb die Gegnerschaft gegen die gewerkschaftlichen
Organisationen unter einem Teil der einflußreichsten Mitglieder des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bestehen, so daß sogar noch 1872
auf dessen Generalversammlung Tölcke den Antrag stellte: Die Versammlung
solle beschließen, alle innerhalb der Partei neben dem Allgemeinen
Deutschen Arbeiterverein bestehenden Verbindungen, namentlich der
Allgemeine Deutsche Arbeiterunterstützungsverband, der Berliner
Arbeiterbund, der Allgemeine Deutsche Maurerverein, der Allgemeine
Deutsche Zimmererverein und sämtliche zu denselben gehörende
Mitgliedschaften seien aufzulösen, ihre Bestände dem Allgemeinen
Deutschen Arbeiterverein einzuverleiben und sollten deren Mitglieder dem
Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein beitreten. Sein Antrag konnte aber
nicht angenommen werden, weil die Generalversammlung keine Macht hatte,
außerhalb des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bestehende
Organisationen aufzulösen.
Wie aber auch noch andere Führer als Tölcke dachten, zeigen zum Beispiel
die Aeußerungen von Hasenclever: „Wenn der Bund (Berliner Arbeiterbund)
seinen Zweck erfüllt hat, dann werden wir schon von selbst dafür sorgen,
daß er wieder verschwindet.“ Hasselmann äußerte: „Wir haben nur deshalb
den Bund gegründet, um diese Gewerke zu uns herüberzuziehen, was uns
auch ganz gut gelungen ist. Wir haben also mit dem Bunde nichts
Besonderes schaffen wollen, er war nur ein Mittel zum Zweck.“ Aehnlich
sprachen Grottkau und andere. Schließlich wurde noch folgender Antrag
angenommen: „Die Generalversammlung möge den Wunsch aussprechen, daß
sobald wie möglich die innerhalb unserer Partei bestehenden
gewerkschaftlichen Verbindungen aufgelöst und die Mitglieder dem
Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zugeführt werden. Es ist Pflicht
der Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, in diesem
Sinne zu wirken.“
Kann man Mende trauen — und seine Angabe ist meines Wissens
unwidersprochen geblieben —, so hatte auch Schweitzer gegenüber Mende
und der Gräfin Hatzfeldt bei ihrem im Frühjahr 1869 abgeschlossenen Pakt
— ich komme später darauf — versprochen, die Gewerkschaftsorganisation
als im Widerspruch mit Lassalles Ansichten stehend mehr und mehr in den
Hintergrund treten zu lassen. Später änderten sich die Ansichten im
Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zugunsten der Gewerkschaften.
* * * * *
Der dem Vorort Leipzig vom Nürnberger Vereinstag zugeteilten
Aufgabe kamen wir nach und entwarfen ein Normalstatut für
Gewerksgenossenschaften, dessen Verfasserschaft mir zufiel.
Sobald dasselbe fertiggestellt war, ging es in Massen an die
Organisationen mit der Aufforderung, für die Gründung internationaler
Gewerksgenossenschaften — welchen Titel wir gewählt hatten — tätig zu
sein. Ich selbst legte Hand mit an. Der Titel ging eigentlich etwas
weit, denn wir konnten doch nur darauf rechnen, die Deutsch sprechenden
Länder in die Organisation zu ziehen. In der Hauptsache sollte mit dem
Namen die Tendenz ausgedrückt werden. Es kamen denn auch eine
Anzahl solcher Organisationen zustande, so die Internationale
Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter, der
Maurer und Zimmerer, der Metallarbeiter, der Holzarbeiter, der
Schneider, Kürschner und Kappenmacher, der Schuhmacher, der Buchbinder,
der Berg- und Hüttenarbeiter.
Es war klar, daß, wenn schon die politische Bewegung unter der Spaltung
litt, die Gewerkschaftsbewegung in noch viel höherem Maße darunter
leiden mußte. Das bekam Fritzsche im folgenden Jahre am eigenen Leibe
zu spüren, in dem infolge der heftigen Parteikämpfe die Mitgliedschaft
seines Verbandes von ungefähr 9000 Mitgliedern auf etwas über 2000 sank.
Allerdings war an diesem Sturze teilweise der Bankrott der Berliner und
der Leipziger Produktivgenossenschaften der Tabakarbeiter schuld, die
nach einem verlorenen Streik gegründet worden waren.
Wir in Leipzig suchten den Zerwürfnissen in der Gewerkschaftsbewegung
möglichst vorzubeugen. Wir beriefen Ende Oktober 1868 im Verein mit
Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins eine stark
besuchte Arbeiterversammlung mit der Tagesordnung ein: Die
Gewerksgenossenschaften, in der Liebknecht referierte und folgende
Resolution empfahl:
„In Erwägung, daß die Gründung von Gewerksgenossenschaften nach dem
Muster der englischen Trades Unions behufs Organisierung der
Arbeiterklasse zur Wahrung und Förderung ihrer Interessen und zur
Stärkung ihres Klassenbewußtseins notwendig ist;
in Erwägung ferner, daß durch die Beschlüsse der verschiedenen
Arbeiterkongresse bereits die Anregung gegeben und der Anfang zur
Gründung von Gewerksgenossenschaften gemacht worden ist, beschließt die
heutige Arbeiterversammlung, energisch vorzugehen zur Bildung solcher
Genossenschaften, und beauftragt ein zu diesem Zwecke zu wählendes
Komitee, die dazu nötigen Schritte zu tun und namentlich mit den
Verwaltungen der Arbeiterkassen usw. in Verbindung zu treten.“
Es wurde alsdann ein Komitee gewählt, in dem vom Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein unter anderen Seyferth und Taute neben Liebknecht und mir
saßen. Das Komitee lud Angehörige aller Gewerke ein, um mit diesen die
Organisation von Gewerkschaften zu besprechen. Diese Zusammenkunft fand
unter meinem Vorsitz statt und wurde folgende von Liebknecht und mir
verfaßte Resolution einstimmig angenommen:
„Die Versammlung beschließt: Die von der Mehrheit des Nürnberger
Arbeitervereinstags und der Mehrheit des Berliner Arbeiterkongresses
gegründeten respektive zu gründenden Gewerksgenossenschaften haben
darauf hinzuwirken:
1. daß von beiden Seiten nach gegenseitiger Verabredung eine
gemeinschaftliche Generalversammlung zum Behuf der Einigung und
Verschmelzung berufen werde;
2. daß, bis eine Einigung und Verschmelzung zustande kommt, die
beiderseitigen Gewerksgenossenschaften in ein Vertragsverhältnis
zueinander treten, sich namentlich mit ihren Kassen gegenseitig
unterstützen und womöglich einen gemeinsamen provisorischen Ausschuß
wählen;
3. daß beide Teile unter allen Umständen jede Gemeinschaft mit den
Hirsch-Dunckerschen Gewerksgenossenschaften zurückweisen, die, von
Feinden der Arbeiter gestiftet, keinen anderen Zweck haben, als die
Organisation der Arbeiter zu hintertreiben und die Arbeiter zu
Werkzeugen der Bourgeoisie herabzuwürdigen.“
Dieses Verlangen fand auf der anderen Seite kein Entgegenkommen. In Nr.
141 des „Sozialdemokrat“ vom 2. Dezember 1868 veröffentlichte Schweitzer
eine Resolution, wonach das Präsidium und der Zentralausschuß des
Allgemeinen Deutschen Arbeiterschaftsverbandes unsere Anträge
zurückgewiesen hatten und aufforderten, „jedem Versuch, die Bewegung
zugunsten der persönlichen Zwecke einzelner zu zersplittern, mit allem
Nachdruck entgegenzuarbeiten“.
Damit war der Versuch, zu einer Verständigung zu gelangen, bis auf
weiteres hinfällig geworden.
Die Gewerkschaftsfrage kam unsererseits wieder auf dem Eisenacher
Kongreß im August 1869 zur Erörterung. Man mißbilligte namentlich, daß
die Aufnahme von Mitgliedern von einem politischen Glaubensbekenntnis
abhängig gemacht würde, wie das von Schweitzer verlangt wurde. Greulich
sprach sich für eine internationale Organisation aus, es gelte die
Massen in die Gewerkschaften zu bringen. Vor diesen habe der Kapitalist
Angst, nicht vor unseren paar elenden Pfennigen. Zuletzt wurde auf
Antrag Yorks eine Resolution zugunsten der Einigung der Gewerkschaften
angenommen. Ein Antrag Mottelers, der verlangte, daß die Gewerkschaften
den Abschluß von Rückversicherungen (Kartellen) betreiben sollen, fand
ebenfalls Zustimmung. Auf dem Parteikongreß zu Stuttgart — Juni 1870 —
stand abermals die Gewerkschaftsfrage auf der Tagesordnung. Die
Verhandlungen bewegten sich im alten Geleise. Die Frage der Einigung
spielte wieder die Hauptrolle. Von 1871 ab begannen die Gewerkschaften
unter der Gunst der Prosperitätsepoche sich besser zu entwickeln und
traten selbständiger auf. Die Prosperitätsepoche, die bis zu Beginn des
Jahres 1874 währte, hatte eine ungezählte Zahl Arbeitseinstellungen in
allen Branchen im Gefolge. Diese Erscheinung veranlaßte schon Ende Mai
1871 den sozialdemokratischen Arbeiterverein in Leipzig nach längerer
Diskussion, folgende Resolutionen zu beschließen und zu veröffentlichen:
„1. Daß Arbeitseinstellungen nur eines der Palliativmittel sind, die für
die _Dauer_ nicht helfen; 2. daß das Ziel der Sozialdemokratie nicht
bloß dahin geht, innerhalb der heutigen Produktionsweise höhere Löhne zu
erstreben, sondern die kapitalistische Produktionsweise überhaupt
abzuschaffen; 3. daß bei der heutigen bürgerlichen Produktionsweise die
Höhe der Löhne sich nach Angebot und Nachfrage richtet und auch durch
die erfolgreichsten Streiks über diese Höhe nicht dauernd emporgehoben
werden können; 4. daß in letzter Zeit mehrere Streiks nachweisbar von
den Fabrikanten veranstaltet worden sind, um einen plausiblen Grund für
die Erhöhung der Warenpreise während der Messe zu haben, und daß solche
Streiks nicht den Arbeitern, sondern nur den Fabrikanten zugute kommen,
die den Preis der Waren ungleich mehr erhöhen als den Arbeitslohn; 5.
daß verunglückte Streiks die Fabrikanten ermutigen und die Arbeiter
entmutigen — also unserer Partei doppelten Schaden verursachen; 6. daß
die großen Fabrikanten sogar bisweilen einen Extravorteil von den
Streiks haben, indem sie, während die kleinen Fabrikanten nicht arbeiten
lasen, ihre Vorräte mit erhöhtem Gewinn absetzen; 7. daß unsere Partei
augenblicklich nicht imstande ist, so viele Streiks materiell zu
unterstützen.
Aus allen diesen Gründen wird den Parteigenossen dringend empfohlen,
einen Streik nur dann zu beginnen, wenn eine gebieterische Notwendigkeit
vorliegt und man über die dazu erforderlichen Mittel verfügen kann;
ferner: nicht so planlos zu verfahren wie bisher, sondern nach einem
ganz Deutschland umfassenden Organisationsplan. Als bester Weg,
Geldmittel und Organisation zu beschaffen, wird die Gründung und Pflege
der Gewerksgenossenschaften empfohlen.“
In Wien erging sich das Zentralorgan der österreichischen
Parteigenossen, der „Volkswille“, in ähnlichen Betrachtungen und
Ratschlägen, da auch dort das Streikfieber immer mehr um sich griff. Die
Ratschläge waren gut, aber befolgt wurden sie in den seltensten Fällen.
Immerhin nahmen in jenen Jahren die Gewerkschaften eine erfreuliche
Entwicklung.
Mitte Juni 1872 trat in Erfurt ein Gewerkschaftskongreß zusammen, auf
dem namentlich die Frage nach einer zentralen Leitung für die
Gewerkschaften (Union) und die Gründung eines besonderen
Gewerkschaftsorgans erörtert wurde. In einem Artikel, den ich am 8. Juni
im „Volksstaat“ veröffentlichte, entwickelte ich mein Programm für den
Kongreß und verbreitete mich über die nach meiner Ansicht beste Art
einer Verbindung der Gewerkschaften unter sich. Ich führte unter anderem
aus: Es ließe sich nicht leugnen, daß die Gewerkschaftsbewegung in
Deutschland noch ziemlich im argen liege. Schuld sei die Spaltung der
Arbeiter in verschiedene Fraktionen, die sich aufs bitterste bekämpften.
Sei es schon schlimm, wenn sich die Arbeiter in verschiedenen
sozialpolitischen Organisationen gegenüberstünden, so sei es erst recht
schlimm, wenn die Arbeiter der einzelnen Gewerke in jeder Fabrik, ja in
jeder Werkstätte sich gespalten gegenüberstünden. Und zwar nicht wegen
des Prinzips, sondern wegen der Organisationsform, die doch veränderlich
sei und sich den Verhältnissen anpassen müsse. Das sei der Fluch, unter
dem die Bewegung leide. Traurig sei auch, daß die Massen sich von
gewissenlosen Menschen fanatisieren ließen, was beweise, daß ein Teil
der Arbeiter an Beschränktheit leide. Man spöttele über die
Verknöcherung des Christentums, das aber doch immerhin achtzehn
Jahrhunderte hinter sich habe, also ein Alter, das zum Verknöchern
angetan sei. Aber die neuere soziale Bewegung sei erst zehn Jahre alt,
und schon zeigten sich in ihr Verknöcherungssymptome. Diese würden zwar
überwunden, aber vorläufig hinderten sie die Entwicklung.... _In der
Gewerksgenossenschaft beruhe die Zukunft der Arbeiterklasse; sie sei es,
in der die Massen zum Klassenbewußtsein kämen, den Kampf mit der
Kapitalmacht führen lernten und so, naturgemäß, die Arbeiter zu
Sozialisten machten_. Dann setzte ich ausführlich meine
Organisationsvorschläge auseinander.
Auf dem Erfurter Gewerkschaftskongreß, auf dem sechs
Gewerkschaftsorganisationen, die der Manufaktur- und Fabrikarbeiter, der
Metallarbeiter, der Holzarbeiter, der Schneider, der Schuhmacher, der
Maurer und verschiedene Fachvereine vertreten waren, wurde eine
Gewerkschaftsunion und die Herausgabe eines Gewerkschaftsorgans, „Die
Union“, beschlossen. Auf Antrag Yorks wurde folgende Resolution
einstimmig angenommen:
„In Erwägung, daß die Kapitalmacht alle Arbeiter, gleichviel, ob sie
konservativ, fortschrittlich, liberal oder Sozialdemokraten sind, gleich
sehr bedrückt und ausbeutet, erklärt der Kongreß es für die heiligste
Pflicht der Arbeiter, allen Parteihader beiseite zu setzen, _um auf dem
neutralen Boden einer einheitlichen Gewerkschaftsorganisation_ die
Vorbedingung eines erfolgreichen kräftigen Widerstandes zu schaffen,
die bedrohte Existenz sicherzustellen und eine Verbesserung
ihrer Klassenlage zu erkämpfen. Insbesondere aber haben die
verschiedenen Fraktionen der sozialdemokratischen Arbeiterpartei die
Gewerkschaftsbewegung nach Kräften zu fördern, und spricht der Kongreß
sein Bedauern darüber aus, daß die Generalversammlung des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins (in Berlin) einen gegenteiligen Beschluß
gefaßt hat.“
Als ich nach langer Festungs- und Gefängnishaft im Frühjahr 1875 wieder
frei war, machte mir August Geib den Vorschlag, an Stelle des braven
York, der leider in der Neujahrsnacht auf 1875 gestorben war, die
Redaktion des Zentral-Gewerkschaftsblattes „Die Union“ zu übernehmen. Er
stellte 50 Taler monatliches Gehalt in Aussicht. Partei und
Gewerkschaften waren mittlerweile finanziell stärker geworden. Geib
meinte, ich könne die Redaktion ganz gut neben meinem Geschäft
übernehmen. Ich lehnte ab. Ich konnte unmöglich neben meinem Geschäft
und meiner Tätigkeit für die Partei auch noch dauernd gewerkschaftlich
tätig sein.
Mittlerweile hatte die preußische Regierung sowohl gegen die
sozialdemokratischen Parteien wie gegen die Gewerkschaften die
Verfolgungen aufgenommen. Der Staatsanwalt Tessendorf, der sich auf
diesem Gebiet schon in Magdeburg die Sporen verdient hatte, war 1874
nach Berlin berufen worden, um hier auf größerer Stufenleiter die
Verfolgung fortzusetzen. Tessendorf entsprach den in ihn gesetzten
Erwartungen. Er erreichte durch seine Anklagen nicht nur die
Unterdrückung der Parteiorganisationen, auch verschiedene Gewerkschaften
fielen diesen zum Opfer. Dann kam das Attentatsjahr 1878 mit dem
Sozialistengesetz, und nun wurde mit einem Schlage zerstört, was in mehr
als zehnjähriger Arbeit unter unendlichen Opfern an Zeit, Geld, Kraft
und Gesundheit geschaffen worden war.
FUSSNOTEN:
[9] Hier machte Marx folgende Zwischenbemerkung: „In den Statuten der
Internationalen Arbeiterassoziation figuriert auch ein Präsident der
Assoziation. Er hatte jedoch in Wirklichkeit nie eine andere Funktion,
als den Sitzungen des Generalrats zu präsidieren. Auf meinen Vorschlag
schaffte man 1867 die Würde, die ich 1866 ausschlug, ganz ab und
ersetzte sie durch einen Vorsitzenden, der in jeder Wochensitzung des
Generalrats gewählt wird. Der Londoner Trades Council hat ebenfalls nur
einen Vorsitzenden. Sein stehender Beamter ist nur der Sekretär, weil
dieser eine kontinuierliche Geschäftsfunktion verrichtet.“
So der „Diktator“ der Internationale. Ich muß meinerseits konstatieren,
daß Marx und Engels auch in ihrem Briefwechsel mit mir sich nie anders
denn als Ratgebende gezeigt haben, und ihr Rat wurde in mehreren sehr
wichtigen Fällen nicht befolgt, weil ich mir aus der Lage der Dinge
heraus die bessere Einsicht zuschrieb. Ernste Differenzen habe ich
trotzdem nie mit ihnen gehabt.
A.B.
Meine erste Verurteilung.
Die Miß- und Günstlingswirtschaft, die unter der Regierung der Königin
Isabella von Spanien eingerissen war, vereinigte die Oppositionsparteien
zu einer gewaltsamen Erhebung, die die Flucht Isabellas — Ende September
1868 — zur Folge hatte. Die Unentschiedenheit, mit der die aus den
Führern der Oppositionsparteien zusammengesetzte provisorische Regierung
die Frage nach der neuen Staatsform behandelte, veranlaßte die
Demokratie der verschiedenen Länder, in Resolutionen und Adressen dem
spanischen Volke die Gründung der Republik zu empfehlen. Natürlich
glaubten wir noch ein übriges tun zu müssen und den Spaniern die
Gründung einer sozialdemokratischen Republik anraten zu sollen, wozu
nicht weniger als alle Bedingungen fehlten. Von den mehr als
sechzigtausend Mitgliedern, die nach Zeitungsnachrichten sich der
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