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Aus meinem Leben, Erster Teil
Author Language Character Set
August Bebel German ISO-8859-1


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Diese Worte lösten langanhaltenden Beifall aus.
Aber neben der Tragik kam auch die Komik zu ihrem Rechte. Mitten in der
Rede Völcks donnerten mehrere Kanonenschläge durch den Saal, so daß
alles entsetzt aufsprang und nach der Decke schaute, deren Einsturz man
befürchtete. Völck selbst schien zu glauben, es handle sich um ein
Attentat auf ihn. Mit einem mächtigen Satze sprang er rückwärts von der
Tribüne an die Wand, begleitet von einem lauten Gejohle und
Händeklatschen auf der obersten Galerie. Die Frankfurter und Offenbacher
Lassalleaner hatten unter Führung Oberwinders die Kanonenschläge gelegt,
um auf diese Weise ihre Visitenkarte beim Abgeordnetentag abzugeben. Dem
Schrecken folgte allgemeine Heiterkeit.

Selbstverständlich wurden die Resolutionen des Ausschusses mit großer
Mehrheit angenommen gegen einen Antrag Müller-Passavant.

Am Nachmittag desselben Tages fand dann im Zirkus die von demokratischer
Seite einberufene, von etwa 3000 Personen besuchte Volksversammlung
statt. Neben anderen Rednern nahm auch ich das Wort.

In der von uns vorgeschlagenen Resolution wurde gefordert:

1. Gegen die friedensbrecherische Politik Preußens den bewaffneten
Widerstand, Neutralität ist Feigheit oder Verrat. 2. Schleswig-Holstein
solle auf Grund des bestehenden Rechtes seine Selbständigkeit erlangen.
3. Der preußische Parlamentsvorschlag sei unbedingt zu verwerfen,
dagegen solle eine konstituierende, mit der nötigen Macht ausgestattete
Volksvertretung über die Verfassung Gesamtdeutschlands entscheiden. 4.
Einführung der Grundrechte und gesetzliche Einführung der allgemeinen
Volksbewaffnung. 5. Das Volk solle überall in Stadt und Land in
politischen Vereinen zusammentreten.

Nach Annahme dieser Vorschläge wurde ein Ausschuß niedergesetzt, der ein
Programm entwerfen und eine Delegiertenversammlung nach Frankfurt
einberufen solle, um endgültig das Programm zu beraten. In den Ausschuß
wurden auf Vorschlag von Haußmann-Stuttgart, dem Vater des
Reichstagsabgeordneten Konrad Haußmann, gewählt: Bebel,
Eichelsdörfer-Mannheim, Goegg-Offenburg, K. Grün-Heidelberg,
Kolb-Speier, K. Mayer-Stuttgart, Dr. Morgenstern-Fürth, v.
Neergardt-Kiel, Aug. Röckel und Gustav Struve-Frankfurt, Trabert-Hanau,
Krämer von Doos, Bayern. Von diesen zwölf bin ich der einzige noch
Lebende, allerdings war ich auch der Benjamin der Korona.

Der Ausschuß verfaßte folgendes Programm:

A. 1. Demokratische Grundlage der Verfassung und Verwaltung der
deutschen Staaten. 2. Föderative Verbindung derselben auf Grund der
Selbstbestimmung. 3. Herstellung einer über den Regierungen der
Einzelstaaten stehende Bundesgewalt und Volksvertretung. Keine
preußische, keine österreichische Spitze.

B. 1. Wir fordern die Erhaltung des Friedens in Deutschland. Die
Kriegsgefahr ist aus der schleswig-holsteinschen Sache entsprungen;
beseitigt kann sie nur werden durch die sofortige Konstituierung der
Herzogtümer als eines selbständigen Staates auf Grund des Rechtes und
des Volkswillens. Die Stimme Holsteins im Bunde muß ohne weiteres in
Kraft treten, seine Wehrkraft aufgeboten werden. Keine Verfügung über
die Herzogtümer wider den Willen der Bevölkerung; keine Teilung
Schleswigs. 2. Gegen die preußische Kriegspolitik ist der Widerstand
Deutschlands geboten. Neutralität wäre Feigheit oder Verrat. 3. Kein
Fußbreit deutscher Erde darf an das Ausland abgetreten werden. Die
Gefahr des Verlustes von deutschem Gebiet und die Schmach einer
Einmischung des Auslandes in deutsche Angelegenheiten werden nur dann
von uns abgewendet, der Widerstand wird nur dann erfolgreich, _die
Gefahr eines Sieges an der Seite Oesterreichs nur dann beseitigt sein_,
wenn die Bundesgenossen im Kampfe keine dynastische, sondern eine
nationale Politik verfolgen und ihren Bund auf die volle Wehrkraft,
sowie auf die parlamentarische Mitwirkung des Volkes stützen. Die
gesetzliche Einführung des Milizsystems ist vor allen Dingen zu
verlangen. 4. Der preußische Parlamentsvorschlag ist zu verwerfen; nur
eine aus dem Volke hervorgegangene, in voller Freiheit gewählte
Nationalversammlung mit entscheidender Stimme und ausgestattet mit der
nötigen Macht kann über die Verfassung des Vaterlandes endgültig
entscheiden.

Die Einberufung einer Delegiertenversammlung, der dieses Programm zur
Beratung unterbreitet werden sollte, mußte unterbleiben, weil
mittlerweile der Krieg ausbrach. Nunmehr erließ der Ausschuß folgende
Proklamation:

*       *       *       *       *

An das deutsche Volk!

Der deutsche Bruderkrieg ist entbrannt. In die Zeit des rohen
Faustrechtes ist Deutschland zurückgeworfen. Dies schwerste Verbrechen
an der Nation fällt jener Partei in Preußen zur Last, die ruchlos
genug ist, den Bruch des preußischen Volksrechtes und des
schleswig-holsteinschen Landesrechtes mit der Vergewaltigung von ganz
Deutschland krönen zu wollen. In dem Augenblick, wo die staatliche
Zukunft Schleswig-Holsteins endlich auf dem friedlichen Wege deutschen
Rechtes und deutscher Ehre entschieden werden sollte, ist diese Partei
zum Aeußersten geschritten, den ewigen Bund deutscher Stämme zu sprengen
und an die Stelle des öffentlichen Rechtes und des Willens der
Gesamtheit das Machtgebot des einzelnen zu setzen. In die deutschen
Länder Hannover, Kurhessen, Sachsen ist sie eingebrochen wie in
Feindesland, und alle deutschen Staaten, die sich ihr nicht fügen,
bedroht sie mit gleicher Gewalt. In Preußen selbst stachelt sie das Volk
zum Haß gegen Deutschland und spricht ihm von erdichteten Gefahren, von
Demütigung, Erniedrigung, Zerstücklung, womit es von Deutschland bedroht
sei.

Noch drohte Preußen keine Gefahr der Erniedrigung, als die es in seinem
Innern birgt. Der Sturz der Kriegspartei wäre für Preußen selbst der
schönste Sieg. Die Gefahr der Zerstücklung ist gerade durch diese Partei
über ganz Deutschland gebracht. Im Süden ist durch ihr Bündnis mit
Italien deutsches Bundesland gefährdet. Im Westen hat sie die alte
Gefahr heraufbeschworen, die jedesmal droht, wenn Deutschland uneinig
ist.

Die deutschen Stämme, welche die Berliner Gewaltpolitik gegen sich in
Waffen gerufen hat, ziehen nicht gegen das Volk in Preußen, ziehen nicht
für habsburgische Hauspolitik ins Feld; die Nation will so wenig
Oesterreich wie Preußen dienen. Frei will sie sein, selbst Herr im
eigenen Hause. Gegen ihren Willen verstrickt in das jetzige Unglück,
darf und will sie nicht die Folgen desselben untätig abwarten. Wie sie
mit richtigem vaterländischen Gefühl die ihr angesonnene Neutralität im
Bruderkrieg von sich gewiesen hat, so ist es jetzt ihre Pflicht, mit
voller Kraft und einmütiger Entschlossenheit sich die Mitwirkung an der
Entscheidung ihrer Geschicke zu sichern durch _allgemeine
Volksbewaffnung und gemeinsame Volksvertretung_.

Auf diese beiden Forderungen ist sofort und allerorten die Tätigkeit des
deutschen Volkes zu richten; eine allgemeine Agitation in öffentlichen
Volksversammlungen muß schleunigst dafür organisiert werden. Das
deutsche Volk allein kann noch das deutsche Vaterland retten.

Frankfurt, 1. Juli 1866.

Der Ausschuß der Frankfurter Volksversammlung vom 20. Mai.

I.d.N.: G.F. Kolb. Aug. Röckel.

*       *       *       *       *

Der Aufruf war gut gemeint, aber er kam zu spät. Und was ihm einzig
hätte Nachdruck geben können, eine große, geschlossene Organisation,
fehlte.--

Den Tag nach den erwähnten Frankfurter Vorgängen, am zweiten
Pfingstfeiertag, war ich mit einer Anzahl Herren bei Siegmund Müller zu
Tisch geladen. Nach beendetem Essen traten wir an die weit geöffneten
Fenster, um den herrlichen Maitag zu genießen. Wie auf Kommando erhoben
wir ein homerisches Gelächter. Aus Müllers Wohnung sah man auf den Main
und die alte Mainbrücke, auf der in ihren weißen Uniformen Scharen
österreichischer Soldaten herüber- und hinüberspazierten, fast ein jeder
ein Mädchen am Arme. Dieser Anblick hatte unsere Lachlust erregt. Unser
Gastgeber sah die Sache ernster an, in seinem Frankfurter Hochdeutsch
äußerte er: "Meine Herrn! Sie hawwe gut lache, die Mädercher krieche
alle Kinner, und die misse dann von der Stadt erhalte werrn!" Eine
zweite Lachsalve war unsere Antwort. Kurze Zeit nachher, am 10. Juni,
verließen die Preußen, die zur Bundesgarnison in Frankfurt gehörten, mit
"klingendem Spiel" die Stadt, am 11. folgten in gleicher Weise die
Oesterreicher. Diese auf Nimmerwiedersehen. Gar mancher der lustigen
Burschen, die an jenem Pfingstfeiertag fröhlich über die Mainbrücke
zogen, dürfte später mit seinem Blute das Schlachtfeld gedüngt haben.--

Den 10. Juni trat auch der ständige Ausschuß der Arbeitervereine zu
einer Sitzung in Mannheim zusammen, um Stellung zu dem vorhandenen
politischen Konflikt zu nehmen. Mit Ausnahme von M. Hirsch war der ganze
Ausschuß anwesend, ebenso auf besondere Einladung Streit-Koburg.

In der deutschen Frage kam es zu erregten Auseinandersetzungen. Ein
preußisches Mitglied bestritt, daß im preußischen Volke Sympathien für
Annexionen vorhanden seien, worin er sich, wie die Folge lehrte,
gründlich irrte. Die große Mehrheit des Ausschusses war gegen eine
Neutralität der Mittelstaaten. Von einer Seite wurde hervorgehoben, die
preußische Hegemonie werde der industriellen Entwicklung förderlich
sein, von anderer Seite wurde bestritten, daß die preußische Spitze dazu
nötig wäre. Schließlich wurde einstimmig beschlossen, sich der bereits
bestehenden Volkspartei und dem von dem Frankfurter Ausschuß
aufgestellten Programm anzuschließen. Auch wurde empfohlen, folgenden
Kompromißantrag in das Programm der Volkspartei aufzunehmen: Jede
volkstümliche Regierung muß die allmähliche Ausgleichung der
Klassengegensätze so weit zu fördern suchen, als es irgend mit der
Schonung der individuellen Freiheit und den volkswirtschaftlichen
Gesamtinteressen vereinbar ist. Die materielle und moralische Hebung des
Arbeiterstandes ist ein gemeinsames Interesse aller Klassen, ist eine
unentbehrliche Stütze der bürgerlichen Freiheit.

Da die politischen Wirren bereits große Arbeitslosigkeit zur Folge
hatten, kam man überein, die Unternehmer aufzufordern, während der Dauer
der Arbeitsstockung eine entsprechende Verkürzung der Arbeitszeit
eintreten zu lassen, statt Arbeiter zu entlassen; ferner sollten die
Staats- und Gemeindebehörden die begonnenen Bauten weiterführen und
bereits geplante zur Ausführung bringen. Unerfreulich war der
Kassenbericht, nicht minder unerfreulich, was Streit über den Stand der
"Arbeiterzeitung" zu berichten hatte. Das Verbot der Zeitung in Preußen,
die politischen Differenzen in vielen Vereinen, die Feindseligkeit und
die Hindernisse, die der Buchhändlerverband dem Blatte entgegenstellte,
hatten den Abonnentenstand sehr herabgedrückt, und der passive
Widerstand, den einzelne Mitglieder im Ausschuß Streit und seinem Blatte
entgegenstellten, verhinderte, von unserer Seite entsprechende Hilfe zu
bringen. Streit sah sich gezwungen, am 8. August das Weitererscheinen
des Blattes einzustellen.

Meine erneut eingebrachten Reorganisationsanträge wurden wiederum
abgelehnt, dagegen wurde beschlossen, dem Vorsitzenden ein Fixum von 200
Taler im Jahr als Vergütung für Arbeiten zu gewähren. Man verhandelte
auch über den Ort des nächsten Vereinstags, für den Chemnitz oder Gera
in Aussicht genommen wurde. Der Gang der Ereignisse zwang aber,
denselben für 1866 ausfallen zu lassen. Die Verhandlungen wurden alsdann
auf einige Stunden unterbrochen, um eine Volksversammlung abzuhalten,
die sich mit den alles Interesse beherrschenden politischen Vorgängen
beschäftigte.

Von jetzt ab überstürzten sich die Ereignisse und trieben zur
Katastrophe. Am 9. Mai hatte Bismarck den Landtag aufgelöst, um durch
dessen Opposition nicht in seinen politischen Maßnahmen gestört zu
werden. Im Gegensatz zu Preußen beriefen die Mittelstaaten ihre Landtage
ein. Am 1. Juni übergab Oesterreich die schleswig-holsteinsche Sache dem
Bundestag. Es hatte zu spät den Fehler eingesehen, den es gemacht, als
es sich in dieser Angelegenheit von Preußen ins Schlepptau nehmen ließ.
Zwei Tage später, am 3. Juni, erklärte Preußen, daß durch den Schritt
Oesterreichs der Gasteiner Vertrag hinfällig geworden sei. Am 11. Juni
sprengte Preußen mit Militärgewalt die Versammlung der nach Itzehoe
einberufenen holsteinschen Stände. Darauf räumten am 12. Juni die
Oesterreicher Holstein. Am gleichen Tage rief Oesterreich seinen
Gesandten von Berlin ab und stellte dem preußischen Gesandten in Wien
seine Pässe zu. Am 14. Juni entschied sich der Bundestag gegen Preußen,
worauf der preußische Gesandte den Verfassungsentwurf für einen neuen
Bund auf den Tisch des Bundestags niederlegte, dessen erster Artikel
lautete:

Das Bundesgebiet besteht aus den seitherigen Staaten, mit Ausnahme der
kaiserlich österreichischen und der königlich niederländischen
Landesteile (Luxemburg und Limburg).

Also Kleindeutschland. Der Krieg war erklärt. Dieser nahm wider Erwarten
vieler einen für Preußen ausnehmend günstigen Verlauf. Binnen wenig
Wochen war die österreichische Armee in Böhmen aus allen ihren
Positionen geworfen und standen die Preußen vor den Toren Wiens. Die
mittelstaatlichen Armeen, mit Ausnahme der sächsischen, die in Böhmen
focht, und der hannoverschen, die nach zähem Widerstand den Preußen bei
Langensalza erlag, spielten eine klägliche Rolle. Ihr Widerstand war
gebrochen, ohne daß es zu einer wirklichen Schlacht kam. In Italien
entwickelte sich der Krieg etwas anders. Bismarck war anfangs
mißtrauisch, daß Italien den Krieg gegen Oesterreich ernsthaft führen
werde. In einer Depesche vom 13. Juni an den preußischen Gesandten v.
Usedom empfahl er, energisch darauf zu bestehen, daß sich die
italienische Regierung mit dem ungarischen Komitee ins Einvernehmen
setze. Die Weigerung La Marmoras könnte bei Preußen den Verdacht
erregen, daß Italien nicht die Absicht habe, einen ernsten Krieg gegen
Oesterreich zu führen. Er solle mitteilen, daß Preußen nächste Woche die
Feindseligkeiten beginne. Aber ein fruchtloser Krieg Italiens im
Festungsviereck werde Argwohn erregen. Am 17. Juni sandte Usedom an La
Marmora eine lange Depesche, in der er diesem im Namen seiner Regierung
Vorschläge über die Kriegführung machte. Der Krieg müsse bis zur
Vernichtung des Gegners geführt werden. Ohne Rücksicht auf die
zukünftige Gestaltung der Territorien müßten beide Mächte den Krieg
endgültig, entscheidend, vollständig und unwiderruflich zu machen
suchen. Italien dürfe sich nicht damit begnügen, bis an die nördlichen
Grenzen Venetiens vorzudringen: es müsse sich mit Preußen an dem
Mittelpunkt der Monarchie selbst begegnen. Um sich den dauernden Besitz
Venetiens zu sichern, müsse es die österreichische Monarchie ins Herz
treffen.

Das war die berüchtigte Stoß-ins-Herz-Depesche, die, als sie 1868
bekannt wurde, große Aufregung hervorrief. Die Dinge liefen aber
anders. Nicht die Italiener, sondern die Oesterreicher siegten. Die
Italiener wurden zu Lande in der Schlacht von Custozza und zu Wasser in
der Seeschlacht von Lissa besiegt. Trotz dieser Siege trat jetzt
Oesterreich Venetien an Napoleon ab, also nicht an Italien, da die Dinge
im Norden der Monarchie höchst ungünstig standen. Es hoffte auf eine
Intervention Napoleons. Diese neue Situation veranlaßte nunmehr
Bismarck, trotz dem großen Unmut, der darüber im Hauptquartier entstand,
Oesterreich einen Waffenstillstand zu gewähren, der in Nikolsburg
abgeschlossen wurde und an dessen Schluß, 27. Juli, es zu
Friedenspräliminarien kam. Im definitiven Friedensvertrag, abgeschlossen
in Prag, erhielt Preußen Schleswig-Holstein, Hannover, Nassau, Kurhessen
und Frankfurt zugebilligt. Oesterreich selbst kam mit einer mäßigen
Kriegsentschädigung davon. Politische Gründe bestimmten Bismarck,
Oesterreich glimpflich zu behandeln. Die südwestdeutschen Staaten
sollten einen besonderen Bund bilden. Venetien wurde von Napoleon an
Italien abgetreten.

Daß Oesterreich Venetien an Napoleon abgetreten hatte, rief bei den
deutschen Liberalen einen Sturm der Entrüstung hervor. Das sei
Vaterlandsverrat. Eine Anklage, die Preußen mindestens ebenso traf wie
Oesterreich. Vertuscht wurde nach Möglichkeit, daß Preußen sich mit
Italien, also dem Ausland, zur Vernichtung eines deutschen Staates
verbunden hatte; vertuscht wurde, daß Bismarck mit Klapka in Verbindung
getreten war, um Ungarn zu insurgieren, der infolgedessen folgenden
Ausruf veröffentlicht hatte:

*       *       *       *       *

An die ungarischen Soldaten!

Durch das Vertrauen meiner Mitbürger übernehme ich das Oberkommando der
gesamten ungarischen Streitkräfte; als Führer spreche ich also zu euch.

Preußens und Italiens mächtige Könige sind unsere Verbündeten. Aus
Italien eilt Garibaldi herbei, von der Donau her Türr, aus Siebenbürgen
Bethlen, um das Vaterland zu befreien; von hier führe ich die tapfere
ungarische Schar ins Land. Ludwig Kossuth wird mit uns sein; so vereint
jagen wir die Oesterreicher, die unseres Landes Gut und Blut rauben,
hinaus. Wir erobern zurück, was unser ist: den Boden Arpáds; in den
Jahren 1848 und 1849 ernteten wir ewigen Ruhm, nun wartet unser der
Lorbeer- und der Friedenskranz, wenn wir das Vaterland befreien.
Vorwärts also, folget dem ungarischen Banner. Unseres Vaterlandes
heilige Erde ist nur wenige Tage weit, dorthin führe ich euch; kommet
denn nach Hause, wo Mutter, Geschwister und Braut euch mit offenen Armen
erwarten.

Wählet. Wollt ihr erbärmliche Gefangene bleiben oder ruhmvolle
Vaterlandsverteidiger werden?

Es lebe hoch das Vaterland!

_Klapka_ m.p., ungarischer General.

*       *       *       *       *

Auch daran wollte man nicht erinnern, daß aus dem preußischen
Hauptquartier beim Einrücken in Böhmen ein Ausruf "An die Einwohner des
glorreichen Königreichs Böhmen" veröffentlicht worden war, der Stellen
enthielt wie die folgende:

"Sollte unsere gerechte Sache obsiegen, dann dürfte sich vielleicht auch
den Böhmen und Mähren der Augenblick darbieten, in dem sie ihre
nationalen Wünsche gleich den Ungarn verwirklichen können. Möge dann ein
günstiger Stern ihr Glück auf immerdar begründen!"

Es war das alte Lied von dem Messen mit zweierlei Maß. Wenn zwei
dasselben tun, ist es nicht dasselbe. Beging Preußen die größten
Niederträchtigkeiten--und als eine loyale Kriegführung konnte man doch
die Vorgänge in Böhmen und Ungarn nicht ansehen--, sie wurden
entschuldigt, ja gerechtfertigt. Aber wehe seinen Gegnern, die seine
Beispiele nachahmten. Was würde man zum Beispiel heute sagen, wenn eine
auswärtige Macht eines Tages in die Provinz Posen mit einer ähnlichen
Proklamation an die Polen einrückte wie die der Preußen in Böhmen?

Dem Landesverrat im großen, der in den österreichischen Ländern
begünstigt wurde, schloß sich der Landesverrat im kleinen in Deutschland
an. Anfang August 1866 beschlossen die sächsischen Liberalen unter
Führung von Professor Biedermann, Dr. Hans Blum usw. in einer
Landesversammlung in Leipzig eine Resolution, in der es hieß: Wir halten
die deutschen und sächsischen Interessen am besten gewahrt durch die
Einverleibung Sachsens in Preußen. Und noch nachdrücklicher sprach sich
Herr v. Treitschke, ein geborener Sachse, aus, der als Redakteur der
"Preußischen Jahrbücher" Bismarck aufforderte, die oppositionellen
Staaten--Sachsen, Hannover, Kurhessen--zu vernichten:

"Jene drei Dynastien sind reif, überreif für die verdiente Vernichtung;
ihre Wiedereinsetzung wäre eine Gefahr für die Sicherheit des neuen
deutschen Bundes, eine Versündigung an der Sittlichkeit der Nation....
Nächst dem Hause Habsburg hat kein anderes Fürstengeschlecht die
Jahrhunderte hindurch sich schwerer versündigt an der deutschen Nation
als das Haus der Albertiner.... König Johann ist unzweifelhaft der
achtungswerteste Mann unter den vertriebenen deutschen Fürsten, doch mit
einer Fülle gelehrter Kenntnisse ist er ein gewöhnlicher Mensch
geblieben, engen Herzens, unfrei, philisterhaft in seinem Urteil über
Welt und Zeit. Der Kronprinz, ein Mann nicht ohne derbe Gutmütigkeit,
aber roh und jeder politischen Einsicht bar, war von jeher eine Stütze
der österreichischen Partei, und von dem Prinzen Georg, dessen Hochmut
und Bigotterie selbst in dem zahmen Dresden Anstoß erregen, ist noch
weniger zu erwarten.... Vor allem fürchten wir von einer Restauration
die Entsittlichung des Volkes durch den Geist der Lüge, durch die
Gleißnerei einer Loyalität, welche nach den Ereignissen des Sommers
mindestens von dem jüngeren Geschlecht gar nicht mehr gehegt werden
kann. Man male sich die Szene aus, wie König Johann einzieht in seine
Hauptstadt, wie der allezeit getreue Stadtrat von Dresden den
Landverderber mit Worten des Dankes und der Verehrung empfängt,
rautenbekränzte weiß und grüne Jungfrauen sich neigen vor der befleckten
und entweihten Krone--wahrhaftig, schon der Gedanke ist ekelerregend."

Und er schloß: "In Tagen wie diesen soll man das Herz haben, die
_Paragraphen des Albertinischen Strafgesetzbuchs zu mißachten_.... Wir
wollen nicht, daß ein von Gott und den Menschen gerichtetes Haus
zurückkehrt auf den Thron."

Bismarck sorgte dafür, daß seinen glühenden Verehrern kein Haar gekrümmt
wurde. Im Artikel 19 des Friedensvertrags mußte der König von Sachsen
zusichern, "daß keiner seiner Untertanen oder wer sonst den sächsischen
Gesetzen unterworfen ist, wegen eines in bezug auf die Verhältnisse
zwischen Preußen und Sachsen während der Dauer des Kriegszustandes
begangenen Vergehens oder Verbrechens gegen die Person Seiner Majestät
oder wegen Hochverrats, Staatsverrats oder endlich wegen seines
politischen Verhaltens während jener Zeit überhaupt strafrechtlich,
polizeilich oder disziplinarisch zur Verantwortung gezogen oder in
seinen Ehrenrechten beeinträchtigt werden soll".

Man hat Liebknecht und mir später öfter die Frage gestellt, was geworden
wäre, wenn statt Preußen Oesterreich siegte. Traurig genug, daß nach den
damaligen Verhältnissen nur noch diese Alternative vorhanden war, und
eine Parteinahme _gegen_ den einen als Parteinahme _für_ den anderen
angesehen wurde. Aber die Dinge lagen so. Meine Ansicht ist, daß für ein
Volk, _das sich in einem unfreien Zustand befindet_, eine kriegerische
Niederlage seiner inneren Entwicklung eher förderlich als hinderlich
ist. Siege machen eine dem Volke gegenüberstehende Regierung hochmütig
und anspruchsvoll, Niederlagen zwingen sie, sich dem Volke zu nähern und
seine Sympathie zu gewinnen. Das lehrt uns 1806/07 für Preußen, 1866 für
Oesterreich, 1870 für Frankreich, die Niederlage Rußlands im Kriege mit
Japan 1904. Die russische Revolution wäre ohne jene Niederlage nicht
gekommen, ja sie wäre durch einen Sieg des Zarentums auf lange Jahre
unmöglich gewesen. Und ist die Revolution auch niederschlagen worden,
das alte Rußland ist nicht mehr, sowenig wie das alte Preußen von 1847
noch nach 1849 bestand. Umgekehrt zeigt uns die Geschichte, daß, als das
preußische Volk unter Darbringung gewaltiger Opfer an Gut und Blut
Napoleons Fremdherrschaft gestürzt und die Dynastie aus der Patsche
gerettet, letztere alle schönen Versprechungen vergessen hatte, die sie
in der Stunde der Gefahr dem Volke gemacht. Es mußte erst nach langer
Reaktionszeit das Jahr 1848 kommen, damit das Volk sich eroberte, was
man ihm jahrzehntelang vorenthalten hatte. Und wie hat Bismarck nachher
im norddeutschen Reichstag jede wirklich liberale Forderung
zurückgewiesen. Er trat als Diktator auf.

Einmal angenommen, Preußen wäre 1866 unterlegen, so wäre das Ministerium
Bismarck und die Junkerherrschaft, die noch bis heute wie ein Alp auf
Deutschland lastet, fortgefegt worden. Das wußte niemand besser als
Bismarck. Die österreichische Regierung wäre nach einem Siege nie so
stark geworden, wie das bei der preußischen der Fall war. Oesterreich
war und ist nach seiner ganzen Struktur ein innerlich schwacher Staat,
ganz anders Preußen. Aber die Regierung eines starken Staates ist für
dessen demokratische Entwicklung gefährlicher. In keinem demokratischen
Staate gibt es eine sogenannte starke Regierung. Dem Volke gegenüber ist
sie ohnmächtig. Höchstwahrscheinlich hätte die österreichische Regierung
nach einem Siege versucht, in Deutschland reaktionär zu regieren. Aber
sie hätte alsdann nicht nur das gesamte preußische Volk, sondern auch
den größten Teil der übrigen Nation, einschließlich eines guten Teiles
der österreichischen Bevölkerung, gegen sich gehabt. Wenn eine
Revolution sicher war und Aussicht auf Erfolg hatte, so gegen
Oesterreich. Die demokratische Einigung des Reiches wäre die Folge
gewesen. Der Sieg Preußens schloß das aus. Und noch ein anderes. Der
Ausschluß Deutsch-Oesterreichs aus der Reichsgemeinschaft--von der
Preisgabe Luxemburgs nicht zu reden--hat zehn Millionen Deutsche in eine
fast trostlose Lage versetzt. Unsere "Patrioten" geraten in nationale
Raserei, wird irgendwo im Ausland ein Deutscher mißhandelt, aber an dem
Stück kulturellen Mords, der an den zehn Millionen Deutschen in
Oesterreich begangen wurde, nehmen sie keinen Anstoß.

Uebrigens hatten wenige Jahre vor 1866 ähnliche Erörterungen unter
unseren Großen stattgefunden, was erst später zu meiner Kenntnis kam.

In einem Briefe an Lassalle vom 19. Januar 1862 schrieb Lothar
Bucher--also zwei Jahre vor seinem Eintritt in Bismarcks Dienste--über
den Fall eines Krieges mit Frankreich, in dem Preußen siege: "Ein Sieg
der Militärs, das heißt der preußischen Regierung, wäre ein Uebel."

Mitte Juni 1859 schrieb Lassalle an Marx: "Nur in dem _populären_ Krieg
gegen Frankreich ... sehe ich ein Unglück. In dem bei der Nation
_unpopulären Kriege aber ein immenses Glück für die Revolution_...."
Lassalle ging noch weiter und führte aus: "Eine Besiegung Frankreichs
wäre auf lange Zeit das konterrevolutionäre Ereignis par excellence.
Noch immer steht es so, daß Frankreich, trotz aller Napoleons, Europa
gegenüber die Revolution, Frankreichs Besiegung ihre Besiegung
darstellt." Und Ende März 1860 schrieb Lassalle an Engels: "Nur zur
Vermeidung von Mißverständnissen muß ich bemerken, daß ich übrigens auch
im _vorigen_ Jahre, als ich meine Broschüre schrieb (Der italienische
Krieg), _sehnlichst_ wünschte, daß Preußen den Krieg gegen Napoleon
mache. _Aber ich wünschte ihn nur unter der Bedingung, daß die Regierung
ihn mache, er aber beim Volke unpopulär und so verhaßt wie möglich sei.
Dann freilich wäre er ein großes Glück gewesen_."[6] (Zugunsten der
Revolution.)

Und in seinem Vortrag: Was nun?, den Lassalle im Oktober 1862 hielt,
sagt er in der ersten Auflage auf Seite 33 bis 34: "Endlich aber ist die
Existenz der Deutschen nicht von so prekärer Natur, daß bei ihnen _eine
Niederlage ihrer Regierungen eine wirkliche Gefahr für die Existenz der
Nation in sich schlösse_. Wenn Sie, meine Herren, die Geschichte genau
und mit innerem Verständnis betrachten, so werden Sie sehen, daß die
Kulturarbeiten, die unser Volk vollbracht hat, so riesenhafte und
gewaltige, so bahnbrechende und dem übrigen Europa vorleuchtende sind,
daß an der Notwendigkeit und Unveräußerlichkeit unserer nationalen
Existenz gar nicht gezweifelt werden kann. Geraten wir also in einen
großen äußeren Krieg, _so können in demselben wohl unsere einzelnen
Regierungen, die sächsische, preußische, bayerische, zusammenbrechen,
aber wie ein Phönix würde sich aus der Asche derselben unzerstörbar
erheben das, worauf es uns allein ankommen kann--das deutsche Volk._"--

Der Ausgang des Krieges schien uns einen unerwarteten Erfolg in den
Schoß werfen zu sollen. Eines Tages erschien Liebknecht freudestrahlend
in meiner Werkstatt und teilte mir mit, er habe die "Mitteldeutsche
Volkszeitung" gekauft, die die Leipziger Liberalen preisgegeben hatten,
weil das Defizit der Zeitung täglich größer wurde. Der Abonnentenstand
des Blattes war in wenig Wochen von 2800 auf 1200 gefallen. Mich
erschreckte diese Nachricht, denn wir hatten keinen Pfennig Geld, und es
war ganz ausgeschlossen, daß wir unter den damaligen Verhältnissen das
Blatt in die Höhe bringen konnten. Außerdem hatten wir mit der
preußischen Okkupation zu rechnen. Liebknecht suchte mich zu trösten.
Geld verlange der Verleger zunächst nicht, und was sonst nötig sei,
würden wir schaffen. Er war glücklich, Besitzer eines Blattes zu sein,
in dem er seine Ansichten vertreten konnte. Und das tat er weidlich und
so gründlich, daß man glauben konnte, nicht die Preußen, sondern er sei
Herr in Sachsen. Natürlich dauerte die Freude nicht lange. Das Blatt
wurde unterdrückt. Ich war über diese Maßregel nicht erbost, obgleich
ich mich hütete, ihm das zu sagen. Wir waren aus einer großen
Verlegenheit gerettet worden, denn der kühne Plan, den wir gefaßt
hatten, 5000 Anteilscheine à 1 Taler in den deutschen Arbeitervereinen
unterzubringen, hätte ein großes Fiasko erlebt.

FUSSNOTEN:

[6] Briefe von Ferdinand Lassalle an Karl Marx und Friedrich Engels.
Stuttgart 1902.




Nach dem Krieg.


Die Folge des Krieges war bekanntlich die Schaffung des Norddeutschen
Bundes, in dem der Riese Preußen neben lauter staatlichen Zwergen die
Führung hatte. Da nunmehr auch der Zusammentritt eines norddeutschen
Reichstags auf Grund des allgemeinen Wahlrechts in Aussicht stand, war
für uns eine festere politische Organisation geboten und ein Programm
nötig, um das die neue Partei sich scharte. Daß das Programm offen
sozialdemokratisch sein konnte, war angesichts der Stellung, die ein
Teil der führenden Elemente, Professor Roßmäßler und andere, einnahm,
ausgeschlossen, auch war noch ein Teil der Arbeitervereine politisch zu
rückständig, als daß wir einen solchen Schritt wagen konnten. Es wäre zu
einer Spaltung gekommen, und die mußte in diesem Stadium der Entwicklung
vermieden werden. Endlich war auch die Ansicht maßgebend, daß bei der
Stimmung, die damals noch erhebliche Teile des Bürgertums wegen der eben
stattgehabten kriegerischen Ereignisse und der Zerreißung Deutschlands
in drei Teile beherrschte, es nötig sei, alle Kräfte für eine
Demokratisierung Deutschlands zusammenzufassen.

Auf den 19. August beriefen wir nach Chemnitz eine Landesversammlung, an
der auch Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
(Fritzsche, Försterling, Röthing und andere) teilnahmen, um die neue
demokratische Partei zu gründen. Das angenommene Programm lautete:


Forderungen der Demokratie.

1. Unbeschränktes Selbstbestimmungsrecht des Volkes. Allgemeines,
gleiches und direktes Wahlrecht mit geheimer Abstimmung auf allen
Gebieten des staatlichen Lebens (das Parlament, die Kammern der
Einzelstaaten, die Gemeinden usf.). Volkswehr an Stelle der stehenden
Heere. Ein mit größter Machtvollkommenheit ausgestattetes Parlament,
welches namentlich auch über Krieg und Frieden zu entscheiden hat.

2. Einigung Deutschlands in einer demokratischen Staatsform. Keine
erbliche Zentralgewalt.--Kein Kleindeutschland unter preußischer
Führung, kein durch Annexion vergrößertes Preußen, kein Großdeutschland
unter österreichischer Führung, keine Trias. Diese und ähnliche
dynastisch-partikularistischen Bestrebungen, welche nur zur Unfreiheit,
Zersplitterung und Fremdherrschaft führen, sind von der demokratischen
Partei auf das entschiedenste zu bekämpfen.

3. Aufhebung aller Vorrechte des Standes, der Geburt und Konfession.

4. Hebung der leiblichen, geistigen und sittlichen Volksbildung.
Trennung der Schule von der Kirche, Trennung der Kirche vom Staat und
des Staates von der Kirche, Hebung der Lehrerbildungsanstalten und
würdige Stellung der Lehrer, Erhebung der Volksschule zu einer aus der
Staatskasse zu erhaltenden Staatsanstalt mit unentgeltlichem Unterricht.
Herbeischaffung von Mitteln und Gründung von Anstalten zur Weiterbildung
der der Volksschule Entwachsenen.

5. Förderung des allgemeinen Wohlstandes und Befreiung der Arbeit und
der Arbeiter von jeglichem Druck und jeglicher Fessel. Verbesserung der
Lage der arbeitenden Klasse. Freizügigkeit, Gewerbefreiheit, allgemeines
deutsches Heimatsrecht, Förderung und Unterstützung des
Genossenschaftswesens, namentlich der Produktivgenossenschaften, damit
der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit ausgeglichen werde.

6. Selbstverwaltung der Gemeinden.

7. Hebung des Rechtsbewußtseins im Volke. Durch Unabhängigkeit der
Gerichte, Geschworenengerichte, namentlich auch in politischen und
Preßprozessen; öffentliches und mündliches Gerichtsverfahren.

8. Förderung der politischen und sozialen Bildung des Volkes durch freie
Presse, freies Versammlungs- und Vereinsrecht, Koalitionsrecht.

Dieses Programm ließ an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig. Die
Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins hatten demselben
ebenfalls zugestimmt, sie wurden aber durch v. Schweitzer genötigt, sich
von der neuen Parteibildung fernzuhalten. Mißtrauisch und unzufrieden
war auch Roßmäßler, dem die sozialen Forderungen zu weit gingen und der
in dem Programm den sozialistischen Pferdefuß entdeckte. Als ich kurz
nach der Landesversammlung ihn besuchte, machte er aus seiner
Mißstimmung kein Hehl. Er glaubte mich nachdrücklich vor Liebknecht
warnen zu sollen, der ein gefährlicher Mensch, ein verkappter Kommunist
sei. Ich suchte ihn zu beruhigen, konnte aber nicht verhindern, daß er
bis zu seinem Tode im nächsten Frühjahr noch manche Enttäuschung
erlebte. So schmerzte es ihn, daß, als er es ablehnte, eine
Reichstagskandidatur für Leipzig zu übernehmen, sein persönlicher Gegner
Wuttke von uns aufgestellt wurde. Roßmäßler hatte die merkwürdige Idee,
das Parlament von 1849 bestehe noch zu Recht, und so müßte Löwe-Calbe,
der der letzte Präsident jenes Parlaments gewesen war--weshalb er sich
gern den letzten Präsidenten des ersten deutschen Parlaments nennen
hörte--, dasselbe einberufen. In der Tat hatte Löwe-Calbe einige Jahre
zuvor auf einem Abgeordnetentag erklärt, er betrachte sich als den
legitimen Erben des Parlaments von 1849 und werde gegebenenfalls
dasselbe wieder einberufen. Er hat sich aber nachher gehütet, sich
gründlich lächerlich zu machen.

*       *       *       *       *

Unter dem 7. November 1866 veröffentlichte der Vorsitzende des ständigen
Ausschusses, Staudinger, ein Flugblatt, in dem er sich über die
mittlerweile in Deutschland eingetretenen Veränderungen aussprach. Das
Flugblatt unterzog die durch den Prager Frieden geschaffene Lage einer
absprechenden Kritik. Für die Volksfreiheit und die Volksrechte sei
wenig zu hoffen, dagegen sei das System der stehenden Heere, wenigstens
im Norden Deutschlands, auf lange Jahre festgelegt. An eine Verminderung
der Staatsausgaben und namentlich an eine Herabsetzung oder Aufhebung
der indirekten Steuern sei gegenwärtig weniger zu denken als je. Es
stehe vielmehr eine Vergrößerung dieser Lasten in sicherer Aussicht.

Weniger glücklich war das Flugblatt in der Kritik der herrschenden
sozialen Zustände, wobei es die in den Einzelstaaten noch vielfach
bestehenden rückständigen wirtschaftlichen Einrichtungen im Auge hatte,
deren Beseitigung gerade in erster Linie die neue Ordnung der Dinge
herbeiführen mußte, sollte sie überhaupt einen Sinn haben. Es galt vor
allem, die Bedürfnisse der Bourgeoisie nach freier Entfaltung ihrer
Kräfte zu befriedigen.

Neben den Schattenseiten, die nach Staudingers Ansicht die Katastrophe
der letzten Monate erzeugte, seien indes auch einzelne Lichtseiten,
wenigstens negativer Art, vorhanden. Zwei Erscheinungen seien
insbesondere für den Arbeiterstand von großer Bedeutung. Einmal, daß die
große Mehrheit der Fortschrittspartei sich als _vollständig unfähig_ zur
politischen und sozialen Neugestaltung des Vaterlandes gezeigt habe, was
der Verfasser näher ausführte. Die zweite erfreuliche Erscheinung sei,
daß die Arbeiter in ganz Deutschland sich für die allgemeine Einführung
des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes und eine freie
Sozialgesetzgebung ausgesprochen hätten.

Das Flugblatt meinte schließlich, die Erfahrungen des Jahres 1866 hätten
gezeigt, daß zur Spaltung innerhalb des Arbeiterstandes kein Anlaß
vorhanden sei, vielmehr sei gegenüber der durch die Fortschrittspartei
verstärkten Gegnerschaft Einigkeit und Einmütigkeit mehr als je not.

"Die wichtige Forderung des allgemeinen und direkten Stimmrechtes ist
gemeinsames Losungswort der beiden Richtungen. Beide verlangen ferner
gänzliche Umgestaltung der die Arbeit ausbeutenden Steuersysteme,
Aenderung des den Bürger zum Hörigen erniedrigenden Heerwesens. Die
große Bedeutung der Koalitionen und Genossenschaften und damit die
Notwendigkeit einer Umgestaltung der Produktionsverhältnisse wird von
keiner Seite in Abrede gestellt. Der Streit aber um den geringeren oder
höheren Grad _von Pflichten des Staates gegen den einzelnen_ (auch im
Original gesperrt) ist vorerst ein müßiger, solange die Staatsgewalt, an
den feudalen Traditionen festhaltend, über die Bürger wie über eine
willenlose Herde verfügt, und solange das Schwert die politische
Umgestaltung des Vaterlandes diktiert, das Schwert, das, wenn es statt
der Freiheit nur verhaßten Zwang schafft, uns allen Boden für unsere
Bestrebungen zu einer friedlichen Lösung der sozialen Fragen zu
entziehen droht."

Zum Schlusse forderte der Aufruf die Arbeiter auf, frisch ans Werk zu
gehen und allen Hader schwinden zu lassen.

Dieser Aufruf war von Staudinger persönlich veröffentlicht worden. Der
ständige Ausschuß war um seine Meinung nicht befragt worden. Wir wurden
durch das Flugblatt überrascht. Ich, der ich Staudinger näher kannte,
war der Ansicht, daß es Staudingers Anschauungen nicht entsprechen
könne. Und meine Vermutung bestätigte sich. Von seinen fortschrittlichen
Nürnberger Freunden über das Flugblatt zur Rede gestellt, gestand er,
daß _Sonnemann_ der Verfasser desselben sei und er es nur unterschrieben
habe.

Die in greifbare Nähe gerückten Wahlen zum norddeutschen Reichstag
nötigten uns zu einer intensiven Agitations- und Organisationsarbeit,
die jedem von uns schwere Opfer auferlegte. In den Augen unserer
bürgerlichen Gegner sind die sozialdemokratischen Agitatoren Leute, die
sich von den Arbeitergroschen mästen. Hatte eine solche Anschuldigung
_nie_ Berechtigung, so am wenigsten in jener Zeit, von der ich eben
spreche. Es gehörte ein großes Maß von Begeisterung, Ausdauer und
Opfermut für die Sache dazu, um die Agitationsarbeit zu übernehmen. Der
Agitator mußte froh sein, wenn er seine baren Auslagen ersetzt erhielt,
und um diese möglichst herabzudrücken, betrachtete man es als
selbstverständlich, daß er jede Einladung, bei einem Parteigenossen zu
wohnen, annahm. Hier erlebte man aber manchmal merkwürdige Dinge. Mehr
als einmal geschah es, daß ich mit den Eheleuten in demselben Raume
schlafen mußte; ein andermal passierte es, daß unter dem Sofa, auf dem
ich meine Nachtruhe hielt, die Hauskatze ihre Jungen zur Welt brachte,
was nicht ohne Geräusch und Miauen abging. Wieder ein andermal wurde ich
mit meinem Freunde Motteler in später Nacht auf dem Boden eines Hauses
einquartiert, der mit Garnsträhnen angefüllt war, die der Faktor an die
Hausweber abzugeben hatte. Als ich früh am Morgen durch die Sonne, deren
Strahlen durch eine Dachluke mir ins Gesicht fielen, geweckt wurde,
entdeckte ich, daß ich in einem Quantum gelber Garne und Mottelers
schwarzlockiger Kopf in einem Haufen purpurroter Garne lagerte, ein
Anblick, der mich dermaßen zum Lachen reizte, daß Motteler erwachte und
verwundert fragte, was los sei! Aehnliche Erlebnisse hatte zu jener Zeit
und auch noch später jeder durchzumachen, der für die Partei
agitatorisch arbeitete. Liebknecht war damals in der Agitation besonders
tätig. Unerwarteterweise wurde er in dieser Tätigkeit auf Monate
lahmgelegt. In Preußen war nach dem Kriege eine umfassende Amnestie
erlassen worden. Liebknecht, im Glauben, seine Ausweisung aus Preußen
sei damit ebenfalls hinfällig geworden, ging Anfang Oktober nach Berlin
und hielt im Buchdruckerverein einen Vortrag. Er wurde noch an demselben
Abend festgenommen und nachher wegen Bannbruch zu drei Monaten Gefängnis
verurteilt, die er in der Stadtvogtei verbüßte, behandelt wie ein
gemeiner Verbrecher. So wurde ihm zum Beispiel bereits abends 6 Uhr das
Licht entzogen, was er besonders hart empfand. Seinem Widerpart J.B.v.
Schweitzer erging es darin weit besser. Diesem wurden in seiner Haft
Freiheiten und Annehmlichkeiten gestattet, die seitdem nie wieder ein
politischer Gefangener in einem preußischen Gefängnis genossen hat.

Die Wahlen zum konstituierenden norddeutschen Reichstag waren für Anfang
Februar 1867 angesetzt worden. Das veranlaßte uns, zu Weihnachten 1866
nach Glauchau eine Landesversammlung zu berufen, um die Kandidaten
aufzustellen. Die materiellen Mittel und die agitatorischen Kräfte
nötigten uns, auf solche Wahlkreise uns zu beschränken, in denen die
Organisation eine gute war. Das war in erster Linie der 17. Wahlkreis,
Glauchau-Meerane, in dem ich als Kandidat aufgestellt wurde, der 18.
Wahlkreis, Crimmitschau-Zwickau, in dem Rechtsanwalt Schraps
kandidierte, und der 19. Wahlkreis, Stollberg-Lugau-Schneeberg, den
Liebknecht zugewiesen erhielt. Da dieser aus seiner Haft in Berlin erst
in der zweiten Hälfte des Januar frei kam, konnte er seinen Wahlkreis
nur ungenügend bearbeiten, und so fiel er durch. Schraps und ich
siegten. Ich hatte vier Gegenkandidaten, darunter Fritzsche als Mitglied
des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, der aber nur gegen 400
Stimmen erhielt. In einer großen Wählerversammlung in Glauchau trat er
mir gegenüber, zog aber entschieden den kürzeren. Politisch war ich ihm
voraus, und in sozialistischer Beziehung blieb ich nicht hinter ihm
zurück. Ich kam mit 4600 Stimmen erheblich in Vorsprung über meinen
nächsten Gegner und siegte in der engeren Wahl mit 7922 Stimmen. Auf
meinen Gegner fielen 4281 Stimmen.

Der Wahlkampf wurde schon damals oft in sehr unehrlicher Weise geführt.
    
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