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Sonnemann, in dem es hieß:
„Ich bin nunmehr in der Lage, Ihnen endgültig über die
Buchdruckerangelegenheit zu berichten.
Wie ich Ihnen in meinem Schreiben mitteilte, war die Tarifkommission
auf meine Veranlassung mit Wächter in Unterhandlung getreten und hatte
diesem als Grundlage die neue Berechnungsart vorgeschlagen. Wächter ging
darauf ein und berief die frühere Vermittlungskommission der Prinzipale,
um ihr diese Proposition der Tarifkommission zu stellen. Man rechnete
und rechnete, fand aber schließlich, daß das Resultat dasselbe sei,
indem man allerdings oftmals nur 27 bis 28 Pfennig zu zahlen haben
würde, aber eben so oft auch 32 und 33 Pfennig. Mitglieder der
Tarifkommission versicherten mir selbst, der Preis bleibe nach dieser
Berechnung der gleiche und nur die Form sei eine andere. Die Prinzipale
lehnten nunmehr die Vermittlung ab, da sie nur im Falle einer Konzession
in den Bedingungen der Gehilfen sich zu einer Verständigung herbeilassen
wollten.
Als ich nun gestern früh Ihr wertes Schreiben erhielt,[4] trat ich
sofort wieder mit der Tarifkommission in Unterhandlung, legte ihr den
Frankfurter Tarif, sowie Ihre Berechnung als Basis für eine Vermittlung
mit den Prinzipalen vor, nochmals hervorhebend, wie ich es selbst für
notwendig hielt, nicht starr an den Forderungen festzuhalten und die
Sache nicht auf die Spitze zu treiben. Der Betreffende erklärte sich mit
diesen Ansichten einverstanden, versprach, den Vorschlag seinen Kollegen
vorzulegen und mir Bericht zu erstatten.
Gestern abend erhielt ich Antwort. Diese lautete abschlägig. Man
motivierte diese Antwort damit, man habe verschiedenes in Aussicht,
weshalb man hoffe, dennoch die Forderungen durchzusetzen. Leipzig als
Hauptort des Buchdrucks habe vor allem darauf zu sehen, einen möglichst
hohen Lohn zu erzielen, da dieses für die anderen Städte von großem
Einfluß sei, auch enthalte der von Ihnen aufgestellte Entwurf eine ganze
Menge von Bestimmungen, in denen sie den Prinzipalen Konzessionen machen
könnten und wollten. Ich war durch diese Antwort überrascht. Ich hatte
sicher erwartet, daß man diesen Vorschlag annehmen würde. Nachdem er
abgelehnt wurde, habe ich keine Veranlassung, in dieser Angelegenheit
noch einen Schritt zu tun, es sei denn, man fordere mich von jener Seite
dazu auf.
Mir scheint, daß, wie die Prinzipale von Härtel und Brockhaus sich
beeinflussen lassen, auch einige in der Tarifkommission über alle
anderen gebieten. Man muß es nun schließlich darauf ankommen lassen,
welche von den beiden Parteien mit ihrer Starrköpfigkeit den Sieg
davonträgt.
Von seiten der Gehilfen erwartet man von der jetzt im Gange befindlichen
Buchhändlerbörse einen günstigen Einfluß für ihre Forderungen; wie weit
dies richtig ist, wird sich herausstellen. Tatsache ist auch, daß von
auswärts immer noch eine Masse von Zuschriften und Geldsendungen
einlaufen, die sie zur Ausdauer anfeuern.
Wie Ihnen bereits bekannt sein dürfte, geht man von seiten der Polizei
mit Maßregelungen gegen die feiernden Gehilfen vor, was ich durchaus
nicht billige. Es haben infolgedessen am Montag bereits neunzehn Mann
die Stadt verlassen. Einer hat wieder zu arbeiten angefangen. Jedenfalls
ein klägliches Resultat, wenn man zu diesem Zweck, wie zu vermuten, die
Maßregelungen ins Werk gesetzt hat.“
* * * * *
In einem anderen Briefe von mir an Sonnemann vom 28. Mai heißt es in
einer Nachschrift lakonisch: In der Buchdruckerangelegenheit steht alles
beim alten.
Am 20. Juni schreibt Sonnemann wieder:
„Ich bin nicht wenig erstaunt, daß Sie mein Schreiben vom 17. ds. Mts.
gänzlich unbeachtet lassen (dasselbe ist aus dem schon oben angegebenen
Grunde nicht mehr zu entziffern, es bezog sich aber auch mit auf die
Buchdruckerangelegenheit). Wenn der Mechanismus bei uns nicht besser
ineinandergreift, dann wird mir wohl die Herausgabe der Flugblätter sehr
schwer werden.“
Hierzu sei bemerkt: Der ständige Ausschuß hatte, weil er mit dem
Verleger der „Allgemeinen Arbeiterzeitung“ in Koburg beständig in
Konflikt war, die Herausgabe von Flugblättern beschlossen, die womöglich
wöchentlich erscheinen sollten. Diese Flugblätter sollten alle auf die
Arbeiterbewegung bezüglichen Mitteilungen enthalten und sollten in
erster Linie die Mitglieder des ständigen Ausschusses daran mitarbeiten.
Meine Antwort auf Sonnemanns Brief ist vom 23. Juni datiert und lautete:
„Die Vorwürfe, die Sie mir in Ihrem letzten Schreiben vom 20. ds. Mts.
über meine angebliche Lauheit machen, muß ich zurückweisen. Sie würden
dieselben nicht gemacht haben, wenn Sie meine Verhältnisse kennten.
Diese aber sind derart, daß ich über meine Zeit nicht so verfügen kann,
wie ich möchte. Habe ich auch ein selbständiges Geschäft, so bin ich
durch meine Unbemitteltheit gezwungen, durch Arbeit den täglichen
Lebensunterhalt zu verdienen; dazu kommt, daß ein guter Teil der Last
der Geschäfte im (Arbeiterbildungs-)Verein ebenfalls auf mir liegt und
ich auch hier schon gezwungen bin, manche Stunde zu opfern, abgesehen
von den Abenden, die gänzlich durch Vereinsangelegenheiten in Anspruch
genommen sind. Gleichwohl werde ich, soweit es irgend geht, den an mich
gestellten Anforderungen nachzukommen suchen und würde auch auf Ihr
erstes Schreiben bereits geantwortet haben, wenn das, was ich zu
schreiben hatte, sich der Mühe verlohnte....
Namentlich ist in bezug auf Arbeiten und Lohnfragen eine förmliche
Windstille eingetreten, wie das nach der Aufregung und dem Lärm der
vorhergehenden Wochen nicht anders zu erwarten war.
Bezüglich der Buchdruckerangelegenheit war ich am Dienstag bei Heinke,
dem Redakteur des „Korrespondent“ (der 1863 gegründet worden war).
Heinke will Ihnen das Blatt vom 1. Juli ab regelmäßig unter Kreuzband
zukommen lassen gegen Eintausch der Flugblätter und von sonstigen
Mitteilungen.... Ferner versprach er, mir wichtige Nachrichten über
Buchdruckerangelegenheiten, sei es von hier oder auswärts, zukommen zu
lassen, und werde ich alsdann Ihnen möglichst schnell referieren.
Betreffs des hiesigen Buchdruckerstreiks teilte er mir mit, daß der
größte Teil der Tarifkommission, sowie des Vorstandes des
Buchdruckerfortbildungsvereins noch keine Kondition habe und so schnell
auch noch keine bekommen werde. Gleichwohl glaubte er, daß man eine
Unterstützung von unserer Seite nicht annehmen werde, indem erstens noch
Geld vorhanden sei, zweitens die in Arbeit getretenen Gehilfen für die
Arbeitslosen wöchentlich steuerten, endlich drittens sie alsdann in die
Lage kommen könnten, bei Arbeitseinstellungen anderer Branchen ebenfalls
zu steuern, was ihren schon jetzt sehr in Anspruch genommenen Geldbeutel
nur noch mehr belasten würde; man habe von allem Anfang an beschlossen,
Unterstützung von Nichtbuchdruckern gar nicht oder doch nur im
alleräußersten Falle anzunehmen.“[5]
* * * * *
Die Befürchtung der Buchdrucker, daß sie auch für die Streiks anderer
Branchen herangezogen werden könnten, hatte insofern eine Berechtigung,
als in jenem Frühjahr sowohl die Schneider wie die Arbeiter an dem Bau
der städtischen Wasserleitung streikten und die Schuhmacher ebenfalls in
den Streik eintraten.
In bezug auf letzteren schrieb ich Sonnemann am 28. Juni:
„Gestern fand im Hotel de Saxe eine Versammlung der Schuhmacher zum
Zwecke der Lohnerhöhung statt. Da wir eine dringende Sitzung hatten,
konnte ich erst später hingehen. Einen vollständigen Bericht könnte ich
deshalb nicht liefern. Dr. Eras, welcher den Verhandlungen von Anfang
bis Ende beigewohnt hat, wird Ihnen einen solchen für die „Neue
Frankfurter Zeitung“ zugesandt haben, den Sie im Flugblatt mit verwenden
können.
Nach dem Geiste zu urteilen, der in jener Versammlung herrschte, werden
die Arbeiter mit ihren sehr gerechten Forderungen nicht durchkommen.
Unklarheit, Uneinigkeit unter ihnen lassen es nicht dazu kommen,
obgleich sie es mehr wie jeder andere Arbeiter bedürften, da ein guter
Arbeiter bei zwölfstündiger Arbeitszeit 2 Taler 20 Neugroschen bis 3
Taler die Woche verdient. Da wir als Unbeteiligte uns nicht in die
Debatten mischen durften, so haben Eras und ich es ihnen später im
Privatzirkel tüchtig gesagt, es wird nur nichts nützen.“
* * * * *
Am 1. Juli antwortete Sonnemann folgendes:
„Ich habe Ihre werten Briefe vom 23. und 28. Juni vor mir. Meine Mahnung
an Sie war gewiß nicht so bös gemeint, wie Sie dieselbe vielleicht
aufgefaßt haben. Ich weiß sehr gut, wie sehr Sie in Anspruch genommen
sind, und wie schwer es Ihnen fällt, unserer Sache noch weiter Zeit zu
opfern; ich verlange auch keine langen Briefe; zwei Zeilen genügen
jederzeit, um eine Tatsache kurz mitzuteilen. Hätten Sie mir gleich
geschrieben, die Buchdrucker bedürfen von uns keiner Unterstützung, so
wäre es für den Augenblick genug gewesen.
Was nun den eben erwähnten Gegenstand betrifft, so freut es mich, daß es
den Leuten dort vorerst nicht an Geldmitteln fehlt. Ich bitte Sie nur,
ihnen wiederholt zu sagen, daß der Ausschuß nötigenfalls bereit sei, für
sie einzutreten, und habe mich auch demgemäß in unserem Flugblatt
ausgesprochen.“
* * * * *
Damit war unsere Korrespondenz über den Buchdruckerstreik zu Ende. Die
Buchdrucker erlangten nur einen teilweisen Erfolg. Die Mehrzahl ihrer
Leiter wurde gemaßregelt. Im August beschloß der Buchdruckerverein, die
Steuer zu vervierfachen, einmal um die gewährten Darlehen
zurückzuzahlen, dann um die noch übriggebliebenen Gemaßregelten
entsprechend unterstützen zu können. Die Tarifkommission wurde zu
vierzehn Tagen Gefängnis verurteilt wegen Verletzung des
Streikparagraphen der sächsischen Gewerbeordnung. Auf erhobenen Rekurs
wurde das Urteil aufgehoben. Glücklicher waren wider Erwarten die
Schuhmacher, die Lohnerhöhungen bis zu 25 Prozent durchsetzten. Was
ihnen zustatten kam, war, daß die Meister nicht organisiert und daß es
meist Kleinmeister waren, die keinen Widerstand leisten konnten.
Das Verhalten einer Anzahl bekannter Liberaler bei den Leipziger Streiks
veranlasste mich, in Nummer 8 der Flugblätter des ständigen Ausschusses
auszusprechen, es sei eine Tatsache, daß gerade von jener Seite, auf der
man mit dem Volke immerwährend geliebäugelt und sich als Arbeiterfreund
dargestellt habe, die Forderungen der Arbeiter den entschiedensten
Widerstand gefunden hätten. Es dürfe daher nicht wundernehmen, daß man
selbst in Arbeiterkreisen, die mit dem Lassalleanismus nichts zu tun
hätten, über das Gebaren eines Teiles der Fortschrittspartei nichts
weniger als schmeichelhafte Urteile fällen hörte. Das erhöhe die
Sympathie für diese nicht.
In demselben Sommer (Juli) beriefen wir Arbeiterversammlungen ein, um
gegen die Beschlüsse der Handels- und Gewerbekammern von Dresden und
Zittau zu protestieren, die beschlossen hatten, die neueingeführten
Arbeitsbücher sollten entgegen der Gewerbeordnung nicht die Arbeiter,
sondern die Arbeitgeber in Verwahrung haben, auch sollten sie ohne
Zustimmung des Arbeiters über dessen Verhalten Zeugnisse in das
Arbeitsbuch eintragen dürfen. Ein Aufruf, den wir an die sächsischen
Arbeiter veröffentlichten, sich unserem Protest anzuschließen, hatte
guten Erfolg. Die Lassalleaner machten in diesem Falle mit uns
gemeinsame Sache.
FUSSNOTEN:
[4] In diesem (Kopie) ist die Tinte so blaß geworden, daß dasselbe nicht
mehr zu entziffern ist.
[5] Gustav Jaeckh behauptet in seinem Buch „Die Internationale“ (Leipzig
1904), die deutschen Buchdrucker hätten sich durch ihren
Verbandsvorsitzenden an den Generalrat der Internationale gewandt, um
die Internationale, und in erster Linie die Buchdrucker-Union, für den
Streik ihrer Brüder in Leipzig zu interessieren. Diese Angaben können
unmöglich richtig sein. Erstens gab es zu jener Zeit noch keinen Verband
der Buchdrucker, folglich auch keinen Vorsitzenden des Verbandes;
zweitens weigerten sich die Buchdrucker, von politischen Organisationen
Geld anzunehmen, und nun gar von der Internationale. Wahr kann an der
Mitteilung höchstens sein, daß Leipziger Buchdrucker sich an den
Generalrat gewendet hatten um _Uebermittlung_ eines Schreibens an die
Londoner Buchdrucker-Union. Doch auch das ist mir etwas zweifelhaft.
Der Stuttgarter Vereinstag
Der dritte Vereinstag der Arbeitervereine war vom ständigen Ausschuß auf
den 3. bis 5. September 1865 nach Stuttgart berufen worden. Auf
demselben waren 60 Vereine und ein Gauverband durch 60 Delegierte
vertreten. Unter den Delegierten traten unter anderen hervor: Herm.
Greulich-Reutlingen, Professor Eckhardt-Mannheim, Bankier Eduard
Pfeiffer-Stuttgart, Julius Motteler-Crimmitschau, der schon 1864 in
Leipzig war, Streit-Koburg, Staudinger-Nürnberg, Professor
Wundt-Heidelberg, der sich nachmals einen großen Namen als Physiologe
erworben hat und gegenwärtig Professor an der Universität Leipzig ist.
Von den hier Genannten ging Hermann Greulich kurz nach dem Stuttgarter
Vereinstag von Reutlingen nach Zürich, woselbst er fast gleichzeitig mit
mir, und zwar als Schüler Karl Bürklis und Jean Philipp Beckers, zum
Sozialisten wurde. Julius Motteler machte um dieselbe Zeit die gleiche
Entwicklung durch. Professor Eckhardt war Redakteur des 1864 in Mannheim
gegründeten „Deutschen Wochenblatts“. Eckhardt stand auf dem äußersten
linken Flügel der Demokratie.
Im Lokalkomitee saß neben Bankier Pfeiffer Rechtsanwalt Hölder, später
Minister des Innern für Württemberg, der im Namen des Lokalkomitees und
der Stadt die Begrüßungsrede hielt. Bandow präsidierte. Die Tagesordnung
war wieder überreichlich belastet. Der Punkt „Altersversorgungskassen“
wurde auf Wunsch Sonnemanns abgesetzt; er wollte erst eine Broschüre
darüber herausgeben. Ich hatte ein Referat über Speisegenossenschaften,
wie solche damals mehrfach in den deutschen Arbeitervereinen der Schweiz
für Unverheiratete bestanden. Mein gedruckt erstatteter Bericht war
recht dürftig. Meine Rede darüber war die kürzeste von allen. Max Hirsch
hatte das Referat über die Eroberung des allgemeinen, gleichen und
direkten Wahlrechts. Er befürwortete in der von ihm vorgeschlagenen
Resolution, daß die Arbeitervereine sich mit aller Kraft für die
Eroberung desselben einsetzen sollten. Diese Resolution rief die
Opposition Professor Wundts hervor, der im Namen des Oldenburger und der
badischen Vereine, mit Ausnahme von Mannheim, Uebergang zur Tagesordnung
beantragte, was einen Sturm des Unwillens hervorrief. Schließlich
änderte Hirsch seine Resolution dahin, daß statt deutsche
Arbeitervereine deutsche Arbeiter gesetzt wurde, worauf sie einstimmig
angenommen wurde. Hirzel-Nürnberg referierte über das Koalitionsrecht;
er beantragte die Beseitigung aller Schranken, die der Ausübung dieses
Rechtes entgegenstünden, und wurde demgemäß einstimmig beschlossen.
Ebenso einstimmig wurde der Antrag Bandows auf Aufhebung der
Wanderbücher und des Legitimationszwanges angenommen.
Moritz Müller-Pforzheim, ein etwas eigentümlicher, aber eifriger und in
seiner Art wohlwollender Bijouteriefabrikant, hatte das Referat über die
Frauenfrage, eine Frage, die er als Spezialität behandelte. In seinem
schriftlichen Referat verlangte er die volle soziale Gleichheit der Frau
mit dem Manne, die Gründung von Fortbildungsanstalten für Arbeiterinnen
und die Gründung von Arbeiterinnenvereinen. Die Debatte über diese Frage
nahm die meiste Zeit in Anspruch. Professor Eckhardt erklärte
ausdrücklich, daß die soziale Befreiung der Frau auch die _Gewährung des
Stimmrechtes an die Frauen_, wie solches der Vereinstag für die Männer
fordere, einschließe. Mit dieser Auslegung wurden die Müllerschen
Resolutionen mit erheblicher Mehrheit angenommen.
Die Beschlüsse des Stuttgarter Vereinstags bedeuteten in ihrer
Gesamtheit einen entschiedenen Ruck nach links. In allen praktischen
Fragen der inneren Politik standen jetzt die sogenannten Selbsthilfler
und die Lassalleaner auf ein und demselben Boden. Auch die Organisation
erlitt eine kleine Verbesserung. Der Beitrag von 2 Talern pro Jahr von
jedem Verein bedeutete die finanzielle Ohnmacht des ständigen
Ausschusses. Ich machte also in den Flugblättern des ständigen
Ausschusses den Vorschlag, zunächst pro _Kopf_ der Vereinsmitglieder
einen Groschen Beitrag pro Jahr zu erheben und den Vorsitzenden des
ständigen Ausschusses mit 300 Taler zu remunerieren, damit auch
eventuell Personen, die finanziell abhängig waren, die Stellung eines
Vorsitzenden bekleiden könnten; auch solle der Vorsitzende vom
Vereinstag direkt gewählt werden. Endlich schlug ich vor, der großen
Kosten wegen den Vereinstag nur alle zwei Jahre zu berufen — was gerade
kein Meistervorschlag von mir war — und damit den Gauverbänden eine
bessere Entwicklung zu ermöglichen. Nach lebhafter Debatte wurde der
Groschenbeitrag, den auch die Organisationskommission vorschlug,
angenommen, die anderen Vorschläge wurden abgelehnt. Ebenso entschied
der Vereinstag mit 30 gegen 22 Stimmen, daß ein offizielles Vereinsorgan
nicht notwendig sei. Man ging durch diesen Beschluß einem Konflikt mit
dem Verleger der Koburger Arbeiterzeitung aus dem Wege, die einen
starken Anhang unter den Vereinen besaß. Bemerken möchte ich hier, daß
die vorhandenen Berichte über die Vereinstage ungemein kurz und sehr
lückenhaft sind. In den ständigen Ausschuß wurden gewählt Bandow, Bebel,
Eichelsdörfer, M. Hirsch, Hochberger-Eßlingen, König-Hanau, F.A. Lange,
Lippold-Glauchau, Richter-Hamburg, Sauerteig-Gotha, Sonnemann,
Staudinger-Nürnberg. Sonnemann, der wieder als Vorsitzender vom Ausschuß
gewählt worden war, lehnte die Wahl ab. An seine Stelle trat Staudinger,
der, wie die Erfahrung zeigte, seiner Aufgabe nicht gewachsen war.
Staudinger, ein älterer Mann, war seines Zeichens Schneidermeister, ihm
sollte Ingenieur Hirzel-Nürnberg als Sekretär an die Hand gehen.
Auf keinem Vereinstag trat das Bestreben der verschiedenen bürgerlichen
Parteiführer, entscheidenden Einfluß auf die Vereine zu erlangen, so
deutlich in die Erscheinung als in Stuttgart. Alle fühlten, daß man in
der deutschen Frage einer Entscheidung entgegengehe. Die
Auseinandersetzungen zwischen der Linken und der Rechten wurden immer
lebhafter und gereizter. Die Gegensätze zwischen Preußen auf der einen
und Oesterreich und der Mehrheit der Mittel- und Kleinstaaten auf der
anderen Seite wurden immer schroffer. Die gemeinsame Besetzung der
Herzogtümer Schleswig-Holstein durch österreichische und preußische
Truppen nach der Niederlage der Dänen und deren Abzug aus den beiden
Ländern, die jetzt in deutschen Besitz übergingen, zeitigte immer neue
Konfliktsfälle. Das deutsche Volk kam allmählich in einen Zustand
hochgradiger Erregung.
Diese Stimmung machte sich auch in den Toasten auf dem Bankett des
Vereinstags bemerkbar, das am Sonntag abend im Sitzungslokal des
Vereinstags, der Liederhalle, stattfand, in demselben Lokal, in dem 42
Jahre später, August 1907, der erste internationale Arbeiterkongreß auf
deutschem Boden tagte. Während die Hölder und Genossen in verblümter
Weise sich für die preußische Spitze begeisterten, traten die Demokraten
und speziell deren Wortführer Karl Mayer-Stuttgart für eine radikale
Lösung ein, die wir Jungen, ohne daß das Wort ausgesprochen wurde, als
ein Eintreten für die deutsche Republik ansahen. Karl Mayer, damals der
gefeiertste Volksredner Württembergs, dem die Natur eine Stentorstimme
verliehen hatte, saß an der Tafel mir schräg gegenüber. Er erhob sich,
um mit aller Kraft seiner Lungen und in packenden Bildern gegen den
reaktionären Bundestag in Frankfurt loszudonnern, der von seinem Platze
müsse, um eine demokratische Einheit Deutschlands zu ermöglichen. Im
Eifer der Rede streifte er Rock- und Hemdärmel in die Höhe und zeigte
ein paar muskulöse Arme, mit deren Gesten er seine Rede begleitete. Ab
und zu schlug er mit der Faust auf den Tisch, daß Gläser und Teller
tanzten. Natürlich fand sein Hoch auf ein freies, demokratisches
Deutschland donnernden Beifall. Auch die Stadt Stuttgart hatte sich in
Unkosten gestürzt und spendete uns am Montag nachmittag bei einem
Spaziergang auf das damalige Schützenhaus einen Trunk schwäbischen
Weines mit Vesperbrot.
Bei Streit in Koburg erschien um jene Zeit eine Schrift, betitelt
„Deutschlands Befreiung aus tiefster Schmach“, in der offen für die
deutsche Republik Propaganda gemacht wurde, was selbstverständlich nicht
ohne Revolution möglich gewesen wäre. Aber der Revolutionsgedanke
schreckte damals nicht. Die Reminiszenzen aus den Revolutionsjahren
waren durch Reden und Schriften von Beteiligten und Unbeteiligten
wieder lebendig geworden. Daß eine siegreiche Revolution möglich sei,
daran glaubte mit Ausnahme von Ostelbien fast ganz Deutschland. Ich
führte schon an, wie Bismarck und Miquel mit dieser Möglichkeit sich
abfanden. Aber auch des letzteren Freund, Herr v. Bennigsen, schrieb
schon im Jahre 1850 an seine Mutter einen Brief, in dem er nach
Erörterung der damaligen Lage Schleswig-Holsteins also fortfuhr:
„Solange die nationale Partei nicht in Preußen regiert — und noch in
diesem Augenblick schwanken die Führer, ob sie der jetzigen Regierung
überhaupt eine ernsthafte, auf deren Sturz berechnete Opposition für den
nächsten Landtag machen sollen! —, ist der heldenmütige Kampf dieses
deutschen Landes vergebens. Ich fürchte nur zu bestimmt, daß wir, um das
Maß der Schande und Erbitterung übervoll zu machen, für einige Jahre
wenigstens die gänzliche Unterwerfung Schleswig-Holsteins erleben
werden. Die Ruhe unserer europäischen Königsgeschlechter über so viel
Gräbern soll aber nicht durch böse Erinnerungen und Träume allein
gestört werden. In höchstens einem Dutzend Jahren wird es ja wohl wieder
gewittern und dreinschlagen, und von _uns Jüngeren schwören täglich
mehrere im stillen, daß man, einerlei, ob Konstitutioneller oder
Radikaler, durch elende Versprechungen im Augenblick der Furcht sich
nicht wieder täuschen lassen will. Man wird die ganze Gesellschaft nach
Amerika schicken und nachher sich zu einigen suchen, ob man sich einen
König oder Präsidenten setzen will._ Und das werden die Anhänger v.
Gagern und Dahlmann schwerlich wieder hindern, noch auch zu lindern Luft
haben....“
Zwölf Jahre später gehörte der Schreiber dieses Briefes, als Präsident
des Deutschen Nationalvereins, zu den einflußreichsten Personen
Deutschlands, ja er war vielleicht die einflußreichste. Aber Herr v.
Bennigsen befolgte jetzt dieselbe Politik, die er einst an den Gagern
und Dahlmann verurteilt hatte. Der Gedanke an eine Revolution gegen das
Bismarcksche Preußen war ihm unfaßbar. Und wie er gegen Ende seines
Lebens über die Revolution von 1848 und 1849 dachte, ging aus der
aufregenden Debatte hervor, die ich zum fünfzigsten Jahrestag des 18.
März, am 18. März 1898, absichtlich im deutschen Reichstag hervorgerufen
hatte, und wobei Herr v. Bennigsen mein Hauptgegner war.
Wie Lassalle, Marx und Engels über eine kommende Revolution in
Deutschland dachten, geht aus dem Briefwechsel zwischen denselben
hervor, den Mehring im Verlag Dietz-Stuttgart erscheinen ließ. Auch der
siegreiche Zug Garibaldis nach Neapel und Sizilien (1860), der seinem
Urheber eine ungeheure Popularität in der ganzen Kulturwelt eintrug,
hatte den Glauben an die Macht revolutionärer Massen befestigt.
Daß man selbst in sehr hochstehenden Kreisen Süddeutschlands an die
Wahrscheinlichkeit einer Revolution für eine Einheit Deutschlands
dachte, zeigen die Memoiren des Fürsten Hohenlohe, der, nachdem er
ausgeführt, daß die Zersplitterung Deutschlands auf die Dauer
unerträglich sei, sagt: Hieraus erklärt es sich, daß auch die
friedlichen, konservativsten Leute in Deutschland dahin geführt werden,
zu erklären: wir müssen durch die Revolution zur Einheit kommen, weil
wir auf gesetzlichem Wege nicht das Ziel erreichen können. Und unter dem
23. März 1866 schrieb der Prinz Karl von Bayern an Hohenlohe: Mir dünkt,
eine günstigere Gelegenheit, _ohne Revolution_ (auch im Original
gesperrt) zu einer Bundesreform zu kommen usw.
Wenn man oben so dachte, warum nicht ebenso unten?
* * * * *
Die Verhandlungen und Beschlüsse des Stuttgarter Vereinstags über die
Koalitionsfreiheit waren eine Antwort auf die gleichartigen
Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses. Schulze-Delitzsch und
Faucher — letzterer auch ein sogenannter Nationalökonom, der in einer
Leipziger Volksversammlung im Jahre 1864 ernsthaft nachzuweisen
versuchte, die soziale Frage könne am besten gelöst werden, wenn jeder
die doppelte Buchführung verstehe und eine richtig gehende Uhr habe, um
mit der Zeit zu rechnen — hatten beantragt, die §§ 181 und 182 der
Gewerbeordnung von 1845, betreffend die Koalitionsverbote, aufzuheben.
Seltsamerweise hatten sie aber unterlassen, auch die Aufhebung der §§
183 und 184 zu beantragen. Nach § 183 konnte die Bildung von
Verbindungen unter Fabrikarbeitern, Gesellen, Gehilfen oder Lehrlingen
ohne polizeiliche _Erlaubnis_ bestraft werden, an den Stiftern und
Vorstehern der Verbindung mit Geldstrafe bis zu 50 Talern oder Gefängnis
bis zu vier Wochen, an den Mitgliedern mit Geldstrafe bis zu 20 Talern
oder Gefängnis bis zu vierzehn Tagen. Nach § 184 war zu bestrafen das
eigenmächtige Verlassen der Arbeit oder die Entziehung zur Verrichtung
derselben, oder grober Ungehorsam, oder beharrliche Widerspenstigkeit
mit Geldstrafe bis zu 20 Talern oder Gefängnis bis zu vierzehn Tagen. Im
„Sozialdemokrat“ J.B.v. Schweitzers und in den Versammlungen zur Rede
gestellt, ließen die Antragsteller erklären, der § 183 sei bereits seit
fünfzehn Jahren durch die preußische Verfassung aufgehoben und der § 184
habe mit dem Koalitionsrecht nichts zu tun. Diese Auffassung machte auch
in unseren Reihen böses Blut, und die Koburger Arbeiterzeitung, die
immer entschiedener geworden war, griff darauf die Schulze-Delitzsch und
Genossen aufs schärfste an.
Das schwächliche Verhalten der Liberalen in dieser Frage suchte der
konservative Oberdemagoge Geheimrat Wagener geschickt auszunutzen, indem
er die Liberalen übertrumpfte. Er beantragte, den Kommissionsantrag über
den Antrag der Liberalen — weil seine Fassung Zweifel zuließen —
abzulehnen und die Regierung aufzufordern, einen Gesetzentwurf
vorzulegen, durch welchen nicht allein sämtliche das Vereinsrecht der
Arbeiter beschränkenden Ausnahmebestimmungen der Gewerbeordnung
aufgehoben, sondern in Verbindung damit auch solche Organisationen
angebahnt respektive zur Ausführung gebracht würden, welche es
ermöglichten, daß der Arbeiterstand die ihm gebührende Stellung
innerhalb des Staates einnehmen und seine eigenen Interessen selbständig
zu handhaben und zu vertreten vermöge. Also Zwangsgewerkvereine,
begründet durch das Gesetz.
So die Konservativen zu jener Zeit, als es galt, der liberalen
Bourgeoisie das Wasser abzugraben.
Eine andere Angelegenheit, in der die beiden Arbeiterparteien Hand in
Hand gingen, war das Kölner Abgeordnetenfest und sein Verlauf. Die
Kölner Fortschrittler hatten die fortschrittlichen preußischen
Abgeordneten, das heißt also die sehr große Mehrheit der Zweiten Kammer
nach Köln zu einem Reformfest für den 22. Juli 1865 geladen, dessen
Glanzpunkt ein Bankett im Gürzenich sein sollte. Herr v. Bismarck ließ
die Abhaltung des Festes verbieten, und der Kölner Oberbürgermeister
Bachem war schwach genug, die Erlaubnis zur Benutzung des
Gürzenichsaales zurückzuziehen. Der Vorgang machte gewaltiges Aufsehen.
Als die Abgeordneten nach Köln kamen, ließ Herr v. Bismarck ihre
Zusammenkünfte durch Polizei und Militär auseinandertreiben. Man dampfte
darauf nach Oberlahnstein, um dort auf kleinstaatlich nassauischem Boden
zu tun, was im Staate des deutschen Berufs, in Preußen nicht möglich
war. Aber auch hier schritt Militär ein und machte eine Versammlung
unmöglich.
Gegen diesen Gewaltstreich Bismarcks erhoben sich überall Proteste. In
Berlin, in Leipzig und anderwärts gingen Lassalleaner und
Arbeitervereinler zusammen, um gegen die Kölner Vorgänge nachdrücklichst
zu protestieren und die volle Freiheit der Vereine und Versammlungen zu
verlangen. Gleich dem „Sozialdemokrat“ zog die Koburger
„Arbeiterzeitung“ gegen die fortschrittlichen Abgeordneten höhnend und
spottend zu Felde, die sich nichts weniger als tapfer in dieser Sache
benommen hatten.
Diese Vorgänge veranlaßten einen Briefwechsel zwischen Sonnemann und Fr.
Alb. Lange. Letzterer war anläßlich des Festes in Köln gewesen.
Sonnemann beklagte sich, daß er (Lange) ihm keinen Bericht über die
Kölner Vorgänge geschickt, und meinte, die Sozialdemokraten spielten va
banque, sie würden aber das Spiel verlieren. Er sende ihm beiliegend
einen Brief über die Kölner Vorgänge von Bandow, der leider in dieser
wichtigen Zeit krank sei, er möge denselben nach Kenntnisnahme an mich
senden, ich solle ihn dann an ihn (Sonnemann) zurückgelangen lassen. Was
der Brief enthielt, ist mir nicht mehr erinnerlich. Lange antwortete am
31. Juli 1865:
„Was die Versammlung bei Lantsch (Arbeiterversammlung in Köln)
betrifft, so hielt ich es nicht für zweckmäßig, viel davon zu sagen. Die
Stimmung an sich war vortrefflich. Ich will aber ebensowenig wie Sie die
Verantwortung übernehmen, in der jetzigen Zeit der Gärung auf eigene
Faust Parole auszugeben, und das wäre bei einem Bericht über diese
Versammlung mit ihren interessanten Folgen nötig gewesen....
Ich beurteile die Zeit ganz ähnlich wie Sie, als eine äußerst kritische.
Uebrigens glaube ich nicht, daß Schweitzer völlig va banque spielt. Dann
wäre das Spiel schon verloren. Es fällt den Arbeitern jetzt, namentlich
im Rheinland, gar nicht ein, sich für das Prinzip zu erheben. Ich
glaube, man geht darauf aus, den ‚Sozialdemokrat‘ ehrenvoll totschlagen
zu lassen und dann, gestützt auf die öffentlich angebahnte Organisation,
das System der geheimen Gesellschaften einzuführen. (?! A.B.) Durch den
Glanz des Abgeordnetenfestes lasse ich mich nicht blenden. Ich habe
niemals deutlicher gefühlt, daß es mit der bisherigen Fortschrittspartei
vorbei ist, aber unsere Zeit ist noch nicht gekommen.
Beobachten und die Fäden in der Hand behalten, Verbindungen erweitern,
Freunde sammeln; aber keine Parole ausgeben. _Ob_ wir, falls es Zeit
dazu ist, _zusammengehen können, wird sich finden_. Lassen Sie uns
einstweilen den Zusammenhang pflegen....
Zurückkommend auf die Haltung unseres Blattes (der Flugblätter) und die
politisch-soziale Krisis, empfehle ich nochmals, den sozialen Teil
ausführlich und interessant, aber objektiv zu halten; _den politischen
Teil aber scharf, so offen gegen die gesamten Fürsten als nur möglich.
Man kann in den Händeln dieser Menschen keine andere Partei ergreifen
als gegen alle, und zwar unveränderlich und gegen diejenigen, welche
momentan liberal flöten, erst recht_.“
In einer Nachschrift schreibt Lange: „Ich sehe soeben, daß der Anfang
meines Briefes unnütz mysteriös ist. Ueber die Versammlung bei Lantsch
sind die Berichte sämtlicher liberaler Blätter total aus der Luft
gegriffen. Es war außer W. Angerstein kein Berichterstatter da. Nach
der Versammlung organisierte sich ein freiwilliger Zug durch die Stadt
zur Begrüßung der Abgeordneten. Vor der Hauptwache Hochrufe auf das
Vereinsrecht usw. Die Bewegung war den Lassalleanern ebenso vollständig
aus der Hand genommen, wie sie den Liberalen quer ging. Das Volk suchte
nach Führern. Es hätte auf einen Wink von Angerstein und mir getan, was
wir wollten.... Die ganze Sache machte sich übrigens ganz von selbst.
Niemand leitete. Man sah aber, was kommen kann, wenn die Regierung so
fortfährt.“
* * * * *
In dem zitierten Schreiben deutet Lange an, daß es später zu einer
Spaltung im ständigen Ausschuß und zwischen den Vereinen kommen dürfte.
Darüber sprach er sich noch deutlicher aus in einem Brief vom 10.
Februar 1865 an Sonnemann. Darin hieß es:
„Meine Stellung zur Arbeiterfrage anlangend, hatte ich anfangs den Plan,
mein Verbleiben im Ausschuß von der Aufnahme meines Schriftchens (Die
Arbeiterfrage) abhängig zu machen; es scheint mir jetzt jedoch in jeder
Beziehung zweckmäßiger, meine Stellung zu behaupten, auch falls ich mit
der Mehrheit in etwas schärfere Opposition geraten sollte. Die Geister
müssen ja aufeinanderplatzen.“
In den Jahren 1865 und Anfang 1866 schien es eine Zeitlang, als sollten
die streitenden Brüder in der Arbeiterbewegung sich zusammenfinden.
Abgesehen von den schon erwähnten Fällen, in denen Lassalleaner und
Arbeitervereinler gemeinsame Sache machten und gemeinsame Forderungen
erhoben, sprach sich am 17. Juli 1865 eine Versammlung des Maingaues, in
der als Redner vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein Lauer und
Welcker aus Frankfurt a.M. auftraten, folgendermaßen aus:
Der Arbeitertag erklärt, daß er im Interesse der guten Sache des
Arbeiterstandes die Spaltung in der Arbeiterbewegung für schädlich und
nachteilig hält, und erklärt sich die aus Mitgliedern der
Arbeiterbildungsvereine des Maingaus und aus Mitgliedern des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins bestehende Versammlung bereit, allen
Schritten zur Vereinigung die Hand zu bieten.
Hauptredner in jener Versammlung war Professor Eckhardt, der seiner Rede
das Thema „Staatshilfe und Selbsthilfe“ zugrunde gelegt hatte. Ein
ähnlicher Versuch zur Einigung, der Mitte Januar 1866 in Leipzig gemacht
wurde, scheiterte; dagegen kam man überein, gemeinsam für die Eroberung
des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts zu kämpfen.
Der Hauptredner in dieser Versammlung war Professor Wuttke.
Weiter forderte eine andere Volksversammlung kurz danach in Dresden, bei
deren Einberufung wieder beide Arbeiterparteien beteiligt waren, ein
konstituierendes Parlament auf Grund des allgemeinen Wahlrechts und zu
dessen Schutz und Unterstützung die Einführung der allgemeinen
Volksbewaffnung. Die gleichen Forderungen erhob in Berlin eine große
Volksversammlung unter Bandows Vorsitz.
Zu Weihnachten 1865 wurde infolge eines Aufrufs von Fritzsche ein
Allgemeiner Deutscher Zigarrenarbeiterkongreß nach Leipzig einberufen,
auf dem die Gründung eines Verbandes für ganz Deutschland beschlossen
wurde. Im folgenden Frühjahr erschien als Organ des Verbandes „Der
Botschafter“, dessen Redakteur Fritzsche wurde. Damit war die erste
zentralorganisierte Gewerkschaft Deutschlands gegründet. An der Spitze
stand ein dreiköpfiges Direktorium, dessen Vorsitzender Fritzsche war.
Lokale Gewerkschaften bestanden um diese Zeit bereits in erheblicher
Anzahl, sowohl in Leipzig wie anderwärts. Auch wurde bereits im Sommer
1864 in Zwickau ein Bergknappenverein gegründet, dessen Mitglieder sich
über das Zwickau-Lugau-Stollberger Kohlenrevier verbreiteten. Es war
dieses die erste deutsche moderne Bergarbeiterorganisation. Der Gründer
und Leiter derselben war ein gemaßregelter Bergmann mit Namen Dinter,
dessen Bestrebungen von Motteler, W. Stolle und mir, später auch von
Liebknecht, lebhaft unterstützt wurden.
Auf einer Landesversammlung im Juli in Glauchau hatte ich den Vorschlag
gemacht, dem Ministerium zum Trotz einen Gauverband zu gründen, und es
auf dessen Unterdrückung und unsere Bestrafung ankommen zu lassen. Für
diesen Vorschlag war aber keine Stimmung vorhanden. So zog ich meinen
Antrag zurück. Statt dessen wurde beschlossen, einen Verein zur
Förderung und Unterstützung der geistigen und materiellen Interessen der
Arbeitervereine zu gründen, dessen Vorsitzender ich wurde. Beschlossen
wurde weiter, daß jedes Mitglied pro Jahr einen Groschen Beitrag leisten
solle. Der neuen Verbindung traten 29 Vereine mit 4600 Mitgliedern bei.
Dieser Vereinigung legten die Behörden kein Hindernis in den Weg.
Als ich zwanzig Jahre später als Mitglied des sächsischen Landtags dem
Nachfolger des Herrn v. Beust, Herrn v. Nostitz-Wallwitz, in der
schärfsten Weise zu Leibe rückte wegen der schamlosen Auslegung, die das
sächsische Vereins- und Versammlungsgesetz unter ihm gegen uns fand, und
dabei erklärte, daß gegenüber seinem Regiment das Regiment des Herrn v.
Beust noch ein Ausbund von Liberalismus gewesen sei, beeilte sich Herr
v. Beust, diesen Ausspruch zu seiner Rechtfertigung in seine Memoiren
aufzunehmen. Er hatte in gewissen Grenzen ein Recht dazu. Was nachher in
Sachsen jahrzehntelang an Schikanen und kühnsten Auslegungen auf Grund
des Vereins- und Versammlungsgesetzes geleistet wurde, überstieg alle
Begriffe. Erklärten doch vom Ministertisch sowohl Herr v.
Nostitz-Wallwitz wie sein Nachfolger Herr v. Metzsch wiederholt, die
Sozialdemokratie müsse mit anderem Maße gemessen werden wie jede andere
Partei. Das hieß also, an Stelle des Rechts tritt die Willkür der
Beamten. Und diese haben denn auch an Willkür das Menschenmögliche
geleistet.
Im August 1865 hatte Bismarck die Koburger Arbeiterzeitung für Preußen
verboten. Unter den Personen, die seinem Regiment ebenfalls zum Opfer
fielen, weil sie seiner Politik Widerstand entgegensetzten und den
Arbeitern ihren wahren Charakter denunzierten, stand an erster Stelle
Liebknecht.
Wilhelm Liebknecht.
Liebknecht und ebenso Bernhard Becker wurden im Juli 1865 aus Preußen
ausgewiesen. Liebknecht war nach dreizehnjährigem Exil im Sommer 1862
nach Berlin zurückgekehrt. Die Amnestie von 1860 ermöglichte ihm dieses.
Er folgte dem Rufe des alten Revolutionärs August Braß, den er gleich
Engels in der Schweiz kennen gelernt, und der, wie bereits mitgeteilt,
im Sommer 1862 in Berlin ein großdeutsch demokratisches Blatt, die
„Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ gegründet hatte. Liebknecht war neben
Robert Schweichel für die Redaktion gewonnen worden, und zwar Liebknecht
für die auswärtige Politik. In den Charakter von Braß setzte keiner von
beiden den geringsten Zweifel, hatte er doch zu den radikalsten
Revolutionären gehört. Als aber Ende September 1862 Bismarck das
Ministerium übernahm, entdeckten beide bald nachher, daß etwas nicht
stimmte. Der Verdacht bestätigte sich, als eines Tages der Zufall
wollte, daß Schweichel von einem Boten des Ministeriums ein Schreiben
für Braß in Empfang nahm, dessen Inhalt, wie der Bote bemerkte, sofort
veröffentlicht werden sollte. Beide kündigten und traten aus der
Redaktion. Wie Liebknecht gelegentlich öffentlich erklärte, hat ihm
Lassalle noch ein Jahr nach seinem Austritt aus der „Norddeutschen
Allgemeinen Zeitung“ einen Vorwurf daraus gemacht, daß er seine Stellung
aufgab. Liebknecht, der damals Frau und zwei Kinder besaß, die er von
London nach Berlin hatte kommen lassen, erwarb sich jetzt den Unterhalt
mit Korrespondenzen für verschiedene Zeitungen. Als ich ihn kennen
lernte, schrieb er unter anderen für den „Oberrheinischen Kurier“ in
Freiburg in Baden, für die Rechbauersche demokratische „Tagespost“ in
Graz und das „Deutsche Wochenblatt“ in Mannheim, von dem er aber wohl
kaum Honorar bezog. Später schrieb er auch einige Jahre für die
„Frankfurter Zeitung“. Oeffentliche Vorträge hielt er namentlich im
Berliner Buchdrucker- und im Schneiderverein, aber auch in Arbeiter-
und Volksversammlungen, in denen er die Bismarcksche Politik bekämpfte,
als deren Schildknappen er J.B.v. Schweitzer, den Redakteur des
„Sozialdemokrat“, ansah.
Nach seiner Ausweisung reiste er zunächst nach Hannover, wo Schweichel
am dortigen „Anzeiger“ eine Redakteurstelle gefunden hatte. Da aber hier
sich für ihn nichts fand, kam er nach Leipzig, woselbst er eines Tages,
Anfang August, durch Dr. Eras, der damals Redakteur der „Mitteldeutschen
Volkszeitung“ war, bei mir eingeführt wurde. Liebknecht, dessen Wirken
und Ausweisung ich durch die Zeitungen kannte, interessierte mich
natürlich sehr lebhaft. Er stand damals im vierzigsten Lebensjahr, besaß
aber das Feuer und die Lebendigkeit eines Zwanzigjährigen. Sofort nach
der Begrüßung kamen wir in ein politisches Gespräch, in dem er mit einer
Vehemenz und Rücksichtslosigkeit die Fortschrittspartei und namentlich
ihre Führer angriff und charakterisierte, daß ich, der ich damals doch
auch keine Heiligen mehr in denselben sah, ganz betroffen war. Indes er
war ein erstklassiger Mensch, und sein schroffes Wesen verhinderte
nicht, daß wir uns bald befreundeten.
Liebknecht kam uns in Sachsen wie gerufen. Im Juli hatten wir auf der
Landeskonferenz in Glauchau die Sendung von Reisepredigern beschlossen.
Das war aber leichter beschlossen als durchgeführt, denn es fehlten die
passenden Persönlichkeiten, deren Lebensstellung eine solche Tätigkeit
erlaubte. Liebknecht stellte sich für diese Vortragsreisen bereitwillig
zur Verfügung. Auch im Arbeiterbildungsverein war er als Vortragender
willkommen, und bald waren seine Vorträge die besuchtesten von allen.
Weiter übernahm er im Arbeiterbildungsverein den Unterricht in der
englischen und französischen Sprache. So erlangte er allmählich eine
allerdings sehr bescheidene Existenz. Dennoch war er gezwungen, was ich
später erfuhr, manches gute Buch zum Antiquar zu tragen. Seine Lage
wurde dadurch noch verschlimmert, daß seine (erste) Frau brustkrank war
und einer kräftigen Pflege bedurft hätte. Aeußerlich sah man Liebknecht
seine Sorgen nicht an, wer ihn sah und hörte, mußte glauben, er befinde
sich in zufriedenstellenden Verhältnissen.
Die erste Agitationstour unternahm er ins untere Erzgebirge, speziell
in die Arbeiterdörfer des Mülsengrundes, womit er sich den Weg zu seiner
späteren Kandidatur für den norddeutschen Reichstag bahnte. Da auch ich
öfter Agitationsreisen unternahm, und wir von da ab in allen politischen
Fragen meist gemeinsam handelten, wurden unsere Namen immer mehr in der
Oeffentlichkeit genannt, bis wir schließlich dieser gegenüber als zwei
Unzertrennliche erschienen. Das ging so weit, daß, als in der zweiten
Hälfte der siebziger Jahre sich ein Parteigenosse mit mir associerte, ab
und zu Geschäftsbriefe ankamen, die statt der Adresse Ißleib & Bebel die
Namen Liebknecht & Bebel trugen, ein Vorgang, der jedesmal unsere
Heiterkeit erregte.
Ich habe Liebknecht in diesen Blättern noch öfter zu erwähnen, aber eine
Beschreibung seines Lebenslaufs kann ich hier nicht geben. Wer sich für
denselben interessiert, findet das Nähere in dem Buch „Der Leipziger
Hochverratsprozeß gegen Liebknecht, Bebel und Hepner“ und in der Schrift
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