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von Kurt Eisner „Wilhelm Liebknecht“. Beide Publikationen sind in der
Buchhandlung Vorwärts erschienen.
Liebknechts echte Kampfnatur wurde von einem unerschütterlichen
Optimismus getragen, ohne den sich kein großes Ziel erreichen läßt. Kein
noch so harter Schlag, ob er ihn persönlich oder die Partei traf, konnte
ihn nur einen Augenblick mutlos machen oder aus der Fassung bringen.
Nichts verblüffte ihn, stets wußte er einen Ausweg. Gegen die Angriffe
der Gegner war seine Losung: Auf einen Schelmen anderthalbe. Den Gegnern
gegenüber schroff und rücksichtslos, war er den Freunden und Genossen
gegenüber allezeit ein guter Kamerad, der vorhandene Gegensätze
auszugleichen suchte.
In seinem Privatleben war Liebknecht ein sorgender Ehemann und
Familienvater, der mit großer Liebe an den Seinen hing. Auch war er ein
großer Naturfreund. Ein paar schöne Bäume in einer sonst reizlosen
Gegend konnten ihn enthusiasmieren und verleiten, die Gegend schön zu
finden. In seinen Bedürfnissen war er einfach und anspruchslos. Eine
vorzügliche Suppe, die ihm meine junge Frau kurz nach unserer
Verheiratung, Frühjahr 1866, eines Tages vorsetzte, begeisterte ihn so,
daß er ihr diese sein Leben lang nicht vergaß. Ein gutes Glas Bier oder
ein gutes Glas Wein und eine gute Zigarre liebte er, aber größere
Aufwendungen machte er dafür nicht. Hatte er mal ein neues
Kleidungsstück an, was nicht häufig vorkam, und hatte ich das nicht
sofort wahrgenommen und meine Anerkennung darüber ausgesprochen, so
konnte ich sicher sein, daß er, ehe viele Minuten verflossen waren, mich
darauf aufmerksam machte und mein Urteil verlangte. Er war ein Mann von
Eisen mit einem Kindergemüt. Als Liebknecht am 7. August 1900 starb,
waren es auf den Tag fünfunddreißig Jahre, daß wir unsere erste
Bekanntschaft gemacht hatten.
In seiner Parteitätigkeit liebte es Liebknecht, fertige Tatsachen zu
schaffen, wenn er annahm, daß ein Plan von ihm Widerstand finden würde.
Unter dieser Eigenschaft litt ich anfangs schwer, denn ich bekam in der
Regel die Suppe auszuessen, die er eingebrockt hatte. Bei seinem Mangel
an praktischem Geschick mußten andere die Durchführung von ihm
getroffener Maßnahmen übernehmen. Endlich aber fand ich den Mut, mich
von dem Einfluß seines apodiktischen Wesens zu befreien, und nun
gerieten wir manchmal hart aneinander, ohne daß die Oeffentlichkeit es
merkte und ohne daß unser Verhältnis dadurch dauernd getrübt worden
wäre.
Man hat viel geschrieben über den Einfluß, den Liebknecht auf mich
gehabt habe; man behauptete zum Beispiel, daß nur seinem Einfluß es zu
danken gewesen sei, daß ich Sozialist wurde. In einer bei Langen in
München im Jahre 1908 erschienenen Broschüre wird weiter gesagt,
Liebknecht habe mich zum Marxisten gemacht, als welchen ich mich im
September 1868 auf dem Nürnberger Vereinstag bekannt habe. Liebknecht
hätte hiernach volle drei Jahre gebraucht, um aus dem Saulus einen
Paulus zu machen.
Liebknecht war vierzehn Jahre älter als ich, er hatte also, als wir uns
kennen lernten, eine lange politische Erfahrung vor mir voraus.
Liebknecht war ein wissenschaftlich gebildeter Mann, der fleißig
studiert hatte; diese wissenschaftliche Bildung fehlte mir. Liebknecht
war endlich in England zwölf Jahre lang mit Männern wie Marx und Engels
in intimem Verkehr gestanden und hatte dabei viel gelernt, ein Umgang,
der mir ebenfalls fehlte. Daß Liebknecht unter solchen Umständen
erheblichen Einfluß auf mich ausüben mußte, war ganz selbstverständlich.
Andernfalls wäre es eine Blamage für ihn gewesen, daß er diesen Einfluß
nicht auszuüben verstand, oder eine Blamage für mich, daß ich aus dem
Umgang mit ihm nichts zu profitieren wußte. Einer meiner Bekannten aus
jener Zeit schrieb vor einigen Jahren in der „Leipziger Volkszeitung“,
er habe (1865) gehört, wie ich im kleinen Kreise von meiner
Bekanntschaft mit Liebknecht erzählt und dazu bemerkt hätte:
„Donnerwetter, von dem kann man was lernen.“ Das dürfte stimmen. Aber
Sozialist wäre ich auch ohne ihn geworden, denn dazu war ich auf dem
Wege, als ich ihn kennen lernte. Im beständigen Kampfe mit den
Lassalleanern, mußte ich Lassalles Schriften lesen, um zu wissen, was
sie wollten, und damit vollzog sich in Bälde eine Wandlung in mir. Die
Haltung der liberalen Wortführer in und außerhalb des Parlamentes hatte
allmählich auch bei uns Unzufriedenheit erregt, und ihr Nimbus war im
Schwinden begriffen. Besonders war es die Haltung der liberalen
Wortführer in den Arbeiterfragen, die Mißstimmung erzeugte. Mein Umgang
mit Liebknecht hat meine Mauserung zum Sozialisten beschleunigt. Dieses
Verdienst hat er. Aehnlich ist es mit der Behauptung, Liebknecht habe
mich zum Marxisten gemacht. Ich habe in jenen Jahren viele sehr gute
Vorträge und Reden von ihm gehört. Er sprach über das englische
Gewerkvereinswesen, die englischen und französischen Revolutionen, die
deutschen Volksbewegungen, über politische Tagesfragen usw. Kam er auf
Marx und Lassalle zu sprechen, dann stets polemisch, längere
theoretische Auseinandersetzungen hörte ich meiner Erinnerung nach nicht
von ihm. Zu privaten Unterweisungen hatte aber weder er noch ich Zeit,
die Tageskämpfe und was damit zusammenhing ließen uns zu privaten
theoretischen Erörterungen nicht kommen. Auch war Liebknecht nach seiner
ganzen Veranlagung weit mehr großzügiger Politiker als Theoretiker. Die
große Politik war seine Lieblingsbeschäftigung.
Ich bin vielmehr, wie fast alle, die damals Sozialisten wurden, über
Lassalle zu Marx gekommen. Lassalles Schriften waren in unseren Händen,
noch ehe wir eine Schrift von Marx und Engels kannten. Wie ich von
Lassalle beeinflußt worden war, zeigt noch deutlich meine erste
Broschüre „Unsere Ziele“, die Ende 1869 erschien. Gegen Ende 1869 fand
ich aber auch erst auskömmlich die Zeit und Ruhe, den im Spätsommer 1867
erschienenen ersten Band „Das Kapital“ von Marx gründlich zu lesen, und
zwar im Gefängnis. Fünf Jahre früher hatte ich versucht, die 1859
erschienene Schrift von Marx „Zur politischen Oekonomie“ zu studieren,
aber es blieb bei dem Versuch. Ueberarbeit und der Kampf um die Existenz
gewährten mir nicht die nötige Muße, die schwere Schrift geistig zu
verdauen. Das Kommunistische Manifest und die anderen Schriften von Marx
und Engels wurden aber der Partei erst gegen Ende der sechziger und
Anfang der siebziger Jahre bekannt. Die erste Schrift, die mir von Marx
in die Hände kam und die ich mit Genuß las, war seine Inauguraladresse
für die Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation. Diese Schrift
lernte ich Anfang 1865 kennen. Ende 1866 trat ich der Internationale
bei.
Zunehmende Verstimmung in den Arbeitervereinen.
Die unerquicklichen öffentlichen Zustände, die den Arbeitern immer mehr
zum Bewußtsein kamen, wirkten naturgemäß auch auf deren Stimmung. Alle
verlangten nach Aenderung. Aber da keine klare und zielbewußte Führung
vorhanden war, zu der man Vertrauen hatte, auch keine mächtige
Organisation bestand, die die Kräfte zusammenfaßte, verpuffte die
Stimmung. Nie verlief resultatloser eine im Kern vortreffliche Bewegung.
Alle Versammlungen waren überfüllt, und wer am schärfsten sprach, war
der Mann des Tages. Diese Stimmung herrschte vor allem im Leipziger
Arbeiterbildungsverein. Gegen Ende Oktober veranlaßte ich Professor
Eckhardt aus Mannheim — der einer der glänzendsten Redner jener Zeit
war —, nachdem er in einer Volksversammlung in Leipzig gesprochen hatte,
auch im Arbeiterbildungsverein einen Vortrag zu halten. In diesem
behandelte er die Stellung des Arbeiters in der damals gegebenen
Situation, namentlich in bezug auf seine sozialen Forderungen. In
letzterer Beziehung sprach er sich entschieden für das Eingreifen des
Staates aus. Er hatte auch gegen die Lassallesche Idee der Staatshilfe
nichts einzuwenden, wenn diese von einem demokratischen Staate ausgehe.
Der Redner erntete stürmischen Beifall und fand keinerlei Widerspruch.
Ungeachtet der wiederholten Abweisungen hatten wir uns Ende 1865
abermals an die sächsische Regierung um die Genehmigung eines
Gauverbandes gewendet. Häufiger Austausch der politischen Ansichten war
zum Bedürfnis geworden. Das Ministerium stellte wiederum Bedingungen,
die wir nicht annehmen konnten. Doch beschlossen wir im Vorstand des
Vereins für Förderung der geistigen und materiellen Interessen der
Arbeitervereine, den Vereinen die Entscheidung zu überlassen, und
beriefen eine Landesversammlung für den 28. Januar 1866 nach Zwickau,
deren Tagesordnung wir festsetzten, als gäbe es kein gesetzliches
Hindernis. Danach sollte nach dem Bericht über die Verwaltung die
Antwort des Ministeriums besprochen werden. Weiter sollten beraten
werden: Petitionen für volle Gewerbefreiheit und Freizügigkeit, für die
Förderung eines freisinnigen Vereinsgesetzes, die Aufhebung der Arbeits-
und Dienstbücher und aller Paßbeschränkungen. Nach diesem sollten die
Anträge der Vereine beraten und die Wahl des Vorstandes vorgenommen
werden. Wegen Erlangung des allgemeinen Wahlrechtes wollten wir uns in
einer Privatbesprechung verständigen.
Unsere Tagesordnung ging dem Leipziger Polizeidirektorium zu weit. Unser
Schriftführer Germann und ich wurden vorgeladen und ersucht, dieselbe zu
ändern, widrigenfalls die Konferenz nicht stattfinden dürfe und die
Vereine für politische erklärt würden, was eine Verbindung unter
denselben unmöglich gemacht hätte. Polizeidirektor in Leipzig war damals
ein Dr. Rüder, ein ehemaliger demokratischer Achtundvierziger, der aber
das Vereins- und Versammlungsgesetz in einer Weise handhabte, daß es
kein Konservativer hätte strenger handhaben können. Wir setzten nunmehr
nur die Besprechung der Ministerialverordnung auf die Tagesordnung,
unterrichteten aber unter der Hand die Vereine, sie möchten sich gut
vertreten lassen, wir würden versuchen, auf der Konferenz durchzusetzen,
was möglich sei. Es waren von 24 Vereinen 31 Vertreter anwesend. Sonntag
vormittag begannen die Verhandlungen. Als ein Vertreter für Werdau den
Antrag stellte, die gesetzliche Verkürzung der Arbeitszeit auf die
Tagesordnung zu setzen, widersprach dem der anwesende Polizeikommissar.
Ueber die Verordnung des Ministeriums (Beust) machte ich der Versammlung
den Vorschlag zu erklären:
„In Anbetracht, daß die Verordnung des Ministeriums des Innern den
Arbeitervereinen Sachsens die Gründung eines Gauverbandes nur unter der
Bedingung gestattet, daß dieselben sich nicht mit politischen, sozialen
oder öffentlichen Angelegenheiten befassen, durch diese Beschränkung
aber die Tätigkeit der Vereine auf Null reduziert wird, beschließt die
Versammlung, von der Gründung eines Gauverbandes abzusehen, und überläßt
es jedem Verein, wie er seiner Aufgabe nachkommen will.“
Die Folge jener Zwickauer Vorgänge war, daß das Leipziger
Polizeidirektorium den Arbeiterbildungsverein unter das Vereinsgesetz
stellte, das heißt, ihn von nun an als politischen Verein behandelte.
Große Mißstimmung hatte im Leipziger Arbeiterbildungsverein seit langem
die Haltung der „Berliner Volkszeitung“ erregt, die im Lesezimmer
auslag, und zwar sowohl wegen ihrer undemokratischen Haltung als auch
wegen der Feindseligkeit, mit der sie die weitergehenden
Arbeiterforderungen bekämpfte. In der Generalversammlung des Vereins
(März 1866) stellte ich im Auftrag des Vorstandes den Antrag, die
„Berliner Volkszeitung“ abzuschaffen und dafür die „Rheinische Zeitung“
in Köln zu abonnieren. Der Antrag gab Anlaß zu einer erregten Debatte,
er wurde aber schließlich mit 160 gegen 17 Stimmen angenommen. Dieser
Beschluß führte in der liberalen Presse zu heftigen Angriffen gegen den
Verein und mich persönlich. Man sah mich als den Urheber des Antrags an.
Die im Jahre 1863 in Sachsen eingeführte Gewerbefreiheit setzte voraus,
daß wer sich selbständig machen wollte, erst das Gemeindebürgerrecht
erlangen mußte. Das kostete aber namentlich in den größeren Städten viel
Geld. Es begann nunmehr im Winter von 1865 auf 1866 in Leipzig eine
Bewegung, die auf Beseitigung beziehungsweise Herabsetzung der
Bürgerrechtsgebühren und eine radikale Umgestaltung der sächsischen
Städteordnung abzielte. Liberale Führer standen damals an der Spitze
dieser Bewegung. Ich besuchte ebenfalls die betreffenden Versammlungen
und soll, so wurde mir mehrfach versichert, die besten Reden gehalten
haben. Nachdem ein Programm aufgestellt worden war, wurde ein Komitee
niedergesetzt, dem auch ich angehörte, das die Agitation über ganz
Sachsen in die Wege leiten sollte. Aber unsere Arbeit erwies sich bald
als zwecklos. Als wir im Frühjahr 1866 so weit waren, die Agitation
beginnen zu können, war die Zuspitzung der Gegensätze zwischen Preußen
und Oesterreich und die Erörterungen über die Lösung der deutschen Frage
so weit gediehen, daß sie jedes andere Interesse in den Hintergrund
drängten. Das gleiche Schicksal hatte unsere Agitation für eine
Umgestaltung der sächsischen Gewerbeordnung. Dagegen traten jetzt die
politischen Forderungen in den Vordergrund.
Den 25. und 26. März fanden hierfür mehrere Versammlungen in Dresden
statt, zu denen ich von Leipzig delegiert wurde, auf deren Tagesordnung
auch die Einigungsfrage stand. Ich sprach mich als Delegierter für
Leipzig für ein gemeinsames Zusammengehen aus, dagegen machte Vahlteich
den Fehler, daß er die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins scharf angriff und mit Vorwürfen überhäufte, was einen
Sturm der Entrüstung hervorrief. Vahlteich konnte die ihm als einstigem
Sekretär Lassalles im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein widerfahrene
Behandlung nicht vergessen — er war auf Antrag Lassalles, der keinen
Widerspruch vertragen konnte, ausgestoßen worden —, und so schlug er
auf den Verein los, wo er immer dazu Gelegenheit fand. Dennoch kam es
nach Schluß jener Versammlungen zu einer gemeinsamen Konferenz, an der
die Arbeiterbildungsvereine Leipzig, Dresden, Chemnitz, Glauchau und
Görlitz, die Mitgliedschaften des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
zu Dresden, Plauenscher Grund, Chemnitz und Glauchau, der
Altgesellenverein und die Typographia zu Dresden durch 20 Delegierte
teilnahmen. Man beschloß gemeinsame Agitation für das allgemeine
Wahlrecht, für ein demokratisches Vereins- und Versammlungsrecht, für
Freizügigkeit, Gewerbefreiheit, Aufhebung der Paßbeschränkungen,
Einführung einer Schulreform, Erhaltung der Schulen durch den Staat,
Regelung der Lohnfrage, der Kranken- und Unterstützungskassen- und der
Assoziationsfrage. Die Anwesenden konstituierten sich als Komitee.
Försterling wurde dessen Vorsitzender.
Bei der Einberufung von Versammlungen beteiligten sich jetzt alle in
Dresden bestehenden Arbeiterorganisationen, einschließlich des
Buchdruckergehilfenverbandes. Man handelte, als gäbe es kein sächsisches
Vereinsgesetz mehr, das die Verbindung von Vereinen für politische
Zwecke verbot. Auch wurde von allen Seiten ein dauerndes Zusammengehen
der Arbeiterorganisationen verlangt. Die Parlamentsfrage wurde von jetzt
ab Gegenstand lebhaftester Agitation in den Arbeiterkreisen. Wir
forderten ein konstituierendes Parlament für Gesamtdeutschland und die
Einführung der allgemeinen Volksbewaffnung zum Schutze des Parlaments,
eine Forderung, die damals in den demokratischen Kreisen als
selbstverständlich galt, weil ohne einen solchen Schutz das Parlament
Gegenstand eines Staatsstreichs werden könne.
Dagegen faßte eine Versammlung, die am 7. Mai in Dresden tagte und von
2000 Personen besucht war, Beschlüsse, die teilweise recht seltsam
lauteten. Darin hieß es:
1. Wir verdammen jede Politik, welche die Kraft des Volkes lähmt und ihm
nicht die Garantien seiner Freiheit und seines Wohlstandes gibt. 2. Wir
erklären die Abtretung von nur einem Fußbreit deutschen Landes als
Verrat am Vaterland. 3. Wir verlangen, daß Seine Majestät der König und
die Regierung ihren Pflichten gegen das Vaterland und das Volk
nachkommen, und daß deshalb diejenigen Männer, welche diesen Pflichten
entgegen die Energie des Widerstandes lähmen, durch solche ersetzt
werden, welche energisch und im volkstümlichen Sinne handeln. 4. Wir
verlangen, daß die Interessenherrschaft, deren landesverderbliche
Resultate jetzt offen zutage treten, durch Wiederherstellung des
allgemeinen, gleichen und direkten Stimmrechtes mit geheimer Abstimmung
und unbeschränkter Wählbarkeit ersetzt wird. 5. Wir verlangen, daß die
Regierung Seiner Majestät den Entschluß kund gebe, auf Grund der
Bundesbeschlüsse vom 30. März und 9. April 1848 das Parlament
einzuberufen und in die Lösung der deutschen Verfassungsfrage im Sinne
der im Februar 1849 der deutschen Nationalversammlung ausgesprochenen
Geneigtheit einzutreten. 6. Wir verlangen sofortige Wiederherstellung
der deutschen Grundrechte und allgemeine Volksbewaffnung.
Es wurde alsdann eine Deputation gewählt, zu der Försterling, Knöfel und
Rechtsanwalt Schraps gehörten, die dem König die Wünsche der
Versammlung vortragen sollten. Selbstverständlich wurde der Empfang
dieser Deputation abgelehnt.
Schließlich mußte wohl oder übel auch die sächsische Regierung, gedrängt
durch die Stimmung im Lande und den mittlerweile einberufenen Landtag,
Stellung zur Bundesreformfrage nehmen. Herr v. Beust, der bisher
Anhänger des unmöglichen österreichischen Reformprojektes gewesen war
und auch der Triasidee warm das Wort geredet hatte, kam jetzt ins
Gedränge. Von der Deputation der Zweiten Kammer des Landtags befragt,
wie nunmehr die Regierung zu dem österreichischen Reformprojekt stehe,
erklärte er: es sei nicht ihre Absicht, auf das Delegiertenprojekt
zurückzukommen; sie sei bereit, für eine Bundesreform zu wirken und für
ein Parlament, das auf Grund des Wahlgesetzes von 1849 zu wählen sei.
Gegenüber dem preußischen Reformentwurf machte er allerlei unklare
Vorbehalte. Die Deputation der Zweiten Kammer beantragte im Verein mit
der Deputation der Ersten Kammer, an die Regierung den Antrag zu
richten:
„Die Regierung möge mit aller Energie dahin wirken, daß die Anordnung
der Wahlen zum deutschen Parlament auf Grund allgemeiner und direkter
Wahl, womöglich nach dem Reichswahlgesetz vom 27. März 1849, in ganz
Deutschland noch im Laufe dieses Monats (Juni) erfolge und die
Einberufung des Parlaments in möglichst kurzer Frist geschehe.“
Aber die Kugel war bereits im Rollen und lief nach einer anderen
Richtung, als man erwartete.
Die Katastrophe von 1866.
Es ist für die Beurteilung der kommenden Ereignisse und unsere Stellung
zu denselben notwendig, eine summarische Uebersicht der Vorgänge zu
geben, die schließlich die langen diplomatischen Kämpfe, die Oesterreich
und Preußen um die Vorherrschaft in Deutschland führten, auf dem
Schlachtfeld zur Entscheidung brachten.
Durch den Tod des Dänenkönigs Friedrich VII., November 1863, tauchte von
neuem die schleswig-holsteinsche Frage auf, da mit dem Tode des Königs
die Oldenburger Linie erloschen war. Den neuen Dänenkönig Christian IX.
erkannten die Schleswig-Holsteiner als erbberechtigten Herzog nicht an,
sondern entschieden sich für den Prinzen Friedrich von Augustenburg, der
denn auch seinen Regierungsantritt als Herzog Friedrich VIII.
verkündete. Damit war die Zugehörigkeit der beiden Herzogtümer zu
Deutschland ausgesprochen, was allgemein große Genugtuung hervorrief.
Dänemark widerstand dieser Lösung. Der Bundestag mußte sich also für die
Bundesexekution gegen Dänemark entscheiden, deren Ausführung er Sachsen
und Hannover übertrug. Aber sie paßte nicht in Bismarcks Pläne. Er ließ
durch seine Kronjuristen nachweisen, daß der Augustenburger nicht
erbberechtigt sei, eine Entscheidung, die die öffentliche Meinung gegen
die Bismarcksche Politik aufs äußerste erregte. Man sah in Bismarck, dem
Manne des preußischen Verfassungsbruchs, nicht denjenigen, der die Frage
im Sinne der Bevölkerung von Schleswig-Holstein lösen würde, man
erinnerte sich auch wieder, daß es Preußen war, das an dem schmählichen
Ausgang des ersten Schleswig-Holsteinschen Krieges gegen Dänemark, 1851,
die Hauptschuld trug.
Der Vorstand des Nationalvereins fand daher lebhafte Zustimmung, als er
bereits im Spätherbst 1863 in einem Aufruf, unterzeichnet von Rudolf v.
Bennigsen als Präsident, das Volk zur Selbsthilfe aufrief. In dem
betreffenden Aufruf hieß es: „Der Nationalverein fordert alle
Gemeinden, Korporationen, Vereine, Genossenschaften, fordert alle
Vaterlandsfreunde, die sich mit ihm zu dem großen Werke verbinden
wollen, auf, ungesäumt Geld herbeizuschaffen — und Mannschaften, Waffen
und alle Mittel bereitzuhalten, die zur Befreiung unserer Brüder in
Schleswig-Holstein erforderlich sein werden.“
Dieser Aufruf verstieß zweifellos gegen eine Reihe Gesetze in den
Einzelstaaten, aber kein öffentlicher Ankläger rührte sich. Die
Volksstimmung sympathisierte mit diesem Vorgehen.
Kurz nachher veröffentlichte der Ausschuß des Nationalvereins für
Schleswig-Holstein einen Aufruf, in dem es hieß:
„Wohlan! rüsten wir uns, auf daß, wenn der Augenblick zum Handeln
gekommen ist, die deutsche Jugend kampfbereit zu den Waffen greifen
kann.... Die vielleicht nur sehr kurze Zwischenzeit möge sie benutzen
zur Uebung in den Waffen und zur taktischen Ausbildung.“
Man sieht, wie damals die liberalen Wortführer die Durchführung der
Volksbewaffnung in kurzer Zeit für möglich hielten. Wehe dem
Sozialdemokraten, der heute einen ähnlichen Aufruf erlassen wollte. Das
ist der Fortschritt seit jener Zeit! —
Hier möchte ich einfügen, daß mit Beginn der sechziger Jahre neben der
massenhaften Gründung von Arbeitervereinen auch die massenhafte Gründung
von Turn- und Schützenvereinen vorgenommen wurde, die in der nationalen
Bewegung jener Tage eine große Rolle spielten. Bismarck sah diesem
Treiben sehr mißmutig zu. Die großen Feste, die jene Vereinigungen für
ganz Deutschland abwechselnd veranstalteten, waren Massenvereinigungen,
die sich in der Hauptsache mit der deutschen Frage beschäftigten. In
Leipzig fand im August 1863 das allgemeine deutsche Turnfest statt, dem
selbst Herr v. Beust seine Reverenz machte. Aber während dieser eine
patriotische Rede auf dem Turnplatz hielt, verbot die Leipziger Polizei
den Verkauf der Reichsverfassungsurkunde von 1849 an öffentlichen Orten.
Ich nahm ebenfalls insofern an jenem Feste teil, als unsere
Sängerabteilung, deren Vorsitzender ich nach dem Austritt Fritzsches
geworden war, mit den übrigen Gesangvereinen Leipzigs die
Gesangsaufführungen in der Festhalle ausführte. Im Oktober desselben
Jahres fand auch die fünfzigjährige Feier der Schlacht bei Leipzig
statt. Dieses Fest war in seiner Art noch weit großartiger als das
Turnfest. Es wurde ebenfalls zu großen politischen Demonstrationen
benutzt. Ich wirkte hier gleichfalls als Angehöriger unserer Sängerschar
mit.
Es wurden von jetzt ab in ganz Deutschland Versammlungen zugunsten der
Unabhängigkeit Schleswig-Holsteins veranstaltet. In Leipzig beschloß
eine Arbeiterversammlung, in der alle Richtungen vertreten waren: „sie
betrachte es als die Pflicht der deutschen Arbeiter, der Ehre, dem
Rechte und der Freiheit des Vaterlandes in allen Fällen, wo diese
bedroht seien, ihren Arm zur Verfügung zu stellen“. Im gleichen Sinne
wurde in anderen Städten resolviert. Der in Frankfurt a. M. Ende 1863
abgehaltene Abgeordnetentag, der von 500 Abgeordneten besucht war,
erklärte sich gegen die Annexion von Schleswig-Holstein an irgend einen
deutschen Staat. Der Beschluß zielte gegen Preußen und Bismarck, für
dessen Politik damals selbst diejenigen Liberalen nicht einzutreten
wagten, die innerlich für eine Annexion an Preußen waren.
Natürlich war Bismarck über diese seiner Politik bereiteten Hindernisse
aufs höchste aufgebracht. Er verlangte vom Frankfurter Senat die
Auflösung des Sechsunddreißiger-Ausschusses des Abgeordnetentags, dessen
Vorsitzender der Stadtrat Siegmund Müller in Frankfurt war. Ferner
verlangte er vom Senat das Verbot der Wehrübungen der Frankfurter
Jugend. Mit beiden Anträgen fiel er ab. Aber er vergaß dieses Frankfurt
nicht. 1866 mußte das „Demokratennest“ dafür büßen, indem er es erst
drangsalierte und dann annektierte. Schließlich fand die
schleswig-holsteinsche Frage doch die von Bismarck geplante Lösung. Es
gelang ihm, den Leiter der österreichischen Politik, Graf Rechberg,
gründlich einzuseifen und für seine nächsten Pläne zu gewinnen. Statt
der Bundestruppen, die mittlerweile in Schleswig-Holstein eingerückt
waren, führten jetzt Preußen und Oesterreich den Krieg gegen die Dänen,
die ihnen gegenüber bald unterlagen und genötigt wurden, im
Friedensschluß Schleswig-Holstein und Lauenburg an Preußen und
Oesterreich abzutreten. Oesterreich machte schließlich mit Preußen noch
ein Handelsgeschäft, indem es seinen Anteil an Lauenburg für 2-1/2
Millionen Taler an Preußen verkaufte. Der Krieg war von Bismarck gegen
den Willen der Abgeordnetenkammer geführt worden, die mit 275 gegen 80
Stimmen die geforderte Kriegsanleihe verweigert hatte. Man kann sich
vorstellen, daß diese Art zu regieren die Stimmung für Preußen nicht
stärkte, die im übrigen Deutschland noch verschlimmert wurde, als nach
langen Verhandlungen zwischen Preußen und Oesterreich der Vertrag von
Gastein, 14. August 1865, bekannt wurde, nach dem die Verwaltung von
Schleswig an Preußen und jene von Holstein an Oesterreich fiel. Das war
der zweite Meisterstreich Bismarcks, der damit den Keil zwischen
Oesterreich und dem Bunde immer tiefer trieb. Allerdings bot sich jetzt
der Welt das heitere Schauspiel, daß die Preußen unter Manteuffel alle
Demonstrationen zugunsten des Augustenburgers in Schleswig rücksichtslos
unterdrückten und überhaupt ein sehr strenges Regiment führten,
wohingegen die Oesterreicher unter dem General v. Gablenz in Holstein
allem freien Lauf ließen. Wie Gablenz seine Aufgabe auffaßte, zeigt
seine Aeußerung: „Ich werde die bestehenden Landesgesetze beachten,
damit kein Holsteiner bei meinem eventuellen Wegziehen von hier sagen
kann, ich habe rechtlos regiert. Ich will hier im Lande nicht als
türkischer Pascha regieren.“ Das war eine moralische Ohrfeige für Herrn
v. Manteuffel.
Daß die neue Ordnung in den Herzogtümern nur ein Provisorium sein
konnte, war klar. Diese Lösung war keine. Schließlich mußte die
Auseinandersetzung zwischen Preußen und Oesterreich kommen, und die
konnte, nachdem alle übrigen Faktoren ausgeschaltet waren, nach
Bismarcks Ansicht nur durch einen Krieg erfolgen. Auf diesen arbeitete
er nun systematisch hin. Auf der einen Seite suchte er sich durch
dilatorische Verhandlungen, wie er sie später nannte, Napoleons
Neutralität durch Versprechungen auf eventuelle Abtretung deutschen
Gebiets an Frankreich zu sichern — die Rheinpfalz und das preußische
Saarrevier standen bei den Unterhandlungen in Frage —, andererseits
schloß er mit Italien ein Abkommen, wonach es im gegebenen Falle
Oesterreich im Süden angreifen sollte, sobald Preußen von Norden
losschlagen würde. Bezeichnend für die Art, wie Bismarck seine
„nationale“ Politik durchzusetzen suchte, sind die Verhandlungen mit den
italienischen Staatsmännern, die später der italienische
Ministerpräsident La Marmora in seinem Buche „Mehr Licht“
veröffentlichte. Im März äußerte Bismarck gegen den italienischen
außerordentlichen Militärbevollmächtigten in Berlin: der König habe die
allzu ängstlichen legitimistischen Skrupel aufgegeben. Er hatte
Bedenken, sich mit dem durch Kronenraub und Annexionen groß gewordenen
Italien zu verbinden, auch wollte er aus legitimistischen Bedenken
keinen Krieg gegen Oesterreich führen. In einigen Monaten, so fuhr
Bismarck fort, werde er die Frage der deutschen Reform, verziert mit
einem Parlament, aufs Tapet bringen, mit diesem Vorschlag Wirren
hervorrufen, die dann Preußen in Gegnerschaft mit Oesterreich bringen
würden, worauf es zwischen beiden zum Kriege kommen werde.
Dieses Programm wurde prompt ausgeführt.
Am 3. Juni berichtete der italienische Gesandte in Berlin, Govone,
seiner Regierung, Bismarck habe ihm gegenüber geäußert: „Ich bin viel
weniger Deutscher als Preuße und würde kein Bedenken tragen, die
Abtretung des ganzen Landes zwischen dem Rheinufer und der Mosel an
Frankreich zu unterschreiben: Pfalz, Oldenburg, einen Teil des
preußischen Gebiets.“ ... „Sorge mache ihm der König, der das religiöse,
ja abergläubische Bedenken habe, er dürfe die Verantwortung für einen
europäischen Krieg nicht auf sich laden.“
Die Darlegung der Zettelungen, die Bismarck mit Italien führte, um durch
Anstiftung revolutionärer Erhebungen in Ungarn und Kroatien Oesterreich
zu schwächen und die Heeresteile aus den erwähnten Ländern zum Abfall
von der österreichischen Armee zu bringen, will ich im einzelnen nicht
schildern. Diese Vorgänge zeigen, daß hoch- und landesverräterische
Unternehmungen gerade gut genug waren, um Bismarck zum Ziele zu führen,
und Hoch- und Landesverrat nur dann Verbrechen sind, wenn sie von unten
ausgehen. Preußen und Italien verständigten sich, daß die Kosten für
diese revolutionären Erhebungen von ihnen gemeinsam getragen werden
sollten. Ueberflüssig zu sagen, daß Oesterreich nunmehr seine Lage
erkannt hatte und Gegenmaßregeln traf. Gegen Ende März begann das
diplomatische Spiel lebhaft zu werden. Man begann sich beiderseitig mit
Vorwürfen zu traktieren und — rüstete. Am 9. April stellte Preußen
seinen Bundesreformantrag in Frankfurt a.M. Es beantragte, die
Bundesversammlung wolle beschließen, eine aus direkten Wahlen und
allgemeinem Stimmrecht der ganzen Nation hervorgegangene Versammlung für
einen näher zu bestimmenden Tag einzuberufen, in der Zwischenzeit aber,
bis zum Zusammentritt derselben, sollten die Regierungen die Vorlagen
für eine Reform der Bundesverfassung untereinander feststellen.
Diesem Reformvorschlag wurde erklärlicherweise in weiten Kreisen mit
intensivem Mißtrauen begegnet. Man sagte sich: Wie kommt Bismarck dazu,
sich für ein deutsches Parlament auf Grund des allgemeinen, direkten
Wahlrechts zu erklären und sich als radikalen Reformator aufzuspielen,
er, der in Preußen im Widerspruch gegen die klaren Bestimmungen der
Verfassung regiert, der die berüchtigten Preßordonnanzen, die Führung
des Schleswig-Holsteinschen Krieges wider den Willen der Kammer, die
eben erst getroffene Entscheidung des Obertribunals über den Artikel 84
der Verfassung, betreffend die Redefreiheit der Abgeordneten, und vieles
andere auf dem Gewissen habe? Der Widerstand, den der preußische
Reformvorschlag fand, veranlaßte im April die „Kreuzzeitung“, zu
erklären, es bleibe nur eine Alternative: Bundesreform oder Revolution.
In Wahrheit war es Bismarck mit seinem Vorschlag eines gesamtdeutschen
Parlaments nicht Ernst, wie das sein späterer Parlamentsvorschlag an den
Bundestag zeigte. Aber er dachte auch nicht einmal daran, die
südwestdeutschen Staaten darin aufzunehmen, wie sich nachher
herausstellte, als es sich um die Gründung des Norddeutschen Bundes
handelte.
Zum Ueberfluß ist dieses durch die Denkwürdigkeiten des Fürsten
Hohenlohe bestätigt worden. Bismarck sah damals in der großen Mehrzahl
der Süddeutschen heterogene Elemente, die ihm seine Zirkel stören
könnten. Erst die Wahlen zum Zollparlament und die Aufnahme, die der
Krieg von 1870/71 in Süddeutschland fand, beseitigten seine
Befürchtungen.
Das Vorgehen Bismarcks in der schleswig-holsteinschen und der deutschen
Frage wirkte auf die Liberalen zersetzend; sie wurden in zwei Lager
getrennt. Die einen sympathisierten mit seinem Vorgehen, die anderen
konnten ihm seinen inneren Konflikt in Preußen nicht verzeihen und
opponierten. Twesten schrieb Anfang Oktober 1865 an den Vorsitzenden des
Sechsunddreißiger-Ausschusses: „Wir — er sprach also im Namen von
mehreren — ziehen _jede_ Alternative einer Niederlage des preußischen
Staates vor.“ Das hieß also: Siegt Preußen im Kampfe um die
Vorherrschaft in Deutschland selbst mit Hilfe des Auslandes und unter
Preisgabe deutschen Gebiets, wir stehen zu Preußen. Das war das
Bismarcksche: „Ich bin mehr Preuße als Deutscher!“ Mommsen meinte: Die
Differenzen in Freiheitsfragen seien kein Grund, daß man Bismarck nicht
in seiner auswärtigen Politik unterstütze. Und Ziegler, der
Steuerverweigerer von 1848, der des Hochverrats angeklagt, zu Festung
verurteilt und als Oberbürgermeister von Brandenburg gemaßregelt worden
war, erklärte kurz vor Ausbruch des Krieges vor seinen Breslauer
Wählern: Das Herz der preußischen Demokratie ist, wo die Landesfahnen
wehen. Ziegler war ein merkwürdiger Herr. So hatte er einige Monate
zuvor in einer Rede im preußischen Abgeordnetenhaus seinen
Parteigenossen ein drastisches Zitat aus einer Rede Marrasts, der im
Februar 1848 Mitglied der provisorischen Regierung in Paris wurde, an
den Kopf geworfen, indem er ihnen zurief: Die Perversität ist euch vom
Unterleib ins Gehirn gestiegen, ihr könnt nicht mehr denken.
Der Nationalverein suchte durch eine Generalversammlung, die er für Ende
Oktober 1865 nach Frankfurt a.M. berief, in seiner Art ebenfalls der
Bismarckschen Politik zu Hilfe zu kommen. Er erntete freilich keinen
Dank. Bismarck war über diese Absicht so aufgebracht, daß er die
österreichische Regierung veranlaßte, mit ihm eine Note an den
Frankfurter Senat zu schicken, in der beide das Verbot der
Generalversammlung forderten, ein Schritt, den nur ein Mann unternehmen
konnte, der nicht mehr Herr über seine Nerven war. Der Senat lehnte auch
diese Forderung ab, und die Generalversammlung fand statt. Die
Beschlüsse besagten: Der Nationalverein bestätige seine früheren
Beschlüsse, wonach er eine Zentralgewalt und ein Parlament mit der
Reichsverfassung von 1849 als Ziel erstrebe und die Zentralgewalt an
Preußen übertragen sehen wolle. Für Schleswig-Holstein fordere er das
Selbstbestimmungsrecht mit der Einschränkung, daß, solange keine
deutsche Zentralgewalt vorhanden sei, es die für eine Zentralgewalt
notwendigen Attribute an Preußen übertrage. Ferner solle eine
Landesvertretung der Herzogtümer einberufen werden. Nach heftigen
Debatten wurden diese Anträge mit großer Mehrheit angenommen. Jedenfalls
lag in diesen Beschlüssen ein großes Entgegenkommen gegen Preußen.
Weiter konnte vorerst der Nationalverein nicht gehen.
Als dann die Möglichkeit eines Krieges zwischen Oesterreich und Preußen
immer mehr in den Vordergrund rückte, ging das Bestreben der Liberalen
dahin, die Neutralität der Mittel- und Kleinstaaten durchzusetzen, denn
sie sagten sich, daß diese im Kriegsfall wohl in ihrer großen Mehrheit
auf österreichischer Seite stehen würden.
In Sachsen drehten die Liberalen sogar den Spieß um und machten die
sächsische Regierung für den eventuellen Ausbruch eines Krieges
verantwortlich; sie verlangten Abrüstung und Anschluß an Preußen. Die
Leipziger städtischen Behörden schlossen sich durch Beschluß vom 5. Mai
dieser Auffassung an. Dagegen protestierte eine von 5000 Personen
besuchte Volksversammlung, die Professor Wuttke und seine nächsten
politischen Freunde, unterstützt von den Lassalleanern Fritzsche usw.,
für den 8. Mai einberufen hatten, eine Einberufung, der wir uns
anschlossen. Der Lassalleaner Steinert präsidierte. Wuttke hielt die
erste Rede. Er protestierte gegen das Vorgehen von Stadtrat und
Stadtverordneten und forderte in einer Resolution die Regierung auf, die
Verteidigungsmaßregeln auszudehnen und allgemeine Volksbewaffnung zum
Schutze des Landes einzuführen; ferner solle die Regierung sich
schleunigst der Hilfe ihrer Bundesgenossen versichern und beharrlich
jeder Sonderstellung Preußens in Schleswig-Holstein wie im übrigen
Deutschland entgegentreten.
Diese Resolution war uns zu schwächlich. Ich nahm also das Wort und
begründete folgende von Liebknecht und mir vereinbarte Resolution:
1. Die gegenwärtige drohende Lage Deutschlands ist durch die Haltung und
das Vorgehen der preußischen Regierung in der schleswig-holsteinschen
Frage provoziert, zugleich aber auch die natürliche Konsequenz der
Politik des Nationalvereins und der Gothaer für die preußische Spitze.
2. Eine direkte oder indirekte Unterstützung dieser undeutschen Politik
betrachten wir als eine Schädigung der Interessen des deutschen Volkes.
3. Dieses Interesse kann nur gewahrt werden durch ein aus allgemeinen,
gleichen und direkten Wahlen mit geheimer Abstimmung hervorgegangenes
Parlament, unterstützt durch allgemeine Volkswehr. 4. Wir erwarten, daß
das deutsche Volk nur solche Männer zu seinen Vertretern erwählt, die
jede erbliche Zentralgewalt verwerfen. 5. Wir erwarten, daß im Falle
eines deutschen Bruderkriegs, der nur dazu dienen kann, deutsches Gebiet
dem Ausland in die Hände zu spielen, das deutsche Volk wie ein Mann sich
erhebt, um mit den Waffen in der Hand sein Eigentum und seine Ehre zu
vertreten.
Der Stadtverordnetenvorsteher Dr. Joseph versuchte Stadtrat und
Stadtverordnete zu rechtfertigen, ihm antworteten scharf Liebknecht und
Fritzsche. Die Wuttkesche Resolution wurde gegen eine Minorität, die
meinige einstimmig angenommen.
Die Leipziger liberale Presse brachte die verlogensten Berichte über
jene Versammlung, was die Arbeiter der Offizin von Giesecke & Devrient
so empörte, daß sie die betreffende Nummer der „Mitteldeutschen
Volkszeitung“ feierlich verbrannten. Das Leipziger Beispiel fand
vielfach Nachfolge. So sprach sich unter anderem der Arbeitertag des
Maingauverbandes, der am 13. Mai unter Professor Louis Büchners Vorsitz
tagte, im gleichen Sinne aus.
In dieser Situation glaubte man im Sechsunddreißiger-Ausschuß des
Abgeordnetentages Preußen zu Hilfe kommen zu müssen. Derselbe berief auf
den ersten Pfingstfeiertag einen Abgeordnetentag nach Frankfurt a.M.
Die Frankfurter Demokratie beschloß, auf denselben Tag eine
Gegendemonstration zu veranstalten, zu der aus Sachsen Wuttke und ich
eingeladen wurden. Der Abgeordnetentag, von zirka 250 Abgeordneten
besucht, wurde vom Vorsitzenden des Sechsunddreißiger-Ausschusses
eröffnet. Herr v. Bennigsen wurde Präsident. Unter den Anwesenden war
auch Bluntschli, der durch sein Vorgehen in den vierziger Jahren in der
Schweiz gegen Weitling keinen guten Namen hatte. Ferner war anwesend der
alte Geheimrat Welcker, der, obgleich er für die preußische Spitze
schwärmte, über die Bismarcksche Politik so erbittert war, daß er, wie
damals die Zeitungen meldeten, die sonderbare Preisfrage gestellt hatte,
wie eine verderbliche Regierung ohne das Mittel der Revolution entfernt
werden könnte? Die bekannte Frage: Wie wäscht man den Pelz, ohne ihn naß
zu machen?
Unter den Zuhörern der Verhandlungen befanden sich unter anderen die
Achtundvierziger Amand Goegg, August Ladendorf und Gustav Struve.
Letzterer war eine hagere, hoch aufgeschossene Gestalt mit einer
Fistelstimme und einer merkwürdig roten Nase, obgleich er ein Gegner des
Alkohols war. Ich hatte mir den ehemaligen Führer aus der badischen
Revolution etwas anders vorgestellt, machte aber bald die Entdeckung,
daß wie es mir mit Struve, es anderen Leuten mit mir erging, die auch
ganz andere Vorstellungen von meiner Person hatten.
Dr. Völck-Augsburg, der später den Spitznamen die Frühlingslerche
erhielt, weil er im Zollparlament jubilierend verkündete: es will in
Deutschland Frühling werden, war Referent. Er begründete folgende
Resolution der Mehrheit des Sechsunddreißiger-Ausschusses:
* * * * *
Der Sieg der Waffen hat uns unsere Nordmarken zurückgegeben. Ein solcher
Sieg würde in jedem wohlgeordneten Reiche zur Erhöhung des
Nationalgefühls gedient haben. In Deutschland führte er durch die
Mißachtung des Rechts der wiedergewonnenen Länder, durch das Streben der
preußischen Regierung nach gewaltsamer Annexion und infolge der
unheilvollen Eifersucht der beiden Großmächte zu einem Zwiespalt,
dessen Dimensionen weit über den ursprünglichen Gegenstand des Streites
hinausreichen.
Wir verdammen den drohenden Krieg als einen nur dynastischen Zwecken
dienenden Kabinettskrieg. Er ist einer zivilisierten Nation unwürdig,
gefährdet alle Güter, welche wir in fünfzig Jahren des Friedens errungen
haben, und nährt die Gelüste des Auslandes.
Fürsten und Minister, welche diesen unnatürlichen Krieg verschulden oder
aus Sonderinteressen die Gefahren desselben erweitern, machen sich eines
schweren Verbrechens an der Nation schuldig.
Mit ihrem Fluche und der Strafe des Landesverrats wird die Nation
diejenigen treffen, welche in Verhandlungen mit ausländischen Mächten
deutsches Gebiet preisgeben.
Sollte es nicht gelingen, den Krieg selbst durch den einmütig
ausgesprochenen Willen des Volkes noch in der letzten Stunde zu
verhindern, so ist wenigstens dahin zu trachten, daß er nicht ganz
Deutschland in zwei große Lager teile, sondern auf den engsten Raum
beschränkt werde.
Wir erblicken hierin das wirksamste Mittel, um die Wiederherstellung des
Friedens zu beschleunigen, die Einmischung des Auslandes abzuhalten,
durch die Heeresmacht der nichtbeteiligten Staaten die Grenzen zu decken
und, im Falle der Krieg einen europäischen Charakter annehmen sollte,
mit noch frischen Kräften dem äußeren Feind entgegenzutreten.
Diese Staaten haben also die Pflicht, solange ihre Stellung geachtet
wird, nicht ohne Not in den Krieg der beiden Großmächte sich zu stürzen.
Insbesondere liegt es den Staaten der südwestdeutschen Gruppe ob, ihre
Kraft ungeschwächt zu erhalten, um gegebenen Falles für die Integrität
des deutschen Gebiets einzustehen.
Es wird Sache der Landesvertretungen sein, wenn sie über Anforderungen
zu militärischen Zwecken zu entscheiden haben, diejenigen Garantien von
ihren Regierungen zu fordern, welche die Verwendung in der oben
ausgesprochenen Richtung und im wahren Interesse des Vaterlandes
sichern. Nur hierdurch wird sich die Gefahr abwenden lassen, aus den
jetzigen Verwicklungen eine neue Aera allgemeiner deutscher Reaktion
entspringen zu sehen.
Wie ein deutsches Parlament allein die Behörde ist, welche über die
deutschen Interessen in Schleswig-Holstein zu entscheiden vermag, so ist
auch die Erledigung der deutschen Verfassungsfrage durch eine
freigewählte deutsche Volksvertretung allein imstande, der Wiederkehr
solcher unheilvollen Zustände wirksam zu begegnen. Die schleunige
Einberufung eines nach dem Reichswahlgesetz vom 14. April 1849 gewählten
Parlaments muß daher von allen Landesvertretungen und von der ganzen
Nation gefordert werden.
* * * * *
Der Schwerpunkt dieser Resolution lag in den Abschnitten 5, 6 und 7,
nach denen man die Mittel- und Kleinstaaten zur Neutralität in dem
Kampfe zwischen Oesterreich und Preußen verpflichten wollte. In einer
sehr wirkungsvollen Rede ging der preußische Abgeordnete Julius Freese
der Resolution des Ausschusses und den Rednern, die sie verteidigt
hatten, zu Leibe, häufig von stürmischem Beifall der Minorität und der
Zuhörerschaft im Saale unterbrochen. Ueber die den Mittel- und
Kleinstaaten zugemutete Rolle äußerte er:
„Und was würde die Folge sein, wenn die beiden Staaten sich nun gepackt
hätten? Wie zwei Hirsche um eine Hirschkuh kämpfen, und die Hirschkuh
waffenlos und ruhig dabeisteht, so sollen Oesterreich und Preußen
miteinander kämpfen, und das dritte Deutschland soll die milde, sanfte
Hirschkuh sein, die dann abwartet, welchem Sieger das Ende des Kampfes
sie überweist.... Und er schloß: _Nur dann wird Preußen frei, wenn es in
Deutschlands Dienste tritt; wenn Sie aber Deutschland in Großpreußen
aufgehen lassen, dann sei Gott denen gnädig, die das Regiment sehen,
welches dann über Preußen und Deutschland ergehen wird._“
Diese Worte lösten langanhaltenden Beifall aus.
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