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Aus meinem Leben, Erster Teil
Author Language Character Set
August Bebel German UTF-8


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und in dem Frankfurter „Arbeitgeber“ veröffentlicht. Jeder Verein,
welcher sich auf dem Vereinstag vertreten läßt, hat einen Beitrag von
zwei Taler für jeden Vereinstag zu bezahlen. Denselben Beitrag haben
diejenigen Vereine zu leisten, welche zwar keinen Vertreter entsenden,
doch aber alle Berichte und Drucksachen zugesandt haben wollen.

IV. Jeder Vereinstag wählt einen ständigen Ausschuß von zwölf
Mitgliedern, welcher mit der Besorgung nachfolgender Geschäfte
beauftragt ist: 1. Der Ausschuß bestimmt Ort und Zeit des
nächstfolgenden Vereinstags, sofern darüber von der letzten Versammlung
nicht ausdrücklich beschlossen worden ist, und trifft die nötigen
Vorbereitungen an dem Orte der Zusammenkunft. 2. Er erläßt die
Einladungen und Bekanntmachungen, nimmt die Anmeldungen entgegen,
fertigt die Eintrittskarten aus, empfängt die Beiträge, bestreitet die
Ausgaben und führt die Rechnungen darüber. 3. Er stellt eine vorläufige
Tagesordnung auf und bestellt nach Maßgabe derselben die
Berichterstatter und bildet die vorberatenden Kommissionen vorbehaltlich
der Bestätigung oder Abänderung der Beschlüsse des Vereinstags. 4. Er
sorgt in der Zwischenzeit bis zum nächsten Vereinstag für die Förderung
der Zwecke und die Ausführung der Beschlüsse des Vereinstags. 5. Der
Ausschuß ernennt seinen Vorsitzenden und bestimmt über die Verteilung
der Geschäfte unter seine Mitglieder; er legt dem Vereinstag die
Rechnungen zur Prüfung und Genehmigung vor. Die Sitzungen des
Ausschusses finden immer am Wohnort des jeweiligen Vorsitzenden statt.
Zur Gültigkeit eines Beschlusses ist die Einladung sämtlicher, die
Mitwirkung von wenigstens sieben Mitgliedern und die einfache Majorität
der Abstimmenden erforderlich. Die Beschlußfassung kann auch auf
schriftlichem Wege erfolgen. Eintretende Lücken ergänzt der Ausschuß
und wenn die beschlußfähige Anzahl nicht zu erlangen sein sollte, der
Präsident.

V. Die Geschäftsordnung für die Verhandlungen des Vereinstags wird von
demselben festgesetzt.

VI. Der Vorsitzende des Ausschusses leitet bei den Vereinstagen die
Verhandlungen, bis die Versammlung ihren Präsidenten erwählt hat.

VII. Die Sitzungen des Vereinstags sind öffentlich.

*       *       *       *       *

In den ständigen Ausschuß wurden unter anderen gewählt: Sonnemann, Max
Wirth aus Frankfurt a.M., Eichelsdörfer-Mannheim, Dittmann-Berlin usw.
Die Seele dieser neuen Organisation wurde Sonnemann, der die
Sekretärarbeiten und die eigentliche Leitung übernahm.

Die Mittel, die dem Ausschuß aus der Organisation zur Verfügung standen,
waren sehr unbedeutend, und selbst den geringen Beitrag von zwei Taler
pro Jahr zahlten viele Vereine nicht. Opfer für einen gemeinsamen Zweck
zu bringen, dafür waren damals die antisozialistischen Arbeitervereine
nicht zu haben, darin unterschieden sie sich sehr unvorteilhaft von den
Lassalleanern. Weil die Mittel fehlten, wandte sich der Ausschuß im
Laufe des Sommers an den Nationalverein und erhielt von diesem 500
Taler, die auch in den nächsten zwei Jahren gezahlt wurden. Ebenso
wandte sich Sonnemann persönlich an eine Reihe großer Unternehmer, um
von diesen Mittel zu erhalten. Aber die Abneigung gegen alles, was
Arbeiterverein heißt, war schon damals instinktiv bei unseren Bourgeois
vorhanden, und so flossen von dieser Seite die Beiträge sehr spärlich.

Hier möchte ich auf einen Vorfall zu sprechen kommen, der sich zwar erst
im übernächsten Jahre (Sommer 1865) abspielte, aber vierzig Jahre später
in der „Kölnischen Zeitung“ in einer für mich ungünstigen Weise
auszunutzen versucht wurde.

In Sachsen war der Kampf gegen die Anhänger Lassalles besonders heftig.
Die für jene Zeit hochentwickelten industriellen Verhältnisse in Sachsen
schienen für die sozialistischen Ideen einen besonders günstigen Boden
zu bieten. Um aber die Agitation betreiben zu können, fehlten uns die
Mittel. Was immer wir für Agitation aufbrachten, es langte nicht,
obgleich die Redner elend bezahlt wurden. So setzten sich eines Tages
Dr. Eras und Schriftsteller Weithmann — ein Württemberger, der eine
katilinarische Existenz führte — hin und verfaßten ein überschwenglich
gehaltenes Schreiben an den Vorstand des Nationalvereins, in dem sie um
Geld für die Agitation gegen die Lassalleaner baten. Ich wurde erst
nachträglich von dem Schreiben verständigt und gab auf ihr Ansuchen
meine Unterschrift, außerdem unterzeichneten Eras und Weithmann. Die
„Kölnische Zeitung“, die dieses Schreiben und mein Dankschreiben für die
empfangenen 200 Taler — nicht 300, wie sie behauptete — vor einigen
Jahren veröffentlichte, sprach die Vermutung aus, alle drei
Unterschriften rührten von mir. Gegen diese Verdächtigung muß ich mich
entschieden verwahren. In dem Dankschreiben führte ich aus, daß wir
namentlich Literatur für die Vereine zu beschaffen beabsichtigten, und
könnte der Vorstand des Nationalvereins in der Beziehung seinen Einfluß
bei den Buchhändlern geltend machen, daß sie uns diese billig
überließen. Daß er die Unterstützung gewährte, zeige, daß er mehr
Interesse für die Bewegung habe, als man ihm verschiedenseitig vorwerfe.
Das Geld wurde indes namentlich zu Agitationsreisen verwandt; es wurde
aber sehr sparsam ausgegeben, denn als Ende 1866 und Anfang 1867 die
Agitation für die Wahlen zum norddeutschen Reichstag einsetzte, waren
von den 200 Talern noch 120 vorhanden, die jetzt ihre Verwendung fanden.
Das war allerdings eine Verwendung, die nicht vorgesehen war. Aber von
1865 bis 1866 änderte sich eben die Situation, und trat hüben und drüben
eine so rasche Wandlung in den Ansichten ein, daß nur noch sehr wenige
auf dem alten Standpunkt stehen blieben. Der Nationalverein litt unter
dieser Wandlung am allermeisten, der von da ab in rascher Auflösung
begriffen und tatsächlich längst tot war, als er im Herbst 1867
offiziell seine Auflösung beschloß. Daß wir die 200 Taler erhalten
hatten, ärgerte viele. Es war namentlich Dr. Hans Blum, der das nicht
verwinden konnte. Er hielt sich ganz besonders verpflichtet, bei der
Wahlagitation mir entgegenzutreten und mir zum Vorwurf zu machen, daß
wir jenes Geld angenommen hätten. Er mußte aber die Entdeckung machen,
daß all seine Mühe, mir zu schaden, vergeblich war.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich feststellen, daß ich niemals Mitglied
des Nationalvereins war, wie mehrfach behauptet worden ist. Damit drücke
ich keine Gegnerschaft gegen denselben zu jener Zeit aus, aber neben all
den großen materiellen Opfern, die mir meine Stellung und Tätigkeit in
der Arbeiterbewegung auferlegten, auch noch einen Beitrag für den
Nationalverein zu zahlen, schien mir überflüssig, denn mein Einkommen
war ein sehr schmales. Ich begnügte mich, um mit Schulze-Delitzsch zu
reden, „geistiges Ehrenmitglied“ des Nationalvereins zu sein.

*       *       *       *       *

In Leipzig empfand man das Bedürfnis, als Gegengewicht gegen das
Auftreten Lassalles und gegen die Agitation seiner Anhänger einen
Hauptschlag zu führen. Ich erhielt also den Auftrag, mich mit
Schulze-Delitzsch wegen einer Versammlung in Verbindung zu setzen.
Dieser erklärte sich dazu bereit. In seiner Antwort setzte er mir
auseinander, daß wir in Sachsen besonders aufpassen müßten, die
sächsischen Arbeiter hätten schon 1848 und 1849 Neigung für
kommunistische und sozialistische Ideen gehabt. Im Laufe des Januar 1864
kam Schulze-Delitzsch nach Leipzig.

Es war vereinbart worden, daß ich die Versammlung mit einer Begrüßung
Schulzes eröffnen und alsdann zum Vorsitzenden gewählt werden sollte.
Aber ich hatte Pech. Ich eröffnete die Versammlung, die von 4000 bis
5000 Personen besucht war, blieb aber mitten in der Eröffnungsrede — die
ich einstudiert hatte — elend stecken. Mein Temperament war mit meinen
Gedanken durchgegangen. Ich hätte vor Scham in den Boden sinken mögen.
Das Ende war, daß nicht ich, sondern Dolge zum Vorsitzenden gewählt
wurde. Ich gelobte mir jetzt, nie mehr eine Rede einzustudieren, und bin
gut damit gefahren. Schulze-Delitzsch besaß kein angenehmes Organ, auch
war sein Vortrag trocken und seinem Inhalt nach nicht geeignet,
Begeisterung zu erwecken. Er brachte für viele eine Enttäuschung. Die
Entwicklung nach links hielt er nicht auf.

Den Beschluß des Frankfurter Vereinstags, die Gründung von Gauverbänden
zu betreiben, versuchten wir in Sachsen zu verwirklichen. Da aber die
bestehende Gesetzgebung dem im Wege stand, suchten wir bei dem
Ministerium Beust um Genehmigung nach. Auf einer Landesversammlung, die
im Sommer 1864 unter meinem Vorsitz tagte, kam das Schreiben des Herrn
v. Beust zur Verlesung, wonach der Minister den Gauverband gestatten
werde, wenn die Vereine sich verpflichteten, sich weder mit politischen
und sozialen, noch überhaupt mit öffentlichen Angelegenheiten zu
beschäftigen. Darauf beantragte ich folgende Resolution, die einstimmig
angenommen wurde:

„Die sächsischen Arbeitervereine danken für das Gnadengeschenk des Herrn
v. Beust und ziehen es vor, von der Gründung eines Gauverbandes
abzusehen.“ Eine zweite Resolution, lautend: „Die versammelten
Deputierten fordern die sächsischen Arbeiter auf, mit aller Energie für
die Beseitigung des bestehenden Vereinsgesetzes einzutreten“, wollte der
überwachende Polizeibeamte nicht zur Abstimmung kommen lassen, weil
dieses eine politische Handlung sei. Ich geriet darüber mit ihm in eine
scharfe Auseinandersetzung, fügte mich aber unter Protest, als er mit
der Auflösung der Konferenz drohte.

*       *       *       *       *

Am 31. August 1864 trug der Telegraph die Kunde durch die Welt, daß
Ferdinand Lassalle an den Folgen eines Duells in Genf verschieden sei.
Der Eindruck, den diese Nachricht hervorrief, war ein tiefer. Der
weitaus größte Teil seiner Gegner atmete auf, als wenn er von einem Alp
befreit sei; sie hofften, daß es nunmehr mit der von ihm hervorgerufenen
Bewegung zu Ende gehen werde. Und in der Tat schien dieses anfangs so.
Nicht nur zählte sein Verein bei seinem Tode trotz riesenhafter Arbeit
erst wenige tausend Mitglieder, diese gerieten sich auch alsbald
untereinander in die Haare. Dann hatte Lassalle unbegreiflicherweise in
dem Schriftsteller Bernhard Becker, den er als seinen Nachfolger im
Präsidium des Vereins empfohlen hatte, einen Mann gewählt, der in keiner
Richtung seiner Aufgabe gewachsen war.

Daß aber auch manche Gegner der Bedeutung Lassalles gerecht wurden,
dafür spricht ein Artikel in der Ende 1862 gegründeten Koburger
„Allgemeinen Arbeiterzeitung“, die von dem Rechtsanwalt Dr. Streit in
Koburg, dem Geschäftsführer des Nationalvereins, ins Leben gerufen
worden war. Dieselbe hatte bisher, wenn auch maßvoll, Lassalle bekämpft,
das hielt sie aber nicht ab, ihm einen ehrenvollen Nachruf zu widmen, an
dessen Schluß es hieß:

„Ein Teil der liberalen Partei und der liberalen Presse, derselbe Teil,
der ihn am bittersten und dennoch mit dem wenigsten Recht angefeindet,
eben diejenigen, welche seine Keulenschläge am meisten verdienten, mögen
jetzt im stillen seines Todes sich freuen. Wir beklagen den Tod eines
Gegners, den nur Ungerechtigkeit oder Beschränktheit sich erlauben mag,
mit dem gewöhnlichen Maße zu messen.“

Bekanntlich trieb die Gräfin Hatzfeldt, die langjährige intime Freundin
Lassalles, mit der Leiche des verstorbenen Freundes einen förmlichen
Kultus, indem sie dieselbe zwecks Abhaltung von Totenfeiern durch ganz
Deutschland führen wollte, ein Plan, der ihr, auf Intervention von
Lassalles Angehörigen, behördlicherseits durchkreuzt wurde. Auf die
Nachricht, daß die Leiche Lassalles Mannheim passieren werde, schrieb
Eichelsdörfer an Sonnemann einen Brief, dem ich die folgenden Stellen
entnehme, weil sie zeigen, wie bereits einzelne auf unserer Seite die
Situation ansahen.

Der Brief lautete:

*       *       *       *       *

„Lieber Freund Sonnemann!

Die Leiche Lassalles wird am Freitag, wie mir Reusche aus Genf
telegraphiert, dahier eintreffen und auf das Dampfboot verbracht. Mögen
wir ihm im Leben gegenübergestanden haben, wir waren doch in der
Hauptsache einig, der großen Masse unseres Volkes zu helfen, und ich
glaube, wir haben inzwischen gelernt, daß ohne allgemeines Stimmrecht
und dadurch herbeigeführte Umgestaltung der jetzigen staatlichen
Zustände auf eine durchgreifende Hilfe nicht zu rechnen ist. Vielleicht
wäre der jetzige Moment ein günstiger, daß von unserer Seite etwas
geschähe, um eine Vereinigung der beiden Strömungen auf Grund eines
entsprechenden Programms herbeizuführen und damit dem dahingeschiedenen
Kämpen ein Denkmal zu setzen. Etwas mehr Mäßigung auf der anderen und
etwas mehr Entschlossenheit auf unserer Seite könnte dazu führen und der
Sache nur nützen, da die Philisterhaftigkeit des jetzigen tonangebenden
Liberalismus doch getrieben werden muß, wenn sie vorwärts dem Ziele
entgegengehen soll. Es ist dies eine Ansicht von mir, die ich nicht
ermangle, Dir mitzuteilen und Deine Ansicht zu hören, um sodann unsere
Freunde vielleicht zu einem Schritte zu veranlassen, der unter Umständen
von weittragenden Folgen sein — im gegenteiligen Sinne nichts schaden
kann.

Auch habe ich das unbestimmte Gefühl, daß wir in Leipzig[2] doch zu
energischen Beschlüssen geführt werden: da einmal alles auf die
Prinzipien drängt und wir uns wohl denselben nicht entgegenstellen.
Halbheit und Verschwommenheit nützen zu nichts; sie taugen nicht einmal
dazu, für die richtige Lösung vorzubereiten.... Ich werde mich der
Aufgabe nicht entziehen können, der Leiche Lassalles das Geleite zu
geben. Einige Freunde werden dasselbe tun. Ich weiß nicht, ob ich den
Verein dazu einladen soll, da es mißverstanden werden könnte, da viele
Leute nicht verstehen und noch mehrere nicht verstehen wollen, daß man
Lassalle anerkennen kann, ohne vollständig mit ihm einig zu gehen.“
Schließlich bittet er Sonnemann, ihm seine Ansicht mitzuteilen.

In einer Nachschrift heißt es: „Würde es Dir als Präsident der
Arbeitervereinigung nicht anstehen, hierher zu kommen und dem Gegner die
Ehre zu geben? Wenn Du dieses willst, telegraphiere, worauf ich Dir
alsdann die Zeit des Eintreffens der Leiche, sobald ich es weiß,
ebenfalls übermitteln werde.“

*       *       *       *       *

Was Sonnemann auf diesen Brief antwortete, ist mir nicht bekannt,
jedenfalls wurde der Vorschlag Eichelsdörfers nicht berücksichtigt. Es
mußte noch viel Wasser den Rhein hinunterfließen, ehe ähnliches, wie
Eichelsdörfer wollte, erfüllt wurde. Nachdem der ständige Ausschuß auf
den Antrag des Gewerblichen Bildungsvereins zu Leipzig beschlossen
hatte, dort den nächsten Vereinstag abzuhalten, machte die Koburger
Arbeiterzeitung dagegen Opposition. Es sei ausgeschlossen, daß in dem
von Herrn v. Beust regierten Sachsen die Abhaltung eines Vereinstag
möglich sei, und sie eröffnete über den Beschluß die Debatte. Die
einzigen Vereine, die sich der Koburger Arbeiterzeitung anschlossen,
waren die badischen, die auf ihrem Vereinstag in diesem Sinne votierten.
Gewisse Bedenken gegen die Abhaltung eines Vereinstags in Sachsen waren
berechtigt, denn die Abhaltung desselben lag auf Grund des sächsischen
Vereinsgesetzes ganz in den Händen des Herrn v. Beust, der Regen oder
Sonnenschein gewähren konnte.

Um es nicht zum Regnen kommen zu lassen, trugen wir der Situation
insoweit Rechnung, daß der ständige Ausschuß sich auf unser Ansuchen
bereit erklärte, die Wehrfrage, als eine eminent politische, nicht auf
die Tagesordnung des Vereinstags zu setzen. Das Lokalkomitee für die
Vorbereitungen wurde durch je zwei Mitglieder des Vereins Vorwärts, des
Gewerblichen Bildungsvereins und des Fortbildungsvereins für
Buchdrucker, außerdem durch Professor K. Biedermann und ein
Ausschußmitglied der Polytechnischen Gesellschaft gebildet. Der Vorsitz
wurde mir übertragen. Herr v. Beust ließ lange auf die nachgesuchte
Entscheidung warten, endlich erfolgte sie in zustimmendem Sinne. Der
Vereinstag wurde nunmehr auf den 23. und 24. Oktober einberufen und als
Tagesordnung festgesetzt: 1. Freizügigkeit. 2. Genossenschaftswesen, und
zwar a. Konsumvereine, b. Produktivgenossenschaften. 3. Ein gleicher
Lehrplan für die Bildungsvereine. 4. Wanderunterstützungskasse, deren
Gründung von den vielen jungen Arbeitern in den Vereinen verlangt wurde.
5. Altersversicherung. 6. Lebensversicherung. 7. Regulierung des
Arbeitsmarktes, also Arbeitsnachweis. 8. Arbeiterwohnungen. 9. Wahl des
ständigen Ausschusses.

Das war für zwei Tage Beratung eine sehr reiche Tagesordnung, deren
Erledigung nur dadurch möglich wurde, daß die Berichterstatter vorher
Gutachten und Resolutionen veröffentlichten und Berichte und Reden kurz
waren. Die Gründlichkeit beider ließ in der Regel viel zu wünschen
übrig.

Vertreten waren 47 Vereine, darunter allein 8 aus Leipzig, und 3
Gauverbände: badisches Oberland, Württemberg und Maingau. Es gab damals
in Leipzig neben dem Fachverein der Buchdrucker auch noch einen solchen
der Maurer und der Zimmerleute. Außerdem hatten die Lassalleaner unter
Leitung Fritzsches rasch drei weitere Fachvereine gegründet, und
zwar einen Zigarrenarbeiter-, einen Schneider- und einen
Schmiedegesellenverein. Unter den Delegierten befanden sich
zum erstenmal Dr. Friedrich Albert Lange, Vertreter des
Duisburger Konsumsvereins, und Dr. Max Hirsch für den Magdeburger
Arbeiterbildungsverein. Ferner war anwesend als Gast Professor V.A.
Huber, der konservative Vertreter der Genossenschaftsidee.

Die Versammlung wählte Bandow-Berlin zum ersten Vorsitzenden, Dolge und
mich zu seinen Stellvertretern. Im Namen der Stadt begrüßte der
Bürgermeister Dr. Koch die Versammlung. Gleich bei dem ersten Punkte der
Tagesordnung: Freizügigkeit, kam es zu einem Krach mit Fritzsche und zu
tumultuarischen Szenen durch seine Anhänger, die die Tribünen des Saales
(Schützenhaus) stark besetzt hatten. Fritzsche erklärte im Sinne
Lassalles, daß man über die Freizügigkeit nicht mehr debattiere, sondern
sie dekretiere, dagegen müsse man das allgemeine Wahlrecht verlangen. Er
sprach sehr provokatorisch und fand damit demonstrativen Beifall bei
seinen Anhängern. Gegen diese Methode erhoben die Delegierten lebhafte
Proteste. Bei dieser Gelegenheit bewunderte ich Friedrich Albert Langes
Vermittlertalent, womit er Erfolg hatte. Ein energisches Eingreifen von
meiner Seite, als Vorsitzender des Lokalkomitees, schaffte auch Ruhe auf
den Galerien. Am nächsten Tage kam es nochmals zu einer lebhaften Szene,
als Fritzsche verlangte, noch zum Worte zugelassen zu werden, nachdem
bereits der Schluß der Debatte angenommen worden war. Als ihm das Wort
verweigert wurde, protestierte er gegen den herrschenden Terrorismus und
legte sein Mandat nieder. Die Beschlüsse des Vereinstags waren von
keinem großen Belang. Fr. Albert Lange, der über Konsumvereine
referierte, zeigte sich als ein glänzender Redner. In den
ständigen Ausschuß wurden gewählt: Bandow, Bebel, Dr. M. Hirsch,
Lachmann-Offenbach, Lange, Martens-Hamburg (ein ehemaliger
Weitlingianer, von dessen Kommunismus aber nichts mehr zu spüren
war), Reinhard-Koburg, ehemaliges Parlamentsmitglied für
Mecklenburg, Sonnemann, Staudinger-Nürnberg, Stuttmann-Rüsselsheim,
Weithmann-Stuttgart und Max Wirth-Frankfurt a.M.

FUSSNOTEN:

[2] Leipzig war als Ort für den nächsten Vereinstag bestimmt.




Friedrich Albert Lange.


Infolge meiner Mitgliedschaft im ständigen Ausschuß kam ich mit
Friedrich Albert Lange in näheren persönlichen und schriftlichen
Verkehr. Lange, eine untersetzte und kräftige Figur, war eine äußerst
sympathische Erscheinung. Er hatte prächtige Augen und war einer der
liebenswürdigsten Menschen, die ich kennen gelernt habe, der auf den
ersten Blick die Herzen eroberte. Dabei war er ein Mann von festem
Charakter, der aufrecht durchs Leben ging, den Maßregelungen nicht
beugten. Und sie blieben ihm nicht erspart, als er offen für die
Arbeiter eintrat. Er war sehr bald einer der „Geächteten“ und
„Isolierten“ in der Industriestadt Duisburg. Zwischen uns und den
Lassalleanern nahm er eine vermittelnde Stellung ein, wie sein Januar
1865 erschienenes Buch „Arbeiterfrage“ zeigt. Wenn in der später
erschienenen Auflage desselben sein Standpunkt mehr nach rechts geht,
wie ihm auch von Kritikern seiner Geschichte des Materialismus
nachgesagt wird, daß er darin zum Metaphysischen neige, so betrachte ich
dieses als die Folgen eines langen und schweren körperlichen Leidens,
dem er leider zu früh erlag.

Lange stand im ständigen Ausschuß stets auf der linken Seite und drängte
nach links. Mir erwies er zu jener Zeit einen großen persönlichen Dienst
aus rein fachlichen Gründen. Wir in Leipzig waren, wie ich schon
andeutete, mit der „Allgemeinen Deutschen Arbeiterzeitung“ in Konflikt
gekommen. Die Stellungnahme des Blattes gegen die Abhaltung des
Vereinstags in Leipzig hatte begreiflicherweise bei uns verschnupft.

Bei der Redaktion der „Arbeiterzeitung“ war, wahrscheinlich auf
Einbläsereien aus Leipzig, der Glaube entstanden, wir wollten das Blatt
untergraben, und ich sei Beustianer. Das war ein starkes Stück. Ich war
im Gegenteil stets für das Blatt eingetreten und hatte seine Verbreitung
gefördert. Auch im ständigen Ausschuß, in dem Gegner der Koburger
Arbeiterzeitung saßen, trat ich für dieselbe ein und befürwortete ein
günstiges Abkommen mit dem Verleger. Als aber die Koburger
Arbeiterzeitung mit ihren Angriffen gegen mich fortfuhr, sandte ich ihr
eine gepfefferte Erklärung, aus der sie nur abdruckte, daß ich mich als
einen unerbittlichen Gegner der Beustschen Mißwirtschaft bekannt habe.

Dieser Streit veranlaßte den ständigen Ausschuß, Lange mit der Abfassung
eines Berichts zu betrauen, in dem er mich warm verteidigte und meine
Haltung rechtfertigte. Immerhin hatte die „Arbeiterzeitung“ erreicht,
daß, als wir am 30. Juli 1865 in Glauchau eine Landesversammlung
hielten, ich bei der Wahl zum Delegierten für den Stuttgarter Vereinstag
mit einer Stimme, die ich weniger hatte als mein Gegenkandidat,
unterlag. Als ich nachher meinen Standpunkt in bezug auf die
„Arbeiterzeitung“ darlegte, erklärte eine Anzahl Delegierte, daß sie
nunmehr die Sache anders ansähen. Die „Arbeiterzeitung“ hat denn auch
später mir volle Genugtuung gegeben, sie sei falsch berichtet gewesen.
Streit selbst entschuldigte sich auf dem Stuttgarter Vereinstag
persönlich bei mir.

Die Ereignisse des Jahres 1866 — auf die ich später zu sprechen komme —
und die Stellung, die Lange zu denselben einnahm, machten ihn in
Duisburg, wo er Handelskammersekretär war, unmöglich. Er ließ sein
Blättchen „Der Bote vom Niederrhein“ eingehen und folgte einer Einladung
seines Freundes Bleuler zur Uebersiedlung nach Winterthur in der
Schweiz. Dort trat er in die Redaktion von Bleulers Blatt „Der
Winterthurer Landbote“ ein. Bleuler war einer der Führer der radikalen
Demokratie im Kanton Zürich. Um jene Zeit begann die Agitation für eine
Reform der rückständigen Verfassung des Kantons. Bleuler, Lange und der
junge Reinhold Rüegg, der spätere Mitbegründer der „Züricher Post“,
traten mit Gleichgesinnten in eine umfassende Agitation für eine
demokratische Verfassungsreform ein und sahen im Jahre 1868 ihre Arbeit
mit Erfolg gekrönt. Langes Einfluß ist es geschuldet, daß in die neue
Verfassung folgender Artikel 23 aufgenommen wurde: Der Staat schützt und
fördert auf dem Wege der Gesetzgebung das geistige und leibliche Wohl
der arbeitenden Klassen und die Entwicklung des Genossenschaftswesens.

Mittlerweile war ich — wie ich vorgreifend bemerken möchte —
Vorsitzender im Vorortsvorstand der Arbeitervereine geworden. Es galt
nunmehr, die Vereine zum letzten Schritt ins sozialdemokratische Lager
zu bestimmen. Daß dieses nicht ohne eine Spaltung abgehen würde, war mir
klar. Ich hoffte Langes Hilfe zu diesem Schritte zu erlangen und schrieb
an ihn am 22. Juni 1868 einen langen Brief, den sein Biograph, Professor
O.A. Ellissen,[3] einen „sehr merkwürdigen Brief“ nennt, in dem ich ihn
bat, das Referat über die Wehrfrage für den Nürnberger Vereinstag zu
übernehmen. „Neben der Wehrfrage — so schrieb ich nach Ellissen weiter,
der fragliche Brief ist leider nicht in meiner Hand — steht noch so
mancher andere Punkt auf der Tagesordnung, für den Ihre Anwesenheit und
Ihre gewichtige Stimme von der größten Bedeutung ist.“ Ich sprach weiter
in dem Briefe von der Programmfrage und der Wahrscheinlichkeit einer
Spaltung, „es seien aber zehn sichere Vereine besser als dreißig
schwankende“.

Lange antwortete am 5. Juli:

*       *       *       *       *

„Lieber Herr Bebel!

Ich bedaure sehr, Sie in Ungewißheit gelassen zu haben, allein meine
Existenz war in letzter Woche die, daß ich den Tag über in Zürich war,
um aus der Verfassungskommission zu referieren, und in der Nacht hier
eine tägliche Zeitung und ein Wochenblatt zu machen hatte. Mein Associé
und Kollege hat als Vizepräsident der Verfassungskommission und Mitglied
zahlreicher Spezialkommissionen augenblicklich so viel pro patria zu
tun, daß ich die Redaktionsarbeit und dabei noch die Sorge für ein
ziemlich großes Geschäft allein auf dem Halse habe. Dabei kann ich nur
Samstag nachmittag und Sonntag an Korrespondenz denken. Leider kann ich
vor Vollendung der neuen Verfassung — wir sind froh, wenn sie noch in
diesem Jahre fertig wird — nicht mit Sicherheit über meine Zeit
verfügen. Es wird zwar eine mehrmonatige Pause geben; allein ich kann
nicht sicher wissen, wann diese fällt, und daher auch zu meinem großen
Bedauern das Referat über die Wehrfrage nicht übernehmen. Wenn meine
Zeit es irgend erlaubt, komme ich dann noch nach Nürnberg, da ich
meinerseits ebenfalls mich danach sehne, so viele wackere Freunde —
leider zum Teil in getrennten Lagern — wiederzusehen.“

*       *       *       *       *

Der Nürnberger Vereinstag fand ohne Lange statt. Ich sah ihn überhaupt
nicht mehr wieder, auch hörten meine brieflichen Beziehungen zu ihm auf.
Ende Oktober 1870 wurde Lange zum Professor an der Universität Zürich
ernannt. Als ihn dann 1872 der liberale Kultusminister Falk als
Professor nach Marburg berief, versuchte Zürich vergeblich, ihn
festzuhalten. Der Zug nach dem Heimatland, der namentlich bei seiner
Gattin sehr lebhaft war, siegte. Aber bereits am 23. November 1875 erlag
er, erst 47 Jahre alt, seinem langjährigen Leiden. Mit Lange hatte einer
der Besten aufgehört zu leben.

FUSSNOTEN:

[3] Friedrich Albert Lange. Eine Lebensbeschreibung von O.A. Ellissen.
Leipzig 1891. Ein empfehlenswertes Buch.




Neue soziale Erscheinungen.


Im Frühjahr 1865 trat in Leipzig der erste deutsche Frauenkongreß
zusammen unter Führung von Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt, der
die Gründung eines Allgemeinen Deutschen Frauenvereins zur Folge hatte.
Es war der erste Schritt aus der bürgerlichen Frauenwelt, welcher zu
einer Frauenorganisation führte. Die „Frauenzeitung“, die damals ein
Hauptmann a.D. Korn herausgab, wurde Organ des Vereins, und traten neben
Korn Frau Luise Otto-Peters und Fräulein Jenny Heinrichs in die
Redaktion ein. Ich wohnte den Verhandlungen als Gast bei. Als dann der
Leipziger Frauenbildungsverein, dessen Vorsitzende Luise Otto-Peters
war, sich an den Arbeiterbildungsverein wandte, damit dieser an
Sonntagen sein Lokal zur Errichtung einer Sonntagsschule für Mädchen
hergebe, gaben wir bereitwillig unsere Zustimmung.

*       *       *       *       *

Das Jahr 1865, das ein Prosperitätsjahr war, sah eine Menge Lohnkämpfe,
die in den verschiedensten Städten ausbrachen. So gab es unter anderen
große Arbeitseinstellungen in Hamburg, den Streik der Tuchmacher in Burg
bei Magdeburg, die Arbeitseinstellung der Leipziger Buchdrucker, der
eine Arbeitseinstellung der Leipziger Schuhmacher und anderer Branchen
folgte. Der Leipziger Buchdruckerausstand war hervorgerufen durch die
niedrigen Löhne und durch die lange Arbeitszeit. Der höchste Wochenlohn
betrug 5-1/4 Taler. Für 1000 n wurden 25 Pfennig sächsisch bezahlt, die
Gehilfen verlangten 30 Pfennig und Herabsetzung der Arbeitszeit. Am 24.
März kündigten von 800 Mann 545 und traten acht Tage später in den
Ausstand. Eine Organisation für Streikunterstützungen bestand nicht. Der
Buchdrucker-Fortbildungsverein, dessen Vorsitzender Richard Härtel war,
mußte neutral bleiben, bei Strafe der Auflösung. Härtel selbst arbeitete
in einer Offizin, der Colditzschen, in der der neue Tarif anerkannt
war. Der Buchdruckerverband wurde erst 1866 gegründet, und gab der
Leipziger Ausstand die Anregung dazu. Ein Vermittlungsversuch, den der
Geheimrat Professor Dr. v. Wächter, einer der ersten Juristen
Deutschlands, machte, war erfolglos gewesen.

Sonnemann, der als Buchdruckereibesitzer mit besonderem Interesse die
Angelegenheit verfolgte, schrieb an mich, ich möchte beiden Seiten die
Vermittlung des ständigen Ausschusses anbieten, und gab mir für diesen
Versuch verschiedene Verhaltungsmaßregeln. Da der Briefwechsel, den ich
mit ihm über diese Angelegenheit hatte, auch noch heute von Interesse
sein dürfte, veröffentliche ich hier denselben.

*       *       *       *       *

„Leipzig, den 11. Mai 1865.

Herrn Leopold Sonnemann, Frankfurt a.M.

Durch längeres Unwohlsein abgehalten, bin ich erst heute in der Lage,
auf Ihr Wertes vom Ersten dieses Monats zu antworten. Ihren Plan, eine
Vermittlerrolle in Sachen des hiesigen Buchdruckerstreiks zu versuchen,
muß ich vollkommen billigen. Ich wandte mich daher zunächst brieflich an
den Vorsitzenden des hiesigen Buchdruckervereins, um sein Urteil über
die Sache zu hören. Derselbe antwortete, daß er selbst in einer Offizin
arbeite, in der der Tarif genehmigt sei, er daher der ganzen
Angelegenheit ferner stehe. Er riet mir, mich an die Tarifkommission zu
wenden.

Am Dienstag nachmittag nahm ich mit dieser Rücksprache und war erfreut
über die Bereitwilligkeit, mit der man meinem Vorschlag entgegenkam. Man
nannte mir auch einige der Prinzipale, bei denen ich mich zunächst
erkundigen sollte, ob man auch von dieser Seite Geneigtheit zu einer
Vermittlung zeige. Es waren dies die Herren Giesecke & Devrient und
Ackermann (Firma Teubner). Gestern nun ging ich zu den Genannten.

Devrient war verreist, Giesecke nicht zugegen, und bei Ackermann wurde
mir der Bescheid, daß ich mich am besten an Stadtrat Härtel (Firma
Breitkopf & Härtel) oder an Brockhaus wende, da diese Vorsitzende der
Genossenschaft seien. Ich muß hierbei bemerken, daß ich mich absichtlich
nicht an die Letztgenannten gewendet hatte, und zwar aus dem Grunde,
weil dieselben als die heftigsten Gegner der Arbeiter bekannt sind.
Gleichwohl sah ich mich nach dieser Anweisung veranlaßt, dennoch zu
Härtel zu gehen. Ich traf beide Brüder zu Hause an und hatte eine
ziemlich eine Stunde dauernde Unterhaltung mit ihnen, deren Endresultat
war, daß die Prinzipale keinen Schritt zu einer Verständigung mehr tun
würden, nachdem die Tarifkommission der Schriftsetzer sich gegenüber den
Vermittlungsversuchen des Geheimrats Professor v. Wächter so
unnachgiebig gezeigt habe. Ich erwiderte darauf, daß seit jener Zeit
(vierzehn Tage) sich die Ansichten doch wohl geändert hätten und man von
jener Seite auf eine Verständigung bereitwilligst eingehen werde.

Aber diese und ähnliche Erklärungen von meiner Seite nützten nichts. Ich
merkte sehr deutlich aus den Aeußerungen dieser Herren, daß man auf die
Tarifkommission aufs äußerste erbittert sei, und eine Verständigung
einfach nicht wolle.

So stellte man unter anderem die Behauptung auf, daß diese Kommission
kein Mandat habe, namens der Schriftsetzer zu unterhandeln, sondern sie
habe sich dasselbe angemaßt. Eine Behauptung, die gegenüber den
Tatsachen sich ganz merkwürdig ausnimmt. Dann sagte man wieder: was es
denn nützte, wenn die Kommission auch eine Einigung mit den Prinzipalen
erzielte und nun die übrigen aber nicht wollten. Ueberhaupt habe man
keine Veranlassung, eine andere Vermittlung anzunehmen, da der genannte
Geheimrat Professor v. Wächter sich noch bei Abbruch der Verhandlungen
bereit erklärt habe, jederzeit dieselben wieder aufzunehmen, und wenn es
den Arbeitern mit dem Vorschlag wirklich Ernst sei, sie hierzu Schritte
tun möchten.

Nach dieser Erklärung sah ich allerdings ein, wie wenig Erfolg weitere
Verhandlungen haben müßten, und entfernte mich.

Den feiernden Schriftsetzern, welche mittlerweile eine Versammlung im
Kolosseum abhielten, ließ ich diese Nachricht sofort zukommen; was man
beschlossen hat, ist mir bis zu diesem Augenblick unbekannt.

Es tut mir leid, nicht ein besseres Resultat erzielt zu haben.

Gleichwohl werde ich die Sache genau verfolgen, und wenn sich irgendwie
die Sache für uns noch günstig gestalten sollte, Ihnen sofort Mitteilung
machen.

Ich bin überzeugt, daß man von seiten der Kommission mit einer
Verständigung es wirklich ernst meint, da man wohl nach und nach
einzusehen anfängt, wie gefährlich es ist, die Sache aufs Aeußerste zu
treiben, und ein ehrenvoller Vergleich das beste ist. Andernteils aber
bin ich ebensosehr überzeugt, daß der genannte Herr Härtel keineswegs im
Sinne aller Prinzipale mir gegenüber handelte, da es bekannt ist, wie
die meisten zu einem Vergleich gern die Hand böten. Indes läßt sich mit
den einzelnen nicht unterhandeln, da Härtel als Vorsitzender der
Genossenschaft alle derartige Anträge vorzubringen hat. Ich habe die
Absicht, die ganze Angelegenheit durch die Presse zu veröffentlichen und
abzuwarten, ob nicht darauf einzelne sich herbeilassen, über die Köpfe
der extremsten Führer wie Härtel, Brockhaus usw. hinweg die Hand zur
Verständigung zu bieten. Noch bemerke ich, daß sechs Druckereien in der
Hauptsache die Forderungen der Arbeiter bewilligt haben....“

*       *       *       *       *

Auf diesen Brief antwortete postwendend Sonnemann am 12. Mai:

„Ich war erstaunt, so lange ohne alle Nachricht zu bleiben. Meine
Anfrage vom 1. ds. Mts. bezüglich der Buchdrucker war nur eine
vorläufige. Meine deutlich ausgesprochene Absicht war, daß Sie in der
Sache gemeinschaftlich mit Dr. Hirsch und Bandow operieren sollten, und
beide hatten sich auch schon mir gegenüber dazu bereit erklärt. Nicht
etwa, daß ich nicht zu Ihnen das volle Vertrauen hätte, daß Sie auch
allein imstande sind, die Sache zu führen; meine Absicht war, dem
Auftreten des Ausschusses dadurch, daß drei seiner Mitglieder als
Vertreter kommen, mehr Förmlichkeit und dadurch mehr Gewicht zu geben.
Ich rechnete in dieser Beziehung besonders auf Bandow, der als
Vorsitzender des Kongresses in Leipzig dort in gutem Andenken steht.
Indessen haben Sie ja alles mögliche aufgeboten, und es ist nur zu
bedauern, daß der Erfolg Ihrer vielen Bemühungen nicht günstiger war.
Ehe Sie etwas veröffentlichen, halte ich für passend, wenn ich nochmals
an Brockhaus und Härtel schreibe und diesen Herren wiederholt die
Absendung einer Deputation von seiten des Ausschusses anbiete. Als Motiv
würde ich angeben, daß die Arbeiter zu ihren gewählten Vertretern doch
das meiste Zutrauen haben würden. Vielleicht macht man die Sache so, daß
die Buchdrucker unserer Deputation Pleinpouvoir geben. Die Prinzipale
mögen ihren Geheimrat von Wächter und noch einige Herren ernennen und
diese Kommission dann einen für alle Teile bindenden Spruch fällen.
Schreiben Sie mir mit Postwendung, ob Sie damit einverstanden sind, daß
ich nochmals an die Herren schreiben soll. Einige Zeilen von Ihnen
genügen mir. Ich darf Ihnen nicht verhehlen, daß ich der Ansicht bin:
die Buchdruckergehilfen sind in der Form und in der Sache zu weit
gegangen. Sie sind, wie ich vermute, von den Lassalleanern aufgehetzt
worden. Wäre das nicht der Fall, dann hätten sie ihre Forderungen
durchgesetzt, denn niemals war eine Zeit den Bestrebungen um
Lohnerhöhung günstiger als die jetzige; das zeigt sich daran, daß
allenthalben die in mäßigen Grenzen gehaltenen und anständig
vorgebrachten Forderungen durchgesetzt wurden....“

*       *       *       *       *

Die Vermutung Sonnemanns, als hätten die Lassalleaner in diesem Streik
ihre Hände gehabt, war vollkommen falsch. Der „Sozialdemokrat“
Schweitzers zeigte zwar ein außerordentlich lebhaftes Interesse für die
Arbeitseinstellung der Leipziger Buchdrucker, aber Einfluß auf diese
erlangte er nicht.

Am nächsten Tage gab ich folgende Antwort:

„Auf Ihre geehrte Zuschrift vom 12. ds. Mts. habe ich zu erwidern, daß
ich Ihre Absicht in dem Schreiben vom 1. ds. Mts. vollständig richtig
aufgefaßt habe. Danach aber war es ganz natürlich, zuvor anzufragen und
zu hören, ob beide Parteien geneigt seien, eine Vermittlung des
ständigen Ausschusses anzunehmen. Daß ich nichts weiter getan habe,
werden Sie schon aus der Erklärung Härtels in der gestrigen „Deutschen
Allgemeinen Zeitung“ ersehen haben. Nur muß ich hier zu meiner
Rechtfertigung bemerken, daß es mir nach den persönlichen Erklärungen
dieses Herrn unmöglich war, offiziell einen derartigen Antrag zu
stellen.

Seine Erklärung scheint hauptsächlich hervorgerufen worden zu sein durch
verschiedene Anfragen der Prinzipalität auf die Notizen verschiedener
Zeitungen, die hiesige Buchdruckergenossenschaft habe die Vermittlung
abgelehnt, während man sie in corpore nicht darum gefragt hatte.

Ich bemerke hierüber ausdrücklich, daß die Nachrichten in öffentlichen
Blättern, die sich sogar vielfach widersprechen, nicht von mir
ausgegangen sind. Das Gute aber haben sie gehabt, daß die öffentliche
Meinung aufs neue angeregt wurde und mich unter anderen Geheimrat v.
Wächter gestern früh zu sich bescheiden ließ, um mit ihm über die Sache
zu konferieren. Er teilte mir mit, daß er bereit sei, jederzeit die
Vermittlung wieder zu übernehmen, und er sich hierzu meine Hilfe
erbitte. Er schlage mir vor, zunächst nochmals bei der Tarifkommission
anzufragen, ob man hierzu geneigt sei und auf welcher Grundlage. Wobei
er mir bemerkte, wie er es für unumgänglich notwendig erachte, daß man
sich von seiten der Gehilfen zu Konzessionen herbeilasse. Dieser
letzteren Ansicht muß ich vollkommen beistimmen, und haben auch Sie
vollkommen recht, daß die Form, in welcher man anfangs vorging, nicht
die rechte war.

Auf nochmalige Anfrage bei der Tarifkommission erklärte man sich bereit,
zu Wächter zu gehen und sich mit ihm zu vereinbaren. Ich erklärte dabei
nochmals, daß der ständige Ausschuß sofort bereit sein würde, in
Gemeinschaft mit Wächter die Vermittlung zu übernehmen. Man nahm dies
dankend an und versprach, nachdem man mit Wächter Rücksprache genommen,
mir Antwort zu sagen. Leider war ich gestern nachmittag nicht anwesend,
als die Deputation bei mir war. Heute morgen nach Empfang Ihres Briefes
begab ich mich sofort in das Sitzungslokal der Tarifkommission, traf
aber dort niemand an. Ich werde daher später nochmals hingehen. So weit
vormittags 1/2 10 Uhr.

Mittags 1 Uhr. Soeben verließ mich ein Mitglied der Tarifkommission, das
mir folgendes mitteilte. Der Vorsitzende der genannten Kommission habe
sich gestern auf meinen Wunsch zu Wächter begeben und ihm ihre
Bereitwilligkeit, unter Hinzuziehung des ständigen Ausschusses nochmals
zu unterhandeln, ausgesprochen. Auf die Frage, auf welcher Grundlage das
geschehen solle, habe man den Vorschlag gemacht, eine andere Art der
Berechnung aufzustellen, nämlich statt nach 1000 n nach dem Alphabet.
Wächter ist damit einverstanden gewesen und hat versprochen, mit einigen
Prinzipalen Rücksprache zu nehmen und über den Erfolg Antwort zukommen
zu lassen. Bis jetzt ist eine solche nicht erfolgt, und es bleibt uns
nach meiner Ansicht für jetzt nichts anderes übrig, als diese
abzuwarten; ich werde Ihnen alsdann sofort Nachricht zukommen lassen.

Ihrer Ansicht, an Brockhaus und Härtel zu schreiben, kann ich nicht
zustimmen, da diese gerade die größten Gegner der Arbeiter respektive
der Arbeitervereine sind und Sie sich durch ein Motiv, wie Sie es in
Ihrem Schreiben angeben, aufs schlimmste insinuieren würden. Sagt man
doch Härtel nach, daß er beim hiesigen Polizeidirektorium dahin zu
wirken versucht habe, daß man die hiesigen Vereine auflöse, weil sie die
feiernden Arbeiter zum Teil unterstützt haben, und mußte ich doch auch
aus seinem Munde hören, daß die Angelegenheit am besten zu Ende geführt
würde, wenn die Arbeiter und Vereine aufhörten, die Buchdrucker mit
Geldsammlungen zu unterstützen.

Schließlich muß ich mich gegen den Vorwurf in Ihrem Schreiben verwahren,
als wenn ich allein die Vermittlung hätte übernehmen wollen. Es ist mir
dies nicht im entferntesten eingefallen, und ich habe ausdrücklich,
sowohl bei der Tarifkommission wie bei Härtel, von einer Deputation des
ständigen Ausschusses gesprochen und auch ausdrücklich die Namen
genannt. Schon wegen einer Besprechung in unseren eigenen
Angelegenheiten wäre es mir lieb, Bandow und Hirsch hier zu haben.“

*       *       *       *       *

Drei Tage später, den 16. Mai, folgte alsdann von mir ein neuer Brief an
    
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