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Lassalle konnte ganz unmöglich eine solche Sprache führen, wäre nicht in
seinen Unterhaltungen mit Bismarck die Oktroyierung des allgemeinen,
direkten Wahlrechts in Betracht gezogen worden. Wie schon angeführt,
wurde dieser Gedanke, und zwar immer wieder, in konservativen Kreisen
sehr ernst erörtert, und er fand im liberalen Lager vollen Glauben.
Außerdem war Bismarck, der gegen die Beschlüsse der Kammer
verfassungswidrig regierte und im Juni 1863 wider Recht und Gesetz die
berüchtigten Preßordonnanzen erließ, nicht der Mann, der vor einer
Oktroyierung eines Wahlsystems zurückgeschreckt wäre, wenn er sich
Nutzen davon versprach. Zudem wäre ihm eine solche Oktroyierung von den
bisher politisch entrechteten Massen in Preußen nicht übelgenommen
worden.
Welchen Charakter die Unterhandlungen Lassalles mit Bismarck angenommen
hatten, dafür sprechen zwei Briefe Lassalles, die erst viel später
veröffentlicht wurden, hier aber am besten ihren Platz finden.
Lassalle schrieb an Bismarck:
Exzellenz! Vor allem klage ich mich an, gestern vergessen zu haben,
Ihnen noch einmal ans Herz zu legen, daß die _Wählbarkeit
schlechterdings allen Deutschen erteilt_ werden muß. Ein immenses
Machtmittel! Die wirkliche "moralische" Eroberung Deutschlands! Was die
Wahltechnik betrifft, so habe ich noch gestern nacht die gesamte
französische Gesetzgebungsgeschichte nachgelesen und da allerdings wenig
Zweckmäßiges gefunden. Aber ich habe auch nachgedacht und bin nunmehr
allerdings wohl in der Lage, Ew. Exzellenz die gewünschten Zauberrezepte
zur Verhütung der Wahlenthaltung wie der Stimmenzerbröckelung vorlegen
zu können. An der durchgreifenden Wirkung derselben wäre nicht im
geringsten zu zweifeln.
Ich erwarte demnach die _Fixierung eines Abends seitens Ew. Exzellenz_.
Ich bitte aber dringend, den Abend so zu wählen, daß wir nicht gestört
werden. Ich habe viel über die Wahltechnik und noch mehr über anderes
mit Ew. Exzellenz zu reden, und eine ungestörte und erschöpfende
Besprechung ist bei dem drängenden Charakter der Situation wirklich
unumgängliches Bedürfnis.
Der Bestimmung Ew. Exzellenz entgegensehend, mit ausgezeichneter
Hochachtung Ew. Exzellenz ergebenster
F. Lassalle.
Berlin, Mittwoch 13.1.64, Potsdamer Straße 13.
Und weiter:
Exzellenz! Ich würde nicht drängen, aber die äußeren Ereignisse drängen
gewaltig, und somit bitte ich, mein Drängen zu entschuldigen. Ich
schrieb Ihnen bereits Mittwoch, daß ich die gewünschten
"Zauberrezepte"--Zauberrezepte von der durchgreifendsten
Wirkung--gefunden habe. Unsere nächste Unterredung wird, wie ich glaube,
endlich von entscheidenden Beschlüssen gefolgt sein, und da, wie ich
ebenso glaube, diese entscheidenden Entschlüsse unmöglich länger zu
verschieben sind, so werde ich mir erlauben, morgen (Sonntag) abend
8-1/2 Uhr bei Ihnen vorzusprechen. Sollten Ew. Exzellenz zu dieser Zeit
verhindert sein, so bitte ich, mir eine andere möglichst nahe Zeit
bestimmen zu wollen. Mit ausgezeichneter Hochachtung Ew. Exzellenz
ergebenster
F. Lassalle.
Sonnabend abend (16.1.64), Potsdamer Straße 13.
* * * * *
Herr v. Keudell, der um jene Zeit im Auswärtigen Amt beschäftigt wurde
und von dem Verkehr Bismarcks mit Lassalle wußte, behauptete, Bismarck
habe den Verkehr mit Lassalle abgebrochen, weil letzterer immer
zudringlicher geworden sei. Der letzte der vorstehend abgedruckten
Briefe spricht für eine solche Auffassung. Auf alle Fälle war dieser
Verkehr Lassalles mit Bismarck, wie so manche seiner anderen Handlungen
im Jahre 1864, sehr bedenklich und konnte nur gewagt werden von einem
Manne wie er. Leider hat er mit diesem Verkehr und seinem sonstigen
Auftreten gegen das Ende seines Lebens anderen, die keine Lassalles
waren, ein Beispiel gegeben, das zum Betreten von Abwegen ermunterte.
Darüber später.
Bezeichnend ist in Bismarcks Rede vom 17. September 1878 auch die Art,
wie er sich mit den Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe, zum
Entsetzen der Liberalen, abfand. Nachdem er zugestanden, daß er öfter
stundenlange Unterhaltungen mit Lassalle gehabt und immer bedauert habe,
wenn diese zu Ende gewesen seien, fuhr er fort: "Er gebe zu, daß
er mit Lassalle auch über die Gewährung von Staatsmitteln zu
Produktivgenossenschaften gesprochen, das sei eine Sache, von deren
Zweckmäßigkeit er noch heute überzeugt sei." Diesen Gedanken spann er
dann weiter aus. Die Bewilligung von 6000 Talern aus der Schatulle des
Königs an die Weberdeputation aus dem Reichenbach-Neuroder Kreis zwecks
Errichtung einer Produktivgenossenschaft spricht auch dafür, daß ihm
jedes Mittel recht war, einen Keil zwischen Arbeiterklasse und
Bourgeoisie zu treiben, um nach dem Grundsatz "teile und herrsche" sich
in der Macht zu halten.
Ich bin in der Schilderung der Ereignisse dem Gange der Dinge etwas
vorausgeeilt.
Kurze Zeit nach Eichlers Anwesenheit in Leipzig reisten Fritzsche,
Vahlteich und Dolge als Delegierte nach Berlin, um sowohl mit den
Führern der Berliner Arbeiter wie mit denen der Fortschrittspartei und
des Nationalvereins über die obenerwähnten Punkte zu verhandeln. Daß der
deutsche Arbeiterkongreß erst Anfang 1863 und dann nach Leipzig berufen
werden sollte, darüber einigte man sich rasch. Ebenso über die
Tagesordnung des Kongresses, aus der der Punkt "Abhaltung einer
Weltausstellung in Berlin" gestrichen wurde. Eichler war mit anderen
Arbeitern im Sommer 1862 Besucher der Londoner Weltausstellung gewesen,
zu der der Nationalverein und eine Anzahl Gemeindevertretungen Arbeiter
geschickt hatten. Im ganzen besuchten etwa fünfzig Arbeiter unter
Führung von Max Wirth die Londoner Ausstellung. So war die Idee der
Berliner Weltausstellung entstanden.
Die Verhandlungen mit den Führern der Liberalen befriedigten die
Leipziger Delegierten sehr wenig, wie sie das unverhohlen nach ihrer
Rückkunft bei ihrer Berichterstattung mitteilten. Anfang 1863 hielt der
Nationalverein seine Generalversammlung in Leipzig ab. In einer
preußischen Stadt sie abzuhalten, durfte er nicht wagen, trotzdem er für
die preußische Spitze arbeitete. Schulze-Delitzsch sprach am 3. Januar
in einer großen Versammlung im Tivoli, im jetzigen Volkshaus der
Leipziger Arbeiter, eine Umwandlung, die damals kein Mensch für möglich
gehalten hätte. Hier richtete Dr. Dammer an Schulze-Delitzsch das
Ersuchen, sich zu äußern über das Verhältnis des Nationalvereins zu den
Arbeitern. Schulze antwortete unter anderem, daß die Arbeiter sich
allerdings um Politik kümmern sollten, aber, fuhr er fort, der Arbeiter,
der so schlecht gestellt ist, daß er von der Hand in den Mund lebt, hat
der Zeit und Sinn, sich um öffentliche Angelegenheiten zu bekümmern?
Nein, wahrlich nicht! Die Befreiung aus dieser Armseligkeit des Daseins
sei für jeden Volksfreund und für Deutschland ganz besonders eine große
nationale Aufgabe. Und rechte Arbeiter, die ihre Ersparnisse dazu
verwendeten, ihre Lage zu verbessern, "die begrüße ich hiermit im Namen
des Ausschusses als geistige Mitglieder, als Ehrenmitglieder des
Nationalvereins".
Diese Rede machte in den Kreisen der radikalen Arbeiter böses Blut, sie
zeigte, daß der Nationalverein sich die Arbeiter als Mitglieder
fernhalten wollte, darum lehnte er die Zahlung von Monatsbeiträgen ab.
Als dann kurz nach jener Versammlung eine neue Deputation nach Berlin
ging--Dr. Dammer, Fritzsche, Vahlteich--, blieb diese über die Gesinnung
der maßgebenden Persönlichkeiten gegenüber den Arbeitern nicht mehr im
Zweifel. Da war es der junge Ludwig Löwe, der Gründer der bekannten
Waffenfabrik Ludwig Löwe & Co., der die Deputation zu Lassalle führte.
Hier fanden die drei, was sie suchten: Verständnis für ihre Forderungen
und bereitwilliges Entgegenkommen. Mit Lassalle wurde verabredet, daß
der Arbeiterkongreß weiter hinausgeschoben werden solle, bis er
(Lassalle) seine Ansichten über die Stellung der Arbeiter in Staat und
Gesellschaft in einer besonderen Broschüre niedergelegt habe, deren
Verbreitung das Leipziger Zentralkomitee übernehmen solle.
Ich möchte hier bemerken, daß der Wandel bei den maßgebenden Personen in
der Leipziger Bewegung äußerlich sich ziemlich rasch vollzog, und man
ihnen deshalb gegnerischerseits den Vorwurf der Wankelmütigkeit und
Unklarheit machte. So war noch im November 1862 in einer großen
Arbeiterversammlung auf Antrag Fritzsches beschlossen worden, ein
Komitee für die Gründung eines Konsumvereins niederzusetzen. Und Anfang
Februar 1863, also zu einer Zeit, in der man bereits mit Lassalle in
Verbindung stand, berichtete Fritzsche über eine Reise nach Gotha und
Erfurt, über die dortigen Konsumvereine und beantragte die Gründung
eines solchen für Leipzig. Einen Beschluß hierüber verhinderte
Vahlteich, der erklärte, das Zentralkomitee habe die Frage bereits in
Erwägung gezogen. Das war von ihm sehr klug gehandelt, denn es hätte
sich merkwürdig ausgenommen, einen Konsumverein in Leipzig zu einer Zeit
zu gründen, in der Lassalle bereits über seinem Antwortschreiben saß, in
dem er bekanntlich die Konsumvereine als vollständig wertlos für die
Hebung der Lage der Arbeiter hinstellte.
Auch Vahlteich war um jene Zeit noch in vergleichsweise friedlicher
Stimmung. Ende 1862 veröffentlichte er in der Leipziger "Mitteldeutschen
Volkszeitung" einen langen polemischen Artikel gegen Angriffe, die gegen
das Zentralkomitee erhoben worden waren, in dem er ausführte: daß die
Pflicht gegen die zu erstrebende Zukunft der Arbeiter gebiete, die
_höchste Mäßigung zu beobachten_. Dagegen ging Vahlteich in dieser
Erklärung schon über Lassalle, der noch von einem Arbeiterstand sprach,
hinaus, indem er den Satz aufstellte: Einen besonderen Stand bilden die
Arbeiter nicht, aber _eine durch die faktischen Verhältnisse geschaffene
Klasse_. Mit dem Erscheinen des Lassalleschen Antwortschreibens trat
allerdings eine vollständige Frontveränderung der Führer ein. Ihnen
daraus einen Vorwurf zu machen, wäre verfehlt. In gärenden Zeiten treten
Gesinnungswandlungen rasch ein. Der Denkprozeß wird beschleunigt. Drei
Jahre später, als Deutschland der Katastrophe von 1866 entgegeneilte,
erging es mir und vielen meiner damaligen Gesinnungsgenossen ganz
ähnlich. Die rasche Wandlung von einem Saulus zu einem Paulus vollzieht
sich auch ohne Wunder immer wieder.
Ich war Anfang November 1862 aus dem Zentralkomitee ausgeschieden. Meine
Stellung im Gewerblichen Bildungsverein nahm meine Zeit, meine Kraft und
mein Interesse im höchsten Maße in Anspruch. Da ich Abend für Abend,
falls nicht eine Arbeiterversammlung oder eine Komiteesitzung mich
abhielt, im Verein zubrachte, lernte ich die Wünsche und Bedürfnisse der
Mitglieder besser kennen als die Vorsitzenden des Vereins. So wurde ich
bald der fleißigste Antragsteller in den Ausschußsitzungen und
Monatsversammlungen. Meine Anträge konnten fast regelmäßig auf Annahme
rechnen. Dadurch wurde mein Einfluß ein großer. Zu jener Zeit war ich
aber noch Arbeiter, das heißt ich mußte von morgens 6 bis abends 7 Uhr
an der Drehbank stehen mit Unterbrechung von im ganzen zwei Stunden für
die Einnahme der Mahlzeiten. So wurde meine allzu große Tätigkeit nach
verschiedenen Richtungen auch zu einer Geldfrage. Außerdem erschienen
mir die im Komitee und in den Versammlungen gepflogenen Debatten sehr
unklar und zwecklos, dadurch wurde mir der Austritt aus dem Komitee
erleichtert.
Am 6. Februar 1863 hatte ich noch eine Auseinandersetzung mit Vahlteich.
Dieser war für den Vorwärts, ich für den Gewerblichen Bildungsverein
Delegierter beim Stiftungsfest des Dresdener Arbeiterbildungsvereins.
Bei dem gemeinschaftlichen Essen hielt Vahlteich eine provokatorische
Rede, in der er in alter Weise ausführte, daß die Arbeiter wohl
politische und humanitäre Bildung sich aneignen, nicht aber auch
Elementarbildung pflegen sollten. Diese letztere den Arbeitern zu
gewähren sei Sache des Staates. Er brachte auf die erstere ein Hoch aus.
Das rief mich auf den Plan. Ich polemisierte gegen ihn und brachte ein
Hoch auf die allgemeine Bildung aus. Unser Auftreten machte natürlich
keinen erfreulichen Eindruck, aber auf die Vahlteichsche Provokation
konnte ich nicht schweigen, um so weniger, da der Dresdener Verein die
gleichen Ziele verfolgte wie der unsere.
FUSSNOTEN:
[1] Nachträglich kommen mir die Memoiren des Geheimen Oberregierungsrats
Hermann Wagener (Erlebtes) zu Gesicht, in denen er mitteilt, daß er mit
Lassalle und der Gräfin Hatzfeldt und anderen Häuptern der Sozialisten
(Schweitzer?) in Beziehung gestanden habe. Danach hat er also höchst
wahrscheinlich von Lassalle selbst dessen Programmgedanken kennen
gelernt und bei Eichler verwendet.
Lassalles Auftreten und dessen Folgen.
Anfang März 1863 erschien Lassalles "Offenes Antwortschreiben an das
Zentralkomitee zur Berufung eines allgemeinen deutschen
Arbeiterkongresses zu Leipzig". Wenige Tage vor dieser Veröffentlichung
hatte ich auf dem zweiten Stiftungsfest des Gewerblichen Bildungsvereins
die Festrede gehalten, in der ich mich gegen das allgemeine, gleiche,
geheime und direkte Wahlrecht aussprach, weil die Arbeiter dafür noch
nicht reif seien. Ich stieß mit dieser Anschauung selbst bei einigen
meiner Freunde im Verein an. Ausnehmend gut gefiel dagegen die Rede
meiner späteren Braut und Frau, die mit ihrem Bruder das Fest besuchte.
Ich habe aber die begründete Vermutung, daß es mehr die Person des
Redners war, die ihr gefiel, als der Inhalt seiner Rede, der ihr damals
ziemlich gleichgültig gewesen sein dürfte.
Das Antwortschreiben Lassalles machte auf die Arbeiterwelt nicht
entfernt den Eindruck, den in erster Linie Lassalle und nächst ihm der
kleine Kreis seiner Anhänger erwartet hatte. Ich selbst verbreitete die
Schrift in ungefähr zwei Dutzend Exemplaren im Gewerblichen
Bildungsverein, um auch die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen. Daß die
Schrift auf die Mehrzahl der damals in der Bewegung stehenden Arbeiter
so wenig Eindruck machte, mag heute manchem unerklärlich erscheinen. Und
doch war es natürlich. Nicht nur die ökonomischen, auch die politischen
Zustände waren noch sehr rückständige. Gewerbefreiheit, Freizügigkeit,
Niederlassungsfreiheit, Paß- und Wanderfreiheit, Vereins- und
Versammlungsfreiheit waren Forderungen, die dem Arbeiter der damaligen
Zeit viel näher standen als Produktivassoziationen, gegründet mit
Staatshilfe, von denen er sich keine rechte Vorstellung machen konnte.
Der Assoziations- oder sagen wir der Genossenschaftsgedanke war erst im
Werden. Auch das allgemeine Stimmrecht schien den meisten kein
unentbehrliches Recht zu sein. Einmal war, wie mehrfach hervorgehoben,
die politische Bildung noch gering, dann aber erschien der großen
Mehrzahl der Kampf des preußischen Abgeordnetenhaus gegen das
Ministerium Bismarck als eine tapfere Tat, die Unterstützung und
Beifall, aber keinen Tadel und keine Herabsetzung verdiene. Wer
politisch regsam war wie ich, verschlang die Kammerverhandlungen und
betrachtete sie als Ausfluß politischer Weisheit. Die liberale Presse,
die damals die öffentliche Meinung weit mehr beherrschte als heute,
sorgte auch dafür, daß dieser Glaube erhalten blieb. Die liberale Presse
war es jetzt auch, die mit einem Wut- und Hohngeschrei über Lassalles
Auftreten herfiel, wie es bis dahin wohl unerhört war. Die persönlichen
Verdächtigungen und Herabsetzungen regneten auf ihn nieder, und daß es
vorzugsweise konservative Organe, zum Beispiel die "Kreuzzeitung",
waren, die Lassalle objektiv behandelten--weil ihnen sein Kampf gegen
den Liberalismus ungemein gelegen kam--, erhöhte den Kredit Lassalles
und seiner Anhänger in unseren Augen nicht. Wenn wir uns endlich
vergegenwärtigen, daß es selbst heute, nach einer mehr als
fünfundvierzigjährigen intensiven Aufklärungsarbeit, noch Millionen
Arbeiter gibt, die den verschiedenen bürgerlichen Parteien nachlaufen,
wird man sich nicht wundern, daß die große Mehrheit der Arbeiter der
sechziger Jahre der neuen Bewegung skeptisch gegenüberstand. Und damals
lagen noch keine sozialpolitischen Erfolge vor, die erst viel später
dank der sozialistischen Bewegung erzielt wurden. Pioniere sind immer
nur wenige.
Im Leipziger Komitee hatte Lassalles Auftreten die Wirkung, daß dieses
sich spaltete und ebenso der Verein Vorwärts, der die Hauptstütze des
Komitees war. Professor Roßmäßler, Eisengießereibesitzer Götz, ein
Bruder des Turner-Götz in Lindenau-Leipzig, Dolge und eine größere
Anzahl Arbeiter im Verein erklärten sich gegen Lassalle. Fritzsche,
Vahlteich und Dr. Dammer mit einer Minderheit hinter sich wurden die
eigentlichen Träger der neuen Bewegung. In Leipzig fand dieselbe relativ
noch am meisten Anhang, Berlin versagte auf lange hinaus fast
vollständig. Boden fand sie allmählich in Hamburg-Altona, von wo aus sie
sich nach Schleswig-Holstein ausdehnte, dann in Hannover, Kassel,
Barmen-Elberfeld, Solingen, Ronsdorf, Düsseldorf, Frankfurt a.M., Mainz,
in einigen Städten Thüringens, wie Erfurt und Apolda, in Sachsen
außer Leipzig in Dresden, wo der Vorsitzende des Dresdener
Arbeiterbildungsvereins, Försterling, sich mit einer kleinen Schar
Anhänger Anfang 1864 Lassalle anschloß; ferner in Augsburg.
Aber diese Ausbreitung war, wie gesagt, eine allmähliche und schwache
und entsprach sehr wenig den Hoffnungen, die Lassalle und seine Anhänger
hegten. Die hunderttausend Mitglieder, die er im Antwortschreiben in dem
von ihm zur Gründung vorgeschlagenen Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein als eine große politische Macht ansah, hoffte er in nicht
ferner Zeit zu sehen. Es hat bekanntlich noch lange gedauert, ehe die
sozialistische Bewegung auf diese Zahl organisierter Anhänger rechnen
konnte.
Gegen Ende März legte das Leipziger Komitee in einer großen
Arbeiterversammlung sein Mandat nieder und beantragte, ein neues Komitee
zu wählen, das die Gründung des von Lassalle vorgeschlagenen Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins betreiben sollte. Nach einer sehr erregten
Debatte erklärte sich die Mehrheit der Versammlung für diesen Plan. Dr.
Dammer, Fritzsche und Vahlteich wurden mit der neuen Aufgabe betraut.
Am 16. April kam endlich Lassalle selbst nach Leipzig, um in einer
großen Versammlung zu sprechen, die wie die meisten großen Versammlungen
jener Zeit im Odeon in der Elsterstraße abgehalten wurde. Die Rede ist
unter dem Titel "Zur Arbeiterfrage" erschienen. Die Versammlung war von
ungefähr 4000 Personen besucht, von denen aber ein erheblicher Teil noch
vor Schluß derselben das Lokal verließ. Die Liberalen waren unter
Führung eines Kaufmanns Kohner auf der der Rednertribüne
gegenüberliegenden Galerie postiert und unterbrachen den Redner öfter
durch Zwischenrufe. Die Vorbereitungen für den Redner waren etwas
eigenartige. Der Rand des Katheders, von dem Lassalle sprach, war mit
Büchern, darunter schwere Folianten, bepackt, als sollte es zu einer
Disputation à la Luther kontra Eck kommen.
Lassalle scheint geglaubt zu haben, daß er eine schwere Opposition
finden werde, die er widerlegen müsse, was nicht der Fall war. Sein
persönliches Auftreten war nicht jedem sympathisch. Von hoher,
schlanker, aber kräftiger Gestalt stand Lassalle sehr herausfordernd auf
dem Katheder, wobei er öfter bald eine, bald beide Hände in die
Armlöcher seiner Weste steckte. Er sprach fließend, manchmal pathetisch,
doch schien es mir, als stoße er leicht mit der Zunge an. Er endete
unter stürmischem Beifall eines großen Teiles der Versammlung, dem der
andere mit Zischen antwortete.
Nach Lassalle ergriff Professor Roßmäßler das Wort und verlas eine
längere Erklärung, in der er ausführte: er wisse, daß er keine Mehrheit
in diesem Saale für seine Ansichten habe, aber er hoffe, daß die
Einsicht noch kommen werde. Er protestiere gegen die Angriffe, die
Lassalle gegen die deutsche Fortschrittspartei erhoben habe, er
protestiere weiter gegen das Bestreben, die Arbeiter und die
Fortschrittspartei zu trennen und eine besondere Arbeiterpartei zu
bilden. Lassalle antwortete kurz und auffallend entgegenkommend. Er
meinte, ihm schienen die Differenzen zwischen Roßmäßler und ihm mehr
taktischer als prinzipieller Natur zu sein. Man hatte offenbar im
Lassalleschen Lager noch Hoffnung, Roßmäßler herüberziehen zu können.
Außerdem waren Fritzsche und Vahlteich warme Verehrer Roßmäßlers wegen
des Kampfes, den er gegen Kirche und Pfaffentum führte. Beide gehörten
mit Roßmäßler der deutsch-katholischen Gemeinde an, die in Leipzig
bestand, beiden tat die Trennung von Roßmäßler weh.
Lassalle genügte nicht der Beifall der Masse, er legte großes Gewicht
darauf, Männer von Ansehen und Einfluß aus dem bürgerlichen Lager auf
seiner Seite zu haben, und er gab sich große Mühe, solche zu gewinnen.
Wohl trat in Leipzig Professor Wuttke auf seine Seite, aber mit dessen
sonstiger politischer Stellung war das nicht leicht zu vereinbaren.
Wuttke war Großdeutscher, und zwar mit starker Neigung für Oesterreich.
Als solcher war er auch Mitglied des Parlaments in Frankfurt a.M.
gewesen. Er und Roßmäßler waren politische und persönliche Gegner.
Außerdem war Wuttke grimmiger Gegner der kleindeutschen
Fortschrittspartei und des Nationalvereins--zwei Organisationen, deren
Angehörige fast ein und denselben Personenkreis bildeten. Da nun
Lassalle gegen die Fortschrittspartei vorging, fand er Wuttkes
lebhaftesten Beifall. Ein tieferes soziales Verständnis besaß Wuttke
nicht, der nebenbei bemerkt ein glänzender Redner war und ein schönes
Organ besaß. Die kleine, gebückte, schwarzhaarige Gestalt hatte etwas
Gnomenhaftes. Der Brief Wuttkes an Lassalle, der in der erwähnten
Leipziger Versammlung zum Verlesen kam, bestätigt meine Auffassung von
Wuttkes Stellung. Zweifellos hat auch Lassalle Wuttke richtig
eingeschätzt, aber es genügte ihm, daß Wuttke scheinbar auf seiner Seite
stand.
Ich bemerke hier, ich schreibe keine Geschichte der Gesamtbewegung,
sondern schildere nur meine persönlichen Erlebnisse und Beziehungen in
derselben. Wer sich mit der Geschichte der Gesamtbewegung vertraut
machen will, den verweise ich auf Mehrings Geschichte der deutschen
Sozialdemokratie und Bernsteins Geschichte der Berliner
Arbeiterbewegung.
* * * * *
Mit dem Auftreten Lassalles und der Gründung des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins, die am 23. Mai 1863 in Leipzig erfolgte, war das Signal
gegeben zu erbitterten Kämpfen innerhalb der Arbeiterwelt, die sich von
jetzt ab während einer ganzen Reihe Jahre abspielten und in denen oft
Szenen vorkamen, die jeder Beschreibung spotten. Die Erbitterung wuchs
mit den Jahren hüben und drüben, und da Arbeiter nicht an den Salonton
gewöhnt sind--der übrigens auch bei denen versagt, die stolz auf
denselben zu sein pflegen, sobald sie untereinander in starke
Meinungsverschiedenheiten geraten--, so flogen die derbsten Grobheiten
und Beschuldigungen herüber und hinüber. Nicht selten kam es aber auch
zu Raufereien und Gewaltszenen in den Versammlungen, in denen die beiden
Gegner aufeinanderplatzten, was zur Folge hatte, daß öfter die Wirte
ihre Säle für Versammlungen verweigerten. Ein Hauptstreben jeder Seite
war in den Versammlungen, die Leitung in die Hand zu bekommen; es begann
also in der Regel schon der Kampf um den Vorsitz. Als ich einmal in
einer Chemnitzer Arbeiterversammlung entdeckte, daß die Lassalleaner, um
eine Mehrheit zu erlangen, beide Hände in die Höhe hoben, forderte ich
auf: es sollten nunmehr beide Parteien beide Hände in die Höhe heben.
Unter großem Jubel wurde der Vorschlag angenommen. Jetzt unterlagen die
Lassalleaner.
Der einzige Vorteil dieser Meinungskämpfe war, daß beide Teile die
größten Anstrengungen machten, ihren Anhang zu vermehren. Das geschah
erst recht, als einige Jahre später die Seite, der ich angehörte, sich
ebenfalls zum Sozialismus bekehrte, aber ihre eigenen Organisationen
schuf und ihre Kämpfe gegen den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
führte, der sich von 1867 an in zwei ungleich starke Fraktionen
spaltete. Aber Kraft, Geld und Zeit wurden in jener, fast ein Jahrzehnt
dauernden gegenseitigen Bekämpfung in unerhörter Weise verschwendet, zur
Freude der Gegner.
In Leipzig hatte das Aufkommen des Lassalleanismus die Wirkung, daß die
alten Differenzen zwischen dem Gewerblichen Bildungsverein und dem
Verein Vorwärts verschwanden und endlich im Februar 1865 eine
Vereinigung unter dem Namen Arbeiterbildungsverein herbeigeführt wurde.
Die Polytechnische Gesellschaft hatte längst die Bevormundung des
Gewerblichen Bildungsvereins aufgegeben, die sich als eine
Sisyphusarbeit erwies. Außerdem erkannte auch die sächsische Regierung,
daß es mit dem alten Bundestagsbeschluß von 1856 nicht mehr gehe; sie
ließ wohl oder übel die Zügel schleifen. Hatte doch sogar der Allgemeine
Deutsche Arbeiterverein als Sitz Leipzig erkoren, obgleich dessen
Tendenz ganz offensichtlich mit dem Bundestagsbeschluß in Widerspruch
stand. Die Regierung zog schließlich die Konsequenzen und erklärte am
20. März 1864 jenen Bundestagsbeschluß für aufgehoben.
Es ist eine Erfahrung, die wir seitdem öfter machten, daß alle Gesetze
und Unterdrückungsmaßregeln, die eine Bewegung hintanhalten oder
unterdrücken sollen, versagen und ihre praktische Wirksamkeit
überwunden wird, sobald die Bewegung sich als naturnotwendig und deshalb
als unüberwindlich herausstellt. Die Behörden verlieren schließlich
selbst den Glauben an ihre Macht und stellen den hoffnungslos
gewordenen Kampf ein. So war es zu jener Zeit auch mit den
vereinsgesetzlichen Bestimmungen in Sachsen, so war es bald darauf mit
den Arbeiterkoalitionsverboten in Preußen und anderen Staaten, die
einfach nicht mehr beachtet wurden.
Die Lohnkämpfe durch Arbeitseinstellungen begannen, allen
Koalitionsverboten zum Trotz, noch während die weisen Herren in der
Regierung darüber berieten: ob man diese Verbote ganz aufheben oder wie
weit man sie aufheben solle. Dieselbe Erfahrung machte später die
deutsche Sozialdemokratie unter der Herrschaft des Sozialistengesetzes,
unter dem die Behörden schließlich es auch als unmöglich ansehen mußten,
die Versammlungs- und Organisationsverbote und die Unterdrückung der
Blätter und Literatur in derselben Weise fortzuführen, wie das in den
ersten Jahren unter dem Sozialistengesetz geschehen war. Dieselbe
Erfahrung hat noch später auch die Frauenbewegung in denjenigen
deutschen Staaten gemacht, in denen es den Frauen verboten war, sich in
politischen Vereinen zu organisieren oder an politischen
Vereinsversammlungen teilzunehmen. Praktisch waren diese Verbote längst
überwunden, ehe man sich von seiten der Regierungen endlich entschloß,
durch Gesetz zu sanktionieren, was tatsächlich bereits, dem früheren
Verbot zum Trotze, bestand. Gesetze hinken stets hinter den Bedürfnissen
drein, sie kommen nie einem solchen zuvor.
Im Leipziger Arbeiterbildungsverein wurde ich bei der notwendig
gewordenen Neukonstituierung zum zweiten Vorsitzenden gewählt, eine
Stellung, die ich bereits in der letzten Zeit im Gewerblichen
Bildungsverein innehatte. Und als der erste Vorsitzende Dr. med.
Reyher--ein Schüler Professor Bocks--bald darauf sein Amt niederlegte,
rückte ich an dessen Stelle, eine Stellung, die ich bis zum Jahre 1872
innehatte, in welchem Jahre ich meine Festungshaft antreten mußte, die
mir wegen angeblicher Vorbereitung zum Hochverrat wider das Deutsche
Reich zuerkannt worden war.
Der Arbeiterbildungsverein erhielt vom Jahre 1865 ab eine jährliche
städtische Unterstützung von 500 Taler, die ihm hauptsächlich für
Ermietung besserer Lokalitäten und Aufrechterhaltung des Unterrichts
gewährt wurde. Als aber in den nächsten Jahren der Verein, der
politischen Mauserung seines Vorsitzenden folgend, ebenfalls immer mehr
nach links abschwenkte, wurde dieselbe von der städtischen Vertretung
zunächst auf 200 Taler herabgesetzt. Und als der Verein im
Jahre 1869 sich für das Programm der zu Eisenach neugegründeten
sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands erklärte, eine
Entscheidung, die nach einer Redeschlacht, die drei Abende in Anspruch
nahm, mit großer Mehrheit getroffen wurde, verlor er im nächsten Jahre
den Rest der Subvention. Der Liberalismus unterstützt nur politisch
brave und gehorsame Kinder, denn die Unterrichtszwecke des Vereins
hatten unter seiner politischen Wandlung nicht im geringsten gelitten.
Der Vereinstag der deutschen Arbeitervereine.
Die Zahl der Arbeitervereine war namentlich in Sachsen erheblich
geworden. Außer uns in Leipzig arbeiteten Julius Motteler, den ich 1863
auf dem Stiftungsfest des Gewerblichen Bildungsvereins in Leipzig kennen
lernte, und Wilhelm Stolle in Crimmitschau, Kupferschmied Försterling,
bevor er zu den Lassalleanern überging, und Schuhmacher A. Knöfel in
Dresden, Weber Pils in Frankenberg, die Weber Lippold und Franz in
Glauchau, Buchbinder Werner in Lichtenstein-Callnberg, Weber Bohne in
Hohenstein-Ernstthal usw. an der Gründung von Arbeitervereinen. Unsere
Wirksamkeit dehnten wir auch auf Thüringen aus. Im unteren Erzgebirge
waren unter der Wirker- und Weberbevölkerung Dutzende von
Arbeiterlesevereinen gegründet worden, in denen ein reges geistiges
Leben herrschte. Aehnliche Erscheinungen zeigten sich auch im übrigen
Deutschland. Namentlich wurden in Württemberg eine große Zahl
Arbeitervereine gegründet, die bereits 1865 sich zu einem Gauverband
zusammenschlossen und bald darauf ein eigenes Organ ins Leben riefen.
Auch in Baden und dem Königreich Hannover traten viele Arbeitervereine,
meist Bildungsvereine, ins Leben.
Die Rührigkeit und Geschlossenheit, mit der andererseits die
Lassalleaner arbeiteten, rief auch auf der Gegenseite das Bedürfnis nach
Zusammenschluß hervor. Dieser Zusammenschluß konnte aber nur ein loser
sein, denn ein gemeinsames festes Ziel, wie es die Lassalleaner hatten,
für das sie mit Begeisterung und Opfermut kämpften, fehlte den Vereinen.
Das einzige, in dem wir einig waren, war die Gegnerschaft gegen die
Lassalleaner, und daß man angeblich keine Politik in den Vereinen
treiben wolle. Tatsächlich aber suchten die Leiter der meisten dieser
Vereine oder ihre Hintermänner den Verein, auf den sie Einfluß hatten,
für ihre Parteipolitik zu gewinnen. Zu diesen Vereinen waren alle
Nuancen der bürgerlichen Parteien jener Zeit vertreten. Vom
republikanischen Demokraten bis zum rechtsstehenden Nationalvereinler,
aus deren Mitte später (1867) die nationalliberale Partei gebildet
wurde. Indes lösten sich schon 1865 die radikalen, großdeutsch gesinnten
Elemente vom Nationalverein los und bilden die demokratische
Volkspartei, deren Organ das in Mannheim erscheinende "Deutsche
Wochenblatt" wurde.
Einstweilen vertrug man sich in den Vereinen so gut es ging. Die
politische Situation drängte noch zu keiner klaren Entscheidung, denn
der Verfassungskampf gegen das Ministerium Bismarck in Preußen machte
ein geschlossenes Zusammengehen nötig. Der Deutsche Reformverein, der
sich im Gegensatz zum Nationalverein gebildet hatte und für die
Beibehaltung von Gesamtösterreich zum Deutschen Reiche eintrat, war ein
Sammelsurium von süddeutsch-partikularistischen und österreichischen
Elementen mit stark ultramontanem Einschlag. Dieser hatte für die
Arbeiterbewegung keine Bedeutung. Sein Eintreten für die österreichische
Bundesreform, die in der Hauptsache in einem deutschen Parlament
bestand, das aus den Landtagen der einzelnen Staaten gewählt werden
sollte, erweckte nirgends Sympathien. Zu einer klaren Stellungnahme in
der deutschen Frage kam man übrigens in den Arbeitervereinen nicht,
ebensowenig in der schleswig-holsteinschen Frage, die mit dem Jahre 1864
anfing, sehr aktuell zu werden.
Die Arbeiterbewegung hatte auch im Westen Deutschlands, insbesondere im
Maingau, Boden gefaßt. In Frankfurt a.M. kam es gelegentlich eines
Arbeitervereinstags, den der Frankfurter Arbeiterbildungsverein, 29. Mai
1862, einberufen hatte, zu scharfen Auseinandersetzungen über die
politische Stellung der Arbeiter. Hier trat der Rechtsanwalt J.B.v.
Schweitzer--der später eine Hauptrolle in der Bewegung spielte--für eine
besondere politische Organisation der Arbeiter ein, offenbar unter dem
Einfluß von Lassalles Vortrag: Ueber den besonderen Zusammenhang der
gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiterstandes.
Seitdem hörten auch im Maingau die Meinungskämpfe nicht auf. Das
Erscheinen von Lassalles Antwortschreiben schürte das Feuer. In
Frankfurt machte sich jetzt auch Bernhard Becker bemerklich, in dem ich
eine Reihe Jahre später einen mäßig veranlagten und eitlen Menschen
kennen lernte, der auch ungelenk in der Rede war. Der Versuch, auf einem
Arbeitertag in Rödelheim--19. April 1863--, auf dem Professor Louis
Büchner einen Vortrag über Lassalles Programm hielt, eine Erklärung
gegen Lassalle durchzusetzen, mißglückte. Dagegen erschien Lassalle
selbst am 17. Mai in Frankfurt a.M., um seine Sache zu vertreten.
Schulze-Delitzsch, der ebenfalls eingeladen war, entschuldigte sein
Fernbleiben durch Ueberhäufung mit Geschäften. Er tat wohl daran. Wie
ich später Schulze-Delitzsch persönlich kennen lernte, wäre er Lassalle
gegenüber in jeder Beziehung unterlegen. Sonnemann, der vor Lassalle
sprach, hatte dieses Schicksal.
Die Antwort auf jene Vorgänge im Maingau war ein Ausruf, datiert vom 19.
Mai, durch den die deutschen Arbeitervereine zu einem Vereinstag nach
Frankfurt a.M. für den 7. Juni 1863 eingeladen wurden. Unterzeichnet war
der Aufruf vom Zentralkomitee der Arbeiter des Maingaus, von den
Arbeitervereinen Berlin, Kassel, Chemnitz und Nürnberg und dem
Handwerkerverein zu Düsseldorf.
In dem Aufruf wurde dem Leipziger Zentralkomitee die Schuld beigemessen,
die Einberufung eines Arbeiterkongresses auf lange hinaus unmöglich
gemacht zu haben. Der Bewegung selbst liege aber "ein so wichtiger und
fruchtbarer Gedanke von so weittragender Bedeutung für eine friedliche,
glückliche Entwicklung der Wohlfahrt unseres ganzen Volkes und
Vaterlandes zugrunde, daß sie durch den Mißgriff einzelner in ihrem
gesunden Verlauf nimmermehr gestört werden dürfe. Es sei die Pflicht
aller, denen die Sache selbst am Herzen liege, mit allen Kräften zu
verhüten, daß nicht das Ende eines durch Verschulden einzelner
verfehlten Versuchs der Anfang einer unheilvollen Spaltung und
Zersplitterung der ganzen Bewegung werde."
Diese Spaltung war aber bereits vorhanden, und sie war, wie ich später
erkannte, eine historische Notwendigkeit. Auf dem Vereinstag in
Frankfurt a.M. waren 54 Vereine aus 48 Städten und einer freien
Arbeiterversammlung (Leipzig) durch 110 Delegierte vertreten. Wäre die
Einberufung des Vereinstags nicht Hals über Kopf erfolgt, so daß sie
einer Ueberrumplung ähnlich sah, was den Einberufern in der
Vorversammlung auch vorgehalten wurde, die Vertretung wäre eine
erheblich stärkere geworden. Der Leipziger Gewerbliche Bildungsverein
wählte mich mit 112 von 127 Stimmen zu seinem Vertreter. Außerdem waren
in einer Leipziger Arbeiterversammlung Professor Roßmäßler und der
Werkführer Bitter als Delegierte gewählt worden.
Als ich in Frankfurt in der Vorversammlung erschien, wurde ich August
Röckel, der Vorsitzender des Lokalkomitees war, vorgestellt, der mich
mit den Worten anredete: "Nun, ihr Sachsen, habt ihr endlich
ausgeschlafen? Es wird Zeit." Etwas geärgert antwortete ich: "Wir sind
früher aufgestanden als viele andere!" Röckel lachte, er habe es nicht
bös gemeint.
Unter den Delegierten befanden sich unter anderen Hermann Becker, der
rote Becker, der seinerzeit im Kölner Kommunistenprozeß zu langer
Festungshaft verurteilt worden war, Eugen Richter, den man kurz zuvor
wegen seiner politischen Tätigkeit als Assessor gemaßregelt hatte,
ferner Julius Knorr aus München, der Besitzer der "Münchener Neuesten
Nachrichten", die damals als ein kleines Blättchen erschienen, aber
ihrem Besitzer ein großes Vermögen einbrachten.
Ob der rote Becker seinen Beinamen seinem roten Haare, das nur noch
spärlich den mächtigen Kopf bedeckte, und seinem kurz geschnittenen
roten Schnurrbart oder seiner früheren roten Gesinnung verdankte, weiß
ich nicht. Becker war ein großer, stattlicher, sehr jovialer Herr, dem
man die Freude an einem guten Tropfen und einem guten Bissen vom Gesicht
ablesen konnte. Er war auch mitteilsam und gesprächig, im Gegensatz zu
Eugen Richter, dessen frostiges, zurückhaltendes Wesen mir schon damals
auffiel; Richter machte den Eindruck, als sähe er uns alle mit
souveräner Geringschätzung an. Der Zufall wollte, daß ich eines Tages in
der Mittagspause mit Becker, Eugen Richter und einigen anderen
Delegierten einen Spaziergang um die Stadtpromenade machte. Hierbei kam
die Unterhaltung auch auf Lassalle. Becker äußerte, Lassalle habe nur
aus verletzter Eitelkeit, weil die Fortschrittspartei ihn nicht auf den
Schild gehoben und ihm kein Landtagsmandat verschaffte, sein
Pronunziamento gegen sie unternommen. Wie Guido Weiß erzählte, hatte der
alte Waldeck geäußert, es sei ein Fehler, daß man Lassalle
zurückgestoßen habe. Ferner deutete Becker an, Lassalle habe auch
durch allerlei Frauengeschichten "sittliche Bedenken" in der
Fortschrittspartei hervorgerufen, was in Anbetracht der "sittlichen
Verfehlungen", die andere Führer der Fortschrittspartei jener Zeit sich
zuschulden kommen ließen, etwas nach Heuchelei aussah. Becker machte
seine Aeußerungen, wie ich bemerken will, ohne Animosität gegen
Lassalle, wie er sich denn überhaupt nie zu Angriffen gegen seine
ehemaligen Parteigenossen hinreißen ließ, im Gegensatz zu Miquel, der
später auch für das Sozialistengesetz stimmte.
Die Leitung des Vereinstags wurde Handelsschuldirektor Röhrich-Frankfurt
a.M. als erstem und Dittmann-Berlin als zweitem Vorsitzenden übertragen.
Als ersten Punkt der Tagesordnung hatte Roßmäßler einen Antrag
eingebracht, der fast einstimmige Annahme fand und lautete:
"Der erste Vereinstag deutscher Arbeiter- und Arbeiterbildungsvereine
stellt an die Spitze seiner Beratungen und Beschlüsse den Ausspruch, daß
er es für erste Pflicht der in ihm vertretenen und aller Arbeitervereine
sowohl als überhaupt des gesamten Arbeiterstandes hält, bei der
Verfolgung seines Strebens nach geistiger, politischer, bürgerlicher und
wirtschaftlicher Hebung des Arbeiterstandes einig unter sich, einig mit
allen nach des deutschen Vaterlandes Freiheit und Größe Strebenden,
einig und mithelfend zu sein mit allen, welche an der Veredlung der
Menschheit arbeiten."
Diese Resolution drückt mehr als lange Reden den Standpunkt des
Vereinstags aus. Obgleich diese Resolution direkt gegen den
Lassalleanismus gerichtet war, wie die ganzen Verhandlungen des
Vereinstags, wurde, soweit ich mich erinnere, der Name Lassalle nur von
einem Redner erwähnt. Diese Ignorierung geschah nicht auf Verabredung;
es ist wohl anzunehmen, sie geschah, weil man an die Zukunft der von
Lassalle hervorgerufenen Bewegung noch nicht glaubte oder auch, weil
man ihm nicht die Ehre antun wollte, seinen Namen zu nennen. Ueber
den zweiten Punkt der Tagesordnung: Wesen und Zweck der
Arbeiterbildungsvereine, referierte Eichelsdörfer-Mannheim, der auf der
linken Seite der Versammlung stand. Ich beteiligte mich ebenfalls an der
Debatte. Bemerkenswert ist, daß ein Amendement Dittmanns, das
forderte, daß die Vereine auch Lehrkräfte für Ausbildung in der
Volkswirtschaftslehre und in der Kenntnis der Landesgesetzgebung zu
gewinnen suchen sollten, mit 25 gegen 25 Stimmen abgelehnt wurde. Dem
Arbeiter von heute ist diese Rückständigkeit kaum begreiflich.
Ein anderer Punkt der Tagesordnung bildete die Forderung nach
Beseitigung der Hemmnisse, die der Freiheit der Arbeit entgegenstünden,
über den Dittmann referierte. Seine Resolution forderte Gewerbefreiheit,
Freizügigkeit und Beseitigung der Erschwernisse der Eheschließung. Ein
weiterer Punkt der Tagesordnung betraf die Stellung der Arbeiter zu den
Spar- und Vorschußvereinen, den Konsum- und Produktivgenossenschaften,
deren Gründung der Vereinstag den Arbeitern empfahl. Desgleichen empfahl
er Gründung von Genossenschaften zur gemeinschaftlichen Benutzung von
Werkstätten mit Triebkräften, als das beste Mittel zur Förderung des
nationalen Wohles und der bürgerlichen Selbständigkeit der Arbeiter. In
dieser Resolution wurde besonders darauf hingewiesen, daß dieses alles
nach Schulze-Delitzschen Vorschlägen durchgeführt werden solle. Auch
sollten Arbeiter und Arbeitgeber gemeinsam das Zustandekommen solcher
Genossenschaften fördern, eine Auffassung, die nur in einer auf
kleinbürgerlichem Standpunkt stehenden Versammlung Zustimmung finden
konnte. Endlich sprach sich der Vereinstag für Schaffung von Alters- und
Invalidenversicherungskassen aus, die geeignet seien, "manche Sorge
wenigstens teilweise zu beseitigen". Hier lag wenigstens keine
Ueberschätzung dieser Kassen vor. In der Organisationsfrage wurde die
Gründung von Gauverbänden mit monatlichen Zusammenkünften der
Delegierten befürwortet, um die Gründung neuer Vereine zu fördern und
unter den bestehenden Vereinen den Verkehr zu unterhalten. Ich nahm bei
diesem Punkte das zweitemal das Wort, um mich gegen die Zulassung von
Vertretern freier Arbeiterversammlungen auszusprechen. Gestützt auf
meine damaligen Erfahrungen führte ich aus, daß mir diese Versammlungen
bisher nicht imponiert hätten. Es fehle den Teilnehmern die
vorbereitende Aufklärung, die in den Vereinen erreicht würde, und so
folgten sie dem augenblicklichen Eindruck, den ein gewandter Redner
erziele. Die Fußangeln der Vereinsgesetze fürchtete ich einstweilen
nicht, bisher hätte man uns wenigstens in Sachsen gewähren lassen, doch
könne ein Rückschlag kommen. Gauverbände hielt ich für nützlich. Diese
Ausführungen riefen meinen Leipziger Widerpart Bitter auf die Tribüne,
der gegen mein Urteil über den Wert der Arbeiterversammlungen
protestierte. Diese seien viel besser, als ich sie schilderte, und mit
Rücksicht auf die Möglichkeit, daß man das Vereinsgesetz wieder scharf
gegen uns anwende, müßten wir uns die Vertretung durch freie
Arbeiterversammlungen als Rückendeckung sichern.
Die schließlich angenommene Organisation lautete:
* * * * *
I. Es sollen periodisch, in der Regel alljährlich, freie Vereinigungen
von Vertretern der deutschen Arbeitervereine stattfinden, um durch einen
lebendigen persönlichen Austausch von Ansichten und Erfahrungen unter
den Arbeitern selbst das Verständnis ihrer wahren Interessen zu
erweitern und diese Erkenntnisse in immer ausgedehnteren Kreisen zur
Anerkennung zu bringen.
II. Gegenstand der Verhandlungen ist alles, was auf die Wohlfahrt der
arbeitenden Klassen von Einfluß sein kann.
III. Zutritt zu den Versammlungen haben die Vertreter von deutschen
Arbeitervereinen, welche sich als solche auf dem Vereinstag durch
schriftliche Vollmacht legitimieren. Ausnahmsweise können auch Vertreter
freier Arbeiterversammlungen zugelassen werden, wenn der ständige
Ausschuß, dem überhaupt die Prüfung der Vollmachten obliegt, sie zuläßt.
Verweigert der Ausschuß die Zulassung, so ist Appellation an den
Vereinstag gestattet. Jeder Verein kann einen oder mehrere bis zu fünf
Abgeordneten senden, hat aber bei Abstimmungen nur eine Stimme. Jeder
Abgeordnete kann nur einen Verein vertreten. Die Vereine, welche an
einem Vereinstag teilgenommen haben, werden jedesmal brieflich
eingeladen. Gleichzeitig wird die Einladung in möglichst vielen
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