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Aus meinem Leben, Erster Teil
Author Language Character Set
August Bebel German UTF-8


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Aus meinem Leben


Von August Bebel


Erster Teil




1910


Meiner lieben Frau




Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Aus der Kinder- und Jugendzeit
Die Lehr- und Wanderjahre
Zurück nach Wetzlar und weiter
Mein Eintritt in die Arbeiterbewegung und das öffentliche Leben
Lassalles Auftreten und dessen Folge
Der Vereinstag der deutschen Arbeitervereine
Friedrich Albert Lange
Neue soziale Erscheinungen
Der Stuttgarter Vereinstag
Wilhelm Liebknecht
Zunehmende Verstimmung in den Arbeitervereinen
Die Katastrophe von 1866
Nach dem Krieg
Die Weiterentwicklung des Verbandes der deutschen Arbeitervereine
Persönliches
Der Marsch nach Nürnberg
Die Gewerkschaftsbewegung
Meine erste Verurteilung
Vor Barmen-Elberfeld




Vorwort.


Der Wunsch vieler meiner Parteigenossen, ich möchte meine Erinnerungen
schreiben, trifft mit meinem eigenen Wunsche zusammen. Ist man wie ich
durch die Gunst der Verhältnisse in eine einflußreiche Stellung gelangt,
dann hat auch die Allgemeinheit ein Recht, die Umstände kennen zu
lernen, die dazu führten. Aber auch die Menge falscher Anklagen und
schiefer Urteile, mit denen ich so oft überschüttet wurde, lassen es mir
gerechtfertigt erscheinen, der Oeffentlichkeit zu zeigen, was daran
Wahres ist.

Dazu sind Offenheit und Wahrheit die ersten Erfordernisse, andernfalls
hat es keinen Zweck, über sein Leben Veröffentlichungen zu machen. Der
Leser meiner Aufzeichnungen, einerlei auf welcher Seite er steht oder zu
welcher Partei er sich zählt, wird mir nicht den Vorwurf machen können,
ich hätte vertuscht oder schön gefärbt. Ich habe die Wahrheit gesagt
auch dort, wo mancher denken wird, ich hätte besser getan, sie zu
verschweigen. Diese Ansicht teile ich nicht. Es gibt keinen fehlerlosen
Menschen, und manchmal ist es das Bekenntnis eines Fehlers, das den
Leser am lebhafteren interessiert und zur richtigen Beurteilung am
besten befähigt.

Wollte ich nach Möglichkeit die Wahrheit schreiben, so konnte ich mich
nicht auf mein Gedächtnis verlassen. Nach einer Reihe von Jahren läßt
einen das Gedächtnis im Stich, selbst Vorgänge, die sich einem tief
einprägten, erlangen im Laufe der Jahre unter allerlei Suggestionen eine
ganz andere Gestalt. Ich habe diese Erfahrung häufig nicht nur bei mir,
sondern auch bei anderen gemacht. Ich habe nicht selten im besten
Glauben Vorgänge früherer Jahre im Kreise von Bekannten und Freunden
erzählt, die sich nachher, zum Beispiel durch aufgefundene Briefe, die
unmittelbar unter dem Eindruck der Vorgänge geschrieben wurden, ganz
anders darstellten. Das hat mich zu der Ansicht geführt: Kein Richter
sollte über wenige Jahre eines Vorfalls hinaus einem Zeugen einen Eid
abnehmen. Die Gefahr des Falscheides ist groß.

Um die Richtigkeit meiner Angaben und auch der Auffassungen, wie ich sie
zu einer bestimmten Zeit hatte, festzustellen, habe ich nach Möglichkeit
Briefe, Notizen, Artikel usw. benutzt.

Aber es gab Abschnitte in meinem Leben, in denen es gefährlich war,
Briefe aufzubewahren, wollte ich nicht zum Denunzianten an anderen oder
an mir selbst werden. Das war ganz besonders die Zeit unter der
Herrschaft des Sozialistengesetzes, während welcher ich jede Stunde
Gefahr lief, einer Haus- und körperlichen Durchsuchung unterworfen zu
werden, sei es, um Material für einen Prozeß gegen mich oder gegen
andere zu gewinnen. Ich stand lange Zeit bei Polizei und Staatsanwälten
in dem Rufe, ein gefährlicher Mensch zu sein, dem man nicht über den Weg
trauen dürfe. Vielleicht nicht mit Unrecht. Aus denselben Gründen verbot
sich aber auch die Führung eines Tagebuchs.

In der vorliegenden Veröffentlichung ist namentlich in bezug auf die
antisozialistischen Arbeitervereine in den sechziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts ein Material enthalten, das bisher nur teilweise bekannt
war. Nachdem Ende Oktober letzten Jahres in Frankfurt a.M. L. Sonnemann
gestorben ist, lebt außer mir keiner mehr, der die Geschichte jener Zeit
so kennt und miterlebte wie ich, und dem auch das Material zur Verfügung
stand. Ich hoffte, mit der Arbeit weiter zu kommen, als ich gekommen
bin. Aber Krankheit, die mich fast zwei Jahre lang zu jeder
anstrengenden Geistesarbeit unfähig machte, ließ es nicht zu. Behalte
ich die nötige Gesundheit, so soll dem ersten in nicht zu langer Zeit
ein zweiter und vielleicht ein dritter Teil folgen.

Schöneberg-Berlin, Neujahr 1910

A. Bebel.




[Illustration: Meine Geburtsstätte. Die Kasematte zu Deutz-Köln.]




Aus der Kinder- und Jugendzeit.


Will man einen Menschen genauer beurteilen, so muß man die Geschichte
seiner Kinder- und Jugendjahre kennen. Der Mensch kommt mit einer Anzahl
Anlagen und Charaktereigenschaften zur Welt, deren Entwicklung von den
ihn umgebenden Zuständen sehr wesentlich abhängt. Anlagen und
Charaktereigenschaften können durch Erziehung und Beispiel der Umgebung
gefördert oder gehemmt, ja bis zu einem gewissen Grade unterdrückt
werden. Es hängt alsdann von den Verhältnissen im späteren Leben, öfter
auch von der Energie der betreffenden Persönlichkeit ab, ob und wie
fehlerhafte Erziehung oder unterdrückt gewesene Eigenschaften sich
Geltung verschaffen. Das kostet oft genug einen schweren Kampf mit sich
selbst, denn die Eindrücke, die der Mensch in seiner Kinder- und
Jugendzeit empfängt, beeinflussen am meisten sein Fühlen und Denken. Was
immer im späteren Leben die Verhältnisse aus dem einzelnen machen, die
Eindrücke seiner Jugend wirken im guten wie im schlimmen Sinne auf ihn,
und oft bestimmen sie sein Handeln.

Ich wenigstens muß eingestehen, daß die Eindrücke und Erlebnisse in den
Kinder- und Jugendjahren mich häufig in einer Weise gefangen nahmen, daß
ich Mühe hatte, mich ihrer zu erwehren, und ganz los geworden bin ich
sie nie.

Der Mensch ist irgendwo geboren.

Mir wurde dieses Glück zuteil am 22. Februar 1840, an welchem Tage ich
in der Kasematte zu Deutz-Köln das Licht der Welt erblickte. Mein Vater
war der Unteroffizier Johann Gottlob Bebel in der 3. Kompagnie des 25.
Infanterieregiments, meine Mutter Wilhelmine Johanna geborene Simon.
Mein Taufschein weist nicht Deutz — das damals noch eine selbständige
Gemeinde war —, sondern Köln als Geburtsort auf, offenbar weil die
Deutzer Garnison zu jener der Festung Köln und zur gleichen
Kirchengemeinde gehörte.

Das „Licht der Welt“, in das ich nach meiner Geburt blickte, war das
trübe Licht einer zinnernen Oellampe, das notdürftig die grauen Wände
einer großen Kasemattenstube beleuchtete, die zugleich Schlaf- und
Wohnzimmer, Salon, Küche und Wirtschaftsraum war. Nach der Angabe meiner
Mutter war es abends Schlag neun Uhr, als ich in die Welt trat, insofern
„ein historischer Moment“, als eben draußen vor der Kasematte der
Hornist den Zapfenstreich blies, bekanntlich seit „unvordenklichen
Zeiten“ das Zeichen, daß die Mannschaften sich zur Ruhe zu begeben
haben.

Prophetisch angelegte Naturen könnten aus dieser Tatsache schließen, daß
damit schon meine spätere oppositionelle Stellung gegen die bestehende
Staatsordnung angekündigt wurde. Denn streng genommen verstieß es wider
die militärische Ordnung, daß ich als preußisches Unteroffizierskind in
demselben Augenblick die Wände einer königlichen Kasemattenstube
beschrie — und ich soll schon bei meiner Geburt eine recht kräftige
Stimme gehabt haben —, in dem der Befehl zur Ruhe erlassen wurde.

Aber die so folgerten, täuschten sich. Es hat später noch geraumer Zeit
bedurft, ehe ich mich aus den Banden der Vorurteile befreite, in die das
Leben in der Kasematte und die späteren Jugendeindrücke mich geschlagen
hatten.

Es ist nicht überflüssig, weil für die Beurteilung meiner selbst
notwendig, hier einiges über meinen Vater und meine Mutter zu sagen.
Mein Vater war in Ostrowo in der Provinz Posen geboren, als der Sohn des
Böttchermeisters Johann Bebel. Ich glaube annehmen zu müssen, daß die
Bebels aus dem Südwesten Deutschlands (Württemberg) nach dem Osten, etwa
um die Reformationszeit, eingewandert sind. Feststellen konnte ich, daß
um 1625 schon ein Bebel in Kreuzburg (Schlesien) lebte. Aber zahlreicher
sind sie bis heute in Südwestdeutschland vorhanden. Auch kommt der Name
Bebel seit der Reformationszeit durch Träger desselben in öffentlichen
Stellungen vor. Ich erinnere an den Verfasser der „Facetiae“, den
Humanisten Heinrich Bebel, der Professor in Tübingen war und 1518 starb.
Ferner gab es einen Buchdrucker Johann Bebel in Basel, der um 1518 die
Utopie des Thomas Morus herausgab. Ein Professor Balthasar Bebel lebte
um 1669 in Straßburg i.E. und ein Dr. med. Friedrich Wilhelm Bebel um
1792 in Nagold in Württemberg. Der Name Bebel ist auch noch verballhornt
als Böbel in Süddeutschland zu finden. Daß mein Vater vom Osten nach dem
Westen verschlagen wurde, hatte seinen Grund darin, daß er mit
seinem Zwillingsbruder August im Jahre 1828 in ein posensches
Infanterieregiment, ich glaube in das 19., eintrat. Als dann im Jahre
1830 der polnische Aufstand ausbrach, hielt es die preußische Regierung
für angemessen, die posenschen Regimenter aus der Provinz zu entfernen.
Das Regiment, in dem mein Vater diente, wurde als Teil der preußischen
Bundesgarnison nach der damaligen Bundesfestung Mainz verlegt. Dieser
Umstand veranlaßte, daß mein Vater und meine Mutter sich kennen lernten.

Meine Mutter stammte aus einer alteingesessenen, nicht unbemittelten
Kleinbürgerfamilie der ehemaligen freien Reichsstadt Wetzlar. Der Vater
war Bäcker und Landwirt. Die Familie war zahlreich, und so trat meine
Mutter, dem Beispiel der Töchter anderer Wetzlarer Familien folgend, die
Wanderung nach Frankfurt a.M. an, woselbst sie als Dienstmädchen
Stellung nahm. Von Frankfurt kam sie nach dem benachbarten Mainz und
machte hier die Bekanntschaft meines Vaters. Als dann später das
betreffende Infanterieregiment wieder nach der Provinz Posen
zurückversetzt wurde, trat mein Vater in Rücksicht auf seine Braut,
vielleicht auch, weil es ihm im Rheinland besser gefiel als in seiner
Heimat, aus demselben aus und trat in das in Köln-Deutz garnisonierende
25. Infanterieregiment ein. Sein Zwillingsbruder August, mein Taufpate,
folgte seinem Beispiel insofern, als dieser in das damals in Mainz
garnisonierende 40. Infanterieregiment (8. rheinisches Füsilierregiment)
übertrat.

Eine preußische Unteroffiziersfamilie der damaligen Zeit lebte in
erbärmlichen Verhältnissen. Das Gehalt war mehr als knapp, wie denn zu
jener Zeit überhaupt in der Militär- und Beamtenwelt Preußens Schmalhans
Küchenmeister war, und so ziemlich jeder für Gott, König und Vaterland
den Schmachtriemen anziehen und hungern mußte. Meine Mutter erhielt die
Erlaubnis, eine Art Kantine führen zu dürfen, das heißt sie hatte das
Recht, allerlei kleine Bedarfsartikel an die Mannschaften der Kasematten
zu verkaufen, was in der einzigen Stube geschah, die wir inne hatten. So
sehe ich sie im Geiste noch heute vor mir, wie sie abends bei der mit
Rüböl gespeisten Lampe den Soldaten die steinernen Näpfe mit dampfenden
Pellkartoffeln füllte, à Portion 6 Pfennig preußisch.

Für uns Kinder — mir war im April 1841 der erste Bruder und im Sommer
1842 der zweite geboren worden — war das Leben in den Kasematten ein
Leben voller Wonnen. Wir trieben uns in den Kasemattenstuben umher,
verhätschelt oder auch gehänselt von Unteroffizieren und Mannschaften.
Waren aber die Stuben leer, weil die Mannschaften zu Uebungen ausgerückt
waren, so begab ich mich auf eine derselben und holte die Gitarre des
Unteroffiziers Wintermann, der auch mein Taufpate war, von der Wand, auf
der ich dann so lange musikalische Uebungen betrieb, bis keine Saite
mehr ganz war. Um diesen ungezügelten Musikübungen und ihren bösen
Folgen eine entsprechende Ablenkung zu geben, schnitzte er mir aus einem
Brett ein gitarreartiges Instrument, das er mit Darmsaiten bezog. Ich
saß nunmehr mit diesem in Gesellschaft meines Bruders stundenlang auf
der Türschwelle zu einem Hof in der Deutzer Hauptstraße und malträtierte
die Saiten, was die beiden Töchter eines gegenüberwohnenden
Dragonerrittmeisters so „entzückte“, daß sie uns öfter für meine
musikalischen Leistungen mit Kuchen oder Konfekt regalierten. Natürlich
litten unter diesen musikalischen nicht die militärischen Uebungen. Der
Anreiz dazu lag ja in der ganzen Umgebung, er lag buchstäblich in der
Luft. Sobald ich also die ersten Hosen und den ersten Rock anhatte, die
selbstverständlich beide aus einem alten Militärmantel des Vaters
gezimmert worden waren, stellte ich mich, ausgestattet mit der nötigen
Bewaffnung, neben oder hinter die auf dem freien Platz vor der Kasematte
übenden Mannschaften und ahmte ihre Bewegungen nach. Wie mir meine
Mutter später öfter humorvoll erzählte, soll ich namentlich das rechts
und links Aufrücken meisterlich fertig bekommen haben, eine Uebung, die
den Mannschaften viel Schweiß verursachte und bei der ich ihnen manchmal
von dem kommandierenden Offizier oder Unteroffizier als Muster
hingestellt worden sein soll.

Meines Vaters Augen sahen aber allmählich das Kommißleben anders an wie
sein Sohn. Er war zwar, wie uns meine Mutter öfter erzählte, gleich
seinem Bruder ein außerordentlich gewissenhafter, pünktlicher und
adretter Militär — ein sogenannter Mustersoldat —, aber er hatte zu
jener Zeit bereits seine zwölf und mehr Jahre Militärdienstzeit auf dem
Rücken, und stand ihm das Soldatenleben schließlich, wie man zu sagen
pflegt, bis an den Hals. Der Dienst wurde damals wohl auch noch
kleinlicher und engherziger betrieben als heute. Der Gamaschendienst
feierte zu jener Zeit seine Orgien. An Unabhängigkeits- und
Oppositionsgeist hat es meinem Vater offenbar auch nicht gefehlt, für
den zu jener Zeit in der Rheinprovinz der rechte Boden war, und so kam
er öfter in höchstem Zorn und mit Verwünschungen auf den Lippen vom
Exerzierplatz in die düstere Kasemattenstube. Als im Jahre 1840 unter
Louis Philipp und seinem Ministerium Thiers ein Krieg zwischen
Frankreich und Preußen drohte, soll er eines Tages in höchster Empörung
in die Stube getreten sein, weil nach seiner Ansicht ein blutjunger
Offizier ihm zu nahe getreten war, und meiner Mutter zugerufen haben:
„Frau, wenn es losgeht, die erste Kugel, die ich verschieße, gilt einem
preußischen Offizier!“ Der Ausdruck „preußischer Offizier“ im Munde
eines preußischen Unteroffiziers befremdet, er erklärt sich aber. Damals
und noch viel später wurde von der Bevölkerung des preußischen
Rheinlands jeder Offizier und Beamte einfach als „Preuß“ bezeichnet. Die
Rheinländer fühlten sich noch nicht als Preußen. Mußte ein junger Mann
Soldat werden, hieß es kurz: er muß Preuß (plattdeutsch „Prüß“) werden.
Es gab sogar hierfür ein derbes Schimpfwort. Ich hörte noch im Frühjahr
1869, als ich mit Liebknecht in einer politischen Angelegenheit in
Elberfeld war, daß in der Wirtsstube des Hotels, in dem wir wohnten,
ein Gast zu den anderen sagte: „Was will denn der preußische Offizier
hier?“, als er auf der Straße einen Offizier vorübergehen sah. Elberfeld
hatte damals wie heute keine Garnison.

Die geschilderte Auffassung war offenbar auch meinem Vater geläufig
geworden. Als er dann in den Jahren 1843 und 1844 nach fünfzehnjähriger
Dienstzeit als schwer kranker Mann über Jahr und Tag im Militärlazarett
verbringen mußte, den Tod und das Elend seiner Familie vor Augen, hat er
die Mutter wiederholt in der nachdrücklichsten Weise gebeten, nach
seinem Tode uns Jungen ja nicht für das Militärwaisenhaus einzugeben,
weil damit die Verpflichtung zu einer späteren neunjährigen Dienstzeit
in der Armee verbunden war. Bei dem Gedanken, daß die Mutter dieses
dennoch aus Not tun könnte, rief er in seiner durch die Krankheit
gesteigerten Erregung wiederholt aus: „Tust du es dennoch, ich erstech'
die Jungen vor der Kompagnie.“ In seiner Erregung übersah er, daß er
alsdann nicht mehr unter den Lebenden war.

Meinem Vater schlug insofern die Erlösungsstunde, als ihm im Frühjahr
1843 der Posten eines Grenzaufsehers angeboten wurde, für welchen Dienst
er sich seit langem gemeldet hatte. Er nahm den Posten an, und so zog
die Familie teils zu Fuß, teils auf dem Frachtwagen sitzend, der die
Möbel trug — denn eine Eisenbahn gab es zu jener Zeit in jener Gegend
noch nicht —, nach Herzogenrad an der belgischen Grenze. Aber unseres
Bleibens war hier nicht lange. Noch war die dreimonatige Probezeit nicht
zu Ende, so hatte sich mein Vater infolge des anstrengenden
Nachtdienstes eine schwere Erkrankung zugezogen. Muskelentzündung nannte
es meine Mutter, ich vermute, es war Gelenkrheumatismus, wozu sich die
Schwindsucht gesellte. Da durch den Nichtablauf der Probezeit mein Vater
noch nicht aus dem Militärverhältnis entlassen war, mußten wir mit dem
schwerkranken Manne dieselbe Reise in derselben Weise wieder nach Köln
zurücklegen. Ein sehr schweres Stück für meine Mutter. In Köln
angekommen, wurde der Vater in das Militärlazarett geschafft, und uns
wurde wieder eine Stube in den Deutzer Kasematten, diesmal hinten nach
dem Wallgraben hinaus, angewiesen. Nach dreizehnmonatiger Krankheit
starb der Vater, 35 Jahre alt, ohne daß die Mutter die Berechtigung zum
Bezug einer Pension hatte. Wir mußten kurz nach dem Tode des Vaters die
Kasematte verlassen, und die Mutter wäre schon jetzt gezwungen gewesen,
nach ihrer Heimat Wetzlar überzusiedeln, wenn nicht der Zwillingsbruder
des Vaters, August Bebel, sich der Mutter und unserer annahm. Um diese
Pflicht besser erfüllen zu können, entschloß er sich, Herbst 1844, meine
Mutter zu heiraten.

Dieser mein Stiefvater war im September 1841 wegen Ganzinvalidität mit
einem Gnadengehalt von zwei Talern monatlich aus dem Dienst im 40.
Infanterieregiment entlassen worden. Ursache der Invalidität war der
Verlust der Kommandostimme infolge einer Kehlkopfentzündung, die später
ebenfalls in Schwindsucht ausartete. Er hatte nach Aufgabe seiner
Stellung im Regiment nahezu zwei Jahre als Polizeiunteroffizier im
Militärlazarett in Mainz fungiert und hatte alsdann provisorisch die
Stelle eines Revieraufsehers in der Provinzial-Korrektionsanstalt
Brauweiler bei Köln angenommen. Seine eigentliche Absicht war, bei der
Post in Dienst zu treten. Aber damals befand sich das Postwesen noch in
Stagnation. Sollte eine Stelle besetzt werden, so mußte meist erst ein
bisheriger Stelleninhaber sterben oder pensioniert werden, ehe eine
solche frei wurde. Bezeichnend für die Art des Postdienstes jener Zeit
ist, daß, als mein Stiefvater im Sommer 1844 nach Ostrowo an seinen
Bruder schrieb, um eine ihm nötige amtliche Vollmacht für seine Heirat
zu erwirken, er auf der Adresse des zufällig in meinen Händen
befindlichen Briefes vermerkte: „Absender bittet um baldige Abgabe.“ Die
Briefbestellung war also damals offenbar eine seltene und auch säumige.
Die gewünschte Stelle bei der Post als Briefträger wurde meinem
Stiefvater nach mehrjährigem Warten endlich im Oktober 1846 angetragen,
als er eben auf der Totenbahre lag.

Wir siedelten im Spätsommer 1844 nach Brauweiler über. Mein nunmehriger
Vater hatte hier in der großen Provinzialanstalt sicher den schwersten
Dienst. Er war unter anderem auch Aufseher der Gefangenenanstalt, die
sich dort für die Arbeitshäusler befand, die wegen Vergehen in der
Anstalt zu Gefängnis verurteilt wurden. Die Anstalt bildete einen großen
Komplex von Gebäuden und Höfen und umschloß auch Gartenland. Das alles
war mit einer hohen Mauer umzogen. Männer, Frauen und jugendliche
Insassen waren voneinander getrennt. Um nach dem Arresthaus zu gelangen,
in dem sich auch unsere Wohnung befand, mußte man über mehrere Höfe
schreiten, die durch schwere verschlossene Türen voneinander getrennt
waren. Das Arresthaus war also von jeder menschlichen Umgebung
abgeschieden. Allabendlich, sobald die Dämmerung eintrat, flogen
Dutzende von Eulen in allen Größen mit ihrem Gefauche und Gekrächze um
das Gebäude und jagten uns Kindern Angst und Schrecken ein. Der
Aufenthalt dieser Eulen war der Turm der nahen Kirche. Auch sonst war
dieser Aufenthalt für uns Kinder, und vermutlich auch für meine Eltern,
kein erfreulicher. Der Dienst meines Vaters, der morgens um 5 Uhr begann
und bis zum späten Abend währte, war ein sehr anstrengender und mit viel
Aerger verknüpft. Die Art der damaligen Gefangenenbehandlung war eine
grausame. Ich habe mehr als einmal mit angesehen, daß junge und ältere
Männer, die extra schwer bestraft wurden, sich der scheußlichen Prozedur
des Krummschließens unterziehen mußten. Dieses Krummschließen bestand
darin, daß der Delinquent sich auf den Boden der Zelle auf den Bauch zu
legen hatte. Alsdann bekam er Hand- und Fußschellen angelegt. Darauf
wurde ihm die rechte Hand über den Rücken hinweg an den linken Fuß und
die linke Hand ebenfalls über den Rücken an den rechten Fuß gefesselt.
Damit noch nicht genug, wurde ihm ein leinenes Tuch strickartig um den
Körper über Brust und Arme auf dem Rücken scharf zusammengezogen. So als
lebendes Knäuel zusammengeschnürt, mußte der Uebeltäter zwei Stunden
lang auf dem Bauch liegend aushalten. Alsdann wurden ihm die Fesseln
abgenommen, aber nach wenigen Stunden begann die Prozedur von neuem.

Das Gebrülle und Gestöhne der so Mißhandelten durchtönte das ganze
Gebäude und machte natürlich auf uns Kinder einen schauerlichen
Eindruck.

Hier in Brauweiler besuchte ich schon von Herbst 1844 ab, erst
vierundeinhalb Jahre alt, die Dorfschule, und zwar wurde ich in diesem
jugendlichen Alter als „Freiwilliger“ aufgenommen. Kehrten wir Kinder
aus dieser zurück, so mußten wir eines der Anstaltstore passieren, das
eine Schildwache zu öffnen hatte. Eines Tages aber waren wir starr vor
Ueberraschung, als der Posten die Tür öffnete und wir statt des bisher
im Gebrauch gewesenen Tschakos einen glänzenden Helm von sehr
bedeutender Höhe auf seinem Haupte thronen sahen. Diese ersten Helme
waren im Vergleich zu ihren Nachfolgern in der Jetztzeit wahre Ungetüme
und entsprechend schwer. Wir erholten uns von unserer Ueberraschung und
unserem Staunen erst, als der Posten uns zuherrschte: „Jungs, macht, daß
ihr hereinkommt, oder ich schlage euch die Tür vor der Nase zu!“

Das Leben für uns Kinder war in der Anstalt nicht sehr
abwechslungsreich. Es spielte sich in der Hauptsache innerhalb eines
Teiles der Anstaltsmauern ab. Auch wurde unser Vater, der ein sehr
strenger Mann war und dem es an Aerger nicht fehlte, immer reizbarer,
eine Reizbarkeit, die durch die mittlerweile bei ihm zum Ausbruch
gekommene Schwindsucht immer mehr zunahm. Die Mutter und wir Kinder
hatten darunter viel zu leiden. Mehr als einmal mußte die Mutter dem
Vater in die Arme fallen, wenn dieser in maßloser Erregung schwere
körperliche Züchtigungen an uns vollzog. Sind Prügel der höchste Ausfluß
erzieherischer Weisheit, dann muß ich ein wahrer Mustermensch geworden
sein. Aber was ich geworden bin, wurde ich wohl trotz der Prügel.

Andererseits wieder war der Vater aufs emsigste für unser Wohl bemüht,
denn er war trotz alledem ein gutherziger Mann. Konnte er uns zum
Beispiel zu Weihnachten, Neujahr oder Ostern eine Freude bereiten, so
geschah es, soweit es die bescheidenen Mittel erlaubten. Und sehr
bescheiden waren diese. Neben freier Wohnung (zwei Stuben), Heizung und
Licht empfing der Vater monatlich etwa acht Taler Gehalt. Damit mußten
fünf, später vier Menschen auskommen, da mein jüngster Bruder, ein
bildhübsches Kind und der Liebling des Vaters, Sommer 1845 starb.

Die Krankheit meines Vaters machte unterdes rapide Fortschritte.
Bereits am 19. Oktober 1846 starb er nach etwa zweijähriger Ehe. So war
meine Mutter binnen drei Jahren zum zweitenmal Witwe und wir vaterlose
Waisen. Auch aus dieser Ehe hatte die Mutter keinen Anspruch auf
staatliche Unterstützung. Nunmehr blieb ihr nichts übrig, als nach ihrer
Heimat Wetzlar überzusiedeln. Anfang November wurden abermals die
Siebensachen auf einen Wagen geladen — die heutigen Möbelwagen gab es
wohl zu jener Zeit noch nicht — und wurde die Reise nach Köln
angetreten. Das Wetter war häßlich. Es war kalt und regnerisch. In Köln
wurde der Hausrat am Rheinufer unter freiem Himmel aufs Pflaster
gesetzt, um von dort per Schiff nach Koblenz und von dort wieder per
Wagen das Lahntal hinauf nach Wetzlar transportiert zu werden. Als wir
abends gegen 10 Uhr die Schiffskajüte zur Fahrt nach Koblenz betraten,
war diese mit Menschen überfüllt und herrschte ein Tabaksqualm zum
Ersticken. Da uns niemand Platz machte, legten wir zwei Jungen, todmüde
wie wir waren, uns dicht an der Tür auf den Fußboden und schliefen, wie
nur müde Kinder schlafen können. Den fünften oder sechsten Tag kamen wir
endlich in Wetzlar an, in dem damals noch meine Großmutter und vier
verheiratete Geschwister — drei Schwestern und ein Bruder — meiner
Mutter lebten.

Unsere eigentliche Jugendzeit verlebten wir jetzt hier. Wetzlar, eine
kleine, romantisch gelegene Stadt, besaß damals eine ganz vortreffliche
Volksschule. Zunächst kamen wir beide in die Armenschule, die sich in
einem großen Gebäude, dem Deutschen Haus, das ehemals den deutschen
Ordensrittern gehörte, befand. In dem großen Vorhof zu diesem Gebäude
steht links das einstöckige Haus, in dem einst Charlotte Buff, die
Heldin in Goethes Werther, wohnte. Der Zufall wollte, daß ich später
mehreremal in diesem Hause übernachtete, als einer meiner Vettern
Cicerone für das Charlotte-Buff-Zimmer wurde. Ich kann mich auch noch
der Feier zum hundertsten Geburtstag Goethes (1849) erinnern, die am
Wildbacher Brunnen stattfand, woselbst sich die Goethelinde befindet.
Der Brunnen heißt seit jener Zeit Goethebrunnen. Zehn Jahre später
wohnte ich der Feier zu Schillers hundertstem Geburtstag im Salzburger
Stadttheater bei.

Nach einigen Jahren wurde die Armenschule mit der Bürgerschule
verschmolzen, wir hießen jetzt Freischüler; die Mädchen erhielten das
Deutsche Haus als Schulhaus angewiesen.

Mit der Schule und den Lehrern fand ich mich im ganzen sehr gut ab, nur
mit dem Kantor nicht, der mir nicht hold war. Ich gehörte zu den besten
Schülern, was namentlich unseren Lehrer der Geometrie, ein kleiner
prächtiger Mann, veranlaßte, mich mit noch zwei Kameraden extra
vorzunehmen und uns in die Geheimnisse der Mathematik einzuweihen. Wir
lernten mit Logarithmen rechnen. Neben Rechnen und Geometrie waren meine
Lieblingsfächer Geschichte und Geographie. Religion, für die ich keinen
Sinn hatte — und meine Mutter, eine aufgeklärte und freidenkende Frau,
quälte uns zu Hause nicht damit —, lernte ich nur, weil ich mußte. Ich
war zwar auch hier mit an der ersten Stelle, aber das verhinderte nicht,
daß ich namentlich in der Katechumenenstunde dem Oberpfarrer einigemal
Antworten gab, die gar nicht ins Schema paßten und mir kleine
Strafpredigten eintrugen.

Im übrigen war unser Oberpfarrer ein sehr ehrenwerter Mann und durchaus
kein Frömmling, was aber, nebenbei bemerkt, nicht verhinderte, daß man
ihm eines Tages, richtiger in einer Nacht, einen losen Streich spielte.
In Wetzlar bestand zu jener Zeit die Sitte, sie besteht vielleicht auch
heute noch, die im Spätherbst oder Winter geschlachteten Gänse eine
Nacht der Durchfrierung auszusetzen, das soll dem Geschmack des Bratens
förderlich sein. Die Gans wurde also in respektvoller Höhe, in der Regel
vor das Fenster gehängt. So auch bei Oberpfarrers. Aber am nächsten
Morgen war die Gans verschwunden. Dagegen hing am darauffolgenden Morgen
das fein säuberlich abgenagte Gerippe der Gans am Glockenzug der Haustür
und daran befestigt ein Zettel, auf dem das schöne Verslein stand:

Guten Morgen, Herr Schwager!
Gestern war ich fett und heut bin ich mager!

Ganz Wetzlar lachte, denn in einer kleinen Stadt sprechen sich
derartige Vorkommnisse rasch herum. Ich nehme an, auch der Oberpfarrer
lachte.

Wenn ich aber fleißig lernte und überall im Können mit an der Spitze
stand, so stand ich auch an der Spitze der meisten losen Streiche, die
nun einmal bei Jungen, die ein größeres Maß Bewegungsfreiheit haben,
unausbleiblich, ja selbstverständlich sind. Das brachte mich in
„sittlicher“ Beziehung in einen üblen Ruf. Namentlich genoß ich diesen
bei unserem Kantor, der das Departement des Aeußern zu vertreten hatte,
das heißt, der all die bösen Streiche, die der Schule gemeldet wurden,
an den Attentätern zu bestrafen hatte. Wieso er, statt des Rektors, zu
dieser Rolle kam, weiß ich nicht. Vielleicht daß sein Dienstalter oder
seine Körperfülle oder ein Gewohnheitsrecht ihn dazu prädestinierte.
Auch wußte er mit unnachahmlicher Grazie und sehr wirksam den Bakel zu
schwingen. Weniger schmerzte es, wenn er mit seinen kleinen fetten
Händen uns rechts und links ins Gesicht fuhr, daß es nur so klatschte.
Aber auch in einem solchen Moment konnte ich nicht unterlassen, die
kleinen fetten Hände zu bewundern.

Unsere Haupttummelplätze waren die nächste Umgebung des Domes, das alte
Reichskammergerichtsgebäude, dessen große Räume jahrelang als Lagerplatz
einem Gastwirt dienten, die große Burgruine Kalsmunt vor der Stadt, die
Felsenpartien an der Garbenheimer Chaussee — der Ort Garbenheim besitzt
ebenfalls Erinnerungen an Goethe —, auf deren Felsplatten wir unsere
„Festungen“ errichteten, die alte Stadtmauer und vor allem die auf einem
Hochplateau gelegene Garbenheimer Warte, von der aus wir im Herbste
unsere Raubzüge in die Kartoffelfelder unternahmen, um Kartoffeln zum
Braten zu holen. Eines Tages mußten wir dafür eine mehrstündige
Belagerung durch eine Bauernfamilie aushalten, die wir aber siegreich
abschlugen. Die Streifereien durch Wald und Flur, namentlich während der
Ferien, waren zahllos.

Auch war das Obststrippen, wie wir es nannten, eine
Lieblingsbeschäftigung im Sommer und Herbste, denn die Umgebung Wetzlars
ist sehr obstreich. Die Lahn, ein ganz respektabler Fluß, gab im Sommer
die gewünschte Badegelegenheit und im Winter die Möglichkeit zum
Schlittschuhsport. Bei einer solchen Gelegenheit passierte es, daß mein
Bruder hart neben mir in ein leicht zugefrorenes Loch einbrach und
unzweifelhaft unter das Eis geraten und ertrunken wäre, breitete er
nicht unwillkürlich die Arme aus, die ihn oben hielten. Ein Kamerad und
ich zogen ihn aus dem Wasser und brachten ihn auf eine Felsplatte an der
Garbenheimer Chaussee. Hier mußte er sich entkleiden, wir borgten ihm
einzelne Kleidungsstücke von uns und rangen dann seine Kleider aus, die
wir in der ungewöhnlich warmen Februarsonne trockneten. Die Mutter
erfuhr erst nach Monaten den Unfall ihres Zweiten, was dadurch
ermöglicht wurde, daß wir unsere Kleider selbst reinigten, auch, so gut
es ging, selbst flickten, um die Risse dem Auge der Mutter zu verbergen.

Das Jahr darauf half ich einem meiner Vettern, der einige Jahre älter
war als ich, bei ähnlicher Gelegenheit das Leben retten. Dieser, ein
vorzüglicher Schlittschuhfahrer, kam eines Tages in sausender Fahrt die
Lahn herunter und fuhr auf ein Wehr zu, wobei er infolge der
spiegelblanken Eisfläche nicht sah, daß vor dem Wehr ein breiter
Streifen offenes Wasser war. Voll Schrecken schrie ich ihm zu,
umzukehren. Er gehorchte auch. Aber es war zu spät. Als er den
Ausweichbogen beschrieb, brach er ein. Krampfhaft hielt er sich am Eis
fest, sobald er aber den Versuch machte, ein Bein auf dasselbe zu
bringen, brach es von neuem. Rasch riß ich jetzt einen langen
gestrickten wollenen Schal, wie sie damals allgemein getragen wurden,
vom Hals, nahm einen zweiten von einem neben mir stehenden Kameraden,
knüpfte beide zusammen und warf das eine Ende meinem Vetter zu, das er
glücklich erhaschte. Jetzt zogen wir ihn langsam auf festes Eis. Er war
gerettet.

Mein schlimmer Ruf bei unserem Kantor war allmählich so fest begründet,
daß er es als selbstverständlich voraussetzte, daß ich bei jeder
Teufelei, die vorkam, beteiligt sei. Versuchte ich einmal einen
Kameraden vor ungerechter Strafe zu schützen, indem ich mich für diesen
ins Mittel legte, so wurde ich ohne Gnade als Beteiligter angesehen und
mitbestraft, auch wenn ich gänzlich unbeteiligt war. Später hat man mir
in der Partei die Eigenschaft, um jeden Preis gerecht sein zu wollen,
scherzweise als Gerechtigkeitsmeierei angekreidet. Oft genug hatte
allerdings unser Kantor berechtigte Ursache, mit mir ins Gericht zu
gehen. So als ich eines Tages, dem dunklen Triebe nach „Berühmtheit“
folgend, in die roten Sandsteinstufen zum Eingang in den Dom in
lapidaren Buchstaben meinen vollen Namen, Geburtsort und Geburtstag
eingemeißelt hatte. Ein starker Nagel als Meißel und ein Stein als
Hammer bildeten die Werkzeuge, die ich dazu benutzte. Natürlich wurde
die böse Tat am nächsten Sonntag beim Kirchgang allseitig entdeckt, auch
von dem Kantor. Endresultat: etwelche Ohrfeigen und dreimal über Mittag
bleiben. Das bedeutete, daß ich vom Schluß der Schule am Vormittag bis
zum Beginn derselben am Nachmittag im „Karzer“ zubringen mußte, also
erst nach dem zweiten Schulschluß nach Hause kam und so mein Mittagessen
einbüßte. Zum Glück aber hatte der Kantor eine weichmütige Tochter.
Diese beobachtete mich an der Seite ihres Bräutigams, als ich am zweiten
Mittag am Karzerfenster stand und philosophische Betrachtungen über die
Freiheit der Spatzen anstellte, die auf dem Schulhof in Scharen lärmten.
Von meinem Schicksal gerührt, erwirkte sie mir bei ihrem Vater sofort
eine vollständige Amnestie und kam selbst, um mir die Freiheit
anzukündigen und mich aus der Haft zu entlassen. Es war die erste und
einzige Begnadigung, die mir in meinem Leben zuteil geworden ist. Hätte
das Ewigweibliche öfter über mein Geschick zu entscheiden gehabt, ich
glaube, ich wäre manchmal besser davongekommen.

Indes kam auch für mich der Tag der Erkenntnis, an dem ich mir sagte,
jetzt mußt du doch anfangen, ein ordentlicher Kerl zu werden. Dieser Akt
vollzog sich also. Der Sohn des Majors des in Wetzlar garnisonierenden
Jägerbataillons, Moritz v.G., war mein Kumpan bei vielen losen Streichen
gewesen. Da kam das Schulexamen. Der einzige Mensch, der von der
Bevölkerung demselben als Zuhörer beiwohnte, war Major v.G., ein Hüne an
Gestalt. Die Prüfung war zu Ende, und es wurden die Zensuren verlesen.
Merkwürdigerweise wurden diese ausschließlich auf das sittliche
Verhalten hin erteilt. Alle Schüler der Klasse hatten bereits ihre
Zensur erhalten, nur Moritz v.G. und ich waren übrig. Wir allein
erhielten die Zensur fünf, also die schlechteste, die es gab. Der Vater
Major verzog keine Miene, aber ich habe Grund, anzunehmen, daß es zu
Hause für Moritz nicht glimpflich abging. Ich sah ihn seit jenem Tage
nie wieder, er kam unmittelbar nach jenem Vorgang auf die
Kadettenschule. In den neunziger Jahren erfuhr ich, daß er in K. eine
hohe militärische Stellung bekleidete. Ihm hatte also seine böse
Bubennatur so wenig geschadet wie mir. Von jener Stunde an wurde ich
ordentlich, das heißt ich tat nichts mehr, was mir Strafen eintrug. So
erhielt ich im nächsten Examen die Zensur drei und bei der folgenden und
letzten Prüfung, an der ich teilnahm, die Eins. Wäre es damals auf die
Stimmung der Klasse angekommen, ich hätte auch eine der beiden zur
Verteilung gelangten Prämien erhalten. Als der Rektor den Namen des
zweiten Ausgezeichneten nennen wollte, rief die ganze Klasse meinen
Namen. Der Rektor aber meinte, ich hätte mich zwar sehr gebessert, aber
doch nicht in dem Maße, um mir eine Prämie zu geben. So trat ich
prämienlos ins Leben.

*       *       *       *       *

Unsere materiellen Verhältnisse konnten sich in Wetzlar nicht bessern.
An Pension konnte meine Mutter keinen Anspruch erheben. Die einzige
Unterstützung, die sie später vom Staat erhielt, bestand in 15
Silbergroschen pro Monat und Kopf von uns zwei Jungen. Diese waren ihr
gewährt worden, weil sie trotz des Abratens ihres ersten Ehemannes uns
beide als Kandidaten für das Militärwaisenhaus in Potsdam angemeldet
hatte. Es war die Not, die sie dazu zwang; sie hatte zwar von ihrer
mittlerweile gestorbenen Mutter fünf bis sechs Parzellen Land geerbt,
die in den verschiedensten Gemarkungen um Wetzlar herum zerstreut lagen.
Und sie hatte, der Not gehorchend, auch mehrere davon bereits verkauft,
um leben zu können. Aber dieser Verkauf fiel ihr herzlich schwer. Ihr
ganzes Dichten und Trachten war darauf gerichtet, uns den noch
vorhandenen Besitz zu erhalten, damit wir nicht gänzlich mittellos in
der Welt stünden. Was eine Mutter für ihre Kinder opfern kann, habe ich
an der eigenen erfahren. Einige Jahre lang hatte meine Mutter für ihren
Schwager — einen Handschuhmacher — weiße Militärlederhandschuhe genäht,
das Paar für 6 Kreuzer, ungefähr 20 Pfennig. Mehr als ein Paar im Tag
konnte sie aber nicht fertigen. Dieser Verdienst war zum Leben zu wenig,
zum Sterben zu viel. Aber auch diese Arbeit mußte sie nach einigen
Jahren aufgeben, denn auch sie war mittlerweile von der Schwindsucht
ergriffen worden, die ihr in den letzten Lebensjahren jede Arbeit
unmöglich machte. Ich als Aeltester mußte die Ordnung des kleinen
Hauswesens, Stube und Kammer, übernehmen. Ich hatte Kaffee zu kochen,
Stube und Kammer zu reinigen und sie samstäglich zu scheuern; ich mußte
das Zinn- und Blechgeschirr putzen, unser Bett machen usw., eine
Tätigkeit, die mir nachher als Handwerksbursche und politischer
Gefangener sehr zustatten kam. Da es meiner Mutter später aber auch
unmöglich wurde, zu kochen, ging jeder von uns beiden zu einer Tante zu
Mittagessen, die sich zu diesem Liebesdienst bereit erklärten. Für die
Mutter selbst holten wir abwechselnd bei verschiedenen bessersituierten
Familien das bißchen Essen, dessen sie benötigte. Um unsere Lage etwas
zu verbessern, beschloß ich, als Kegeljunge tätig zu sein. Nach Schluß
der Schule ging ich zum Kegelaufsetzen auf die Kegelbahn in einer
Gartenwirtschaft. Von dort kam ich in der Regel erst abends gegen zehn
Uhr nach Hause, am Sonntag weit später. Aber das fortgesetzte Bücken
verursachte mir so heftige Rückenschmerzen, daß ich jeden Abend stöhnend
nach Hause kam. Ich mußte diese Beschäftigung einstellen. Eine andere
Beschäftigung, an der wir Jungen beide teilnahmen, war im Herbst das
Kartoffellesen bei der Ernte auf den Aeckern einer unserer Tanten. Es
war, wenn es neblig, naß und kalt war, keine angenehme Beschäftigung,
von früh sieben bis zum Dunkelwerden auf den Kartoffelfeldern zu
arbeiten, aber es winkte uns als Lohn ein großer Sack Kartoffeln für den
Winter, außerdem erhielten wir jeden Morgen, wenn wir mit aufs Feld
gingen, zur Anregung ein großes Stück Zwetschgenkuchen, den wir beide
leidenschaftlich liebten.

Als ich im dreizehnten und mein Bruder im zwölften Lebensjahr stand, kam
vom Militärwaisenhaus die Nachricht, mein Bruder könne einrücken. Ich
war auf Grund ärztlicher Untersuchung als körperlich zu schwach dazu
erklärt worden. Jetzt sank aber meiner Mutter der Mut; sie fühlte ihr
Ende nahen, und so glaubte sie es nicht verantworten zu können, daß mein
Bruder für zwei Jahre Militärerziehung nachher zu neun Jahren
Militärdienstzeit verpflichtet werde. „Wollt ihr Soldat werden, so geht
später freiwillig, ich verantworte es nicht,“ äußerte sie zu uns. So
unterblieb der Eintritt meines Bruders in das Militärwaisenhaus, der für
mich damals zu meinem Bedauern nicht in Frage kam.

Mein lebhaftes kindliches Interesse weckten die Bewegungsjahre 1848 und
1849. Die Mehrzahl der Wetzlarer Einwohner war entsprechend der
Traditionen der Stadt republikanisch gesinnt. Diese Gesinnung übertrug
sich auch auf die Schuljugend. Bei einer Disputation über unsere
politischen Ansichten, wie sie unter Schuljungen vorzukommen pflegt,
stellte sich heraus, daß nur ein Kamerad und ich monarchisch gesinnt
waren. Dafür wurden wir beide mit einer Tracht Prügel bedacht. Wenn sich
also meine politischen Gegner über meine „antipatriotische“ Gesinnung
entrüsten, weil nach ihrer Meinung Monarchie und Vaterland ein und
dasselbe sind, so ersehen sie aus der vermeldeten Tatsache, vielleicht
zu ihrer Genugtuung, daß ich schon fürs Vaterland gelitten habe, als
ihre Väter und Großväter noch in ihrer Maienblüte Unschuld zu den
Antipatrioten gehörten. Im Rheinland war wenigstens zu jener Zeit der
größere Teil der Bevölkerung republikanisch gesinnt.

Für meine Mutter brachte jene Zeit in ihr tägliches Einerlei insofern
eine kurze Abwechslung, als, ich glaube bei dem Rückmarsch aus dem
badischen Feldzug, das Bataillon des 25. Infanterieregiments, bei dem
mein Vater gedient hatte, kurze Zeit in Wetzlar verblieb. In demselben
standen noch eine Anzahl Unteroffiziere, die meine Mutter von früher
kannten. Diese besuchten uns jetzt. Auf ihr Drängen ließ sich meine
Mutter herbei, einen Mittagstisch für sie einzurichten. Profitiert hat
sie wohl nichts. Ich hörte eines Tages, daß zwei der Gäste auf der
Treppe beim Fortgehen sich unterhielten und das Essen sehr lobten, sich
aber auch wunderten, daß es meine Mutter für so billigen Preis liefern
könne.

Sehr amüsant für uns Jungen waren die Bauernrevolten, die sich in jenen
Jahren im Wetzlarer Kreise abspielten. Die Bauern mußten damals noch
allerlei aus der Feudalzeit übernommene Verpflichtungen erfüllen. Da
alles für Freiheit und Gleichheit schwärmte, wollten sie jetzt diese
Lasten auch los sein; sie rotteten sich also zu Tausenden zusammen und
zogen nach Braunfels vor das Schloß des Fürsten von Solms-Braunfels. An
der Spitze des Zuges wurde in der Regel eine große schwarzweiße Fahne
getragen, zum Zeichen, daß man allenfalls preußisch, aber nicht
braunfelsisch sein wolle. Ein Teil des Haufens trug Flinten vermiedenen
Kalibers, die große Mehrzahl aber Sensen, Mist- und Heugabeln, Aexte
usw. Hinter dem Zug, der sich mehrfach wiederholte und stets unblutig
verlief, marschierte in der Regel die Wetzlarer Garnison, um den Fürsten
zu schützen, wenn sie nicht schon vorher ausgerückt war. Ueber die
Begegnung der Bauernführer mit dem Fürsten kursierten in Wetzlar sehr
amüsante Erzählungen. Die Wetzlarer blieben noch lange in ihrer
oppositionellen Stimmung. Als im Jahre 1849 oder 1850 der Prinz von
Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm I., in Begleitung des Generals v.
Hirschfeld, der damals das 8. rheinische Armeekorps kommandierte, auf
seiner Inspektionsreise auch nach Wetzlar kam, wurde sein Wagen vor dem
Tore mit Schmutz beworfen. Ein Verwandter von mir, der sich bei einer
Gelegenheit zum Sturmläuten hatte fortreißen lassen, wurde mit drei
Jahren Zuchthaus bestraft. Für die Bürgerwehr, die in den
Bewegungsjahren auch in Wetzlar bestand, hatte ich nur ein Gefühl der
Geringschätzung, obgleich mehrere meiner Verwandten zu ihr gehörten, und
zwar wegen der mangelnden militärischen Haltung, mit der sie ihre
    
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